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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Lebenslauf   Biographie   PS und Ernst Rowohlt  Erich Mühsam über PS

 

Lebenslauf

Pseudonym: Bruno Küfer
*08.01.1863 (Danzig)
†15.10.1915 (Berlin)

Am 3. Dezember 1895 sandte Scheerbart seinen Lebenslauf an Franz Brümmer:

 „1863 geb. 8. Jan. Danzig Fleischergasse 38- 1867 Februar starb die Mutter, ich als elfter allein zu Hause. Älteste Schwester verheiratet - 1869 zweite Ehe meines Vaters - 1873 Tod meines Vaters- 1879 Okt.-März 1880 Stunden im Griechischen, kam aufs Gymnasium in die Untertertia (nebenbei eine Gemeinheit), wollte Missionar werden und darum Theologie studieren. 1882 Jan. von der Obertertia ab (unsäglich viel Philosophisches gelesen, nicht mehr Theologie) - Okt. 82 mit Ernst Schultz nach Berlin, um zum Abiturientenexamen für Realgymnasien vorbereitet zu werden - Jan. 1883 Einjähriger auf der besonderen Anstalt in Berlin - Okt. 1883-April 1884 Realgymnasium in St. Petri Danzig in Oberprima-Sommer 1884 Leipzig in Vorbereitung des Examens in Sachsen, dort nicht als Andersgebürtiger angenommen - Jan. 1885 Berlin Börsen-Courier Kunstschriftsteller unter Poniatowski - Jan. 1886 Okt. in München 25 M monatlich - Okt., Nov. in Wien - Dez. 1886 in Königsberg - Jan. 1887 nach Danzig, da dort Erbschaft aus Hamburg (1 100 M) - April 1887 bis Aug. 1888 Paradies geschrieben - Okt. 1888 1 000 M von Stiefmutter für Paradiesesdruck - 1889 Jan. erschien Paradies - 1890 Berliner Tageblatt bis April (Kunstgewerbekritiker) - 1890 April bis Okt. Danziger Courier - Okt. 1890 wieder in Berlin, danach Bärenzeit.” 

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Biographie Paul Scheerbart

Semjon Feuerstack

Paul Scheerbart – auch Kuno Küfer – wurde am 8.1.1863 in Danzig geboren. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Nachdem er seit 1885 Kunstkritiken für verschiedene Zeitungen geschrieben hatte zog er 1887 nach Berlin. Dort arbeitete er als Dichter und versuchte nebenbei, das Perpetuum mobile zu erfinden. Zwei Jahre später erschien sein erstes Buch, „Das Paradies. Die Heimat der Kunst“. 1892 wurde der Verlag deutscher Phantasten von ihm gegründet, der ´93 sein Wunderfabelbuch „Ja,… was… möchten wir nicht Alles!“ veröffentlichte. Schon seine ersten Werke wurden von der Kunstpresse eher lächelnd als anerkennend aufgenommen und Scheerbart hatte nicht viele Freunde, die ihn und seine Werke verstanden. Deshalb freundete er sich mit dem Alkohol an, der ihm sein Leben lang ein ständiger Begleiter blieb. Im September 1900 musste Scheerbart mit seiner Frau Anna Sommer auf die Insel Rügen ziehen, weil er sich selbst das einfachste Dasein in der Großstadt Berlin nicht mehr leisten konnte. Da sich seine bisherigen Werke einfach nicht verkaufen wollten, hatte Scheerbart die Idee, einen Roman zu schreiben, mit fortlaufendem Zusammenhang: Nicht „allerhöchste Literatur“, sondern für ein sehr breites Publikum geschrieben. Trotzdem war es für ihn schwer, den Insel-Verlag zu überzeugen, das Werk, „Die große Revolution – Mondroman“ zu drucken. Es wurde natürlich kein Verkaufsschlager, aber Scheerbart verschaffte sich zumindest unter Teilen der literarischen Welt mehr Anerkennung.
Paul Scheerbart, der nach eigener Aussage eher aus Wut als aus Liebenswürdigkeit Humorist geworden war, war aber tatsächlich nicht immer leicht zu verstehen: Einmal wegen seiner eigenen, etwas umgangssprachlichen Ausdrucksweise (zum Beispiel „Das ist sone Sache“) und außerdem aufgrund seiner Werke, in denen er der Fantasie keine Grenzen gesetzt hatte. Scheerbart vermied es Zeit seines Lebens, allzu viel über sich selbst preiszugeben. So liegt vieles über sein Leben, seine Ideen und Werke im Dunkeln, was nicht aus den Werken selbst oder aus Briefen herausgefiltert werden konnte.
Scheerbart hatte aber in seine Werke immer ein bisschen seiner persönlichen Situation und Umgebung einfließen lassen: So erinnert „Tarub – Bagdads berühmte Köchin“ an seine Frau Anna Sommer, die dem utopischen Schriftsteller weltliche Grundlage gab und sich um Finanzen und Ernährung kümmerte, die aber auch Scheerbart mit schlagkräftigen Argumenten deutlich machen konnte, wann ihr etwas zu viel wurde. Deshalb wurde sie von allen „Bär“ genannt. In Briefen schrieb er unter anderem, dass sie sich „schon tausendmal trennen“ wollten, es aber doch nie geschafft hatten. Es war eher eine Beziehung wie zwischen Mutter und Sohn als zwischen Frau und Mann.
Scheerbart war immer schon ein etwas unbekannterer Dichter. Seine Werke waren für die meisten Menschen seiner Zeit noch zu revolutionär oder einfach unverständlich, nach seinem Tod am 15. Oktober 1915 geriet er fast ganz in Vergessenheit.
„Die Zeit wird kommen, die Scheerbarts lachen wieder lernen wird, das große und befreiende Lachen, das aus dem weiten glücklichen Weltall stammt, wo es keine Not und keine Kriege gibt.“ schrieb Erich Mühsam in seinem Buch „Unpolitische Erinnerungen“. „Es wird die Zeit sein, die auch Scheerbarts Bücher wieder drucken, lesen und mit ernsthafter Heiterkeit genießen wird.“

