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aus: Meine Tinte ist meine Tinte
kaiser ... hat er mir alles vorgelesen, mein Vorleser (zeigt auf zwei hohe Bücherstapel) —, zuerst denk ich, der Kerl, der das geschrieben hat, ist verrückt, dann hat es mir immer besser gefallen. Bilder hat Er im Kopf, bunt wie ein Pfauenrad.
pcw Und Stil, Majestät!
kaiser Muß Er mir nicht erklären. Man meint, Er schreibt, wie die Leute so reden untereinander. So leicht sieht es aus, daß man glaubt, man könne es auch —ich habs versucht. Warum lacht Er?
pcw Majestät haben es versucht?
kaiser Ich überreiche dir ... (heftet einen großen goldenen Stern an PCWs Brust) und ernenne dich hiermit zum überwirklichen, geheimen Dichter, Prost! —nenne mich Willem. Und ich verspreche dir: das Militär wird abgeschafft! Nur eine kleine Amüsier—guarde brauch ich für Potsdam.
pcw Ist genehmigt, Willem! Wird ihn freuen, meinen Freund, den alten Herrn auf Poggfred.
kaiser Und Preußen wird auch abgeschafft und die alte Backsteinkultur, und Potsdam benennen wir um in Tsching—Bum. (holt einen Blechsoldaten aus der Hosentasche, yeht ihn auf. Der Blechsoldat marschiert auf der Tischplatte und schlägt mit dem Säbel um sich. Der Kaiser und PCW lachen Tränen) Na Prost!
pcw Prost!
kaiser Schöner Tag heut — aber eins sage ich dir: hätte der eiserne Mann Gefallen an unserer Revolution, ich nähme Alles zurück. Er gönnte mir den Sonntag nicht. Jeden Tag möchte ich Sonntag — du verstehst das? ,
pcw Der eiserne Mann hat zuviel Sauerkraut gegessen.
kaiser Hat er. Guck dir seine Schuhe an, das sind keine Schuhe, das sind Kanonen! — Wie soll ich spazieren? Auf einen Stiefel drückt die Generalität, auf den ändern Kapitälski, und auf die Schultern drückt auch allerlei. Krumm wird man, krumm wie der krumme Fritz. Schon lange kommt mir Europa als ein Narrenhaus vor. Auch du bist gegen den europäischen Individualismus, und ich sage dir, Schuld an Allem hat der Capital, das sage ich hier in meinem Teehaus! (stößt den Blechsoldaten um, stellt eine Dame aus Blech auf die Tischplatte und y.eht die Dame auf. Die Blechdame beginnt ^u tanken, sie hebt während des Tanges den Rock)
pcw Wenn das — Przbyszewski sieht!
kaiser Der „Kampf der Geschlechter"! — Kannte da einen Ministerialdirigenten ...
pcw Na Prost!
kaiser Prost!
Die Herren Artisten haben mir immer viel Verdruß bereitet.
pcw »Weil du Alles zu ernst nimmst — und zu leicht. .
kaiser Charakter ist nur^Eigensinn, es lebe die Zigeunerin! Die Militärmonarchie gehört abgeschafft, merken Sie sich das, Herr Oberpoet, und die ganze psychologische Richtung ist nichts als Tellerwäscherei ... wer läuft da unerlaubt in meinem Gartenpark?
pcw Gehen Majestät nicht etwas zu weit? Majestät sind immer etwas zu weit gegangen. Das haben wir jetzt aber nicht mehr nötig, und wir müssen auch nicht mehr so viel trinken.
kaiser Doch! Jetzt muß ich trinken! ,., Siehst du die vielen farbigen Kreise und Räder im Himmel? Tipp mich mal an — und was denkst du, was du berührt hast, bin das ich? — sage es mir.
(singt)
Fliegt man stückweis' in die Luft,
wird man gleich zu Leichenduft;
man verpufft in einem Nu, macht nicht mal die Augen zu.
Das muß er vertonen, der Herr Hofkapellmeister, er hat was gutzumachen mit seiner Salome — ich denk mir: Bläserchoral. Aber aus der Luft, aus tausend Baiions hoch in der Luft ... da steht wer hinterm Busch und beobachtet, unerlaubt.
pcw Komm rein, Richard — das ist Freund Dehmel mit 'ner Kiste Sprotten aus Hamburg — nimm Platz und setz dich zu uns.
kaiser Ich lehne jede Verantwortung ab!
pcw Das haben Majestät immer getan.
(Nächster Tag. Der Kaiser in einem Schloßzimmer)
kaiser Meingott, wo war ich gestern ... besoffen, total besoffen! ... Bax! General von Bax! ... wo bleiben Sie? Sind Sie etwa auch besoffen? Lassen Sie alle Kanonen putzen, lassen Sie schießen, auf Alle, auf Alle — sofort, sofort!!! Und lassen Sie die Kerle suchen, die beiden Kerle von gestern!
H.H.
* paul carl wilhelm scheerbart

aus: Meine Tinte ist meine Tinte
Morgens um 5 Uhr fuhr der Chemieprofessor Kuno Pohl in sehr guter Stimmung mit seiner Gattin im Automobil nach Hause. Sie waren auf einem Berliner Maskenball gewesen.
»Halt!« rief da Herr Pohl, »wir wollen noch im Cafe Bauer einen Eisgrog trinken. Das ist die neueste chemikali—sche Komposition — die muß ich noch studieren — es geht nicht anders.«
»Dieser Eisgrog!« rief Frau Frida Pohl. »Du kannst ihn ja gar nicht vertragen. Ich will endlich nach Hause. Und bei einem Topf bleibt's ja doch nicht. Es ist schon fünf Uhr. Man muß doch an seine Gesundheit denken.«
Das eheliche Gespräch im Automobil wurde sehr lebhaft. Aber schließlich geschah doch, was der Herr Gemahl wollte, obschon sich die Gemahlin in sehr heftiger Weise widersetzte. Vor dem Cafe sprang der Herr Kuno schnell aus dem Wagen raus, befahl dem Portier, seiner Gemahlin beim Aussteigen behilflich zu sein, und eilte ins Cafe. Kaum hatte sich Herr Pohl an einen Tisch gesetzt und einen Eisgrog bestellt, so entsteht draußen vor der Tür ein furchtbarer Tumult. Der Portier stürzt kreideweiß herein und schreit — »Ein Unglück!« — Alles rennt zur Tür. Herr Pohl steckt sich ruhig eine Cigarre an und streichelt seinen Topf mit dem Eisgrog. Danach wird aber das Geschrei vor der Tür so fürchterlich, daß der kaltblütige Professor doch seine Ruhe verliert.
»Was ist denn da draußen?« fragt er heftig, »warum kommt denn meine Frau nicht?« Da kommt der Portier und brüllt: »Ihre Frau ist verglast, Herr Professor!« — »Sie sind wohl verrückt geworden!« brüllt der. Dann aber läuft er auch hinaus. Und draußen sieht er auf dem Fahrdamm drei Automobile in einer Glasmasse, und ein Schutzmann steht dazwischen — auch unbeweglich, in derselben Glasmasse. Kellner werfen den Schutzmann um und versuchen, ihn von der Glasmasse mit Messern zu befreien.
»Das ist gar kein Glas!« sagt der Portier. Herr Pohl sieht jetzt auch sein eigenes Automobil und davor seine Frau — auch wie eine Bildsäule dastehend — von einer durchsichtigen Masse fest an den Boden geklebt. Herr Pohl geht zu seiner Frau und berührt die Masse — sie ist sehr dick und weiß wie Gelatine — läßt sich aber mit den schärfsten Messern nicht durchschneiden. Man bringt Frau Pohl ins Cafe und versucht, die Gelatine zu erwärmen. Das ist sehr unheimlich, denn Frau Frida Pohl blickt starr gradaus und bewegt sich nicht. Die Erhitzung verändert die Gelatine nicht im mindesten. Herr Pohl sagt ruhig: »Das geht offenbar gegen alle Naturgesetze. Aber ich habe ja immer gesagt: Wir haben von den Naturgesetzen keine blasse Ahnung. Es gibt auf der Erde Sauerstoffkompositionen, die uns gänzlich unbekannt sind. Was ist denn aber nur passiert!« Der Portier erwiderte eifrig: »Die Räume sind auch überglast. Und auf der anderen Seite der Straße sind die ganzen Hausfronten verglast, so daß niemand raus kann.«
Im Laufe der nächsten drei Stunden wurden nun im Cafe die neuesten Depeschen bekannt. Drei Schutzleute und Frau Professor Pohl lagen regungslos auf dem Fußboden, und niemand vermochte, die durchsichtige Masse zu sprengen — auch war sie gegen jeden Hitzegrad gänzlich unempfänglich.
