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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Rakkóx der Billionär

EIN PROTZENROMAN


Vergnügt, wie ein echter Potentat, lebte Rakkóx, ein mehrfacher Billionär, in den Großstädten Asiens und Europas und vergeudete natürlich sein Geld in Centnersäcken - er hatte es ja dazu.
Der große Mann schwärmte natürlich für alles Grandiose und für martialische Unternehmungen - er hatte es ja dazu. Er belächelte diejenigen, die seine Passionen teilten, trotzdem sies nicht dazu hatten.
Um aber seine größeren kompakten Pläne realisieren zu können, sah er sich genötigt, zunächst auf Vergrößerung seiner Machtmittel bedacht zu sein.
Und so ward seine Phantasie allmählich eine militaristische Phantasie. Er wollte selbstverständlich seine Pläne nicht allein ausarbeiten - auch seine militaristischen nicht. Und so telegraphierte er denn an den Direktor seiner Erfindungsabteilung, in der zweihundert abgefeimte Genies beschäftigt waren: »Schnell neues Militär erfinden - mit Gebrauchsanweisung. Rakkóx.« Der Direktor der Erfindungsabteilung verlas das Telegramm seinen Untergebenen. Es entstand ein allgemeines Halloh, und nach vierundzwanzigstündiger Geistesarbeit lag der folgende geniale Plan Rakkóxen zu Füßen:
DAS NEUE MILITÄR.
»Es war vorauszusehen, daß einem vorgeschrittenen Militarismus das Menschenmaterial bei Fruktifizierung kriegerischer Ideen nicht auf die Dauer genügen könnte. Und so ist die Herstellung eines neuen Militärs allgemach zum tief gefühlten Bedürfnis geworden. Der Mensch ist als Soldat zu schwächlich und zu rücksichtsvoll. Der Automat ist als Soldat zu kostspielig und nicht imstande, sich rechtzeitig zurückzuziehen. Somit bleibt bei Herstellung eines neuen Militärs nur die Tierwelt zu berücksichtigen übrig. In der Tierwelt finden wir unzählige Lebewesen, die weder schwächlich noch rücksichtsvoll sind, auch nicht zu kostspielig genannt werden dürfen, da ihnen grade der Hunger erfahrungsgemäß die allergrößte Rücksichtslosigkeit verleiht; außerdem haben sämtliche Tiere die genügende Intelligenz, sich rechtzeitig zurückzuziehen.
Unsere Aufgabe ist daher, Tierregimenter zu schaffen. Nur durch gut organisierte Tierregimenter kann dem alt gewordenen Militarismus unsrer Zeit neue Lebenskraft eingeflößt werden.
Die Unterzeichneten empfehlen nun in erster Reihe Heranziehung der größeren Tiersorten. Die Dressur der vierfüßigen Dickhäuter bereitet bekanntlich keine nennenswerten Schwierigkeiten. Und auch die Dressur der Walrosse und Seelöwen wird den großen Tierbändigern unsrer Zeit ein Leichtes sein. Die Walrosse und Seelöwen sind mit umfangreichen kugelsichern Kork-Panzer-Hemden auszurüsten, und künstliche Riesenflossen aus Aluminium und Stahl müssen die natürliche Flossenkraft ganz gewaltig heben; mit solchen Kunstflossen läßt sich jedes Meer mit Leichtigkeit orkanartig aufregen.
Die meisten Tiere können die Waffen - auch die Schießwaffen und Geschütze auf dem Kopfe wie einen Hörnerschmuck tragen. Dem Offizierskorps der Tierregimenter dürfen natürlich nur erprobte Tierbändiger angehören. Die Ausarbeitung der Ideen über die beste Art der Verwertung tierischer Gliedmaßen ist selbstverständlich Spezialaufgabe des Generalstabes. Die Rüssel der Elephanten können z.B. zu Schleudermaschinen ausgebildet werden; die Löwen wären am wirksamsten zusammengekoppelt zu gebrauchen.
Sehr interessant wird sich die Uniformfrage gestalten; sie läßt sich hier nur nicht so kurz abtun. Jedenfalls wird über die beste Uniformierung der Auerochsen, Giraffen und Kamele innerhalb drei Tagen eine besondere Broschüre erscheinen; allen Anforderungen der militaristischen Tradition soll nach besten Kräften Rechnung getragen werden.
Man kann fernerhin nicht bestreiten, daß sich viele Vögel sehr wohl zu Heereszwecken eignen. Die Krähenvölker ließen sich leicht mit Cyankalispritzen bewaffnen, und die Adler, Eulen und Störche könnten abgerichtet werden, kleine Dynamitbomben im richtigen Momente fallen zu lassen.
Über fein gegliederte Schlauchbomben, die nur mit Pestbazillen gefüllt werden sollen, schreibt das Obergenie Schmoller-Käsebauch ein zweibändiges wissenschaftliches Werk.
Was über die methodische Züchtung von Ungeziefer zu Kriegszwecken zu sagen ist, findet...« Hier sank dem Billionär der Plan aus der Hand und fiel ihm tatsächlich zu Füßen. »Merkwürdig!« murmelte der dicke Herr und erhob sich.
»Mein Personal glaubt wohl«, fuhr er stehend fort, »es sei nichts leichter, als sich über mich lustig zu machen. Merkwürdig! Weil ich mich über Alles lustig mache, will man mir das heimzahlen. Personal!«
Und er bückt sich und hebt das Manuskript noch einmal auf, blättert in den hinteren Pergamentseiten und findet dort ein Kapitel, das sich »über die Verwendung der Heringe beim submaritimen Kriege« eingehend ausspricht.
Oho! Er liest das Kapitel nicht, aber interessieren tuts ihn mächtig; submaritime Angelegenheiten sind ihm allzeit lieb und teuer gewesen.
Nach längerem Nachdenken telegraphiert der allmächtige Billionär an den Direktor seiner Erfindungsabteilung: »Schnell kurzen Artikel über die Endziele der submaritimen Kriegstechnik abfassen. Aber ernst! Das Große soll nicht bloß für die Narren sein. Rakkóx.«
Der Nabob begibt sich in seinen Höllensaal, allwo er gewöhnlich zu frühstücken pflegt. Der Höllensaal ist mit feuerrotem Tropfstein erbaut, die Wande sind zu symmetrisch verteilten Grottennischen ausgebildet. Der ganze Saal ist, obgleich die Formen des Tropfsteins so blieben, wie sie waren, mit fanatischer Symmetrie gearbeitet. Vor jeder Nische steht eine goldene Urne, in der schwarze Tulpen blühen. Selbst die Anzahl und die Formen der Tulpen sind symmetrisch angeordnet. In der Mitte steht der Frühstückstisch, über dem eine riesige tausendkantige Smaragdampel brennt. In den feuerroten Tropfsteingrotten brennen viele elektrische Flammen - wirksam versteckt. Auf dem weißen Tischtuch schieben sich die grünen und roten Lichtkegel über- und untereinander. In den goldenen Urnen gleißt es gleichfalls grün und rot.
Rakkóx ist kaum beim elften Gericht angelangt, da stört ihn ein dumpfer Glockenton - und herein stürmt ein weiß gekleideter Diener, legt sanft ein neues Pergament-Manuskript auf den Frühstückstisch und eilt lautlos über den kaminroten Teppichpelz, der den Fußboden des ganzen Saales bedeckt, wieder hinaus.
Vor dem Billionär liegt der Artikel »über die Endziele der submaritimen Kriegstechnik«, geschrieben von Schultze dem Siebenten, einem berühmten Obergenie. Der erste Teil der Geschichte beginnt also:
EINE ERLÖSENDE IDEE.
»Geliebte Brüder! Teure Schwestern! Werteste Verwandte, Bekannte und Unbekannte! Schon oft erhob ich mein Haupt, Euch was Vernünftiges mitzuteilen - aber dieses Mal will ich Euch eine erlösende Idee verkünden darum spitzet die Ohren wie kluge Mäuse! lhr wisset, daß wir anitzo Schiffe bauen, die in die Tiefe des Meeres steigen können wie die Flundern; die submaritimen Flotten sind die besten Flotten unsrer Zeit. Welches aber sind die Endziele der submaritimen Kriegstechnik? Habt Ihr darüber schon nachgedacht? Glaubt Ihr vielleicht, es könne dem submaritimen Militarismus nur darauf ankommen, den Haifischen der Südsee den Anblick submaritimer Schlachten zu verschaffen? Oh nein! Laßt Euch nichts weismachen! Ein wahrhaft moderner Militarismus - der waschechte ist gemeint! - will als Erstes und Letztes immer nur die Befestigung und Stärkung der Nationen und Staaten. Das steht bombenfest.
Welches sind nun die Nationen und Staaten, die von der submaritimen Kriegstechnik Befestigung und Stärkung erwarten dürfen? Hm- die Nationen und Staaten, die sich immer noch auf den leider allzu trocknen Festländern der Erde vorfinden, haben die submaritime Kriegstechnik nicht so nötig. Was fragen die nach der? Alles Submaritime ist für die Oberflächenpolitik doch nur eine dekorative Begleiterscheinung der Meeresoberflächenflotte.
Indessen - jetzt kommt es! Für die Nationen und Staaten, die den Mut haben - lies leis! in den kolossalen märchenweiten weltfreien Tiefen des Ozeans unter dem Wasser sich anzusiedeln - für diese Nationen und Staaten hätten die submaritimen Flotten eine größere Bedeutung - eine Existenz begründende Bedeutung! Versteht Ihr mich schon? Alsdann würdet Ihr einsehen, daß die Endziele der submaritimen Kriegstechnik auf nicht mehr und nicht weniger als auf die Begründung und Erhaltung submaritimer Nationen und Staaten hinauslaufen. Das ist die erlösende Idee, die Schultze der Siebente euch verkündet.
Die herrlichste Perspektive eröffnet sich dem glückseligen Erdbewohner - die Größe der Erde wird durch die Endziele der submaritimen Kriegstechnik für die Menschheit einfach verdreifacht!
