Editorial

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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Der Kommandant der Festung MakatAbo

Volksschauspiel mit dem Teufel und seinen Helfershelfern


Personen:
Karabömke, Kommandant der Festung MakatAbo
Mormelino, sein Ober-Marschall
Fräulein Lola Schmiedel, seine Hafendirektrice
Fibaritz, Gemeindevorsteher
Der Teufel
Generale und Admirale

Die Handlung spielt auf der Festung MakatAbo im Stillen Ozean am Ende des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung
Paradesaal auf der Kommandantur. Hinten ein Fenster und rechts in der Seitenkulisse auch ein Fenster. In der linken Seitenkulisse kleines Loch, durch das nur ein Kopf durchgesteckt werden kann..
Der Teufel (Kopf in der linken Seitenkulisse, während Lola vorne rechts ist): Lola Schmiedel, benimm Dich recht artig und nett, damit der Kommandant nicht gleich merkt, daß Du meine Großmutter bist.
Lola: Naseweiser Bengel, Du wirst wohl Deiner Großmutter die Geschäftspraxis beibringen müssen. Benimm Du Dich nur recht artig und nett, sonst versohle ich Dich nachher, daß Dir die Hühneraugen übergehen
Der Teufel:Aber Großmama, verzeih mir! Der Herr Karabömke naht. Lebe wohl, Großmama. (Verschwindet)
Mormelino:Ich lasse sofort sämtliche Kanonen laden und wünsche einen guten Morgen. (Ab)  
Karabömke:Diese Nachlässigkeit und Unaufmerksamkeit!
Lola: Herr Kommandant, ich weiß immer noch nicht, warum Sie es so herrlich finden, mich hier im Paradesaal zu sehen.
Karabömke: Na ja - meine Zärtlichkeit für die Verbrecher führt mich sehr weit. Sie wissen, daß die meisten Staaten des Erdballs es ablehnen, mir ihre Verbrecher zuzusenden - und was die Staaten nicht gutwillig taten, wollte ich mit Gewalt erzwingen: kurzum, ich sandte an alle Staaten Kriegserklärungen. Heute erhielt ich einige Antworten.
Lola:Und die lauteten, Herr Kommandant?
Karabömke:Frankreich telegraphierte mir: »Alter Pinsel, halte Dein ungewaschenes Maul!« Ich wunderte mich nur, daß die Franzosen so richtiges Deutsch schreiben.
Lola:Und was sagte Rußland?
Karabömke:Rußland schrieb auf einer Weltpostkarte mit Bärenansicht: »Karabömke, sei friedlich! Du hast vom Regieren keine Ahnung.«
Lola:Und das wollten Sie mir mitteilen?
Karabömke:Sie als Hafendirektrice müssen doch wissen, was in dieser Angelegenheit zu tun ist.
Lola:Bestrafen Sie die Staaten mit Verachtung. Kümmern Sie sich um die beleidigenden Zuschriften gar nicht mehr. Sie stehen viel zu hoch. Sie können gar nicht beleidigt werden.
(Man hört Pistolenschüsse, Karabömke eilt ans hintere Fenster, Mormelino erscheint wieder hinten rechts)
Mormelino:Drei Generale und drei Admirale haben sich soeben gegenseitig totgeschossen.
Lola: Warum taten Sie das?
Mormelino:Zank beim Knobeln.
Karabömke: (traurig nach vorn): Also sind wieder sechs.
Mormelino:Die Zahl sechs stimmt.
Lola: Da müßten wir doch Ersatz haben.
Karabömke:Ja - wo hernehmen?
Lola: Werden Sie selber ein Erzverbrecher, der soviel verbricht - wie zehntausend gewöhnliche Verbrecher zusammen.
Karabömke:So dumm bin ich doch nicht. Ich bin gut und bleibe gut und komme in den Himmel. Mormelino, ich höre ja nicht den Frühstückskanonendonner.
Mormelino:Unser Pulver ist tatsächlich in den Hafen gerutscht.
Lola:In den Hafen? - In meinen Hafen?
Karabömke:Aber Fräulein Lola, da hätten Sie doch besser aufpassen sollen. Wozu sind Sie denn Hafendirektrice? Nun müssen meine armen Offiziere ihr Frühstück ohne Kanonendonner runterwürgen. Die armen Leute! Nicht mal das bischen Knallerei sollen sie haben - und sind doch dicht vor den Toren der Hölle.
Mormelino:Ich wünsche guten Morgen. (Ab)
Lola:(während rechts im Fenster der Seitenkulisse der Gemeindevorsteher Fibaritz erscheint): Glauben Sie an den Teufel?
Karabömke:Natürlich! Das ist ja eine altbabylonische Mißgeburt - wird auf allen Universitäten beschrieben und in Abbildungen vorgeführt.
Lola:Sie sollten ein Oberteufel werden
Karabömke:Und nachher in der Hölle braten? Braten Sie nur, ich danke dafür.
Lola:Sind Sie denn gar nicht zu einer kleinen Teufelei zu verführen?
Karabömke:Nee - ich bin gut und bleibe gut und komme in den Himmel - da gibts Geigenmusik - die ist besser als Kanonendonner.
Lola: Aber auch langweiliger als Kanonendonner. Sie sind selber sehr langweilig, Herr Karabömke.
Karabömke:Was soll ich denn machen? Um ehrlich zu sein, muß ich Ihnen sagen: ich weiß gar nicht, wie man das macht, wenn man Verbrecher werden will. Ich bin allen Menschen gut und will keinem was Böses tun - wie soll ich da ein Verbrechen begehen?
Lola:Schlagen Sie dem Gemeindevorsteher Fibaritz, der hier immerzu wie ein Geheimpolizist herumspioniert, einfach den Kopf ab.
Karabömke:Das tut dem armen Mann ja weh.
 Fibaritz:Das tut mir sehr weh. (Verschwindet)
Lola:Wir sind belauscht.
Karabömke:Das war seine Stimme! Ich muß mal sehen, wo er steckt. Hoffentlich lebt er noch. (Hinten rechts ab. Der Teufel in der linken Seitenkulisse)
Der Teufel: Siehst Du, Du alte, dumme Schachtel! Da hast Du Dir was Schönes eingebrockt. Du hast Dich belauschen lassen! Großmama, Du bist in meinen Augen ein altes Ekel! (Verschwindet)
Lola:Halt 's Maul, verdammter Satan!
Mormelino: Wo ist der Kommandant? Eine Frühstücksrevolte ist ausgebrochen.
Lola: Warum?
Mormelino:Alle wollten sich nur an Kaviar satt essen - und soviel Kaviar war nicht da.
(Man hört Stimmengemurmel im Hintergrunde und Revolverschüsse dazwischen - und Karabömke erscheint wieder)
Karabömke:Was ist denn draußen los?
Mormelino:Eine Revolte ist ausgebrochen, und man hat mir den Auftrag gegeben, Sie sofort niederzuschießen. (Zieht den Revolver)
Karabömke:Schieß zu, dann komm ich endlich mal in den Himmel. Ich bin gut und bleibe gut. Der Teufel (links hinten in voller Figur): Du Flaps, wirst Du mal (in der rechten Seitenkulisse erscheint wieder der Gemeindevorsteher Fibaritz) gleich machen, daß Du wegkommst. Der Kommandant soll ja in die Hölle und nicht in den Himmel geschossen werden. (Mormelino händeringend ab)
Lola:Ha! Satan! Ruchloser Enkel! Jetzt hast Du ja unser ganzes Spiel verraten. Dir werd ichs besorgen. (Verhaut ihn, so daß er furchtbar brüllt)
Karabömke: (nachdem der Gemeindevorsteher Fibaritz rechts aus dem Fenster herausgeklettert ist und im Hintergrunde viel geschossen wurde, wobei das Fenster schließlich ganz rot aufleuchtet, wird alles still. Lola wirft den Satan durchs Fenster raus):
Was soll das bedeuten?
Fibaritz:Alle Ihre Generale und Admirale waren des Teufels Helfeshelfer und selber Teufel. Lola ist des Teufels Großmutter. Hinten hat sich der Höllenrachen aufgetan und verschlingt Ihr ganzes Heer. Sie aber haben mir das Leben gerettet und bekommen dafür den ostasiatischen Tugendorden. (Hängt ihm eine Kette um und umarmt ihn)
Lola: Dann bleiben Sie, wo Sie wollen, Sie tugendhafter Rommandant! Ich spring in die Hölle! Adieu Sie! (Springt zum Fenster hinaus in den roten Feuerschein hinein. Geprassel und Zischen)
 (Vorhang).


Das Gift

Eine Mondschein-Komödie

Personen:

Der moderne Zeitgeist, ein altes Gespenst
Rinaldo, sein unnatürlicher Sohn, ein junges Gespenst
Clemens, ein Pessimist
Clementine, seine seelenvergnügte Braut, gen. Tine

Die Handlung spielt in einer Laube und in deren Umgebung
zur Zeit des Vollmondes

In der Mitte der Bühne eine Laube, deren nach vorn offene, nur durch ein Geländer abgeschlossene Seite dicht vor der Lampenreihe, sodass vor dieser kein Durchgang bleibt. Die beiden Seitenwände der Laube ganz mit Weinlauo oder mit anderen grösseren Blättern. In der hinteren Laubenwand eine Türöffnung. An den Seitenwänden der Laube Bänke, dazwischen ein länglicher Tisch mit der schmalen Seite nach vorn. Rechts und links von der Laube Rieswege, Beete, Rasen und Gebüsche.
Mitten aufm Tisch sitzt in weisse Tücher gehüllt der kleine Rinaldo mit weissem Kalabreser im Abruzzengeschmack. Von links kommt der moderne Zeitgeist - auch weiss - aber mit Laken überm Kopf - in gebückter Haltung auf langen Hirtenstab gestützt - sehr oft-krankhaft hüstelnd.

