Editorial

fognin infotainment präsentiert:Index
Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Der Tod der Barmekiden

Arabischer Haremsroman


Der Orient ist gross.

Und die Geister des Orients sind auch gross. Wenn's Neumond ist, versammeln sie sich auf dem Demawand und benehmen sich da sehr laut —  sehr laut.

Die Dschinnen kreischen und quieken. Die Drachen fauchen und grunzen. Die Feeen zischen und quarren. Die Zwerge husten und prusten. Die bösen Gespenster braaschen und plärren. Die starken Narren prügeln sich. Und die grossen Götter schleudern mächtige Felsblöcke in die dunklen Thäler hinab, dass Alles kracht.

Auf dem Demawand heult's, brummt's, knistert's. Die harten Berge knarren, knacken, bersten.

Die Unsichtbaren jammern jubelnd, zerstampfen und zerscharren die Steine, sausen sich verschnaufend vorüber —  und stöhnen wie aus weiter Ferne.

Alte Graubärte halten lange lange Reden.

Und dazwischen donnert's, dass das ganze Gebirge platzt. Gleich danach klingen von unten herauf helle feine Glocken —  die guten Geister flüstern und singen dazu.

Und dann schreien plötzlich Alle durcheinander.

Wüster Lärm! Wüster Lärm!


Und mittendrinn in diesem grossen Wirrwarr sitzt der grosse Riese Raifu.

Raifu schweigt.

Wildzerzauste brandrothe Haare umflattern sein hässliches gelbes Gesicht.

Im schneeweissen Mantel, der tausend Farsangen lang ist und furchtbar breit, sitzt er da —  wie ein weisser Riesengletscher.

Sein wilder rother Bart weht seitwärts tief in ein dunkles Thal hinab.

Und zwölf schwarzgekleidete Zaubrer umwandeln das Riesenhaupt in Augenhöhe.

Die Zwölf sehen so winzig klein aus —  sie tragen schwere eiserne Zauberstäbe auf den breiten Schultern. Die Schwarzgekleideten schreiten durch die Luft in gleichmässigem Schritt; und wer am linken Ohre des Riesen vorbeikommt, der schreit da was hinein.

Und Jeder schreit dasselbe.

Jeder schreit:

»Herr, lass die Löwen hier!«

Doch des Riesen Stirn wird immer finstrer, mächtige Furchen graben sich hinein; und dabei verzerrt sich der untere Theil des Gesichtes, als wenn's lachen wollte.

Und grimmig grinsend spricht der grosse Riese:

»Nein! meine fünf Löwen sollen nun grade mitkommen. Meine fünf Löwen sind verbissene Kröten, aber sie können lachen; und mir thut es so wohl, wenn ich verbissene Kröten kräftig lachen höre. Es bleibt dabei: sie kommen mit!«

Nach diesen Worten erheben die fünf Löwen ein so fürchterliches Freudengebrüll, dass das ganze Himmelsgewölbe zittert —  dass sogar die alten Sterne zu schwanken beginnen.

Die fünf Löwen sind natürlich keine gewöhnlichen Löwen; das Gewöhnliche liebt der Riese Raifu ganz und gar nicht. Die Fünf sind hellblaue Löwen —  leuchtende Löwen!

Sie erleuchten den ganzen Demawand —  wie lebendige Laternen.

Ihr Licht leuchtet wie das Geisterlicht des Blitzes —  blitzblau!

Die Fünf sind auch Geister —  Söhne des Geisterblitzes! Jeder von den Söhnen ist so gross wie vierzig dicke Elephanten zusammen.

Die Blitzblauen stehen auf fünf spitzen Bergkegeln und brüllen —  und ihr Brüllen donnert —  und dieser Donner ist ein Lachen —  ein märchenhaftes Lachen der Tollheit. Und sie knallen dazu mit den Schwänzen.

Das andre Geistervolk des Demawands verstummt vor diesem grossen Gelächter und vor diesem grossen Geknall.

Die zwölf Zaubrer umwandeln nicht mehr des Riesen Haupt —  sie sitzen jetzt in seinen flatternden brandrothen Locken und halten sich an einzelnen Haaren mit aller Kraft fest —  denn einen Sturmwind haben die Kehlen der Löwen entfesselt; es rauscht in den Tannen, es knistert in Raifu's Haaren, rollende Steine poltern in die Thäler hinunter.

Die Löwen lachen und knallen, dass es weh thut! Ohrzerreissender Lärm!

Weltradau!

Selbst die wildesten Geister müssen verstummen vor dieser Löwenmusik.


Doch plötzlich lässt der Raifu seine Stimme hören, und die ist nun mächtiger als Alles.

»Schweigt, Bestien!« ruft der Riese.

Und die blitzblauen Löwen halten sofort das Maul. Der Sturmwind verhallt.

Raifu streichelt seinen Bart, dass der nicht mehr knistert. Es wird ganz still auf dem Demawand —  es wird mäuschenstill.

Auch der Himmel wird still —  die alten Sterne hören auf zu wackeln.

Die Leiber der Löwen leuchten geisterhaft durch die stille Nacht.

Und in diese stille Nacht murmelt Raifu leise seufzend:

»Ja wohl! Ich bin zu gross! Meine Grösse hat an Allem schuld. Ich darf mich garnicht wundern, dass ich nie ein Weib fand, das ich lieben konnte und das mich wiederlieben konnte. So grosse Weiber, wie ich sie brauche, giebt's ja garnicht. Der dümmste Zwerg findet seine Hexe, aber der arme Raifu findet keine Hexe —  nicht einmal ein Weib. Das ist der Fluch der Grösse. Aechte Riesen sehnten sich wohl nach der Liebe zu allen Zeiten vergeblich. Aber die verfluchten Europäer —  die sollen's büssen. Ich will ihnen ein Schauspiel aufführen, das ihnen die Liebe für ewig vergällen soll. Heda! Ist Alles fertig? Zaubrer, sagt mir: ist Alles fertig? Kann das Spiel beginnen? Sprecht zu mir!«

Und behende springen die Zaubrer aus den rothen Locken heraus und umwandeln wieder das Riesenhaupt wie vorhin —  in Augenhöhe —  in gleichmässigem Schritt.

Wieder umschreien sie das linke Riesenohr.

Und dann erhebt sich der grosse Raifu und steigt vom Berge herunter in Persien hinein.

Die Löwen springen in Riesensätzen voran, und das ganze Geistervolk des Demawands folgt im wilden Wirbel wie eine Windhose —  wie eine Geisterhose.

Und während die Zaubrer eifrig Raifu's Haupt umwandeln, geht's hinunter ins alte Syrerland.

Dort sitzen schon die Europäer und harren des grossen Geisterschauspiels, das Raifu ihnen versprochen hat.

Die Europäer, die wohl wissen, dass die Geister ganz vortrefflich spielen können, sitzen auf der Westseite des Syrerlandes —  erwartungsvoll.

Gegen Osten wird ihnen vorläufig noch die Aussicht versperrt durch einen grossen grauen Vorhang, hinter dem jetzt Raifu mit seinen Geistern verschwindet.

Die Europäer sitzen da —  mit klopfendem Herzen.

Die hellblauen Löwen gehen würdevoll vor dem grauen Vorhang auf und ab —  und leuchten.

Die Europäer knittern ängstlich mit den grossen Theaterzetteln.

Und dann erscheint Raifu's Kopf mit den Zaubrern im Haar oben über dem grauen Vorhang und ruft laut:

»Löwen, reisst den Vorhang entzwei!«

Die Hellblauen packen hurtig —  blitzschnell mit Tatz und Zahn in das graue Tuch und reissen's knurrend nach Norden und Süden auseinander, dass der Osten ganz frei daliegt.

*

Die erste Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart
DER GROSSE CHALIF

Fern im Osten wird es Tag.

Hinter Bagdad am Tigris geht die Sonne auf —  ganz langsam. Und die Paläste des grossen Chalifen Harun al Raschyd kommen —  auch ganz langsam —  in den Vordergrund.

Alles funkelt in der Morgensonne, wie indische Edelsteine funkeln.

Und es dreht sich das weite Parkgebiet Haruns mit seinen unzähligen Schlössern, Thürmen und Kiosken, mit seinen Blumen und Seeen, mit seinen Palmen und Bananen wie ein grosses Karussell, sodass die Europäer Unzähliges sehen können.

Aus den mächtigen Hallenpforten treten grellgekleidete Frauen heraus. Und überall wimmelt's von schwarzen Sklaven.

Plötzlich steht das Karussell still, und eine hohe Terrasse schiebt sich nach vorn —  von der aus kann man bequem hinausschauen auf den breiten Tigris.

Auf der Terrasse —  unter Myrthen —  sitzt der Chalif auf einem Diwan und trinkt Wein.

Rechts und links vom Chalifen liegen an die hundert Weiber herum —  schwarze, braune, gelbe und weisse —  in bunten seidenen Gewändern. Alle liegen auf weissen Fellen.

Die Sklaven stehen abseits in gemessener Entfernung, haben aber Nichts zu thun.

Die Myrthengebüsche glänzen in der Morgensonne.

Der Tigris glänzt noch mehr.

Und Harun glänzt ebenfalls —  weinselig lächelnd.

Ein grasgrüner Seidenmantel umhüllt lose seine mächtige Gestalt. Kirschrothe Drachen sind in die Seide gewebt.

Das breite dunkelbraune Gesicht mit den grossen mohrenschwarzen Augen und dem kurzen schwarzen Vollbart wird von einem grossen grünen Seidenturban überwölbt.

Harun atmet tief auf, dass seine breite Brust sich gewaltig aufbläst und sein breiter Hals noch breiter wird.

Neben dem stattlichen Fürsten —  zu seiner Rechten —  liegt seine geliebte Schwester Abbasah, ein rehbraunes Weib, das auch mit mohrenschwarzen Augen in diese Welt reinschaut.

»Abbasah!« ruft der Chalif, »dieser Morgen ist noch herrlicher als die Nacht! Gieb mir neuen Wein und spiel auf Deiner neuen Harfe! Ihr faulen Sklaven aber, Ihr bringt mir den Jahjah ibn Chalid her! Ich muss ihm was sagen.«

Vier junge Neger stürzen wie die Jagdhunde davon, die Abbasah reicht den Wein und klimpert auf ihrer neuen Harfe, die mit vielen Diamanten verziert ist.

Doch unversehens wird das rehbraune Weib wüthend und zerschlägt ihre Harfe.

Harun wendet sich um, streichelt Abbasahs Rückgrat und fragt besorgt:

»Was fehlt Dir, Kind?«

Das Kind zerkrallt sein saphirblaues Seidenkleid, zieht danach seine rothen Lederpantoffeln aus und schlägt mit diesen alten Weiberwaffen auf den grossen Chalifen so heftig ein, dass der sich kaum wehren kann.