Die lokale Entwässerung des Meerbodens und die Befestigung der unter den Wassermassen des Ozeans zu erbauenden Riesengewölbe wird für die genialen Baumeister unsrer Zeit so leicht wie ein Kinderspiel sein.
Edler Erdenbürger! Bedenke, daß sämtliche submaritimen Länder Normaltemperaturen empfangen können, daß dort also Zugluft und Hausbau unbekannt bleiben werden. Die Wohnungsmiete wird zur Chimäre. Hausbesitzer und Schnupfen gibts nicht mehr.
Daß die Existenz der submaritimen Weltreiche eine Erlösung für die Menschheit bedeutet, muß ja wohl ohne weiteres selbst einem Kalbskopf einleuchten. Entschuldigt, daß ich lache und so was sage. Aber ich kann mir das leisten. Alle idealen Staatsideen lassen sich ja dort unten so leicht realisieren - der aristokratische Idealstaat wie der demokratische Idealstaat - Staaten mit automatischer, wie solche mit parlamentarischer, cäsaristischer, karnevalistischer oder anarchistischer Regierung auch solche ohne jede Regierung. Alle überflüssigen harmoniezerstörenden Lebewesen können diesen submaritimen Weltreichen ohne jede Anstrengung ferugehalten werden. Das oben auf den trockenen Festländern so lästige Ungeziefer läßt...«
Bei dem Worte »Ungeziefer« sinkt dem großen Nabob wiederum das Manuskript aus der Hand und fällt dabei unter den Tisch.
»Merkwürdig!« tönt es wieder von Rakkóxens Lippen. Dann aber ißt der große Mann ruhig weiter. Nach der Mahlzeit telegraphiert er an den Direktor seiner Erfindungsabteilung: »Schultze VII. ist ein altes Rhinoceros, bin für seine Pläne leider zu arm. Der Kerl ist ein oberfauler Kopp. Bin mit Ihren Genies und Obergenies sehr unzufrieden. Ihr Personal ist bald für den Jahrmarkt reif. Rakkóx.«
An den Direktor seiner kaufmännischen Abteilung, in der fünfzehnhundert verkrachte Gründer beschäftigt sind, telegraphiert der Billionär: »Schnell zehntausend submaritime Torpedoboote bauen lassen - aber beste Konstruktion. Rakkóx.« Danach ruht er in seinem Perlmutterzimmer von seiner Arbeit aus.
Auf den weißen Eisbärfellen, die den ganzen Fußboden bedecken, spielen gelbliche und grünliche Lichtbüschel, die oben durch die Glaskuppel hineinkamen. Die Glaskuppel ist so bunt wie ein alter Krötenbauch, und viele weiße Pelzhaare werden zu Rakkóxens Füßen auch so bunt. An den welligen Wänden, die aus zehntausend Perlmutterbuckeln bestehen, glitzerts; mitten auf jedem Buckel sitzt ein kleiner hellblauer Saphir.
Rakkóx liegt auf seinem weißen Sammetdivan und schlummert. Ein kurzer kompakter Herr mit dickem Kopf. Kurz ist der graue Bart, kurz ist das graue Haupthaar. Die weißen Augenbrauen sind so buschig wie die Eisbärfelle. Die breite Brust hebt sich und senkt sich wie eine feste Maschine. Der lose perlgraue Anzug hängt schlaff und unordentlich an dem kurzen dicken Körper. Die Glaskuppel macht jetzt auch den losen perlgrauen Anzug krötenbunt.
Währenddem schnauzt der Direktor der Rakkóxischen Erfindungsabteilung sein Obergenie Schultze VII. mächtig an. Und der Siebente wird wütend wie ein spanischer Stier. Beim Donner der großen Worte verkriechen sich des Direktors Möpse hinter die Aktenregale.
Nachdem Rakkóx sich ausgeschlafen hat, wird ihm ein junger Erfinder Namens Kasimir Stummel gemeldet. »Empfangssaal!« flüstert der Billionär. Und Stummel wird in den Empfangssaal geführt. Der ist natürlich köstlicher als alle Harems des Kaisers von China. Feinste Emailwände - durchsichtiges Email! - rot - grün - blau - glitzernd wie spielende Fische im Sonnenschein - Geschmeide von feinsten Goldornamenten dazwischen. Und dann Teppiche - gearbeitet mit dem Mikroskop - Millionen geheimnisvoller Zeichen! - so bestrickend komponiert, daß aller Blütenschnee der Welt garnichts dagegen ist. Dünne Glassäulen, die die zartesten Farbenwürfel in sich haben - beim Vorbeigehen kaleidoskopartig wirkend. Sessel aus geschnitztem Elfenbein mit weicher Seidenweberei. Stachlige graue Korallenvasen, die beinah bis zur Decke reichen - jede der tausend Stachelspitzen ein kleiner blitzender Smaragd. Achattische mit Chrysolithschnitzerei - in allen möglichen Formen. Das Ganze so im Halbdunkel - nur erleuchtet von Fenstern aus Rubinglas, die unregelmäßig in verschiedenen Formaten an den Seiten und an der gewölbten Decke verteilt sind. Stummel staunt doch ein wenig, obgleich ihm die Decke nicht genügend gegliedert erscheint.
»Guten Tag, Herr Stummel!« sagt Rakkóx, wie er durch die schnell geöffneten Pfauenfedertüren schreitet, reicht dem Stummel die Hand und bittet ihn freundlich, auf einem Elfenbeinsessel Platz zu nehmen. Kennen tut er den Herrn noch nicht.
Stummel sammelt sich, stammelt erst seinen herzlichsten Dank für die Audienz und beginnt in fließendem Deutsch: »Herr Rakkóx, seit Jahren habe ich die Tätigkeit Ihrer Erfindlungsabteilung mit regem Interesse verfolgt und bin denn doch erstaunt gewesen, daß soviel überflüssige Ideen Ihnen zur Ausführung anempfohlen wurden. Die täglichen Berichte der Presse haben mich allmählich gereizt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, liegt Ihnen nur daran, solche Ideen auszuführen, die eine wesentliche Förderung der Kultur im Auge haben und gleichzeitig auf größere Dimensionen berechnet sind.«
Hier unterbricht Rakkóx den jungen Mann und bemerkt folgendes: »Das Letztere von den Dimensionen ist ganz gut. Aber reden Sie bloß nicht von Kultur, das sieht so philanthropisch aus. Ich bin aber kein Philanthrop, dazu ist die Menschenmasse nicht zart genug mit mir umgegangen. Man hat mich immer ausgelacht und hat geglaubt, mir damit einen Gefallen zu tun. O, für die Menschen bin ich nicht begeistert, lassen Sie mich bloß mit der Kultur zufrieden. Neue Einrichtungen, die für die Menschen einen notwendigen Entwicklungsfaktor bilden, brechen sich auch ohne mein Zutun Bahn. Ich hätte mich ja für Verbesserung der menschlichen Wohnungsverhältnisse begeistern können, aber glauben Sie, man würde mir dabei irgendwie entgegenkommen? Lächerlich! Für die meisten Menschen ist ein Schweinestall als Aufenthaltsort so was Natürliches. Doch fahren Sie ruhig fort - ich höre sehr aufmerksam zu.«
Und Stummel fährt unbeirrt fort: »Die Fürsten der Erde haben jederzeit ihre Existenz durch Kolossalbauten dokumentiert. Es muß daher auch in Ihrem Interesse liegen, Kolossalwerke mit architektonischem Charakter zu schaffen. Die früheren Fürsten der Erde waren zu arm, um in größerem Stile zu arbeiten. Ihr Reichtum aber, Herr Rakkóx, gestattet Ihnen, das Grandiose - ja das Abenteuerliche und Märchenhafte - aufs Korn zu nehmen. Wenn man in größeren Dimensionen bauen will, empfiehlt es sich, die daseiende Natur derart zu benutzen, daß es schließlich so aussieht, als hätte man die ursprünglich daseiende Natur ebenfalls mitgeschaffen. Die Stilisierung größerer Felspartieen hat anerkanntermaßen für den Architekten einen höheren Wert als das Aufführen usueller Wandgebäude, die zu den Terrainverhältnissen einen Kontrast bilden sollen. Wie wär´s nun, wenn Sie, Herr Rakkóx, geneigt sein möchten, nicht bloß einzelne Partieen eines Felsens - sondern versuchsweise mal einen ganzen Felsen von oben bis unten in ein architektonisches Kunstwerk zu verwandeln? Das wäre was wahrhaft Großes und würde die kommenden Geschlechter anspornen, im Laufe der nächsten Jahrtausende die gesamte Oberfläche des ganzen Erdballs in ein großes kompaktes architektonisches Kunstwerk umzuwandeln. Das Letztere ist natürlich nur als Scherz zu betrachten. Indessen ich hörte, daß Sie auch den Humor in den großen Unternehmungen nicht mit gar zu bösen Blicken zu betrachten pflegen.« Kasimir Stummel hielt inne und lächelte.
Rakkóx lächelte ebenfalls, dachte an die submaritimen Staaten seines Obergenies Schultze VII. und hatte plötzlich das Gefühl, daß dieser Kasimir Stummel vernünftiger vorging als alle seine angestellten Genies und Obergenies. Der Kerl imponierte dem Nabob. »Der architektonische Ausbau eines Felsens kann unter Ihrer Leitung in Angriff genommen werden.« Also lautete Rakkóxens kurze Antwort.
Stummel traten dicke Freudcntränen in beide Augen. Der energische Billionär telegraphierte sogleich an den Direktor seiner kaufmännischen Abteilung: »Schnell kleines Gebirge möglichst mit Gletscher zu Bauzwecken ankaufen. Konferieren Sie mit Herrn Kasimir Stummel. Rakkóx.« Nachdem der Diener das Telegramm notiert hatte, stand der gewaltigste Mann der Erde so ruhig auf, als wäre nichts geschehen, schüttelte Stummeln beide Hände und ging rasch mit fliegenden Rockschößen ab durch die Pfauenfedertüren.
Doch eine Stunde später telegraphierte er wieder an den Direktor seiner Erfindungsabteilung - und zwar das folgende schwer wiegende Telegramm: »Kündigen Sie sofort den zweihundert Genies und Obergenies ihre Stellungen. Sie selbst sind ebenfalls mit dem ablaufenden Quartal entlassen. Ubergeben Sie Ihr Amt umgehend Herrn Kasimir Stummel. Rakkóx.« Dem Rakkóx kam der Stummel so sympathisch vor.