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Ernst Rowohlt und Paul Scheerbart

Markus Feuerstack

 

"Meinen Dichter" Paul Scheerbart lernte ich durch einen Verleger kennen: Ernst Rowohlt. Rowohlt, einer Grossen der Verlegerpersönlichkeiten, hat in jungen Jahren Paul Scheerbart "als fast ersten Autoren" verlegt, und Freundschaft und Kontakt lebenslang zu dem genialen Dichter, Tüfter und Lebenskünstler gepflegt. Als junger Buchhändler in Hamburg habe ich mir, standesgemäss die beiden wunderschönen Monographien über Ernst Rowohlt vom gleichnamigen Verlag schenken lassen: Walter Kiaulen "Mein Freund der Verleger" Ist eins der Bücher. Dort steht über Scheerbart zu lesen:

>>... Es war der in Berlin lebende Dichter Paul Scheerbart und sein Buch hieß <Katerpoesie>. Die schönste Verszeile aus diesem Buch wurde zum Leitspruch für Rowohlts Leben:

«Charakter ist nur Eigensinn,
Es lebe die Zigeunerin!»


...So behauptete er später sehr oft, sein erster Autor sei Scheerbart gewesen.
Paul Scheerbart war ein krasser Außenseiter, mit keinem der lyrischen Poeten zu vergleichen, die Rowohlt bis dahin geliebt hatte. Gleich die erste Zeile, die Rowohlt von Scheerbart drucken ließ, war ein unverwechselbares Originalprodukt:

«Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.»

Scheerbart war fünfundzwanzig Jahre älter als Rowohlt. Damit gehörte er zwar generationsmäßig in die Schar der von Rowohlt verehrten Lyriker, doch galt er den meisten seiner Zeitgenossen als ein Verrückter. Nur ein kleiner Kreis von Freunden ergötzte sich an seinen Einfällen. Scheerbarts künstlerisches Bekenntnis hieß:

«Der Weltseele wollen wir näher sein, das ist die Hauptsache!»

Er hatte sich übrigens selbst als Verleger versucht und 1892 einen «Verlag deutscher Phantasten» gegründet. Darin veröffentlichte er gewissermaßen als Programmschrift ein Buch <Was... möchten wir nicht alles>, und damit hatte der Verleger Scheerbart auch schon ausgespielt. Im Mittelpunkt all dessen, was Scheerbart mochte, stand der wundersame «Weltallpalast», den er bauen und bewohnen wollte und der alle Himmel und Seligkeiten wert war. In Goldmark umgerechnet hatte Scheerbart für den Bau 20 Milliarden Baukosten veranschlagt. Dafür war der Palast auch durchsichtig, weil er aus Glasziegeln gebaut war. Das war zwar nur das geringste von den Wundern, die der Palast in sich barg, doch dieses kleine Wunder wurde später Wirklichkeit. Zu den wenigen tatkräftigen Bewunderern von Paul Scheerbart gehörten nämlich die jungen deutschen Architekten, die später alle Weltruhm erlangt haben, an ihrer Spitze Bruno Taut. Sie hielten die Phantastereien von Scheerbart nicht für verrückt, sondern gingen beherzt auf sie zu. Sie ließen die Mauersteine aus Glas anfertigen, die Scheerbart sich erträumt hatte. Es gab die Glasziegel farblos und bunt.

Aus diesem Traummaterial errichteten die jungen Architekten die ersten gläsernen Bauten und dann den großen Glasturm auf der Werkbund-Ausstellung von Köln, 1914.

Der Glasziegel war der größte praktische Erfolg, den ein Dichter errungen hat. Die Leute allerdings, die Scheerbart für blödsinnig hielten, waren die Mehrheit, und diese Mehrheit kümmerte sich weder um die junge Architektur noch um die Glasziegel. Scheerbart mußte sich mit ihnen erbittert streiten. Er sagte von sich: «Ich bin aus Wut Humorist geworden, nicht aus Liebenswürdigkeit.»

