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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Ober-Luftkellner, Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver

Eine Hotelgeschichte

Traf neulich in Johannistal den Grafen vom Rabenstein mit seiner Tochter Clarissa. Gleich sagte mir der Graf:

"Der alte Münchhausen ist im Kaukasus." Und ich erwiderte gleich:

"Wohl im neuen Demawand-Hotel. Der Demawand ist ja der orientalische Brocken. Da hat er sicherlich wieder eine Gespenstergeschichte erlebt. Kann mirs schon denken. Möchte ebenfalls mal so was Geisterhaftes erleben. Auf dem Demawand sollen ja unzählige Geister hausen - böse und gute - langweilige und kurzweilige - dicke und dünne - lange und kurze."

"Hören Sie auf!" rief der Graf, "Münchhausen telegraphierte mir allerdings vom neuen Demawand-Hotel aus. Aber von Geistern stand in dem Telegramm gar nichts. Dagegen berichtete das Telegramm von neuen naturwissenschaftlichen Entdeckungen - von Entdeckungen, die in der Luft liegen. Der Baron sprach dabei viel von einem geheimnisvollen Ober-Luftkellner und von Atmosphärenforschung. Alles höchst wissenschaftlich und sehr modern. Haeckel soll sich auch schon für die Sache interessieren."

"Hören Sie, Herr Graf", rief ich da sehr laut, "da werde ich mißtrauisch. Ich fürchte, ganz im Vertrauen gesagt, daß dieses Mal dem Baron unwahre Geschichten erzählt worden sind. Wenn schon ein Ober-Luftkellner dabei ist, so ist die Sache sehr luftig und sehr windig. Ich kenne diese Onkels mit der ehrwürdigen Pastorenmiene ganz genau. Ich trau ihnen nicht zehn Schritt. Hochstapler und Schwindler sind es. Es tut mir leid, daß das dem Wahrheitsfreunde Münch von Münchhausen, der neulich schon 186 Jahre alt wurde, passieren mußte. Ich bedaure den alten Herrn."

"Sprechen Sie im Ernst?" rief die Gräfin Clarissa.

Und ich sprach beteuernd die Hand auf meine Brust legend mit bewegter Stimme: "In meinem vollsten Ernst!"

Da sagte die Gräfin kalt lächelnd:

"Dann müssen wir sofort zum Demawand-Hotel. Kommen Sie mit. Papa, ruf den Chauffeur!"

Der Papa rief sofort:

"Ober-Luftschauffeur!"

Und der kam denn gleich mit seinem umfangreichen Parseval.

Wir stiegen sofort ein und fuhren los. Es ging erst durch den Sonnenschein, dann durch den Mondenschein, durch polnischen Hagel und durch russischen Schnee.

Am nächsten Abend betraten wir das neue Demawand-Hotel. Der alte Baron eilte uns wie ein Jüngling entgegen und lud uns zum Abendbrot ein. Wir hatten einen Bärenhunger, da unser Gondelvorrat doch nicht für die lange Fahrt gereicht hatte. Auch hatte uns unser Ober-Luftchauffeur die größten Fleischstücke und die besten Delikatessen vor der Nase fortgeschnappt - immer unter der Bemerkung, daß er sich sehr anstrengen müsse und für eine gelungene Fahrt nur dann garantieren könne, wenn er sich tüchtig satt gegessen hätte. Und er behauptete immer wieder, ganz hungrig zu sein. In Rußland hörten wir unter uns sehr häufig Scharen von hungrigen Wölfen heulen. Das machte uns immer wieder sehr nachgiebig unserm Ober-Luftschauffeur gegenüber.

Doch ich will nun nicht Näheres über das Interieur und Exterieur des neuen Hotels berichten, das nur für Luftfahrer bestimmt ist. Diese kunstgewerblichen Beschreibungen überlasse ich andern Federn.

Wir setzten uns an den köstlich gedeckten Abendbrottisch. Und ich lernte den geheimnisvollen Ober-Luftkellner kennen.

Der sagte gleich sehr geheimnisvoll zu mir:

"Sie sind Luftforscher, sagte mir der Baron. Das freut mich sehr. Ich kann Ihnen Wunderdinge berichten. Aber ich bitte sehr um Diskretion. Wer wie ich jeden Abend auf unsrer Hotelsternwarte weilen darf, der lernt da etwas kennen - mehr, als die meisten Menchen ahnen. Die Wissenschaft ist schon sehr weit."

"Sehr weit?" fragte ich mit weit aufgerissenen Augen.

"Sehr weit!" erwiderte er höflich, während er mir die Schüssel mit dem kalten Kalbsbraten reichte.

Ich sah ihn von der Seite scharf an - den Geheimnisvollen - den Raffinierten ... Aber ich will nicht vorgreifen.

Er hatte Glatze, goldene Brille, eisig ernstes Gesicht mit zwei großen schneeweißen Bartkotelettes, zinnoberroten Gehrock trug er, zinnoberrote Beinkleider, schneeweiße Weste und weiße Krawatte. Sah aus wie ein distitiguierter Gesandschaftsattaché - wie ein alter Gauner ... Aber ich will nicht vorgreifen.

Beim Obst wollte ich nun endlich etwas von den naturwissenschaftlichen Luftgeheimnissen wissen. Ich sprach mit Energie wie ein edler Professor:

"Herrlich, daß man sich hier so für die Luftforschung interessiert. Ich glaube auch, daß man da noch die allergrößten Wunder erleben kann. Selbst Haeckel soll sich ja schon für die Sache interessieren. Aber - was hat man denn wieder entdeckt? - Bin sehr neugierig. Erzählen Sie doch, Herr Ober-Luft!"

"Es klingt", erwiderte dieser tiefernst mit Totengräbermiene, "nicht sehr glaubwürdig und ist doch im vollen Umfange wahr. Sie wissen wohl, daß der Astronom die Stellen am Himmel, an denen beim besten Willen mit den besten Teleskopen Sterne oder Nebel nicht zu entdecken sind, Kohlensäcke nennt. Derartige Kohlensäcke kennen wir viele. Und die Gelehrten unsrer Zeit vermuten, daß diese Kohlensäcke einfach luftleere Räume darstellen. Man hat diese Hypothese bislang noch ignoriert. Aber die Astronomen unsrer Hotelsternwarte haben die Hypothese ganz ernst genommen - denn - nun hier beginnt das Unglaubliche!"

"Weiter! Weiter!" rief ich ungeduldig.

Münchhausen saß da wie ein alter Pagode, nickte immerzu mit dem Kopfe - ganz langsam - und sagte nicht eine Silbe. Der Graf aß Kaviar, die Gräfin las, um ihre Erregung zu verbergen, scheinbar interessiert in einem französischen Journal.

Der Herr Ober-Luftkellner fuhr mit eisiger Stimme also fort:

"In den eisigen Regionen der höheren Erdatmosphäre haben wir ebenfalls Kohlensäcke entdeckt - oben auf unsrer Hotelsternwarte. Und wir sind jetzt ganz fest davon überzeugt, daß diese Kohlensäcke der Erdatmosphäre luftleere Räume sind - ganz luftleere. Darum glauben wir auch an die Luftleere der weiter im Raume befindlichen Kohlensäcke. Es ist jedoch fabelhaft, wie schnell sich die Erdkohlensäcke durch die Atmosphäre bewegen. Und - unbegreiflich erscheint es uns, daß diese luftleeren Räume - viele Kilometer im Durchmesser - gar nicht durch die sie umgebende Luft berührt werden. Die Erscheinungen sind in fünfzehn Meilen Höhe entdeckt worden. Die andern Sternwarten sind davon benachrichtigt, sie verhalten sich aber abwartend. Seit drei Tagen haben wir noch nichts wieder entdeckt. Die Astronomie verlangt viel Geduld. Möglich, daß die Kohlensäcke, diese vollkommen unfaßbaren Erscheinungen, die wie riesige Blasen dahinziehen, ohne daß man etwas von der Blasenhaut bemerkt, auch tiefer zur Erde niedersteigen. Dann könnten sie vom Luftballon aus untersucht werden.

Jedenfalls wäre die Untersuchung eine preiswerte Aufgabe für alle Luftfahrer. Übrigens: ich bin der Meinung, daß eine absperrende Blasenhaut sehr wohl denkbar wäre. Wir müßten dann nur annehmen, daß diese Haut gleichfalls aus einem gänzlich durchsichtigen nicht spiegelnden Stoffe hergestellt ist. Solche Stoffe kennen wir noch nicht. Sollten sie wirklich die Kohlensäcke einschließen, so wären diese eine Art Naturluftballons."

Er schwieg und entkorkte eine neue Flasche alten Rheinweins. Der Graf aß immer noch Kaviar - echten Kaviar aus dem nahen Astrachan. Der Baron nickte kurz mit dem Kopf und sagte:

"Ja, das hab ich ebenfalls schon gehört. Leider sind die Astronomen auf der Sternwarte nie zu sprechen, da sie immerzu bei der Arbeit sind."

"Ich danke Ihnen!" sagte ich zum Ober-Luft.

Und dann sprachen wir wieder über Europa, China und Amerika und taten so, als wären die Kohlensäcke mit ihrer Luftleere einfach Luft in unsern Augen.

Dann flüsterte ich dem Baron zu:

"Wir wollen den Mann belauschen. Hinter dieser Geschichte vermute ich eine sehr kecke Hotelreklame - astronomische Reklame."

Statt schlafen zu gehen wie die andern, durchwanderten wir noch zu Zweien das ganze Hotel und kamen zu einem Raume neben der Küche, in dem sich das ganze Hotelpersonal zu versammeln pflegte. Neben diesem Raume befand sich ein kurzes dunkles Spindzimmer. Ich mit dem Baron rasch da hinein.

Und wir warteten im Dunkeln vier volle Stunden.

Und dann hörten wir die Stimme des ehrwürdigen Ober-Luftkellners. Und was sagte dieser Kerl?

"Heute", sagte er lachend, "hab ich mal wieder einen Richtigen reingelegt. Es ist zum totlachen, wie leicht sich die Leute reinlegen lassen. Die Kohlensäcke sind eine ganz besondere Reklame für unser Hotel."

