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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Der gute König

Eine Klostergeschichte

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

In dem sattsam bekannten Heibranenlande, das südöstlich von Europa zu finden ist, lebte vor vielen Jahren ein alter lustiger König, der sich Iwan nannte. Er hatte sich in seiner Jugend diesen Namen gegeben, um seinem Volke mehr zu imponieren; er dachte dabei an Iwan den Schrecklichen und glaubte, man würde ihn auch des Namens wegen für einen schrecklichen König halten. Doch daraus wurde nichts, denn der Iwan war gut und blieb gut. Und das gefiel auch den Heibranen, die er beherrschte, so gut, daß dem guten König kein Mensch seines Namens wegen böse war.

Unter Iwans Regierung nahm der Wohlstand tüchtig zu; die Zahl der dicken Untertanen wurde täglich größer. Handel und Industrie blühten wie im Treibhause. Die Staatseinnahmen schwollen mächtig an. Und die Üppigkeit wucherte im Öffentlichen wie im Geheimen.
Iwan sagte öfters zu seinen Räten: »Jetzt muß doch eigentlich mein ganzes Volk sehr vergnügt und glücklich sein. Jetzt muß es doch.«
Nach diesen und ähnlichen Worten nahm der Herrscher gewöhnlich eine große Prise aus seiner mit vielen Diamanten besetzten goldenen Schnupftabaksdose.

Und wenn der König dann öfters niesen mußte, so sagte er zu seiner Umgebung mit Tränen in den Augen: »Sehen Sie, meine Herren, das muß ich beniesen; demnach ist es wahr.«

Widerspruch gab's nach solchen Worten nicht, da sich der gute König den Widerspruch ein für alle Male verbeten hatte.
Nun gab's aber trotzdem im Heibranenvolke viele Leute, die keineswegs mit den wohlgenährten Zuständen des Landes zufrieden waren; diese Unzufriedenen behaupteten, daß dem Volke die geistige Regsamkeit ganz und gar abhanden gekommen sei — und daß der Teufel Stumpfsinn überall eingekehrt und nicht wegzukriegen sei.

Die dieses behaupteten, waren nicht gerade die Männer der Wissenschaft, denn sie sind an eine große Menge Stumpfsinn gewöhnt — es waren zumeist solche Leute, die mit der Feder auf Papier ihre Gedanken und Einfälle aufzeichneten und hernach drucken ließen. Außerdem gab's auch viele Bildhauer, Maler, Musiker und Baumeister unter den Unzufriedenen. Man konnte diese wohl die Dichter und Künstler des Landes nennen, wenn man diese beiden Bezeichnungen im weiteren und weitesten Sinne hinnimmt.

Kurzum: die Dichter und Künstler sagten: »Nee — so geht's nicht weiter. Dieses Volk versteht gar nichts mehr. Wenn man ihm den größten Unsinn vorsalbadert, so hört es ebenso großäugig zu, als wenn man ihm die lustigsten Einfälle vorträgt. Wenn man sagt, sie sollen lachen, so lachen sie wohl. Und wenn man sagt, sie sollen weinen, so weinen sie auch. Aber sie wissen nicht mehr, warum sie lachen und weinen; sie können eben nicht mehr nachdenken — das gelingt ihnen nicht mehr. Wahrscheinlich werden sie von den vielen Geschäften ganz und gar in Anspruch genommen, so daß in ihrem Innern für sogenannte geistige Interessen kein Raum mehr ist. Solchem oberfaulen Volk aber immerzu köstliche Kunstwerke und verblüffende Dichtungen vorzusetzen — das wird allmählig langweilig. Deshalb wollen wir, die wir jenseits von Geschäft und Appetit auch noch was Anderes vom Leben haben wollen, uns zurückziehen — und zwar so zurückziehen, daß wir von dem dämlichen Volk nicht weiter berührt werden. Es ist immer sehr peinlich mit solchen Leuten, die uns nicht folgen können, zusammenzukommen — wie leicht kann man dadurch ebenso dumm werden — wie die Dummen.«

Und eines Tages trug man dem König Iwan diese hübschen Gedankengänge in feinster Form mit zierlichen Redensarten köstlich überzuckert in langer Audienz würdevoll mit gebeugtem Rücken und delikaten Handbewegungen ehrfurchtsvoll vor.
Der König schmunzelte, klopfte dem Redner freundlich auf die Wangen, ließ sich Alles umständlich noch mal vortragen und dann wieder noch mal — und dann noch zum vierten Male. Und da verstand er dann plötzlich und rief lachend: »So sag ich Dir, Mensch, wie Hamlet zu Ophelia sagt: Geh in ein Kloster! Geh in ein Kloster!«

Alle lachten natürlich sehr. Und der König lachte gleichfalls, daß ihm die Tränen über die dicken Wangen rollten.
Dann aber rief er ganz ernst mit schrecklich dröhnender Stimme und mit erhobenen Armen: »Ihr müßt allesamt in ein Kloster!«
Widerspruch gab's nicht, denn den hatte sich ja der König ein für alle Male verbeten.

Indessen — jetzt stellten einzelne Redner fest, daß sämtliche Klöster auf der Erdrinde festsäßen und daher leicht von den anderen Menschen zu erreichen seien; diese, sagte man, würden bald aus Neugierde die Klöster aufsuchen, um die eingeklosterten Dichter und Künstler näher in Augenschein nehmen zu können. Die Klöster würden demnach die gewünschte Isolierung nicht hervorbringen.

»Ich will«, versetzte da der König Iwan, »nicht annehmen, daß in diesen Worten ein Widerspruch steckt.«

»Nein! Nein!« riefen die Versammelten ängstlich.

»Nun gut«, fuhr darauf der gute Iwan fort, »Ihr wollt also Alle in ein Kloster gehen. Ihr habt an dem Kloster nur auszusetzen, daß es an der Erdrinde festsitzt; Hm! Ich aber, der ich ein guter König bin, will Euch gar nicht in ein Kloster stecken, das an der Erdrinde festsitzt; ich will Euch in ein Kloster stecken, das mit Luftballons hoch in die Lüfte hinaufgetragen werden kann. Dadurch werdet Ihr doch wohl genügsam isoliert sein. Auch Ihr sollt vergnügt und glücklich sein. Ich wünsche, daß mein ganzes Volk vergnügt und glücklich ist. Donnerwetter noch mal! Weh dem, der mir widerspricht!«

Alle waren ganz verblüfft — dann aber sahen sie ein, wie gut es der König mit ihnen meinte — und da riefen sie mit einem Male wie aus einer Kehle: »Hoch lebe der gute König Iwan! Hoch! Hoch!«

Iwan setzte sich auf seinen Diwan und lachte und sagte lachend: »Nee, nee, Kinder! Ihr sollt hoch leben.«

Darauf nahm er eine Prise, und nachdem er geniest hatte, sagte er wieder: »Sehen Sie, meine Herren, das muß ich beniesen; demnach ist es wahr.«

Na — Widerspruch gab's nicht, und so wurde das fliegende Kloster gebaut.

Und das ganze Heibranenvolk jubelte, als es die Dichter und Künstler in die Lüfte emporsteigen sah.

Natürlich — so leicht auch das fliegende Kloster gebaut war — allzu hoch konnte es nicht steigen, da es ja der vielen Insassen wegen einen ziemlich großen Umfang besaß.

Die Eingeklosterten freuten sich nun anfänglich über die Isolierung und über die prächtige Aussicht ganz außerordentlich. Und auch die Erneuerung der dünnen Luft in den Luftballons, die alle Sonnabend vorgenommen wurde, machte Allen recht vielen Spaß.

Nun blieb aber das fliegende Kloster den Heibranen alle Zeit sichtbar, und da nun die Dichter und Künstler daran gewöhnt waren, den Heibranen, obschon diese mit ihren großen Augen nicht sehr klug in die Welt hineinschauten, immer wieder was Neues vorzumachen oder vorzureden —so kamen die Dichter und Künstler darauf, auch von ihrem fliegenden Kloster herab die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu lenken.

Und so wurden allnächtlich prächtige Illuminationen mit kolossalen Scheinwerfern und vielen pyrotechnischen Explosionskörpern arrangiert. Und diese Nachtlichtarrangements hatten immer wieder einen neuen symbolischen Wert und wurden immer heller und leuchtender. Und das Heibranenvolk fand an dieser Kunstart immer mehr Gefallen, so daß alle Leute, die unten auf der Erdrinde lebten, bald nur noch am Tage schliefen und des Nachts zum fliegenden Kloster mit großen Augen emporschauten — natürlich nicht mit großem Verständnis — doch dafür mit um so größerer Begeisterung.

Diese Begeisterung gefiel aber nicht allen Klosterleuten, viele fanden, daß die Lichtspäße die Nachtruhe raubten und die Aussicht in die Sternenwelt unangenehm behinderte. Diese unzufriedenen Klosterleute waren aber die angesehensten; es kam daher bald so weit, daß man die Lichtspäße einschränkte und zuweilen ganz beseitigte.

Dafür arrangierten die Musiker des Klosters eine Kolossalmusik, in der unter anderem ganze Riesenbaiions als Pauken benutzt wurden, so daß diese Kolossalmusik über das ganze Land scholl.

Aber da oben im Kloster tönte die Musik — einfach ohrzerreißend.

Das ließen sich selbstverständlich die Nichtmusiker nicht gefallen, kletterten eines Nachts mit hurtiger Gewandtheit an langen Stricken zur Erdrinde hinunter und liefen zum guten König Iwan und klagten diesem ihr Leid.

Der gute Iwan saß gerade auf seinem Diwan und verzehrte ein kaltes Schneehuhn; es dauerte sehr lange, bis er verstand, was die erregten Dichter und Künstler wollten.

Als er aber begriffen hatte, was man ihm sagte, wischte er sich mit seiner Serviette den Mund ab und sagte feierlich: »Dann müssen wir eben ein zweites Kloster bauen. Ihr müßt eben in zwei Lager geteilt werden. Man kann nicht Allen zugleich gefallen. Entweder gefallt Ihr Euch untereinander und seid damit zufrieden — oder Ihr verzichtet darauf, einander zu gefallen, und gefallt nur dem Volke. Die Ersteren müssen in ein neues Kloster, in dem kein Volksklimbim gelitten wird. Und die Letzteren, die auch dem Volke gefallen und von diesem bemerkt sein wollen, bleiben in dem alten Luftkloster. Ich will, daß alle meine Untertanen vergnügt und glücklich sind. Donnerwetter noch mal!«

Da holte man den Dackel.

Und dann wurde das zweite Luftkloster gebaut, in dem Ilhunination und Riesenmusik nicht gelitten wurden. ^Das zweite Kloster ging bald ganz still durch die Luft, und nur nach unten fielen acht bewegliche Scheinwerfer herunter, die die Aussicht in die Sternenwelt nicht behinderten.

Die acht Scheinwerfer bewegten sich wie große Gespensterbeine, und die Heibranen, die unten auf der Erdrinde lebten, erschraken immer, wenn sie nachts die Gespensterbeine des »stillen« Luftklosters erblickten.

Die acht Scheinwerfer waren ganz weiß und bewegten sich rhythmisch wie Beine — wie Gespensterbeine.