Aus den neuesten Depeschen ging hervor, daß diese »Verglasung« nur auf einem länglichen Erdstreifen stattgefunden hatte, der allerdings in der Länge wohl auf 6oo km geschätzt wurde, in der Breite aber nur 300 Meter in der Mitte hatte, nach beiden Enden zu wurde der Streifen, auf dem die »Verglasung« stattfand, immer schmaler. Durch drahtlose Telegraphie war auch gegen 8 Uhr bekannt geworden, daß drei Schiffe teilweise unter der »Verglasung« gelitten hatten. Ein fahrender Eisenbahnzug war durch die »Verglasung« plötzlich zum Stehen gebracht worden.
»Das Merkwürdigste ist«, sagte Professor Pohl, »daß sich dieses weiche Glas gar nicht mit menschlichen Instrumenten bearbeiten läßt. Es ist somit zum ersten Male konstatiert, daß sich auf der Erdoberfläche Stoffkompositionen bilden können, die allen ändern Stoffen der Erde gegenüber unempfindlich sind. Allerdings — bis zu einem gewissen Grade unempfänglich. Eisen sowohl wie Diamant bringen keinen Eindruck in diesem weichen Glase hervor. Dagegen gibt der Stoff dem leisesten Fingerdruck nach. Was man auch alles in diesem Jahrhundert erleben muß! Vor 30 Jahren stellten die Männer der Wissenschaft fest, daß sie die meisten Naturgesetze ganz richtig erkannt hatten. Heute können wir das Gegenteil feststellen. Unser Wissen ist nur noch ein Wissen von Nichtwissen. Wir wissen gar nicht, wie dieses weiche, biegsame Glas entstanden ist. Und wir wissen nicht, ob wir's jemals durchdringen können. Das Undurchdringliche ist hier Ereignis geworden. Kellner, bringen Sie mir noch einen Eisgrog und eine Browning—Pistole dazu!« Beides wurde umgehend vom Kellner gebracht, und Professor Pohl schoß in die Glasmasse hinein, die sich rechts unten um die seitwärts geschobenen Kleider seiner Frau gebildet hatte. Die Kugel drang tief ein und wurde dann mit mächtiger Gewalt zurückgeschleudert und fuhr tief in die Decke des Cafes. Auf dem Glase blieb nicht eine Spur des Kugeleindrucks zurück.
»Die zu spät nach Hause kamen«, sagte der Portier, »die hat's getroffen. Die Liste der Verglasten zeigt, daß fast nur Maskenballbesucher von dem großen Unglück getroffen wurden. Die Häuser, die verklebt sind, lassen sich immer noch von einer anderen Seite durchbrechen, so daß ein weiterer Verlust von Menschenleben nicht zu befürchten ist.«
Währenddessen hatten sich in allen Cafes und in allen Unfallstationen, in denen die Verglasten untergebracht wurden, Kapazitäten der Wissenschaft eingefunden und besprachen den Fall. Um 22 Uhr war alle Welt darüber einig, daß wahrscheinlich ein unsichtbares Stück eines Kometen der Erdoberfläche zu nahe gekommen sei und auf dieser eine merkwürdige weiche Glasspur hinterlassen habe.
»Es ist nur höchst drollig«, bemerkte dazu Professor Kuno Pohl, »daß nur die allernächste Umgebung des Menschen und seiner Wohnstätten und die Umgebung der Bäume und der Tierwelt für diese Verglasung empfänglich gewesen ist. Es liegt eine partielle Atmosphärenverdickung vor. Und wir wissen nicht, ob der Mensch eine derartige Einkapselung vertragen kann, ohne zu ersticken. Ich sehe, daß meine Frau ganz so aussieht, wie sie ohne Verglasung aussah. Und ich kann mich nicht dazu entschließen, anzunehmen, daß sie erstickt sei. Jedenfalls ist es zweifellos nötig, daß wir nichts unversucht lassen, sie von diesem Mantel zu befreien!«
Hiernach wurden zunächst wieder die neuesten Depeschen an die Wand genagelt. Und da las man denn u. a. folgendes: In Breslau sind 30 Pferde zusammen verglast. Man hat mit Kanonen auf die Glasmasse geschossen, und man hat keine Spur vom Druck der Kanonenkugel nachher entdecken können. Darauf hat man unter den Pferden zwei Zentner Dynamit entzündet — die Pferde sind 100 Meter in die Luft geworfen worden, kamen aber ohne Verletzung der Glasmasse unten wieder an. Die Pferde sind im Museum für Erdkunde ausgestellt. Ihr Aussehen verändert sich nicht. Die weiche Glasmasse wird nicht einmal durch Rauch geschwärzt. Auch farbige Stoffe nimmt das neue Glas nicht an. Die Farbe rinnt einfach herunter. —
»Und alles dieses passiert«, sagte Professor Kuno Pohl, »im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Und wir können mit diesem neuen Stoff, der doch sicherlich ganz vorzügliche Eigenschaften besitzt, eigentlich gar nichts anfangen.«
»Wenn Sie aber«, rief nun wieder der Portier des Cafes, »als Professor der Chemie nichts mit diesem neuen Stoff anzufangen wissen, so ist das wahrlich kein Beweis für die Bedeutung der Wissenschaft.«
»Wahrlich nicht«, versetzte Professor Pohl kleinlaut, »da aber sicherlich der Komet an die eiskalten Temperaturen der Ätherweltjenseits von unserer Atmosphäre gewöhnt ist. so dürfte ihm wohl nur mit sehr kalten Stoffen beizukommen sein. Gegen ein paar hundert Grad Kälte wird das neue Glas wohl nicht unempfindlich sein.«
Ein allgemeines »Ah!« und dann stürmisches Händeklatschen sehen und Bravorufen folgte diesen Worten.
Und um 15 Uhr waren die Apparate zur Herstellung einer fürchterlichen Kälte im Cafe — und Professor Kuno Pohl ließ die Kälte sofort auf die Glasmasse wirken, di( den Körper seiner Frau umgab. Anfangs merkte mär nichts. Dann aber schwoll die Glasmasse auf und wurde undurchsichtig. Und dann gab es plötzlich einen furchtba ren Knall — und die Explosion vernichtete das ganze Cafe mit allem, was darinnen war. Das ganze Haus stürzte eil und fiel zum Teil auf die Straße.
Diesem unvorhergesehenen Naturereignis stand die wis senschaftliche Welt ratlos gegenüber. Niemand wußte, was man dazu sagen sollte. Den Universitäten aber wurde von der Staatsregierung verboten, fürderhin von »Naturgesetzen« zu sprechen, da durch die weiche Glasmasse bewiesen sei, daß menschliches Denkvermögen zur Erkenntnis von »Naturgesetzen« nicht ausreiche..

»Bringen Sie jetzt den Edamer Käse!« rief der Herr vom Trekkenbock dem davoneilenden Diener nach. Da sagte Frau Justine, die Gemahlin des Herrn vom Treckenbock sanft:
»Mir ist der Edamer Käse heute sehr unangenehm; ich kann ihn nicht vertragen. Lieber .Just, könntest du nicht den Käse in der Küche lassen?«
»Aber, liebe .Justine,« versetzte nun der Just sehr heftig, »du hast doch noch niemals eine Abneigung gegen Edamer Käse gehabt; ich verstehe dich nicht. Friedrich, bringen Sie den Edamer Käse!«
Und der Friedrich brachte auf einem großen dunkelblauen Teller den großen runden karminroten Käse. Und der Herr Just vom Treckenbock nahm das lange breite Bratenmesserund wollte den Edamer mitten durchschneiden.