Viel Wut war allerdings nicht nötig, um Scheerbart zu einem Humoristen zu machen. Er stammte aus Danzig und war ein echter Kaschube. Dieser slawische Volksstamm aus Westpreußen, der von den Deutschrittern germanisiert worden ist, hat immer eine starke Begabung für das Grotesk-Komische gezeigt; Günter Grass ist ein modernes Beispiel dafür.

Auf Rowohlt machten die humoristischen Verse von Scheerbart tiefen Eindruck, ja, sie schlugen ihm direkt ins Herz. Er schrieb dem Dichter nach Berlin, natürlich auf einem frisch gedruckten Briefbogen «Ernst Rowohlt Verlag, Paris-Leipzig», Scheerbart antwortete, und als die Korrespondenz einige Zeit hin- und hergegangen war, schickte Scheerbart ein Heftchen mit Gedichten und dazu den Titel:
Katerpfoesie. Für ein Honorar von 100 Mark durfte Ernst Rowohlt 800 Exemplare drucken.

Die <Katerpoesie> erwies sich als eine glückhafte Verlegertat; nicht etwa, daß die 800 Exemplare im Nu weg gewesen wären; o nein, an dieser Auflage verkaufte Rowohlt zehn Jahre lang. Glückhaft war das kritische Echo. Kurt Pinthus, einer von Rowohlts Freunden aus diesen Jahren, sagte darüber: «Maximilian Hardens die fortschrittliche Welt beherrschende Wochenschrift Die Zukunft verglich Scheerbart mit Laurence Sterne und Jean Paul, die Akademischen Monatshefte priesen (dieses köstlichste aller Buchen und Professor Georg Wittkowski schrieb in der Zeitschrift für die Bücherfreunde, <es sollte in keinem Haushalt fehlen).» >>

 

Paul Mayer hat die andere Biographie über Rowohlt geschrieben, die als "rororo Monographie 139" erschienen ist. Dort wird Paul Scheerbart so beschrieben:

>>Schon von seiner Bremer Zeit her kannte Rowohlt die deutsche Lyrik seiner Zeit, von Detlev von Liliencron bis zu Stefan George. Jetzt geriet er an einen Autor, der mit den Dichtem, die er bisher kannte, nicht die geringste Ähnlichkeit hatte. Es war Paul Scheerbart. Spätere Generationen wissen leider kaum noch etwas von ihm. Rowohlt ist diesem Autor immer treu geblieben; der Wechsel der Zeiten und Dinge änderte daran nichts. Jahrzehnte später hörte ich ihn durch die Räume seines Verlages in Berlin, An der Potsdamer Brücke, Scheerbarts Verse schmettern:

Charakter ist nur Eigensinn,
Es lebe die Zigeunerin,
Ich bin mit mir zufrieden.

Das Buch «Katerpoesie», dem diese Zeilen entstammen, behauptete er auswendig zu kennen. Wie dem auch sei, diese Verse waren ihm aus dem Herzen gesprochen, sie waren Geist von seinem Geist, Blut von seinem Blut. Aus seiner Verliebtheit in dies Gedichtbüchlein läßt sich der seelische Zustand des jungen Rowohlt erkennen.

... Im kraftstrotzenden, saturierten Deutschland in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es Narrenfreiheit, soweit sie keine politischen Ambitionen hatte; daher fand auch die «Katerpoesie», mit dem kühnen Druckvermerk «Paris-Leipzig 1909» versehen, wohlwollende Aufnahme bei der Kritik, wenn auch keinen reißenden Absatz. Rowohlts verlegerischer Appetit war geweckt. Von seinem Scheerbart wollte er mehr haben; schließlich bekam er mehr, als ihm vielleicht lieb war.

Paul Scheerbart war ein Einzelgänger, ein Vorläufer, ein Prophet. Die Glasarchitektur hat er vorausgesehen, den Luftkrieg auch und sonst noch allerlei.
Sich für einen großen Schöpfer haltend, arbeitete er gleich vielen Vorgängern in seinem Laboratorium an der Erfindung des Perpetuum mobile. Er wurde zum Märtyrer seiner Idee.