Weiter hörten wir nicht. Wir schlichen auf den Zehen zu unsern Zimmern. Und ich habe hier die Geschichte berichtet, wie sie sich abgespielt hat - zur Warnung der Leichtgläubigen. Und gleichzeitig auch, damit sich diese frivole wissenschaftliche Lügenhaftigkeit lebhaft von der unerschütterlichen Wahrheitsliebe des alten Barons von Münchhausen abhebe.

Der sagte mir noch kurz vor meinem Zimmer:

"Famos, daß Ihnen die Entlarvung so fein geglückt ist."

 



   

 

Tempel und Paläste

Babylonische Hof-Novellette

In seinem Purpursaal saß der König Nabukudurusur auf einem breiten Diwan und hielt nachdenklich einen silbernen Zirkel in der rechten Hand. Braune Bärenfelle bedeckten den Diwan. Aus hellblau glasierten Ziegeln bestand der Fußboden. Und purpurrot gefärbte Leinwand hing in vielen Falten überall an den Wänden. Auf großen Holztischen standen viele kleine Baumodelle mit Terassenanlagen und Türmen, Gartenhäusern und Treppenarrangements.

An den Wänden vor den Purpurfalten standen die Baumeister des Königs, den die Griechen Nebukadnezar nannten. In seinem großen Palaste zu Babylon wurde der schlanke König immer kurzweg Nabukudu genannt.

Nabukudu trug hellbraunen Kaftan, aber der war mit hellblauen, breiten Streifen kreuz und quer besetzt. Goldene Armspangen mit Smaragden saßen an Handgelenken und am Oberarm, eine dreifache Halskette mit zierlich gearbeiteten Ringen, kleinen Löwen und geflügelten Sonnen und mit vielen schwarzen und hellroten Perlen, die sehr unregelmäßig geformt waren, hing auf der Brust, – dazu Sandalen aus rotem Leder – und hellbraune Haut – und langen Vollbart, der spitz zuging – mit spiralig gekräuselten Schnecken – die auch im Haupthaar waren – besonders an den Seiten – über den Ohren.

Und blitzende, pechschwarze Augen hatte der König und eine ganz feine, schmale Nase – leicht gekrümmt. Die Nasenflügel bebten sehr oft, denn der König war sehr leicht erregbar – und voll hastiger, rascher Bewegungen, so daß der Kaftan oft hin- und herflog. Dazu blitzten die Augen immer wieder nach andrer Seite und setzten jetzt auch die Baumeister in Erregung.

Auf sprang plötzlich der König und rannte zum größten Holztisch und zeigte mit dem silbernen Zirkel auf Terassenanlagen und sagte dazu hastig:

»Hier am Ufer des Euphrat will ich, daß das Terrain in Terrassen heruntersteigt. Auf den Terrassen spiegelglatte glasierte Ziegel – farbige. In der Mitte, wo die Terrassen höher sind, hellgrüne Ziegel – so wie Chrysolith müssen sie aussehen – ich will Proben sehen. Geflügelte Sphinxe in Hellbraun und Weiß an den Seiten. Kein Baum und kein Strauch und auch keine Blumen – nur Architektur. Mein Palast soll vom Wasser aus prächtig wirken. Alabasterstufen natürlich überall. Auf den dicht am Wasser liegenden Terrassen will ich ganz bunte Muster haben – bunt glasierte Ziegel auch da. Schafft Zeichnungen dazu auf Papyrus. Die Balustraden der Terrassen ganz niedrig, damit von jeder Barke aus mehrere Terrassen zu überschauen sind. Hier auf diesem Hügel will ich ein kleines Gartenhaus haben aus Miskan- und Tapranholz. Nach außen zu lauter Fenster mit geschnitzten Schlangen – dahinter dichtes Drahtgitter. Auf dem Dach die geflügelte Sonne groß und breit in Gold. Die Flügel roter und grüner Glasschmelz. Modell anfertigen. Unten am Hügel neben der Treppe altbabylonische Flügelsphinxe in Lapislazuli. Dieser kann in Stücken verwandt werden – über einem Eisengestell – oder auch über einem Tonmodell. Genau nach den Vorlagen, die wir von dem Palaste des Königs Assurnasirabal haben – mit fünf Füßen, damit Vorder- und Seitenansicht da ist. Auf dem Hügel zwischen geschorenem Rasen Streifen von roten Tulpen, die oben schmaler, wie Strahlen nach oben gehen. Ihr habt mich wohl verstanden? Jetzt geht und bringt mir bald die Modelle. Ich bin sehr ungeduldig. Ich will jetzt ins Freie.«

Er winkte mit der Hand und rief ganz laut:

»Sänfte!«

Die Baumeister in schwarzem Kaftan, auf dem hellgrüne Tuchstreifen aufgenäht waren, warfen sich auf den Boden und berührten mit der Stirn die hellblau glasierten Fliesen.

Zehn Eunuchen kamen mit der Sänfte, der König warf seinen silbernen Zirkel auf seinen Bärenpelz-Diwan und sprang in die Sänfte. Und die Eunuchen trugen die Sänfte mit raschen Schritten hinaus. Und draußen ging's treppauf und treppab über viele Terrassen und Dachgärten hinweg – dem großen Strome zu.

Und als der Euphrat breit und groß sichtbar wurde, rief der König:

»Ah! Ah! Halt!«

Und er sprang aus der Sänfte raus und sprang mit hastigen Schritten einem Säulengange zu, der ganz hoch in einer Ebene grade zum Strome hinführte.

Am Ende des Säulenganges war eine breite Balustrade, vor der warf sich der König nieder und berührte dreimal mit der Stirn den Alabasterboden. Dann hob er die Hände hoch empor, blickte lange in das große, breite, blaue Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelte, und flüsterte dann:

»Marduk, Gewaltiger! Ninip, Lichtgott! Ich danke euch, daß ihr mir die Kraft gabt, euch Tempel zu bauen. Damit hat doch mein Leben einen Zweck. Ich bin doch nur König von Babylon, um euch Tempel zu bauen und mir Paläste. Paläste und Tempel – Tempel und Paläste – die füllen mein Leben aus, und niemals soll es anders werden. Ich danke euch, Götter! Ich danke auch den anderen Göttern. Gebt mir lange noch die Kraft, zu bauen – und abermals zu bauen – und eure Tempel zu schmücken mit den herrlichsten Kleinodien der Welt – mit Gold und Silber, Purpur und Edelsteinen – mit Alabasterstufen und farbigen glasierten Ziegeln – mit Götterbildern und Weihrauchbecken – mit köstlichen bunten Lampen und auch mit weisen Priestern, die mehr vom großen Leben begriffen haben als die blinde Menge.«

Er lag noch lange auf den Knien – der große König Nabukudurusur, den die Griechen den großen Nebukadnezar nannten. Er regierte erst drei Jahre über Babylon und das große Königreich.

Als der Nabukudu langsam durch den Säulengang zurückging, kam ein alter Sklave, der erste Hausdiener des Königs, warf sich auch auf den Boden und berührte dreimal mit der Stirn die Alabasterfliesen und sagte scheu:

»Die Feldherren, die siegreichen, sind aus Syrien gekommen und wollen von ihren Siegen berichten.«

»Laß sie«, sagte der König mit gerunzelter Stirn, »auf Tontafeln ihre Berichte einkritzeln. Die Tontafeln können dann meiner Bibliothek einverleibt werden – dürfen aber nur in der Lappalienkammer aufgestellt werden.«

Der Diener berührte wieder dreimal mit der Stirn die Alabasterfliesen und ging rasch ab.

Der König ließ sich darauf in seiner Sänfte in seinen großen Modellpalast tragen, allwo auch alle Bauzylinder und die Tontafeln gebrannt wurden. Immer stieg qualmender Rauch aus den breiten Schornsteintürmen des Brennofens, der sich dicht über dem Dache des Palastes befand.

Im großen Perlmuttersaal sprang der König wieder aus seiner Sänfte und rief hastig:

»Was gibt's neues?«

»Ein Bauzylinder«, sagte ein Sklave, »ist für den Tempel von Ezida bei Borsippa – soeben fertiggeschrieben worden. Der Ton ist noch warm.«

»Was steht darauf?« fragte Nabukudu.

Da las der Sklave, was darauf stand.

Es stand auf dem Bauzylinder, der wie ein kleines Tönnchen aussah, daß der erhabene Nabukudurusur die Syrer in zwanzig Schlachten überwunden, ihre Frauen, Kinder und Sklaven, Pferde und Kamele fortgeschleppt, ihre Städte eingeäschert und ihre Felder verwüstet habe.

Der König hörte den Text ganz ruhig bis zu Ende; Baumeister arbeiteten an den Holztischen mit Zirkeln und Winkelmaß. Aber es war ganz still im großen Perlmuttersaal.

Da sagte der König:

»Gib mir mal den Quark her.«

Der Sklave reicht den Bauzylinder auf den Knien.

Der König nahm den Bauzylinder, sprang auf und warf das Stück Ton mit solcher Heftigkeit gegen die Perlmutterwand, daß Perlmutterstücke und Tonstücke durch den ganzen Saal sprangen.

Die Baumeister hielten erschrocken in ihrer Arbeit inne.