Da rief aber die Frau Justine ängstlich: »Just! Lieber Just! Tu's nicht! Schneide ihn nicht durch! Ich kann's heute nicht ertragen; ich furchte, daß uns ein Unglück bevorsteht, wenn du es heute tust.«
Verblüfft hielt Just inne und sah seine Frau lange an und sagte danach langsam:
»Dann muß ich dich doch bitten, mir eine Erklärung zu geben; es ist mir vollkommen unbegreiflich, weswegen ich meinen kugelrunden roten Edamer nicht aufschneiden soll.«
Frau Justine erwiderte darauf:
»Die runde rote Kugel, die da vor dir auf dem dunkelblauen Teller liegt, erinnert mich an so viele Dinge, die mich peinlich berühren. Die Kugel kommt mir auch wie ein großer Blutstropfen vor. Du sagtest immer, daß in unsrem Weltwinkel auch die kleinsten Dinge zu den größten Beziehungen haben - und umgekehrt. Du glaubst wie die Astrologen daran, daß die Planeten unsrer Sonne auf das Leben der Menschen einen Einfluß haben. Die Sonne selbst und unser Mond haben zweifellos einen sehr großen Einfluß auf unser Leben. Und so glaube ich, daß auch die kleinsten Dinge - wie dieser Edamer Käse - verhängnisvoll in unser Leben eingreifen könnten. Es ist ja nicht der Edamer allein; ich weiß doch, daß der Edamer zu dem Schauspiel, das du uns jetzt vorführen willst, Beziehungen hat.«
Unruhig klapperte Herr vom Treckenbock mit dem Bratenmesser auf dem dunkelblauen Teller und sagte dann lächelnd:
»Gut - wenn du glaubst, daß auch die kleinsten Dinge und auch die kleinsten Lebewesen dem Menschen schädlich sein können, so kann man dem nur zustimmen - denn es stimmt zweifelsohne. Ich glaube andrerseits auch daran, daß ein Mensch einem riesengroßen Weltsterne gefährlich werden könnte. Demnach bin ich gern bereit, den schönen Edamer in die Küche zu senden und unser kosmisches Schauspiel ohne Edamer vorzuführen.«
»Aber nein!« rief da die Frau Justine, »ich möchte dich bitten, heute auch das Schauspiel zu lassen.« Der Herr vom Treckenbock hatte sechs Gäste geladen, die nur des kosmischen Schauspieles wegen gekommen waren; er sagte nun mit etwas rauher Stimme, während er ganz rot im Gesicht wurde:
»Meine liebe Justine, das kannst du wohl nicht von mir verlangen. Wenn es dir unmöglich ist, dem Schauspiele beizuwohnen, so kannst du ja so lange das Zimmer verlassen. Ich bin doch nicht dazu auf die Welt gekommen, deinen unmotivierten Ahnungsempfindungen die zartesten Rücksichten entgegenzubringen.«
»Du kennst überhaupt,« erwiderte Frau Justine hastig, »gegen keinen Menschen Rücksichten. Grade deine heftige Rücksichtslosigkeit gegen alles und jeden macht mich ja so unruhig, daß ich immer denken muß, sie wird auch eine Rücksichtslosigkeit gegen uns zur Folge haben.«
Jetzt sprachen die Gäste beschwichtigende Worte.
Das half nichts.
Frau Justine wurde nur noch erregter.
Sie sprach schließlich mit ganz lauter Stimme:
»Sie kennen meinen Mann nicht. Sie wissen nicht, wie heftig und zornig er ist - wie er immerzu in den rohesten Ausdrücken vom ungebildeten Volk spricht - wie er das ungebildete Volk haßt - wie er ihm immer wieder den qualvollsten Tod wünscht - wie er die alten Mithramysterien preist, in denen der Ungebildete und der Dumme in grausamster Weise gemartert wurde. Glauben Sie, daß alle diese rücksichtslosen und rohen Worte meines Mannes nicht mal einen Wiederhall finden werden? Alles findet seinen Wiederhall. Wir wissen nie, was kommen kann. Aber wir sollen Furcht haben vor dem, was kommen kann; prahlerischen Gewaltmenschen droht zu allen Zeiten ein unheimliches Ende. Wir müssen mehr Scheu haben vor dem, was wir nicht leiten können; wir müssen einsehen, daß wir nicht die Herrschenden in unsren Lebensschicksalen sind.«
Der Herr Just wollte seine Frau unterbrechen, aber sie fuhr mit erhobener rechter Hand noch lebhafter fort:
»Warum betont mein Mann immer die unzähligen Beziehun-gen, die zwischen den Sternen untereinander und die zwischen den Menschen untereinander da sind? Warum sagt er, daß alles untereinander zusammenhängt, wenn er gleichzeitig alle Fäden, die ihn mit den ändern Menschen verbinden, zerreißen will? Hier ist doch etwas Unlogisches. Wie oft haben wir von den innigen Beziehungen aller Dinge und Wesen untereinander gesprochen - besonders davon, wie ein einziges Wort eine ganze lange Reihe von Bildern und Gedankenverbindungen in unsrem Auge entfesseln kann - und wie dementsprechend auch eine einzige an sich unbedeutende Handlung - wie eben das Durchschneiden eines Edamer Käses - eine ganze Reihe von entsetzlichen Katastrophen entfesseln
kann.«
»Meine geliebte Frau Gemahlin,« rief nun der Herr Just lachend, »was kann nicht alles täglich passieren! Jawohl! Gewiß doch! Indessen - das ist ja grade das Großartige, daß uns immer wieder etwas Unerwartetes passieren könnte. Wenn wir alles vorher wüßten, hätte ja die Zukunft gar keinen Reiz für uns. Wenn wir wüßten, wie es uns nach dem Tode ergehen wird, so würde doch der Tod gar keinen größeren Eindruck auf uns machen. Und auf den größeren Eindruck kommt es doch überall in erster Linie sehr an.« Er schwieg, aber seine Frau Gemahlin schwieg nicht; sie sagte bitter:
»Du übersiehst das wichtigste: ich empfinde die Kunst, die nur für wenige und nicht für alle da sein soll, als etwas Rohes. Versteh mich: als etwas Rohes! Grade diejenigen, die als außerordentlich feine Menschen gelten wollen, daß sie eine Berührung mit den einfachen Menschen nach ihrer Meinung vermeiden müssen, sind nach meiner Meinung ganz rohe Klötze. Jeder Wutausbruch, lieber Just, findet sein Echo. Und du wütest gegen die Ungebildeten, die nach deiner festen Überzeugung deine kosmischen Schauspiele nicht verstehen. Und für diese Wut wirst du bestraft werden. Und deshalb fürchte ich, daß heute etwas passiert, wenn du nur vor sieben
oder acht Menschen deine Volksschauspiele aufführst. Warum hast du nicht mehr Gäste geladen?«
»Ich,« sprach da kalt der Herr vom Treckenbock, »werfe meine Perlen nicht vor die Tiere, aus denen man Schweinefleisch macht.«
Seine Gemahlin erhob sich und erwiderte lächelnd:
»Ich bat dich niemals, solche Tiere einzuladen. Doch ich sehe ja, daß hier alles Reden fruchtlos ist. Du wirst deinen Eigensinn in allzeit rücksichtsloser Weise auch fürderhin geltend machen. Und ich versuche nicht mehr, dich umzustimmen. Mag doch passieren, was da will! Wenn jedoch das Messer den Edamer durchschneidet - oder wenn so etwas ähnliches im Andromedanebel passiert - so denken Sie an mich. Wir sehen uns vielleicht später wieder - in einem anderen Zustande.«
Sie verbeugte sich und verließ rasch mit rauschender Schleppe das Zimmer.
Herr vom Treckenbock sah seine Gäste lächelnd an und sagte leise:
»Meine Frau ist sehr nervös. Verzeihen Sie gütigst.«
Und nach diesen Worten durchschnitt er mit einem Schnitt den ganzen roten Edamer Käse in zwei Hälften, sodaß die beiden Schnittflächen auf dem blauen Teller neben der roten Kruste hell aufleuchteten.
Es war im Dezember des Jahres 1885. Im August dieses Jahres war im Andromedanebel urplötzlich ein Stern sechster Größe aufgeflammt; im Dezember sah er allerdings schon bedeutend kleiner aus.
Die Astronomen hatten diese plötzliche Entstehung eines neuen Sterns als einen großen Weltuntergang gedeutet.Der Herr vom Treckenbock aber, der sich auf seinem Schloß in Tirol ein astronomisches Theater gebaut hatte, hielt diesen neuen Stern nicht so ohne weiteres für einen Weltuntergang, und er lud daher sechs Bekannte zu einem Schauspiel ein, das er »Ein Weltuntergang mit Überraschungen« betitelt hatte.
Nach der Durchschneidung des Edamer Käses taten sich die schwarz-seidenen Gardinen, die die eine Wand des Speisesaals bedeckten, auseinander, und die sieben Herren blickten in den Weltenraum hinein. Die Diener des Herrn vom Treckenbock überreichten den Gästen Operngucker. Und alle sahen sich nun die unzähligen Sterne an.