Leipzig, schreibt Rowohlt, lag nahe bei Berlin, und ich benutzte jede Gelegenheit, um dorthin zu fahren. In Berlin lernte ich nun durch Alfred Richard Meyer Paul Scheerbart persönlich kennen.
Scheerbart wohnte damals in einer Souterrainwohnung in Zehlendorf. Ich habe ihn dort immer nur in Pantoffeln und ohne Kragen getroffen. Er arbeitete den ganzen Tag in seinem «Laboratorium» an der Erfindung des Perpetuum mobile. Sofort bei Beginn jeden Besuches, den wir ihm abstatteten, wurde zunächst einmal auf meine Kosten ein Kasten Schultheiß-Bier geholt, und dann begannen die Erklärungen Scheerbarts. Er kam sich vor wie ein großer Ingenieur. Er hatte stets irgendeine Verbesserung an seinem Modell gefunden. Dies Modell stand auf einem großen Tisch in der Waschküche, in der auch noch eine große Hobelbank mit allem möglichen Tischler- und Mechanikerwerkzeug zu sehen war. Er brachte den sehr komplizierten Apparat in Bewegung, und wenn er dann nach einiger Zeit aufhörte, sich zu bewegen, erklärte Scheerbart immer, daß eine ganz bestimmte Verbesserung noch erforderlich sei, dann sei der Tag des Herrn gekommen. Jede Erklärung irgendeines Einzelteils des komplizierten Apparates endigte mit dem Wort «wiesoschöneinfach» und stets vertröstete er uns auf ein paar Tage, dann würde alles in Ordnung sein und das Patent angemeldet -werden. Wir, seine Freunde, Alfred Richard Meyer, Dr. Arthur Landsberger, Hanns Heinz Ewers, und vor allen Dingen seine Frau, nahmen die Sache todernst. Große Pläne wurden von Scheerbart geschmiedet. Wir alle sollten in der großen Verwertungsgesellschaft seiner Erfindung fabelhaft bezahlte Posten bekommen. Fast täglich lief in Leipzig eine jubelnde Karte ein, von denen ich noch fast hundert aufbewahrt habe: daß er nunmehr der Lösung wieder nähergerückt sei. Tischler und Klempner verdienten an ihm gutes Geld für die Anfertigung der verschiedensten Modelle, aber das «Perpeh», so nannte er seinen Apparat, wollte nicht laufen. Ich werde nie vergessen, was für ein Entsetzen ich spürte, als mir Alfred Richard Meyer einmal erzählte, daß Scheerbart sich während der ganzen Zeit nur von «geschabtem Hering» auf Brot ernähre. Ich konnte mir damals von dieser Speise überhaupt keinen Begriff machen. Aber jedenfalls war das wohl mit ein Grund für den unerhörten Bierdurst des Dichters. Schließlich entschloß sich Scheerbart dazu, ein Buch über seine Erfindung zu schreiben, über das ich begeistert mit ihm einen Vertrag schloß. Dies Buch über das Perpetuum mobile ist heute schon eine Seltenheit auf dem Büchermarkt geworden. Ottomar Starke, den ich aus meiner Lehrzeit in der Buchhandlung Ackermann Nachf. Karl Schüler, München, weniger in seiner Tätigkeit als Zeichner denn als guten Bücherkäufer kennengelernt hatte, mußte den Umschlag für das Buch zeichnen. Dem Buche selbst wurden unerhörte Konstruktionszeichnungen Scheerbarts für das «Perpeh» beigeheftet, die - ich weiß, daß ich mich über die ungeheuren Buchbinderkosten schon damals aufregte - sehr kompliziert auf Falz geklebt dem Buche beigegeben wurden. Nach der Umschlagzeichnung wurden Plakate hergestellt und diese in Berlin an den Anschlagsäulen plakatiert. Ich fuhr über Sonnabend/Sonntag nach Berlin, wanderte von Plakatsäule zu Plakatsäule, um staunend mein Plakat mit meiner Verlagsfirma zu bewundern. Leider mußte ich feststellen, daß keinen einzigen Berliner diese Plakate interessierten. Um den Verkauf des Buches in Schwung zu bringen, kamen wir aber auf eine uns damals außerordentlich intelligent erscheinende Idee. Wir setzten uns in die Untergrundbahn, überschlugen auf jeder Station einen Zug und fragten bei den Stilkeschen Kiosken nach dem «neuen aufsehenerregenden Buche von Paul Scheerbart <Das Perpetuum mobile>». Der unglückliche Verkäufer hatte von dem Buche noch nichts gehört. Wir erklärten, daß wir am nächsten Abend wiederkommen würden, deponierten den Preis des Buches in Höhe von 1.50 Mark. Und als nun abends bei der Firma Georg Stilke aus allen Himmelsrichtungen von den Kiosken die Bestellungen einliefen, war das ganze Haus Stilke offenbar in größter Erregung über das neueste Sensationsbuch und gab eine große Bestellung per Expreß nach Leipzig auf. Ich kann der Firma Georg Stilke heute mitteilen, daß ich dies Geschäftsmanöver nie wieder angewendet habe, obwohl es uns damals äußerst genial erschien. Sollte die Firma Stilke von ihrer damaligen Bestellung, was ich beinah befürchte, noch Exemplare auf Lager haben, so bin ich übrigens auch gern bereit, diese zum vollen Ladenpreis zurückzunehmen. Jedenfalls erreichten wir allmählich, daß das Buch in etwa 2000 Exemplaren verkauft wurde. Scheerbart hat sich bis an sein Lebensende mit der Erfindung des «Perpeh» beschäftigt. Mit ruhigem Gewissen kann ich erklären, daß ich weder an der «Katerpoesie» noch am «Perpetuummobile» ein reicher Mann geworden bin. Aber trotz alle'dem glaube ich noch heute an Scheerbarts Genie, und ich will niemandem versprechen, daß mich selbst ein hohes Alter davor bewahrt, eines schönen Tages mit einer Gesamtausgabe von Scheerbarts Werken, 1000 Seiten auf Dünndruckpapier, in Taschenformat, aufzuwarten.>>