Der moderne Zeitgeist: (durch die linke Seitenwand der Laube blickend) Rinaldo, was machst Du denn da?
Rinaldo:Papa! Solange Du noch lebst, kann man überhaupt nicht viel machen. Du bist wahrhaftig der Lenker unsrer Zeit; Dein Mantel ist die Langeweile - und Dein Hirtenstab ist der grosse Stumpfsinn - der eine Welt verzaubert hat.
Der moderne Zeitgeist:Du infamer Junge, wirst Du sofort rauskommen?
Rinaldo:Aber Alterchen, warum denn? Ich denke hier grade über Deinen Mantel und über Deinen Hirtenstab nach.
Der moderne Zeitgeist:In dieser Laube wollen sich zwei Leute, denen unsre Zeit nicht mehr interessant genug vorkommt, das Leben nehmen.
Rinaldo:Ach, Du liebe Zeit! Auch das noch? Ich komme schon. Ich bewundere die Energie dieser Leute. (Er geht wackelnd hinaus zum Alten.)
Aber Väterchen, wenn ich mal an die Regierung komme, dann wirds anders. Ich mach den Leuten den Kopf so warm, dass sie sich gleich gegenseitig in die Haare kriegen sollen. Als Hirtenstab halte ich dann eine lange blutige Nase in der Hand und als Kopfbedeckung trage ich ein kleines Tollhaus. Ha! Ha! Ha! (Sie verschwinden links im Gebüsch - von rechts kommen Clemens und Clementine; mit Weinflaschen und Gläsern gehen sie in die Laube und setzen sich einander gegenüber - Tine links, Clemens rechts.)
Clemens: (giesst die Gläser voll) Jetzt wollen wir nicht lange fackeln. Ich halts nicht mehr aus. (sie trinken hastig) In einer solchen Zeit mögen Andre leben. Jetzt hab ich genug.
Tine:Ja, ich hab auch genug! Die Leute können ja heute nicht mal mehr lachen, (lacht kurz auf.) So dumm und weiter leben! Fällt mir nicht ein. Raus mit dem Gift! (zieht zwei Pulver aus der Tasche und schüttet sie in die Gläser - Clemens giesst Wein hinzu)
Clemens:Na - wohl bekomms! (sie stossen an)
Tine:Es lebe das Gift! Hurrah! (sie trinken und starren sich lange an.)
Clemens:Ich höre was! Es sind ganz ferne Töne! Mir ist so, als könnte ich was davon verstehen. Ich hörte Aehnliches schon in meiner Kindheit - oder in meinem früheren Leben einst! Ich werde noch ein paar Zeilen schreiben. (Er holt ein Notizbuch vor, reisst Seiten aus und beginnt zu schreiben.)
Rinaldo:Onkelchen, warte doch! Lass Deine Tine noch ein bischen liegen - sie wird schon wieder munter werden.
Clemens: Wer bist Du?
Rinaldo: Ich bin ein Geist. Sei ganz still, sonst stech ich Dir die Augen aus. Bleib da stehen.
Clemens:Sprich - was willst Du?
Rinaldo: Sieh mal! Deiner Tine ist mein alter Papa, der moderne Zeitgeist, erschienen, der jetzt noch auf der Erde die Köpfe der Menschen regiert. Deine Braut hatte unvorsichtig und malitiös von meinem Papa, dem modernen Zeitgeist, gesprochen - Du weisst ja: monumental! — und daher hat mein Papa Dein keckes Bräutchen so erschreckt, dass es ohnmächtig wurde - Du siehst ja!
Clemens: (lachend) Dein Papa regiert die Köpfe der Menschen?
Rinaldo: Du, wenn Du noch ein Mal so frech lachen tust - mach ich Dich verrückt - dass Du auf allen Vieren herumlaufen musst - wie Hund und Katz.
Clemens: Was willst Du denn eigentlich?
Rinaldo: Ich will Dich blos ein bischen trösten; Du bist aber eine freche Kröte.
Clemens: So sprich doch! (er setzt sich ihm gegenüber auf die rechte Bank.)
Rinaldo: Teuerster, Du hast ja so Recht: der Geist der Zeit ist heuer furchtbar stumpfsinnig und langweilig. Vergiss aber nicht, dass mein Papa schon sehr alt ist. Und wenn er - abgeschafft ist, so komme ich an die Regierung. Ich aber heisse Rinaldo nach dem grossen Räuberhauptmann Rinaldini, der einst in den Abruzzen hauste. Und Du kannst Dir daher leicht denken, wies unter meinem zarten Pfötchen hergehen wird. So viel Mordsradau mit Blut und Leichen solls geben, dass Ihr nicht mehr über Langeweile und Stumpfsinn klagen werdet. Sei also froh, dass mein Papa noch ein bischen lebt. Komm ich erst ran - ich, der Rinaldo - dann wirds eklig!
Clemens:Sprichst Du im Ernst? (lacht)
Rinaldo: Narr! Ich sprach lustig, und daher sprach ich im Ernst. Das ist so die Gepflogenheit der Geister. Stoss Dich nicht an unsrer Logik! Nimm Deine Geldbeutel in Acht! Schütze Dein Bräutchen! Wenn ich erst regiere, ist Alles in Gefahr. Dann ist der Stumpfsinn tot - und es lebt die grosse allgemeine Verrücktigkeit. Ich will der König der Tollen sein. Hüte Dich! Hüte Dein goldenes Schätzchen und auch das von Fleisch und Blut! Ha! Ha! Ha! (er verschwindet hinten im Gebüsch - Tine schlägt die Augen auf.)
Tine:Wer ging da fort?
Clemens:Rinaldo!
Tine: Ach - die grosse weisse Gestalt? Hast Du sie auch gesehen? Ist sie weggegangen?
Clemens:Rinaldo war klein und hatte einen weissen Kalabreser auf.
Tine:Haben wir denn geträumt? Haben wir zuviel getrunken?
Clemens:Ich glaube, Du hast Rinaldos Vater gesehen.
Tine:Ich sah wirklich - ein weisses Gespenst.
Clemens:Komm, trink ein Glas Wein! (sie trinken.)
Tine:Willst Du nicht mehr sterben?
Clemens:Nein!
Tine:Ganz bestimmt nicht? Versprichst Du mir das?
Clemens:Ich versprech es Dir!
Tine:Clemens, Du machst mich so glücklich. Wirst Du jetzt all den Stumpfsinn und die Langweiligkeit ertragen können?
Clemens:Ja - denn es könnte wahrhaftig noch schlimmer kommen. ,
Tine:(stösst mit ihm an) Dir scheint ein guter Geist erschienen zu sein.
Clemens:Nein, es war ein böser - ein sehr böser G^ist!
Tine:Lassen wir die Geister! Wir leben ja noch als Menschen.
Clemens:Allerdings! Gestatte, dass ich rauche es sind so viele Mücken hier.

Er steckt sich eine Zigarre an und greift übern Tisch nach ihrer Hand- sie sehen sich lange an und trinken wieder- während der Vorhang langsam fällt.

   

 


   

 


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Die Wurzeln der Wohlhabenheit

Ein schildbürgerliches Schauspiel in fünf Akten

Personen:

Philander VII. Kaiser von Utopia
Moritz Wiedewitt, Oberbürgermeister von Schiida
Käseberg, Geheimer Regierungssekretär des Oberbürgermeisters
von Moellerkuchen, Geheimer Regierungssekretär des Oberbürgermeisters
Ratsherren von Schilda
Hofbeamte
Magistratsbeamte
Volk im Hintergrunde

Die Handlung spielt im dreieckigen Rathause zu Schilda im Kaiserreich Utopia
Zeit: unbekannt

ERSTER ART

Der Bühnenboden bildet ein rechtwinkliges Dreieck, dessen rechter Winkel hinten ist. Die Wände rechts und links, die hinten zusammenstossen, sind weiss. Hohe spitzwinklig-dreieckige Türöffnungen in der Mitte jeder Wand. In der Mitte der Bühne niedriger dreieckiger Tisch, dessen Kanten parallel den Dreiecksseiten des Fussbodens. Die beiden Tischseiten, die den Wandseiten parallel laufen, sind mit fünf bis zehn dreieckigen Stühlen besetzt; die Stühle haben keine Lehne. Hinten vor der rechtwinkligen Ecke sitzt der Oberbürgermeister Wiedewitt, zu seiner Linken Käseberg - zu seiner Rechten von Moellerkuchen.

Wiedewitt: (immer mit einer gelb und rot gestreiften halbkugelförmigen Kappe auf dem Kopfe; die Streifen gehen von der Mitte aus.)
 Kinder, ich war in der Residenz.
Käseberg:Ih!
von Moellerkuchen:Gings da den Leuten auch so schlecht wie uns?
Wiedewitt:Dick waren sie alle.
Käseberg:Und auch satt?
Wiedewitt:Auch satt.
von Moellerkuchen:Wie kam das?
Wiedewitt:Sie hatten eben sämtlich Uniformen an.
Käseberg:Ih!
von Moellerkuchen:Und der Uniformen wegen gings ihnen gut?
Wiedewitt:Ja!
Käseberg:Dann wollen wir in Schilda ebenfalls alle Leute in Uniformen stecken.
Wiedewitt:So gründe fix einen allgemeinen Uniform-Verein für Schilda und Umgegend.
Käseberg:Sofort! (ergreift Feder, Tinte, Papier und schreibt emsig.)
von Moellerkuchen:Lags aber blos allein an den Uniformen?
Wiedewitt:Sie hatten auch lauter hohe Titel - wie Rechnungsrat, Kriegsminister, Feldmarschall, Tambour-Major, Professor, Kanzleivorsteher u. s.w.
von Moellerkuchen:Das sollten wir ebenfalls in Schilda einführen.
Wiedewitt:So gründe Du einen allgemeinen Titular-Verein für Schilda und Umgegend.
von Moellerkuchen:Sofort! (ergreift Feder, Dinte, Papier und schreibt ebenfalls emsig.)
Wiedewitt:(klingelt, und es erscheint sofort ein Magistratsbeamter) Rufe die Ratsherren herbei und lass sie sich im grossen Versammlungssaal versammeln. (Magistratsbeamter ab mit Verbeugung.)
Wiedewitt:(klingelt nach ein paar Augenblicken, während die Sekretäre sehr heftig und erregt weiterschreiben, nochmals, und es erscheint ein zweiter Magistratsbeamter)
Lass das Volk von Schilda in den Vorhof kommen.
Zweiter Magistratsbeamter: Es ist schon da.
Wiedewitt:

Gut! Geh! (zweiter Magistratsbeamter ab. Die beiden Sekretäre überreichen ihre Gründungsmanuskripte dem Oberbürgermeister, der sie im Handumdrehen liest und dabei das Folgende redet:)
Ihr könnt nun mit diesen Manuskripten hinausgehen und selbige auf den beiden Volksbalkons dem versammelten Volke vorlesen. (Die Sekretäre verbeugen sich und gehen mit ihren Manuskripten rechts und links ab, und der Oberbürgermeister klingelt wieder - und es erscheint ein dritter Magistratsbeamter)
Sage den Ratsherren, sie möchten sich von meinen Sekretären die neuen Gründungserlasse zeigen lassen.