Bilder von Paul Scheerbart


 

Die gemütliche Gesellschaft

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Mein Onkel, der berühmte Beilachini, schrieb mir in der vorigen Woche folgendes:

»Lieber Neffe! Ich bin noch immer in Berlin. Komme mit Deiner Frau am nächsten Sonntag ins Hotel de Rome. Ich habe eine gemütliche Gesellschaft zusammengebracht. Wenn Ihr auch kommt, sind wir acht. Frau Cleopatra aus Ägypten ist da, ferner Frau Messalina aus Rom und Frau Ninon de PEnclos aus Paris. Captain Marryat, der bekannte Romanschriftsteller, erscheint mit einem alten Neger, der in türkischer Admiralsuniform alle Welt immer ^überraschen möchte, ohne seinen Namen zu nennen. Frage ihn ja nicht nach seinem Namen, sonst wird er ungemütlich. Ich will nur Oh sagen, dann wirst Du wohl wissen, wer dieser Neger ist. Seid pünktlich! Um zwölf Uhr nachts! Wir wollen über das alte Jahr und auch über das neue Jahr plaudern. Mit Geistergrüßen bin ich Euer Onkel B.«

Wir waren natürlich pünktlich im Hotel, und die ändern waren ebenfalls pünktlich da. Frau Cleopatra hatte ganz altes und ganz echtes ägyptisches Bier gesandt. Die Austern schmeckten dazu famos. Die drei alten Damen hatten riesige Ballonärmel.

»Mode vom Jahre 1910«, sagte Frau Cleopatra, »Ihre Frau trägt wohl noch die Mode vom Jahre 1909.«

Meine Frau errötete, und ich sagte schnell, um keine Ungemütlichkeit aufkommen zu lassen: »Sie wollte nicht, um bescheiden den berühmteren Damen den Vortritt im Modefortschritt zu überlassen.«

Die drei Alten verbeugten sich lächelnd, und dann kamen die Steinforellen.

»Welche Sensationen«, rief pathetisch Frau Messalina, »werden Sie anno 1910 erleben! Diese Dynamitkriege! Gleich mit 100000 Kriegern in einer Sekunde in unzähligen Stücken in die Luft zu fliegen! Ein königliches Amüsement! Und das kann jedem passieren. Ich beneide die Europäer, die heute noch leben. Schade, daß ich schon tot bin.«

»Mich«, sagte da Frau Ninon de PEnclos, »interessieren viel mehr die Sensationen, die man in den europäischen Parlamenten erleben wird. Da werden sich so viele totlachen. Ach, wie gerne würde ich mich auch im Jahre 1910 totlachen. Das geht nun leider nicht mehr.«

Als die Hühner von den Kellnern herbeigebracht wurden, rief Frau Cleopatra mit rauher, tiefer Stimme: »Im Jahre 1910 hätte ich mir ganz bestimmt nicht meine Schlange an den Busen gesetzt. Anno 1910 gibt's ja keine Langeweile mehr. Die Großstädte werden aufgelöst, die Parlamente werden aufgelöst, Heere und Flotten werden aufgelöst, die Sozialdemokratie will sich auch auflösen, da sie einsieht, daß sie nur eine Begleiterscheinung des veralteten Schießmilitarismus ist. Schließlich löst sich die ganze Erde auf. Oh! Sich da mitauflösen — das müßte herrlich sein! Schade, daß ich vor zweitausend Jahren so unvorsichtig mit meinem Reptil umging. Ich möchte heute wieder leben.«

»Geht nicht mehr, gnädige Frau«, sagte der Captain Marryat, »aber die Damen haben soviel vom Jahre 1910 gesprochen, daß ich nur noch von 1909 reden will — es war doch köstlich in diesem Jahre, daß noch so viele Millionen für die—Flotten bewilligt wurden.«

»Und darum«, rief der Neger mit der Faust auf den Tisch schlagend, »müssen die Flotten bestehenbleiben für alle Zeiten. Ich als alter Admiral gestatte, daß alles sich auflöst — aber die Flotten dürfen sich nicht auflösen. Was sollten denn die Admirale anfangen?«

»Sind Sie nicht«, fragte ich nun leise, »der berüchtigte Othello, der seine Frau auf Cypern durch Strümpfe erschlug, die mit Sand gefüllt waren?«

Der Neger wurde sofort ganz blaß, er zog seinen Säbel;

aber Bellachini erhob sein Zauberstäbchen, und der Säbel löste sich in Rauch auf.

Von Frau Messalina sah ich plötzlich nur den großen Mund, und der schrie: »Adieu, Sie!«

Und weg war die Dame.

Die ändern Geister verschwanden gleich darauf ebenfalls — sehr starke ägyptische, römische und französische Parfüms blieben als Rauchwolken zurück.

»Lieber Neffe«, sagte Bellachini, »wie konntest Du nur so unvorsichtig von den alten Strümpfen reden! Jetzt hast Du uns die ganze gemütliche Gesellschaft zerstört. Du scheinst überall alles auflösen zu müssen. Ich lade Dich nie mehr ein, sonst erlaubst Du Dir noch mal, mich aufzulösen. Es ist ein Jammer, daß wir nun allein sind.«


»Wenn ich nur das Schweigen mal lernen könnte!« rief ich mit Tränen in den Augen. Aber das half nichts.

Bilder von Paul Scheerbart


 

Luftquallen

Eine Entdeckergeschichte

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Vor acht Tagen besuchte mich ein Herr, auf dessen Visitenkarte der sonderbare Name »Crispin Dobberkatz« stand.

Der Herr sagte gleich: »Ich habe einen komischen Namen, das ist ein großes Unglück für mich; denn man lacht immer, wenn ich was erzähle. Außerdem bin ich ein geborener Amerikaner — aus Chicago. Und als Amerikaner werde ich auch nicht ernst genommen, weil man jetzt alle Amerikaner für Schwindler hält — Cook und Peary haben mir sehr geschadet.«

»Wodurch«, fragte ich da, »kann ich Ihnen also gefällig sein:—«

»Sie«, erwiderte er, »werden in jedem Falle immer ernst genommen. Ihnen glaubt man alles. Sie haben noch niemals die Unwahrheit gesagt.«
»Das weiß ich!« versetzte ich stolz und bot dem Herren eine meiner sehr langen Zigarren an.

Wir rauchten.

Und er fuhr fort: »Sehen Sie, die Sache liegt nun so:—Ich habe etwas Kolossales entdeckt. Aber — ich war ganz allein, wie ich's entdeckte; nicht einmal Eskimos hatte ich bei mir — wie Cook und Peary.«

»Haben Sie«, fragte ich da ganz ernst, »den Südpol der Erde entdeckt?«

»Nein«, erwiderte er.

Ich atmete auf.

»Das freut mich«, sagte ich leise, »denn wenn ich diese Entdeckung des Südpols für eine Tatsache hätte ausgeben sollen, so wäre mir zweifelhaft gewesen, ob mir alle Menschen glauben würden — die meisten hätten es ja wohl getan — alle aber bestimmt nicht.«

Der Herr Cripsin Dobberkatz kam nun zur Sache und sagte hastig — öfters stotternd: »Meine Entdeckung ist —darauf können Sie sich verlassen — viel großartiger als die Entdeckung des Nord— und Südpols zusammengenommen. Ich hatte im vorigen Jahre eine kleine Erbschaft gemacht. Und mit dem — mir zur Verfügung stehenden — Gelde ließ ich mir einen lenkbaren Luftballon bauen, an dem Motor und Propeller unter der Gondel arbeiten sollten. Ich wollte nicht geradeaus fliegen — ich wollte nur nach oben fliegen. Sie können sich die Sache wohl vorstellen, ich wollte hoch oben in der Luft, wenn die Auftriebskraft des Baiions nachließ, durch einen Motor unter der Gondel einfach /nachhelfen, um so hoch wie möglich zu kommen. Daß ich dadurch gewaltige Höhen erreichen mußte, schien mir sehr klar zu sein.«

»Mir auch!« bemerkte ich rasch, »das Experiment wird aber nicht billig gewesen sein. Von Ihrem Vermögen ist sicherlich nicht viel übriggeblieben.«

»Sie haben«, rief er feierlich, »den Nagel auf den Kopf getroffen. Nicht ein roter Pfennig ist übriggeblieben.«

»Trösten Sie sich!« rief ich lachend, »das geht anderen Leuten auch so. Wenn Sie nur nicht allzu viele Schulden bei Ihrem Experiment gemacht haben, dann geht's ja noch.«

»Leider«, gab er wehmütig zurück, »habe ich auch allzu viele Schulden bei dem Experiment gemacht.«

»Nun — dann«, versetzte ich hart, »bin ich sehr froh, daß ich nicht Ihr Gläubiger bin. Mit Schuldnern, die nichts besitzen, ist ganz bestimmt nicht viel anzufangen. Das weiß ich aus Erfahrung. Sie können mir's glauben; ich lüge nie — das wissen Sie ja schon, und ich — weiß das auch.«
Er runzelte die Stirn und schwieg ein paar Sekunden, dann aber fuhr er wieder hastig und stotternd in seiner Erzählung fort: »Die Mechaniker, die meinen Ballon zusammenbauten, haben mir sehr viel Geld abgenommen. Und schließlich habe ich ihnen noch alles, was sie machten, dalassen müssen als Pfand. Das ist das Bitterste für mich, ich bin gar nicht in der Lage, weiter zu experimentieren. Ich bin nicht in der Lage, Geldleuten meinen Höhenluftballon zu zeigen, so daß ich nicht weiß, wie ich es anfangen soll, meine Ideen durchzusetzen. Es glaubt mir ja niemand. Wenn jemand meinen Namen hört, fängt er gleich an zu lachen. Und — daß ich Amerikaner bin, kann ich doch nicht verschweigen. Das geht doch nicht.«

»Warum sollte das nicht gehen?« sagte ich lächelnd, »Sie sprechen ja fließend Deutsch. Außerdem glaube ich gar nicht, daß es Ihnen schadet, Amerikaner zu sein. Ihr allerdings etwas komisch klingender Name schadet Ihnen auch nicht. In Deutschland schadet er Ihnen ganz bestimmt nicht. Wir sind hier an das Komische so gewöhnt. Mein Name klingt doch auch komisch. Und — ein aparter Name läßt sich doch leichter behalten. Die Namen Müller und Schultze sind viel gefährlicher. Indessen — ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen helfen soll. Geldleute, die sich für Höhenluftbaiions interessieren, werden wohl zu entdekken sein. Aber — ich entdecke niemals Geldleute. Darauf können Sie sich verlassen. Ich spreche die Wahrheit.« '

»Glaub's ja!« rief Herr Crispin nun ebenfalls lachend, »aber Sie sollen ja auch gar keine Geldleute entdecken. Ich will ja ganz was anderes von Ihnen.«

»Na, dann erklären Sie«, sagte ich sehr laut, »sich nur deutlicher. Sind Sie denn mit Ihrem Ballon schon aufgestiegen?«

»Freilich«, rief er da mit leuchtenden Augen, »von diesem Aufstieg will ich Ihnen ja erzählen. Das ist ja das kolossale Ereignis in meinem ganzen Leben. Und daß niemand an das, was ich erlebte, glauben will, das ist ja der einzige Schmerz in meinem ganzen Leben. Und darum bin ich ja nur zu Ihnen gekommen. Ich wollte Sie bitten, eine Geschichte aus dem, was ich Ihnen jetzt mitteilen werde, zu machen.«

»Mit Vergnügen«, versetzte ich, »ich schreibe gern Geschichten. Aber — ich schreibe nur wahre Geschichten —keine Schwindelgeschichten. Sie müssen mir fest versprechen, daß alles, was Sie mir mitteilen, genau den Tatsachen entspricht und Lügen nicht enthält.«

»Darauf«, sagte er, »können Sie sich fest verlassen. Ich lüge auch nicht. Deswegen fühle ich mich ja so zu Ihnen hingezogen. Ich verspreche Ihnen feierlich, nur die lautere Wahrheit zu sagen.«

/Wir schüttelten uns gerührt die Hände, Dobberkatz traten zwei dicke Tränen in die Augen — mir nicht.
Ich wurde nun ungeduldig und wollte nun endlich erfahren, was dem Herrn aus Amerika passierte, ich sagte das, und er antwortete: »Ich will mich kurz fassen!«

»Davon merke ich noch nichts«, sagte ich bescheiden.