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Erich Mühsam über Paul Scheerbart

aus :Erich Mühsam, Unpolitische Erinnerungen
Edition Nautilus, Hamburg 2000
mit einem Nachwort von Hubert van den Berg
geb., 240 Seiten, EUR(D) 18,80 / SFr. 34.10
ISBN: 3-89401-356-7

Scheerbartiana

Die Geschichte, wie ich für meine Gedichte den ersten Verleger fand, hat eine Vorgeschichte, die weder mit den Gedichten noch mit Verlagsangelegenheiten zusammenhängt, sondern mit einem von Alkohol und Galgenhumor getränkten Abend bei Paul Scheerbart.
Es wird — hoffentlich! — nicht nötig sein, Scheerbart als Dichter vorzustellen. Obgleich seine Bücher, die es so sehr verdient hätten, keine hohen Auflagen erreicht haben und, wie es scheint, jetzt völlig vom Markt verschwunden sind, hat es doch eine Zeit gegeben, die dem humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen der modernen deutschen Literatur wenigstens die platonische Anerkennung nicht schuldig blieb. Die Zeit aber, die diesen kosmischen Spötter als sich zugehörig erkennen wird, diese Zeit, daran zweifle ich nicht, wird noch kommen. Es wird die Zeit sein, die von Freiheit des Menschen und seiner Gedanken- und Gefühlswelt wissen und die hinter dem dröhnenden Lachen des Dichters, der seine philosophischen Romane auf dem Mond und dem Jupiter spielen läßt, den tiefsten sozialen Ernst heraushören wird. Wer Paul Scheerbart persönlich nahestand, der sah, wie einheitlich diese Persönlichkeit war. Seine unbändige Lustigkeit war ein Bestandteil seiner Weltanschauung, und seine Weltanschauung bejahte das Weltall in seiner unfaßbaren Größe, Schönheit und Mannigfaltigkeit, die der dichterischen Phantasie schrankenlose Möglichkeiten öffnete, während das Wichtignehmen der irdischen Absonderlichkeiten Scheerbarts Freude am Lachen immer neue Nahrung gab. »Antierotiker« nannte er sich, weil ihm die Feierlichkeit, mit der seine alten Freunde Dehmel und Przybyszewski die Geschlechtsbeziehungen der Menschen als poetisch zu glorifizierende Angelegenheit behandelten, ungeheuer komisch zu sein schien. Das gesamte Gebaren der Erdbewohner in ihrer natürlichen Beschaffenheit, wie sie sich in den Dingen der Liebe und in den Vorgängen der Ernährung und des Stoffwechsels offenbart, und erst recht ihr Verhalten
gegeneinander, das er vor allem in jeder Art Staatsherrschart und in der Einrichtung des Krieges charakterisiert sah, war ihm ein unversieglicher Quell donnernden Gelächters. Dagegen dichtete er in seiner eigentümlichen Sprache, die mit äußerstem stilistischem Feingefühl jeden Anschein von Pathetik durch salopp klingende Wortanordnung zu vermeiden wußte, in die kosmischen Wunder des unendlichen die Lebensprosa hinein, der er irdische Wirklichkeit wünschte. Ein Beispiel: In dem Roman Die große Revolution werden die Mondbewohner vorgeführt, deren einzige Beschäftigung in der durch die vollkommensten Instrumente ermöglichten Beobachtung der Lebewesen auf allen übrigen Gestirnen besteht. Die große Revolution richtet sich gegen die Erde und ist siegreich durch den Beschluß, den Nachbarstern zu boykottieren, ihn so lange von allen Erforschungen der Mondleute auszuschließen, bis die Erdmenschen aufgehört hätten, das Weltall durch ihre Kriege zu schänden. Sein Antimilitarismus gehörte wie seine Antierotik ganz und gar zu Scheerbarts Gesamterscheinung, die in allen ihren Äußerungen hinter ausgelassenem Witz und phantastischer Erfindung einen sehr ernstharten Denker verbarg.