Bilder von Paul Scheerbart

Der Direktor der Rakkóxischen Erfindungsabteilung fiel bei Empfang des schwer wiegenden Telegramms unter seinen Schreibtisch. Und das Personal der Abteilung wurde beinahe wahnsinnig; drei Obergenies mußten wegen gefährlicher Tobsucht sofort einer Heilanstalt überwiesen werden.
Schultze VII. tat so, als ob ihn die Sache nichts anginge. Und dennoch wußte er sehr genau, daß ohne sein Zutun die Katastrophe ganz unmöglich gewesen wäre; aber seine Kameraden wußten das nicht, da ihr Direktor alles Wichtige für sich behielt.
Schultze VII. sah mager aus wie ein Windhund und hatte einen so starken Schnurrbart, daß der mit zwei Fingern nur mühsam zu umspannen war. Kaum hatte sich der Siebente in sein Lederzimmer zurückgezogen, so strich er seinen Schnurrbart mit allen zehn Fingern so heftig auseinander, daß einzelne Haare rausgingen und nur so rumflogen. Und er knirschte mit den Zähnen - zwar melodisch - doch nicht sanft. Und er hielt dabei einige seiner gewöhnlichen Monologe - er war an die Monologe gewöhnt.
»Es ist eigentlich«, sprach er zu seinen braunen Lederwänden, »durchaus sinnlos, mich über diesen Rakkóx zu ärgern, denn ich brauche ihn nicht. Und dennoch ärgere ich mich. Ich war ja ein Wüterich von meiner Geburt an, obgleich ich niemals einen plausiblen Grund für meine Wut hatte. Aus Wut bin ich sogar Humorist geworden - nicht aus Liebenswürdigkeit. Es ist zweifellos mein Schicksal, immerzu im Wutstadium zu leben. Andere Leute leiden an Wassersucht - ich aber leide an Wutsucht. Ich sehne mich ja danach, beleidigt zu werden, damit ich ein Recht bekomme, meinem tückischen Jähzorn freien Lauf zu lassen. Und dabei lach' ich noch.« Schultze VII. sieht wieder seine ledernen Wände und seine ledernen Möbel - fein gepreßte Sachen - an und freut sich, so ganz zwischen alten Tierhäuten zu stecken; ihm sind alle Bestien so recht sympathisch.
»Die einfachen Tiere und die menschlichen Kinder«, fährt Schultze fort, »neigen mehr zur Mordlust als zur Wollust - der entwickelte reife Mensch desgleichen. Das hängt damit zusammen, daß die einfacheren Lebewesen sich ihrer Persönlichkeit nicht bewußt werden und die komplizierteren Lebewesen erst recht nicht an ein individuelles Leben glauben - daher schätzen beide ihr Leben und damit auch das der anderen Wesen nicht hoch ein. Die Geschichte ist gräßlich einfach. Esel verstehen's allerdings nicht. Am Anfange ist die Kreatur grausam und zerstörungssüchtig - am Ende noch mal. Und daher ist Schultze VII. ein Wüterich, denn er ist ein Lebewesen, das die höchste Entwicklungsstufe erreicht hat. Die höchste Genialität ist eben nur dazu da, die Menschenbrut feste zu verhöhnen und zu verhetzen. Blut will ich, verfluchtes Biestpack-Blut! Und darum muß Rakkóx - es läßt sich leider nicht ändern - zerrissen werden - wie die Taube vom Habicht zerrissen wird. Meine Logik ist immer vernichtend.«
Er lacht - was sich wie Storchgeklapper anhört- freilich nicht ganz so. Und er kreischt auf wie ein wildes Tier, schlägt mit beiden Fäusten auf seinen kleinen Kaffeetisch, daß der zusammenknickt wie eine alte Hutschachtel. »Rhinozeros! Rhinozeros!« brüllt er.
Und dann lacht er- wie die Irrsinnigen in der Heilanstalt zu lachen pflegen. Nachdem wird er aber ganz ruhig und kalt, geht zu der Versammlung der entlassenen Genies und Obergenies, überredet sie, mit ihm nach China auszuwandern und dort den Kaiser von China gegen den gemeingefährlichen Rakkóx aufzuhetzen - und tut so affektlos w ie ein stiller Waldsee.
Die Versammelten folgen dem großen Schultze; alle fahren mit dem nächsten Eilzuge nach China.