Er aber begann zu erzählen — mit leuchtenden Augen —folgendermaßen: »Ich stieg ganz allein in meinem Ballon auf, um die Gondel so wenig wie möglich zu belasten, und so erreichte ich sehr bald eine Höhe von ungefähr zehntausend Metern.«
»Ungefähr?« fragte ich.

»Ja«, sagte er, »ich hatte leider Meßapparate nicht mitgenommen — weil ich — ja — weil ich gar nicht die Absicht hatte, der Welt durch Erreichung einer besonderen Höhe zu imponieren. Ich wollte etwas anderes, ich wollte hoch oben neue Lebewesen entdeckend

Die letzten Worte schrie Herr Crispin, ich aber meinte ganz ruhig: »Wenn Ihnen das gelungen ist, so werde ich sehr viel darüber schreiben. Erzählen Sie nur weiter! Fassen Sie sich nur kurz!«

Und er faßte sich endlich kurz — also: »Ich setzte hoch oben meinen Motor unter meiner Gondel in Bewegung, wickelte mich fester in meinen Pelz, stieg mit meiner Gondel höher und erreichte mit meinen Händen meinen Luftballon, da die Gondel ja schneller hoch stieg, als der Bal—lon. Ich hielt nun den Ballon mit zwei leichten Stöcken, die ich nur zu diesem Zwecke mitgenommen, und stieg nun immer höher — ungefähr zwei Stunden hindurch.«

»Wieder dieses Ungefähr«, bemerkte ich unwillig.

Er aber sagte gelassen: »Die Zeitbestimmung ist gänzlich gleichgültig. Denn — sehen Sie! Jetzt sah ich das Ungeheuerlichste — ich sah aquamarinfarbige Riesenquallen.«

Er schwieg und sah mich an, und ich wollte nun eine Beschreibung dieser Quallen haben.

»Stellen Sie sich«, erklärte er da lebhaft, »zehn Meter breite, fast durchsichtige Seequallen vor — etwas hellbläulich und etwas hellgrünlich — wie Aquamarine sind. Aber sehr hell — fast durchsichtig. Diese Riesenquallen hatten vier Augen, die sie sofort, als sie mich sahen, wie Fernrohre vergrößerten. Die Fernrohre wurden wohl zwanzig Meter hoch. Das Tollste aber bemerkte ich unter ihrem Leibe — da faltete sich etwas auseinander — ein Propeller war's —ein natürlich angewachsener Propeller mit vier Flügeln. Diese Naturschraube setzte sich in Bewegung und brachte das Tier mit kolossaler Geschwindigkeit weiter. Und dann kamen sehr bald andere Quallen herbei — noch größere und auch kleinere — und alle die Quallen hatten natürliche Motorschrauben unter ihrem Leibe. Den Leib konnten sie in eine Kugel verwandeln. Die Schraubenflügel machten den Eindruck von Elfenbein, sie waren nicht größer als der Körper und konnten in diesen so hineingepreßt werden, daß sie ganz unsichtbar wurden. Nun starrten mich diese ungeheuerlichen Lebewesen, von denen viele sehr viel größer als mein Ballon waren, unheimlich mit ihren langen, an den Spitzen scharf smaragdgrün funkelnden Fernrohr—Augen mit großer Neugier an. Und ich starrte die Tiere gleichfalls an und wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich schlug mit den Händen herum und vergaß, daß ich Stöcke in den Händen hatte. So kam es, daß ich plötzlich mit dem Kopf gegen den Ballon stieß und so tief in den Ballon hineinkam, daß ich die Quallen nicht mehr sehen konnte. Ich hielt den Motor an, und da konnte ich mich nicht gleich von dem Ballon frei machen. Kurz und gut: ich sank, mit dem Kopf im Ballon, in die Tiefe. Und als ich den Kopf schließlich frei bekam, sah ich die Luftquallen nicht mehr. Und als ich nach meiner Landung auf der Erde mein Abenteuer erzählte, glaubte man mir nicht; man lachte mich einfach aus. Die Mechaniker wollten, ich sollte meine Schulden bezahlen; sie pfändeten mir Gondel, Ballon, Motor, Pelz und alles übrige, so daß mir nur so viel übrigblieb, um nach Europa zu Ihnen zu reisen. Ich möchte nochmals mit meinem Höhenluftbaiion aufsteigen. Wenn Sie eine Geschichte über das, was ich Ihnen erzählte, schreiben, so werden sicherlich einige Luftschiffer aufmerksam auf mich werden. Die Luftquallen müssen ja auch von anderen Leuten zu entdecken sein. Ich möchte, daß auch andere diese Luftungetüme entdecken. Sie blicken mit ihren Fernrohr—Augen offenbar immerzu in die Sternenwelt hinein. Vielleicht ist es möglich, diese Lebewesen zu uns hinunterzubringen. Jedenfalls müssen Sie eine Geschichte darüber schreiben, damit die Menschen erfahren, daß ich diese Luftquallen zuerst entdeckt habe. Diese Entdeckung ist doch mehr wert, als die Entdeckung des Nord— und Südpols.«

»Ist das alles wahr?« fragte ich nun.

Da versicherte er mir nochmals, daß alles, was er erzählt habe, wahr sei.

Und da kann ich nun nur so berichten, wie ich's mit dem Vorstehenden getan habe.

Ich weiß, daß Herr Dobberkatz ein Ehrenmann ist, dem ich eine Lüge nicht zutrauen kann.

Wenn Kapitalisten Herrn Dobberkatz unterstützen wollen, bin ich gern bereit, seine Adresse anzugeben.

   


 

Der blaue Himmel

Eine Garten—Novellette

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Frau Albertine von der Marwitz war sechsundneunzig Jahre alt und sehr reich.

Und sie saß in ihrem alten Park auf einer alten Gartenbank, und neben der alten Dame saß Dr. Groddeck, der erst dreiundzwanzig Jahre alt und sehr arm war.

Der Himmel war so blau wie ein dunkler Saphir, und in dem Ententeich vor der alten Gartenbank schwammen sehr viele kleine Enten herum. Es war sehr warm, obgleich es noch sehr früh war.

/Frau Albertine lächelte immerzu, und Dr. Groddeck sprach mit einem so wilden Eifer, daß er ganz rot im Gesicht wurde: »Sie können mir glauben, gnädige Frau, Sternwarten kosten sehr viel Geld. Das kann nicht von einzelnen aufgetrieben werden. Das ganze Volk — das ganze große Publikum — müßte für die Sache interessiert werden. Und das kann nur durch Bücher, Zeitungen, Broschüren und Ausstellungen geschehen. Denken Sie nur, gnädige Frau, wie viele Millionen für den Grafen Zeppelin aufgebracht wurden. Was für den Grafen Zeppelin getan wurde, das kann auch für die Sternwarte getan werden. Der >prakti—sche< Wert der Luftschiffe ist doch auch nur ein minimaler. Darüber muß man sich doch klar sein. Daß die Sternwarten absolut keinen praktischen Wert haben, kann man noch nicht einmal zugeben. Die Durchforschung unsrer Erdatmosphäre — unseres großen blauen Himmels — ist doch auch von einer gewissen Bedeutung. Wenn auch die Sternwarten etwas mehr kosten als die Luftschiffe — das schadet doch nichts. Dafür hält auch eine Sternwarte länger vor als ein Luftschiff. Das müssen Sie doch zugeben,

nicht wahr, gnädige Frau?« Dr. Groddeck hielt erschöpft inne.

Und Frau Albertine lächelte immer noch und sagte dann leise: »Und Sie, Herr Doktor, wollen Direktor in einer dieser Sternwarten werden?«
»Freilich«, erwiderte dieser, »wozu hätte ich sonst Astronomie studiert? Es ist durchaus notwendig, daß ich eine Stellung mit größerem Gehalt bekomme. Das Assistentendasein ist zwar sehr ehrenvoll, aber doch nicht sehr einträglich.«

»Ja«, fragte nun Frau Albertine, »wie denken Sie sich nun die sogenannte Propaganda im großen Publikum? Bleiben Sie nicht bei Andeutungen stehen; werden Sie so ausführlich wie möglich!«

Frau Albertine lächelte nicht mehr, sie erblaßte ein wenig und stützte sich vorsichtig auf die Seitenlehne der Gartenbank. Ein paar ganz kleine junge Enten schwammen ans Ufer.

Der Herr Doktor wußte sehr wohl, worauf er hinaus wollte, und er war daher sehr gerne bereit, gleich sein ganzes Herz auszuschütten.

»Mit der etwas langweiligen, astronomischen Rechnerei, sagte er hastig, »werden wir natürlich nicht das' Publikum ködern. Hier müssen ganz andere Seiten aufgespannt werden. Man muß dem Publikum den blauen Himmel mit blauen Wundern anfüllen, daß es neugierig, sehnsuchtsvoll und wohlwollend gestimmt wird.«

Frau Albertine lächelte wieder und sagte: »Die trocknen Wissenschaften verstehen das aber doch nicht so recht. Ihr Ton ist so selten hinreißend. Die Geschichten vom Mars sind schon ein wenig veraltet. Der blaue Himmel ist zwar sehr groß und leuchtend. Aber ich fürchte doch, daß er allen Menschen zu fern erscheinen wird — zu weit abgelegen. Auch ist er nicht sehr beweglich. Die Luftschiffahrt durfte gleichzeitig auf ein sportliches Interesse rechnen, und das — fehlt den Astronomen. Ich fürchte, die werden nicht die genügende Intensität besitzen, um ein größeres Publikum mitzureißen.«

»Ganz recht, gnädige Frau«, sagte Dr. Groddeck schmunzelnd, »ganz so dachte ich auch. Und deswegen müssen wir uns nach einer Unterstützung umsehen — die müssen wir finden — und wir werden sie finden.«

»Wo denn?« fragte Frau Albertine etwas müde.

»In der Literatur und Kunst!« versetzte trocken Herr Dr. Groddeck.

Frau Albertine von der Marwitz sah ihn verständnislos an, und er fuhr fort — wieder sehr hastig: »Gnädige Frau, ich verstehe Ihr Staunen. So ohne weiteres geht das natürlich nicht. Literatur und Kunst müssen natürlich in ganz besonderer Weise zunächst angeregt werden. Aber Sie werden doch zugeben, gnädige Frau, daß der Mars sehr viele —sogenannte Romane — hervorgebracht hat. Nicht nur Flammarion, Wells und Laßwitz haben über den Mars geschrieben — auch hundert andere. Da kann man doch noch auf mehr hoffen. Ich bin der festen Überzeugung, wenn man nach anderen Richtungen hin Anregungen gäbe, könnten wir sehr bald eine umfangreiche Literatur haben, die eigentlich nur den Astronomen nützen würde.«

Frau Albertine schloß die Augen und fragte tonlos: »Wie denken Sie sich diese Anregungen nach anderen Richtungen hin?«

Da verließen vier kleine Enten das Wasser und näherten sich der alten Gartenbank. Dr. Groddeck warf ihnen ein paar Semmelkrumen zu und fuhr dann fort: »Außer dem Mars gibt es doch noch recht viele andere Wunder im blauen Himmel. Ich will gar nicht vom Orionnebel und vom Andromedanebel reden. Wir können ruhig in unserem Sonnensystem bleiben. Die Atmosphäre über der Erd—Oberfläche ist mindestens hundert deutsche Meilen hoch. Man hat in einer Höhe von hundert Meilen elektrisch leuchtende Wolken entdeckt — und in derselben Höhe leuchteten Sternschnuppen auf und verschwanden wieder da oben. Hundert Meilen über der Oberfläche unseres Sternes! Welch ein Riesenraum dieser Oberfläche gegenüber! Das muß den Romanschriftstellern klargemacht werden, damit sie in diesem Riesenraume fürderhin ihre Geschichten sich entwickeln lassen. Dieser Luftraum ist wahrscheinlich nicht so still wie ein Friedhof. Der blaue Himmel wird tagtäglich von zehn Millionen Meteoren durchsaust. Es können auch viel mehr sein. Und wir dürfen uns diese Meteore nicht als simple Stoffklumpen denken. Was von ihnen zu uns herunterfällt, ist so minimal, daß man daraus keinen Schluß ai/f das Ganze der Meteorkörper ziehen darf. Hierüber muß geschrieben werden — auch von den Zeitungen — immerzu.«

»Was denn?« fragte Frau Albertine, indem sie die Augen aufschlug und die vier kleinen Enten wieder in den Teich hineintappen sah.
Jetzt lächelte Dr. Groddeck, und er sprach feierlich:

»Meteorgeistergeschichten! Ich glaube nämlich, daß diese Sternschnuppen, die wir da oben im blauen Himmel sehen, veritable Lebewesen sind, die unter Umständen noch viel klüger und besser organisiert sein könnten als die Menschen. Mit der Phantasie kann man ja diese Meteorgeister so köstlich ausgestalten — die Maler könnten sie malen —mit langen, elektrisch leuchtenden Gliedmaßen. Und man kann von diesen Meteorgeistern Geschichten erzählen, die viel interessanter sein könnten als die Geschichten von den Menschen auf der Erdoberfläche. Es muß doch ein viel freieres Leben sein, so ganz frei im Weltenraume herumsausen zu können, ohne an einen Riesenstern angebunden zu sein wie unsereins!«

»Ist das Ihr Ernst?« fragte Frau Albertine lebhaft.