Nach diesem groben Liebesspiel bemerkt die geliebte Schwester ganz sanft und bedächtig:

»Harun! Kannst Du da drüben überm Tigris die vielen weissen Möven sehn? Ja? Siehst du? Weisst Du, ich möchte so gern auch eine Möve sein und über blauen Wellen so ganz frei dahinschweben —  so ganz —  ganz —  frei! Und wenn ich eine Möve wäre —  weisst Du, was ich da thun würde? Na? Rathe doch! Ach, das kannst Du nicht rathen. Ich würde mich einfach noch mal verwandeln. Sieh, ich würde mich in eine grosse weisse Wolke verwandeln und als weisse Wolke alle die Männer umarmen, die mir gefallen. Als weisse Wolke würd' ich nicht mehr so ärgerliche Stimmungen haben, nicht mehr so gereizt sein.«

Die Abbasah schaut mit verklärten Augen zum dunkelblauen Himmel auf.

Harun streichelt ihr die kleinen Ohren und flüstert ernst:

»Kind, Du bist sehr geistreich!«

Er winkt den anderen Frauen, und die singen nun ein tieftrauriges Liebeslied, das sie auf Haruns Wunsch in der Nacht schon sechs Mal gesungen haben.

Wie's verhallt, erscheint der alte Jahjah ibn Chalid ibn Barmek und verneigt sich mit seinem weissen Bart ganz tief vor seinem mächtigen Gebieter.

Die Frauen und Sklaven entfernen sich.

Auch Abbasah geht fort.

Harun ist mit Jahjah allein; das ist er stets, wenn sich's um wichtige Staatsgeschäfte handelt.

»Höre mal!« hebt der erlauchte Herrscher an, »die letzte Nacht war prächtig, sie gefiel mir. Die Sterne und die Weiber haben mich entzückt. Der Wein schmeckte mir sehr gut. Und die Abbasah —  die war herrlicher denn je. Trotzdem fehlte mir was. Mir fehlte der Freund —  Djafar, Dein lustiger Sohn, fehlte mir. Ich sehe nicht ein, warum er verbannt sein soll, wenn die Abbasah in meiner Nähe ist. Ich wünsche, fortan mit meinem Freunde und mit meinem Weibe zu gleicher Zeit zu zechen.«

Der alte Jahjah verbeugt sich noch tiefer als vorhin und erwidert zögernd:

»O Herr! die Palastsitte verbietet's aber, dass ein Mann zugegen sei, wenn der grosse Chalif ein Weib in seiner Nähe duldet.«

»Ach was!« ruft da zornig der heftige Harun, »was schert mich die Palastsitte?  F r e i e  Sitten will ich! Ich will Djafar und Abbasah zusammensehn. Mein Freund soll auch der Freund meines Weibes sein. Mach's, wie Du's willst! Aber ich wünsche, dass meinem Wunsch entsprochen wird. Ich befehl's! Kein Wort weiter! Geh und sprich mit Deiner klugen Frau Gemahlin. Umgeht die Palastsitte! Weckt nicht meinen Zorn! Ich rath' es Euch!«

Jahjah fällt auf ein Knie, küsst ehrfurchtsvoll den Saum des Drachenkaftans, steht langsam wieder auf und geht langsam davon —  in tiefen Gedanken.

Harun nimmt ein Stück der zerbrochenen Harfe in die Hand und betrachtet aufmerksam einen grossen Diamanten, der noch ganz fest an dem Holze sitzt.

Weisse Wolken ziehen vorüber —  immer mehr weisse Wolken. Und die umhüllen den Harun und die ganze Terrasse, dass die Europäer bald Nichts mehr sehen können —  als weisse Wolken.

*

Durch das bläuliche Licht, das jetzt die Löwen wieder stärker ausströmen, werden die weissen Wolken allmählich ebenfalls bläulich.

Die Löwen sitzen gemüthlich mit untergeschlagenen Hintertatzen auf dem Wüstenboden.

Vor jedem der grossen Thiere steht eine grosse flache Schale, auf der dreissig Centner Gurkensalat aufgestapelt sind.

Dem hellgrünen Gurkensalat sprechen die hellblauen Löwen eifrig mit Heugabeln zu, um dadurch den Europäern die Angst zu benehmen.

Die Europäer sollen sehen, dass Raifu's Löwen trotz ihrer Grösse auch mit Pflanzenkost zufrieden sind; blutgieriger als Menschen sind sie keineswegs.

Der Gurkensalat schmeckt den Blitzblauen augenscheinlich ganz ausgezeichnet; man merkt es bald, dass Jeder von ihnen so gross wie vierzig Elephanten ist.

Die Fünf sitzen im Halbkreise zusammen.

Das Antlitz des Mittleren ist gegen die Europäer gerichtet. Die grosse Essigflasche geht von Tatz zu Tatz, und auch die grosse Ölflasche geht von Tatz zu Tatz.

Die Löwen speisen, ohne aufzusehn.

Die zweite Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart
DIE EITLE MUTTER

Ein feiner Knall —  und die Wolken sind weg.

Und die Europäer blicken in Djafars Palast.

Der allmächtige Djafar ibn Jahjah ibn Chalid ibn Barmek, der herrlichste Barmekidenspross, liegt lang ausgestreckt auf seinem feuerrothen Diwan und trinkt Thee.

Ganz junge schwarze Negermädchen —  drei Stück —  fächeln dem hohen Herrn kühle Luft ins Gesicht.

Und das Gesicht muss lachen —  glücklich lachen —  es schaut vergnügt umher —  in eine kostbare —  schrecklich theure —  Blumenwelt hinein.

Wunderliche Blumen bedecken den Fussboden —  Blumen, deren Kelch aus echten Perlen und echten Rubinen besteht. Aus schwarzem Ambraholz tauchen die glänzenden Glutblüten heraus. Feine schmale Zweige aus Perlmutter mit goldenen Blättchen schlingen sich um die Perlen und Rubine rum.

Und Früchte aus Perlen und Rubinen —  auch von Perlmutterzweigen umschlungen —  schimmern an den Wänden.

Das Liniengewebe ist ganz in persischem Geschmack gehalten —  leicht und massvoll gebogen —  nirgendwo jäh unvermittelt gekrümmt.

Die Decke ist dunkel. Da funkeln im schwarzen Ambraholz nur ein paar goldene Sterne, die spitze Sporenzacken zeigen. Hinter dem lachenden Djafar sieht man durch ein breites hohes Fenster auf den dunkelblauen Tigris hinab —  durch dünne Säulen hindurch, die von oben bis unten nur aus gelben Perlen bestehn.

Das ist ein Zimmer in Djafars Palast.

Von rechts und von links kommen jetzt indische Bajaderen herein —  mit kleinen goldenen Dolchen und kleinen goldenen Handschilden.

Die Bajaderen tanzen einen Kriegstanz, greifen sich wüthend mit ihren Dolchen an und schützen sich tapfer mit ihren Schilden. Dabei recken, drehen und winden sich die Mädchen so geschickt, mit so feiner Berechnung, dass immer wieder ganz neue malerische Kampfstellungen entstehn. Jedes Getümmel wird gleich wieder zum anmuthigen Bilde. Die Anmuth verspottet den Muth. Djafar lacht aus vollem Halse über diesen Weiberkrieg. Der Krieg ist der einzige, der ihm Spass macht. Die ernste Männerschlacht verhöhnt der kluge Barmekide. Seine Bajaderen, die das auch thun, kämpfen nach dem Takte dumpfer Pauken. Doch die Pauken verstummen plötzlich.

Es naht ein alter Sklave, der flüstert dem hohen Herrn sehr eifrig was ins Ohr.

Die Bajaderen verschwinden, die Pauken und der alte Sklave folgen —  auch die Negermädchen gehen fort.

Djafar ist allein. Er springt ärgerlich auf und steht nun erwartungsvoll in seinem gelbseidenen Kaftan da. Mit schwarzen Perlenschnüren ist der gelbe Kaftan besetzt. Auch auf Djafars gelbem Turban sitzen schwarze Perlen.

Und langsam naht der alte Vater Jahjah, hinter ihm der kluge Fahdl, Djafars Bruder.

An Fahdls linker Hand leuchtet des Chalifen grosser Siegelring, in dem die höchste Macht verborgen ist: Fahdl ist Haruns Vezier.

Flinke Diener tragen den rothen Diwan raus und legen auf den kostbaren Fussboden drei weisse runde Ziegenfelle, auf denen sich Jahjah mit seinen beiden Söhnen würdevoll niederlässt. Der Vater sitzt mit dem Rücken gegens Fenster in der Mitte.

Nach einer peinlichen Pause beginnt der alte Jahjah ibn Chalid ibn Barmek also:

»Djafar, mein lieber Sohn, wir kommen in einer wichtigen Angelegenheit.«

»Wann kämt Ihr,« versetzte Djafar müde, »nicht in einer wichtigen Angelegenheit? Diese Regierungssorgen! Es ist nicht zu sagen! Die Leute, die Andre beherrschen wollen, sind stets die Sklaven dieser Andern und bleiben's auch. Nichts ist so gefährlich wie das Herrschenwollen. Die Machthaber sind allerdings die Könige im Sklavenreich, weil sie die schwersten Ketten tragen. Warum lebt Ihr nicht wie ich —  sorglos, frech und toll? Thätet Ihr's, so gäb's für Euch keine wichtige Angelegenheit.«

Jahjah und Fahdl sehen sich vielsagend an, und der Erstere fährt fort:

»Djafar, mein lieber Sohn, Deine Mutter lässt Dich grüssen und Dich bitten, das zu thun, was wir Dir sagen werden.«

Djafar wird aufmerksam und will wissen, was wieder los ist.

Der Vater spricht nun:

»Du kennst Abbasah, des Chalifen Schwester, und weisst, wie heftig Er diese Frau liebt. Nun liebt Er aber auch Dich, mein lieber Sohn! Und Er will mit seinem Weibe und mit seinem Freunde zu gleicher Zeit zusammen sein. Du weisst, dass Er schon oft davon sprach. Jetzt können wir's Ihm nicht mehr ausreden. Deshalb giebt Dir Deine Mutter den Rath, Dich —  mit Abbasah —  —  zum Scheine —  zu —  —  vermählen. Diese Scheinehe musst Du eingehen, wenn wir die Macht in unsern Händen behalten wollen. Vergiss nicht, wer Dich bittet, auf unsern Plan einzugehn —  Deine Mutter bittet Dich!«

Fahdl sagt auch:

»Sieh, Deine Mutter bittet Dich!«

Und Djafar erwidert lachend:

»Das ist so der richtige Weiberplan! Die eitle Mutter! Gewiss! Ich geh' auf Alles ein! Sorglos, frech und toll wie immer. Die Geschichte wird ja herrlich werden. Aber mir ist es ganz gleich, was draus wird. Das merkt Euch!«

Alle stehn auf. Man drückt dem Djafar gerührt die Hand, umarmt ihn und dankt in vielen gerührten Worten. Der Vater setzt dabei dem glücklichen Sohne auseinander, wie glücklich er sich schätzen müsse —  und —  und —  und dass er sich jetzt auch erkenntlich zeigen müsse.