»Sie sehen hier, meine Herren,« sagte der Herr vom Treckenbock, »den Andromedanebel. Ich habe Ihnen diesen interessanten Nebel ein paar Billionen Meilen näher gerückt. Der Nebel ist natürlich gar kein Nebel; er besteht aus unzähligen Sternen wie unsere Milchstraße und hat wie diese im ganzen gesehen Linsenform. Sie sind aber jetzt diesem Sternsystem so nahe, daß Sie seine Linsenform nicht mehr bemerken. Die Sterne, die Sie sehen, bilden nur eine kleine Partie des Systems - eben die, in der wir im August dieses Jahres den neuen Stern sechster Größe plötzlich entdecken konnten. Die Gelehrten waren fast sämtlich der Ansicht, daß dieses plötzliche Entstehen eines neuen Sterns durch den Zusammen-Sturz zweier Sterne hervorgebracht sei; wir hätten nach der Meinung der Gelehrten einen Weltenuntergang größten Stils im Andromedanebel erlebt. Die Gelehrten denken sich die Sache so: die großen Sterne des Weltenraums sind plumpe Ungeheuer, die sich nicht zunahe kommen dürfen; kommen sie sich zunahe, so ziehen sie sich gleich gegenseitig so an, daß sie aufeinander fallen und dabei gleich in Rauch, Dampf und Gas verwandelt werden, wobei natürlich eine große Leuchtmasse erzeugt wird. Nach meiner Überzeugung sind nun die großen Sterne des Weltenraums keineswegs so plumpe dumme Ungeheuer, wie unsre Gelehrten der Erdhaut glauben; die Sterne sind Lebewesen, die selbstverständlich anders denken als die Menschen - aber nicht etwa dümmer, sondern ein wenig klüger - wahrscheinlich so klug, daß wir sie mit unsern schwerfälligen Gedankenkombinationen wohl niemals begreifen werden. Eins ist mir nur begreiflich geworden: so dumm, daß sie aus Versehen aufeinander fallen und dadurch gleich in Atome aufgelöst werden könnten - so dumm sind die Sterne keineswegs. Es gehört nur eine fast unbegreifliche Menschendummheit dazu, den Sternen so was Plumpes zuzutrauen.
Unsre irdischen Vorstellungen von der Anziehungskraft bedürfen, wenn sie ins Kosmische übertragen werden, einer erheblichen Korrektur. Selbst die Sterne, die in unsrem Sonnensysteme leben, stellen sich immer so, daß sie einen gewissen Abstand beibehalten, der eine allzu große Annäherung gar nicht möglich werden läßt. Und so ist es überall im großen Kosmos. Sehen Sie sich, meine Herren, zunächst einmal in Ruhe die vor ihnen liegende Partie des Andromedanebels an.«
Das taten denn auch die sechs Herren. Sie sahen zunächst, daß sehr wenige Sterne Kugelgestalt hatten; die meisten Sterne hatten lange sehr bewegliche Rüssel, die nach allen Seiten herumzuschnüffeln schienen.
Und dann gabs da Sterne, die wie lange Fernrohre aussahen und sich auch wie diese verlängern und verkürzen konnten. Andre Sterne wieder zeigten Kristallformen, und wieder andre sahen aus wie schlaff gewordene Luftballons.
Kleine Lebewesen, die auf den Oberflächen der Sterne lebten, konnten nicht entdeckt werden.
Herr vom Treckenbock meinte, als man dieses allgemein konstatierte, daß das Nichtentdecktwerden solcher kleinen Lebewesen sehr natürlich sei, da man immerhin noch ein paar hundert Millionen Meilen von der Andromedanebelpartie entfernt sei.
Besondre Aufmerksamkeit erregten sodann die vielen Farben der Sterne.
Da gab es Sterne, die glühten wie Diamanten immer wieder in neuen Farben auf. In ändern Sternen glitzerte es so bunt wie in Geißlerschen Röhren. Dann entstanden viele Lichtkegel, die plötzlich wie Scheinwerfer ganz lang wurden und dann auch ihre Umgebung taghell erleuchteten, so daß dabei unzählige kleinere Sterne, die sich wie riesige Mückenschwärme ausnahmen, sichtbar wurden. Solche Scheinwerfer ließen auch größere birnenförmige und auch kugelrunde Sterne sichtbar werden. Und diese größeren Sterne waren fast ganz dunkel.
»Behalten Sie,« rief da lebhaft der Herr vom Treckenbock, »den dunkeln kugelrunden Stern im Auge, der da rechts oben neben den drei Röhrensternen sichtbar wird. Sie sehen, daß der Kugelrunde eine ganz dunkelrote Farbe hat, die entfernt an den Edamer Käse erinnert. Der Kugelrunde kommt langsam näher. Sie werden bemerken, wie er allmählich immer größer wird.« Danach wurde links ein Komet sichtbar, der in ein paar Sekunden sechs graziös geformte Schweifbildungen bekam; der Komet bewegte sich mit außerordentlicher Schnelligkeit von links nach rechts.
»Sagen Sie nur, Herr vom Treckenbock,« rief nun einer der Gäste, »werden denn diese Sternen von Fäden dirigiert? Wie haben Sie denn die Geschichte gemacht? Das ist ja technisch außerordentlich interessant.«
»Bei einem solchen Theater,« erwiderte nun der Herr des Hauses lachend, »kommt natürlich alles darauf an, daß die Illusion nicht gestört wird. Würde ich Ihnen daher sagen, wie raffiniert diese Sterne von meinen Maschinisten gelenkt werden, so würden Sie ja die Illusion verlieren. Nehmen Sie nur ruhig an, daß all die Sterne genau so auf meiner Bühne schweben wie die rechten Sterne im Kosmos.«
Jetzt kamen aber immer wieder neue Kometen auf der linken Seite zum Vorschein. Und diese neuen Kometen hatten immer wieder neue Formen; manche dieser Kometen zeigten an Stelle der Schweife große blasenförmige, sehr hellleuchtende Gebilde.
Die Kometen verschwanden stets so schnell, wie sie gekommen waren.
»Sie müssen aber denken,« sagte der Erbauer dieses Welttheaters, »daß jede Sekunde ihres momentanen Lebens so lang wie tausend Jahre ist - denn in den großen Lebensverhältnissen eines Sternsystems geht natürlich nicht alles so schnell vor sich wie hier auf meinem Theater. Vielleicht haben die Herren die Güte, jetzt näher an die Rampe zu rücken, damit sie auch mal in die Tiefe sehen können, denn mein Theater besitzt natürlich keinen sog. Bühnenboden wie die Theater der primitiven Erd-rindenbewohner.«
Alle taten, was sie sollten; sie rückten mit ihren Stühlen an die Brüstung und schauten hinunter in die Tiefe und waren ganz begeistert von den unzähligen Farben und Formen, die da die Sterne zeigten.
Und nun kam aus der Tiefe ein scheibenartiger Komet zur Höhe langsam empor, und die Scheibe drehte sich und war ganz schneeweiß, und aus dem Rande zuckten feine Scheinwerfer heraus, die wie feinste Lichtfäden radial ins All hinausspritzten, aber immer wieder gleich zurückgingen. Währenddem kam der kugelrunde rote Stern von rechts oben langsam zur Mitte und wurde immer größer, so daß man seine dunkelrote Oberfläche ganz deutlich sehen konnte; sie hatte viele seltsame Linien, die wie Gebirge den ganzen sich langsam drehenden Weltkörper umzogen. Und die Linien wurden immer deutlicher und hatten eine hellere Rotfarbe. »Nun denken Sie sich,« sagte der Herr Just vom Treckenbock, »nur das eine: Dieses kosmische Wundertheater soll ich nach der Meinung meiner Frau auch gleich einem größeren Publikum zugänglich machen. Es ist wahr: ich vergehe oft vor Wut, wenn ich an all die menschliche Dummheit und Unbildung denk, Eigentlich ist es gar nicht so schwer, auch an einem solche Schauspiel Freude und Wohlgefallen zu finden. Aber ich bitte Sie bloß, meine Herren, vergessen Sie nicht, daß selbst die Astronomen unsrer Zeit solchem Schauspiele nur unwillig folgen würden. Glauben Sie denn, daß der einfache Landmann so was eher begreift? Oder meinen Sie vielleicht, der Großstadttheaterbesucher wird voll Wonne diesem Schauspiel mit Weltuntergangs-
und darauffolgenden Überraschungen folgen? Der gewöhnliche Theaterbesucher würde mir wahrscheinlich erklären: mein Heil, wo bleibt der Konflikt? Wo bleibt der Held? Und wenn ich darauf sagen würde: warten Sie, gleich wird der Scheibenkomet n: dem großen kugelrunden Edamer in Konflikt geraten - ; würde man …..«
Nach diesen Worten kam der Scheibenkomet ganz nahe an den dunkelroten Kugelstern ran und schnitt ihn mit furchtbar Fixigkeit - so wie das Bratenmesser den Edamer schnitt – in zwei Hälften.
Die Herren sprangen erschrocken auf, aber aus dem Innern des Kugelrunden kamen die Überraschungen heraus: unzählige kleine diamantartig leuchtende Sterne, die eine ungeheurer Helligkeit verbreiteten und sich langsam nach allen Seiten zerstreuten.