»Aber freilich!« versetzte Dr. Groddeck, »wenn ich nur wüßte, wie ich die Künstler und Dichter in dieses neue Stoffgebiet hineinlocken könnte. Dann hätten wir gewonnenes Spiel. Da würden bald alle Menschen für die neuen Sternwarten begeistert werden. Bedenken Sie nur: es ist ja gar nicht so phantastisch, wenn ich behaupte, daß die Meteore ganz vernünftige Ungeheuer sind — Riesenschlangen — mit eisernen Panzern. Vielleicht sind diese Ungeheuer auch bewohnt von kleineren Lebewesen wie die Erde. Ob das nun wirklich so ist, wie ich glauben möchte, kann ja der Astronom auf den neuen Sternwarten mit den besseren Teleskopen sehr leicht untersuchen. Das würde ja grade den Bau der neuen Sternwarten sehr wünschenswert erscheinen lassen. 0, gnädige Frau, wenn Sie wüßten, wie notwendig der Bau von Sternwarten ist. . .«

Frau Albertine sagte rasch: »Hm! Dann muß man eben ein Preisausschreiben arrangieren — und dadurch die Künstler und Dichter in entsprechender Weise anregen. Machen Sie den Entwurf für das Preisausschreiben — ich werde das Geld stiften, und es soll nicht wenig sein.«

Sie erhob sich, und Dr. Groddeck sank auf ein Knie und küßte den Saum ihres Kleides.

Frau Albertine lächelte wieder.

Aber Dr. Groddeck lächelte nicht, er hatte Tränen in den Augen und dankte Frau Albertine in so begeisterten Worten, daß die alte Dame ganz verlegen wurde.

Die beiden frühstückten darauf zusammen im großen Speisesaal des Schlosses, und dabei entwarf Dr. Groddeck gleich den Wortlaut für das Preisausschreiben. Er ging nach dem Frühstück auf sein Zimmer, um alles genau zu stilisieren.

Als er zum Diner wieder in den Speisesaal trat, wurde ihm erzählt, daß Frau Albertine sich zu Bett gelegt habe.

Und zwei Minuten später war sie eine Leiche. Dr. Groddeck blickte starr in den blauen Himmel, und die Hand des Astronomen ballte sich zur Faust zusammen.

Im Testament der alten Dame stand vom Preisausschreiben keine Silbe.

   


 

Der Wetterprophet

Eine chinesische Geschichte


aus: Meine Tinte ist meine Tinte


Als ich vor drei Monaten in Peking war, lernte ich bei dem italienischen Gesandten an einem lustigen Gesellschaftsabend den reichen Herrn Li—Ban—Schin kennen, der als Wetterprophet im Lande des Zopfes ein großes Ansehen genießt.

Die vornehmen Chinesen sind heute den Europäern gegenüber nicht mehr so diplomatisch zugeknöpft wie vor zehn Jahren noch. Auch im Osten des asiatischen Kontinents ist vieles anders geworden. Und so kam es, daß Li—Ban—Schin mich noch an demselben Abend, an dem er mich kennenlernte, einlud, ihn an einem der nächsten Tage in seiner Villa zu besuchen.

Er sandte mir eines Morgens ganz früh, gleich nach Sonnenaufgang, sein Automobil, und nach dreistündiger Automobilfahrt empfing mich Herr Li—Ban—Schin im Portal seiner Villa zwischen zwei großen weißen Porzellanhunden.

Die Villa war eine Porzellan—Villa, außen blau und innen hellgelb. Schwarzer Sammetbelag bedeckte überall den Fußboden. Und die Hälfte aller Porzellanfliesen war sowohl innen wie außen bemalt. Die Möbel bestanden aus geschnitztem Ebenholz — tiefschwarz, aber nicht poliert. Das Köstlichste steckte in den großen bunten plastischen Porzellanfrüchten, die in dekorativen Kränzen mitten in den Wänden und an Tür— und Fensterumrahmungen innen wie außen das Ganze belebten; diese Weintrauben, Pfirsiche, Pflaumen, Apfel, Kirschen und Aprikosen erinnerten ein wenig an italienische Renaissance, obwohl da der Farbenreichtum lange nicht so üppig hervortrat wie hier. Daß diese Porzellan—Villa in China entstand, dafür sprachen die Malereien, die durchaus in rein chinesischem Stil blieben — und zwar in einem ganz alten, dem man Verwandtschaft mit dem modernen Geschmack nicht nachsagen konnte.

Ich mußte zunächst mit Herrn Li—Ban—Schin frühstük—ken. Es gab Tee, Cognac und mindestens dreißig chinesische Delikatessen — dazwischen Cigaretten und Cigarren. Ich hatte jedoch gar keine Zeit, dieses Frühstück viel zu betrachten, denn der Herr des Hauses war sehr gesprächig. Er hatte sich in jüngeren Jahren sehr lange in Berlin aufgehalten und sprach fließend Deutsch.

»Man hält mich hier«, sagte er lächelnd, »für einen Wetterpropheten. Aber ich bin eigentlich etwas mehr. Mir ist es eigentlich ganz gleichgültig, ob es regnet oder schneit, ob es windig oder nicht windig ist.«

Nun war ich natürlich sehr neugierig, ich ließ mir vom Diener Selterwasser geben — ganz kaltes. Und ich goß Cognac hinzu und rauchte zunächst eine Cigarre.

Und Herr Li—Ban—Schin fuhr währenddem in etwas nervöser Hast fort: »Wissen Sie«, sagte er gestikulierend, »ich glaube doch, daß man in Europa immer noch die Sonnenenergie unterschätzt. Und das geht doch jetzt nicht mehr. Die Natur der großen Sonnenflecke ist für uns noch immer ein ungeheuerliches Rätsel, daß sie aber Beziehungen zu dem Wetter in unserer Erdatmosphäre haben, das ist doch nicht mehr zu leugnen. Ist aber der Einfluß der Sonnen—fleck—Energie auf die Erdatmosphäre nicht zu leugnen, so muß man doch auch annehmen, daß dieselbe Energie auf die Menschenköpfe wirkt. Mithin haben wir Krisen, Kriege und Revolutionen mit der Sonnenenergie in Verbindung zu bringen.«

»Die Ansicht ist nicht neu«, sagte ich leise.

Ein Diener putzte währenddessen einen Fruchtkranz,

der uns gegenüber die halbe Wand bedeckte und mindestens einen Umfang von vier Metern hatte, blitzblank.
Herr Li—Ban—Schin pfiff leise und gab dem Diener einen Wink, nach dem er sofort verschwand.

»Ich weiß«, fuhr der chinesische Herr fort, »daß die Ansicht, die ich entwickle, schon vielfach ausgesprochen worden ist. Aber noch niemals ist mir die Wahrheit der Geschichte so eindringlich klargeworden wie in diesem Sommer. Das Wetter ist, wie Sie bemerkt haben, in diesem Sommer des Jahres 1910 gänzlich unnormal. So unnormal war's schon lange nicht. Und nun kommen überall große Krisen, Kriege und Revolutionen hinzu — in der Türkei, in Persien, in Portugal, in Deutschland — und bei uns auch. So viel passierte noch niemals in einem Sommer. Und dazu kommt die rapide Entwicklung der Luftschiffahrt, Bleriot ist schon über den Kanal gefahren. Soll noch mehr passieren? Glauben Sie, das alles hängt nicht mit dem Wetter und danach mit der Sonnenenergie zusammen? Unser ganzes Leben ist bedroht. Wir leben alle wie in einem Porzellanhause. Mein Porzellanhaus ist symbolisch für unser ganzes Leben; gebrechliche Materie umgibt uns auf allen Seiten — gebrechliches Porzellan. Ich bin nicht nur ein Regenwetterprophet, ich will auch das politische Wetter prophezeien. Und das ist es, was ich Ihnen sagen wollte.«

»Ja«, versetzte ich ruhig, »Schwarzseher gibt's aber in Europa schon genug. Wenn irgend etwas los ist, glauben viele gleich, die halbe Welt könnte untergehen. Aber diese Untergänge sind schon so oft prophezeit, daß manche Leute gar nicht mehr ängstlich zu machen sind. Das können Sie mir glauben.«

»Das ist es eben«, flüsterte er erregt, »nach meiner Meinung sollen die Leute auch gar nicht ängstlich werden. Aber es wäre doch gut, wenn sie darauf aufmerksam gemacht würden, daß ganz große Umwälzungen auf allen Gebieten des Lebens bevorstehen. Denken Sie an die Zeit, vor hundert Jahren! Napoleon war noch nicht in Moskau. Man hielt die politischen Umwälzungen für sehr wichtig. Es war ein stürmisches politisches Wetter damals in Europa. Das politische Wetter hatte aber gar nicht so viel zu bedeuten; es war nur der Vorbote für ein größeres Unwetter — für das Unwetter, das durch die Entwicklung der Eisenbahnen der Großstädte, der Elektrizität und der ganzen Technik hervorgerufen wurde — das wir erlebt haben. Und so kündigt sich jetzt auch ein ganz neues, großes Unwetter an, und die politischen Stürme und die in der Atmosphäre sind nur Vorboten. Habe ich Recht, oder habe ich nicht Recht?«

Jetzt bekam ich zunächst wieder Appetit, und ich sagte das — ich sagte gleichzeitig: »Sie müssen mir ein wenig Zeit lassen. Ich will mir, was Sie sagen, ein wenig überlegen. Meine Antwort wird nicht ausbleiben.«

Mit der größten Höflichkeit erklärte er, daß er durchaus einverstanden sei, und er gab dem Diener ein Dutzend Aufträge.

Und ich aß mit Löffel und Gabel von allen den chinesischen Delikatessen, die mir vorgesetzt wurden — von allen nur eine Kleinigkeit. Es war sehr delikat, und ich dachte über diesen seltsamen Gastgeber nach, der schweigend dasaß und mit gesenkten Augen eine echte Kuba—Cigarre rauchte.