Magistratsbeamter: Sie tuns bereits.
Wiedewitt: Gut! Geh! (Magistratsbeamter ab.)

Draussen entsteht rechts und links ein grosses Hailoh der Ratsherren, mit dem sich Hurrah-Geschrei des Volkes mischt. Wiedewitt schmunzelt. Der Vorhang fällt.

ZWEITER AKT

Bühne wie im vorigen Aufzug - aber alle Stühle neben den drei an der Spitze von teilweise uniformierten Ratsherren besetzt - ihre Zahl beliebig - aber sechs mindestens.

Wiedewitt: (einen Brief wie eine Fahne über dem Kopfe schwenkend) Da haben wir den Salat!
(Die Ratsherren machen entsetzte Gesichter und sehen recht albern aus.)
Wiedewitt:

Der Kaiser von Utopia hat von unsern beiden Gründungen gehört und ist leider leider - furchtbar wütend. Er schreibt mir unter  Anderm in diesem Briefe auch die folgen- den sehr deutlichen Zeilen: »Wenn sich dumme Lausbuben in Schilda herausnehmen, sich über die Einrichtungen in meiner Residenzstadt lustig zu machen, so werde ich nach Schilda kommen und da Alles kurz und klein schlagen. Ich werde den Schildbürgern schon zeigen, wer Kaiser im Lande ist. Frechheiten lass ich mir ein für alle Mal nicht gefallen.«

Von Moellerkuchen: Ach! Ach! Ach! Und wir haben uns doch garnichts Böses bei unsern Gründungen gedacht!
Erster Ratsherr:Denn wollen wir man die Uniformen und Titel gleich wieder abschaffen.
Käseberg: Das wäre noch schöner!
von Moellerkuchen:Unsre Gründungen wollt Ihr abschaffen?
Käseberg:Das wird nie geschehen!
von Moellerkuchen:Nie! Nie! Nie!
Wiedewitt:Bedenkt doch nur, dass wir durch die Uniformen und durch die Titel blos wohlhabender werden wollten. Wir können doch nicht verhungern.
Zweiter Ratsherr: Aber wenn der Kaiser uns Alle kurz und klein schlägt?
Wiedewitt: klingelt - und sagt zum hereinlaufenden Magistratsbeamten) Hole das Volk!
Magistratsbeamter:Es steht schon wieder draussen. (ab.)
Wiedewitt: (erhebt sich) Ihr braucht nicht zu bibbern und zu beben. Euer Bürgermeister sorgt schon für Euch.
Dritter Ratsherr: Ach, rede blos schnell, wir haben ja so grosse Angst.
Wiedewitt: Wir laden den Kaiser einfach ganz höflich ein, hierherzukommen, sprechen mit ihm und beweisen ihm, dass wir nichts böse gemeint haben.
Alle: Ah! Ah!
Wiedewitt: Was? Da sagt Ihr nur: Ah? von Moellerkuchen, geh sofort hinaus und teile dem Volke mit, dass der Kaiser Philander der Siebente, der Beherrscher des Landes Utopia, eingeladen werden soll, nach Schilda zu kommen, (von Moellerkuchen stürzt hinaus, und gleich darauf ertönt draussen ein wildes Hurrahgebrüll des Volkes. Die Ratsherren erheben sich und streicheln ihren Bürgermeister.)

Vorhang!


DRITTER ART

Bühne wie in den beiden ersten Aufzügen. Die Wände sind aber mit bunten Guirlanden geschmückt. Der Bürgermeister sitzt mit seinen beiden Sekretären und mit seinen Ratsherren genau so am dreieckigen Tisch wie im zweiten Aufzuge.

Wiedewitt: (aufstehend) Freunde! Ratsherren! Mitbürger! Zeitgenossen! Es ist leider leider kein gutes Zeichen, dass der Kaiser nicht von uns am Bahnhofe empfangen werden will. Aber - wir wollen nicht verzagen, (setzt sich.)
Erster Ratsherr:Er muss schon in Schilda sein.
Zweiter Ratsherr:Ob er gleich hierher kommen wird?
Wiedewitt:

 Horcht nur! Sie kommen schon! Nun nehmt Euch zusammen!
(Prächtig uniformierte, aber nicht bewaffnete Hofbeamte kommen von rechts und von links hinter einander herein und stellen sich steif in Reih und Glied an den Wänden auf. Die Ratsherren am dreieckigen Tisch erheben sich und verbeugen sich mehrfach sehr untertänig, aber die Hofbeamten tun furchtbar vornehm und erwidern die Grüsse nicht im Mindesten, worüber die Schildbürger in nicht geringe Verlegellheit geraten. Zuletzt kommt der Kaiser mit riesig grossem weissen Bart, langem purpurroten Gürtelrock und einer goldenen ganz einfachen Zackenkrone. Wiedewitt eilt dem Kaiser entgegen und bietet ihm seinen Sitz an und setzt sich, nachdem sich der Kaiser gesetzt hat, zu seiner Rechten. Die ändern Ratsherren setzen sich auch; einer muss stehen und weiss nicht, wo er stehen soll, und rennt nun aufgeregt herum)

Kaiser: Schildbürger, stell Dich hinter mich! (Der Ratsherr tuts.)
Wiedewitt: (steht auf) Im Namen Schildas danke ich für den ehrenden Besuch des Kaisers von Utopia aufs Herzlichste. Der Kaiser Philander der Siebente lebe hoch! (Dreimaliges Hochgebrüll der Ratsherren.)
Kaiser: Oberbürgermeister, setz Dich ruhig hin.
Wiedewitt:(sich setzend) Ich danke dafür, dass ich mich setzen darf, dem Kaiser von Utopia aufs Herzlichste.
Kaiser: Ja, Kinder! Nun wollen wir mal einen vernünftigen Ton reden. Schildbürger, der Du hinter mir stehst, sage mir noch ein Mal ganz grade heraus: weswegen habt Ihr den Uniform-Verein und den Titular-Verein gegründet? Ganz grade heraus!
Der Ratsherr hinter dem Kaiser:Um dick und fett dadurch zu werden. (Die Holbeamten lachen laut auf.)
Kaiser: (schmunzelnd) Nun - da die Sache so liegt, so will ich an Eure Harmlosigkeit glauben - wenn Ihr mir die folgenden Wünsche, die ich gleich aussprechen werde, erfüllen könnt!
Wiedewitt: Wir tun gern Alles, was der Kaiser wünscht; wir sind reichstreu und meinen Alles ehrlich.
von Moellerkuchen: Das kann uns doch nur Vorteile bringen.
Kaiser:Gut! Das ist ehrlich! Aber - könnt Ihr Eure Frauen auch uniformieren?
Die Schildbürger: (lebhaft) Jawohl!
Kaiser:Könnt Ihr auch die neugeborenen Kinder uniformieren - gleich nach der Geburt?
Die Schildbürger: (noch lebhafter) Jawohl!
Kaiser:Könnt Ihr auch Eure Häuser uniformieren?
Wiedewitt:Das werden wir auch schon machen.
Kaiser: Könnt Ihr auch Eure Strassen uniformieren?
Käseberg: Ih, das kriegen wir auch noch fertig.
Kaiser:So! So! Na - könnt Ihr auch Euren Himmel uniformieren? (ein sprachloses Erstaunen erfasst die Schildbürger - die Hofleute lächeln.)
Kaiser: (steht auf) Wenn Ihr in acht Tagen nicht wisst, wie Ihr den Himmel uniformieren könnt, so lass ich Euch Allen die Köpfe abschlagen. So - nu denkt ordentlich nach! (er geht hinaus, die Schildbürger fassen sich an den Kopf und ringen die Hände - die Hofleute lachen herzlich und folgen dem Kaiser.)

Vorhang!

VIERTER AKT

Bühne wie im dritten Aufzuge, einige Guirlanden sind aber abgerissen und hängen unordentlich durch einander. Wiedewitt sitzt ganz allein am dreieckigen Tisch.

Wiedewitt:(schiebt seine Kappe ins Genick und klingelt - es stürzen von rechts und links die beiden Sekretäre herein) Ich habs immer noch nicht gefunden. Haben die Ändern schon was gefunden?
Beide Sekretäre: Nein!
Wiedewitt:Dann lasst mich wieder allein. Denkt auch selber eifrig darüber nach, wie wohl der grosse Himmel uniformiert werden könnte. (Sekretäre ab.)
Wiedewitt:

(nimmt seine Kappe ab und betrachtet sie) Diese Kappe ist auch uniformiert. Denn zum Uniformieren gehört nur zweierlei Tuch. 0 Kappe, wenn Du mir doch sagen könntest, wie man den Himmel uniformiert, (er steht auf und wandelt um den Tisch - immer mit der Kappe in der Hand) Kappe, Du Oberbürgermeistershut, wenn Du so gross wärest, dass man Dich der ganzen grossen Stadt Schilda aufsetzen - auf den Kopf setzen könnte - oder so wie man eine Käseglocke über den Käse stülpt! Leider, Du liebe Stadt, hast Du keinen Kopf! Indessen! Ha! Ein Gedanke! Hah! Ich habs gleich! Sone Kappe wie meine Kappe über ganz Schilda gestülpt - ob Schilda Kopf hat oder nicht, ist ja ganz egal - na ja - und wenn Schilda sone Kappe auf hat, dann ist ganz Schilda uniformiert. Freilich! (er springt vor Vergnügen über einige Stühle.) Und wenn ganz Schilda unter der grossen gelb und rot gestreiften Rappe sitzt - dann ist bei uns der Himmel doch auch uniformiert - man sieht ja über Schilda nur die gelben und roten Streifen. Hurrah! Ich habs! Ich danke Dir, liebe Kappe! (Er klingelt, und die beiden Sekretäre stürzen wieder herein) Fix, Kinder, holt die Ratsherren - ich habs.