Der König aber rief mit rasender Wutstimme:

»Totpeitschen sollte man euch! Was ist das! Ihr wagt es, von meinen Siegen zu sprechen? Ihr Hunde! Ihr wagt es, mir eine Tätigkeit anzudichten, die meiner gar nicht würdig ist? Habt ihr keine Vorstellung von dem, was eine Majestät ist? Glaubt ihr, die wäre dazu da, Syrer zu besiegen? Ihr Hunde! Nein! Und abermals nein! Ich verbitte mir diese Siegesberichte – sie sind beleidigend für mich. Bei Todesstrafe verbiete ich euch für die Folge jedes Wort über Kriegslappalien. Von meinen Tempeln und Palästen habt ihr in allen Bauzylindern und auf den Denkmälern zu sprechen – aber nie mehr ein Wort über Kriegslappalien! Glaubt ihr, ich bin König nur, um euch zu regieren und für euch durch Kriegstaten zu sorgen? Nein – was ich tue – tue ich für die hehren Götter – für die Tempel und Paläste. Die entständen ja nie, wenn ich nicht König wäre. Ihr arbeitet doch nur freiwillig, wenn ihr Hunger und Durst habt – oder wenn ihr Weiber haben wollt. Aus meinen Augen, du Hund! Ich bin nur König, um Tempel und Paläste bauen zu können – zu etwas anderem bin ich wahrlich zu groß.«

Der Sklave, der den Bauzylinder überreicht hatte, schritt, eiligst rückwärts tretend, zur Tür, die Baumeister warfen sich auf den Fußboden. Und Nabukudu ließ sich in seiner Sänfte hinaustragen – ganz dicht am Ufer des Euphrat setzte sich der König auf eine Holzbank. Die Sonne ging unter, in buntesten Farben flackerte der Euphrat.

»Man hat mich«, flüsterte Nabukudu, »beleidigt. Klägliche Hunde haben mich beleidigt. Ich aber will's vergessen. Wenn nur die Götter gut zu mir sind.«

 



   

Berlins Archetektonische Plastik

(geschrieben 1892)

Immer bunter wird’s in Berlin. Bald wird man nicht mehr leben dürfen, ohne Farbe zu bekennen. Man wird seine Lieblingsfarben bekennen müssen - nicht nur an Rock und Weste - nein auch an Haus und Hof, Giebel und Dach, Thor und Flur, Erker und Schornstein etc.
    Die plastischen Arbeiten an den Giebelfronten der Berliner Häuser und Paläste haben der Polychromie in der Frontarchitektur die Wege gebahnt. Es ist das eine ganz natürliche Entwickelung. Die Plastik hat vor Jahren am heftigsten für die Bedeutung der Farben Propaganda gemacht. Und da nun die Plastik seit den ältesten Zeiten immer mit der Architektur zusammenging, so war ihr ohne weiteres nahe gelegt, die letztere in die eigenen Geschmacksbahnen hineinzulenken.
    Die architektonische Plastik darf demnach das besondere Interesse weiterer Kreise beanspruchen.
    Alle Bildhauerarbeiten, die an unseren Giebelfronten zur Ausbildung gelangen, zeigen ein ganz bewußtes Hinstreben zur farbigen Behandlungsweise. Und damit ist naturgemäß ein Aufschwung der polychromen Architektur im Allgemeinen verbunden. Die bunten Figuren und die bunten Reliefornamente der Façaden zwingen auch zur bunteren Behandlung der glatten Flächen.
    Wenn wir nun Berlins architektonische Plastik eine eigene Besprechung widmen, so liegt nahe, die polychrome zunächst zu berücksichtigen.
    Immer häufiger finden wir jetzt in Berlin die farbige Majolika in der Front der neuerbauten Häuser. Am bekanntesten ist wohl der schon viele Jahre alte plastische Façadenschmuck am Wohnhaus Pringsheim in der Wilhelmstraße. Auch das Café Helms neben dem alten Schloß darf sich einer gewißen Berühmheit erfreuen. Als mustergültig in dieser Richtung darf aber die Schöpfung des leider zu früh verstorbenen Gropius, das Kunstgewerbemuseum, bezeichnet werden, neben welchem die Reichsdruckerei, sowie verschiedene Markthallen und Schulgebäude nicht unerwähnt bleiben dürfen. Geradezu Aufsehen erregte vor zwei Jahren das neue Patzenhofer-Restaurant in der Friedrichstraße. Die blaue, rothe, grüne Majolika an den Giebeln fällt noch heute wie etwas Neues auf.
    Das Neueste im Gebiete der polychromen Architektur ist die neue Volks-Badeanstalt im kleinen Thiergarten zu Moabit. Da haben wir an Kuppel, Thor und Fries eine solche Fülle von Farben, daß der an Grau und Braun gewöhnte Berliner Bürger mit dem Kopfe schütteln wird. Indeß zu weit gegangen ist der Architekt an dem erwähnten Hause durchaus nicht - ich möchte sogar die gegentheilige Ansicht vertreten. Wenn man die Neubauten Berlins heute verfolgt, so wird man eine solche Masse Polychromie finden, daß auch die Gegner schlechterdings dieselbe für "modern" erklären werden.
    Namentlich sind es die Villen, die hier für den farbigen Geschmack der Neuzeit Zeugniß ablegen.
    Die erwähnten Majolikaarbeiten sind nun alle aus einer einzigen Berliner Thonwaaren-Fabrik hervorgegangen, aus der von March in Charlottenburg. Wir können somit die Berliner Plastik in den großen March’schen Fabrik-Etablissements in Charlottenburg am allerbesten studiren. Die Fabrik hat einen großen Theil der Berliner Frontskulptur geliefert. Vornehmlich ist das Berliner Rathhaus hier zu nennen, sodann sind die plastischen Ornamente der Passage von March, das Generalstabs-Gebäude, die Kriegs-Akademie, Theile der Schloß-Kuppel, des neuen Museums, der Petri-, Markus-, Michaelis-, Zions- und Dankes-Kirche, unzählige Villen etc. - alle diese haben ihren plastischen Façadenschmuck aus der Thonwaaren-Fabrik von March-Charlottenburg empfangen. Dort sind auch die Reliefs des Gräfe-Denkmals, - die kühnste That der modernen Polychromie - ausgeführt.
    March’s Fabrik-Etablissements sind überhaupt so eng mit der Entstehungsgeschichte der Großstadt Berlin verknüpft, daß ein Bild unserer modernen deutschen Residenz mit dem Namen March immer in Zusammenhang gebracht werden wird. Im Jahre 1836 kaufte Ernst March, der Vater bzw. Großvater der jetzigen Besitzer, die alte Ölmühle zu Charlottenburg auf dem damaligen Thiergartenfelde (jetzt Sophienstraße und am Kanal, dem Polytechnikum gegenüber) und richtete sich dort ein.
    Ernst March war in seiner Jugend durchaus mittellos; das Bild der Fabrik im Jahre 1836 nimmt sich winzig aus im Verhältnis zu den heutigen großartigen Anlagen. Jedoch dem Begründer dieser Werkszätten gelang es, auf dem Gebiete der Thonwaarenfabrikation viel Neues zu schaffen und auch in künstlerischer Beziehung bahnbrechend zu werden. Sein Geschäft vergrößerte sich rasch. Anfänglich wurden nur ordinäre Töpferwaaren, unter welchen Blumentöpfe und Zuckerformen die Hauptartikel bildeten, geliefert. Bald aber nahmen Ziergefäße, Vasen, Figuren, Bauornamente die volle Thätigkeit der Fabrik in Anspruch. Sodann wurden die Hindernisse überwunden, die der allgemeinen Anwendung der Bauornamente von gebranntem Thon damals im Wege standen. Mit der Ausbreitung der Rohbaues, namentlich während der großen Bauthätigkeit Berlins unter Friedrich Wilhelm IV., ist die Anwendung der Erzeugnisse der March’schen Fabrik, welche anfänglich nur auf Kirchen, und andere öffentlichte Gebäude beschränkt war, auch im Privatbau heimisch geworden. Bauornamente von gebranntem Thon wurden in sehr großer Anzahl hergestellt. Ernst March verstand es auch, das Interesse eines größeren Publikums anzuregen. Er schuf für die erste Berliner Ausstellung im Jahre 1844 einige Figuren und Vasen aus Chausseestaub, und der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV., der immer die Fabrik mit Aufgaben und Mitteln zu unterstützen wußte, sagte bei der ersten Besichtigung dieser Chausseestaubplastik zu seiner Gemahlin: "Siehst Du liebe Elisabeth, hierbei haben wir auch mitgeholfen." Und der König gedachte lächelnd seiner vielen Kutschfahrten zwischen Berlin und Charlottenburg...
    Ernst March starb leider schon 1847. Seine Söhne haben aber den Aufschwung der Thonwaaren nach allen Richtungen zu fördern fortgesetzt. Die architektonische Plastik ward zum Centralinteresse der regsamen Fabrik. Dieselbe stand seit Stüler und Strack bis auf unsere Zeit mit allen Berliner Architekten in engster Verbindung.
    Die Kaiserin Augusta war ebenfalls eine große Gönnerin der Fabrik; die Rheinanlagen bei Koblenz legen ein ganz besonders Zeugniß für das Interesse der Kaiserin ab.
    Bei Ernst March Söhne sind auch Büsten im Geschmack der della Robbia angefertigt, ebenso die sandsteinfarbenen Büsten gefeierter Feldherrn in den Waffensälen des Kgl. Zeughauses nach den Modellen namhafter Künstler. Wenn wir einen Spaziergang durch die großen Räumlichkeiten der Fabrik unternehmen, so finden wir alle möglichen Arten von Thonwaaren in Arbeit. Selbst der Chemiker beschäftigt heute die Fabrik, es werden alle möglichen Apparate für die chemische Industrie, Galvanoplastik und verwandte Gewerbe fabrizirt, Kühlschlangen, Hähne, Säurepumpen etc. Wir bekommen gleichzeitig einen Begriff von der Technik der Töpferei und der Thonbrennerei. Zunächst finden wir auf dem Hofe den Thon in großen Behältern unter Wasser vor - er wird dort abgeschlemmt und gereinigt. In den umliegenden Gebäuden sehen wir dann die verschiedenen Stadien der Fabrikation. Auf den Drehscheiben werden große zentnerschwere Krüge, Röhren, Wannen etc. mit der Hand geformt, in anderen Sälen sieht es so aus wie in den Ateliers der Bildhauer; wir finden da für die neuen Kirchen Berlins große Apostelgestalten, außerdem Figuren für den Garten und für Grabmonumente, Vasen und dergleichen mehr in Arbeit.
    Das Hauptinteresse nehmen aber die Bauornamente - die architektonischen Bildhauerarbeiten in anspruch. Stilisirte Löwen und Fensterrosetten, Medusenmasken und Sphinxe, gothische und maurische Arabesken, Gesimse und Geländer, Engel und Reliefs ... das steht da alles und trocknet - die freistehenden Theile umhüllt. Dieses Trocknen des Thones ist der schwierigste Theil der Arbeit. Einzelne Theile der Figuren, wie die Arme, trocknen schneller - und dieses Schnellertrocknen erzeugt Risse und Sprünge - das muß durch Papierhüllen, die das schnelle Trocknen aufhalten, verhindert werden. Einige Öfen finden wir in Thätigkeit; in denen werden die Figuren etc. ummauert; sie stehen in sogenannten "Pillen", die mit Chamotteplatten, "Bumse" genannt, bedeckt sind. Diese Öfen haben sehr große Dimensionen, und es sind ihrer eine lange Reihe vorhanden. - Indessen würde wohl ein näheres Eingehen auf die technische Seite der Thonplastik hier zu weit führen. Wenden wir uns den Gartenanlagen zu!
    Da sind fast sämmtliche plastischen Werke der Fabrik in Gruppen und einzeln aufgestellt. Dieser Garten gewährt einen Überblick über die 56jährige Thätigkeit dieser Thonwaaren-Fabrik. Und es treten uns da eine große Zahl von Bildwerken entgegen, die wir in Berlin schon oft gesehen haben - ein Stück Berliner Architekturleben!
    Im Jahr 1873 lieferten Ernst March Söhne für die Wiener Ausstellung eine Prachtgartenbank mit einer Viktoria und bunten Terrakotten - eine sehr reizvolle Arbeit, im damals beliebten Renaissancegeschmack, die heute noch den Garten der Fabrikanlage schmückt.
    Noch mehr aber überrascht die große Auswahl der dort aufgestellten Zierstücke, welche jegliche Ansprüche, seien sie auf die Ausschmückung von Parkanlagen oder auf die Belebung bescheidener Gärten durch Figuren, Fontainen oder Vasen gerichtet, zu befriedigen im Stande ist.
    Unter den hellsandsteinfarbenen Figuren und rothen Ornamenttheilen des Gartens heben sich die bunten prächtigen Majolikafarben besonders hervor. Sie mahnen uns immer wieder an die Zukunftsbahnen unserer architektonischen Plastik in Berlin ...
    Jedoch die March’schen Fabrikate sind über ganz Deutschland verstreut. Zu Königsberg und Rostock, auf der Dirschauer und Marienburger Brücke, sowie im Westen Deutschlands - überall hat sich die Thonplastik an den Gebäuden eine hervorragende Stellung zu verschaffen gewußt.
    Daß aber die neueste Geschmacksrichtung in der architektonischen Plastik wirklich eine polychrome genannt werden muß, das beweisen die neuesten Aufträge der Fabrik ... auch der Centralbahnhof in Köln soll demnächst in bunter farbenvoller Majolika prangen - und Ernst March Söhne werden auch hier wieder für die Polychromie in der Architektur Propaganda machen.
    Und der Kaiserstadt Berlin können wir deshalb nur wünschen, daß sie auch immer bunter wird. Berlin kann niemals bunt genug sein. Berlins architektonische Plastik muß die Farben wieder zu Ehren bringen - ich glaube, das ist ihre große Zukunftsaufgabe.
    Hoffentlich werden die Berliner beim Anblick der farbigen Zukunftsarchitektur mit Emphase sagen: "Lieber des Guten zu viel als farblos!" - denn der Geschmack ist in letzter Linie doch nur - Geschmacksache, die Berliner Kritik wird aber stets dafür Sorge tragen, daß der gute Geschmack die Oberhand behält.