»Ich bin«, sagte ich dann, als ich nicht mehr essen mochte, »eigentlich durchaus Ihrer Ansicht. Doch weiß ich nicht, worin das neue Unwetter bestehen soll, das jetzt im Anzuge sein soll. Ich weiß es nicht.«

Herr Li—Ban—Schin zog seinen dunkelblauen Seidenmantel fester um seine Schulter und sagte: »Die Dampfbahn hat im vorigen Jahrhundert, wie Sie mir zugeben werden, ganz ungeheuerliche Umwälzungen hervorgebracht. Dagegen waren alle politischen Umwälzungen und auch alle
Kriege des neunzehnten Jahrhunderts so gut wie gar nichts. Danach kam das Automobil, und nach dem das lenkbare Luftfahrzeug. Und dieses Lenkbare wird im zwanzigsten Jahrhundert noch mehr uniwälzen als alle Dampffahrzeuge des neunzehnten Jahrhunderts umgewälzt haben.«

»Ist es da nicht«, fragte ich lachend, »sehr unvorsichtig, in einem Porzellanhause zu wohnen?«

»Das tu ich«, erwiderte er, »nur der Freude wegen, die ich am Symbolischen habe. Ich war am Ende des vorigen Jahrhunderts in Paris und lernte da einige sogenannte Symbolisten schätzen. Doch ich weiß nicht, ob Sie wissen, worin das Gefährliche der modernen Luftschiffahrt besteht.« — »Nein! Ich weiß es nicht!« sagte ich leise.

Und er fuhr fort: »Die Europäer überlegen sich die Sache immer noch nicht. Es ist doch nicht mehr daran zu zweifeln, daß wir in kürzester Zeit sehr viele lenkbare Luftschiffe und sehr viele Gleitflieger haben werden — sie können bald nach Hunderten zählen — und bald nach Tausenden. Und dann wird der Militarismus sich fast nur dieser Luftvehikel bedienen und alle anderen Vehikel wie eine Nebensache behandeln. Und man wird aus diesen Luftvehikeln die gefährlichsten Sprengstoffe herauswerfen — und die können überall hinfallen und alles zerstören. Sind da nicht ungeheuerliche Umwälzungen zu befürchten? Ich bitte Sie — Sie müssen ja blind sein, wenn Sie die nicht sehen. Was die Haager Konferenz sagt, ist doch eine platonische Geschichte, um so was kümmern sich doch die Leute nicht, wenn sie den Krieg wollen. Und die Revolutionäre werden sich um die Beschlüsse der Haager Konferenz noch weniger bekümmern — das ist doch so klar wie der Einfluß der Sonnenenergie auf die Menschenköpfe. Sagen Sie das doch den Europäern. Erzählen Sie ihnen, daß ich in einem Porzellanhause wohne, um damit eine permanente symbolische Sprache zu sprechen. Ich will damit sagen, daß wir alle in einem Porzellanhause wohnen — alle — alle — die Europäer auch.«

Wir sprachen noch bis tief in die Nacht über dieses Thema.

Und als ich am nächsten Tage zwischen den beiden großen Porzellanhunden, die zwei Meter lang waren, Abschied nahm, sagte ich kopfschüttelnd; »Welch ein seltsames Land ist dieses China! Daß ich alles das von einem Chinesen hören mußte!«

Ich werde die Gespräche in dieser Porzellan—Villa in meinem ganzen Leben nicht vergessen.

   


 

Das stumme Spiel der Hofgesellschaft

    aus: Meine Tinte ist meine Tinte

In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts lebte im Schloß Nymphenburg bei München der Prinz Wolf gang. Der Prinz lebte da ganz allein —— und fing natürlich Grillen. Die Eltern waren auf Reisen. In der Münchner Residenz lebten nur die vielen Lakaien, Stallmeister, Wagenhüter, Portiers und Kammerfrauen und die Küchenmägde. Und in Nymphenburg war's nicht viel anders. Nur ließen sich hier die Lakaien und die ändern Hofbeamten nicht viel sehen, denn der Prinz Wolfgang — wollte nicht gestört werden. Er sah das Dienstpersonal lieber gehen als kommen — sowohl im Park wie im Schloß. Und die Wünsche des Prinzen waren überall in Nymphenburg die allerstrengsten Befehle.

Der Prinz wollte plötzlich — Maler werden.

Darum spielte gleich ein alter Maler — mit Namen Dahlmann — eine Hauptrolle in der Umgebung des Prinzen.

Dahlmann sollte der Lehrmeister sein.

Er nahm sein Amt gleich sehr ernst und erklärte dem Prinzen in langer wohlgesetzter Rede, daß der Zeichenunterricht bei der Malerei am Anfange die Hauptsache sei.

Da kam er aber schön bei dem Prinzen an, der sagte mit der langen weißen Kalkpfeife im Munde seinem Lehrmeister auf einer Parkbank neben einer jagdlustigen Diana das Folgende: »Ich war doch in Holland. Ich sah da doch, wie der Maler gleich frisch drauflos malte — ohne Zeichnung. So will ich's auch machen. Nicht Zeichner will ich werden. Das Zeichnen lerne ich nie. Gleich mit Farben will ich vorgehen. Nur mit Farben kann ich Maler werden. Und bevorzugen will ich blau, gelb und rot. Keinen Widerspruch, Herr Dahlmann! Fangen wir gleich an.«

Nun wurde feierlichst ein Atelier im Schlosse hergerichtet und auch eine große allmachtige Leinewand — sorgfältig im Rahmen — auf die Staffelei gestellt.

Herr Dahlmann und ein paar Pagen rieben die Farben und präparierten die Pinsel, und dann wollte Prinz Wolfgang eine wundervolle Seelandschaft malen.

»Sehr weiß«, sagte er, »soll die Seelandschaft aussehen. Wolken sollen auch da sein — weiße Wolken. Fangen wir mit der oberen Hälfte des Bildes an.«

»Ja«, versetzte Herr Dahlmann devot, »soll ich anfangen? Oder — wollen Durchlaucht selber anfangen? Alles soll geschehen — ganz so wie Durchlaucht zu befehlen geruhen. Hier liegen die Pinsel in einer Reihe. Wenn Durchlaucht zu nehmen belieben möchten. Das Pläsier ist sehr delikat, kapriziös und unterhaltsam.«

Durchlaucht begann.

Aber seine Hand gehorchte ihm nicht, die Wolken wurden abscheuliche Klumpen, und er hielt bald inne und stürmte allein hinaus — in den Park.

Nun ging das Tage und Wochen und Monate so. Der Prinz ließ sich nichts sagen. Und ihm gelang das Malen nicht. Die Seeufer wurden immer wüster. Und dem Maler gefiel seine Malerei selber nicht. Alles wurde immer wieder weggekratzt. Dahlmann saß immer ganz ruhig daneben. rauchte seine lange Kalkpfeife und wagte nicht, ein Wor1 zu sagen.

»Er wird sich schon selber zu helfen wissen!« dachte der alte Herr. Und mit diesem Gedanken rauchte er ein< Kalkpfeife nach der anderen. Der Kalk wurde schon rech braun.

Als der Herbst kam, sah Prinz Wolfgang recht schlecht aus. Die Gemütsbewegungen griffen ihn an. Er sah ein daß das Malen eine recht schwere Sache war.

Und der Prinz wurde ernstlich krank, hustete oft, stand sehr spät auf und schlich, schwer auf einen Krückstock gelehnt, mühsam durch den weiten Park. Und seine Puderperücke sah trotz der Sorgfalt des Kammerdieners immer sehr unordentlich aus, denn der Prinz Wolfgang liebte es, auf jeder Parkbank sich die Haare zu raufen und dabei sehr ungestüm auf die alten Götter Griechenlands zu schimpfen, die seine Hand behext hätten.

Herr Dahlmann schrieb an den Münchner Leibarzt und bat ihn, als Maler nach Nymphenburg zu kommen und da nach dem Rechten zu sehen. Und dabei schilderte der alte Herr das Unglück im Schlosse in den allergrellsten Farben, wobei er nicht unterließ zu bemerken, daß sich alles ändern würde, wenn Durchlaucht die vermaledeiten, obstruktionslustigen Sapperment—Farben Blau, Gelb und Rot aus dem Spiel lassen möchten.

Der Leibarzt — mit Namen Kröcker — legte die Goldkugel seines Spazierstockes erst an den linken Nasenflügel und dann an den rechten Nasenflügel — und lachte dann plötzlich lustig auf und sagte heiter in den großen Spiegel schauend: »Dieser Aufgabe sind wir gewachsen.«
Er fuhr nach Nymphenburg in Galakutsche, stellte sich als holländischer Maler vor, der Malheur gehabt an der rechten Hand und jetzt gekommen sei, Prinz Wolfgang einen guten Rat zu erteilen.

Auf stiller Parkbank sagte er dann: »Durchlaucht! Es geht auch ohne Malerei. Ich hab's erfahren. Man muß nur täglich ein gutes Glas Wein oder ein paar Krüge von dem guten Münchner Hofbräu trinken.«

Da ward der Durchlaucht ganz kläglich zu Mute, und sie sagte weinerlich: »Mir aber fehlt doch nichts an der rechten Hand. Warum kann ich denn das Malen nicht lernen?«

»Das ist«, versetzte Kröcker, »eben das Geheimnis der rechten Hand. Ohne die rechte Hand kann man gar nicht malen — man müßte denn die linke ausbilden — oder die Füße — was sehr schwer ist. Hier ist etwas immer verhext.«

»Auch meine Meinung!« rief Durchlaucht lebhaft.

»Ja«, fuhr nun Kröcker fort, »da handelt sich's nur darum, den Ursachen der Verhexung nachzuspüren. Wie kommen Durchlaucht auf die pittoreske Idee, justament ein großer Maler zu werden? Wenn Durchlaucht hiervon berichten möchten, wird mir ein Leichtes sein, hinter die Schliche der verflixten Handbehexung zu kommen. Ich bin oft zu Rate gezogen, wenn man parlierte und dabattierte über die Malheurs der sogenannten menschlichen Hand —beim Tier genannt Pfote.«

Kröcker nahm eine Prise aus goldener Brillantendose, reichte sie auch dem Prinzen. Der aber dankte und sagte weich: »Ach, sehen Sie, Mijnheer, Sie wissen doch, daß die Eindrücke der Jugend die stärksten Eindrücke sind. Jetzt bin ich bereits über sechsundzwanzig Jahre alt. Ich werde täglich älter. Ich gehe dem Tode entgegen. Aber — der stärkste Eindruck war — ich zählte damals kaum acht Jahre — als mir unsre Hofamme ein Märchen aus Tausend und einer Nacht erzählte. Ich weiß nicht mehr, wie's eigentlich ging. Aber ein Prinz kam da an einen großen hellen See. Und in dem See schwammen blaue, gelbe und rote Fische. Ich glaube, es waren auch weiße dabei — und die wurden nachher Hofjäger, Konditors und Pastetenbäcker oder Ähnliches. Aber — diese gelben, blauen, roten, weißen Fische — im Sonnenschein — die waren köstlich. Das war der größte intensivste Eindruck meiner Jugend — und meines Lebens. Ach, Sie dürfen nicht darüber lachen. Ich hab' alles nur in der Phantasie gesehen. Aber ich hab's doch gesehen. Und darum wollte ich Maler werden, um das Bild zu malen — so wie ich's damals sah. Die Ölfarben machen nur alles anders. Das macht mich so krank.«

»War«, fragte Herr Kröcker mit der Goldkugel an der Nase, »das Rot der roten Fische mehr Karmin oder mehr Zinnober?«

»Mehr Karmin«, versetzt der Prinz, »aber hell. Auch das Gelb war sehr hell und leuchtend. Nur das Blau ein wenig stumpf — wie man's oft auf holländischen Landschaften sieht. Mijnheer, wenn Sie mir helfen könnten!«

»Prinz«, versetzte Kröcker, »nennen Sie mich nicht weiter Mijnheer. Ich bin der Leibarzt Kröcker aus München und freue mich, Durchlaucht kennengelernt zu haben. Aber wenn Durchlaucht zu leben weiter geruhen wollen, bedürfen Sie der strengsten Ruhe. Gleich zu Bett! Warme Umschläge! Und alles muß still sein — ganz still. Ich werde Durchlaucht kurieren.«

Und Kröcker vergaß seine verstauchte Hand, schob sie unter des Prinzen linken Arm, führte ihn ins Schloß zurück, gab unzählige Anweisungen, brachte den Prinzen höchsteigenhändig ins Bett, zog die grünseidenen Vorhänge zu und schrieb zwei Dutzend Rezepte aus.