Schliesslich bemerkt der Alte noch ganz harmlos:

»Djafar, mein lieber Sohn, wir haben Dich schon öfters gebeten, dem Harun Deinen Palast zu schenken. Dieser Palast ist ohne Frage herrlicher als alle indischen und persischen Paläste zusammen. Das ist dem Chalifen zu Ohren gekommen. Sieh nur, Du freust Dich schon auf Deine neue Ehe; man sieht's Dir ja an. Darum zeige Dich erkenntlich gegen uns; Du verdankst doch nur uns Dein neues Glück! Darum lass ab von diesem Hause! Du kannst dir ja ein andres bauen.«

Djafar stampft mit den Füssen auf, dass ein paar blitzende Rubine in die Ecken fliegen, knirscht mit den Zähnen und ballt die Fäuste. Bald wird aber seine Haltung wieder so schlapp wie gewöhnlich. Er zuckt mit den Achseln und flüstert leise:

»Na ja! Ihr habt mich gefangen! Diese Scheinehe reizt mich! In allen Harems will ich siegen. Die Weiber will ich bekriegen. Nicht auf Euren Schlachtfeldern, auch nicht bei Euren Regierungsgeschäften werde ich den grossen Mann spielen. Niemals! Dazu bin ich nicht geschaffen. Allah sei Dank! Deshalb lass' ich mich ruhig von Euch übertölpeln. Ich bin Euch nicht böse. Also schön! Nehmt, was Ihr kriegen könnt! Nur los! Ich schenke dem Harun meinen Palast —  ich, der reichste Barmekide, der herrliche Djafar ibn Jahjah ibn Chalid ibn Barmek ich schenke gnädigst mit Anstand meinem Chalifen meinen herrlichen Palast. Ja, schenken macht auch Spass! Ich will ja schenken! Djafar war nie ein Knicker. Kein Fürst giebt je Euch mehr.«

Er hebt seinen linken Arm hoch auf und steht mächtig stolz da, wie Einer, der über seinen Edelmuth freudig erstaunt ist.

Und wieder Umarmungen! Und wieder heisser Dank! Man ist ernstlich gerührt. Männerthränen —  aufrichtige —  rollen über braune Barmekidenwangen.

Die Perlen schimmern, und die Rubine brennen.

Der Vater spricht noch mit erhobenem Zeigefinger: »Djafar, mein lieber Sohn, sei vorsichtig! Vergiss nie, dass Deine neue Ehe nur eine Scheinehe ist!«

»Ach was!« schreit da lachend der grossmüthige Barmekide, »gegen Traurigsein ist Lustigsein das beste Mittel. Dem Seligen wackelt so wie so der Kopf. Könnt Ihr Euch einen Tollkopf mit steifem hartem Halse vorstellen? Oh, das ganze Leben ist ja zu allen Zeiten lebensgefährlich.«

Unter lautem Gelächter in höchst vergnügter Laune gehen die Drei rechts ab.

Ein mächtiger Donnerschlag erdröhnt —  und blitzschnell verwandelt sich Djafars Palast in ein starres Steingebirge.

*

Die Löwen werfen die Heugabeln fort; der Gurkensalat ist endlich verspeist.

Die Europäer legen Operngucker und Schallfänger in den Schooss, schreien »Bravo!« und klatschen in die Hände, denn das Spiel hat Alle entzückt.

Indessen —  da fangen die Löwen furchtbar zu brüllen an.

»Ruhe!« ruft der Dickste, »Ihr seid hier nicht in Europa. Euer albernes Händeklatschen gehört hier nicht her.«

Und sofort wird's still —  mäuschenstill!

Die Löwen leuchten wieder, dass das starre Steingebirge besser zu sehen ist.

Der Dickste knallt lässig mit dem Schwanze und lässt seine Stimme abermals vernehmen —  wie folgt:

»Europäer! Ihr wisst augenscheinlich noch nicht, wer wir sind! Wir sind die Söhne des Blitzes, und ich heisse Pix. Zu meiner Linken stehen meine Brüder Frimm und Olli, zu meiner Rechten stehen meine Brüder Knaff und Plusa. Also wir heissen: Pix, Frimm, Olli, Knaff und Plusa! Merkt Euch das!«

Leises Geflüster geht durch die Reihen der Europäer. Die Löwen wandeln langsam auf und ab und leuchten.

*

Die dritte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart
DIE VERBOTENE LIEBE

Aus dem Boden der heissen, stummen Wüste wachsen Berge heraus —  Berge von dunkelgrünem Gestein. Die wachsen bis in den Himmel empor und verdecken die Sonne, sodass Schatten ist überall —  kühler Schatten!

Und in der Mitte bildet sich allmählich eine grosse Grotte, an den Seiten bilden sich kleinere Grotten.

Wie die vorn vorstehenden Felsen wieder versinken, sieht man in der Mitte Djafar, den Barmekiden, auf einem weissen Linnenlager: er liegt in seiner Badegrotte und träumt.

Kühles Wasser plätschert sachte von den Felsen herunter in eine grosse blaue Wanne hinein. Von Lapis lazuli ist die grosse Wanne, vor der Djafar, der Barmekide, träumt.

Oben erweitert sich die Grotte, und neben den dünnen, kleinen Wasserfällen schaukeln nun in goldenen Ringen unzählige indische Papageien —  die sind ganz bunt —  blau, roth und gelb.

In den kleineren Seitengrotten steigen viele Sklaven mit Badezeug gewundene Treppen rauf und runter; die Sklaven sprechen kein Wort.

Zu Djafars Füssen kauert ein weisses Mädchen mit rothen Wangen, schwarzen Augen und schwarzen Haaren.

Der Barmekide träumt von Abbasah und sagt das dem Mädchen, das ihn immerfort andächtig mit schwärmerischen Augen anstarrt.

»Hör, Kind!« ruft er, »ich bin verliebt! —  schrecklich verliebt! Ich liebe die schöne Abbasah! Weisst Du, wie das ist, wenn man verliebt ist? Erzähl mir mal, wie das ist!«

»Ich weiss, wie das ist!« erwidert einfach das Kind, »wenn Einer liebt, kommt ihm die ganze Welt ganz anders vor. Alles ist verwandelt. Die Bäume sind keine Bäume mehr. Die Blumen duften viel stärker und anders. Die harten Steine sind weich wie Wachs. Und das Wasser ist oft so hart wie Stein. Man hungert und will doch nicht essen. Man hört viele Stimmen im Garten —  die sprechen, was man nicht sagen kann. Und die Sterne des Himmels sind so nah —  fast zum Greifen. Und —  und —  «

Das Kind fängt an zu zittern und muss heftig weinen. Es küsst Djafars Füsse, die von den Thränen ganz nass werden.

Der Barmekide lächelt und nickt, er streichelt dem weinenden Mädchen die Haare aus dem Gesicht und denkt an Abbasah —  er seufzt.

»Hol den Bademeister!« flüstert er, »ich will noch einmal in meinem Palaste baden —  dann zieht Harun hier ein. Der Glückliche! Aber —  hoh! hoh! —  wir wollen sehen, wer glücklicher ist!«

Er räkelt sich auf den weissen Tüchern und klopft dabei mit dem Knöchel des rechten Zeigeringers an die blaue Wanne von Lapis lazuli —  es klingt.

Die Sklavin hat sich erhoben und geht langsam links ab, blickt sich öfters um —  doch das sieht ihr hoher Gebieter nicht —  der denkt nur an Abbasah —  pfeift dazu.

»Blumen will ich haben!« ruft er noch.

Und lange Zweige mit kleinen, weissen Blüten fallen vorn vor der Grotte langsam runter und bleiben schaukelnd hängen; es sind bald so viele weisse Blütenzweige, dass die Grotten sämmtlich verdeckt werden.

Eine weisse bebende Blütenwand macht den Djafar, die Papageien und Sklaven, das grüne Gestein und alles Andre —  unsichtbar.


Aber ein leises Knirschen ist gleich zu hören, und nach ein paar Augenblicken theilt sich die Wand; die weissen Blütenzweige werden nach rechts und links an die Seite geweht —  wie von einem Doppelwinde.

Und jetzt steht mitten in einem üppigen Garten eine Alabasterhalle —  in der die Abbasah baden will.

Die Sklavin Onabba putzt eifrig die kleinen und die grösseren Metallspiegel blank.

Abbasah liegt auch auf einem weissen Linnenlager und träumt auch —  sie träumt von Djafar, dem Barmekiden.

Tausend Wohlgerüche wehen berauschend aus der Alabasterhalle heraus. Die Nasen der Europäer schnuppern —  so was haben sie noch nie gerochen.

Abbasahs Bäder duften stets sehr stark.

Sie liebt nur sehr theures Räucherwerk und nur sehr kostbare Seifen. In ihrer grossen Alabasterwanne war nie ein Tropfen Wasser. Da schwimmt nur warme Ziegenmilch mit Honig und Waldkräutern, Schöpsenblut und Rosenöl herum. Und wenn's erst ans Baden geht, kommen noch viele viele andre Sachen hinein; und die duften alle betäubend, dass die Blumen draussen im Garten ihren Duft verlieren. Die vielen Spezereien stehen in unzähligen bunten Kruken und Flaschen an den Wänden herum; es sieht beinah wie im Krämerladen aus. Nur die herrlichen Wände, die ganz aus Alabaster sind, erinnern daran, dass man in den Gärten der Chalifenburg weilt.

Und Abbasah spricht zu ihrer Sklavin:

»Onabba, das war eine schreckliche Nacht. Ach, das Leben ist Nichts. Djafar hat mich geküsst. Mein wirklicher Gemahl war so gütig, mich von Djafar küssen zu lassen —  zu gütig! Ich bin einfach toll! Gieb mir den Spiegel!«

Die Onabba reicht ihr einen kleinen Handspiegel und lächelt verschmitzt.

»Wie lange,« fragt die Sklavin, »küsste Euch der Barmekide? Was dachtet Ihr bei seinem Kuss?«

»Garnichts!« brummt die Abbasah.