 

 



   

 

JAMMER!


Geister, die lange nichts von ihren Füßen wußten, fühlen wieder, daß sie Füße haben, und können wieder gehen.
Das ist aber keine Erlösung.
Das Gehen ist eine Qual.
Von vielen seltsamen Geruchsempfindungen werden unzählige Erinnerungen aufgeweckt; und die sind so lebhaft, da der Pfad, auf dem die Geister gehen, ganz dunkel ist wie ein vergessener Keller.
Und die Erinnerungen nagen an den Geistern und schwächen ihre Lebenskraft; lange vergangene Zeiten erscheinen den Wandernden nur als große Qualketten; betäubende Blumendüfte machen die Erinnerungsschwere noch fühlbarer.
Da zünden sich vorn und rechts und links kleine räuchernde Lampen an und beleuchten spärlich eine breite Steintreppe.
Trübselig ist die Beleuchtung - da brennen so die richtigen Tranfunzeln.
Den Geistern wird nicht besser, aber sie steigen die schlecht behauenen Steinstufen hinan - immer höher und höher, obschon keiner weiß, wohin die Treppe führt; oben ist wenig zu erkennen, da die Tranfunzeln ihr bißchen Licht bloß an die Seiten werfen.
Und während die Geister mühselig auf der breiten Steintreppe aufwärts steigen, werden sie von drückenden Empfindungen ganz und gar umgarnt, und ihre Gedanken gehen immer mehr nach jener Richtung hin, die dem Leben keinen Glanz läßt.
Und es kommt den Geistern ihr ganzes Leben so recht überflüssig vor. Und dann dauert's nicht lange, und alle erklären einstimmig: »Es ist ja doch alles Unsinn.«
Jedes Streben und jedes Zielsetzen wird als Albernheit bezeichnet. Die Resultatlosigkeit grinst die Geister plötzlich in allen Dingen an.
Und die penetrante Empfindung, daß alles resultatlos und als alberne Spinnerei verläuft, erstickt jeden frischen Ton, so daß die Geister - es sind immer noch zehntausend Mann - stumpfsinnig werden wie betrogene Gauner.
Nur Knipo hält sich noch mit zwei anderen Geistern etwas aufrecht.
Alles Glänzende, das die Vergangenheit bot, ist verblaßt, und nur das Trübe und Leere wirkt in den zehntausend fort.
Einige Geister fallen und bleiben auf den Steinstufen liegen; niemand kümmert sich darum.
Knipo sagt stöhnend: »Mir ist ja beinah so wie einem Arbeiter zumute, aber - hatte man nach der Arbeit nicht mal so'n frohes Gefühl?«
»Jawohl«, erwidert der gelbe Geist neben ihm, »die sogenannte Arbeit war immer eine etwas billige Nervenaufregung.«
Und alle fühlen, daß ihre Nerven nicht mehr in Erregung zu bringen sind; alle haben das Gefühl, daß ihre Empfindungsfähigkeit gebrochen und morsch ist- mit dem Lebenkönnen geht's bergab.
Und sie steigen weiter die Steinstufen hinauf und kommen oben auf einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.
Knipo rafft sich auf und sagt deutlich: »Ich gestehe, daß ich Eure Schmerzen eigentlich nicht verstehen kann, und empfinde großen Schmerz über meine Schmerzlosigkeit. Ich komme mir so unbedeutend vor.«
Und er lacht. Es lacht aber keiner mit.
Und auf vielen klapprigen Holztreppen steigen die Geister weiter empor. Da ist die Beleuchtung noch trübseliger. Katzenaugen glühen auf den Geländern der Holztreppen. Neben den Treppen rauschen alte Bäume mit trocknen Blättern; auf den Ästen der Bäume winden sich dicke gefleckte Schlangen, die den Geistern beleidigende Worte zuzischen.
Und die mürben Holzstufen knarren.
Auf sehr vielen Treppen geht's empor, so daß sich nur die Geister gegenseitig erkennen, die sich auf derselben Treppe befinden.
Nur noch zuweilen leuchtet eine alte Lampe, die kein ganzes Glas hat.
Das Treppensteigen wird so mühselig wie ein Künstlerleben.
Und jede Schlange spricht so beleidigend wie ein Kind.
Viele Geister setzen sich auf die Stufen hin und lassen alles über sich ergehen - und rühren kein Glied.
Und die Geister empfinden, daß sie gekränkt werden sollen.
Und sie fühlen plötzlich, daß unsichtbare Hände ihnen Ohrfeigen geben.
Und ein langer Wutschrei geht über alle Holztreppen.
Aber auch die Wut bricht gleich wieder zusammen; es bleibt nur noch ein stumpfes Gefühl zurück, das so träge macht - so schlampig; es brennen den Geistern die Fußsohlen und die blassen Wangen.
Ein alter Geist sagt traurig: »Unser Jammer ist wohl bloß eine Folge der Eitelkeit. Wären wir nicht so eitel, so wären wir nicht zu verwunden. Nur der Eitle lernt den wahren Jammer des Lebens kennen. Wer seine Natur stets mit Zärtlichkeit zu würdigen pflegt, wird immer verletzt und jammervoll sein. Wir durchleben bloß die Tragikomödie der Eitelkeit. Alle Tragik ist pure Eitelkeitssache.
«Da wird Knipo neben dem Alten furchtbar wütend und brüllt: »Das wollen wir uns doch nicht gefallen lassen!«
Und von den Geistern bleiben Hunderte auf den Holzstufen liegen; nur die Stärksten erreichen oben das Ziel - abermals einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.
Der gelbe Geist sagt zum Knipo: »So wehre dich doch! Sag mir nur, wie Du's machen möchtest.«
Knipo möchte Witze machen, doch sie sterben ihm zwischen den Zähnen.
»Jawohl«, sagt er schließlich, »ich glaub's schon, daß alles Verletztsein nur ein Verletztsein der Eitelkeit ist. Aber wahrlich - ich sage Euch: der Kern Eurer Eitelkeit ist nur Eure verdammte Selbständigkeitssucht.«
»Unsre!« setzt der gelbe Geist verbessernd hinzu.
Und unartikulierte Laute des Ekels werden überall gehört, die Geister empfinden nicht bloß Ekel vor dem Leben - sondern auch Ekel voreinander.
Und der Ekel ist so gräßlich intensiv.
Sie denken zuweilen an die Einsamkeit, aber sie sind zu schlapp, um sich an dem Gedanken aufzurichten - er kann ihnen nicht mehr zum lachenden Endziele werden.
Die Katzenaugen auf den Geländern leuchten unheimlich - aber sie reizen nicht mehr auf - und auch das beleidigende Gezische der Schlangen verhallt wirkungslos.
Nur unartikulierte Ekellaute kommen über die Lippen der Geister.
Knipo sagt zum Gelben, nachdem er lange geschwiegen hat: »Humor entsteht, wenn man sich mit einer Situation notgedrungen abfinden muß, ohne den Knoten zerhauen zu wollen oder zu können.«
Er kann sich aber mit der trübseligen Treppen-Situation nicht abfinden, und so entsteht auch kein Humor.
Der Gelbe spricht kein Wort.
Es ist ein Jammer!
Und nun geht's noch auf eisernen Wendeltreppen höher immer in der Runde herum- in Pfropfenzieherkurven.
Da haben die Geister wiederum alle den einen Gedanken:
»Es ist alles zwecklos und sinnlos!«
Jetzt kann aber keiner mehr liegen bleiben, da sämtliche Wendeltreppen so schmal sind, daß die armen Geister einzeln hintereinander gehen müssen.
Und auf den eisernen Geländern klettern langsam dicke Krokodile herunter; die Geländer sind breit.
Und der gelbe Geist sagt zum Knipo: »Wir sind geworfene Meteore - nicht fliegende -, in Schneckenlinien sollen wir aufwärts steigen.«
Aber die Krokodile bewegen sich so unheimlich, daß jetzt unartikulierte Entsetzenslaute auf allen Wendeltreppen hörbar werden.
Jedes Krokodil tut so aufgeregt wie ein irrsinniger Patriot - und schimpft auch so.
Es ist entsetzlich!
Jedes Krokodil redet nur von den peinlichen Momenten, an die kein Wurmgeist und kein Sterngeist erinnert sein mag. Und die Geister auf den Wendeltreppen werden innerlich überall da berührt, wo sie unter keinen Umständen berührt werden möchten.
Jedes Krokodil benimmt sich in seinen Reden so taktlos wie der Diplomat eines jungen Raubstaates. ---
Und es entstand ein Licht neben den Wendeltreppen.
Und das Licht ging nach allen Seiten weit weg und wurde immer schwächer.
Und es kamen Schatten aus dem Lichte heraus - und das waren Geisterschatten -, Schatten von jenen Billionen Geistern, mit denen die auf den Wendeltreppen einst zusammen waren - zwischen rasselnden Schienen.
Und die Billionen Geister wurden erkennbar - und sie waren alle fröhlich; obgleich ihre Gesichter ganz im Schatten waren, bewegten sie sich doch so lebhaft, daß ihre Lebenskraft aller Welt offenbar wurde.
Die Billionen schienen einander gar nicht ähnlich zu sein; die seligen Scharen, die da in der Ferne plötzlich vorüberschwebten, bildeten nicht eine gleichartige Masse wie die zehntausend - jeder sah dort drüben anders aus als seine Nachbarn.
Und das wunderte die Trübseligen auf den Wendeltreppen.
Doch das ferne Licht zerging, und die befreundeten Billionen wurden rasch wieder unsichtbar. ----
Und die Trübseligen kommen oben aus den Wendeltreppen langsam einzeln heraus - und stehen nun auf einer großen eisernen Plattform da, und von dieser eisernen können sie hinabsehen auf die tief unter ihnen liegenden Holztreppen und Steintreppen, die sich zusammen von den dunklen Felsen und Wäldern so abheben wie ein großes streifiges Leichentuch.
Bleierne Schwere fühlen die Geister in ihren Gliedern.
»Das ist die vermaledeite Sternschwere!« sagen sie traurig.
Viele wünschen sich den Tod.
Aber an Selbstmord denkt keiner.
Und der Gelbe wundert sich darüber.
Da bemerkt der Alte wehmütig: »Von unsrer Gesellschaft einen Mordsgedanken zu erwarten, find ich naiv. Diese Gesellschaft hat ja nicht mal mehr die Kraft, die ein zahmer Gedanke verlangt.«
Knipo jedoch flüstert mit einem Anfluge von Humor:
»Wenn das Leben keinen Zweck hat, so hat doch das Sterben erst recht keinen Zweck.«
»Ach ja«, ruft da der Gelbe sehr laut, »das Lebenlassen ist der Gipfel der Grausamkeit.«
Der Alte sagt still: » Die Todesstimmungen sind genauso vorübergehender Natur wie die Luststimmungen.«
Und auf Strickleitern soll's von neuem weiter in die Höhe gehen; eine unsichtbare Gewalt treibt dazu.
Dennoch mag keiner den Strickleitern nahe sein.
Und die Geister sehen da nach einer Weile molchartige Wesen auf- und abklettern.
Die Molchartigen haben einen bunt gefleckten Rücken und drei Büschel weißer Haare auf dem Kopfe, die wie drei große soeben gewaschene Pinsel in die Luft ragen.
Und über den Pinseln werden hellgrüne Wolkengebilde sichtbar, die an den Strickleitern auch auf- und absteigen, so daß man nicht weiß, ob die Wolken die Molche oder die Molche die Wolken zum Auf- und Absteigen zwingen.
Ein dickes, giftiges Krokodil sagt brummig: »Das sind die Hoffnungen, die immer einen Narren finden, der ihnen folgt.«
Ein altes Krokodil ruft zornig: »Quatsch doch nicht! Das sind die alten Narren, die ihre Hoffnung niemals fahrenlassen.«
Danach sprechen die Geister durcheinander: »Wären wir doch auch solche Narren!«
»Wenn wir nur einmal glauben könnten, daß wir in ferner Zukunft selbständige Weltenschöpfer werden könnten dann hätten wir doch eine Hoffnung.«
»Wir wären auch zufrieden, wenn wir bloß glauben würden, daß wir einstmals frei sein dürften.«
»Derartigen Glauben«, bemerkt Knipo, »haben wohl bloß noch die Säuglinge.«
»Ja«, ruft der Gelbe schmerzlich, »der Glaube würde uns eine Hoffnung gebären.«
»Gelber«, spricht zornig der Knipo, »willst Du uns etwa durch Geburtsphantasien wieder Lebensmut beibringen?«
Und der Alte schreit: »Die Sternschwere! Die Sternschwere! Wir sind immer noch festgebunden an unsern Stern.«
Es wird plötzlich furchtbar hell. Und die Geister sehen wieder die unzähligen Spinngewebefäden - aber sie gehen diesmal von einem Geist zum andern und dann die Wendeltreppe hinunter zu den Holz- und Steintreppen, auf denen noch die vielen Geister liegen, die da unten nicht weiter konnten.
Die Fäden glänzen nicht sehr, als wenn sie staubig wären. Und das Atmen wird so schwer.
Die Molche mit den grünen Wolken sind fort.
Die Strickleitern schwanken.
Alle Geister sind still und wollen sich nicht bewegen - wollen nicht weiter.
Das helle Licht erlischt.
Und es wird stockfinstre Nacht.
Und keiner denkt mehr daran, noch höher zu steigen.
Die Strickleitern schwanken und berühren sich, daß ein leises Geräusch entsteht - wie von nassen Peitschen, die trocknen sollen im Nachtwinde.


TEMPEL!