Scheerbarts Bücher und Scheerbarts Persönlichkeit hatten ganz die gleichen Eigenschaften. Er überschlug sich in grotesken Einfällen, über die er maßlos lachte und die trotzdem niemals ausschließlich als Spaß zu nehmen waren. Am bezeichnendsten für ihn, der sein Lebtag nie aus dem qualvollsten Geldmangel und ganz selten aus buchstäblicher Not herausgekommen ist, scheint mir der jahrelang zäh verfolgte Plan, durch die Konstruktion eines Perpetuum mobile mit einem Schlage Multimillionär zu werden. Scheerbart - und außer ihm neeh sein prächtiger »Bär«, die rührendste Gestalt unter allen Dichterfrauen, dieser weibliche Sancho Pansa, der, der Realität des Daseins in resoluter Nüchternheit gewachsen, acht Jahre älter als sein von Bier und Phantasien ewig angesäuselter Don Quichote, die dicke Zigarre im Munde, alle Verrücktheiten des Dichters geduldig und gläubig anhörte — Scheerbart und der Bär waren völlig davon überzeugt, daß das Problem gelöst sei,
und was nur immer an kleiner Münze zusammenzukratzen war, wanderte zum Patentamt. Zu den Rädern und Gewichten, zu seiner von früh bis spät betreuten Bastelarbeit gewann aber Scheerbart eine immer persönlichere Beziehung. »Perpeh« nannte er sein Werk, und ich bekam Postkarten nach München mit dem Postskriptum: »Perpeh läßt Dich schön grüßen.« Einmal teilte mir Scheerbart mit: »Perpeh ist fertig; es bewegt sich nur noch nicht« — für ein Perpetuum mobile offenbar ein Nachteil. Das kostbare Tagebuch, in dem er selbst die Geschichte dieser Erfindung zusammengestellt hat {Das Perpetuum mobile bei Rowohlt 1910), war der Ertrag der Bemühungen — und kein schlechter.
Die Perpeh-Periode begann erst 1907, als ich längst nicht mehr dauernd in Berlin wohnte und nur bei gelegentlichen Besuchen Zeuge des Geschehens im Hause Scheerbart sein konnte. Aber bevor ich erzähle, wie ich den ersten Verleger für meine Gedichte fand, will ich noch einmal vorgreifen, um den Mann kenntlich zu machen, der in seinem zweibändigen Roman Immer mutig die in allerlei Ulk versteckten Weisheiten vieler kurzer Geschichten in die Unterhaltung von Nilpferden verflicht, die dabei, in Schlafröcke gehüllt, in Schaukelstühlen sitzen und lange Pfeifen rauchen. — Wir tranken Kaffee bei ihm, und der Bär hatte auch für Kuchen gesorgt. Paul Scheerbart berichtete mit großem Eifer von einem neuen Saturnring, den er soeben zu entdecken im Begriffe sei. Er hatte die Angewohnheit, so wie manche Leute fortwährend »nicht?« oder »n'wahr?« in ihren Redefluß einwerfen, jeden Satz mehrmals mit dem Wort »wisangtschin« zu unterbrechen, das, wie er einmal erklärt hat, ursprünglich »wie gesagt, entschieden!« bedeutet hatte. Jedenfalls klang es für Uneingeweihte sehr befremdend. Der neue Saturnring aber war — wisangtschin — aus Aluminium. Da klingelte es. Scheerbart öffnete selbst, und der Bär und ich hörten nun draußen eine stürmische Begrüßung:
Das sei ungemein liebenswürdig, und wir säßen gerade beim Kaffee, und: »Kommen Sie doch rein, wisangtschin, und trinken Sie ein Täßchen mit.« Damit schob Scheerbart einen etwas verängstigten, sehr harmlos aussehenden Herrn ins Zimmer, nötigte ihn auf einen Stuhl, bat seine Frau: »Gib doch dem Herrn Kaffee und Kuchen, Onkelchen!« und berichtete ihm, ohne ihn zu einem Wort kommen zu lassen, von dem neuen Aluminiumring um den Saturn. Der arme Mensch war  völlig konsterniert und hatte wohl die Empfindung, zwischen Irrsinnige geraten zu sein. Da fragte ihn der Dichter endlich, wie er heiße und was ihn auf die glückliche Idee gebracht habe, seinen Besuch zu machen. Es stellte sich heraus, daß der Mann von einer Versicherungsgesellschaft kam und Scheerbarts Leben versichern wollte. Es war schwer, einigermaßen ernst zu bleiben. Aber Scheerbart ließ sich, äußerst interessiert, erklären, worin sein Vorteil bestände, wenn er eine Police kaufe. »Ach so«, meinte er schließlich, »dann muß ich erst sterben, wisangtschin, bis Sie, wisangtschin, Geld rausrücken. Lieber Herr, wisangtschin, wenn ich tot bin, dann bin ich, wisangtschin, so berühmt — ich beneide meine Witwe jetzt schon.« Der Agent mußte noch eine Tasse Kaffee trinken, war aber sichtlich froh, als er die Tür hinter sich zumachen durfte.