Bilder von Paul Scheerbart

In den nächsten Monaten entwickelt sich die Geschichte auf beiden Seiten programmgemäß. In den Gebirgspalästen, die Kasimir Stummel auf der Westküste Südamerikas baut, arbeiten fünfmal hunderttausend Mann - Rakkóxens Geld kommt unter die Leute, er wird immer berühmter und beinahe vergöttert. Ein ordentlicher Unternehmer geht seinen Weg; ob die Unternehmungen vernünftig oder lächerlich sind, ist allen ganz egal - wenn nur gezahlt wird.
Nach Verlauf eines guten Jahres bemerkt aber der große Billionär ein sichtliches Schwinden seiner Popularität. Uber die Ursachen dieser Erscheinung kommt er bald ins klare. Schultze Vll. telegraphiert ihm nämlich aus Peking: "lhr Vorgehen in Südamerika wird hier an höchster Stelle scharf verurteilt, rate Ihnen, sofort Herrn Stummel ebenfalls zu entlassen, da er sich Ubergriffe gegen chinesische Staatsbürger erlaubt hat. Ehrfurchtsvoll! Schultze Vll.« »Aha«, ruft Rakkóx. AufMadeiratriffter mit Kasimir Stummel zusammen, dessen glatt rasiertes Gesicht sehr braun und sehr gesund aussieht. Stummel teilt seinem Prinzipal zunächst mit, daß sich an der Westküste Südamerikas die Anzahl der chinesischen Kriegsschiffe nachgerade täglich vermehrt. Die Situation wird brenzlich. Rakkóx telegraphiert demnach an den Direktor seiner Marineabteilung: » Schnell alle fertigen submaritimen Torpedoboote zu Stummeln nach Südamerika senden. Die Geschichte eilt. Rakkóx. « Dieses Telegramm beruhigt jedoch Herrn Kasimir Stummel keineswegs.
»Ich kann mir«, führt er aus, »nicht verhehlen, Herr Rakkóx, daß Ihre Offiziere sehr unzuverlässig sind. Sie haben sämtlich nur pekuniäre Interessen und keine nationalen. Die Soldaten, die sich als Vertreter einer Nation betrachten, bieten ohne weiteres viel mehr Sicherheit als die gesamte Rakkóx-Armee. Wir müssen das nationale Element aus den feindlichen Armeen rauspumpen. Es ist mein voller Ernst. Mit internationalen Armeen werden wir immer fertig. Wir müssen aus der chinesischen Armee eine internationale Armee machen.« »Wie machen wir das?« fragt Rakkóx. »Es geht!« erwidert Stummel, »es ist eine kühne Idee - aber ich weiß, Sie schrecken vor kühnen Ideen nicht zurück- besonders wenn sie nur Defensivmaßregeln verkörpern wollen.«
»Nu reden Sie doch - was wollen Sie denn?« Also Rakkóx. Und Stummel fährt fort - bedächtig: »Es hört sich toll an - aber es geht! Wir müssen China zum internationalen Staate machen. Wir müssen durch glänzende Anerbietungen eine Vermischung aller Rassen des Erdballs durchzuführen suchen. Wir müssen die Ubersiedlung sehr vieler Europäer nach China und sehr vieler Chinesen nach Europa veranlassen. Diese Tätigkeit mas kieren wir dadurch, daß wir gleichzeitig die Afrikaner nach Indien und die Inder nach Australien transportieren; die Indianer können ja nach Skandinavien. Sie verstehen wohl! Wir müssen das reine Rührei aus den Nationen machen. Ich sage Ihnen, lachen Sie nicht! Es geht tatsächlich! Dazu gehören nur recht viele Personendampfer, die für die Uberfahrt einen lächerlich geringen Preis beanspruchen.«
Rakkóx steht auf und telegraphiert an den Direktor seiner kaufmännischen Abteilung: »Sofort tausend Personendampfer ankaufen oder bei der Werft von Europa bestellen. Größtes Format! Rakkóx.«
Stummel stammelt seinen Dank, er ist ob seiner Erfolge ganz verwirrt. Im besten Strandhotel essen sie danach ein einfaches Abendbrot. Nach dem Abendbrot rauchen sie auf der Fürsten-Terrasse eine gute Zigarre aus Melbourne, der Mond beleuchtet ganz ausgezeichnet den Atlantischen Ozean, und Rakkóx plaudert von seinem Obergenie Schultze VII.
»Das ist ein ganz gemeingefährlicher Mensch«, sagt er heftig, »stellen Sie sich nur vor, was für geniale militaristische Ideen mir dieser freche Kerl zu unterbreiten wagte! Krokodilsregimenter in dunkelblauer Uniform wirkliche Krokodile in dunkelblauer Uniform - wollte der Herr zum Schutze der Hafenforts dressieren lassen. Ich glaube, er schrieb auch von einer Dressur der Austern zu Kriegszwecken. Er hätte auch noch die Regenwürmer in Uniform gesteckt - wenn ich dem Satan nicht den Laufpaß gegeben hätte. Und aus Rache für den Laufpaß putscht er nun die Chinesen gegen mich auf. Ein sauberer Kunde! Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, die Bedeutung des Ungeziefers herauszustreichen; das Ungeziefer nannte er das natürliche Leibregiment der Menschheit. Meine zweihundert Genies glaubten immer, ich könnte mich nur am Spaß ergötzen. Weil ich's mir selten versagen mag, gelegentlich einen saftigen Ulk vom Stapel zu lassen - deswegen glaubte man, mir könnte nichts angenehmer sein, als selber ordentlich verulkt zu werden. Wenn man über die Tiefsinnigkeit dieser Genies, die das Gehirn eines Billionärs nur für ein Witzkaninchen halten, nachdenkt, so kann man beinah Bauchweh bekommen. Es gibt doch verschiedene Arten von Humor. Wir können speziell defensiven und aggressiven Humor unterscheiden; der aggressive ist eine ganz entartete Art und diesem Schultze Numero VII. eigentümlich. Sie, Herr Stummel, haben eine seltsame Abart von Humor, die ich die geschäftliche Abart nennen möchte. Nehmen Sie mir's nicht übel, mir ist die Abart durchaus nicht unsympathisch. Ich selbst habe einen Humor, der mehr unfreiwilliger Natur ist. Der unfreiwillige Humor wird ja wohl von einzelnen Gelehrten für den einzig wahren erklärt. Ich gestehe aber, daß ich sein Dasein in mir lebhaft bedaure. Seien Sie nie zu lustig, der ganze Humor ist überhaupt nur eine gute Nummer für den Armen - für den Reichen ist der Humor ein Malheur. Ich habe meinen verdammten Mitmenschen immer zu wenig übelgenommen. Ich habe das fatale Talent, bei jedem nur die lächerlichen Seiten zu sehen- und was man belachen kann, nimmt man nicht krumm. Doch durch diese Gutmütigkeit verliert man den Respekt. Die Leute glauben einem schließlich nicht, daß man mehr will - als Lachenkönnen. Und vom Lachen allein wird man doch noch nicht vergnügt.«
Die beiden Männer qualmten mächtige Rauchwolken in den Mondschein, der Atlantische Ozean lag glitzernd vor ihnen wie ein verworrenes Spiegelbild der Unendlichkeit.
Die beiden Männer schwiegen lange und waren so ernst wie diejenigen, die ihr ganzes Leben nur mit weltzerkneifenden Taten füllen möchten.
Und dann sprach Stummel von seinen großen Palastgebirgen: »Ich möchte das Bleibende schaffen!« sagt Stummel, »ich habe zunächst mit den neuen Maschinen größere Höhlungen in den Bergen vorgenommen, die dabei herausgebrachten Stein- und Kalkmassen habe ich draußen am Meeresstrande zu reich gegliederten Terrassenbauten verwandt. Es lassen sich verschiedene Berge ganz leicht in eine rechtkantige architektonische Form bringen, auch mit komplizierten Kurven lassen sich glänzende, architektonische Kompositionen schaffen. Die Säle, die im Innern der Rakkóxfelsen entstehen, werden beispiellose Dimensionen erhalten. Wir machen das Dimensionale modern. Die neuen Maschinen arbeiten so sicher, daß Einstürze nicht zu befürchten sind. Unsere Mathematiker arbeiten zudem fast viel zu sorgsam. Am Kasimirfelsen lasse ich den ganzen Gipfel abschneiden, so daß in allen Sälen Oberlicht sein kann. Ich denke mir die Wände der Säle zumeist ganz mit Wohnungen angefüllt die hinter Vorbauten, Säulenhallen und Balkons jede beliebige Ausdehnung haben können. Gewaltig werden die Granitsäle wirken. Zweihundert Meter hohe Wände ganz spiegelglatt! Und da die Beleuchtung mit Fackellicht! In den tieferen Schichten sind riesige Baderäume unterzubringen- mit Springbrunnen, Kaskaden, Teichen und Gondeln. Sämtliche Kirchenbauten fallen vor diesen Gebirgspalästen untern Tisch, nicht wahr? Man muß lächeln, wenn man an die kleinliche Architektur der Vorzeit denkt. Um die Wohnungen wird man sich reißen und märchenhafte Summen bezahlen. Vorzüglich wirken die grandiosen Perspektiven, wenn ganze Ketten von Riesensälen neben-, hinter-, über- und untereinander liegen können. Es sind selbstverständlich durch eleganteste elektrische Bahnen die Säle zu verbinden. Die Wagen müssen allerdings ganz im Stile der Architektur gebaut sein. Wir schreiben da wohl verschiedene Konkurrenzen für die einzelnen Stilarten aus. Von außen aber werden die Gebirge einen hinreißenden Anblick gewähren. Die Natur ist tausendfach übertrumpft. Es lassen sich auch im ägyptischen Geschmack große stilisierte Skulpturen herausarbeiten. Immerhin bin ich eigentlich dagegen: die reine Architektur muß allein mit großen Rhythmen w irken und kleinlichen Zierat verschmähen, wenn er auch noch so groß ist. Die neuen Emailfarben bringen übrigens, wenn man sie vorsichtig zum Rausstreichen der Verhältnisse benutzt, einen verblüffenden Eindruck hervor- und die Farben sind wetterfest. Ich bin sehr glücklich...«
So redete Stummel bis zum Morgengrauen, und Rakkóx hörte aufmerksam zu, sie rauchten mit Genuß das Kraut von Melbourne, tranken nur kühle Limonade und begaben sich erst beim Aufgange der Sonne zur Ruhe. Der Atlantische Ozean glitzerte in tausend Farben, als die Sonne kam.
Der Krieg zwischen Rakkóx und dem Kaiser von China nahm nun seinen Fortgang. Eine Kriegserklärung fand natürlich nicht statt, denn sich gegenseitig Schlachten zu liefern, lag durchaus nicht in der Absicht der beiden Parteien. Sie lagen bloß auf der Lauer und suchten eine günstige Gelegenheit zu erspähen, ohne größeren Geld- und Blutverlust was zu erobern. Es war ein ständiges Manövrieren. Und alles konzentrierte sich dabei um Stummels Gebirgspaläste; Rakkóxens submaritime Torpedoboote kreuzten immerzu vor dem Arbeitsfelde und verhinderten das Näherkommen der chinesischen Flotte, ohne zu schießen. Und diese versuchte eigentlich nichts weiter, als Rakkóxens Admirale zu bestechen. Ein schöner Krieg! Die Bestechungsversuche gelangen aber nicht, da Rakkóx viel freigebiger war als der Chinesenkaiser. Das Hauptziel der chinesischen Diplomaten war zudem das: Stummel rumzukriegen. Indessen Stummel war nicht so leicht ins Verderben zu stürzen, da er alle persönlichen Empfindungen unterdrückte und nur für die Erhaltung seiner Gebirgspaläste kämpfte. Schultze VII., der bald die gesamte Bestechungs-Aktion gegen Stummel leitete, wußte wohl, mit welchem hochentwickelten Menschen er's zu tun hatte. Doch die bösen Menschen sind nie in Verlegenheit, wenn es gilt, tückische Pläne auszuhecken. Der rachsüchtige Schultze telegraphierte aus Peking an Herrn Kasimir Stummel: »Ich gratuliere Ihnen zu den Erfolgen Ihrer Rassenvermischungsidee. Ihre Personendampfer funktionieren ja ganz ausgezeichnet. Erklären Sie Ihre Gebirgspaläste ebenfalls für international. Begeben Sie sich unter den Schutz der vereinigten Staaten des Erdballs und die Konsistenz Ihrer Arbeit ist für alle Ewigkeit gesichert. Andernfalls können Sie sich auf das Schlimmste gefaßt machen, da sich in Ihrer nächsten Umgebung an die fünfzig Verräter befinden. Schultze VII.«
Stummel erschrickt doch ein wenig, denn am Bestehenbleiben seiner Paläste, die natürlich nicht so rasch fertig werden, liegt ihm mehr als an seinem eigenen Leben.
Stummel ist ein Diplomat und immer schnell bereit, gleich wieder mit einem anderen Herrn zu arbeiten, wenn der momentan zur Verfügung stehende Herr nicht den genügenden Schutz bietet. Der kluge Kasimir schickt also an Rakkóx eine umständliche Depesche, in der er in sehr lustiger, humorvoller Form die Idee des infamen Schultze auseinandersetzt und beleuchtet; er läßt durchblicken, daß die Gebirgspaläste im Besitze sämtlicher Nationen des Erdballs an Wert nur gewinnen - nicht verlieren dürften.
Rakkóxens Antwort lautet: »Das Lachen der Verlogenheit ist immer noch liebenswürdiger als das Lachen der Verlogenheit. Rakkóx.«
Diese grobe Antwort stößt den Stummel doch furchtbar vor den Kopf, und er zweifelt daran, daß Rakkóx nötigenfalls bereit sein könnte, für die Paläste Kopf und Kragen zu riskieren, und er beschließt, nur noch im Interesse seiner Arbeit zu handeln und sich um den Rakkóx nicht weiter zu bekümmern. Stummels internationale Unterhandlungen beginnen darauf. Rakkóx wird nicht weiter befragt.
Gleichzeitig erfährt die allgemeine Wutstimmung, die sich auf der ganzen Erde gegen den verrückten Billionär im Laufe der Jahre ausbildete, eine unheimliche Steigerung.
Und Schultze VII. wird kühner. Mit verblüffender Taktik weiß er den Stummel immer tiefer in sein Netz zu ziehen, so daß dieser schließlich öffentlich die Gebirgspaläste für internationales Eigentum erklärt und sich und seine Arbeiter unter den Schutz der vereinigten Staaten des Erdballs stellt.
Wie Rakkóx in Konstantinopel diese Proklamation liest, besteigt er sofort sein Blitzboot und fährt bei Gibraltar vorbei nach Südamerika - erklärt unterwegs die Proklamation des Kasimir Stummel für eigenmächtig und gegenstandslos. Aber Schultze VII. hat Rakkóxens Reise auf dem Blitzboot vorausgesehen. Mit den zweihundert Genies und vielen Chinesen kreuzt er so »zufällig« im Atlantischen Ozean 'rum und fängt das Blitzboot mitten auf'm Äquator ab. Das raffinierte Obergenie läßt den Rakkóx fesseln und in seine große Salonkajüte führen.
Zehn alte Indianer mit langen blanken Messern im Gürtel sitzen schweigend rechts und links neben dem großen Schultze, der dem Billionär mit gleißenden Augen nur ein einziges Wort entgegenschleudert: »Rhinozeros!« Rakkóx sieht seinen Feind ruhig an, mustert die verrückten blutgierigen Indianer und sagt milde: »Armer Schuft!«
Schultze VII. streicht seinen dicken Schnurrbart, gibt den Indianern ein Zeichen - und die Indianer stürzen sich heulend auf den Billionär, jagen ihm die langen Messer in den Leib, drehen ihm den Kopf ab und schneiden den Leichnam in zweihundert Stücke von ziemlich gleicher Größe; den Schädel und die größeren Knochen zerlegen sie mit den Streitäxten. Die zweihundert Stücke werden abgewaschen und fein säuberlich in zweihundert Emaildosen gepackt. Und diese Emaildosen mit dem Rakkóxgebein werden feierlich unter die zweihundert Genies verteilt. Die Obergenies erhalten Kopfstücke. Schultze nimmt Rakkóxens Nase. So stürzt Rakkóx von seiner Höhe.
Das Publikum der ganzen Erde schreit Hurrah und feiert Schultze VII. als Erlöser. Die Verteilung der Billionen erzeugt natürlich einen ganzen Rattenschwanz von abenteuerlichen Prozessen. Die Advokaten trinken nur noch Uber-Sekt. Auch ein paar veritable Schlachten werden geschlagen - mit scheußlichem Gedonner. Das macht aber alles nichts aus - Rakkóxens Billionen werden verteilt- Rest bleibt nicht übrig. Die Todesart des reichen Mannes bleibt natürlich ein Geheimnis - dem Publikum wird was von Selbstmord und Testamentsvernichtung vorgeschwatzt- die Verwandten erhalten sämtlich Ministerstellen - einige Vettern bekommen den Herzogstitel usw. usw. usw. So stürzen Rakkóxens Billionen von ihrer Höhe.
Schultze VII. aber merkt plötzlich, daß er - zum - Götzen - der - Dummheit - geworden ist - und - - - verachtet sich. - So stürzt Schultze VII. von seiner Höhe. Die Gebirgspaläste des Kasimir Stummel verfallen, da die Nationen für derartige Baukünste kein Geld übrig haben. Schlangen und wilde Tiere nisten sich in den großen Granitsälen ein. Die Arbeiter fahren sämtlich davon, als sie keinen Lohn mehr bekommen. Und Stummel sieht, wie sein Werk zusammenbricht. Ein paar unternehmende Amerikaner betrachten die Gebirgspaläste als gute Bergwerke, finden dort Gold und - verwüsten die gesamten »architektonischen« Arbeiten von oben bis unten. Die herrlichen Terrassenanlagen werden rücksichtslos zerstört und die feinen großen Maschinen nur noch zu Bergwerkszwecken verwandt. Stummels Beschwerden werden von den z. Z. vereinigten Staaten des Erdballs mit lächelndem Bedauern entgegengenommen. So stürzt Kasimir Stummel von seiner Höhe. In Peking aber pflegt der allgemeine Genieverein jeden Sonnabend seine Sitzung mit einem Rundgesang zu beginnen, dessen Kehrreim »Sic transit gloria Rakkóxi« stets mit indianerhaftem Wutgeheule gesungen wird. Der rakkóxische Rundgesang wird mit der Zeit so populär, daß er bei jedem Siegesfeste gesungen werden muß.