Geister, die lange starr waren und nicht weiter konnten, bemerken wieder, wie sich was in ihnen bewegt; es durchrieselt sie eine feine Substanz, die so freudig macht.
Und gewaltige eiserne Flügeltüren knarren in ihren Angeln - und öffnen sich.
Und zehntausend Geister blicken in ein neues Reich, in dem ein stilles Licht so weich anschwillt wie warme Luft.
Und durch die vielen Flügeltüren werden die Geister hineingetragen in das neue Reich.
Die Geister bemerken, daß sie in kostbaren seidenen Sänften liegen; viel Elfenbeinschnitzerei ziert die Ränder der Sänften.
Und unsichtbare Hände tragen die Sänften durch die Luft, daß die Getragenen sich freuen.
In einem allmächtigen Saale sind die Geister; eine hohe Topaskuppel läßt gelbes Licht von oben herunter. Die dunkelgrünen Wände sind durchsichtig, und es sieht überall so aus, als bewege sich was hinter den Wänden - in dunklen gedämpften Farben.
Auch oben hinter der Topaskuppel scheint sich was zu bewegen - wie Wolken.
Und durch schimmernde Kristallpforten schweben die Sänften mit den Geistern in einen Saal, der beinahe ganz so wirkt, als wenn er aus Rubinglas bestünde - nur im oberen Teile sind verschiedene Luken mit türkisblauen Gläsern gefüllt-, und an den Wänden schimmert viel fein geschliffenes wasserhelles Kristall.
Und die Geister bemerken, daß die ganze Architektur durchsichtig ist - wie Glas; sie sind in den transparenten Tempelhallen, von denen sie oft gehört zu haben glauben; wie eine lange bekannte Sache kommt ihnen die transparente Architektur vor - und doch ist nur ein kleiner Teil von Glas - die größeren Wandteile bestehen aus anderen Stoffen.
Seltsame Musik dringt aus den Tiefen der rubinglasroten Tempelhalle herauf - es klingt, als käm's von unzähligen neuen Instrumenten.
Während die Geister verwundert horchen, sehen sie viele Kristallschalen an den Wänden, und in die Kristallschalen fallen Tropfen aus verschiedenen Höhen hinein. Und durch diese Tropfen bildet sich die neue Musik; es sind allerdings noch andere Töne dabei, die den Schalen nicht gut entspringen können - doch hierüber werden die Geister im nächsten Saale aufgeklärt.
Da setzen sich die Wände aus unzähligen Säulen verschiedenster Konstruktion zusammen - und die bilden kolossale Nischen. Hinten in den Nischen geht's fensterartig hinaus in ein weiteres Säulenreich; da draußen im Freien stehen durchsichtige Säulen, die farbige Lichtsäulen sind, mit großen Wassermassen in einem architektonischen Zusammenhange - bunte rauschende Wasserfälle und bunte durchsichtige Springbrunnen sind untereinander in ähnlichen Rhythmen gehalten wie die farbigen Lichtsäulen.
Diese Wassermassen in der Ferne machen auch eine Musik - und die steht mit der Tropfenmusik der Tempelhallen in einem musikalischen Zusammenhange.
Und zu der Wassermusik gesellt sich noch eine Windmusik, die in den durchbrochenen Wänden bald leiser und bald stärker auftönt und sich immer milde den Melodien und Harmonien der Wassertonwelt anschmiegt.
Die zehntausend schweben in der nächsten Galerie, die sehr lang ist, auch an großen transparenten Standbildern vorüber, deren Inneres wunderbar leuchtet- wie flüssiges Edelgestein. Diese abenteuerlichen Gestalten spotten jeder Beschreibung; die Geister glauben, daß diese Standbilder lebendige Götter sind, obgleich Knipo dieser Behauptung lächelnd widerspricht.
Nun geht's noch durch sehr, sehr viele Säle durch, und die Geister starren durch all die transparenten Wände durch - und sehen in eine Kaleidoskop-Architektur, in der die Farben so auf- und niederwogen wie die Regenbogenfarben in Seifenblasen.
Jede Säule ist, ob sie bunt, farbig oder wasserartig ist, durchsichtig wie Glas - und die Galerien sind ebenso und die Kuppeln auch - und die Wände auch.
Und alles ist so reich durch das, was hinter allem ist. Und wo durch eine Öffnung durchzusehen ist, da sehen die Geister immer wieder und wieder weitere transparente Architekturgebilde - und zwischen denselben Wasserwerke, die zumeist ebenfalls transparent wirken - und nur im Schaume was Kompaktes besitzen. Fernere Wasserstrahlen werden auch durch die Kuppelluken sichtbar, die hier und da offenstehen.
Oft sehen die Wandsteine so wie Sammet aus - und sind trotzdem durchsichtig.
Durch die stete Weiterbewegung der Sänften verändert sich die Wirkung dieser transparenten Tempelhallen in jedem Moment.
Diese Farben- und Bewegungsreize sind so groß an Zahl, daß einzelne Eindrücke von der Wirkung der ganzen rauschenden Bilderfülle keine Ahnung erzeugen.
Und die Wassermusik mit der Windmusik ist ebenso reich und überwältigend schon in wenigen Augenblikken, daß ans Ganze kaum zu denken ist.
Alles ist in seifenblasenartiger Bewegung, so daß die Geister annehmen, Lebendiges sei draußen hinter den Wänden - und die Bewohner dieser transparenten Räume seien ebenfalls draußen.
Und die zehntausend möchten so gern wissen, ob's Wurmgeister oder Sterngeister sind, die da draußen noch mehr Bewegung und Farbenspiel in die vielen Wände, Galerien und Säulen hineinzaubern.
Und die Götterbilder wirken so geheimnisvoll - mit ihren abenteuerlichen Gliedern, ihren durchsichtigen Prunkgewändern und ihren durchsichtigen Köpfen.
In der Tiefe sehen die Geister viele Kronen nebeneinander liegen und glauben daher, daß die Zahl der Standbilder in der Tiefe noch größer sei.
Der Weg durch die vielen Tempelhallen, in denen die Musik oft nur leise flüstert, als wenn sie verbergen und nicht verkünden möchte, geht bald rechts und bald links - oft in großen Bogen und auch im Zickzack - labyrinthisch.
Und dann sind die Sänften mitten in einem Raume, der viel größer ist als alle anderen zusammengenommen.
Die Musik tönt hier so leise wie stille Gebete, doch die Stimmen der Geister tönen sehr laut, so daß die meisten erschrecken, wie sie den lauten Ton ihrer Stimme vernehmen. Und so schweigen bald alle.
Der Knipo findet sich jedoch am schnellsten mit dem Schallwunder ab, und es überkommt ihn eine so große Redewut, daß er nicht mehr schweigen kann - und er redet - wie ein Erleuchteter - seine Stimme donnert durch den weiten Raum: »Wir wissen nicht, daß es eine Welt gibt, und trotzdem können unzählige Welten lebendig sein. Es können unzählige Welten schon tot sein - sie können auch noch geboren werden. Sie können auch nie geboren sein und dennoch lebendig sein. Was wissen wir, was Leben heißt! Können wir behaupten, daß wir leben? Es lebt der Baum ein andres Leben als der Stein. Mit dem Wort ›Leben‹ können wir jedesmal was andres meinen. Wir wissen aber nicht, was unser Leben heißt, und wissen nicht, was unser Sterben heißt. Wenn wir nun nicht wissen, ob wir leben oder sterben - tot oder lebendig sind - so muß es uns doch ziemlich gleichgültig sein, ob wir die Geister, die hier wohnen und doch nicht hier sind, für Wurmgeister oder für Sterngeister zu halten haben. Wenn wir so wenig mit unsern Worten anzufangen wissen, so dürfen wir doch nicht annehmen, daß das uns räumlich größer Erscheinende bedeutender ist als das uns räumlich kleiner Erscheinende. Vielleicht sind grade die Wurmgeister die wirklichen Götter. Was aber sind denn die Wurmgeister mehr, wenn sie sich Götter nennen dürfen? Stern und Wurm und Gott, Wurm und Gott und Stern - das sind doch schließlich bloß Worte! Laßt die Worte doch laufen - laßt sie ans Ende der Welt laufen - dann haben die Worte doch was zu tun und stiften kein Unheil.«