Eines Abends, im August 1903, kam ich zu Scheerbarts. Mein letztes Geld hatte ich in Zigarren angelegt, die ich zu dem Abendbrot beisteuern wollte, das ich dort zu bekommen hoffte. Ich traf Lentrodt an, der eine Flasche Schnaps mitgebracht hatte, aber auch keinen Pfennig weiter besaß. Der Bär war betrübt. Es war außer ein wenig Brot ohne Butter nichts mehr im Hause. So saßen wir zu viert da, jeder mit einer dicken Zigarre, und machten das wenige Brot mit viel Schnaps schmackhaft. Wir fanden, daß es so nicht weitergehe, und Paul Scheerbart erklärte: »Es muß etwas geschehen.« Nachdem verschiedene Vorschläge gemacht und verworfen waren, unter anderem der, ein Omnibusunternehmen mit Kabarettunterhaltung ins Leben zu rufen, beschlossen wir, eine Tageszeitung zu gründen. Es mußte etwas ganz Neues sein, und wir einigten uns darauf, daß die Zeitung nur Lügen enthalten sollte, und zwar, wie Scheerbart es ausdrückte, »Lügen mit Hintergrund«. Wir wollten Berichte aus allen Ländern, aber auch von allen Sternen bringen, und jeder Bericht sollte die politischen, sozialen, gesellschaftlichen, literarischen, künstlerischen und persönlichen Angelegenheiten der nahen Umwelt aus der Perspektive der Erfindung glossieren und brandmarken. Der Titel des Blattes machte keine Schwierigkeiten; es sollte "Das Vaterland"  heißen, womit jene weitere Heimat gemeint war, die keine Grenzen hat und den ganzen Kosmos umfaßt.
In meinem Besitz befindet sich heute noch ein Stoß gebündelter Aufzeichnungen, auf dessen Umschlagblatt in Paul Scheerbarts Handschrift zu lesen ist: »Das Vaterland. — Es ist Herbst — — die Blätter fallen.« Zwischen diesen Papieren befinden sich genaue Hinweise, was alles die Zeitung zu enthalten habe, Vertragsentwürfe mit in Frage kommenden Verlegern, Listen von Personen, die zur Mitarbeit aufzufordern wären, Zeichnungen von Scheerbart und von mir, Manuskripte von uns beiden, ferner auch die Dokumente, die aus den engen Bezirken der Scheerbartschen Wohnung in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Straße und meines Zimmers in der Augsburger Straße weiteren Kreisen zu Augen und Ohren kamen.
Lentrodt wollte gleich von Anfang an der Öffentlichkeit gegenüber abseits stehen und überließ Scheerbart und mir alles. So standen denn auch nur unsere Namen unter der Einladung, die wir, nachdem wir die Vervielfältigung und die Finanzierung der Portokosten in harter Mühe bewirkt hatten, an zweihundert Adressen versandten. Sie hatte diesen Wortlaut: »Geehrter Herr! Sie werden mit uns der Meinung sein, daß es so nicht weitergeht. Was zuviel ist, ist zuviel. Es geht eben nicht. Die Lethargie muß überwunden werden. Deshalb werden wir eine neue Tageszeitung gründen. >Das Vaterland< soll sie heißen. Wir reichen Ihnen die Hand, schlagen Sie ein und kommen Sie ... zur Vorbesprechung«. Diese Einladung machte zunächst die Runde durch die ganze Presse. Niemand wußte, was davon zu halten sei, ob wir es ernst meinten oder einen Bierulk vorhätten. Völlig klar waren wir uns darüber selber nicht. Jedenfalls fand die Vorbesprechung am 29. August 1903 in einem Lokal der Friedrichstadt statt, und zwar mit vierzig Teilnehmern. Der Vortrag, den ich dabei über "Die Organisation der Lüge" hielt, befindet sich unter meinen Papieren. An der Diskussion beteiligten sich Samuel Lublinski und Ludwig Rubiner, ohne daß die wichtige Frage der materiellen Fundierung dadurch gelöst worden wäre. Da der einzige Verleger, der unserer Einladung gefolgt war, auf unsere direkte Anzapfung, er solle doch den Verlag der Zeitung übernehmen, erschrocken abwinkte, blieb nichts übrig als eine Tellersammlung, die über dreißig Mark ergab. Damit begaben wir beiden Unternehmer uns auf die Tour, die uns bis zum nächsten Morgen beschäftigte. Um neun Uhr früh lieferte ich Paul Scheerbart bei seinem Bären ab. Von dem Gelde waren nicht viel mehr Pfennige vorhanden als es Mark gewesen waren.
Der Bär brachte ihren Paul sofort zu Bett. Ich ging in eine benachbarte Kneipe und trank dort Kaffee. Dabei las ich die einzige dort aushängende Zeitung, die Voß. Etwas im Tran blätterte ich im Inseratenteil herum, und urplötzlich erwachte ich aus allen Umnebelungen. Mein Blick war zufällig auf eine Annonce gefallen, die folgendermaßen lautete: »Zeitschrift oder junger Verlag sofort gegen Kassa zu kaufen gesucht. Offerten unter ...« Ich riß das Blatt heraus, kaufte dem Wirt eine Briefmarke ab, zahlte und stürzte zu Scheerbart zurück, drang in sein Schlafzimmer ein. Mit Mühe weckte ich ihn. »Unsinn«, sagte er, als ich ihm den Fall klargemacht hatte, »das ist, wisangtschin, ein Kerl, der Adressen sucht.« Als ich ihm aber zeigte, daß ich sogar schon eine Marke gekauft hatte, kroch er aus dem Bett, und wir verfaßten einen Brief, in dem wir dem Reflektanten unsere Vaterland mit der Versicherung empfahlen, daß es sich hier um ein Millionenunternehmen handeln könne.