Die Sekretäre:(fortstürzend) Er hats! Er hats! (Die Ratsherren kommen und umarmen ihren Bürgermeister, der seine Kappe lustig in der Luft herumschwenkt.)
Käseberg: Hast es wirklich gefunden? Wiedewitt! Wiedewitt!
Der Bürgermeister:Kinder denkt Euch diese Kappe so gross, dass sie wie eine Käseglocke über unsre ganze Stadt gestülpt werden kann. Und (er hebt die Mütze hoch) seht Euch die gelben und roten Streifen auch im Innern dieser Mütze an. Steht Ihr darunter - so seht Ihr nichts vom Himmel - er ist eben so - uniformiert.
Die Schildbürger: (durch einander) Ih! Wetter! Hagel! Ja! Ja! Potz Blitz! Richtig! Das stimmt! Wir sind gerettet! Famoser Gedanke! Himmlisch!
Wiedewitt: Na - Ihr versteht mich, nicht wahr? Schilda wird einfach mit roten und gelben Tuchstreifen überspannt über allen Strassen - überm Markt - überall - wo Ihr geht und steht- seht Ihr dann einen rot und gelb gestreiften Himmel. Auf! sagt dem Volke, die Stadt Schilda müsse überspannt werden!
 (Es donnert)
Von Moellerkuchen: Oberbürgermeister, Du hast uns gerettet! Hurrah! Der Himmel freut sich auch! Er freut sich auch über Deinen grossen Meistergeist.
Alle Schildbürger: (jubelnd durch einander) Die Stadt Schilda wird überspannt - überspannt - überspannt.

Es donnert nochmals stärker - Alle blicken nach oben, lächeln und zeigen mit dem rechten Zeigefinger nach oben. Es donnert dabei zum dritten Mal - Entzücken malt sich auf den Gesichtern - der Vorhang fällt langsam.

FÜNFTER ART

Bühne wie im dritten Aufzuge; die Guirlanden sind wieder ordentlich angebracht. Der Kaiser sitzt wieder mit den Schildbürgern am dreieckigen Tisch und streicht sich nachdenklich den Bart, die an den Wänden stehenden Hofbeamten tun desgleichen. Alle Schildbürger sitzen.

Kaiser:

Ihr habt es fertig gebracht, den Himmel zu uniformieren; Ihr spanntet einfach gelbe und rote Tuchstreifen über die ganze Stadt. Ihr machtet einen grossen Oberbürgermeistershut zu Eurem Himmel. Na - Ehre, dem Ehre gebührt. Jedoch daraus ersieht jeder vernünftige Einwohner von Utopia, dass Ihr garnicht so dumm seid - wie Ihr Euch anstellt Und daraus geht wieder hervor, dass Ihr Euch lustig machen wolltet - über meine Residenz einerseits und über mich selbsl andrerseits. Eure famosen Gründungen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Und deshalb sollt Ihr Alle an den Galgen. Ich werde Euch an den Beinen aufhängen lassen - Ihr seid ganz infame Narren - ich werds Euch zeigen. (Stehl auf.)

Wiedewitt:

(steht auch auf) Gnädigster Herr Kaiser, Ihr haltet uns für schlecht, und wir sinds doch nicht. Wenn der Herr Kaiser gesehen hätten, wie wir geschwitzt haben beim Nachdenken - und wie ich auf die Idee von der überspannten Stadt nur durch diesen meinen Oberbürgermeistershut gekommen bin (er gibt dem Kaiser seine Kappe) - Ihr würdet uns nichl an den Beinen aufhängen wollen. Wir sind wirklich alle so beschränkt im Verstande - wie wir aussehen.

Die Schildbürger: (durch einander) Ja, das sind wir! Das stimmt! Wir sind nicht so klug! Wir sind reichstreu.
Wiedewitt: Lieber Kaiser, sei mal Oberbürgermeister von Schiida - eine kurze Zeit - dann wirst Du einsehen, was fül
prächtige Untertanen die Schildbürger sind.
Kaiser:

Ha! Das lässt sich hören! Der Gedanke gefällt mir Also schön, Kerls! Ich will Euch noch mal begnadigen - unter der Bedingung, dass Ihr Mich - für ein Jahr - zum Oberbürgermeister von Schilda erwählt - und Euren alten Wiedewitt mit meiner Krone aufm Kopf in meine Residenz - als Kaiser einziehen lasst.

Schildbürger:

(springen wild auf, johlen und schreien vor Vergnügen, umarmen sich, küssen dem Kaiser die Hände und den Saum des Gewandes, während sich der Kaiser die Kappe und der Oberbürgermeister die Krone aufsetzt.)

Wiedewitt:Schildbürger, huldigt meinem Nachfolger!
Schildbürger:

(durch einander) Das ist herrlich! Das ist ein ulkiger Oberbürgermeister! Feine Nummer! Der muss auf den Tisch! Hurrah! Helft ihm rauf! Rauf! (Und man hebt den Kaiser fast mit Gewalt auf den dreieckigen Tisch, der kaum drei Viertel Meter hoch ist, hinauf. Dann fallen alle Schildbürger [mil Ausnahme des Wiedewitt, der alle Hofbeamten hinter einander mit dem rechten Zeigefinger betupft, wobei sie alle respektlos lachen] neben den Stühlen auf die Kniee und singen:
Wir loben Dich,
Wir preisen Dich,
Wir sind Dir furchtbar gut;
Du trägst ja jetzt auch unsern
Oberbürgernleistershut.
Hiernach sind die Schildbürger plötzlich ganz still, als wenn sie beten - die Hofleute lachen nicht mehr - der Kaiser kraut sich hinter den Ohren.)

Wiedewitt:

(nach einer Weile mit sehr starker Stimme) Hofbeamte! Da Ihr bei der feierlichen landesüblichen Einweihung des neuen Oberbürgermeisters sämtlich respektlos gelacht habt, werdet Ihr zu acht Tagen Gefängnis verurteilt - bei Wasser und Brot. Jetzt schert Euch sofort raus, sonst soll Euch das Donnerwetter holen. (Die Holbeamten gehen erschrocken eiligst ab, der Kaiser kraut sich zum zweiten Mal hinterm Ohr.) Dir aber, Oberbürgermeister Philander, der Du da auf dem Tische stehst, befehle ich, Dein Amt ordentlich zu verwalten, sonst komme ich nach Schilda und schlage hier Alles kurz und klein. Merk Dir das! (Wiedewitt geht sehr majestätisch ab, und der Kaiser, der jetzt mit den Schildbürgern allein bleibt, kraut sich zum dritten Male hinter den Ohren. Die Ratsherren und Sekretäre stehen auf, fassen sich an die Hände und umtanzen den dreieckigen Tisch, auf dem jetzt der Kaiser mit untergeschlagenen Armen wie ein Denkmal dasteht, während die Ratsherren und Sekretäre ihr Lied von vorhin wiederholen - aber im schnelleren Tempo - wobei sie ausgelassen immer höher springen und alle Stühle umwerfen.)

  
  
 Der Vorhang!.

 


Das Mirakel

Eine dramatische Szene

Inszenierung und Kostümierung sind ganz den Darstellenden überlassen.

Er: Ah - bist Du's?
Sie: Ja - ich bin's?
Er: Ich wundre mich garnicht. Es kommt mir ganz natürlich vor, dass ich Dich hier sehe. Ja - so hatte ichs mir immer gedacht - so mussten wir uns mal wiedersehen.
Sie: Freust du Dich darüber?
Er: Ja - es sieht so zufällig aus.
Sie: Das ist es auch.
Er: Es sind bald fünfzehn Jahre, dass wir uns nicht gesehen haben.
Sie: Hast Du mich nicht vergessen?
Er: Warum fragst Du das? Du weisst doch, dass ich täglich an Dich gedacht habe - die ganzen fünfzehn Jahre hindurch.
Sie: Ich weiss es.
Er: Ich glaube, dass Du das weisst.
Sie: Wie geht es Dir?
Er: Danke für gütige Nachfrage. Es geht mir gottsjämmerlich.
Sie: Armer Freund!
Er: Ach, bitte - bedaure mich nicht so; arm ist nur der, der sich dafür hält - und dafür halt ich mich nun ganz und gar nicht.
Sie: Sprich Dich ganz aus. Erzähle mir Alles. Ich höre Dich so gern.
Er: Jawohl - das will ich tun. Aber es wird nicht sehr chronologisch hergehen.
Sie: Rede nur - ich höre jedes Wort.
Er:

Du lieber Himmel! Was ist da eigentlich viel zu erzählen? Anfangs brannte die Begeisterung für die Kunst lichterloh wie eine chinesische Brandstiftung - und dann lag eines Tages blos noch eine qualmende Gegend vor uns; der ganze Feuerschwung war eben flöten gegangen. Und dann wurde die Geschichte immer stumpfsinniger. Und heute ists kaum noch zum Aushalten.

Sie: Das ist die Geschichte der letzten fünfzehn Jahre, nicht wahr?
Er: Fast ist mir so, als wär's auch meine eigene Lebensgeschichte. Jedenfalls habe ich in mir nicht mehr eine Spur von Hoffnungsfreudigkeit. Ich glaube nicht mehr daran, dass es jemals besser werden könnte.
Sie: Gehst Du nicht zu weit? Du konntest immer nicht Mass halten. Es gibt doch noch so viele Lichtseiten in unsrem Leben.
Er:

Es giebt ohne Frage Momente im Leben, in denen man sich wohl fühlt. Ja - wohl, wer wollte das leugnen! Aber die Stimmungen, in denen wir unsern ganzen Lebensquark für einen grossen Lebensdreck erklären müssen, kommen mit permanenter Bosheit immer häufiger wieder. Und schliesslich schmeissen diese Desperationsmomente alle Gemütlichkeit zum Fenster hinaus. Es ist wirklich nicht mehr zum Aushalten.

Sie: Sollte man's mit etwas Geduld nicht doch noch so weit bringen, dass uns Alles wieder gut erscheint? Ich glaube, man muss nur etwas warten lernen.
Er: Da hast Du ein schönes Oel ins Feuer gegossen. Ja! Ja! Warten wirs nur ab! Als wenn ich das Warten noch nicht gelernt hätte! Mir kam unsre Erde schon immer wie ein grosser Wartesaal vor. Jawohl! Ein Wartesaal! Horch nur! Gehts noch nicht bald los? Was ist das denn heute wieder? Sie: Aber sei doch nicht so bitter.
Na horch doch! Vielleicht passiert da drüben was, dass wir weiter können. Oder sollten wir eingeschneit sein? Ach, das ist ja langweilig. Garnichts passiert, und Garnichts geht los! Wir sitzen da wie die Aeppelhöker und warten. Na - warten wir, bis wir schwarz werden! Vielleicht wird uns dann noch mal -sagtest Du was?
Sie:  Du musst sehr viel gelitten haben. Komm her zu mir; ich hab auch sehr viel gelitten - lange fünfzehn Jahre hindurch.
Er:

Gelitten! Ja was heisst das? Augenblicklich versteh ich garnicht, was das heisst: gelitten haben! Aber das weiss ich, dass dieses Erdenleben voll Stumpfsinn ist - und dass ich bersten möchte vor Wut. Ich habe den Krieg satt. Mir ist dieses Jammerleben zum Halse rausgewachsen. Es ist eine freche Beleidigung meiner Persönlichkeit, dass ich genötigt wurde, in diesem erbärmlichen Jahrhundert zu leben, in dem überall lange und dicke Stiesel wie Soldaten in Reih und Glied dastehen und die Mäuler aufgesperrt halten. Die Kerls sind ja noch viel dümmer als die Schweine. Und in diesen Viehställen soll man leben - unter Lebewesen, die sich ihr Gehirn abgeradelt haben und ihr Lumpendasein für ein Heldendasein halten. Das ist ja Alles zum Platzen! Das Ridiküle erstickt uns! Und jetzt schreien die Kerls noch! Halt Dir die Ohren zu! Halt Dir die Ohren zu!