Doch nach einer Weile sagt sie leise:

»Onabba, Du darfst es Keinem sagen: nachher, wie ich mit Harun allein war, dacht' ich nur an Djafar —  ich glaub', ich liebe den Djafar.«

»Das glaub' ich,« versetzt die Sklavin nachdenklich, »vorläufig noch nicht. Wenn Ihr Euren neuen Gemahl, auf dessen Besitz Ihr doch eigentlich ein Recht habt, in Wahrheit lieben würdet, so wäret Ihr heute nicht so ruhig. Ihr könnt doch jedenfalls thun, was  E u ch  passt und braucht Euch nicht um den alten Harun zu kümmern. Nein, Ihr liebt den Djafar noch nicht —  noch lange nicht!«

»Was Du schlau bist!« ruft da lachend die hohe Herrin, »wie würd' ich mich denn benehmen, wenn ich den Djafar in Wahrheit lieben würde?«

»Oh, ganz anders!« sagt die Schlaue, »Ihr würdet die Fäuste zusammenknallen, mir den Spiegel an den Kopf werfen, hell auflachen und gleich wieder flennen wie 'n geprügeltes Kind. Ihr würdet Euer langweiliges weisses Gewand zerreissen —  und mir Eure Diamanten schenken —  mir um den Hals fallen —  und mit mir ringen —  dabei wieder weinen vor Wuth —  und dann wieder lachen! Ihr würdet mich mit meinen Kleidern in die Badewanne werfen! Ihr würdet mich dann wieder küssen —  und mir die Haare trocknen —  mich auch wieder schlagen —  und schliesslich mir die Kleider vom Leibe reissen —  und mich beissen —  und —  «

»Onabba, hör auf!« schreit keuchend die Abbasah, »Du machst mich verrückt! Hol mir die Bademädchen! Ich will baden und den Djafar verfluchen und lieben. Schnell! Die Bademädchen!«

Die hohe Herrin drückt krampfhaft ihren Metallspiegel an die Brust.

Die Onabba rennt hinten raus; man hört ihre Stimme Befehle ertheilen.

Im Garten wird's lebendig.

Abbasah will ihr weisses Kleid zerreissen —  es ist aber zu fest —  zu stark.

Die Bademädchen kommen.

Der Vorhang fällt.

*

Die Löwen essen ein bischen Rhinocerosmark.

Die Europäer sehen sich den Vorhang an.

Der Vorhang ist feuerroth. In seiner Mitte ist ein aufrecht stehender totblasser Mann gemalt, der in höchster Verzückung die Augen verdreht und tausend ganz lange dünne Arme gierig wie Spinnenbeine nach oben und nach den Seiten hin ausbreitet, als wollt' er was mit ihnen umarmen. Die Kleider sind undeutlich —  sowohl in der Farbe wie in der Form.

Die Löwen machen über den Vorhang einige kunstkritische Bemerkungen, die leider nicht von Bedeutung sind.

Die Europäer benutzen ihre Operngucker mit beneidenswerther Ausdauer.

Olli, der Scharfsinnige, bemerkt mit sachkundiger Miene, während er sich mit den Krallen etwas Rhinocerosmark aus dem Schnurrbart kratzt:

»Man fühlt doch gleich heraus, dass die ganze Geschichte in erster Linie fürs Volk aufgeführt wird, aufs Volk berechnet ist. Es ist nur traurig, dass die Geschichte für die Europäer trotzdem noch in so mancher Beziehung zu hoch ist.«

Er reicht seinen leeren Teller den flinken Wiener Kellnern. Die andren Löwen reichen ihre Teller auch herunter.

Fünfzig Mann tragen immer einen Teller fort.

Knaff bemerkt unwirsch:

»Nächstes Mal vergesst nicht die Wischtücher fürs Maul! Es sind doch genug da!«

Plusa sagt mit seiner klaren lauten Stimme:

»Dieser Harun! Dieser Mensch, der die Sitte durchbrechen will! Was der sich blos einbildet! Unglaublich! Jugendliche Schwärmerei! Unsittliche Begierde!«

Hienach ergreift der ungestüme Knaff abermals das Wort: »Und diese herrliche Harmonie der liebenden Seelen! Wie sie sich gegenseitig Alles nachmachen! Köstlich war's! Und Harun liebt die  B e i d e n !  Das soll wahrscheinlich auch ›freie Liebe‹ sein. Europäer, passt auf, dieses Stück wird Euch jede Art von ›freier Liebe‹ ein für alle Mal vergällen. Ihr sollt endlich mal Euren Weibern die Freiheitsgelüste auspumpen! Führt endlich mal den Harem in Europa ein!«

»Nun hör doch endlich mal auf!« brüllt da der vornehme Frimm los, »wir dürfen doch jetzt noch nicht sagen, worauf's ankommt!«

»Warum nicht?« brüllen die Andern.

»Raifu will doch nur Propaganda für den Harem machen!« brüllt der Knaff.

Und die Löwen werden ungemüthlich. Sie greifen den vornehmen Frimm thätlich an, schlagen mit den Tatzen nach seinem Gesicht und knallen fürchterlich mit den Schwänzen.

Doch da erscheint über dem Vorhang wieder Raifu's bärtiges Antlitz.

»Ruhe!« spricht er scharf, »macht nicht solchen Lärm! reisst den Vorhang entzwei!«

Die Löwen springen knurrend in die Mitte des Vorhangs hinein, packen ihn mit Tatz und Zahn und reissen ihn mit solcher Wuth auseinander, dass sie rücklings hinstürzen und von den beiden Hälften des Vorhangs ein Stück im Sande auf dem Rücken geschleift werden, was einen etwas hilflosen Eindruck macht.

Die Europäer beissen sich in die Lippen.

*

Die fünfte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart
THRÄNEN DER VERZÜCKUNG

»Die Welt ist so gross —  und so herrlich der Tag!«

Und die Sonne ist am sonnigsten, wenn sie untergeht.

Hinter Haruns Sonnenschloss geht die Sonne unter.

Ein stilles dunkles Wasser füllt die Mitte und den Vordergrund. Und zu beiden Seiten des Wassers geht's in Terrassen mit vielen Hecken, Mauern, Grotten und Treppen bergan. Oben rechts und links sind hängende Gärten mit vielen bunten Blumen und vielen grünen Lauben.

Das Wasser wird mehr nach hinten von einem Brückenbogen überspannt. Und auf diesem Brückenbogen erhebt sich —  Haruns leichtes luftiges Sonnenschloss.

Unter dem Brückenbogen in der tiefen Schlucht geht die Sonne unter.

Über dem Brückenbogen im Schloss zwischen ein paar schlanken Holzsäulen und zwischen Djafar und Abbasah steht Harun, der allmächtige Chalif.

Harun hebt die Arme empor, dass seine Hände fast das schwach gewölbte Holzdach des sogenannten Schlosses erreichen.

Das Schloss nimmt den Europäern nicht viel Aussicht fort, sie können überall —  zwischen den Säulen des Schlosses durch —  den Abendhimmel sehn, der allmählich in gelben und rothen Tönen brennt.

Und der Chalif ist schrecklich selig. Er redet sehr viel, sagt aber immer dasselbe. Djafar wirft ihm das mürrisch vor.

Abbasah hält den grossen Schwärmer für betrunken, mit welcher Meinung sie durchaus nicht zurückhält.

Doch der Schwärmer lässt sich nicht so leicht stören. Er findet plötzlich im Wasser hinten in der Schlucht ganz unbeschreibliche Farben und will sie seinem Weibe und seinem Freunde beschreiben. Aber die Beiden verstehen natürlich nicht, was er meint.

Er sieht Alles anders und viel mehr. Er muss sich darüber immer wieder und wieder laut wundern —  was den Genossen seiner Freude bald langweilig wird.

Der Harun bemerkt ihre schlechte Stimmung nicht. Er denkt jetzt an die ganze letzte Zeit, in der er Weib und Freund immer zugleich um sich hatte. Und was Harun empfindet und denkt —  das müssen die Europäer mitempfinden und mitdenken, ohne dass im Schloss ein Wort gesprochen wird —  die Schallfänger sind so masslos fein.

Die Drei haben den Europäern den Rücken zugekehrt und starren unverwandt in die gelben und rothen Töne des Sonnenuntergangs.

Die letzte Zeit klingt so beglückend nach. Ein zarter Rausch bebt und schwingt über dem Brückenbogen, der mit den Linien des Schlosses dunkel erscheint vor der flammenden Wolkenglut.

Harun fühlt sich so glücklich, dass er einen Freund hat, dem er sich rückhaltlos hingeben darf. Noch trübt keine Spur von Misstrauen sein seliges Bewusstsein, einen Freund zu haben, der Alles mitgeniesst.

Der Chalif fühlt: er ist nicht allein —  er weint vor Rührung.

Die Europäer werden auch ganz gerührt, denn sie sehen und fühlen alles Das mit, was der Chalif sieht und fühlt, als ständen auch sie über dem Brückenbogen —  die ausgezeichneten Operngucker tragen dazu ebenfalls das Ihrige bei.

Nun tönen aus der Tiefe der Schlucht leise gesungene Volkslieder nach vorn, und Thränen der Verzückung rollen über die braunen Wangen des glücklichsten Herrschers der Welt.

Er dreht sich um. Sein Glück wird immer grösser. Er kann die Steigerung kaum ertragen.

Er wirft seinen Turban ab und hebt die Arme zum schwach gewölbten Holzdach empor wie ein Priester.

Er erinnert sich an seine Kindheit, an schwarze Pferde und wilde Tigerjagden, an seine Mutter und an die erste Damascenerklinge, die er einst heimlich in der Waffenkammer ergriff und in der Sonne blitzen liess —  das war damals auch im Farbenzauber einer Abendsonne.

Die Gesänge werden lauter, sie kommen näher. Harun umarmt den Djafar, seinen besten Freund, und die Abbasah schüttelt den Kopf dazu.

Die Sängerinnen nähern sich auf vielen kleinen Kähnen.

Aus den hängenden Gärten ertönen Lieder, die wie Echos auf die Gesänge, die aus der Tiefe der Schlucht immer näher kommen, antworten.

Ins Masslose steigern sich Haruns leidenschaftliche Gefühle.

Die kleinen Kähne mit den Sängerinnen sind bald unter der Brücke; einige Kähne, die an der Stirn einen hölzernen Thierkopf tragen, fahren ganz in den Vordergrund und legen sich rechts und links quer vors Ufer.

Kinderstimmen dringen auf den Terrassen, in den Grotten und hinter den Hecken durch.

Und Haruns Lieblingslied hallt brausend aus tausend Kehlen in den gelb und roth gefleckten Abendhimmel hinein.

Ein einfach närrischer Rausch erfasst den Chalifen.

Er ruft seine Sklaven heran und befiehlt, seinen Staatsschatz zu holen.