Der Scheibenkomet stieg währenddem hastig sich drehend die Höhe, während die beiden Hälften des Kugelrunden dunkelrot glühend als zwei leere Schalen zur Tiefe sanken.
Da gabs im Nebenzimmer einen furchtbaren Krach, uind gleich darauf hörte man einen gellenden Angstschrei.
Und dann stürzte ein Diener in den Speisesaal und schrie:
»Die gnädige Frau! die gnädige Frau!«
»Was ist denn da schon wieder los?« brüllte der Herr des Hauses, und er ergriff dabei einen Stuhl, so daß man glauben konnte, er wolle den dem Diener an den Kopf werfen.
Aber der Diener rannte davon und schrie immerzu wie besessen:
»Ein Unglück! Ein Unglück!«
Jetzt erinnerten sich die Gäste des Herrn vom Treckenbock daß die Frau Justine beim Fortgehen gesagt hatte:
»Denken Sie an mich, wenn das Messer den Edamer Käse durchschneidet oder wenn so etwas Ähnliches im Andromedanebel passiert.«
Und da alle Sechs zugleich daran dachten, sprangen sie auch alle zugleich auf und rannten dem heulenden Diener nach.
Der Herr vom Treckenbock aber sah sich das Funkenfarben spiel, das aus dem kugelrunden Sterne herausgekommen war an und sagte mit lauter herrischer Stimme:
»Sehen Sie, meine Herren, das ist ein Weltenuntergang – aber einer der Überraschungen zur Folge hat. Es geht nichts zugrunde. Es geht eben gar nichts zugrunde. Dieser Aufschnitt ist nur eine Befreiung für den kugelrunden Stern, der in seinem Innern Billionen neuer Welten barg und hütete, die jetzt da sie genug behütet sind, in die freien Weltalllüfte hinein können. Wir haben in diesem Weltenuntergange einen Befreiungsmoment zu erblicken. So haben wir den neuen Stern. der im August des Jahres 1885 sichtbar wurde, zu erklären; Billionen neuer Welten sind damals geboren worden - aber zugrunde gegangen ist damals nichts - gar nichts ist zugrunde gegangen. Im kosmischen Weltenleben kennt man eben das
Zugrundegehen nicht - das ist. . .«
Er drehte sich stolz um - - - und sah - daß er - allein war.
Er zog die Augenbrauen zusammen und erinnerte sich plötzlich wieder an den Krach und an den Schrei und an den unverschämten Diener, der das erhabene Schauspiel eines scheinbaren Weltenunterganges zu stören wagte.
Der Herr Just vom Treckenbock ließ den Kopf sinken und stand ganz still.
Und dann kam wieder der unverschämte Diener und sagte in strammer Haltung:
»Sollte fragen, ob der gnädige Herr nicht zur gnädigen Frau kommen möchten.«
Der Herr des Hauses folgte dem Diener. Und sie gingen ins Boudoir der gnädigen Frau.
Und da lag die Frau Justine auf dem Divan und wimmerte; ihr war die schwere Waschschüssel aus der Hand geglitten und auf den linken Fuß gefallen.
Einer der sechs Gäste, der Arzt war, legte einen Verband um den Fuß.
Als der Herr Just diesen Tatbestand erfuhr, lachte er wie ein Besessener und konnte sich gar nicht beruhigen. Und die Gäste wußten nicht recht, was sie zu der ganzen Sache sagen sollten.
Frau Justine wimmerte und sagte dann plötzlich seufzend:
»Ich habe keine Welten in mir.«
Der Herr Just lachte da nicht mehr; er sagte heftig:
»Meine liebe Justine, mit deinem armen Fuß wirds ja schon wieder besser werden. Und - tröste dich, du bist es nicht allein, die keine Welten in sich hat. Deine dicke Waschschüssel hat auch keine Welten in sich gehabt - nur Wasser - schmutziges Wasser! Die ganze Stube ist voll Wasser. Ich aber bin ganz voll von Wut. Daß ich so gestört werden würde, hatte ich nicht für möglich gehalten. Dein Ahnungsvermögen hat sich in der richtigen Richtung bewegt: mir ist ein kolossaler Ärger bescheret worden.«
Nach diesen Worten schrien draußen mehrere Stimmen in entsetzenerregender Weise:
»Feuer! Feuer! Feuer!«
Im Maschinenraum des kosmischen Theaters war Feuer aus-gebrochen.
Zwei Stunden später war das ganze kosmische Theater mitsamt dem Speisesaal abgebrannt.
Herr vom Treckenbock versprach zwei Monate später seiner Gemahlin, das neue kosmische Theater für ein großes Publikum in München zu erbauen.
Man zog nach München, und das Theater sollte gebaut werden.
Da wurde dem Herrn vom Treckenbock aber die Geschichte leid, und er erklärte seiner Frau an einem Abend, daß sein neues Theater auch nur für zehn Personen gebaut werden würde.
Als er das grade gesagt hatte, kam wieder der Diener mit einem Edamer Käse ins Speisezimmer; die Frau Justine sah den Diener so entsetzt an, daß der den Teller mit dem Käse fallen ließ.
Im selben Moment fiel aber auch die Frau Justine vornüber mit dem Kopf auf den Tisch.
Ein Arzt wurde sofort gerufen, und der sah, daß ein Herzschlag dem Leben der Frau vom Treckenbock ein Ende gemacht hatte.
Herr Just vom Treckenbock verließ bald darauf München und begab sich ins Ausland. Aber er kehrte in Jahresfrist zu rück und ließ sich nördlich von München an der Isar nicht weit vom Schloß Grünwald ein Laboratorium bauen, in dem er die großartigsten astralen Weltkörper herstellte - für sein kosmisches Zukunftstheater.
Er stellte aber die Weltkörper in sehr verschiedenen Größer her, und diese Tätigkeit füllte bald so ganz und gar seine Zeit aus, daß er an eine Herstellung seines Theaters gar nicht mehr dachte; die Vorarbeiten zu diesem Theater nahmen den Herrn vom Treckenbock so vollkommen in Anspruch, daß er das Ziel allmählich aus den Augen verlor.
Der alte Herr lebt heute noch bei Schloß Grünwald an der Isar zu sprechen ist er für keinen Menschen; nur wenn er mal verreist ist, um neue Chemikalien zu kaufen, kann man nach Bestechung seines Portiers in seine großen Atelierräume kommen und dort die merkwürdigsten Weltkörper sehen. Leider liegen und hängen sie alle in größter Unordnung und vielfach mit dicker Staubschicht bedeckt überall so planlos umher, daß es schwer fällt, sich eine Vorstellung zu bilden, wie diese phantastischen Weltkörper in einem kosmischen Theater wirken könnten.
Der Portier, der gar nicht schlechte Geschäfte macht, versichert jedem Besucher, daß der Herr vom Treckenbock das kosmische Theater bald bauen wird. Aber das versichert dieser Portier jetzt schon zehn Jahre hindurch mit derselben ernsten Portiersmiene; der Ernst bringt diesem Manne sehr viel Geld ein.

In der Nähe von Dahlem gibt es eine höchst feudale kleine Kneipe; sie heißt Krüger-Tempel.
Inhaber ist ein alter, ehrwürdiger Schauspieler, mit Namen Krüger. Einrichtung: alles Eiche - Wände, Tische, Stühle etc.
Nur die Gläser und Flaschen sind aus Glas. Es sitzt sich famos in diesem Tempel.
Trank neulich einen sanften Dämmerschoppen bei Krüger. Und der alte Herr setzte sich an meinen Tisch und erzählte mir von seinem Leben.
»Ach«, sagte er gutmütig lächelnd, »Sie glauben ja gar nicht, wie glücklich ich bin, daß ich dem Theater endlich entrinnen konnte.Hier ist es doch viel gemütlicher. Allerdings: Wir haben hier natürlich auch, wie es jetzt in allen besseren Lokalen üblich ist, eine kleine Bühne, auf der sich drei Personen ganz bequem bewegen können.«
Er zeigte mir eine erhöhte Nische, zog da einen alten Sanimetvorhang fort - und da war eine kleine Bühne - sechs Meter in der Breite, vier Meter in der Höhe - und ebensoviel in der dritten Dimension.