 Auf dem Heimwege beförderte ich das Schreiben in den Briefkasten.

Zwei Tage darauf hatten wir Antwort. Der Verleger Eißelt in Groß-Lichterfelde schrieb uns, er habe bereits in der Zeitung von unserem Plan gelesen, der ihn sehr interessiere, und wenn auch für ihn keine Tageszeitung in Frage komme, so bitte er uns, falls wir bereit seien, uns mit einer Wochenschrift zu begnügen, um unseren Besuch. Tags darauf holte ich Scheerbart in aller Frühe ab, und wir fuhren nach Lichterfelde. Der Verleger war von unserer Idee begeistert, und wir waren noch begeisterter, als die Geldfrage in der Weise gelöst wurde, daß wir als Herausgeber der Wochenzeitschrift ein Gehalt von je zweihundert Mark monatlich in Aussicht gestellt erhielten. Da der Bär aufgeregt in der Nähe einer Konditorei auf uns wartete, erbaten und erhielten wir einen gemeinsamen Vorschuß von zwanzig Mark, den wir mit der Unterschrift quittierten: »Die Redaktion des Vaterlandes. Paul Scheerbart. Erich Mühsam.« Mit dem Auftrag, binnen einer Woche den Text für eine Probenummer zusammenzustellen, und voll hochgeschwellter Zukunftspläne verließen wir unseren Retter. Die Probenummer wurde vorgelegt, fand Herrn Eißelts Beifall, und es wurde ein Tag vereinbart, wann wir zusammen zum Notar gehen sollten, da unser Verleger grundsätzlich nur notarielle Vereinbarungen eingehen wollte.

Ich hatte, um nicht zu verschlafen, die Nacht durchgebummelt und klingelte morgens um acht Uhr bei Scheerbart. Der gute Bär öffnete mir mit verweinten Augen. »Gehen Sie man rein«, sagte sie wehmütig, und ich ging rein. Da lag Paul Scheerbart bäuchlings auf der Ottomane, strampelte mit den Beinen, trommelte mit den Fäusten und schrie vor Lachen, daß die Wände zitterten. »Da lies«, sagte er nur und schob mir einen Brief zu. Herr Eißelt teilte uns mit, daß er leider im letzten Augenblick gezwungen sei, von unseren Verabredungen zurückzutreten. Wir hätten ihm erklärt, daß unser Blatt eine schroff antimilitaristische Tendenz verfolgen werde. Nun habe er soeben den Kauf von zwei Annoncenzeitungen abgeschlossen, Das Kasino und Die Kantine, die ausschließlich für Militärkreise bestimmt seien. Wir müßten wohl einsehen, daß er nicht gleichzeitig ein antimilitaristisches und zwei Soldatenblätter herausbringen könne. Es werde ihn jedoch freuen, wenn er uns jeden durch die Herausgabe eines Buches schadlos halten könnte.

Ich ging nach Hause und holte das wohlgeordnete Manuskript meiner lyrischen Gedichte, und am Nachmittag dieses Tages fuhren Paul Scheerbart und ich wiederum gemeinsam nach Lichterfelde, und Herr Eißelt machte sofort und ohne Notar mit uns beiden Kontrakt, und die ersten Bücher, die in seinem Verlage erschienen, waren Paul Scheerbarts Machtspäße und meine Wüste.

Während des Krieges ist Paul Scheerbart gestorben; er hat sein Leben lang zuwenig gegessen und zuviel getrunken. Das herrliche, mächtige, Leib und Seele erschütternde Lachen des einzigen großen Humoristen der modernen deutschen Literatur ist stumm geworden. Ich denke an eine öffentliche Vorlesung, die er aus seinen Werken halten sollte. Er las brillant, aber plötzlich übermannte ihn sein eigener Humor. Er fing zu wackeln an, er fing zu prusten an, und dann brach das Lachen mit einer solchen Urgewalt hervor, daß an kein Lesen mehr zu denken war. Da stand ein deutscher Dichter auf dem Podium und lachte, schüttelte sich, brüllte vor Lachen, und der ganze Zuhörerraum war angesteckt von dem lachenden Dichter, bog sich und krähte.

Die Zeit wird kommen, die Scheerbarts Lachen wieder lernen wird, das große und befreiende Lachen, das aus dem weiten glücklichen Weltall stammt, wo es keine Not und keine Kriege gibt. Es wird die Zeit sein, die auch Scheerbarts Bücher wieder drucken, lesen und mit ernstharter Heiterkeit genießen wird.

Mit freundlicher Genehmigung von:
Edition Nautilus
Verlag Lutz Schulenburg
Alte Holstenstr. 22
21031 Hamburg
Tel.: 040 / 721 3536
Fax.: 040 / 721 8399
E-Mail:edition-nautilus@t-online.de
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Letzte Aktualisierung  17.02.12
durch Markus Feuerstack
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