Bilder von Paul Scheerbart

Meine Tinte ist meine Tinte

Ein Klexosophicum

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

 


Eine sehr stille Sommernacht!

Matte Dämmerung mit traumschweren Gardinen und sanften säuselnden Winden.
Ich liege in weichen, schneeweißen Betten.
Und die Betten sind so schwer.
Es plätschert was – tropft.
Drüben ist es, am Schreibtisch.
Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch – so viel Schwarzes.
Sanft säuselnde Winde draußen.
Auf dem Schreibtisch tropft es – sollte das meine Tinte sein?
Meine Tinte ist meine Tinte.
Aber sie ist so lebendig.
Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus.
Und es ist viel Tinte, so viel schwarze Tinte.

Jetzt ist sie bei mir und beugt sich über mein Bett – wie eine kleine Milchstraße – wie eine kleine schwarze Milchstraße.
Jetzt tropft es wieder, und schwarze Tropfen fallen auf meine weißen Betten.
Dort in der Ecke über meinem rechten Fuße sitzt ein großer schwarzer Klex.
Und der Klex – ein ganz runder ist es – ist der Stil.
Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex – der heißt Ziel.
Und zwischen den Beinen bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine Quecksilberkugel auf einer Menschenhand – die Kugel ist das Spiel – das große Spiel.
Bin ich in einer Spielschachtel?
Woher kenne ich all die klingenden Namen? Sie klingen so gut zusammen wie die guten Reime in alten Gedichten.

Am Stil ist das Ziel das Spiel, es dreht sich.
Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel.
Hinterm Ziel!
Wie stilvoll das Spiel ist!
Auf dem Stil liegt der alte Nil – ein schwarzer Bindfaden.

Jetzt weiß ich: Der Nil ist der schwarze Faden, an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem Zuviel – das sind neue Klexe – viereckige Klexe – mit Raupen.
Schwarze Raupen kriechen über den Nil – wohl Neger.
Meine Tinte ist meine Tinte – bei der ist alles möglich.
Mein schöner weißer Kopfkissenbezug bekommt auch was ab. – Meine Betten sehen aus wie ein weißer Himmel mit schwarzen Sternen – viele Himmel – bergige Himmel – Schimmel mit Sternengewimmel.
Es klingt ja so hübsch – ist das Gebimmel von Klexen? Glocken sind’s!
Aber da mittendrin ist ein roter Klex – und der nennt sich Ich. Das ist keine Tinte, denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause. Ich wollte mir immer rote Tinte anschaffen. Aber ich hab’s vergessen – nur die Namen der Klexe kenne ich sämtlich – die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten.

An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne – sie heißen Welt, Wild und Wald. Die sind auch so mohrenschwarz und bedrängen jetzt das Ich – umkreisen das rote Ich.
Ich muss mich doch geschnitten haben, denn das rote Ich muss ein Blutstropfen von mir sein. So was kommt wohl mal vor. Jetzt geht der Weltklex über mein Ich hinüber – dem schadet’s aber nicht.
Die Klexe Lust, Last und List kommen meinem Munde sehr nahe.
Gehen die Klexe in meinen Mund? Sie kommen mit Kuh, Ruh und Schuh auf meinen Mund los.
Brr! schmecken die sauer!

Sanfte Winde wehen – aber die wehen ja die sämtlichen Klexe in meinem Mund.
Ich kann meinen Mund nicht schließen.
Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen.
Wie verschiedenartig die Klexe schmecken.

Meine Tinte muss sehr gemischt sein – wohl mit den Giften aller Zeiten.
Welt schmeckt nach Salpeter. Aber ich weiß nicht, wie Salpeter schmeckt – wahrscheinlich wie Bomben. Sehr gut!
Ich schließe die Augen, denn ich kann dieses fortwährende Heranrollen der schwarzen Sterne nicht vertragen.
Das Rollen tönt wie Donnern und bricht plötzlich ab.
Es hört alles auf – ich muss schon alles runter haben.
Ein Guter Magen ist ein Guter Magen.

Doch da rollt ja schon wieder was!
Die Augen kann ich nicht aufmachen.
Ach so!
Ich weiß ja!
Das ist mein rotes Ich, dass kann ich nicht runterschlucken.
Das Ich kann ich nicht verdauen.

Sanfte Winde wehen um meine Stirn – da wird’s aber nass.
Ist das Angstschweiß?
Nein – ich fühle jetzt ganz deutlich – es sind nur die schwarzen Sterne, die allmählich aus meiner Stirn wieder rausperlen – wie Alkohol – wenn man ihn literweise getrunken hat – aus der Stirne rausperlt – so perlen auch die schwarzen Sterne aus der Stirne heraus.

Die Winde draußen vorm Fenster müssen sehr kühl sein – oder sind die Sterne auf meiner Stirne so kühl?
Sind sie so kühl wie eine Birne?
Mein Ich fällt gleich vom Bette runter.
Mein Ich fällt und platzt entzwei – auf dem Teppich.
Jetzt ist Alles wieder gut.
Bloß auf dem Teppich wird ein roter Klex sein.
Das Schwarze verdunstet.

 

Bilder von Paul Scheerbart


 

Die gebratene Flunder

Tanz Poem der „tiefen“ Richtung

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Die gebratene Flunder sitzt auf dem gelbseidenen Familiensofa und sinnt – sinnt lange.
Plötzlich springt sie auf und schaut den heiligen Nepomuk, der sich im Schaukelstuhl ein bisschen schaukelt, durchdringend an.
Dann ruft sie, während sie auf ihrem knusprigen Schwanze in der Stube herumhopst: „Nepomuk, Du solltest Kaiser von Pangermanien werden – wahrhaftig! wirklich!“
„Du hast wohl“, erwidert Nepomuk, „zuviel gebratene Butter im Kopp!“
Die gebratene Flunder springt auf den Tisch und singt die Marseillaise.
Da wird der heilige Nepomuk wütend und schlägt mit der Faust auf den Tisch.
Was geschieht?
Die Lampe fällt runter und explodiert.
Alles verbrennt und stirbt.
Die Asche gibt kein einziges Lebenszeichen von sich.
Hieraus erkennt man wieder, wie viel der Zorn zerstören kann.

Bilder von Paul Scheerbart


 