Sie:Sei still! Schrei nicht so! Es tut mir so weh!
Er:

Grade! Jetzt will ich grade schreien - ich auch! Glaubst Du, ich hätte Lust, ewig und immer gemütlich zu sein? In diesen letzten fünfzehn Jahren hab ich mir das abgewöhnt -abgewöhnt! Als wir uns damals vor fünfzehn Jahren trennten, da sah's anfangs noch so aus, als könnte bald mal was anders werden. Man hatte noch die Kraft und die Lust, an eine bessere Zeit zu glauben. Diese Kraft und diese Lust ist uns ausgepumpt worden. Es ging immer weiter bergab. Das Menschenpack wurde täglich dümmer und täglich gemeiner - bis schliesslich die - erbärmlichste Gesinnung zum guten Tone gehörte. Jawohl - so ist es. Und da soll man nicht schreien? Ich möchte gleich drein schlagen und Alles auseinander reissen. Es ist einfach schamlose freche alberne Stieselei - überall - obenauf. Und da soll man nicht dreinschlagen? Hippla! Wo blieb doch die Begeisterung für die Kunst? Für Mord und Dodschlag kann ich mich begeistern - für was Andres nicht. Ins Gesicht schlagen möcht ichJedem, der mir in die Quere kommt. Das Gehirn aushacken! Messer zwischen die Rippen! Mord! Brand! Nieder! Das Gesicht entzweireissen! Zerkratzen! Immerzu ins Gesicht schlagen - in die menschliche Visage! Ins Gehirn hakken! Messer in die Rippen dieser verfluchten Stiesel! Diese Stiesel! Diese Bestien! Messer! Fleischer werden - Menschen-schlachter! Verfluchte Gemeinheit!

Sie: 0 komm zu Dir! Komm! Lass! Deine Stirn! Deine Hände! Sei ruhig! Lass! Mein Freund!
Er: Entschuldige - dass ich - mich so - vergass! Erlaubst Du, dass ich - mir eine Zigarre anstecke? Das beruhigt immer - ein wenig. (Er tut es umständlich.)
Sie: Jetzt zittere ich.
Er: Lass nur! Das vergeht wieder! Rauchst Du auch?
Sie:

´Nein, ich danke.

Er: Ja!Ja!
Sie:Was möchtest Du?
Er: Hm! Es passiert nichts mehr auf dieser Erde; die Erde ist nur ein Vergnügungslokalfür die Rinder-und ihre Mütter.
Sie: Ich weiss nicht, ob Du das selber glaubst; Deine Heftigkeit hat mir doch verraten, dass Dich nicht Alles gleichgiltig lässt.
Er: Ich sagte auch nicht, dass ich stumpfsinnig geworden sei.
Sie:  
Er:  
Sie:  
Er:  
Sie:  
Er:  
Sie:  

Sie: Bitte, Du sagtest ganz deutlich, dass Dir die Erde nichts mehr bieten könnte. Er: Ach, sagte ich das?
Sie: Gewiss, Du sagtest, die Erde wäre nur für die Rinder und ihre Mütter.
Er: Das sagte ich allerdings.
Sie: Nun, siehst Du - und Du bist doch kein Rind - und eine Mutter bist Du doch auch nicht.
Er: Das ist klar. Du hattest immer eine leuchtende Rlarheit in Dir. Die hast Du behalten.
Sie: Hm! Nun weiter! Bist Du nun böse, dass Du für Nichts mehr empfänglich bist - oder bist Du böse, dass die Menschheit für Nichts mehr empfänglich ist?
Er: Zwei ganz klare Fragen. Sehr gut! Also halten wir Ich und Nichtich fein säuberlich auseinander. Sie: Ich weiss nicht, ob das so wichtig ist. Er: Doch! Die kalte Klarheit ist so beruhigend. Sie: Das erscheint mir auch noch nicht so ganz sicher. Er: Doch! Aber fassen wir die Sache nicht zu umständlich. Der allgemeine Zustand der Menschheit färbt eben ab; der Einzelne wird immer an tausend Fäden mitgezogen. Wenn eine Zeit stumpfsinnig ist, so wird der Einzelne schwerlich ein Mirakel von Bedeutsamkeit sein. Also brauchen wir eigentlich nicht so fein säuberlich zwischen Ich und Nichtich zu unterscheiden. Du hast ganz recht gehabt - die Sache ist nicht so wichtig. Der tele-pathische Einfluss der Massen auf den Einzelnen ist viel bedeutender als der Einfluss der Einzelnen auf die Massen. Dadurch wird aber meine Wut hinlänglich motiviert. Sie: Verzeih mir! Ich habe in einer kleinen Stadt gelebt - und nun kommt mir hier in den grösseren Verhältnissen Alles sehr gross vor.
Er: Du meinst: Der Stumpfsinn kommt Dir gross vor.

Sie: Nein - ich empfinde das nicht so. Er: Langweilig, wenn Du das nicht so empfindest! Voriges Jahrhundert ging immer mehr bergab. Erst kam das Militär, dann kamen die vielen Maschinen mit den Grossstädten und mit den grossen Tageszeitungen - und so weiter! Glaubst Du, das wären keine Enthirnungsinstitute? Glaubst Du - die allzu starken Aufregungen stumpfen nicht ab? Du gibst das zu -schon gut! Am Schluss des Jahrhunderts gabs nun noch ein Dutzend Kriege, Ueber-Seepolitik, Athletik, Radelei und manches Andre! Das hat doch dem alten Kulturfass den Boden ausgeschlagen. Donnerwetter - das ist doch so! Und in einer solchen Zeit soll ein anständiger Mensch ruhig weiterleben, ohne verrückt zu werden? Sehr viel verlangt! Sie: Du hast die Frauen vergessen.
Er: Verzeih - aber ich kann mir Frauen gegenüber die Galanterie nicht abgewöhnen.
Sie: Wie versteh ich das? Haben die Frauen auch beigetragen -
Er: Unsinn! Glaube doch so was nicht. Frauenbewegung immer blos natürliche Begleiterscheinung - ohne Faktorenwert. Lassen wir das. Denk nur über die telepathische Kraft der Massen nach. Du weisst auch, wir Beide haben in einem telepathischen Verhältnisse zu einander gestanden - in den langen fünfzehn Jahren -
Sie: Es war eine Geisterehe. Ja - das wars. Er: Sagen wir lieber: Gemütsehe! Das trifft wohl besser die Sache.
Sie: Ja! Und nun lass uns nur davon sprechen - nur davon. Ja? Ich bitte Dich!
Er: Ja - das gliedert sich hier vortrefflich ein.

Sie: Du, weisst Du auch, dass es mir garnichts Besonderes zu sein scheint, dass wir hier so zusammen sind? Es kommt mir so vor, als hättest Du all die langen Jahre so vor mir gesessen und so gesprochen, wie Du jetzt sprichst. Es ist mir auch so, als wenn ich Dich stets so gesehen hätte, obgleich Du ganz anders aussiehst wie damals - viel kräftiger und männlicher. Er: Du darfst aber nicht so persönlich werden, sonst kommen wir von der Sache ab. Sie: Von welcher Sache meinst Du?

Er: Ja - nun hast Du mich selber aus dem Text gebracht - wie wars denn zuletzt? Sie: Ach, lass das doch!
Er: Nein, ich weiss schon - die Lebenslust des Einzelnen ist durch den Stumpfsinn des vorigen Jahrhunderts umgeblasen. Und nun dreht es sich darum, den Spiess umzukehren - der Einzelne muss sich gegen die telepathischen Einflüsse, die auf ihn von allen Seiten eindringen, zu wehren suchen. Sie: Na - wie willst Du das machen? Er: Das will ich grade von Dir erfahren. Du sagst, dass Du fünfzehn Jahre unter meinem telepathischen Einflusse gestan- den hättest - wie war Dir dabei? Erzähle mir was davon! Konntest Du Dich dagegen auflehnen? Konntest Du mich gelegentlich mal abschütteln? Dies ist sehr wichtig. Sie: Ich hatte, wie Du weisst, immer eine grosse Freude daran, an Geister zu glauben. Und so liess ich mich denn ganz gehen und glaubte bald, immerzu von Geistern umgeben zu sein. Ich hielt mich für fähig, alle Geister an mich zu fesseln. Und so kam's denn bald, dass ich Dich für tot hielt - dass ich glaubte, Du seiest auch ein Geist geworden. Das war eine sehr glückliche Zeit für mich. Ich rief Dich wie die ändrn Geister - - -und dann glaubte ich, immerzu in Deiner Gesellschaft zu sein. Und Du warst täglich bei mir. Er: Erfuhrst Du nicht, dass ich noch lebte? Sie: Mehrere Male! Aber ich war so daran gewöhnt, Dich in meiner Nähe zu fühlen, dass ich gar nicht viel daran dachte, dass Du noch lebtest. Sieh, dieses Leben, in dem ich mir selber wie eine Abgeschiedene vorkam, machte mich so glücklich, dass ich wieder Lebenslust in mir verspürte. Du solltst auch an Geister glauben - und so leben.