Da flogen die Kuriere auf flinken Rossen nach München in die Apotheke, zur Hofburg und zum Hofbräukeller, denn Kröcker liebte das Hofbräu mit Maßen; vier Krüge mußte er täglich haben — das ging nicht anders.

Kröcker sprach noch lange mit Herrn Dahlmann bei zehn leuchtenden Kerzen und trank Hofbräu und rauchte Kalkpfeife und ließ seinen kranken Prinzen schwitzen. Er trat dann ans Fenster, blickte in den Mondenschein und in den Park hinein und siehe — da fing es an zu schneien.

Nach zwei Stunden war der ganze Park weiß.

»Ah«, rief Kröcker, »wenn wir jetzt rote, blaue und gelbe Fische in diesem Schneemeer hätten!«

Dahlmann sagte: »Vielleicht finden wir sie in München.«

»Ah!« rief abermals Kröcker, »in München bunte Fische? Ja — ein Maskenscherz! Ein Schneefest für die Hofgesellschaft. Die muß tanzen, um den armen Prinzen gesund zu machen, in Blau, Rot, Gelb, Weiß. Donnerwetter, wird's jetzt kalt. Der Teich friert draußen zu. Nächsten Sonntag nachmittag hier Eis— und Schlittschuh—Fest in den Farben des Prinzen Wolfgang. Alles wird gemacht. Aber stumm muß das Spiel sein! Keine Musik! Kein Laut!«

Und mitten in der Nacht jagten abermals die Kuriere auf flinken Rossen nach München. Die meisten stürzten dabei, da es sehr glatt war. Aber ernstlich kam weder Pferd noch Mann zu Schaden.

Und die ganze Münchner Hofgesellschaft kam am nächsten Sonntag in sehr ernster Haltung in Schlitten, die von vielen Schimmeln gezogen wurden, nach Nymphenburg —blaue, gelbe und rote Schneedecken umflatterten die Schimmel. Die Vorreiter, die Kavaliere zu Pferde und die ganze vornehme Gesellschaft zeigten nur die vier Farben des Prinzen — in Flaggen und Schärpen und Federn.

Prinz Wolfgang neben seinem Arzt oben im großen Saal, dessen Deckengemälde so köstlich sind. Durchlaucht blaß im Krankenstuhl, rechts von ihm der alte Kröcker, links von ihm der alte Dahlmann.

Nun fuhren die Schlitten erst ganz nach hinten in den Park und dann ganz langsam im Schritt auf dem riesig langen Teich nach vorn — blau, rot, gelb — die Farben leuchteten in der Nachmittagssonne. Der Prinz sah es, und es traten Tränen in seine Augen.

Vorne sprangen die Kavaliere aus den Schlitten, halfen den blauen, roten und gelben Damen heraus, schnallten ihnen Schlittschuhe an und arrangierten Polonaisen und Contres auf dem langen Teich.

Lautlos bewegte sich alles.

Prinz Wolfgang drückte Kröckers Hand.

»La main wird stärker!« sagte der Arzt.

Dann wurde es dunkel.

Und die Lakaien entzündeten rechts und links vom Teich blaue, gelbe und rote Lampions.

Hinten über dem künstlichen Wasserfall flogen blaue, gelbe und rote Leuchtkugeln zum Himmel empor.

Und die Hofgesellschaft schwebte in zierlichen Bogen über dem Eise. Und die Farben brannten dem Prinzen Wolfgang in die Augen. Und er stöhnte laut auf und sank in die Kissen zurück.

Lampions in Fischform wurden von den Lakaien gebracht — die Fische nahmen die Kavaliere in die linke Hand — und es begann ein Fischtanz.

Wieder flogen im Hintergrunde über dem künstlichen Wasserfall die Leuchtkugeln in den Farben des Prinzen Wolfgang zum dunklen Winterhimmel empor. Die Sterne wirkten ganz klein den großen Leuchtkugeln gegenüber.

Und Durchlaucht schlief ein.

Und die Hofgesellschaft war ganz stumm.

Acht Tage später war Prinz Wolfgang ganz gesund und sagte: »Dieses Fest war noch herrlicher als mein Jugenderlebnis. Jetzt können die Maler ohne mich malen.«

Prinz Wolfgang wurde sehr alt, erlebte noch die große französische Revolution und sagte damals: »Wenn die Ja—cobiner vor vielen Jahren das stumme Spiel der Hofgesellschaft erlebt hätten, sie würden die Schafott—Dissonanzen nicht edieret haben.«


 

Fliegendes Dynamit

Warenhaus—Novellette

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Das war ein Aufruhr.

Die Direktoren und Aufsichtsräte schrien wie die Besc senen. Keiner verstand den ändern. Alles rang die Hand Und die Energischen schlugen mit den Fäusten auf die ^ sehe, daß manche Tischplatte entzweibarst.

Es war im April des Jahres 1915 — in einer großen Sta des mittleren Deutschlands.

»Ha!« rief der Direktor Ball. Aber er kam nicht weit< Ein Depeschenbote trat ins große Direktionszimmer — ui da war plötzlich alles ganz still. Direktor Ball sprang ai entriß dem Postboten das Telegramm und las es; der I rektor sank kraftlos in seinen Sessel zurück.

Das Telegramm war ein chiffriertes und nur verständli für die Direktion; der Inhalt lautete folgendermaßen:

»Wenn Sie nicht innerhalb fünf Minuten drei wei Fahnen herausstecken und uns nicht umgehend eine hal Million a conto an der bewußten Stelle niederlegen lasse so fliegt ein drahtlos von unserem Wellenfernschalter di giertes Dynamittorpedo direkt in Ihr Direktionszimrr und explodiert auf Ihrem langen grünen Tisch — und •( kleben gleich danach in vielen Teilen an den Wänd( wenn von diesen noch was übrigbleibt. Die geheime ] pressungsgesellschaft m. b. H.«

Acht Tage hindurch hatte diese Erpressungsgesellsch die Öffentlichkeit in Erregung gesetzt; diese Gesellsch hauste angeblich in Montenegro — man kam aber d Herrschaften nicht auf die Spur — sie ließen überall v sich hören und erpreßten alles, was sich nur erpressen li< mit unerhörter Dreistigkeit.

Und so hatten sie auch ganz einfach die Frechheit bes—sessen, dem Deutschen Reiche klipp und klar den Krieg zu erklären, wenn ihnen nicht in einer bestimmten Frist zehn Millionen an einem einsamen Orte unter allen denkbaren Vorsichtsmaßregeln überreicht würden.

Das Deutsche Reich verhielt sich zurückhaltend. Und so hatte man zunächst die anfangs erwähnte große Stadt des mittleren Deutschlands drangsaliert. Von dieser Stadt wollte man zwei Millionen a conto haben. Die Stadt hatte sich öffentlich geweigert, diese Summe zu zahlen.
Danach hatten die Erpresser auf großen Plakaten, die nachts an die Schaufenster der großen Geschäfte geklebt wurden, verkündet, daß sie ihre Macht schon zeigen würden; ein Dynamithagel würde die Stadt ein wenig erschüttern.

Die Zeitungen verteilten Extrablätter. Die Polizei setzte ihre Aeroplane in Tätigkeit. Aber — es war windig und nebelig und bereits sieben Uhr abends. Da ließ sich ein herankommendes Luftschiff nicht so leicht entdecken. Außerdem flogen täglich mindestens zweihundert Luftschiffe über die große Stadt.

Nun bekamen aber die größeren Geschäfte die größte Angst, als sie Zettel erhielten, auf denen sie aufgefordert wurden, eine größere Summe sofort an bestimmten Orten niederzulegen, widrigenfalls ein paar Pfund Dynamit durch ihre Fenster fliegen würden.

Die ganze Stadt tobte, und in den größeren Geschäften ging alles drunter und drüber — besonders in dem großen Warenhaus von Ball & Haase, von dem schon anfänglich die Rede war.

Und diese Firma erhielt dann nach sieben Uhr abends das bereits erwähnte chiffrierte Telegramm.

Der Aufsichtsrat Dr. Lemcke sagte, als es einen Moment ruhig geworden war, mit seiner tiefen Stimme: »Wir haben keine Zeit zu verlieren; ich bin jedenfalls der Meinung, daß wir zunächst die drei weißen Fahnen rausstecken müssen. Weißes Tuch ist ja in genügender Fülle im Wagenlager vorhanden.«

Da sprang der Direktor Haase wie ein Tiger empor und schrie: »Wie? Was? Wir sollen dieser Räuberbande zeigen, daß wir Furcht haben? Maulhelden sind diese Kerle. Ich bin gegen die Fahnen — unter allen Umständen. Lieber laß ich mich auf der Stelle zerreißen, als daß ich zeige, daß ich feige bin.«

Da brüllten alle: »Hurra! Hurra!«

Dr. Lemcke aber brüllte mit seiner tiefen Stimme: »Ich weiß, daß diesen Kerlen alles zuzutrauen ist. Ich bringe mein Leben in Sicherheit.«

Er wollte zur Türe gehen.

Direktor Haase stürmte ihm entgegen und drängte ihn zu seinem Platze zurück.

Direktor Ball sagte mit sonorer Stimme: »Keiner von uns wird diesen Saal verlassen. Sie, Herr Doktor Lemcke, sind als Aufsichtsrat unsrer G. m. b. H. verpflichtet, jeder wichtigen Sitzung des Vorstandes bis zum Schlüsse beizuwohnen. Wir alle empfinden keine Furcht. Was sollen die Damen des Geschäftes denken, wenn sie hören, daß wir Furcht gehabt haben — vor den frechen Telegrammen einer Erpresserbande?«

Wieder Hurra—Rufen! Aber es klang gedämpft.

Man sah den Herren an, daß ihnen die Situation blümerant vorkam; die meisten waren bleich und fahl wie eine frisch gekalkte Wand.
»Sie sind wahnsinnig!« brüllte Dr. Lemcke.

Aber Direktor Haase hielt ihn fest; er war stärker als der Aufsichtsrat. Und diesem kam keiner zu Hilfe.

»Gleich sind die fünf Minuten um! Meine Frau . .. die Propeller. . .«

Weiter kam Dr. Lemcke nicht.

Man hörte krachend zusammenbrechende Fensterscheiben.

Und ein schwerer Gleitflieger sauste ins Zimmer und fiel dumpf auf den grünen Teppich.

Ein furchtbarer Krach.

Und die Direktoren und Aufsichtsräte fielen rücklings ins Zimmer; alle Sessel kippten dabei um. Und die Herren lagen alle lang da auf dem Teppich, schlugen noch ein paarmal mit Armen und Beinen rum und lagen dann ohnmächtig da — wie in der Schlacht gefallene Krieger.