Eine moderne Kasandra

Eine Zukunftsgeschichte

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Mit einem bekannten Historiker, der ein deutscher Professor ist, ging ich neulich zu einer unbekannten, aber sehr interessanten Kartenlegerin.
Wir lachten natürlich sehr viel, als wir hingingen, und ich glaubte natürlich nicht, daß wir viel Neues erfahren würden.
Mein Professor war jedoch ganz anderer Ansicht; er sagte mir ganz ernst: »Der große Napoleon ging auch einmal zu einer Kartenlegerin. Und ich bin durchaus der Meinung, daß manche Menschen die Fähigkeit haben, herankommende Dinge früher zu wittern. Die Hunde merken auch sehr viele Dinge früher als wir. Warum sollen nicht manche Menschen Hundenasen haben? Die Kartenlegerin, zu der wir gehen, hat nach meiner Meinung auch eine Hundenase. Passen Sie nur auf, was Sie sagen wird!«
Danach wurden wir von der Kartenlegerin, einer sehr einfach aussehenden älteren Dame, empfangen. Wir erzählten ihr, daß wir gerne die Zukunft Europas kennenlernen möchten. Und die Dame lächelte und sagte ruhig:
»Der Herr Professor ist ein Historiker und weiß ganz genau, daß die Revolution im Jahre 1789 nicht ohne Folgen für Europa blieb; ganz Europa wurde durch die französische Revolution >umgewälzt<; wir bekamen stehende Heere, konstitutionelle Verfassungen, die großstädtischen Einrichtungen und viele andere Dinge, die einfache Folgeerscheinungen der französischen Revolution waren.«
Der Professor unterbrach die Dame und sagte: »Wir wollen aber gar nicht hören, was nach der französischen
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Revolution kam. Wir wollen hören, was nach der russischen Revolution kommen wird.«
»Ich weiß natürlich nicht«, erwiderte die Kartenlegerin, »ob mein Zustand heute eine Beantwortung Ihrer Frage möglich machen wird. Aber ich werde Ihnen sagen, was ich denke — vielleicht wird es dann im Laufe des Gesprächs möglich, etwas Bedeutungsvolles zu sagen. Sie, Herr Professor, können mich gelegentlich unterbrechen — Sie wissen ja, wann Sie's dürfen und wann nicht. Ihren Freund muß ich aber bitten, zu schweigen.«
»Das wird mir zwar«, versetzte ich rasch, »sicherlich sehr schwerfallen. Aber ich werde trotzdem schweigen. Ich schwöre, daß ich kein Wort sagen werde — was auch kommen mag.«
Die Dame begann darauf zu sprechen, wie nun folgt:
»Wer könnte daran zweifeln, daß die russische Revolution für die Entwicklung Europas im zwanzigsten Jahrhundert das wichtigste Ereignis ist? Wer könnte daran zweifeln? Es ist ja so selbstverständlich, daß die russischen Revolutionsideen auch in den übrigen Staaten Europas wirksam werden. Und dasjenige, was in Rußland geschieht, wird sehr bald in den Hintergrund gedrängt werden durch das, was bei uns geschieht. Es läßt sich gar nicht leugnen, daß die Erschütterungen der westlichen Staaten Europas viel schlimmere Folgen haben müssen. Eine Bombe, die in Berlin oder in Wien geworfen wird, dürfte viel mehr zerschlagen, als eine Bombe im phlegmatischen Staatskörper Rußlands zerschlagen kann. Und darum haben wir zunächst zu untersuchen, ob es den russischen Revolutionären angenehm sein muß, wenn das westliche Europa auch in hellen Flammen steht. Und diese Frage haben wir schlankweg zu bejahen; den russischen Revolutionsführern, die natürlich wirklich existieren, muß sehr viel daran liegen, auch im westlichen Europa anarchistische Zustände zu schaffen, da diese auf Rußland ganz energisch zurückwirken müssen. Außerdem haben alle Fanatiker stets das Bestreben gehabt, ihre Ideen so weit wie möglich zu verbreiten. Und es wäre einfach lächerlich, wenn man annehmen möchte, die russischen Fanatiker, die doch schockweise in Rußland und
London da sind, könnten von der allgemeinen Regel eine Ausnahme machen.«
Der Professor der Geschichte sagte darauf: »Bis hierhin könnte ich auch gesprochen haben. Nun möchte ich aber doch Dinge hören, die mir mehr sagen, als ich mir sagen kann. Vielleicht schweigen wir ein paar Minuten.«
Die Kartenlegerin stand hiernach auf und setzte sich im Hintergrunde des Zimmers in der Nähe des Fensters auf einen Holzstuhl.
Es war ganz still im Zimmer. Die Uhr schlug elf. Und wir schwiegen und sagten nichts. Dann aber sprach plötzlich die Kartenlegerin mit völlig veränderter Stimme: »Ich sehe Entsetzliches! Schauerliche Leichenzüge kommen vorbei! Und die Menschen, die noch leben bleiben, haben blasse Gesichter und große, weit aufgerissene Augen. Es wird mir alles immer deutlicher. Mir ist so, als höre ich leise Stimmen zu mir sprechen. Die eine Stimme spricht ganz deutlich zu mir: >Hätte man nun, sagt sie leise, >ein wenig früher daran gedacht. Wäre man nur nicht so furchtbar sorglos gewesen, dann wären die langen Leichenzüge nicht gekommen. Man hätte doch wissen müssen, daß das in Gefahr war — daß der ganzen Kultur doch die Rippen knacken müßten, wenn der Stoß kam. Aber die wahnsinnige Sorglosigkeit der Schlafwandler war nicht umzubringen. Jeder dachte nur an das Nächste — aber nicht an das Kommende. Und das Kommende mußte doch kommen —das wußten doch alle, die da waren. Man wußte doch auch, daß das ganze Militär machtlos war — man hätte doch viel mehr aufpassen müssen. Waren denn alle betäubt?< Es war den Leuten wohl unmöglich, die Glieder zu bewegen, wie's uns oft im Traume unmöglich ist, wenn der Alp drückt. Aber was da aus der Erde hervorkommt — das ist noch entsetzlicher als alles! Das sind Wahnsinnige! Der Wahnsinn hat sie zu Tieren gemacht! Und dieser Wahnsinn greift immer weiter um sich! Alle werden wahnsinnig! Alle werden wahnsinnig! Helft mir! Helft mir!«
Der Professor sprang schnell auf und hielt die Kartenlegerin fest, sonst wäre sie auf den Fußboden gefallen.
Ich goß schnell ein wenig Wasser in ein Wasserglas und reichte es dem Professor, und der besprengte die Bewußtlose und brachte sie durch ein paar ruhig gesprochene Worte wieder zu sich. Und dann setzten wir uns alle drei wieder an den Tisch, der in der Mitte der Stube stand.
Und ich fragte danach leise: »Darf ich jetzt auch sprechen?«
Und man erlaubte es mir, und ich sprach: »Mir haben sich die Haare auf dem Kopfe gesträubt — und Fieberschauer haben mich geschüttelt. Ich glaube an das Entsetzliche — und auch an den darauffolgenden Massenwahnsinn. Und wenn ich sagen dürfte, was ich von diesen Visionen halte, so wäre ich vielleicht geneigt, diese Visionsgeschichte fortzusetzen.«
»Um Himmelswillen«, rief die Kartenlegerin, »das tun Sie ja nicht. Ein Gehirnschlag würde Ihrem Leben sofort ein Ende bereiten. Glauben Sie ja nicht, daß das Entsetzliche und Wahnsinnige so leicht zu ertragen ist. Die Bilder, die ich gesehen habe, waren schauderhaft. Seien Sie froh, daß Sie nicht gesehen haben, was ich sah. Ich wills's auch nicht schildern. Verlangen Sie das nicht von mir. Es ging alles furchtbar schnell. Aber es wird mir doch unvergeßlich bleiben. So was haben alle Schauerromane der Welt noch niemals vorgeführt; es war alles viel schauerlicher. Und ein Leichengeruch dabei! Und dann das Wahnsinnige! Nein — nein! Ich bin Otters in Irrenhäusern gewesen. Aber so was habe ich nie gesehen. Verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen die Gesichter schildere! Ich kann's nicht. Mir wäre es sehr angenehm gewesen, wenn wir ganz verständig und verstan—dcsgeniäß über die Geschichte sprächen, damit ich wieder ruhiger werde. Wohl dem Menschen, der nicht so wie ich an Zukuiiftsvisionen leidet. Sie können mir glauben: es ist wahrhaftig kein Vergnügen,«
Und bei den letzten Worten lächelte die Dame, und der Professor räuspcrte sich und sagte dann mit ganz ruhiger Stimme: »Es ist auch nach der französischen Revolution so viel Entsetzliches gekommen. Der Schlußakkord im Jahre 1813 war sichertich entsetzlich genug; das Entsetzlichste geschah damals in Rußland, als dort Napoleons Heer zugrunde gjng.Jet/t dürfte die Geschichte nach der anderen Richtung hin austaufen —— und uns in Frankreich das Entsetzlichste bescheren.«
»Kanu man nicht«, rief ich hastig, "irgend etwas tun, was die Wucht des Kommenden abschwächen könnte.«
»Was der Einzelne tun kann«, erwiderte darauf der Professor, »das ist so wenig, daß es gar nicht in Betracht kommt, wenn die großen Massen das große Wort führen. Sehr vernünftig wird uns dieses große Wort nicht vorkommen. Aber wir werden auch nicht in der Lage sein, das große Wort der Massen zu verbessern.«
»Das ist ja eben«, warf hier die Kartenlegerin ein, »das Kolossale an der Geschichte, daß eine telepathische Wirkung, die von Millionen ausgeht, eine niederschmetternde Kraft besitzt. Denken Sie an stürmische Volksversammlungen! Da ist schließlich nicht der kaltblütigste und intelligenteste Mensch imstande. Widerstand 7.u leisten. Dementsprechend geht es aber in aufgeregten Zeilen in lausendfach größcrem Maßstabc zu, da ja die Massen immer tausendmal größer sind,«
»Und«, fragte ich nun, »einen Widerstand hallen Sie für ganz unmöglich?«
»Für gänzlich unmöglich!« antwortete die Kartenlegerin ganz ruhig, »fragen Sie mal Japaner, ob in Japan einzelnen Leuten möglich gewesen ist, im Januar 1904 gegen den Krieg zu reden. In Japan haben wir das erste Beispiel eines modernen Massenwahnsinns beim Ausbruche des russischjapanischen Krieges. Und dieser Massenwahnsinn hat dem japanischen Volke die gewaltige Kraft gegeben. Dieser Massenwahnsinn hat sich allmählich auch auf die Russen übertragen; wir haben aber jetzt in Rußland einen revolutionärem Massenwahnsinn, während der japanische ein >militärischer< war. Und daraus können wir schließen, daß der Massenwahnsinn, der jetzt im westlichen Europa ausbricht, vielleicht nicht revolutionär und auch nicht militärisch sein könnte.«
»Wäre«, rief ich lachend, »ein künstlerischer Massenwahnsinn möglich?«
Da lachte der Professor auch und die Kartenlegerin mit, Und beide erklärten, daß man vorläufig wohl nichts Genaueres über den bevorstehenden Massenwahnsinn im westlichen Europa aussagen könnte.
Danach verabschiedeten wir uns.
Und mir tat es sehr leid, daß ich nichts Weiteres erfahren vermochte.
»Der künstlerische Massenwahnsinn«, sagte der Professor, »ist jedenfalls eine Sache, von der wir uns vorläufig wohl noch keine Vorstellung machen können.«
»Denken Sie doch«, rief ich heftig, »an die Zeit, in der ein Phidias lebte — oder an die, in der ein Michel Angelo lebte — oder an die, in der ein Peter Cornelius lebte. In diesen Zeiten waren die Volksmassen vom Knnstrausch ergriffen, solche Zeiten können doch wiederkommen. Man braucht ja dabei nicht gleich von einem Massenwahnsinn
zu sprechen — man kann ja von einer Massenenergie sprechen.«
Da wurde der Professor recht nachdenklich, und er sagte nach einer Weile ganz ernst: »Sehen Sie, daß ich Recht hatte? Sehen Sie, daß es nicht so nutzlos ist, wenn man mal zu einer Kartenlegerin geht? Hoffen wir, daß sich in Europa demnächst eine künstlerische Massenenergie zeigt! Die können wir gebrauchen.«
Dem stimmte ich natürlich sehr lebhaft bei, und wir redeten über dieses Thema bis zum frühen Morgen, kamen währenddem auch mit verschiedenen Künstlern zusammen, denen wir unsere Zukunftsvisionen mitteilten. Aber diese Künstler schüttelten alle lächelnd den Kopf und wollten uns nicht glauben. Darüber ärgerten wir uns so, daß wir schließlich ganz bösartige Worte gebrauchten — gegen den Glaubensmangel in Künstlerkreisen..
   