Er: Halt! Die Idee ist tatsächlich nicht schlecht. Dann brauchte man sich um die sogenannten irdischen Angelegenheiten nicht weiter zu kümmern. Es könnte uns dann ganz gleichgiltig sein, ob unsre menschlichen Zeitgenossen an der Massenidiotie leiden - oder nicht. Man lebt halt blos mit Geistern zusammen. Furchtbar einfach!
Sie: Ich weiss nicht, ob Du mich verstehst - so, wie ich's wohl haben möchte.
Er: Aber - ausgezeichnet versteh ich Dich! Ich hatts garnicht geglaubt. Was die Frauen alles fertig bringen! Seltsam! Beinah unheimlich! Du hast es wirklich verstanden, mir wieder etwas Lebenslust einzuflössen! Meine tiefste Hochachtung! Sie: Ich freue mich.
Er: Ich bin Dir dankbar - sehr - sehr! Das werde ich Dir nie vergessen. Deine Worte haben etwas Erlösendes für mich gehabt. So was vergisst man nicht. Sie: Ich aber habs jetzt garnicht mehr nötig, an Geister zu glauben. Du bist ja in Wirklichkeit bei mir. Und -Er: Nicht doch! Du giebst Dich da einer Täuschung hin. Sie: Wie denn? Bist Du nicht wirklich hier? Ist es nur eine Vision, dass ich Dich hier sehe?
Er: Selbstverständlich ist es eigentlich blos eine Vision. Das ist es.
Sie: Gib mir Deine Hand.

Er: Hier sind sie alle beide - nu?
Sie: Sie sind eigentlich nicht kalt und nicht warm. Ich weiss nicht - wie.
Er: Siehst Du! Dein Gefühl - Dein Tastsinn - kann Dir die Wirklichkeit meiner Anwesenheit nicht beweisen. Sie: Ach, lassen wir doch die Geistergeschichte -

Er: Non, madame! Wäre ich für Dich wirklich eine Wirklichkeit, so würde mirs nicht möglich sein, an die Existenz der erlösenden Geister zu glauben - und dann hätten Deine Worte von dem neuen Leben, das uns die Gesellschaft von Geistern giebt, nicht mehr den erwähnten Erlösungswert. Sie: Mein Gott! Willst du denn wirklich an Geister glauben? Das sind doch nur Phantasiegebilde. Man muss doch -Er: Garnichts muss man. Hör zu, ich muss Dir wieder einen belehrenden Vortrag halten. Sie: Vortragender Rat!
Er: Die Sache ist aber wichtig. Pass auf! Sie: Weisst Du noch, von wem Du früher »Vortragender Rat« genannt wurdest?
Er: Bitte, bleibe bei der Sache und pass auf! Sie: Diese Sachlichkeit! Ja - ja - ich bin ganz Ohr. Wirklich! Du musst blos nicht so finster aussehen. Er: Donnerwetter! Nu höre! Sie: Ich bin ganz Ohr! Er: Horch!
Sie: Ja, ich horche! Er: Horch!!
Sie: Ja - was ist Dir? Er: Was war das? Hörtest Du nichts?
Sie: Nein.
Er: So! Also - was wollte ich? Sie: Mir einen Vortrag halten. Er: Ja - gewiss! Also höre! Sie: Ganz Ohr bin ich.
Er: Sieh, wir sind für einander blos Visionen. Was ich von Dir sehe, ist für mich nur ein Augeneindruck, und was ich von Dir höre - nur ein Ohreneindruck. Und was ich von Dir fühle -Sie: Ich verstehe.
Er: Wenn Du das wirklich verständest, so würdest Du wissen -
Sie: Was?
Er: Dass Du nur ein Geschmackseindruck für mich wärst, wenn ich Dich aufessen würde. Sie: Und wenn ich Dich -
Er: Du meinst: wenn Du mich küssen würdest! Sie: Nun?
Er: Dann wärest Du für mich eine ganz triviale Dame, die von der Geisterwelt keine Ahnung hat. Sie: Du bist hässlich.
Er: Das ist doch auch blos ein Sinneseindruck für Dich. Du musst Dir schon Mühe geben, die Grundmauer aller philosophischen Systeme ein wenig zu begreifen; Du musst blos begreifen, dass die Welt und Alles, was wir sinnlich bemerken, keine Realität besitzt - wir selber besitzen auch keine Realität für uns. Nein - nein! Das musst Du schon zugeben, sonst bist Du einfach ungebildet und nicht einmal wert, dass ich Dich totschlage.
Sie: Sei nicht so grausam.
Er: Sei nicht so unaufmerksam und so kindlich wie ein Backfisch.
Sie: Ja - was wolltest Du nun eigentlich sagen? Du bist so umständlich.
Er: Sagen wollt' ich, dass wir eigentlich selber Geister sind, wenn wir auch noch sogenanntes Fleisch und Blut besitzen. (46 Und darum glaube ich, dass wir auch Geister kennen lernen könnten, die kein Fleisch und Blut besitzen - Geister, die aus ändern Stoffen gemacht sind. Sie: Und -
Er: Ja - siehst Du denn nicht ein, dass der Glaube an Geister garnicht eine törichte Sache ist? Du kennst die Geschichte von den Röntgenstrahlen - nicht wahr? Daran hätte auch kein Mensch früher geglaubt. Sie: Du hast Recht - ich verstehe.
Er: Und es ist daher garnicht ausgeschlossen, dass wir plötzlich noch ganz andre Strahlen entdecken - mit denen wir Geister sehen können - überall. Sie: Glaubst Du das?
Er: Ja, ich will daran glauben, dass man solche Strahlen entdecken wird. Das wäre doch mal ein Ereignis, das uns weiter brächte! Das würde doch mal unsre Zeitgenossen, die sich noch Menschen nennen, aufrütteln - rausreissen aus ihrem Dusel.
Sie: Wäre eine solche Entdeckung wirklich nach Deiner Meinung möglich?
Er: Ja! (Im Folgenden aufmerksam nach der Seite hinhorchend) Wer erkannt hat, dass weder er selbst - noch die Welt -ein Reales für ihn bildet - der muss auch für möglich halten -dass er andre Erscheinungsformen - vom Daseienden - als daseiend - mal bemerken könnte. Sie: Was ist Dir?
Er: Es war wieder ein Ton in meinem Ohr — als wenn ich wirklich bereits was von der Geisterwelt bemerkte. Sie: Du erschrickst mich.
Er: Dabei ist garnichts zum Erschrecken - Du weisst doch -ich halt's für möglich. Hör doch! Sie: Ich höre nichts.
Er: Mir ist so, als wenn wir dem grossen Ereignis sehr nahe sind. Ich bin wohl augenblicklich etwas überreizt. Die Zigarre war mir wahrscheinlich zu stark. Verzeih mir! Mich zieht etwas fort. Ich glaube, dass ich jetzt gehen muss. Es ist doch nicht unmöglich, dass die neuen Strahlen bereits entdeckt sind.
Sie: Du willst fort?
Er: Ja — ich muss! Jetzt fällt es mir wieder ganz leicht, auf das grosse Ereignis - zu warten. Jetzt glaube ich doch wenigstens, dass es wirklich zum Ereignis werden könnte. Und dass ich daran glaube, habe ich Dir zu verdanken - ja - Dir! Ich werds nie vergessen. Und Du wirst jetzt nicht mehr zweifeln, dass wir für einander auch blos Visionen sind - nicht wahr?
Sie: Nein.
Er: Du hast mir wieder Lebenslust gegeben. Du hast wieder Hoffnungen in mir geweckt. Ich habe wieder ein Vergnügen daran gefunden - zu warten - zu warten - auf das grosse Mirakel - das uns eine neue Welt erschliesst.
Sie: erschliesst.
Er: Und diese ganze Frische danke ich Dir - einer Frau! Ich werde nie mehr von den Frauen schlecht denken - sie geben uns so viel.
Sie: so viel!
Er: Ich danke Dir. Lebe wohl! Lebe wohl!
Sie: Lebe wohl!(Er geht langsam fort.) (Sie steht lange da und sieht ihm wie abwesend nach und bricht dann mit einem leisen Schrei zusammen.)(Nach einer kleinen Pause schrickt sie plötzlich auf und lauscht.)
Sie: (allein) Was war das? War das nicht seine Stimme? Ja - mein Gott - er war doch eben noch hier. War das ein Traum? Horch! Wieder ein Ton! Sind das die Geister? Hab ich wirklich eine Vision gehabt? Was früher nur eine Spielerei war, hat das plötzlich feste Gestalt bekommen? Bin ich wahnsinnig geworden? War er wirklich hier? Er sass doch da drüben! Dort liegt eine Zigarre!Das war seine Zigarre! Mein Gott - träume ich denn noch?Dann will ich ihn wiederhaben. Komm, mein Freund! Komm wieder zu mir her und erzähle mir! Erzähle mir von Geistern und fernen Welten, die ganz anders sind als unsere Welt, in der wir so viel leiden und so einsam sind.Horch nur, mein Freund!Horch nur!Die Geister kommen!Die Geister kommen!Du bist erlöst!Jetzt bin ich auch glücklich - ganz glücklich — da ich weiss —dass Du erlöst bist.(Lange Pause, in der sie mit geschlossenen Augen ein unsichtbares Wesen, das sie neben sich glaubt, immerzu streichelt und küsst.)(Stimmengewirr im Hintergrunde.)
Sie: Ha! Es kommen Menschen! Schnell fällt der Vorhang

   

 


Die Urgrossmutter

Eine Tragi-Komödie in einem Aufzuge

Personen

Die Urgrossmutter
Constantin, der Enkel
Manella, seine Braut

Drei rechtwinklig zu einander stehende altfränkisch tapezierte helle Wände mit Blumenmuster und ovalen Familienporträts in verschiedener Grosse. In der rechten Seitenwand hinten kleine Türe. Vor der hinteren Wand ein Himmelbett mit hellblauem Rattunvorhang umzogen - weisses Blumenmuster auf dem Vorhange. Hinten links kleines Fenster mit Kanarienvogel, Nähtisch und kleinem Rorbsessel. Vorne links und rechts kleine Tische und Stühle mit Häkelarbeiten überdeckt und überzogen. Kleiner Teppich in der Mitte mit englischem Blumenmuster im schlechtesten Geschmack der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Auf dem Teppich uralter Grossvaterstuhl mit Topflehnen. Auf diesem Stuhl sitzt die Urgrossmutter. Links von ihr, aber mehr nach vorne, ein Tisch mit Medikamenten, Goldschnittbuch, Taschentuch und Brille.
Constantin und Manella kommen schweigend herein und küsen der Urgrossmutter ehrfurchtsvoll die rechte Hand.

Urgrossmutter: :(mit matter Stimme) Setzt Euch, Kinder! Du, Constantin, komm hier an meine rechte Hand - und die Ella kommt hier vor den Tisch, nicht wahr? (Beide nehmen zwei niedrige Hocker, rücken ein wenig am Tisch und setzen sich.)
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  




Manella: Urgrossmutter, hast Du auch die Medizin schon genommen?