Laut dröhnten Knipos Worte durch den weiten transparenten Raum, der wie eine allmächtige Hohlkugel wirkte. Und die ganze Kugel war im Innern doch köstlich gegliedert.
Die Sänften schwebten auf und nieder, und die Geister reckten sich in den weichen seidenen Kissen. Ein Oben und Unten gab's für die Geister in diesem Hohlkugelraum nicht, so daß sie das herrliche Tempelgebiet nach allen Seiten durchschauen konnten.
Auch hier wirkte die reich mit Säulen, Nischen, Galerien und Luken durchbrochene Wandung durch die ins Jenseits führende Transparenz; hier hatten die Geister so recht die Empfindung, in einer ungeheuren Seifenblase herumzuschweben.
Aber es gibt verschiedene Seifenblasen, und die Kugel, in der Knipo so laut sprach, verdient nicht, daß man sie Seifenblase nennt.
Die Kugelwandung war vom Mittelpunkt so weit entfernt wie ein ferner, ferner Sternhimmel.
Auch diese Hohlkugel war ein Sinnbild der Unendlichkeit.
Und Knipo redete zum anderen Male: »Liebe Brüder! Es ist schon viele Billionen Jahre her - da erlebten wir was, worüber wir heute noch lachen könnten. Damals wollten wir mal unser liebes sogenanntes Ich erweitern und mit diesem Ich die ganze Welt durchdringen - und auch alles das, was nicht in der Welt ist. Nicht bloß selbständig wollten wir werden, wir wollten sogar weltumspannende Persönlichkeiten - ganze Allwesen - werden. Wie klein muß uns damals die Welt vorgekommen sein! Heute halten wir die Welt nicht für klein und nicht für groß - wohl aber für eine so übergewaltige Sache, daß wir uns belächeln müßten, wenn wir uns einbilden wollten, wir hätten heute schon ein Recht, uns über die Bedeutung dieser Allumfassenden ein Urteil zu bilden. Und daher wollen wir fürderhin nicht mehr bloß mit unserm Stern zusammen einen guten Ton zu bilden suchen - wir wollen mit dem uns Unbekannten auch einen guten Ton erzeugen. Wir wollen ruhig weiterschweben, ohne was zu wollen. Ich glaube, unsre Willenlosigkeit ist unsre ganze Stärke - obgleich diese Worte so alt klingen wie die Ruinen eines Götterlebens.«
Da rauschte wunderliche Musik durch viele Luken in die transparente Hohlkugel hinein, und die Sänften schwebten einer fernen Rosette zu.
Und viele Geister wiederholten Knipos Worte: »Ich glaube, unsre Willenlosigkeit ist unsre ganze Stärke!«
»Ja, ja!« rief Knipo »,wenn wir willenlos sind, so kann eine andre Kraft - ein Jenseitswille - in uns lebendig werden. Und es ist doch so seltsam, daß wir trotzdem unsre Selbständigkeitssucht für die Dauer nicht unterdrücken können.«
Rauschend klangen die Wassermelodien um Knipos Ohren - und er vergaß seine Rede.
Und die Geister schwebten durch die Rosette aus der Hohlkugel raus in andre Säle - wieder ging's teils im Zickzack, teils in großen Bogen weiter.
Und so gelangten die Geister nach langer, langer Zeit in den Zorntempel.
Dort wurde die Stimme der Geister gleich ganz rauh; kaum hatte Knipo ein paar Worte gesprochen, so merkte er schon den Hohn im Ton, daß er vor sich selbst zusammenschrak wie ein Verfolgter.
Im Zorntempel wurden alle sehr zornig - da sahen auch die Fenster wie rotglühende Augen herunter - und die durchsichtigen Säulen waren gewundene Schlangenund die Musik donnerte - und die Götterbilder ähnelten griffsicheren Raubtieren.
Und Knipo mußte wieder sprechen - und er sprach, als wenn ein Geist in ihn gefahren wäre, der ihm so lange fremd blieb, mit rauher bebender Stimme: »Das wahre Glück besteht nur in der langsamen rachsüchtigen tückischen Vernichtung alles dessen, was da lebt. Den einzigen Schmerz, den wir für den wahren halten müssen, bildet die Empfindung, daß es doch leblose Dinge geben dürfte, die wir vielleicht niemals vernichten könnten, da sie ja infolge ihrer Leblosigkeit auch unsterblich sein könnten.«
Ein wieherndes wahnsinniges Gelächter durchbraust den vieleckigen Zorntempel.
Und die Sänften drehen sich alle so fix um sich selbst, daß den Geistern ganz schwindlig wird.
Knipo brüllt aber aus vollem Halse: »Nur die Zerstörung kann die Entwicklung fördern.«
Eine Götterfratze tut ihren Rachen auf und spricht mit hohler Metallstimme: »Ich bin der gebändigte Tiefsinn dieser Welt - ich bin der Gott des unsterblichen Augenblicks.«
Da steigt den Geistern etwas Unbekanntes im Leibe empor und bleibt ihnen in der Kehle stecken - wie eine kalte Faust. Und sie fürchten sich.
Jetzt erhalten die roten Luken, die wie glühende Augen ins eckige Innere des Zorntempels hinunterglotzen, eine heftige Anziehungsknick sind alle zehntausend Geister draußen.
Und sie fliegen aus ihren Sänften raus auf ein schräges glattes Glasdach. -------------------
Auf dem Glasdach genießen sie einen weiten Rundblick über die gesamten transparenten Tempel und Wasserwerke.
Die Sänften sind verschwunden.
Schräg ist das Glasdach, und die Geister rutschen langsam runter - doch sie sehen drüben eine große Kugel - einer bunten riesigen Seifenblase ist sie nicht unähnlich. Und von der Kugel gehen unten mehrere schlauchartige Gebilde heraus, von denen eines im nahen Zorntempel endigt. Und die Geister sehen auch die durchsichtigen Wasserwerke und hören die Musik, die jetzt so wenig durchsichtige Melodien hat.
Und die Geister sagen sich, daß die schlauchartigen Gebilde, die transparent sind und zur Mittelkugel führen, die Saalreihen vorstellen, die sie in den Sänften durchschwebten - und sie wundern sich, daß von den Bewohnern dieser Tempel auch draußen keine Spur zu entdecken ist.
Die Geister staunen alles an und rutschen auf dem schrägen glatten Glasdach immer weiter runter dem Rande zu.
Und schwarze ungeheure Kapuzen sinken hernieder und bedecken die Architektur nebst den Wasserwerken, der Krallenrand der Kapuzen hakt sich unten schnell fest und die Geister sehen nicht mehr die transparente Welt.
Alles Licht ist fort, und die Musik ist mit einem Male zu Ende.
Die Geister rutschen immer weiter - und fürchten sich - vor einem großen Fall. 