Die Sklaven holen den Schatz, der in vielen eisernen Kisten steckt, eiligst herbei.

Zu seinen Füssen lässt der Gewaltige seinen Staatsschatz zählen.

Die Goldstücke klingen durch den Gesang hindurch wie Cymbeln.

Sechs Millionen Dirham sind im Staatsschatz —  sechs Millionen Dirham! Eine schöne Masse Gold!

Und diese sechs Millionen lässt Harun von der Brücke haufenweise runterwerfen auf die Köpfe der Sängerinnen rauf.

Natürlich fallen die meisten Goldstücke ins Wasser, das glücklicherweise nicht tief ist.

Und die Weiber springen daher schreiend aus den Kähnen raus, rein ins nasse schlammige Element, balgen sich ums Gold, kreischen und ringen mit einander, bespritzen sich von oben bis unten —  und füllen sich die Taschen.

Die schönen Kleider der Mädchen werden nass und voll Schlamm.

Harun muss fürchterlich lachen.

Auch die Abbasah muss lachen, Djafar desgleichen.

Und eine Seligkeit erfüllt jetzt das ganze Abendbild, dass es nicht zu sagen ist.

Der ganze Himmel wird dabei gelb und roth ›gestreift‹ wie ein Tigerfell.

Die schlammigen Fluten spritzen und schäumen, die Kähne kippen um, und die Weiber ersaufen beinah.

Aus den hängenden Gärten und von allen Seiten rennen Alle so schnell wie möglich runter und stürzen sich kopfüber ins Goldmeer.

Leider verstehen die Ruderer das Sammeln und Suchen am besten.

Gequiek und Geplärr und fast wieherndes Gelächter!

Thränen der unsinnigsten Wuth und Thränen der unsinnigsten Verzückung!

Es wirbelt Alles durcheinander, als würden zehntausend sinnlose Begierden gestillt.

Eine wüste Katzbalgerei ohne Ende!

Die Europäer möchten so gern dabei sein, auch ins Wasser springen und Gold suchen. Doch die hellblauen Löwen passen auf. Da ist Nichts zu machen. Harun hat dieselben Gefühle wie die Europäer, möcht' übers Geländer rüber sich runterstürzen —  ihn hält nur sein königliches Standesbewusstsein zurück —  das genügt aber.

Indess anitzo spritzen plötzlich vorn grosse Springbrunnen empor —  nach allen Seiten durcheinander —   a u ch  durcheinander!

Und das Plätschern der Springbrunnen rauscht baldigst so laut, dass man die wilden Horden unter dem Brückenbogen nicht mehr hört —  zugleich nicht mehr sieht, da die aufspringenden und gleich drauf wieder niederstürzenden Wassersäulen eine breite weisse Schaumwand —  einen herrlichen Vorhang —  bilden.

*

Selbst die Löwen staunen.

Sie sind aber ganz baff, als plötzlich von rechts und von links grünes und blaues Licht in die strudelnde Schaumwand sich ergiesst und ein Farbenspiel entzündet, das stumm macht.

Die zwölf Zaubrer steigen hernieder und wandeln hoch über den Köpfen der Löwen langsam durch die Luft und sehen sich ebenfalls erstaunt das gleissende Feuerwasserspiel an.

Die Löwen vergessen, das Wort zu ergreifen —  sind einfach futsch.

Die Europäer sind so geblendet, dass sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht.


Langsam nur —  ganz allmählich —  verfallen die blauen und grünen Glanzstrudel.

Die Zaubrer steigen wieder nach oben.

Eine schwarze Finsternis breitet sich dort, wo eben noch so viel lichter Farbenrausch flammte, wie ein schwarzes Tuch aus, mit dem man Leichen umhüllt.

Alles wird stockdunkel.

*

Die sechste Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart
DIE FEUERANBETER

Nach einer Weile steigen in der schwarzen Finsternis ruhig drei rothe, breite Feuersäulen aus dem Boden heraus. Sie werden zusehends grösser und steigen senkrecht in die Höh. Der Schaft brennt ganz ruhig, nur die dünnen Spitzen wackeln —  wie gegen den Strom schwimmende Aale. Lautlos lodern die steifen majestätischen Flammen in den Nachthimmel.

Die beiden seitlich brennenden Feuersäulen erscheinen breiter und grösser, da sie mehr im Vordergrunde stehen. Das mittlere Feuer brennt hinten, und vor ihm liegt ein grosser runder Opferstein; neben und hinter diesem werden menschliche Gestalten sichtbar.

Persische Priester sind's. Sie reden viel. Doch was sie reden, hat Nichts zu thun mit den heiligen Flammen. Diese Priester denken an Opfer und Gottesdienst ganz und gar nicht. Über die Zustände in der Chalifenburg reden sie. Auch ein alter Zindyk, ein Gottesleugner, ist unter ihnen —  dem erklären sie flüsternd und mit wichtigen Mienen, wer eigentlich in der Chalifenburg regiert.

»In Bagdad,« sagt der eine Priester unter Anderm, »geht's am Hofe nicht viel besser zu als an den übrigen Höfen des Orients. Es ist überall derselbe mühselige Kampf. Und es ist natürlich kein offener ehrlicher Kampf. Alle wollen mitregieren. Jeder Beamte der Chalifenburg will mitregieren. Das will sogar jeder Eunuch —  selbst der gemeinste Stallknecht will das. Aber eins ist sicher: nur Wenige haben höhere Ziele im Auge —  die Meisten sind mit ein paar Tausend Dirham vollauf zufrieden. Stopf ihnen das Maul mit Gold, und sie sind für Alles zu haben. Die Barmekiden aber, die es nie vergessen, dass sie Perser sind wie wir, haben augenblicklich die grösste Macht in ihren Händen —  das glaub nur!«

Ein lautes Gemurmel unterbricht das Gespräch. Dreissig Barmekiden erscheinen neben der hinteren Feuersäule. Sie werden mit Eifer begrüsst. Es sind jüngere und ältere Leute, die zumeist mit den Vezieren verschwägert sind. Fahdl schreitet seinen Verwandten voran. An seiner Hand blitzt des Chalifen grosser Siegelring, der immer noch die grösste Macht in sich birgt.

Man plaudert zunächst sehr lebhaft über die sechs Millionen, die Harun den Sängerinnen an die Köpfe warf. Man schimpft sehr heftig darüber, hält es für unverantwortlich, in den Staatskassen so viel loses Geld aufzubewahren, und wirft der Regierung in verblümter Form grobe Fahrlässigkeit vor.

Fahdl vertheidigt die Verwalter der Staatskassen und bemerkt am Schluss seiner Rede:

»So einfach ist die Regierungskunst nicht zu erlernen. Ihr versteht uns noch nicht. Die lumpigen sechs Millionen Dirham sind nicht der Rede werth. Harun fing wieder die dümmsten Geschichten an: er ärgerte sich, dass seine Befehle nicht so ausgeführt wurden, wie die der Barmekiden. Daher kam uns der Goldregen durchaus nicht ungelegen; er befestigte wieder das Selbstbewusstsein des Chalifen. Die sechs Millionen waren auch sonst noch ganz schön. Ihr wisst doch, dass Haruns Schwester Holagga die Sängerinnen unter sich hat, leitet und schützt. Und Ihr wisst auch, dass die Regierungspartei der Holagga sehr viel zu sagen haben möchte und aussergewöhnlich habgierig ist. Diesem Sängervolk ist nun für längere Zeit das freche Maul gestopft. Ist das nicht ein grosses Glück? Ausserdem ist Harun wieder mal auf andre Gedanken gekommen, was wahrscheinlich  a u ch  nicht schaden kann. Er hat doch immer noch die lächerliche Neigung, bei allen Regierungsgeschäften dreinreden zu wollen. Seine so wenig vornehmen Angewohnheiten müssen durch andre ungefährliche ersetzt werden. Ein Chalif muss die Regierungsgeschäfte einfach vergessen. Das kann schon ein paar Millionen kosten —  viel mehr noch als sechs —  es geht doch nicht anders. Man soll ausserdem den Menschen, die man lenken will, möglichst viele Freiheiten gewähren, damit sie die Lenkstange nicht so bemerken. Jeder Fürst muss sich immer einbilden, dass Alles nach seiner Pfeife tanzt. Er muss sich stets für ganz unabhängig halten. Nur ein Narr, der fest daran glaubt, dass er machen darf, was er will, kann in eine gehorsame Gliederpuppe verwandelt werden.«

Es wird still im Kreise.

Die Priester reichen alten Wein herum.

Fahdl ertheilt viele Aufträge, verbreitet Gerüchte und thut geheimnisvoll, hetzt und verleumdet, schöpft Verdacht gegen die Unschuldigsten, schreibt Haftbefehle und viele andre Befehle aus, horcht immer mit allen Ohren und schwatzt dabei kaltblütig drauf los. Doch er weiss, dass er schwatzt. Er will nur, dass die Andern auch schwatzen, was sie natürlich thun —  und nicht zu knapp. Er lügt und sagt, dass er lügt. Er giebt der Wahrheit öfters einen unglaubwürdigen Anstrich. Er wirft immer mit Absicht Wahres und Falsches durcheinander und sagt, dass er das thut. Er verwirrt und erheitert —  fesselt aber Alle, sodass sie seine Worte nicht vergessen. Er ist sehr lebhaft und sehr aufgeräumt. Der Zindyk ist entzückt von dem Vezier. Man trinkt gemüthlich den alten Wein, sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem alten Opferstein und ist in so fröhlicher Laune, als wenn man ohne jede Absicht zusammengekommen wäre —  während doch Jeder mit Beharrlichkeit nur seine besonderen Wünsche durchzusetzen sucht.

Die Gesellschaft ist sehr klug —  aber sie betont ihre Klugheit nicht.

Mit dem Zindyk unterhält sich der Vezier ganz besonders und in höflichster Form. Fast vertraulich sagt er:

»Ja, wenn wir unsern Bruder Djafar nicht hätten —  wo wären wir dann? Ein harmloser Bruder ist mehr werth als ein harmloser Freund. Harun hat seinen Narren an dem Djafar gefressen. Von der Heirat hast Du gehört, nicht wahr? Na, Allah sei gelobt! Entschuldige die Redensart! Das Schrecklichste ist nur die unersättliche Habsucht der verschiedenen Parteien —  und dann ihre Verschwendungssucht! Djafar leistet darin auch was Gehöriges. Die Partei der Zobaïda muss jetzt viel schärfer im Auge behalten und überall verdächtigt werden. Zobaïda ist die einzige Frau, die dem Harun zwei Kinder geboren hat, die ohne Weiteres ein Erbrecht besitzen. Ihre beiden Söhne Emin und Mamun sind schöne Pflänzchen —  die haben schon ihren eigenen Anhang, der auch bald wieder unterstützungsbedürftig ist. Diese beiden Prinzen fehlten uns auch grade noch. Dabei soll ein Mensch seine Laune behalten. Vergiss nicht, die Zobaïda zu verdächtigen!«

Der Zindyk will was erwidern, er meint bedächtig:

»Am Hofe sind also Alle einander zu Danke verpflichtet —  und in Folge dessen nur die Undankbaren frei!«

»Hoho!« ruft da der Vezier, »Dankbarkeit ist die alte Münze, mit der immer noch bezahlt werden muss. Fällt es Einem ein, mit dieser Münze nicht herauszurücken, so nimmt man ihm einfach die gelieferten Wohlthaten wieder weg und jagt ihn zum Teufel. Doch entschuldige —  es erscheint der Papa!«

Der alte Jahjah ibn Chalid ibn Barmek naht in der That, und Alles eilt ihm ehrfurchtsvoll entgegen.