 

Bilder von Paul Scheerbart


 

Das Große Los

Ein Kapitalsmärchen

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Da saßen die kleinen Dickköpfe nachts um die zwölfte Stunde am ellenlangen Stammtisch und tranken und beklagten sich. Der eine Dickkopf hatte wieder eine alte Frage aufs Tapet gebracht: Sollen wir spielen in der Lotterie oder sollen wir nicht spielen?
Das war also hier die große, dicke Frage.
Die Dickköpfe saßen auf kleinen Tonnen, in denen nur Dukaten waren — lauter blanke güldene Dukaten mit einem Kopf auf der einen und mit anderen Dingen auf der anderen Seite.
Sehr viele Dukaten lagen dicht aufeinander in den kleinen Tonnen, auf denen die Dickköpfe saßen und über die Lotterie nachdachten.
»Nein, spielen wir lieber nicht!«
Also sprach ein kahler Dickkopf und hustete dabei — wie ein alter Mann, der bald sterben soll.
Und die anderen Dickköpfe nickten beinahe, obschon sich einige leise sagten: »Ih! Ih! Mancher hat dadurch schon sein Vermögen vermehrt, daß er spielte — in der Lotterie — man denke nur an den dummen Schneider von nebenan.«
»Unrecht Gut gedeihet nicht«, sagte der Kahle, dem jeder verlorene Groschen sehr, sehr leid tat.
Na ja — na ja — die schönen Dukaten!
Aber da zog ein junger Dickkopf Papierchen aus der Tasche — auf den Papierchen stand dick und fett:
»Papierchen für die vereinigten Staaten von Europa. Wer bis Weihnachten zahlt, bekommt einen Regierungsanteil — regiert mit.«
Ih — da wollten sie alle gerne etwas ausgeben — denn was soll man mit all dem vielen Gelde anfangen? Soll man bloß für die Söhne und Schwiegersöhne sparen.
Oh — die Dickköpfe waren sehr, sehr kluge Dickkopfe und wußten wohl, wo ein Geschäft zu machen ist und wo
Und sie handelten danach und kauften die Papierchen
für die vereinigten Staaten von Europa.
Und als sie so ihr Geld losgeworden waren, schmunzelten sie sehr und dachten an den kommenden Profit — Profit — Profit.
Und sie lachten sich halbtot..

Bilder von Paul Scheerbart


 

Die schlaue Katze

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

Sie lauerte auf ein Zeichen.
Es kam aber nicht.
Sie starrte ins Mondlicht und miaute.
Aber nichts regte sich im Himmel, was ihr Aufklärung gab.
Da ward sie ungeduldig und fing an zu spotten. Aber auch das half nichts; alle Himmel blieben so ruhig wie ein toter Mann.
Und sie wollte doch so gerne hinter das Geheimnis kommen; sie wollte wissen, weswegen sie so oft so unglücklich sein mußte.
War's nur der Kater?
Nein — eine so große Rolle konnte sie dem Kater nicht zutrauen! Es mußte schon was andres sein.
Wie dahinterkommen?
Die Katze grübelte und starrte tiefsinnig in das kugelrunde Licht des großen Mondes.
»Warum bin ich denn so oft so traurig?«
Also sprach die Katze — und sie miaute dazu.
»Ist es«, fuhr sie dann fort, »das Leid der Welt, das sich auch in mir regt? Leidet die Welt? Ist es wirklich wahr, daß die Welt leidet? Träufelt das Weltenleid auch in meine Seele hinein?«
Da ging ein Schmunzeln über das schlaue Katzengesicht.
Es schnurrte die alte Katze.
Daß die Welt auch sehr oft zu leiden hatte, das leuchtete der Denkerin ohne weiteres ein. Und da nun diese schnurrende Denkerin die ganze Welt in sich zu fühlen ver—
meinte, so mußte sie gleichfalls ebenso leiden — wie die Welt.
Das kugelrunde Licht des Mondes wurde in zwei Hälften geteilt — durch einen schwarzen, sehr schmalen Wolkenschatten.
»Warum aber mußte die Welt leiden?«
Also fragte die Schnurrende weiter.
Hm!
Sie sah bald ein, daß das eigentlich wieder das alte Geheimnis in zweiter Auflage war.
Die Katze lauerte abermals auf ein Zeichen — diesmal aber machte sie die Augen zu.
Und es erschien ihr plötzlich vor den geschlossenen Augen ein rotgekleideter Affe, der eine Krone von Silberpapier auf dem Kopfe trug und unter der Krone ein Gesicht hatte — ein Gesicht — ein Gesicht mit so vielen seltsamen Trauerfalten — daß die Katze plötzlich lachen mußte — immerzu — bis sie Rippenschmerzen bekam, so daß sie sich die Rippen reiben mußte — mit beiden Vorderpfoten.
Und während ihr nun die Tränen über die lachenden Wangen rollten, so daß es ihr in den Wurzeln der Schnurrbarthaare ganz kitzlich wurde — da rief sie plötzlich laut in den lauen Nachtwind hinauf: »Halt! Halt! Das war ein Zeichen des Himmels!«
Und sie sann dem Zeichen nach.
Und es ging ihr allmählich ein großes Licht auf, das heller schien als das kugelrunde Licht des alten Mondes.
»Sollte«, sagte sie leise, während sie zum nächsten Wetterhahn emporblickte, »die Traurigkeit bloß dazu da sein, um andere Leute lachen zu machen? Sollte das so sein? Die Traurigkeit ist wirklich so drollig anzusehen, daß sie zum Lachen zwingt. Es ist wahrlich keine Schadenfreude dabei. Keineswegs! Und wenn man selber von seinem traurigen Gesichte profitieren möchte — — so müßte man sich's im Spiegel anschauen!! Immer einen Spiegel bei sich haben! Wer, wenn er traurig ist, in einen Spiegel schaut, wird bald wieder lustig sein. Jetzt merke ich, weshalb ich so oft so traurig war; die Traurigkeit wollte mir immer wieder neue Lachlust und neue Lebenslust beibringen. Hätte ich nur früher an den Spiegel gedacht!«
Die schlaue Katze lächelte und besorgte sich einen Spiegel und erzählte ihr Erlebnis allen Katzen und Katern. Und bald besaß das Katzengeschlecht unzählige Spiegel. Und bald danach klang das Miaugeschrei der Katzen und Kater wie ein helles Gelächter.
Die schlaue Katze, die den neuen Ton erzeugt hatte, saß eines Abends, als wieder der kugelrunde Mond ganz hell die Erdenwelt erleuchtete, auf einer Dachkante und sprach träumerisch in den Mondenschein hinein: »Wer ist nun eigentlich schlauer: die schlaue Welt, die uns die reizenden Leiden bescherte — oder die schlaue Katze, die es fertig bekam, der schlauen Welt ins Herz zu blicken?«
Die Katze lächelte und blickte zu den Sternen empor und flüsterte mit Tränen der Rührung in beiden Augen:
»Liebe Welt, wir wollen's nicht entscheiden, wer von uns beiden schlauer war. Jedenfalls sind wir beide sehr schlau. Und das genügt ja wohl!« Die Katze lächelte.
Der kugelrunde Mond schien ganz klar und hell. Im Nachtimmel waren gar keine Wolken zu sehen. Unten im Rosengarten rannten sechs andere Katzen vorüber und schrien: »Miau! Miau!«
Aber es klang so wie: »Hurrah! Hurrah!« Nicht ganz so klang's — aber doch so ähnlich . .. und dazu glänzten die Spiegel..

 

Bilder von Paul Scheerbart


 