   

 

RASEREI!

Geister, die auf einem schrägen Glasdach immer weiter runterrutschen und in der Dunkelheit die große Angst vor dem Unbekannten empfinden, sehen in der Ferne weiße Punkte aufleuchten.
Die weißen Punkte werden größer, und die Geister erkennen, daß sich weiße Vögel ihnen nahen - leuchtende Vögel.
Die Vögel sind sehr groß, und in ihren großen Krallen haben sie große blanke Scheren. Molchköpfe haben die Vögel, und sie sagen zu den Geistern mit glucksender Stimme: »Wenn Ihr wollt, so könnt Ihr jetzt selbständig werden; mit unsern blanken Scheren können wir die Spinngewebefäden, die Euch an Eure Sterne fesseln, zerschneiden.«
Die Geister rufen natürlich: »Los! Los! Schneidet nur zu!« Da werden die Vögel so leuchtend hell, daß wieder die glitzernden Fäden zu sehen sind - und die werden dann gleich eifrig von den Vögeln entzweigeschnitten; die Scheren klappern wie in einem großen Friseurladen; es sind wohl einige hundert Scheren in Bewegung.
Und die Geister sind frei!
Und sie jauchzen und schweben gleich hoch in die Luft hinauf - und in die nächste Sternenwelt hinein.
Die Sternschwere ist fort, und die Geister sausen dahin wie flinke Kometen - nur noch flinker.
Alles Lästige ist fort.
Frei sind die Geister.
Und dahin schießen sie - bald so schnell wie Billionen Orkane zusammen.
Die Sterne flitzen nur so vorüber, daß die Geister bald gar nicht mehr sehen, an was für Sternen sie vorüberjagen.
Die Geister haben gar keine Zeit, sich das Aussehen der Sterne anzusehen - ob die eckig, rund oder schlauchförmig, scheibenartig oder wie Trichter sind - ist ja saumäßig piepe den freien Weltjägern, die nur empfinden wollen, daß sie frei sind - und hinschießen können, wohin's ihnen paßt.
Und sie wollen hinaus in die freiste Welt - dorthin, wo's keine Sternwelten mehr gibt.
Und die Sterne bilden für ein paar Augenblicke glitzernde Fäden rechts und links von den Geistern - so schnell schießen die dahin.
Und dann sind die Geister in einer Weltgegend, die frei von allen Sternen ist - alle großen Sternwelten zusammen bilden da bald bloß einen kleinen Lichtpunkt - und auch der verschwindet.
Und es ist finster, und Knipo wird zum Anführer der zehntausend ernannt.
Jetzt glauben die Geister, sie könnten aus einer Weltecke in die andre fahren; und sie setzen dem Knipo auseinander, daß er ihnen sämtliche Weltwunder zeigen müsse.
Knipo meint, er möchte wohl zunächst alle unsichtbaren Weltwunder sehen.
Doch auch die absoluteste Freiheit hat ihre Schranken - die Geister können das für sie Unsichtbare nicht erblicken.
Da schlägt Knipo vor, die großen bunten Gasräume zu besichtigen.
Und sie fliegen wieder raus aus der Finsternis - wieder an unzähligen Sternen vorüber, die ungeheure Polypen sind und grade die Absicht haben, sich gegenseitig die langen Beine auszureißen.
Wie die Polypen immerzu die Farben wechseln!
Aber die Geister haben keine Zeit, dem Spiele zuzuschauen - und an manchen anderen Sternschauspielen fliegen sie ebenso schnell vorüber, daß schließlich rechts und links von ihnen wiederum nur noch bunte Streifen aufflammen - so schnell rast die wilde Jagd dahin.
Und es durchrauscht die Geister eine wilde heiße Seligkeit - jetzt endlich können sie sich austoben - durch die ganze unendliche Welt durch - immerzu im rasenden Tempo durch und durch gehen - alles steht ihnen offen.
Und so kommen die Geister in die Gasräume- und da geht's aus grüner Luft in rote - und aus der roten in die bunten Lüfte - und aus den bunten in die weißen und gelben.
Aber es geht wieder so schnell, daß sie die einzelnen Gasräume nur ganz flüchtig kennenlernen - kaum bleiben ihnen Geruchserinnerungen haften. - - -
Und die hastigen Weltdurchstürmer empfinden ihre Freiheit nicht mehr als ein reines Glück - es geht alles zu schnell - und sie fragen sich schon, ob sie für solch freies Leben auch geschaffen sind - es wird ihnen bereits das Hastige, das naturgemäß in jeder Freiheit steckt, zu einer Art Qual.
Aber Knipo hat schon wieder einen Plan: er will die große Götterallee kennenlernen, von der er schon mal wo gehört haben will - da soll die kolossalste Bildhauerkunst zu sehen sein.
Und sie kommen auch dahin und erblicken dort unmäßig große Standbilder, von denen die Geister immer nur kleine Partien sehen. Ganz unmöglich erscheint es den Hastigen, sich auch nur eine ungefähre Vorstellung von dieser kosmischen Skulptur zu bilden; so viel Zeit lassen sie sich eben nicht.
Auch hier geht's wieder mit Blitzesschnelligkeit durch ach - viel schneller, als alle Blitze, die's geben könnte, zusammen - so schnell, daß selbst diese Götterbilder zu Lichtstreifen werden.
Und der gelbe Geist schreit plötzlich laut auf: »Sollten wir nicht unsre Kugelsterne unterschätzt haben?«
Die rasende Hast wirkt so zerstörend; feinere Genüsse dringen gar nicht durch. ----------
Und sie kommen zu den größten Riesen, die's in der Welt gibt.
Die Riesen schlafen grade und schnarchen; das Schnarchen hört sich wie ein wahnsinniges Orkangeheul an.
Die Geister bemerken mit den Augen nur gewaltig hohe steile Felsenwände, die Knipo für Fußsohlen halten will.....Die ganze Welt erscheint den zehntausend bloß ein großes Buch zu sein, in dem sie blättern, aber nicht lesen dürfen; nicht mal die Bilder können sie sich ansehen. -----
Knipo kriegt den Einfall, daß sie sich neue Sinne besorgen müßten, um diesen vermaledeiten »Weltkrempel« besser durchschauen zu können.
Und hinter sechs luftleeren Räumen bekommen die Geister die neuen Sinne.
Indessen jetzt geht alles noch viel schneller als bisher; sie wissen nichts Rechtes mit den neuen Sinnen anzufangen, da sie doch nicht gelernt haben, mit ihnen umzugehen; sie lassen sich auch nicht die Zeit, die neuen Sinne zu schärfen und sich anzupassen.
Und so sind sie schließlich froh, wie sie ihre alten Sinne wieder haben.
Durch andre Verwandlungen werden die tollen Geister ebenfalls nicht klüger. ------------
»Sollte dieses Götterleben«, sagt Knipo in einer smaragdgrünen Weltecke, die dick wie Teer ist, »nicht ein wenig verfrüht in unserem Weltleben sein? Aus reiner Blasiertheit könnte ich beinahe wieder fesselsüchtig werden. Die Unbenutzbarkeit und die Unübersehbarkeit der neuen Geschichten hat mich so blasiert gemacht, daß ich mich demnächst für ein Steinwesen halten werde. Hol der Teufel dieses Götterleben!«
Man stutzt bei dem Worte »Teufel«, aber es erfolgt doch eine lebhafte Zustimmung im ganzen Zuge!
Es dauert nur nicht lange, so redet der gelbe Geist von der Fabrik neuer Weltkräfte mit einer hinreißenden Lebendigkeit.
»Da müssen wir mal hin!« ruft er aufgeregt, »alte Narren denken natürlich, die Schwerkraft und manche andre Kraft fülle die halbe Welt. Und dabei ist die halbe Welt noch weniger denkbar als die ganze. Die Kräfte reichen nicht so weit. Tatsache bleibt es jedenfalls, daß noch unsäglich viele neue Kräfte fabriziert werden - und für die muß doch Platz gemacht werden.«
Und die unternehmungslustigen Geister rasen durch Schlangen- und Trichtersterne durch - und kommen in die Fabrik.
Diese Fabrik ist nun leider so maßlos groß, daß die armen Geister gar nicht verstehen, was sie da sehen - ihre Eindrücke empfinden sie teils als fleckige, teils als strichförmige Feuergebilde - viel mehr unterscheiden sie nicht.
»Dies ist die unüberwindliche Raserei!« ruft der alte Geist.
Und keiner versteht, was der Alte damit sagen will - der aber redet weiter von der Vergänglichkeit aller Empfindungen. ----------------
Und die zehntausend sehen plötzlich neben einem unendlich scheinenden Schornstein lange Geisterzüge vorbeischweben - und die sind ganz still - wie die Windstille nach dem Orkan.
»Es ist die schnelle Fahrt so anstrengend!«
Also rufen viele seufzend aus. -----------
Knipo will, wie sie aus der Fabrik nicht klug werden, die Weltenschöpfer kennenlernen, die ganz weit, weit hinten in der Unendlichkeit wohnen - in dieser Unendlichkeit in der niemand ein Ende findet - in keiner Richtung.
Und die zehntausend finden die Weltenschöpfer und sehen sie da sitzen und Sterne formen- wie große Töpfer so kommt's wenigstens den Geistern vor- sie wissen wohl, daß sie sich täuschen könnten - jedoch der Eindruck ist immerhin da.
Und die alleswollenden Geister möchten auch so gerne mal Sterne formen.
Ein Großer will's ihnen erlauben, wenn sie imstande sein sollten, eine neue Sternform zu erfinden, die's noch nicht gibt.
Aber sie können nichts Neues erfinden - das Neue ist so grauenhaft schwer auszudenken - läßt sich auch nicht so leicht entdecken. ---------
Da werden die Geister allmählich wütend und wollen auf einmal alles vernichten.
Jedoch selbst hier ist wieder ein Riegel vor die Türe der Freiheit geschoben: vernichten darf der, der nichts Neues machen kann, in keinem Fall.
»Verdammte Freiheit!« brüllen die Wütenden.
Und sie fliegen durch eine verzerrte Hohnwelt durch - in der alles Hohn ist - das absolute Karikaturenviertel!
Ein grausiges Gelächter durchbrüllt jenes Viertel fast unaufhörlich - nur wenn neue Sonnen kommen, wird's still.
Und alle merken hier, daß sie so roh geworden sind - so roh - wie Ungeheuer, die die unendliche Welt nur für ihre Speisekammer halten. --------
Es ergreift die zehntausend Heimweh.
Und sie wollen durch den nächsten Symbolraum durch - auf dem kürzesten Wege - nach Hause. ---
Der Symbolraum erscheint ihnen ganz leer - wie ein ausgeraubtes Haus, das zerfällt.
Eine zinnoberrote Eidechse von imposanter Gestalt springt aus einem meilenlangen Fenster, versperrt den Weg und sagt eifrig: »Vergeßt nicht, daß alle Sterne zusammengenommen und alles Denkbare zusammengenommen, so sehr wir's auch vergrößern mögen, der Unendlichkeit gegenüber immer wieder bloß einen mathematischen Punkt bilden - der alles hat - nur keine Ausdehnung.«
Die zinnoberrote Eidechse platzt und steigt als Feuerregen empor.
Und die Geister fühlen, daß sie noch nicht reif zur Freiheit sind.
Sie können das freie Leben nicht aushalten. ----
Und in rasender Hast geht's zurück - durch all die vielen Weltgegenden zurück - zu jener kleinen Ecke, in der jene Kugelsterne leben, mit denen die gehetzten zehntausend einstmals zusammenhingen.
Und kaum sehen sie in der Ferne die Kugelsterne, so wird's auch gleich wieder sehr hell vor ihren Geisteraugen - und sie erblicken wieder mal nach langer, langer Zeit die Spinngewebefäden, die alle straffgespannt in parallelen Linien von den Geistern zu den Kugelsternen hinführen.
Die Scheren der weißen Vögel sind offenbar nicht scharf genug gewesen.
Molchgesichter gucken oben aus grauen Wolken herunter und schmunzeln.
Und die zehntausend fühlen wieder die alte Sternschwere auf ihren Schultern.
Und die Heimkehrenden atmen auf, als wären sie erlöst.