Der mutige Direktor Haase gewann zuerst die Sprache wieder, er sagte schrill: »Hier ist alles weiß. Wir sind hier im Jenseits. Da ist auch alles weiß und bleich. Entsetzlich weiß und bleich.«

Dr. Lemcke öffnete gleichfalls die Augen und sagte mit seiner tiefen Stimme: »Wenn wir im Jenseits sind — was nach meiner Meinung wohl richtig sein dürfte — denn hier ist alles ganz weiß und bleich — so haben die verdammten Erpresser doch Ernst gemacht. Ich hab's ja gleich gesagt. Meine arme Frau . . .«

Jetzt kam auch Direktor Ball zu sich, er wußte gar nicht, wo er war, und sagte melancholisch: »Eine Bäckerstube sieht oft so weiß und bleich aus. Ich kenne solche Bäckerstuben von meiner Kindheit her. Wie sind wir denn hierhergekommen?«

»Sie sind«, sprach Dr. Lemcke tief und kalt, »im Jenseits. Lassen Sie die Witze. Die kriegführenden Erpresser haben uns mit Dynamit getötet. Was Sie an uns sehen, ist nur noch weißer Schemen. Weiße Schatten sind wir. Weiße Schatten!«

»Sie sind«, rief nun Direktor Haase, »bei dem Übergang ins Jenseits konfus geworden. Wie sollen sich denn im Jenseits weiße Schatten bilden? Im Jenseits gibt's doch weder Licht noch Schatten.«

»Nanu!« rief nun der Direktor Ball, »die elektrischen Lampen brennen doch auch hier.«

»Das ist unbegreiflich!« erwiderte Direktor Haase.

In diesem Augenblick wurden die Doppeltüren gewaltsam geöffnet, und hinein stürzten drei mutige Polizeileutnants.

»Ei!« rief Dr. Lemcke dumpf, »gibt's im Jenseits auch Polizeileutnants?«

»Ich glaube«, sprach Direktor Ball, »wir sind woanders.«

Jetzt begannen die anderen Herren beweglich zu werden.

Sie riefen durcheinander: »Hurra!«

»Die Fahnen raus!«

»Die Damen müssen geschützt werden.«

»Wir sind mutig wie immer!«

Jetzt packte der eine Polizeileutnant den Dr. Lemcke am Arm und hob ihn auf.

»Ich danke Ihnen!« versetzt der Doktor, »aber sagen Sie mir, warum sind Sie nicht auch so weiß wie wir? Warum sind Sie blau gekleidet und nicht weiß? Das will ich wissen.«

»Aber, meine Herren«, sagte der Polizeileutnant wieder, »was reden Sie denn da? Sind Sie wahnsinnig geworden?«

»Warum? Warum?« Also schrien alle.

Da sagte der Polizeileutnant wieder: »Ja, Sie sind ja ganz voll Mehl!«

Nun kamen die He/ren alle zu sich, beklopften ihre Kleider und sahen, daß Mehlstaub in die Luft wirbelte.

»Das Torpedo!« brüllte Direktor Haase.

»Das war«, sprach Direktor Ball melancholisch, »kein Dynamittorpedo — es war ein Mehltorpedo!«

Ein unbeschreiblicher Tumult entstand.

Einige Damen erschienen in der Tür und sahen die mit Mehl bestäubten Vorstandsmitglieder.

Direktor Haase schlug mit der Faust auf den mit Mehl bestäubten grünen Tisch und sagte leise: »Wir verbitten uns jedes Gelächter. Die Banditen von Montenegro haben gezeigt, daß sie Ernst machen können. Ich bin für sofortige Auszahlung der halben Million. Gleichzeitig melden wir den Konkurs an.«

Die Polizeileutnants wollten etwas erwidern, wurden aber darauf aufmerksam gemacht, daß sie in einer Vorstandssitzung nichts zu sagen hätten.

Die Glaser wurden gleich bestellt, um das zerbrochene Fenster wiederherzustellen.

Und die Hausdiener kamen mit Bürsten und Schaufeln, um das Mehl fortzutragen.

Die Räuber aber freuten sich über ihren ersten Kriegserfolg bei Champagner und Austern.


 

Die Reise ins Jenseits

Eine Spekulanten—Novellette


aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Madame C. saß in Paris vor ihrem Schreibtisch und hatte das Telephon am Ohr und hörte, ohne mit einer Wimper zu zucken, was man ihr sagte.

Dann aber sprach sie heftig in den Apparat hinein:

»Liebe Amelie, tu mir den Gefallen und laß mich aus. Ich halte nichts von einem Unternehmen, das Wissenschaft und Theater verquicken möchte. Du hast als Amerikanerin nichts zu verlieren und zweifellos das Recht, hier in Europa nur Spekulationsgeschäfte vorzubereiten, einzuleiten und zum lukrativen Ergebnis zu führen. Ich aber habe einen wissenschaftlichen Namen, und wir sind hier in Europa noch nicht so weit wie ihr da drüben; wer zur Wissenschaft gehört, hat bei uns einfach nicht das Recht, sich an zweifelhaften Unternehmungen zu beteiligen.«

Danach saß sie wieder und hörte, was Amelie sagte; diese schien auch sehr heftig zu sprechen, denn Madame C. trommelte mit den Fingern der linken Hand immerzu auf ihrem Spitzentaschentuch.
»Alles sehr schön«, sagte dann Madame C., »aber ich verstehe nichts von Ultraviolett. Was geht mich denn das Prisma an? Ich habe mich mit Optik niemals beschäftigt. Glaube ja gern, daß das Glas in Amerika eine größere Rolle spielt als bei uns. Ich bin aber für nichts zu haben. Es tut mir wirklich sehr leid. Suche dir doch einen Mann. Es gibt ja so viele Wissenschaftler, die eigentlich gar nichts zu tun haben — und fast für jedes Unternehmen zu haben sind. Ich gehöre zu diesen Wissenschaftlern leider nicht. Ich verstehe auch gar nicht, wie dein Theater aussehen soll. Ich fürchte, daß du etwas übereilt handelst.«

Wieder horchte sie mit dem Apparat am Ohr. Aber sie schüttelte öfters den Kopf, und ihre Augen sahen müde aus.

»Selbstverständlich«, sprach sie dann hart ins Telephon, »kenne ich den Nordamerika—Nebel. Ich weiß auch, daß er vor zwanzig Jahren, im Jahr 1891, entdeckt wurde — im Ultravioletten. Gewiß! Aber daß ich deswegen an Geister glauben muß, kommt mir ein wenig hitzig vor. Bei uns ist es doch nicht so heiß. Aber, liebe Amelie, du mußt mich für einige Monate entschuldigen. Mein Automobil steht vor der Tür. Ich verreise sofort, und du findest mich hier nicht mehr. Verzeih mir, aber ich kann nicht anders. Ich bin nervös. Ich muß für meine Gesundheit etwas tun. Wo ich bin, verrate ich nicht. Man muß mich allein lassen. Es geht nicht anders. Lebe wohl! Ich fahre in der nächsten Minute ab. Nochmals lebe wohl! Viel Glück zu deinem Unternehmen! Wenn ich mich besser fühle, hörst du von mir.«

Sie legte den Apparat weg, und dann kam ihr alter Diener Jaques. Dem sagte sie: »Ich bin sechs Monate hindurch verreist. Sagen Sie das allen Besuchern und auch am Telephon. Lassen Sie auch das Telephon aus diesem Zimmer herausnehmen. Sie wissen ja Bescheid.«

Der alte Jaques verbeugte sich schweigend und ging wieder fort. Madame C. steckte sich eine Cigarette an und ging langsam hinaus auf die große Veranda, von der man in den großen schattigen Park sehen konnte.

Aber die Amelie — Mißtres Corning — war furchtbar wütend.

»Wenn das kein Mißerfolg ist«, schrie sie, »dann gibt's überhaupt keine Mißerfolge.«

Und dann sprach sie heftig zu dem Herrn, der das Gespräch ebenfalls gehört hatte.

Der Herr hieß Mister Pitt.

Er ließ Mißtres Corning ruhig sich austoben.

Sie sagte zum Schlüsse: »Sie hört das Gras wachsen — diese berühmte Frau! Mit den berühmten Frauen kann man augenscheinlich noch weniger anfangen als mit den unberühmten. Diese Frauem schieben uns alle gleich Dinge unter, an die man noch gar nicht gedacht hatte. Wir wollen doch nicht den Kinematographen Konkurrenz machen. Hier in Europa denkt man immer, wir hätten drüben gar keine anderen Interessen als die Geldinteressen. Es steht hier doch wahrhaftig mehr auf dem Spiel.«

»Wir brauchen aber«, sagte Mister Pitt ruhig, »die Anerkennung von wissenschaftlich gebildeten Kreisen. Anders können wir nicht auf einen Erfolg rechnen. Wir wollen uns auch nicht gleich mit den Spiritisten in Verbindung setzen. Das fördert unser Ansehen nicht im mindesten.«

»Nicht gleich?« rief Mißtres Amelie, »wollen Sie damit sagen, daß es später doch geschehen könnte?«

Mister Pitt wackelte mit seinem großen Kopfe hin und her und sagte gar nichts.

Mißtres Amelie jedoch fuhr fort: »Ich dächte, daß die Spiritisten gar nicht für uns in Frage kommen können. Wir wissen, daß im Ultravioletten unzählige Dinge sind, die für unser Auge einfach unsichtbar bleiben — und trotzdem auf der photographischen Platte sichtbar sind. Der Amerika—Nebel ist ebenda entdeckt worden. Im ganzen Kosmos können wir noch viele Sterne und Nebel entdecken, die für unser menschliches Auge ewig unbemerkt bleiben und demnach von uns entdeckt werden könnten — eben im Ultravioletten — auf der photographischen Platte.«

»Das hab' ich schon" öfter gesagt!« erwiderte Mister Pitt mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Gut«, fuhr Mißtres Corning fort, »dann gehen wir aber doch auf streng wissenschaftlichem Wege, wenn wir jetzt folgern, daß auch auf unsrer Erde unsäglich viele Dinge sein könnten, die wir nur auf der photographischen Platte im Ultraviolett entdecken — nicht aber mit unsren Augen sehen können. Voilä! Wenn da jetzt nicht das Reich des Jenseits für uns da ist, so wird es nie für uns da sein. Und nimmt mir meine alte Freundin, die jetzt leider berühmt ist, übel, daß ich diese ganz korrekte Schlußfolgerung ins große Publikum tragen will? Es ist unglaublich! Dem großen Publikum gegenüber muß man doch Konzessionen machen. Man muß ihm doch so gegenübertreten, wie ihm sonst entgegengetreten wird — etwas romanhaft — etwas marktschreierisch, wenn man will! Aber — doch immerhin temperamentvoll. Darum halte ich fest an dem Titel: Die Reise ins Jenseits.«

»Ich auch!« versetzte Mister Pitt, »es war ja meine Idee. Jetzt brauchen wir nur die Wissenschaftler. Sonst wird unser Unternehmen nicht als vollwertig erkannt. Ich sehe im übrigen nicht ein, warum wir im Äußern nicht den Kinematographen Konkurrenz machen sollen. Wir locken Neugierige, Provinzler und Fremde. Namentlich die letzteren. Diese bringen uns den Erfolg. Wir können fünfmal teurer sein als alle Kinematographen, wir werden bekannt werden — und alles wird gut werden.«

Mißtres Corning ging erregt im Zimmer auf und ab und sagte schließlich kleinlaut: »Sollten wir nicht doch vielleicht erst vorher Experimente machen? Es wäre doch möglich, daß wir Erfolge hätten.«

»Selbstverständlich«, sagte Mister Pitt kühl, »könnten wir das! Aber wir haben doch kein Geld, und erst unser Separat—Kabinett — genannt: Die Reise ins Jenseits — kann uns Geld einbringen. Dann können wir ja später ganz ruhig experimentieren. Augenblicklich ist es aber durchaus nötig, wissenschaftlich interessierte Kreise zu gewinnen. Ein Wissenschaftler muß den Vortrag ausarbeiten. Ich bin bereit, den Vortrag zu halten. Und dann werden im dunklen Raum optische Dinge vorgeführt — das Ultraviolette wird auf der Platte gezeigt — in geheimnisvoller Dunkelheit. Blitze zucken dazwischen. Man verweist auf unsere Experimente, die da kommen werden. Man spricht in der Dunkelheit mit tiefer Stimme von den Geistern des Jenseits — von den Geistern, die uns umgeben — und die wir doch nicht sehen können, obschon wir sie bemerken könnten — auf der photographischen Platte — im Ultraviolett. Dann Lichtzucken! Knistern in den Ecken. Einer wird rausgetragen. — Ohnmachtsanfall einer alten Dame. Schauerlich tiefe Stimme wieder im Hintergrunde. Tiefernst alles. Zuletzt noch ein Totenkopf — bläulich beleuchtet — na — eine spiritistische Sitzung kann wahrhaftig nicht wirkungsvoller sein. Oder — glauben Sie, daß wir die spiritistische Konkurrenz nicht aus dem Felde schlagen?«