Jahjah ist in sehr schlechter verdrossener Gemüthsverfassung.

»Ihr seid ja ausserordentlich vergnügt!« hebt er mürrisch an, »und dabei hat sich der Alide Jahjah ibn Abdallah gegen Harun empört und bedroht ihn mit Waffengewalt. Es kommt wahrscheinlich zum Kriege.«

Alle drängen sich mit grossen Augen in des Alten Nähe, und der fährt barsch fort:

»Wir wollen aber nicht blos  h o f f e n , dass es zum Kriege kommt. Wir wollen thun, was wir können,  d a s s  es so weit kommt. Es ist ein Glück, dass dieser Alide da ist —  den müsst Ihr jetzt ordentlich reizen. Ich hab' Euch aufgeschrieben, was Ihr zu thun habt.«

Er giebt Jedem ohne Ausnahme eine kleine Papyrus— Rolle und spricht auf Jeden mit Nachdruck ein.

Jahjah wendet sich, nachdem er die Rollen vertheilt hat, väterlich an seinen Sohn Fahdl, sodass es Alle sehen und hören, mit diesen Worten:

»Fahdl, seien wir glücklich, dass dieser Jahjah ibn Abdallah lebt. Wenn er nicht da wäre, müssten wir einen andern Helden zum Rebellen machen —  was nicht leicht ist, wie Du weisst. Harun muss von Zeit zu Zeit Rebellen bekriegen, sonst ist ihm nicht wohl. Er wird auch durch Djafar und Abbasah viel zu heftig aufgeregt. Kein Mensch kann alle Tage Feste feiern. Jeder Mensch muss sein Steckenpferd haben, auf dem er ausruhen kann. So braucht Harun die Rebellen, Djafar muss die Weiber haben, Fahdl muss Ränke spinnen —  und ich muss meine herrlichen Söhne haben —  muss mich als alter Papa fühlen —  ja! ja! so hat Jeder sein Steckenpferd.«

Fahdl nickt mit dem Kopf und blinkt mit den Augen.

Die Priester und Barmekiden studiren eifrig ihre Papyrus— Rollen; der Zindyk hat auch eine.

Die drei Feuersäulen verkleinern sich währenddem —  und verlöschen plötzlich.


Wieder stockdunkle Nacht —  in der Nichts zu sehen ist.

Doch wie die kühle Nachtluft auf die Europäer zudringt, entstehen kleine Sonnen in der Finsternis —  die brennen alle.

Die Flammen der brennenden Sonnen schlagen sämmtlich nach links, als wenn der Wind von rechts weht.

Die Flammen lodern wie rothe flackernde Haare.

Riesensterne sind die Sonnen, die da flackernd im Nachthimmel brennen.

Die Europäer fragen sich, ob Freudenfeuer oder Kriegsfackeln den Brand entzündet haben. Zuletzt meinen sie, es seien die heiligen Riesenflammen ferner Feueranbeter.

Die Europäer sprechen aber ihre Gedanken nicht laut aus; es ist so unheimlich still in dem feurigen Himmel, dass das Wort auf der Lippe stirbt.

Der Sonnenbrand bringt keinen Ton hervor, knistert nicht mal.

Es ist so grabesstill im ganzen All wie nachts in der kalten Moschee.

Eine Welt voll Feuer —  und doch —  eine schweigende Welt.

*

Die Stimme der Löwen tönt, als sie wieder mit ihren Reden loslegen, ungemein laut.

Pix, der gemüthliche Dicke, sagt, indem er die Europäer aufmerksam mustert:

»Das nennt man ein Kapitel aus der höheren Politik! Ihr scheint dafür sehr viel Verständnis zu haben. Man merkt, dass Ihr Eure papiernen Zeitungen mit Aufmerksamkeit zu lesen pflegt. Eigentlich könntet Ihr in Europa was Besseres lesen —  aber Ihr werdet ja niemals klug werden. Ihr benehmt Euch immerhin so anständig, dass Ihr ruhig mit einander sprechen dürft. Ihr könnt uns auch gelegentlich Etwas fragen, wenn Ihr Etwas nicht verstehen solltet.«

Pix stochert sich nach dieser Rede mit der Lanze eines alten Syrers in den Zähnen herum. Pixens Brüder reinigen sich mit Schinkenmessern die Krallen.

Die Europäer flüstern sich gegenseitig was zu. Es wagt aber Keiner, sich jetzt schon mit einer Frage an die Löwen zu wenden; die Löwen warten darauf vergeblich.

Die brennenden Sonnen verlöschen allmählich —  einzeln —  langsam —  nie zwei auf ein Mal.

Die Löwen putzen sich die Krallen.

Die Europäer flüstern.

Es wird wieder ganz dunkel.

*

Die siebente Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart

DER TREUBRUCH

Oben wird's heller. Unten werden Blätterschatten sichtbar; dunkle Palmen recken sich in einen Himmel, der immer heller wird. In der Mitte wächst ein altes Gemäuer aus dem Boden heraus —  mit einem viereckigen Thurm.

Und Alles wird immer deutlicher; Mondlicht dringt überall durch —  das wird immer stärker.

Bald steht der viereckige Thurm im grellsten Mondlicht da —  doch der Mond selbst ist nicht zu sehn.

Das Mondlicht macht die Blätter der Palmen flimmernd und hell glänzend.

Oben auf dem Thurm reckt sich langsam ein Weib in die Höhe —  es ist die Abbasah. Neben ihr kommt der Djafar zum Vorschein. Des Chalifen Schwester wird von dem Barmekiden auf die Stirn geküsst und sanft gestreichelt.

Sie blicken dann lange Arm in Arm in die Mondespracht und lassen sich dann los und athmen tief auf, als wären schwer lastende Ketten ihnen abgenommen; lautlos recken sie die Arme und die Hände hoch auf, als fühlten sie sich zum ersten Male —  fessellos.

»Jetzt bin ich frei!« schreit die Abbasah.

»Du bist sehr drollig!« sagt leise der Barmekide. Und er küsst ihr lächelnd beide Hände. Doch die schöne Frau wird sehr ärgerlich.

»Wie?« zischt sie, »drollig bin ich? drollig bin ich, weil ich jetzt frei bin? Djafar, bin ich Dir nicht mehr als alle andern Weiber? war Dir meine Liebe blos ein Spass? Hab' ich Dir nicht mehr gegeben, als Dir die Weiber Deines Harems bieten? Willst Du mich beschimpfen? Djafar, mach mich nicht rasend! Ich bin nicht Deine Sklavin, ich bin auch nicht Dein Kebsweib! Ich bin ein freies Weib! Und ich habe mich ohne Zwang als freies Weib Dir hingegeben, weil ich in Dir den freien Mann erkannte, der meine ›freie Liebe‹ verstehen kann. Hast Du nicht gewusst, warum ich Dich liebte? Lüge nicht! Du weisst, was uns vereint. Weil uns Beide das Leben mit so masslosem Ekel erfüllt —  deswegen lieben wir uns. Du verachtest dieses Leben wie ich —  deswegen gehören wir zusammen. Warum sprichst Du nicht? Djafar, wir wollen endlich ›freie‹ Menschen sein. Ja, ich bin Dein Weib, aber ich bin Dein ›freies‹ Weib! Ich verachte dieses Leben so leidenschaftlich wie Du! Djafar, das vereint uns!«

Sie fällt vor ihm nieder und umklammert seinen Leib.

Und der Barmekide spricht väterlich— ernst —  von oben herab:

»Liebes Kind, mit dieser Wildheit verachtest Du das Leben? Leidenschaftlich verachtest Du das Leben? Du irrst Dich! In so heftiger Form verachtet man dieses Leben nicht. Nein —  für Dich hat das Leben noch immer einen grossen Werth. Die Verachtung des Lebens vereint uns nicht. Es ist was Andres.«

»Djafar,« spricht sie leise, »Du siehst immer so sicher aus, so heiter und ruhig —  und doch blitzt Etwas in Deinem Auge, das mich wie wilde freche Verzweiflung anstiert. Die wilde freche Verzweiflung, die Dich nie aus ihren Klauen lässt und Dich zu Allem fähig macht —  die hat's mir angethan. Ich habe dasselbe Blut wie Du, mich hat es auch toll gemacht. Unsre Natur hetzt uns, wir müssen Beide immer rücksichtslos drauf losgehn —  ohne Furcht —  wie gereizte Stiere —  —  und das vereint uns.«

»Gut!« ruft Djafar, »sehr gut! ausserordentlich gut! wir sind wie zwei alte Schurken, die ganz genau wissen, dass sie dem Galgen doch nicht entfliehen können und daher nie daran denken, sich zu bessern. Wir sind wie zwei Mücken, die ganz genau wissen, dass sie doch in der nächsten Laterne verbrennen, wenn sie auch noch so weit wegfliegen. Die Galgenlustigkeit vereint uns, die Du nicht so ohne Weiteres freche wilde Verzweiflung nennen solltest. Du nimmst unsre Tollheit ein bischen zu ernst. Wozu redst Du ausserdem noch so viel von der Freiheit? Warum willst Du immer ›frei‹ sein? Es ist so drollig, wenn man das noch will. Wir werden niemals frei sein.«

»Es quält mich was,« entgegnet die Abbasah, »ich weiss nicht, was es ist. Harun ist's nicht allein. Er hat mir ja so viele Freiheit gelassen. Ja! Ja! Aber was für Freiheit war das! Es liegt immer auf meiner Brust wie ein Druck. Ich glaubte manchmal, es sei nur die ganze Luft dieses Hofes daran schuld. Ich möcht' oft so gerne raus —  raus! Verstehst Du mich nicht? Ich will immer Etwas. Aber ich kann garnicht sagen, was das eigentlich ist...  f r e i  will ich sein! Djafar, ich liebe Dich! Und meine Liebe zu Dir hat mich frei gemacht. Glaub's mir! Du bist mein Erlöser!«

»Na, denn ist ja Alles gut!« sagt darauf der herrliche Barmekidenspross, »also jetzt bist Du doch wenigstens frei! Na, wenn Du nur frei bist! Wunderhübsch, dass Dir das so leicht fällt. Vergiss nur nie, dass Du frei bist... Ja, wodurch wollen wir uns  n i ch t  frei machen? Wir wollen immer in den Himmel hineinspazieren, können's aber nicht. Schliesslich glauben wir, dass ein verrücktes Leben uns dazu befähigt. Es ist aber Alles Unsinn —  Thorheit! Wir sind nicht frei —  Du auch nicht.«

»Doch!« schreit sie heftig, »jetzt fühle ich mich frei, und daher bin ich's. Meine Liebe macht mich frei!«

»Der alte Irrthum!« erwidert er, »leider hält er nicht vor. Wenn wir mal tot sind —  dann könnten wir vielleicht frei sein. Nur der Tod —  der lustige Tod —  kann uns ›frei‹ machen.«

»In Deinen Armen!« kreischt das Weib.