Wir setzten uns wieder, und ich fragte teilnehmend:
»Was hat Sie denn so sehr am Theater geärgert?«
Da versetzte er mit drohend geballter Faust: *
»Der alte Shakespeare! Zunächst hat er sich alle seine Dramen von einem wüsten Lord schreiben lassen. Und dann: wir nannten ihn immer unsern Gott - aber den Titel hat er nicht verdient. Denn Shakespeares Lord dramatisierte nur alte, damals vor drei Jahrhunderten sehr bekannte Novellen. Das haben wir ja jahrelang gar nicht gewußt.«
»Ja«, sagte ich, »das kommt davon, wenn man sich gar nicht um die Literatur bekümmert. Das kommt davon.«
Er fuhr fort:
»Das Höhnen steht Ihnen ganz gut. Aber sagen Sie blos das Eine: bei diesem alten Engländer konnte man immer die Hälfte oder zwei Drittel oder noch mehr ganz ruhig fortlassen. Es kam gar nicht darauf an. Ist das nicht eine Beleidigung des Schauspielers, wenn man ihm Stücke zu spielen gibt, bei denen es immer auf eine Hand voll Noten gar nicht ankommt?«
»Freilich«, erwiderte ich, »Möllere und Lessing sind ganz andre Leute. Aber - Sie lassen an dem alten Herrn auch nicht ein gutes Haar.«
»Doch! doch« sagte da der alte Krüger, »Shakespeare oder jener wüste Lord war ein sogenannter Formalist. Er konnte mit der Sprache so umgehen, daß einem Hören und Sehen verging. Das klippte und klappte oft so kalauerhaft zusammen, daß man jahrelang geglaubt hatte, - da stäke was dahinter. Es steckt aber nichts dahinter. Deshalb ist dieser Lord grandios, wenn er Idioten vorführt oder radebrechende Franzosen. Und darum sage ich: Shakespeare ist der größte Bierredner aller Zeiten; in einer Bierrede verlangt man keinen Sinn - man will den Unsinn.«
»Aber hören Sie mal, Herr Krüger«, sagte ich da, »gehen Sie mit Ihrem alten Gott nicht zu schlimm ins Gericht?«
»Keineswegs!« versetzte Krüger.
Wir tranken zusammen eine Flasche ganz alten Rheinwein.

Man wird wahrscheinlich sagen, daß ein Betonen und Hervorzerren der rein äußerlichen Effekte in der Bühnenkunst vornehmlich nur dem dekorativen Charakter im Theaterleben förderlich sein könnte. Es klingt ja so plausibel, wenn man das Arrangement der Seitenwände und der Hinter-, Ober- und Untergründe als rein dekorativ abtut. Es klingt auch so plausibel, wenn man Arm- und Beinstellungen der Darstellenden als dekorativ bezeichnet.
Und man wird dem Dekorativen das Intime der alten Kunst gegenüberstellen - und immerfort vom Intimen reden, um das Neue zu diskreditieren. Und man wird dabei gänzlich vergessen, daß die Reden vom Dekorativen und Intimen doch nur Reden mit abgebrauchten Schlagwörtern sind.
Ich weiß eigentlich nicht, ob man nicht eine Kunst, die bereits in den verschiedenen Winkelstellungen verschiedene Empfindungswerte herausfühlt, mit demselben Rechte eine intime nennen könnte - wie diejenige Kunst, die mit sogenannten seelischen Empfindungswerten (d.h. mit sehr landläufigen abgeschliffenen Empfindungswerten) arbeitet.
Ich glaube, man könnte solche Erörterungen ruhig der Zukunft überlassen. Entscheidend sind doch die Kunstwerke - und diese könnten mit einem anderen Bühneneinrichtungsmaterial doch Dinge zutage fördern, die alles Reden über Intimes und Dekoratives vergessen lassen.
Es gibt jedenfalls in allen Künsten auch intime Wirkungen, die sich jenseits von allen verbrauchten landläufigen Werten befinden. Und daß man behaupten könnte, der Bühnenkunst allein würde es unmöglich sein, auf neuer Basis neue Intimitäten hervorzuzaubern - das wird man doch wohl nicht für berechtigtes Behaupten halten . . .
Das »Dekorative« hat man nach meiner Meinung in allen Künsten bislang sehr stark unterschätzt - es wäre wohl nötig, diesem Schlagwort mindestens in der Bühnenkunst zu neuen Ehren zu verhelfen...

Die jetzt erscheinenden ersten sechs Bände dieser Bibliothek sind nicht in der Reihenfolge entstanden, in der sie herausgegeben werden. Die 21 Stücke in Band II-VI entstanden (mit Ausnahme von 2 kleinen) in den Jahren 1901 und 1902, der »Rübezahl« im Anfange des Jahres 1905.
Da es auch in diesen Theaterstücken mein Bestreben war, aus den Vorstellungskreisen des Irdischen immer weiter herauszukommen, so musste diese kleine Bibliothek natürlich eine »revolutionäre« werden.
Das revolutionäre Element zeigte sich zunächst bei der Ausgestaltung des äusseren Bühnenbildes. Es war ja ganz selbstverständlich, dass mir die bislang üblichen Bühnenbilder mit dem gesamten Kulissenmaterial für meine Zwecke nicht tauglich erschienen. Aber die weitere Ausgestaltung der einfachen, von mir eingeführten Bühnenbilder führte schliesslich so weit von dem ab, was man sonst auf dem Theater zu sehen gewohnt war, dass mir doch allmählich die Kluft zwischen dem Alten und dem, was ich als Neues bieten wollte, zu gross erschien.
Von dieser Erwägung sind nun die meisten der in Band II-VI zum Abdruck gelangten Stücke lebhaft beeinflusst; es lag mir immer wieder daran, sogenannte »Uebergangsstücke» zu schaffen, um nicht den Zusammenhang mit dem bestehenden Theaterwesen gänzlich zu verlieren.
Und so kam es, dass das schwere Geschütz im Hintergrunde blieb - und dass ich denjenigen, die mit mir in der Theatekunst das Neue haben wollen, nicht revolutionär genug erscheinen dürfte.
Aber es geht nicht Alles auf einmal, und ich muss schon bitten, zunächst diesen »Anfängen« ein geneigtes Ohr und Auge entgegenzubringen, wenn diese Anfänge auch nicht so markig das
Theaterleben revolutionieren, wie mans wohl wünschen möchte.
Ich hoffe, dass es mir später gelingen wird, auch den extravaganten Ansprüchen Genügendes gegenüberzustellen.
Was nun über das äussere Bühnenbild gesagt ist, das ist auch über die von mir behandelten Themata zu sagen; ich konnte auch den inneren Gehalt nicht gleich so frei zur Geltung bringen, dass er eine revolutionierende Kraft im radikaleren Sinne auszuströmen vermochte. Auch bei der Wahl und der Behandlung meiner neuen Themata, die zumeist eine Revolution in unsern Lebens- und Weltanschauungen anbahnen sollten, dürfte man mir mit Recht vorwerfen, dass ich noch lange nicht revolutionär genug vorgegangen sei. Ich bitte aber auch hierbei zu berücksichtigen, dass nicht Alles auf einmal geht, und bitte auch dem, was ich inhaltlich biete, wenns auch nur wie Anfänge anmutet, ein geneigtes Ohr und Auge entgegenzubringen. Ich hoffe, dass es mir später gelingen wird, auch inhaltlich so neu zu sein, dass man das Eigenschaftswort »revolutionär« für diese Theaterbibliothek als ein berechtigtes ansehen könnte.
Der in diesem ersten Bande zum Abdruck gelangte »Rübezahl« geht in der Ausgestaltung des äusseren Bühnenbildes ganz in den bislang gewohnten Bahnen und eignet sich zur Einführung in diese »revolutionäre« Theaterbibliothek besser als jedes meiner anderen Stücke; dieser »Rübezahl« ist auch inhaltlich so gehalten, dass das revolutionäre Element nicht als gravierender Bestandteil zur Geltung kommt.
Selbstverständlich soll ein derartiges Experiment mit den alten Formen nicht zum zweiten Male in dieser Bibliothek zur Ausführung gelangen.
Der Verfasser Charlottenburg 18. Dezember 1905

Wir fuhren mit dem Dampfer nach Spitzbergen. Und als wir zu den Orkney-Inseln kamen, wurden die Felsen auf allen Seiten immer schroffer und wilder. Und ich hatte die Empfindung, daß sich die Felsen uns nähern wollten.
Und so wars auch. Das heißt, wir fuhren sehr bald durch einen ganz engen Kanal, in dem die Felsen rechts und links wie in gewaltigen Irrgängen hoch emporragten, so daß man vom leuchtenden blauen Himmel ganz hoch oben nur einen schmalen Streifen sah.
Es war im letzten Sommer.
Neben mir saß ein sehr fideler Ingenieur - Victor Hannemann hieß er. Und in diesem gigantischen Felsentorweg sprach dieser Herr Hannemann über das Technische im Theater.