Mitternachtsbesuch

Eine ästhetische Geschichte

aus: Meine Tinte ist meine Tinte

In der Nähe von Innsbruck gibt es ein altes Schloß, in dem alte Geister herumspuken sollen.
Die Gräfin C., die im vorigen Jahre in Innsbruck war, wollte natürlich in diesem Schlosse wohnen, um die alten Geister kennenzulernen.
Und der Kastellan des alten Schlosses ließ sich nun auch allmählich rühren — und richtete der Gräfin C. drei alte Zimmer mit Empiremöbeln aus dem Jahre 1780 wohnlich ein und ließ die Dame da wohnen.
In den ersten acht Tagen passierte gar nichts.
Dann aber kam die Gräfin an einem Sonntage sehr spät des Abends nach Hause und fand auf ihrem Schreibtisch eine große Karte — auf der stand mit großen Lettern:
»Meine Gnädigste, gleich nach zwölf Uhr werde ich dreimal an Ihre Tür klopfen. Wenn Sie >Herein< rufen, werde ich hereinkommen. Wenn Sie aber laut >Draußen—bleiben< rufen, werde ich draußen bleiben. Ich bin im Jahre 203 vor Christi Geburt im alten Ephesus geboren und war damals Bildhauer.«
Die Gräfin holte ihren geladenen Revolver aus der Schublade ihres Schreibtisches heraus und legte den Revolver auf die Karte des alten Bildhauers.
Dann schlug die Kastenuhr langsam und bedächtig zwölfmal, und danach klopfte es an der Tür langsam und bedächtig dreimal.
Die Gräfin sah ihren Revolver an, lächelte und rief »Herein«.
Da wurde die Tür heftig aufgerissen, und ein hochgewachsener bartloser Grieche trat ins Zimmer.
Das hellblaue, sehr dünne Faltengewand des Griechen zeigte an den Rändern feine Goldstickereien, die schwarzen, lockigen Haare und die funkelnden Augen gaben dem Gesicht einen räuberischen Anstrich.
Und nun zog der Herr aus Ephesus einen kleinen blitzenden Hammer aus seinem hellblauen Faltengewande heraus und ließ dabei seinen nackten sehnigen Arm sehen, der auch braun aussah.
Die Gräfin spannte ruhig den Hahn ihres großen Revolvers auf und sagte lächelnd: »Komödiant!«
Der Grieche jedoch verbeugte sich höflich und sagte:
»Mein Name ist Megasinthes! Darf ich hierbleiben — oder — soll ich wieder gehen?«
»Setzen Sie sich!« erwiderte die Gräfin.
Herr Megasinthes setzte sich.
»Sie sind also«, begann die Gräfin C. zögernd, »bereits über zweitausend Jahre alt. Sie haben sich sehr gut konserviert. Das ist nicht zu bezweifeln. Mit welchen Mitteln haben Sie sich Ihre Jugend so gut erhalten können?«
Herr Megasinthes erwiderte schnell: »Wir dürfen leider keine Zeit verlieren, da ich, wie Sie wissen, doch ein Geist bin, der nur für eine kurze Zeit den Augen der Menschen sichtbar bleibt.«
»Dann fassen Sie sich kurz!« gab die Gräfin zurück.
Und der Herr Megasinthes sprach: »Meine Gnädigste, Sie werden sich wundern, daß ein Geist in »o dringlicher Art sein Anliegen anbringt. Aber — die Sache ist auch sehr interessant und bedeutsam. Ich habe Sie, meine Gnädigste, vor drei Wochen in einem Gespräch mit drei Bildhauern beobachtet und belauscht. Sie waren da der Ansicht, daß die Darstellung des nackten menschlichen Körpers das Endziel aller plastischen Kunst sei. Um das zu beweisen, führten Sie die Plastik der alten Hellenen vor. Ist es nicht so?«
»Ja«, rief die Gräfin C., »wollen Sie sich dagegen auflehnen?«
»Allerdings«, versetzte der Herr aus Ephesus lächelnd, während er sich in seinen Sessel zurücklehnte, »ich muß es zunächst bestreiten, daß die griechische Kunst die Darstellung des nackten menschlichen Körpers bevorzugte. Die Zahl der weiblichen Gewandstatuen ist so groß, daß dagegen die Frauengestalten, die im alten Hellas von den Bildhauern nackt dargestellt wurden, gar nicht in Betracht kommt. Der >männliche< Körper ist wohl öfter nackt dargestellt. Aber — daß die griechischen Bildhauer in diesem nackten menschlichen Körper das Endziel ihrer Kunst erblickten — das darf nicht einmal eine Gräfin in Innsbruck behaupten — das geht zu weit. Wissen Sie nicnt, wie oft wir Centauren dargestellt haben? Wissen Sie nicht, welche Rolle die bocksfüßigen Faune in unserer Kunst spielten? Vergessen Sie den großen Per—gamonfries, in dem fast alle Titanen Beine haben, die zu Schlangenleibern geworden sind? Der menschliche Körper schien uns eben nicht vielseitig genug — er mußte durch die Körperformen der Tierwelt ergänzt und bereichert werden.«
Die Gräfin C. besah den Herrn Megasinthes durch ihre Lorgnette und sagte mit weicher Stimme: »Nun — ich kann nicht umhin, zu behaupten, daß die menschlichen Körperformen doch reicher und vielseitiger sind als die tierischen Körperformen; der Mensch hat doch einen Körper, der infolge seiner geistigen Ausbildung höher entwickelt ist — als der Tierkörper.«
»Diese höhere Ausbildung des Geistes«, erwiderte Megasinthes, »kommt doch im Kopfe des Menschen und allenfalls noch in den Händen des Menschen zum sprechenden Ausdruck.«
Die Gräfin C. sah eine Weile nachdenklich auf die Spitzen ihrer Lackschuhe und sagte dann: »Aber das Fell des Menschen ist nicht so behaart.«
»O«, rief der Grieche, »dann rasiere man die Löwen und Tiger, wie man Pudel rasiert, und dann wird man in den Gliedmaßen dieser Tiere mehr Muskel— und Sehnenspiel sehen — als in den Körpern der menschlichen Athleten. Als ich in Ephesus lebte, hat man zu diesem Zwecke die wilden Tiere rasiert. Und man hat dann die Körper dieser wilden Tiere weicher und ausdrucksvoller gefunden, als die Körper der kraftvollsten Menschen. Glauben Sie denn, daß mein Arm interessanter ist als ein Pferdebein?«
Der Bildhauer zeigte seinen Arm und erklärte seine Vorzüge und Nachteile und andererseits die Vorzüge der Pferdebeine.
Die Gräfin C. behauptete nun, daß die künstlerische Tätigkeit der Hände doch einen Einfluß auf die Armbildung haben konnte.
Davon wollte der Bildhauer nicht viel wissen: er meinte, daß ein Pantherbein doch mehr zum Zupacken und Festhalten gebraucht würde, als ein Menschenarm — und daß die geistige Tätigkeit im Arme des Menschen doch einen greifbaren Ausdruck bislang noch nicht gefunden hätte.
Dann sagte die Gräfin, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben: »Es erscheint mir gar nicht normal, wenn die Menschen nicht im Menschen das Herrlichste erblicken wollen.«
»Oho!« rief da heftig der alte Hellene, »wir können doch nicht die Selbstverherrlichung zum normalsten aller Dinge machen; die Chinesen und Japaner bilden mit Vorliebe Drachen und Blumen, der Indier hat seine Götter, mit mehreren Köpfen und sehr vielen Armen — wir hatten in Ephesus Ahnliches. Denken Sie auch an das Fratzenhafte in der japanischen Kunst, das durchaus über die menschlichen Gesichtsformen hinauskommen möchte. Denken Sie an die Plastik der Ägypter und Assyrer!«
»Wollen Sie«, fragte da die Gräfin erstaunt, »die Kultur der Ägypter und Assyrer niedriger stellen als die Kultur der Hellenen?«
»Als ich«, versetzte der Grieche hart, »in Ephesus lebte, im zweiten Jahrhundert vor Ihrer Zeitrechnung, da dachte kein Mensch daran, die Kultur der Ägypter und Assyrer niedriger zu stellen als die der Hellenen; vergessen Sie doch nicht, daß wir damals sehr fest zusammenhingen und längst vergessen hatten, die älteren Kulturvölker für barbarische in Ihrem Sinne zu halten.«
Die Gräfin C. stand auf und ging heftig im Zimmer herum, starrte dann den alten Griechen lange an und sagte: »Aber die moderne europäische Plastik haben Sie doch noch nicht kennengelernt!«
»O doch«, antwortete stotternd der Herr aus Ephesus, »ich habe einen Teufel von Thomas Theodor Heine gesehen — der hätte keinen menschlich gebildeten Leib. So was gefiel mir sehr. Das war fast >alte Ephesusrichtung<. Sehen Sie, wir wollten damals nicht gern erinnert werden, daß wir Menschen sind.«
Die Gräfin C. setzte sich wieder und sprach: »Erzählen Sie mir mehr von der alten Ephesusrichtung, die Geschichte interessiert mich sehr.«
»Die Gelehrten Europas«, versetzte der Herr Megasin—thes langsam, »werden meine Bemerkungen für leeren Humbug halten, da meinen Worten nicht die entsprechenden plastischen Zeugen an die Seite zu stellen sind.«
»Das tut nichts«, sagte die Dame, »sprechen Sie nur!«
»Wir waren«, sagte der Herr aus Ephesus, »vielfach bemüht, die alte Götterwelt der Ägypter und die Vorderasiens in neuer phantastischer Weise herzustellen — und verbanden daher viele Tierformen mit den Körperformen
des Menschen. Das meiste davon ist später durch religiöse Eiferer zugrunde gegangen. Aber entstanden ist davon sehr viel — und war's hier — so würden Sie erkennen, daß die hellenische Zeit weit davon entfernt war, im menschlichen Körper den Gipfel der plastischen Erscheinungswelt zu erblicken. Wenn Sie die modernen Bestrebungen der allermodernsten Europäer so kennen würden, wie ich, so wären sie bald der Meinung, daß auch im heutigen Europa die Plastik bald andere als menschliche Pfade wandeln dürfte.«
»Sie erzählen mir«, rief die Gräfin heftig, »die allergrößten Neuigkeiten. Was will man denn darstellen — wieder die alten ägyptischen und vorderasiatischen Gottheiten in Heuer Auffassung?«
»Ich weiß nicht«, flüsterte der Geist müde und wurde dabei merklich blasser, »es gibt heute auch Bildhauer, die den Marsbewohner plastisch in die Erscheinungswelt der Erdbewohner führen möchten. Da werden denn ganz neue Organe konstruiert, und von diesen neuen Organen ist vieles viel interessanter als alles das, was wir in Ephesus zusammenbauten. Vergessen Sie auch nicht, daß der alte Böcklin in seinen Tritonen und Seeungeheuern einen großen Einfluß auf die moderne Plastik ausübte. Ich muß aber gehen — denn ich vergehe schon. Ich erlaube mir. Ihnen meinen Hammer als Andenken hierzulassen.«
Herr Megasinthes erhob sich und ging schwankend zur Tür, öffnete sie leise und machte sie leise wieder hinter sich
zu.
Der Hammer lag auf dem Teppich.
Die Gräfin griff nach ihrem Revolver und bedauerte, nicht nach dem Geiste geschossen zu haben.
»Dann hätte ich doch«, rief sie erregt, »gleich erfahren, ob dieser Geist ein Komödiant war oder nicht.«
Die erregte Dame klingelte nach ihrer Kammerfrau und
setzte das ganze Haus in Aufruhr — aber der Grieche war nicht zu finden.
Der kleine, blanke Hammer war aber da, und sein Erscheinen ließ sich nicht erklären — so viel man auch suchte.
Der Kastellan fluchte über diesen nächtlichen Aufruhr in heftigster Form und sagte schließlich sehr unhöflich:
»Meine gnädigste Gräfin, wenn Sie in einem Schlosse wohnen, in dem seit langen Jahren alte Geister ein und aus gehen, so darf Ihnen doch ein solcher Mitternachtsbesuch nicht unmöglich vorkommen.«
Die Gräfin C. schrieb ihr Erlebnis noch in derselben Nacht nieder, und ich gelangte durch Zufall in den Besitz des Manuskriptes..

 

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
durch Markus Feuerstack
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