Djafar fasst es an den Schultern und reisst es empor, thut bös, dass es so lange vor ihm auf den Knieen lag, behauptet, dass sich solche Lage für ›freie‹ Weiber nicht schicke.

Doch plötzlich bemerkt er, dass Abbasah die Kleider ihrer Sklavin Onabba anhat, dass die Onabba demnach um die Zusammenkunft auf dem alten Thurme weiss.

»Schöne Geschichte!« murmelt er dumpf, »mein Liebchen, mir wackelt schon der Kopf. Nun, wir wollen uns vor dem Tode nicht fürchten. Wir verachten ja Beide dieses Leben so masslos, uns erfüllt ja dieses Leben mit so masslosem Ekel. Ja! Ja! Hast Recht! Vor seinem Sarge soll der Mensch lieben. Jawohl, die Liebe macht frei —  wenn Einem zum Dank dafür der Kopf abgeschlagen wird. Abbasah, komm wieder an mein Herz! Die Mondnacht ist kühl. Wir wollen in den Saal hinuntergehn. Dort drüben seh' ich Fackeln.«

»Feigling!« flüstert die schöne Frau, »Dein Eunuchenhabit ist vorsichtiger gewählt als mein Sklavenkleid. Hast Recht! Die freien Menschen sollen sich vor den Sklaven in Acht nehmen —  ich war unvorsichtig. Komm, wir wollen unsern Sarg suchen —  hier im Thurm muss einer sein. Djafar,  i m  Sarge lieben —  hei! das ist noch besser als  v o r  dem Sarge —  das macht frei! Nicht? Komm in den Keller hinunter! Ich weiss genau: dort steht noch ein leerer Sarg —  der ist breit! Djafar, dadrinn feiern wir das Fest unsrer ›freien‹ Liebe —  komm schnell!«

Beide verschwinden im Thurm.

Ueber den Palmen erscheint plötzlich ein helles Bild —  Mekka mit dem Grabe des Propheten und unzähligen Pilgern! Das Bild zittert in der Luft.

Mit donnerndem Gekrach stürzt die Mondlandschaft mit den Palmen und dem viereckigen Thurm in die Tiefe.

Und Mekka rückt mit einem Ruck in den Vordergrund.

Die Europäer sehen den Markt und die grosse Moschee ganz gross und deutlich. Die Pilger ziehen in langen Scharen in geschäftiger Eile vorüber.

Grelles Sonnenlicht durchleuchtet das bewegte Bild.

*

Die Löwen brechen in schallendes Gelächter aus.

Die Löwen wälzen sich im Wüstensande und stehen plötzlich auf den Vorderpfoten, recken die Hinterpfoten so hoch in die Luft, dass sie mit den Krallen beinah die zum Himmel anfragende Schwanzspitze berühren.

Ein Anblick für Götter!

Das schallende Gelächter donnert durch die syrische Wüste wie eine europäische Kanonenschlacht —  den Europäern wird ungemüthlich zu Muthe.

Glücklicher Weise ergreift nach Beruhigung der unmässigen Heiterkeit der gemüthliche Pix zuerst das Wort, was auch zur Beruhigung der Europäer beiträgt.

»Also nun sind wir endlich,« bemerkt er mit Gebrülle, »mittendrinn in der Geschichte! Europäer, ich sage Euch: die Geschichte kann gut werden! Starker Toback! Starker Toback! Die Freiheit des Weibes ist eine sehr feine Freiheit. Kinder, jetzt wollen wir mal ein bischen mitreden! Knaff, wie denkst Du über die freie Frau? Rede, mein lieber Bruder!«

»Pix!« ruft Knaff, »ich bin einfach empört. Diese Sucht nach Freiheit ist Nichts weiter als Hetärenbrunst. Diese Abbasah ist ein ganz freches Frauenzimmer. Entschuldige die groben Worte —  aber ich kann mir nicht helfen! Der Harun ist allerdings auch 'ne gute Nummer. Hier im Orient werden die Weiber im Allgemeinen so vortrefflich behandelt: man sperrt sie einfach ein. Und da will dieser Harun die Weiber wieder mal in voller Freiheit sehen, statt froh zu sein, dass sie durch die guten und edlen orientalischen Haremssitten unschädlich gemacht wurden. Harun ist ein unsittlicher Wüstling, er sollte doch wissen, dass jede Art von Frauenfreiheit ins schmutzige Gebiet der Sittenlosigkeit hineinführt. Dass bei den weiblichen Freiheitskämpfen heroische Reden gehalten werden, darf uns nicht in Erstaunen setzen —  das Klugreden ist ja bei allen jenen Versuchen, die die alte Zucht und Ordnung umkrempeln wollen, von jeher an der Tagesordnung gewesen. Wundern muss ich mich nur, woher manchmal die Weiber ihre Weisheit hernehmen. Die Abbasah redet zuweilen trotz vieler Quasselei genau so verständig wie ein Buch. Woher hat sie all die Weisheit?«

»Aber Knaff!« schreit da der scharfsinnige Olli, »wie kannst Du nur so einfältig fragen! Du bist ja so kurzsichtig wie 'n blinder Elephant! Die Frauen haben ihre Weisheit stets von den Männern her, denen sie in Liebe angehörten. Die Abbasah macht keine Ausnahme. Die Geburt der Frauenbildung geht stets in derselben Weise vor sich. Die Freiheitsgeschichte hat die Abbasah vom Harun —  das Uebrige vom Djafar. Nun sucht sie beide Einflüsse mit einander zu verquicken. Das ist doch so einfach und klar. Knaff, ich muss mich sehr wundern, dass Du so unreife Fragen laut werden lässt. Ich glaube, Du siehst noch garnicht, wie schrecklich es ist, dass die beiden Männer so viel von der Abbasah halten —  das ist eigentlich das Traurigste an der ganzen Geschichte. Ja, die Beiden leiden an der Ueberschätzung des Weibes beinah so heftig wie die armen Europäer.«

Bei diesen Worten räuspert sich der Frimm sehr vernehmlich und sagt danach brummig:

»Für das Traurigste an der ganzen Geschichte halte ich die Thatsache, dass die Freiheit, die nur auf Treubruch abzielt, beim besten Willen nicht für vornehm —  nicht einmal für anständig gehalten werden kann. Nur der Treubruch macht frei: das ist die Quintessenz der Weiberweisheit. Ich befasse mich nicht gern mit so unsauberen Geschichten.«

Frimm knallt lässig mit dem Schwanz und geht langsam südwärts, Pix meint freundlich:

»Wir wollen dem armen Frimm den vornehmen Abgang nicht weiter übelnehmen. Uns macht es ja ebenfalls keinen Spass, hier die lustigen Schulmeister zu spielen. Meine lieben Europäer, Ihr seid sonst ganz gute Menschen, aber beklagenswerth ist in jedem Falle Eure Unwissenheit in allen den Dingen, durch die der Orient für alle Zeiten seine unerschütterliche Weltstellung begründete. Der Orient hat namentlich in der Frauenfrage schon vor vielen Jahrtausenden das entscheidende Wort gesprochen. Er hat die Frauen in drei Klassen eingeteilt: in Mütter, Kebsweiber und Hetären; die beiden ersteren werden in den Harem, die letztere ins Bordell gethan —  und Alles ist gut und schön. Wir werden im weiteren Verlaufe des Schauspiels noch öfters Gelegenheit haben, die Vortrefflichkeit der orientalischen Behandlung aller Frauenfragen auf allen Seiten hübsch und kräftig zu beleuchten.«

»Nicht zu hastig!« donnert anitzo der Löwe Plusa, »die Einsperrungsarie scheint mir im Orient doch nicht so ganz glatt von Statten zu gehen; so einfach ist das Alles nicht. Mein erlauchter Bruder scheint die verschiedenen Stadien der Frauenbändigung in allzu rosigen Farben malen zu wollen. Jedenfalls ist das orientalische Einkapselungssystem sehr praktisch. Es liegt ja Garnichts daran, dass die Frau bei der Zuchtwahl mitredet —  aber so ganz gleichgiltig kann ihr die Angelegenheit doch nicht sein.«

»Du wirst wieder,« brüllt jetzt Pix, während er vor Erregung ganz dunkelblau wird, »mächtig unverschämt. Du scheinst Dich über Deine Brüder lustig zu machen. Wir verbitten uns das ernstlich. Hört weiter, Europäer! Dadurch, dass der Orientale die Frauen dem öffentlichen Leben entzieht, reinigt er dieses, und es werden jene langweiligen Liebesromane, die bei Euch in Europa eine so unangenehme Rolle im Kunstleben spielen, vollständig beseitigt. Diese Liebesromane sind ja nur ein Produkt der Monogamie. Der Orient hat den ganzen Liebesrummel so vereinfacht, dass langweilige Romane nach europäischem Muster hier niemals Wurzel fassen könnten!«

»Auch das,« entgegnet Plusa mit seiner klaren Stimme, »möchte ich höflichst bezweifeln. Wir müssen in unseren Schulmeisterreden ein wenig vorsichtiger sein.«

Kaum aber hat der freche Plusa das gesagt, so drehen ihm die vier anderen Löwen den Rücken und schlagen so heftig kratzend mit den Hintertatzen aus, dass der gelbe Wüstensand in wirbelnden Wolken dem frechen Plusa in die Nase, in den Rachen, in die Ohren und in die Augen fliegt.

Diese That der Vier findet der Betroffene gemein und niederträchtig.

»Rohe Lümmels!« brüllt er in heller Wuth —  kommt aber nicht weiter.