VIKTORIA!

Und die Geister, die lange von ihren Sternen getrennt waren, sind wieder mit ihnen zusammen - und gehen auf ihnen herum - und freuen sich.
Aber ein ungeheurer Kanonendonner schallt ihnen jetzt entgegen.
Und die schwarzen Diener, die wie alle Molche gern überall herumklettern, kommen den Geistern entgegen und bitten sie, die Ehrenpforten zu durchschreiten, die extra zu ihrer Begrüßung erbaut sind.
Die Geister, die sich jetzt auf den verschiedenen Sternen also begrüßt sehen, werden verlegen.
Das Kanonengedonner wird immer stärker, daß die Ohren sausen.
Und die schwarzen Diener rufen mit ihren Molchmäulern: »Viktoria! Viktoria!«
Da fragen etliche Geister, was denn das Geschieße bedeuten soll.
Da antworten die Diener mit ihren Molchmäulern: »Wir glaubten, daß die Nerven der Herren Wurmgeister durch die lange Fahrt wohl so überreizt sein dürften, daß nur noch ein allgemeiner Kanonendonner eine wirkungsvolle Begrüßung abgehen könnte.«
Die Herren Wurmgeister hören zwischen dem Kanonendonner immerzu die Molchmäuler rufen: »Viktoria! Viktoria!«
Und dieser Empfang wird ihnen recht peinlich.
Doch sie nehmen auch diese etwas zweifelhafte Ovation ruhig hin und sind froh, daß sie endlich wieder zu Hause angelangt sind; vieles hat sich ja zu Hause verändert, doch die Hauptsache scheint intakt geblieben zu sein.
Bloß dieser Knipo ärgert sich über dieses Geschieße und über dieses Viktoriageschrei!
Er war auf seinem Stern der einzige Geist, der mal fort wollte - und zwar mehr der Mode denn der Neigung zur Freiheit wegen - und nun soll er sich diesen Empfang gefallen lassen! Er spricht zu den Schwarzen:
»Meine Herren! Mir ist niemals begreiflich gewesen, wozu dieser ganze Entwicklungsrummel, den ich mitzumachen die Ehre hatte, inszeniert wurde. Ich muß mir daher die Ehre, die Sie mir jetzt noch zum Schluß erweisen wollen, ganz ergebenst verbitten - denn ich habe nichts erobert und nichts profitiert, so daß Sie kein Recht haben, mich als heimkehrenden Helden zu feiern. Das ist ja veritabler Hohn von Ihnen!«
»Was?« schreien da die schwarzen Diener, »Sie wollen durch die lange Fahrt nichts profitiert haben? Sie sind ja ein ganz undenkbares Kamel, Herr Knipo! Erinnern Sie sich doch an die weißen Vögel, an die Leitern, auf denen wir Ihnen was vorkletterten, an die langbeinigen Geister, denen die Himmelsstücke auf den Kopf fielen - und an all die anderen großen Eindrücke, die auf Sie eingestürmt sind mit so großer Vehemenz. Dadurch soll Ihre werte Entwicklung nicht gefördert sein? Davon wollen Sie nichts profitiert haben? Aber Herr Knipo, sehen Sie jetzt nicht die Welt mit ganz andren Augen an? Sehen Sie sich doch mal um!«
Und Knipo, ein ehrlicher Mann, erinnert sich an alles und blickt sich um - und sieht seinen Stern ganz verändert - überall Architektur mit Türmen, Mauern und Balustraden.
Und Knipo empfindet, daß er auch ganz anders geworden ist - seine Gedanken sind andere, denn seine Erinnerungen sind andere.
Und Knipo stottert nach einiger Zeit: »Verzeihen Sie mir! Ich erkläre Ihnen, daß ich bittres Unrecht tat, als ich mein Schicksal tadelte! Die Entwicklungen, die ich durchmachen durfte, sind nicht ohne Einfluß auf mich geblieben. Es ist mir manches, was ich früher nur vom Hörensagen kannte, in Fleisch und Blut übergegangen; die letzten Worte verstehe ich natürlich nur bildlich.«
»Sehen Sie«, sagen da die Diener, »da können Sie also auf unserm Stern fürderhin ein wertvoller Entwicklungsfaktor werden. Jetzt können Sie mal treibende Kraft spielen. Sie werden unsern Spaß und unsern Ernst verstehen, wenn Sie über Ihre Erlebnisse ruhig nachdenken - und mit uns fördern wollen, was zum Besten unsres Sterns ist - dessen Diener wir doch alle sind. Einem Stern können nur die Leute etwas nützen, die sich Mühe gaben, sich zur Selbständigkeit zu entwickeln.«
Knipo steht ganz still und sieht die Schwarzen lange an - und die verbeugen sich - und einer von ihnen fragt höflich: »Wollen der Herr Knipo vielleicht göttlich verehrt werden? Wir sind allesamt gerne bereit, Ihnen göttliche Ehren zu erweisen - und die Leute, die hier auf diesem Sterne leben und uns nicht sehen können, würden auch sehr glücklich sein, wenn sie zu Ihnen so vertrauensvoll aufblicken dürften wie zu einem Gott. Die Bewohner unsres Sterns sehnen sich grade nach einem neuen Gott mehr denn je.«
Und Knipo erwidert einfach: »Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, muß es aber ablehnen, eine Rolle zu spielen, die ich heute und morgen noch nicht ausfüllen kann.«
Und er dreht sich so einfach um wie ein Mann, der die gefährlichsten Leidenschaften endgültig überwunden hat.
Und während das Kanonengedonner ruhig seinen Fortgang nimmt, steigt Knipo langsam auf den nächsten Turm und wirft sich dort oben etwas ermüdet in den ersten besten Thronsessel. ---------
Und jetzt denkt er in seinem Thronsessel darüber nach, wie er wohl die Entwicklung seines Sterns fördern könnte.
Die andern Geister, die die lange Fahrt mitmachten, denken ein Ähnliches.
Aber von den Billionen Geistern, die ausfuhren, um das Diadem der Gottheit zu erobern, sind erst sehr wenige zurückgekehrt.
Knipo denkt an die lange Fahrt und ordnet seine Erinnerungen.
Und die anderen Geister, die mit Knipo so lange zusammen waren, tun ein Ähnliches.

ENDE

 

 

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Letzte Aktualisierung  17.02.12
durch Markus Feuerstack
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