Urgrossmutter: Ja, mein Kind! Jetzt soll aber auch der Constantin seine Medizin bekommen.

Constantin: Liebe Urgrossmutter!

Urgrossmutter: Sprich nicht! Ich weiss Alles. Die Ella hat mir erzählt, dass Du ein sogenannter Weltverbesserer werden möchtest - das genügt ja.

Constantin: Liebe Urgrossmutter!

Urgrossmutter: Rede nicht! Höre zu! Ich kann mir ja denken, dass Du in Deinen jungen Jahren Dir leicht einbilden kannst, Du seist klüger als der liebe Gott und verstündest Dich aufs Weltenschaffen besser als Er.

Constantin: Liebe Urgrossmutter!

Urgrossmutter: Lass mich ausreden! Ich weiss ja, was Du sagen willst. Du glaubst, diese Welt sei man sehr unvollkommen - die jungen Leute machen lauter dumme Streiche, und die alten Leute sterben altmählich ab. Ja, das sieht ja so von aussen nicht sehr erbaulich aus. Aber deswegen darfst Du doch nicht die Welt verachten. Denn - wenn man seinen inneren Frieden gefunden hat - so pflegt man den äusseren Unfrieden nicht mehr sehr ernst zu nehmen. Lass mich aussprechen - es fällt mir schwer, meine Gedanken zusammen zuhalten. Sieh nur an! Die gute alte Zeit war doch wirklich eine gute alte Zeit - das würdest Du einsehen, wenn auch Du Deinen inneren Frieden gefunden hättest. Und deswegen sollst Du Beamter werden, mein Kind! Lass das Weltverbessern ändern Leuten, die dazu verdammt sind, im innern Unfrieden ihre Erdentage dahinzuleben.

Constantin: Nein, Urgrossmutter! Beamter kann ich leider nicht werden.

Urgrossmutter: Gut! So werde ich Dir Dein Erbteil entziehen, und Du sollst nur so viel bekommen, wie Dir von Gesetzes wegen zusteht.

Manella: Urgrossmutter! Mach uns nicht unglücklich! Sei nicht zu streng gegen Constantin!

Urgrossmutter: Ich will Constantins Bestes - und da ist Strenge das erste Erfordernis.

Constantin: Liebe Urgrossmutter, ich werde Dich ebenso lieb haben wie bisher - auch wenn Du mich enterben solltest. Aber - Beamter kann ich nicht werden.

Urgrossmutter: Das dachte ich mir! Ich weiss ja, dass Du nicht so leicht zu biegen bist. Aber - wenn Du durchaus nicht Beamter werden willst - so versprich mir wenigstens, ein bestimmtes Studium zu ergreifen, das mit einer festen Stellung gekrönt wird.

Constantin: Liebe Urgrossmutter - das Studieren ist heute wirklich veraltet - und hat nur noch für Spezialforscher einen Zweck. Die Spezialforscher haben aber heute nicht mehr eine so grosse Bedeutung - jedenfalls nicht eine, die mir genügt. Ich will eben mehr. Wenn Ihr mich Weltverbesserer nennt - so nennt mich meinetwegen so. Aber - aus dem Studieren, wie Ihrs Euch denkt, wird auch nichts.

Urgrossmutter: Also so weit ist es nun schon gekommen? Du willst Dein Verderben. Du willst das Neue, das Nochnichtdagewesene - und weisst nicht, dass das blos Unfrieden bringt - während der innere Friede nur am Alten hängt - an alten Möbeln, alten Institutionen, an alten Leuten und alten Sitten, an alten Fürsten und alten - Urgrossmüttern. (Sie weint und trocknet sich mit ihrem Taschentuch die Tränen. Manella weint auch.)

Constantin: Urgrossmutter! Vielleicht finde ich den inneren Frieden grade in dem Neuen, das ich suche. Wenn ich das Neue, das ich suche, gefunden habe, werde ich auch den inneren Frieden haben.

Urgrossmutter: Nein, den inneren Frieden findest Du nur beim Alten - er lässt sich von dem Alten nicht ablösen. Constantin, ich werde heute noch sterben.

Constantin: Aber Urgrossmutter!

Manella: Aber Urgrossmutter!

Urgrossmutter: Ich lebe kaum noch zehn Minuten - deswegen schwöre mir, Constantin, beim Andenken Deiner Mutter, dass Du eine feste Stellung annehmen willst.

Constantin: Aber Urgrossmutter!

Urgrossmutter: Willst Du mir den letzten Wunsch in meinem Leben nicht erfüllen?

Constantin: Ja! Ja!

Urgrossmutter: So schwöre!

Constantin: Ich - ich - schwöre.

Urgrossmutter: (leise) beim Andenken meiner Mutter

Constantin: beim Andenken meiner Mutter

Urgrossmutter: (leise) eine feste Stellung anzunehmen und alle Weltverbesserungspläne in den Ofen zu stecken.

Constantin: (spricht das zögernd und schliesslich lächelnd nach.)

Urgrossmutter: (laut) Um meines inneren Friedens willen.

Constantin: (hart) Um meines inneren Friedens willen.

Urgrossmutter: Jetzt sterbe ich! Ich - segne - Euch! (Fällt zurück und ist tot. Die Beiden springen erschrocken auf, behorchen sie und befühlen sie und fangen dann zu weinen an und sinken sich schluchzend in die Arme.)

Langsam fällt der Vorhang.
    Text.

   

 


Lachende Gespenster

Ein Schauspiel zwischen schwarzen Wänden in einem Aufzuge

Personen
Friedrich, ein Grossdestillateur
Amalie, seine Ehefrau
Lisette, Amaliens Kammerzofe
Drei Gespenster

Die Handlung spielt in einem Zimmer mit schwarzen Wänden zur Frühlingszeit
Rechts und links und hinten drei schwarze W ände - rechtwinklig zu einander - doch so, dass hinten rechts und links in der Richtung der Seitenwände Durchgänge bleiben.
Vorne in der Mitte sitzt Friedrich mit dem Gesicht zum Publikum wie ein Orientale vor einem grösseren Kochtopf und rührt mit einem langen Löffel darin herum. Unter dem Topf brennt eine kleine blaue Spiritusflamme. Friedrichs Kopf ist mit weis-sen Tüchern turbanartig umwunden. Ein türkischer Schlafrock, der schon recht abgenutzt und angerissen ist, umhüllt den Oberkörper und liegt in unordentlichen F'alten rechts und links auf dem ebenfalls schwarzen Fussboden.

:Friedrich: (ohne sich umzudrehen) Wer stört mich denn da wieder? Wer ist da?
Lisette:(die hinten mit einer Kerze in der Hand erscheint) Lisette.
Friedrich:Das sagt nicht viel. Welche Lisette?
Lisette:Die Lisette, die Kammerzofe der gnädigen Frau.
Friedrich:Was will sie denn?
Lisette:Die gnädige Frau möchte den gnädigen Herrn sprechen, und ich sollte fragen, ob das dem gnädigen Herrn angenehm wäre.
Friedrich:Angenehm ist mir das ganz und gar nicht - aber lass sie nur kommen - wenns nur nicht zu lange dauert.
Amalie: (in hellblauem Morgenrock) Friedrich, schämst Du Dich nicht, in Gegenwart des Dienstpersonals in so verächtlicher Weise von mir zu sprechen? Angenehm ist es Dir ganz und gar nicht, wenn Deine Frau zu Dir kommt?
Friedrich: Schrei blos nicht so! (er rührt weiter mit seinem Löffel, dreht sich auch im Folgenden nicht um.)
Amalie: Lisette, holen Sie einen kleinen Spieltisch. Ich werde die Kerze so lange halten. (Lisette ab.)
Friedrich:Willst Du mit mir Karten spielen?
Amalie: Nein, ich will die Kerze nicht so lange halten. Ich habe Dir eine Erklärung zu machen.
Lisette:(bringt einen kleinen ziemlich hohen dünnbeinigen Tisch aus Mahagoniholz) Wo soll ich den Tisch hinstellen?
Amalie:Hier! (Der Tisch wird hinten links vor die Rückwand gestellt und der Leuchter darauf.) Lisette, Sie können gehen. (Lisette ab.)
Friedrich:Du willst wohl Tischrücken mit mir spielen und die Geister beschwören.
Amalie:Nein, ich will Dir blos ganz grade heraus meine Meinung sagen.
Friedrich: Ja, ja, rede nur zu!
  



Amalie: Draussen ist Frühling - heller Sonnenschein - blauer Himmel - hellgrün sind die Bäume.

Friedrich: Das ist immer um diese Jahreszeit da. Nennst Du das: Deine »Meinung« sagen.

Amalie: Ha, Du höhnischer Mensch! Schämen solltest Du Dich, Deine arme Frau so gemein zu behandeln.

Friedrich: (sehr lebhaft weiter in seinem Topfe herumrührend) Amalie! Gemahlin! Ich tu Dir doch nichts.

Amalie: Wie? Du tust mir nichts?

Friedrich: Ich tu Dir Garnichts.

Amalie: So? Seit Jahr und Tag sitzest Du hier zwischen Deinen schwarzen Wänden und braust Deine berühmte Tinktur zusammen.

Friedrich: Zum Heile der Menschheit.

Amalie: Was geht mich die Menschheit an?

Friedrich: Sei nicht so roh! Du weisst, dass ich die Geschichte bald raus habe.

Amalie: Mich wirst Du bald raus haben. Ich pack schon meine Sachen und verlasse Dich. Hast Du mich verstanden?

Friedrich: Meine Tinktur wird die Menschen so klug machen.

Amalie: Du bist selber nicht sehr klug. Brau man Deine Tinktur für Dich allein. Ich packe meine Sachen und geh los. Es ist Frühling draussen.

Friedrich: Meine Tinktur wird die Menschen nicht blos klug -sondern auch schmerzlos machen.

Amalie: (abgehend) Ich packe einfach ein.

Friedrich: (während Amalie nicht mehr da ist) Hör nur, Amalie! Du musst noch ein bischen Geduld haben. Bald werde ich die Geschichte raus haben - und dann werden die Menschen erlöst werden - von allen Schmerzen. Dann wirst auch Du ganz glücklich sein - und auch ganz klug. Heute bist Du nicht ganz klug - nicht wahr, Amalie? Warum bist Du so still? Denkst Du über den Frühling nach? (Ein weisses Gespenst erscheint hinten rechts und geht langsam zum Tisch und löscht das Licht aus.) Warum hast Du das Licht ausgelöscht?