Mißtres Amelie setzte sich und fing an zu weinen, und dann sagte sie schluchzend: »Das ist allerdings Jahrmarkt. Schlimmste Form des Jahrmarkts. Und so soll die glänzendste Idee unsrer Zeit — veralbert werden? Es ist ein Skandal!«

»Ja«, sagte Mister Pitt, »ohne Geld ist nichts zu machen. Wir müssen mit den Wölfen zu heulen verstehen. Durch f dieses etwas theatralisch anmutende Arrangement wird doch der wahre Wert der Idee nicht im mindesten tangiert. Die wirkliche Reise ins Jenseits bleibt uns do.ch immer noch; wir müssen doch mal diese Reise antreten.«

Mißtres Amelie lächelte und sagte mit dem Kopfe wackelnd: »Allerdings! Sie haben Recht. Der gute Kern kann gar nicht angefressen werden. Wir wollen einen Wissenschaftler suchen. Wir werden schon einen finden.«


Nach vier Wochen wurde ein kleiner Salon auf dem Boulevard Beaumarchais eröffnet. Den Besuchern des Salons standen die Haare zu Berge. Aber gut besucht war der kleine geschmackvoll eingerichtete Raum an jedem Abend. Und an jedem Vormittag experimentierte Mißtres Corning mit wissenschaftlichem Eifer. Die berühmte Madame C. ließ nichts von sich hören und sehen.

   


 

Brillanten— Salut

Corsische Geschichte mit Tagebuchblättern einer Japanerin


aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Im Mai dieses Jahres traf ich den mir bekannten japanischen Hauptmann Zam—buai, und er fragte mich mit ganz hochgezogenen Augenbrauen: »Kennen Sie Corsika?«

Ich bejahte die Frage, ohne eine Miene zu verziehen.

»Hören Sie«, fuhr er fort, »meine Frau ist auch im vorigen Jahre auf Corsika gewesen und hat da ein Tagebuch angefangen. Es sind nur ein paar Seiten, aber die müßten Sie übersetzen.«

»Kann geschehen«, versetzte ich ruhig, »wo kann ich die Geschichte übersetzen? Ich verlange selbstverständlich nicht, daß Sie mir die Tagebuchblätter leihweise überlassen.«

»Da unten«, sagte er, während wir über die Jannowitz—brücke gingen, »liegt mein Motorboot. Fahren wir nach Grünau, da liegt meine Villa.«
Wir fuhren hin. Die Villa lag am Wasser.

Er führte mich in ein Zimmer, in dem alle Möbel mit bunter Emaileinlage verziert waren — auch die Arm— und Rückenlehnen der Ledersessel.
Überall standen Emailvasen mit blühendem Flieder. Auch vor den Fenstern blühte lilafarbiger Flieder.

Selbst die Wände zeigten Emailschmuck — in vertikalen handbreiten Streifen.

Ich bewunderte die Emailarbeiten. Der hellbraune Knotenteppich bildete einen wohltätigen Kontrast zu den Kostbarkeiten.

Der Hauptmann bat mich, am Fenster an einem Eamil—tisch Platz zu nehmen, legte ein paar Blätter vor mir auf den Tisch und leeres Papier — nebst Füllfederhalter.

Ich übersetzte nun die Tagebuchblätter einer Japanerin, die ich niemals zu sehen bekam, aus dem Japanischen wörtlich folgendermaßen:
Corsika, September 1910 Ein heiterer Sonnentag! Sehr hochstehende Damen sind an Bord. Und wir nähern uns dem berühmten Terrassenhotel auf der Insel Corsika. Von weitem sieht das Hotel so aus, als bestünde es aus drei riesig—großen Treppen, die an eine Bergspitze angelehnt sind. Der Berg liegt dicht am Meeresstrand und ist bewaldet. Die Treppen sind aber keine Treppen; es sind Hotelzimmer, die terrassenartig überein—anderliegen; über jeder Zimmerdecke befindet sich ein großer Balkon, der zu den höher gelegenen Zimmern gehört. Die Zimmer sind ganz von Veranden umgeben — mit Aussicht nach allen Seiten.

Dies Alles hat man mir gesagt; gesehen hab' ich's noch nicht, denn ich war noch niemals auf Corsika.

Auf jeder Treppe zähle ich ungefähr fünfzehn Stufen —d. h. fünfzehn Balkons. An den beiden Seitenecken des Balkons sehe ich jetzt große Stangen von der Seite langsam sich in die Höhe drehen. Die Stangen sind so lang wie die Balkons und bestehen — aus lauter Brillanten.
Man sagt mir, die Brillanten bestünden aus Glas.

Ich glaub's gern, denn so große Brillanten gibt's ja gar nicht — wenigstens nicht auf dieser Erde.

Auf dem Monde und auf der Sonne und auf der Venus mag's ja wohl so große Brillanten geben — vielleicht noch zehntausendmal größere — das will ich gerne glauben.

Aber diese Hotelbrillanten sind aus Glas — wirken jedoch in der Sonne tatsächlich ganz echt. Das brennt prächtig im Sonnenglanz, sticht in die Augen — mit allen Farben des Regenbogens.

Alle Kronen und alle Diademe der Erde kommen mir diesen Brillantenstangen gegenüber recht winzig vor. Das ist ja sehr natürlich; das Echte ist ja immer so klein; wenn's nicht brennen und stechen würde, könnte man's vielleicht nicht bemerken.

Jetzt drehen sich die Stangen!

Oh — das ist ein Gefunkel!

Die Stangen drehen sich, weil sich unser Schiff dem Strande naht. Also sagt man mir.

Ich glaub's gern.

Wir landen jetzt!

Aber es donnern uns keine Kanonen entgegen — wie in japanischen Häfen. Hier in Corsika werden wir ganz anders empfangen. Wie das Dampfschiff von den Matrosen angebunden wird, biegen sich sämtliche Brillantstangen nach unserem Schiffe zu nach vorn, verbeugen sich langsam, während sie sich noch heftiger um sich selber drehen, so daß das Funkeln einfach wild wird — wie der Tanz von rasenden Hexen im Mondenschein.

Ein Brillanten—Salut!

Oh — das ist fein.

Ich muß schließen, denn ich muß gleich das europäische Land betreten — zum ersten Male — ein Brillanten—Salut empfängt mich — eine feine Sache — mein Gatte will mir den Füllfederhalter aus der Hand nehmen — ich gebe ihn hin — beinahe unwillig — gerne hätte ich weiter geschrieben.

So weit hatte ich übersetzt.

Nun sprach ich langsam zum Hauptmann Zam—buai:

»Das Äußere des Hotels ist ja ganz prächtig geschildert. Wundre mich nur, daß ich von diesem Terrassen—Hotel noch niemals etwas hörte. Es kommt mir beinahe so vor, als hätte das alles Jemand geschrieben, der gerne in ändern Hotels wohnen möchte — so als war's ein kleiner Wink für künftige Hotelbauer.«

»Was«, fragte nun der Hauptmann, »wollen Sie damit sagen? Wollen Sie die Echtheit der Papiere, die Sie da zu übersetzen die Ehre haben, vielleicht in Zweifel ziehen?«

Er eilte an einen Emailschrank, holte einen Perlmutterkasten hervor, öffnete ihn und brachte zwei Pistolen zum Vorschein — ganz mit Email — mit durchsichtigem — in Blau, Rot, Grün — ausgelegt.

Ich griff zu der einen Pistole und bewunderte das Email.
Der Hauptmann glaubte, ich hätte seine Forderung angenommen und zog seinen Rock aus.

Ich sagte ruhig: »Aber warum ziehen Sie denn Ihren Rock aus?«

»Bezweifeln Sie«, rief er heftig, »die Echtheit der Ihnen anvertrauten Papiere?«

»Aber«, sagte ich lächelnd, »ich denke ja gar nicht daran, diese Echtheit zu bezweifeln.«

»Dann«, fuhr er fort, während er sich den Rock wieder anzog, »fahren Sie gütigst fort, den Schluß zu übersetzen.«

Ich steckte mir eine Cigarre an.

Der lilablaue Flieder blühte durchs Fenster ins Zimmer hinein. Draußen auf dem Wasser fuhren drei Segelboote vorüber.

Ich übersetzte nun den Schluß:

Wir haben auf unserm Balkon zu Abendbrot gegessen. Die Aussicht ist entzückend. Der Vollmond geht drüben im Meere ganz dunkelrot auf. Oh — dieser glitzernde Schein auf den Wassern! In der Ferne sehe ich noch ein zweites Dampfschiff herankommen.

Mein Gatte sitzt drüben und trinkt mit einem alten Cor—sen Champagner. Sie unterhalten sich schon sehr laut.

Die ändern Herrschaften sitzen mehr im Hintergrund bei roten Hotellampen — ganz kleinen roten Papierlampen, die man ja in allen Hotels hat.

Ich sitze an der Balkonbrüstung neben stark duftenden weißen Nelken. Ich steck' mir eine ins Haar und rauche eine Cigarette. Ich bin allein. Ich lasse mir eine Flasche Selters geben ...

Der Kellner erzählte mir soeben, daß hier früher ein großer General geboren sei. Der habe sich, wie er sagte, selber einen Thron gezimmert und sich da selber hinaufgesetzt. Das ist wohl eine europäisch—symbolische Redensart. Der General, sagte der Kellner, sei zuletzt an zu heißen Bädern zugrunde gegangen.

»Die heißen Bäder sind sehr schädlich!« sagte der Kellner schließlich mit hocherhobenem Zeigefinger; ich gab dem Mann ein Goldstück.
Jetzt kommt der Dampfer zu unsrer Insel.

Der Mond steht schon höher — voll und gelb.

Die Brillantenstangen heben sich wieder empor.

Jetzt sehe ich alle Brillanten ganz nahe.

Es müssen auch in diesem Dampfboot, das jetzt anlegt, sehr hohe Herrschaften sein. Wieder verbeugen sich die Brillantenstangen vor der Landungsbrücke.

Ein Funkeln! Ein Gleißen!

Ein Brillanten—Salut im Mondenschein!

Mein Gatte will mit mir zur Bergspitze fahren.

Ich höre mit Schreiben wieder auf.

Nachdem ich dieses alles übersetzt hatte, sagte ich zum Hauptmann: »Haben Sie noch mehr?«

Und er reichte mir noch eine Quartseite, die ich rasch ebenfalls übersetzte:

Corsika, 1910 Jetzt fahren wir ab.

Die Sonne geht grade auf.

Noch ein siebenfacher Brillanten—Salut im Morgensonnenglanz.

Tiefblau ist der Himmel.

Die Hoteltreppen sind alle ganz rot; alle Fenster der Veranden leuchten in der Morgensonne. Die Tage von Corsika waren Sonnentage. Lebewohl, du vielgeliebtes Terrassen—Hotel. Mein Gatte erklärt, daß er mein Tagebuch für sein Eigentum halten möchte.

Ich schenk's ihm gerne — zur Erinnerung an die ersten Tage — in Europa .

Ich reichte das Originalblatt zurück.

Und ich füge dem nichts hinzu; die herrlichen Pistolen des Hauptmanns Zam—buai werden mir ewig in der Erinnerung bleiben; das Email war so — wie das Email in Schmetterlingen und Libellen . . .

   

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
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