»Wissen Sie«, fragte er lachend, »daß wir vor zwanzig Jahren als Schüler der Technischen Hochschule in Charlottenburg mächtig stolz waren? Wir sagten immer: die Technik kann alles - besonders auf der Bühne - da ist der Technik nichts unmöglich - rein gar nichts.«
Ich blickte zu den Felsen empor - und sah da plötzlich Vögel - aber es waren viele Millionen - und ganz große Vögel, die von den Fischen des Meeres lebten. Sie saßen da ganz gemütlich auf den vielen Klippen und blickten ruhig auf unsern Dampfer herunter.
Herr Hannemann sah auch die vielen großen Vögel, ließ sich aber in der Entwicklung seines Theaterthemas nicht stören.
»Sie glauben gar nicht«, sagte er ganz ernst, »wie stolz wir damals waren. Und dann bin ich sehr oft ins Theater gegangen. Und dann wurde mir sehr bald vor der Göttlichkeit unserer Technik doch etwas seltsam zumute. Alles sollte die Technik können? Ebenso leicht könnte man sagen, daß die Kunst des Malers jede Landschaft vollständig wiedergeben kann. Nun - an diese Vollständigkeit der Kunstwerke glauben wir heute nicht mehr. Den ganzen Zauber dieser Felsen mit den unzähligen, ruhig dasitzenden Vögeln kann der Maler eben nicht geben - die Photographie - selbst die fertigste - kanns auch nicht. Darum sollte man aber vom Techniker ebenfalls nicht verlangen, daß er alles auf der Bühne kann. Der Techniker sollte sowas auch nicht mehr von der Technik behaupten. Trotz alledem geht aber heute der Techniker auch auf der Bühne in allen Dingen voran.«
»Aha«! sagte ich leise, »die Einleitung war aber ein wenig umständlich. Sie hätten auch noch von Wagners Lindwurm sprechen können. Der hat das Ansehen der europäischen Technik auch nicht viel gesteigert.«
»Schon richtig«, versetzte der Herr Hannemann, »aber trotz alledem bleibe ich bei meiner Überzeugung: auch auf der Bühne hat der Techniker heute das erste entscheidende Wort - wie auf allen anderen Lebensgebieten. Sie werden doch zugeben, mein Herr, daß die Bühnenwerke aus den verflossenen Jahrhunderten heute nicht mehr große Anziehungskraft besitzen. Man will doch etwas Neues. Nun - die Herren Dichter sind allein nicht in der Lage, wirklich etwas Neues zu schaffen. Das wissen Sie doch, mein Herr, noch viel besser als ich. Also: wer nur kann hier helfen? Sie werden doch zugeben, daß hier nur der Techniker helfen kann. Er muß eben das bislang auf der Bühne verwertete Darstellungsmaterial bereichern oder umgestalten, nicht wahr«?
»Wie denken Sie sich das«? fragte ich ganz leise und sah dabei, wie große Vogelschwärme plötzlich ihre Felsensitze verließen und rauschend zum Himmel emporstiegen. Herr Hannemann antwortete mir nach einer Weile, als das Flügelrauschen nicht mehr so laut zu hören war:
»Wie in der Textilindustrie die Ornamentik durch die Beschaffenheit der Webstoffe verändert wird, so gibt auch auf der Bühne die Wandlungsfähigkeit der Lichteffekte und der Kulissenkunst Veranlassung, neue Pfade in der dramatischen Kunst aufzusuchen. Zum Beispiel: ist der Techniker in der Lage, Wesen aus der vierten Dimension vorzuspiegeln, so werden sofort Stücke mit vierdimensionalem Wesen geschrieben werden. Augenblicklich sind wir ja in der Technik noch nicht so weit. Aber das Beispiel ist wohl einleuchtend. Wenn der Techniker Glaswände auf der Bühne einführt, mit denen man ganz neue Farben-, Licht- und auch Geistereffekte hervorbringen kann - so ist doch die große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß bald diesen Glaswänden entsprechende Thea-
terstücke geschrieben werden dürften.«
»Sie wollen also ein Glastheater mit Licht- und Schattenspielen gründen, nicht wahr«?
Also fragte ich scharf und sah Herrn Hannemann durchdringend an.
Der aber sagte lächelnd:
»Wenn Sie zugeben, daß die Technik auch auf der Bühne den Vortritt hat, so bin ich gerne bereit, ein Glastheater zu gründen. Aber mit dem Glase allein ist es noch nicht getan. Es ist auch nötig, die Bühnen zu erobern. Es ist zu langweilig, daß man auf der Bühne immer noch nicht fliegende Personen auftreten läßt. Die Fliegenden treten natürlich nicht auf. Aber Sie verstehen mich wohl.«
»Ich verstehe«, sagte ich heiter, »Sie wollen die ganze Kulissenkunst revolutionieren. Sie haben sicherlich auch ein anderes Material für die Kulissen erfunden. Ist es so leicht wie
Wolken? Das wäre sehr leicht transportabel.«
»Alles«, versetzte nun sehr ernst der Ingenieur, »kann die Technik auch heute noch nicht. Aber sie kann viel viel mehr, als das Theaterpublikum ahnt.«
Er sprach noch viel mehr - aber alles will ich heute noch nicht verraten.

In Berlin muß doch sehr viel überflüssiges Geld existieren, denn hier werden immer wieder Gründungen arrangiert, die einen pekuniären Vorteil bei dem besten Willen aller Beteiligten nicht abwerfen können.
So erhielt ich vor acht Tagen ein Handschreiben von einem neuen Theater-Bureau mit folgendem Wortlaut:
Hochgeehrter Herr!
Sie wissen wohl schon längst, daß in Deutschland viel mehr Dramen geschrieben als aufgeführt werden. Das ist sehr beklagenswert - besonders für die verehrliche Autorschaft. Von hunderttausend Dramen, die in Deutschland geschrieben werden, kommen gerade nur zehn Stück zur Aufführung. Und diese Aufführung wird in sehr vielen Fällen noch auf Kosten der verehrlichen Autorschaft durchgesetzt.
Diesem beklagenswerten Zustande wollen wir nun zu begegnen versuchen.
Es ist naturgemäß nicht möglich, alle Theaterstücke, die geschrieben werden, auch auf einem Theater zur Aufführung zu bringen. Das würde uns - wir haben es sehr genau kalkuliert - mindestens fünf Milliarden deutscher Reichsmark jährlich kosten. So viel Geld haben wir leider vorläufig noch nicht.
Aber ein anderes ist möglich zu machen. Wir können eine ganze Reihe von Stücken in abgekürzter Form bringen. Durch Abkürzungen dürften sehr viele Theaterstücke eine größere Wirkung erzielen, als in der langen Originalfassung. Warum sollte sich ein Theater mit abgekürztem Verfahren in Berlin nicht halten können?
Wir haben hundert unbeschäftigte Dramendichter engagiert, die das Abkürzen binnen drei Tagen bewerkstelligen können.
Das Honorar für die Abkürzung ist ein sehr mäßiges und wird von Fall zu Fall durch unsern geschäftlichen Verwaltungsrat festgesetzt.
Wir bitten Sie nunmehr um Einsendung ihrer Stücke, damit wir Ihnen die Höhe des Kürzungshonorars mitteilen können.
Die Hälfte des Honorars erbitten wir vor Beginn der Kürzung, die zweite Hälfte nach vollendeter Kürzung. Für den Erfolg leisten wir fachentsprechende Garantie. Unsre Dichter haben bereits verschiedene Dramen von Shakespeare zweckentsprechend gekürzt. Diese gekürzten Dramen liegen in unserm Bureau zur Ansicht aus. Wenn es Sie interessiert, diese Kürzungen zunächst kennen zu lernen, so bitten wir Sie sehr, uns in unserm Bureau zu besuchen. Durch die sehr lebendige Situation, die wir auf der Bühne schaffen können, ist eine Verständigung des Publikums sehr leicht möglich und oft in anderthalb bis zwei Sekunden zu erzielen, so daß unsäglich viele Worte, die in den bisher geschriebenen Theaterstücken zu lesen sind, auf der Bühne gar nicht gesprochen zu werden brauchen.
Daß dem so ist, werden Sie aus unsern Shakespeare-Kürzungen ersehen.
Wir bitten Sie sehr, unsre durchaus wohlgemeinte Offerte nicht als Scherz anzusprechen; uns geht das Wohl und Wehe der dramatischen Autorschaft zu Herzen. Und wir haben deswegen ein erhebliches Kapital für die Einrichtung unsres Bureaus geopfert und hoffen, daß wir das nicht vergeblich getan haben.
Vergeblich aber hätten wir's getan, wenn uns die Unterstützung der verehrlichen Autorschaft versagt würde.
In ausgezeichneter Hochachtung
ganz ergebenst
Friedrich Hasenklever & Co.
Theater-Bureau: Berlin W.O.