Erstes Gespenst: (langsam links nach vorne kommend - mit sehr tiefer Frauenstimme) Ich will Dir selbst ein Licht sein.

Friedrich: Aber Amalie, wozu verstellst Du denn so Deine Stimme?

Erstes Gespenst: Ein Licht hat immer eine tiefere Stimme.

Friedrich: Rede - ich höre - ich bin sogar neugierig auf das, was Du mir mit tieferer Stimme zu sagen hast.

Erstes Gespenst: (sich links an der Wand niederkauernd) Du willst die Menschen alle klug machen, und das geht doch nicht.

Friedrich: Warunm nicht?

Erstes Gespenst: (stets mit sehr tiefer Stimme) Rein Einfall kann so klug sein, dass er nicht von einem klügeren übertrumpft werden könnte.

Friedrich: So? Na ja! Und da meint meine Amalie, dass selbst die feinste Klugheit schliesslich auch blos wie eine Dummheit aussehen könnte.

Erstes Gespenst: Ganz meine Meinung! Es ist deshalb nicht nötig, die Menschen klüger zu machen, als sie sind. Man könnte ja niemals mehr das Gefühl des Steigens bekommen, wenn alle Menschen gleich hoch stünden. Und das Erhabene gäbs dann auch nicht mehr - und auch nicht mehr das Lächerliche. (Das Gespenst lacht unheimlich.)

Friedrich: (während das zweite Gespenst hinten rechts erscheint und rechts vor der hinteren Wand stehen bleibt) Amalie, Du kommst mir so verändert vor.

Erstes Gespenst: Vergiss einmal, dass Du Ehemann bist.

 Friedrich: Gerne - ich vergesse.

Erstes Gespenst: Du willst nun noch die Schmerzen der Menschheit beseitigen - mit Deiner Tinktur - nicht wahr?

Friedrich: Ja, das will ich.

Erstes Gespenst: Die Schmerzen der Menschheit sind aber blos pure Einbildungssache - sie sind garnicht da - und was nicht da ist, kann man doch nicht beseitigen - nicht wahr?

Friedrich: Aber Malchen! Woher hast Du denn das? Ja - das könnte man vielleicht ganz gut behaupten und auch verteidigen. Aber die Menschen werdens nicht begreifen.

Zweites Gespenst: (langsam rechts nach vorne kommend - stets mit sehr hoher greller Frauenstimme) Wer nicht hören will, muss fühlen.

Friedrich: Das ist ja wieder eine andere Stimme - das wirkt ja ganz unheimlich; und die hohe Stimme wirkte noch tiefer als die tiefen Schallwunder!

Erstes Gespenst: Ich glaube, die Menschen werden noch Dinge begreifen lernen, die noch viel komplizierter als alle Schall-wunder sind. Wenn Uu unten im Tale stehst, so glaubst Du, dass die Wolken ganz langsam dahinziehen. Aber wenn Du oben auf dem Berge stehst, so merkst Du, dass die Wolken fliegen - wie schnelle Schwalben. Und Du musst lachen, dass Du die Wolken mal ftir langsam und träge halten wolltest. So ist es auch mit der Entwicklung der Menschen, die doch auch nur Wolken sind.

Friedrich: Aber sie werdens doch nicht begreifen - so bald noch nicht - sie werden sich eben einbilden, dass sie Schmer/en haben - und das ist so gut, als wären die Schmerzen wirklich da. (Sehr schnell und eifrig gestikulierend). Meine Tinktur soll ja eben die Menschen so klug machen, dass sie ihre Schmerzen nicht mehr als Schmerzen empfinden - dass sie sich immerzu ganz wohl fiihlen - sich immer zu trösten wissen. Zweites Gespenst: Es gibt aber schon sehr viele Menschen, die sich immer zu trösten wissen - auch ohne Deine Tinktur. Friedrich: So? Gibt es die?

Zweites Gespenst: (sich mitten an der rechten W and niederkauernd) Freilich! Du bist ja schon so lange nicht draussen gewesen - draussen im Sonnenschein! Da draussen gibt es solche Leute scharenweise! (Das zweite Gespenst lacht - und das erste Gespenst lacht, wenn das zw eite aufgehört hat, ebenfalls - und so lachen sie abw echselnd hinter einander.) Friedrich: (nachdem er mit der Hand am Ohr nach beiden Seiten hingehorcht - angstvoll) Hier lachen ja Zwei! (Es w ird ganz still.)

Zweites Gespenst: (doktrinär) Die Leute draussen haben längst begriffen, dass die sogenannten Seh merzen und Unbequemlichkeiten im menschlichen Leben einfach notwendig sind - notwendig zur Erhaltung des Lebens - denn wo Alles glatt und ew ig freudenvoll zugeht - fehlt schliesslich die Sensation - es passiert nichts mehr - und die glücklichsten Menschen fangen langsam an, sich in unbeschreiblicher Weise zu langweilen. Friedrich: So? Das Glück ist also langweilig?

Erstes Gespenst: Allerdings! Zweites Gespenst: Allerdings!

Drittes Gespenst: (das hinten links erscheint) Allerdings! Friedrich: Jetzt sprechen ja Drei! Amalie! Amalie! Wo bist Du?

Drittes Gespenst: (stellt sich in die Mitte der hintern Wand und bleibt da hoch aufgerichtet stehen) Höre weiter! Unterbrich mich nicht durch Deine Angst. Wir sind lachende Gespenster. (Alle drei lachen. Das dritte Gespenst spricht stets mit konventionellem Theater-Pathos.) Friedrich: Von wo kommt Ihr her? Erstes Gespenst: Aus einer andren Welt. Zweites Gespenst: Aus einer Welt, in der es ebenfalls immer noch Schmerzen, Unbequemlichkeiten und Dummheiten gibt.

Drittes Gespenst: Aus einer W elt, in der man nicht mehr klagt und stöhnt - und nicht mehr Tinkturen braut, um das Leiden zu lindern.

Friedrich: Soll ich auch das Lachen lernen? Alle drei Geister: Das wäre gut! (lachen kurz auf.) Friedrich: iNa - meinetwegen! Ich wills versuchen! Möge der Teufel meine Tinktur weiterbrauen! (Nimmt den Löffel aus dem Topf und zerbricht ihn, wobei er sich die Finger verbrennt und »Au!« schreit.)

Alle drei Gespenster: (zusammen) Au! (Lachen unbändig und sehr lustig, während Friedrich ärgerlich die beiden Löffelstücke rechts und links hinwirft und sich die Finger am Munde kühlt.)

Das dritte Gespenst: Wenn die Gegenwart Alles fertig und vollendet hätte - dann gäbs doch keine Zukunft mehr - und dann wäre doch das höchste Glück - das Hoffnungsglück - ganz undenkbar.

Das erste Gespenst: Ganz undenkbar! Das zweite Gespenst: Es gäbe dann keine Hoffnung mehr. Das dritte Gespenst: (sehr laut und schön) Keine Hoffnung mehr!

Das erste Gespenst: (dumpf) Reine Hoffnung mehr! Das zweite Gespenst: Schlag Deinen Rochtopf entzwei. Friedrich: Nein, der kann ja in der Rüche gebraucht werden.

Das dritte Gespenst: kommt her zu mir! (Die beiden ändern Gespenster stehen auf und gehen nach hinten.) Friedrich: Wo seid ihr? Wer hält mir den Ropf fest? Ich will Euch sehen.

Das erste Gespenst: Wozu willst Du uns sehen? Glaubst Du, nur das sei da, was Du sehen kannst? Friedrich: Nein, ich glaube schon, dass noch mehr da ist. Das zweite Gespenst: Bleib also ruhig sitzen vor Deinem Rochtopf, der in der Rüche weiterleben soll. Das klingt so zukunftsvoll. Das klingt so leicht und hoffnungsvoll. Erstes Gespenst: Sei lustig, alter Friedrich! Die Schmerzen sind ja garnicht da.

Zweites Gespenst: Wer wird denn noch an eine Wirklichkeit glauben!

Erstes Gespenst: Das ist ja ungebildet! Zweites Gespenst: Auch die Schmerzen haben keine Wirklichkeit!

Drittes Gespenst: (laut und schön) Wenn nur die Hoffnung bleibt!

Alle drei Gespenster: Wenn nur die Hoffnung bleibt! Das dritte Gespenst: Draussen ist es grün (alle drei umschlingen sich) und das Grün ist die Farbe der Hoffnung. Und wenn die Hoffnung nicht war -

Alle drei zusammen: Dann war Alles aus! Drittes Gespenst: Aber die Hoffnung ist da und bleibt da - sie ist unsre einzige Wirklichkeit - und darum geht Alles immer weiter - immer weiter!

Alle drei Gespenster: (zusammen, während sie versinken) Heiter - weiter!

Amalie: (hinten links im Reisekostüm) Warum hast Du denn die Rerze ausgepustet? Friedrich: Bist Du da hinten, Amalie?

Amalie: Gewiss doch! Wer soll denn sonst hier sein? Aber hier ist ja wieder Alles finster. Ich will Dir blos noch Adieu sagen, (nach links) Lisette, bringen Sie die Rüchenlampe.

Friedrich: Was soll denn die Küchenlampe hier?

Amalie: Ich will Dich doch noch ein Mal sehen.

Lisette: (mit der Lampe, die sie auf den kleinen Tisch stellt) Hier ist die Küchenlampe.

Friedrich: (steht schnell auf und sieht die Beiden gross an — dann befehlshaberisch) Lisette, nehmen Sie den Rochtopf auf, der da steht, und verwenden Sie ihn in der Küche.

Amalie: (schlägt die Hände überm Ropf zusammen) Was ist denn nur los?

Lisette: (hebt den Rochtopf mit Taschentuch und Schürze auf) Der ist aber heiss!

Amalie: Mann! Friedrich!

Friedrich: Malchen, ich werde Dich begleiten; Du sollst nicht alleine fahren.

Lisette: (lässt den Rochtopffallen, Amalie und Friedrich fallen sich in die Arme) Dieser alte Topf! (Sich die Finger am Munde kühlend.)

Friedrich: Warst Du vorhin nicht hier?

Amalie: Natürlich!

Friedrich: Komm raus! Komm raus! (Beide nach hinten links Arm in Arm ab, während die Lisette die blaue Spiritusflamme knieend auspustet.)

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Letzte Aktualisierung  17.02.12
durch Markus Feuerstack
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