Die Sache klingt unglaublich. Aber ich kann dieses Schreiben jedem Ungläubigen in der Originalfassung vorlegen. Es ist tatsächlich nicht daran zu zweifeln. Nun habe ich mich immer bemüht, möglichst kurze Stücke zu schreiben. Es berührt mich daher etwas eigentümlich, daß man auch meine kurzen Stücke einem abgekürzten Verfahren unterwerfen möchte.
Die abgekürzten Shakespeare-Dramen habe ich noch nicht kennen gelernt. Aber ich begrüße diese Abkürzungen mit großer Freude. Shakespeare nimm doch auf der deutschen Bühne einen zu großen Platz ein.
Auch ist es für die Darsteller sehr erfreulich, daß ihnen jetzt nur ein kürzeres Rollenstudium zugemutet werden kann.
Köstlich ist es auch, daß in Berlin noch immer so viel Unternehmungsgeist herrscht. Leider vermisse ich die näheren Angaben über das neue »abgekürzte« Theater. Für die abgekürzten Stücke muß doch ein neues Theater gegründet werden - ohne das geht's doch nicht. Ich empfehle jedenfalls den Titel »Kurze Bühne«. Oder - sollte sich »Preußisches Theater« eignen? Das Preußentum war doch immer sehr kurz angebunden. Und »schneidig« müssen die abgekürzten Stücke doch wirken - wie alles Preußentum.

Personen:
Vater
Mutter
Tochter
Deren Bräutigam
Deren Jugendfreund
Ein Arzt
Eine Kammerzofe
Fünf Herren
Die Handlung spielt auf der Erde
Zeit: Vergangenheit
Auf jeder der drei weissen Wände ein gemalter rotbäckiger Riesenapfel in der Mitte.
Rechts ein Peluche-Sessel, links ein Peluche-Sessel im höheren Beamtengeschmack der Vergangenheit. In der Mitte eine Versenkung, von der anfänglich noch nichts zu sehen ist.
Rechts Mutter, links Tochter - beide weinend.
Der Vater tanzt von der einen zur anderen seinen Verzweiflungstanz.
In der Musik viel staccato.
Dann geht der Vater hinten schnell ab und kommt schnell.
wieder - und aus der Versenkung steigt der Bräutigam mit Cylinder, Frack, Bouquet und weissen Handschuhen heraus.
Ringwechsel. Segen.
Doppelter Hochzeitswalzer.
Hinten rechts und links abwalzend. Dann erscheint die junge Frau aus der Versenkung heraus sitzend auf einer Fussbank — fünf Herren aus dem Hintergründe - die fünf umtanzen die junge Frau.
Der Ehemann erscheint auch, ist aber furchtbar gemütlich und tanzt mit.
Dann veranlasst die Frau den Ehemann, sich auf die Fussbank zu stellen. Die fünf Herren gruppieren sich im Kreise um den Ehemann. Die Frau umtanzt die sechs Herren, und die versinken dabei allmählich, sodass sies erst bemerken, als sie halb unten sind - sie wüten - die Dame lacht und setzt sich auf den linken Sessel.
Melancholische Erinnerungsmusik.
Der Jugendfreund mit blondem Vollbart in Sammetjoppe steigt aus der Versenkung langsam heraus - Sie setzen sich zusammen vorne in der Mitte auf die zusammengestellten Sessel.
Da kommt der Ehemann hinter ihnen aus der Versenkung raus- reisst die Sessel aus einander. Der Ehemann hat einen Dolch in jeder Hand, reicht den einen dem Jugendfreunde - die Herren duellieren sich mit den Dolchen - die Frau wirft sich im entscheidenden Moment dazwischen und wird aus Versehen von beiden Duellanten erdolcht.
Rammerzofe mit Waschbecken - Arzt mit langen Handtüchern umwickelt die Verwundete, sodass sie bald wie ein Wickelkind oder wie eine Mumie aussieht.
Ehemann und Jugendfreund umarmen sich - erstrer. gibt diesem seine Frau und segnet sie - und geht mit der Zofe ab
Der Arzt ist ganz verblüfft - und will die Bezahlung - das können die beiden nicht - der Jugendfreund zeigt leeres Portemonnaie - die Frau kann infolge der Umwicklung nicht an ihre Taschen ran.
Glücklicher Weise kommen die Eltern und bezahlen und beglückwünschen mit Ropfschütteln und Hintermohrkrauen das neue Paar.
Während die Eltern sich rechts und links in den Sessel fallen lassen und sich den Angstschweiss abwischen - umarmt sich das neue Ehepaar in der Mitte und sinkt langsam in die Versenkung - während der Vorhang auch sinkt.
Nach diesem »Schema Sophie« lassen sich die meisten Theaterstücke der Vergangenheit leicht in Pantomimen verwandeln, die - vollkommen verständlich - das Beachtenswerte in diesen Theaterstücken auch ohne Worte zum Ausdrucke bringen. Die Pantomimen dürften ihrer Kürze wegen in den meisten Fällen den Wortdramen vorzuziehen sein. Die Pantomimen rücken zudem das dramatische Element in eine neue Beleuchtung, sodass schon dieser wegen die alte Wortfassung in den meisten Fällen baldigst aufzugeben wäre.

»Wir haben Schattenspiele, und wir haben Lichtspiele. Aber Farbenspiele haben wir auf der Bühne, wenn wir von den Kaleidoskopgeschichten der Laterna magica absehen, eigentlich noch nicht erlebt; die Farbe kommt zur vollen Wirkung erst durch den Brillanten und durch das Glas.«
Also sprach - nicht etwa ein Glasermeister - sondern der bekannte Theaterdirektor Roderich Bäcker. »Sehr deutlich«, sagte ich nun, »ist das, was Sie soeben sagten, wohl eben nicht. Brillanten sind auf der Bühne zu Tausenden getragen worden. Ich glaube, es gibt auf der Erde keinen einzigen Brillanten, der nicht wenigstens einmal auf einer Bühne gefunkelt hätte. Und - Glas ist doch auch oft auf der Bühne gesehen worden. Und - ohne Glas keine Farbe? Ei, da werden sich ja die ölmaler freuen, wenn sie das hören. Und in den Lichtspielen sollen keine Farben gewesen sein?«
Der Herr Direktor schlug mit der Faust auf den Tisch, daß ein Champagnerglas umkippte und auf der glatten schwarzen Tischplatte zerschellte.
»Ei! Ei!« rief ich da, »wollen Sie mir durch Gläserzerschlagen Ihren Glasfanatismus deutlich machen?«
Er lächelte und sagte dann eilig:
»Seien Sie doch nicht so furchtbar schwerfällig. In den Lichtspielen, die Sie gesehen haben, sollen die Farben eine große Rolle gespielt haben? Das glauben Sie ja selber nicht. Und - auch die Farben eines Makart und Böcklin in allen Ehren - aber die Farbe als solche kommt in der Glasmalerei schlechterdings besser zur Wirkung als in allen Ölfarben der Welt. Das ist nun mal meine Meinung, von der ich nicht abzubringen bin. Und die Brillanten am Körper der Darstellenden sind bislang nicht Faktoren einer Bühnenarbeit gewesen. Machen Sie doch nicht Spaße. Ich will im vollen Ernste das Glas als Darstellungsfaktor auf die Bühne bringen - es soll nicht nur als dekorative Begleiterscheinung da sein. Verstehen Sie denn immer noch nicht, was ich will?«
»Reine Ahnung!« versetzte ich wehmütig. Der Herr Direktor schlug mit seinem Rohrstock auf den Tisch und befahl dem Kellner in tiefsten Baßtönen, die Glasscherben fortzunehmen, und fuhr dann, zu mir gewandt, leise, aber sehr hastig fort:
»Stellen Sie sich mal sogenannte Schattenspiele mit durchsichtigen und nichtdurchsichtigen Glasplatten vor. Auf diesen Glasplatten, die jede Farbe zeigen können, lassen sich Schatten von farbigen Gläsern raufwerfen. Da haben Sie plötzlich farbiges Schattenspiel. Wollen Sie noch mehr? Sind mit diesen farbigen Schatten nicht außerordentliche Stimmungen zu erzeugen? Gibt das in der Theaterkunst nicht eine ganz neue Richtung, in der das Glas die dominierende Rolle spielt? Wollen Sie noch mehr? Ich bedaure Sie, wenn Sie die Perspektiven, die ich sehe, noch nicht sehen können. Das Glas-Theater ist das größte Ereignis dieser Saison. Die Glaswände brauchen nicht so groß zu sein - zwei bis drei Meter in der Breite dürften genügen.«
Er sprach noch viel mehr. Die erste Aufführung des Glas-Theaters soll demnächst stattfinden.

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