*

Die achte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart

DER HARMLOSE

Das Bild von Mekka hebt sich ein wenig und geht nach links ab, als wenn's geschoben würde; die Moschee verschwindet, der Markt verschwindet und die Pilger desgleichen.

Und die Wüste kommt vor —  mit Kameelen und Hyänen.

Aber die Wüste steht nicht still, sie geht auch nach links —  und zwar immer schneller —  immer hastiger.

Oasen mit Palmen, Felsen und Quellen flitzen nur so vorüber. Die ganze arabische Wüste rast so schnell an den Europäern vorbei, als wenn die in einem europäischen Blitzzuge sässen und nicht im Syrerland.

Und durch die arabische Wüste jagen bunte Reiterscharen im gestreckten Galopp von links nach rechts —  das sind die wilden Krieger des allmächtigen Harun!

Immer mehr Reiter erscheinen auf der Bildfläche —  ganze Heere! Und dazwischen rennt viel Fussvolk ohne Stiefel mit blitzenden Klingen und blitzenden blutdürstigen Augen.

Alle Krieger Haruns sind bis an die Zähne bewaffnet. Die Lanzenspitzen der Beduinen leuchten im Sonnenlicht, die Hauptleute fluchen —  und Alles ist voll Kampfgier.

Die Landschaft geht immer nach links, und die Krieger gehen nach rechts, sodass diese länger zu sehen sind. Lange Karawanen folgen den Heeresmassen; die Kameele laufen auch, dass die Leiber kaum mitkommen können.

Und dann erscheint Harun mit den Feldherrn.

Fesselten schon die unzähligen Farben der Heeresmassen, die wie ein Blütensturm vorüberwirbelten, mächtig das Auge der Europäer —  so war das doch noch Garnichts —  denn Harun mit seinem Gefolge entzündet einen blendenden Farbenrausch —  der ist viel viel bunter als die ganze Welt und funkelt dazu, da die reichen Araber unter Harun mit Diamanten und Edelsteinen nicht sparsam umgehn.

Der grosse Chalif, der breiter und stärker ist als sein ganzes Gefolge, sitzt auf einem sehr kräftigen schwarzen Hengst, dessen hochgewölbte Brust ein hellbrauner mit blauen Saphiren besetzter Ledergurt umspannt. Steigbügel, Sattel und Zaumzeug sind ebenfalls hellbraun und mit Saphiren besetzt —  Alles ist breit, gross und fest wie Harun selbst. Seine mächtige Gestalt ist mit golddurchwirkten Gewändern umhüllt, die auch überall mit grossen dunkelblauen Saphiren beschwert sind. Oben am grünen Turban strahlt ein eigrosser Saphir. Aber die schwarzen Augen im vollen braunen Antlitz des Fürsten brennen stärker als alle Edelsteine; er streichelt mit der Linken seinen schwarzen Bart und hebt mit der Rechten seinen krummen Säbel empor.

Mit einem Schenkeldruck zügelt der Chalif sein Ross und ruft seine Feldherren heran.

Und die Landschaft steht still.

Die glänzenden Feldherren kommen —  der ganz knallroth gekleidete Henker kommt in erster Reihe —  und Alle —  hoch zu Ross —  bilden ein buntes funkelndes Bild.

Harun in der Mitte ist ganz voll Seligkeit —  Rebellen bekriegen, macht ihm Spass.

Nach einer kurzen Rede des Chalifen sprengt die stattliche Reiterschar mit gezücktem Säbel weiter —  nach rechts ab.

Der Wüstenboden steigt langsam höher und höher und verschwindet in der Höhe —  unter ihm sehen die Europäer einen schattigen Garten der Chalifenburg im fernen Bagdad mit dem blauen Tigris und einem kleinen Kiosk.

Im Kiosk sitzt die Abbasah und wartet auf ihren Djafar, doch der lässt nicht lange auf sich warten —  er erscheint schon, er trägt Sklaventracht, kurzen gelben Leinenrock, der nur bis zum Knie reicht und auch die Arme frei lässt; die braunen Beine und Arme sehen etwas staubig aus. Die Abbasah nickt ihrem Geliebten freundlich zu, und der reisst im Kiosk sein gelbes Kopftuch ab, sinkt zu ihren Füssen nieder und bleibt da liegen. Die Abbasah blickt in den blauen Tigris und streichelt dabei Djafars schwarze Haare.

Doch das Bild versinkt sofort wieder in die Tiefe, aus der's herauskam, und der Wüstenboden kommt wieder herunter und verdeckt Alles.

Und abermals Pferdegetrappel und dazu wildes Kriegsgeschrei: von links stürzen in unabsehbar langer Front die Krieger des Rebellen Jahjah ibn Abdallah herein, und von rechts bricht Harun mit seinen Scharen auch in unabsehbar langer Front herein. In der Mitte prallen die Schlachtlinien auf einander. Furchtbar ist das Getöse der Schlacht! Es kämpfen an die hundert Tausend Mann.

Riesige Staubwolken wirbeln empor und verhüllen das Bild. Dumpf dröhnt das Gestampfe der Rosse, durch das die Säbel und Schilde hell hindurchklingen. Der Boden zittert.

Wie die Staubwolken fallen, sehen die Europäer, dass neben verreckenden Pferden unzählige Tote und Verwundete den Kampfplatz bedecken. Schauerlich hallt das Wuthgebrüll der sterbenden Krieger zum Himmel.

Im Hintergrunde tobt die Schlacht weiter.

Die Landschaft aber setzt sich wieder in Bewegung und geht mit der ganzen Schlacht links ab.

Wieder flitzen die Oasen und Felsen, die Palmen, Quellen und Karawanen an den Augen der Europäer vorbei....

Dann geht's mit einem Male langsamer, und ein grosses Feldlager mit unzähligen Zelten bleibt auf der Naturbühne stehn. Überall brennen Holzhaufen und Fackeln.

Harun sitzt mit nacktem Oberkörper vor dem grössten der Zelte und lässt sich den linken Oberarm verbinden, mit der Rechten schwingt er seinen von Blut ganz rothen Säbel und zertheilt mit ihm ein gebratenes Lamm und fängt dann an, mit Eifer zu essen, ohne sich um die beiden Ärzte zu seiner Linken zu kümmern. Die ungeheuer breite schwarz behaarte Brust hebt und senkt sich sehr schnell, denn er hat sich nach dem Kampfe noch garnicht ausgeruht. Der knusprige Lammbraten schmeckt ihm vorzüglich; die Europäer hören deutlich, wie die Knochen des Lamms im Munde des Chalifen knacken und brechen.

Ringsum bewegtes Lagerleben —  die Köche und Aerzte haben sehr viel zu thun —  die Schlacht war heiss.

Ueber den Zelten zeigt sich eine grosse weisse Lichtscheibe, die hin—  und herwackelt. Und plötzlich versinkt das ganze Lager, dass nur noch die Spitzen der Zeltdächer zu sehen sind. Die Lichtscheibe steht still.

Die untere Hälfte der Scheibe verwandelt sich in einen dunklen See, der nur am Ufer von Mondlicht erhellt wird. Und am Ufer im Schilf kommt ein Kahn hervor —  in dem sitzen Djafar und Abbasah —  sie halten sich fest umschlungen und flüstern sich Liebesworte ins Ohr. Die Europäer müssen ihre Operngucker mehr rausschrauben und die Schallfänger breiter machen.

Die Abbasah ruft schwärmerisch:

»Horch, Djafar, dort drüben flötet eine Nachtigall —  wie die jauchzt! Jetzt möcht' ich meine Lautenspieler hier haben. Die hätten doch hier im Schilf spielen können. Warum hast Du nicht daran gedacht? Du denkst auch an Garnichts!«

Das runde Bild fällt nach diesen Worten wie ein runterfallender Mond in die Tiefe, und gleichzeitig verschwinden die Spitzen der Zeltdächer —  dafür wird unten ein wildes Stimmengewirr hörbar, Rossegewieher und Schwerterklang.

Und ein Schlachtbild erhebt sich aus dem Boden —  das ist noch wilder als das andre. Es wird vom Mondlicht bestrahlt und nicht von Staubwolken verdeckt.

In wilder Hast jagen Beduinenscharen mit leuchtenden Lanzenspitzen vorüber, Fahnen flattern, die Hauptleute fluchen unheimlich.

Die Reiter hauen und stechen auf einander los, Pferde stürzen, dumpfe Pauken dröhnen —  und in der Mitte sieht man wieder den riesigen Harun auf seinem schwarzen Streitross —  er holt mit einer riesigen Streitaxt zum Schlage aus —  Alles brüllt —  Der Vorhang fällt.

*

Die Löwen lächeln, denn zu ihren Füssen steht ihr Lieblingsgericht: Klapperschlangen in Unkentunke. Die schmecken besonders in der Nacht sehr schön.

Die Europäer staunen den neuen Vorhang an, der von oben bis unten mit herrlichen schnörkelreichen Goldstickereien bedeckt ist. Ein kraftvolles, knotiges, vielgekrümmtes Rankenwerk mit dicken Fruchtknollen und hakigen Menschennasen!

In der Mitte des Vorhangs sitzt ein grosses, scheusslich dickes Negerweib, das die Europäer mit traurigen Augen anglotzt. Die Haut des dicken nackten Weibes ist tiefschwarz wie Ebenholz. Aber schön ist dieses schwarze Weib nicht zu nennen, denn die Formen desselben sind so üppig, dass man eine Auflösung —  ein Auseinanderfliessen —  befürchten muss.

Die Löwen speisen mit vielem Vergnügen, aber sie vergessen dabei das Reden keineswegs.

Plusa hebt mit seiner Rechten ein dickes Stück Schlangenhals empor und spricht ernst also:

»Brüder, wir sind ächte Geister und sind niemals traurig wie Menschen; eine Thräne, wie sie Menschen weinen, rann noch nie über unsre Wangen —  und das wird auch in Ewigkeit nicht vorkommen. Wir sind immer gleich wieder lustig, auch wenn uns mal was weh that. Ihr habt mir weh gethan —  doch ich bin schon wieder lustig. Sagt mir drum, ich bin ja so dumm, warum sollen die Weiber keine Freiheit haben —  wie die Männer? Das hab' ich immer noch nicht begriffen.«

Frimm schluckt hastig einen Löffel Unkentunke runter und erwidert grimmig:

»Aller Spektakel geht doch gewöhnlich nur von den Frauen aus —  diese bringen allen Zank und Unfrieden in die Welt. Man muss daher dieses Geschlecht einsperren —  und Alles wird gutgehn. Die Fortpflanzungsakte sind eben immer gefahrbringend und lebensgefährlich —  deshalb darf den Weibern nicht so viel Freiheit wie den Männern eingeräumt werden. Jede freie Liebe erzeugt höchst schmutzige Verhältnisse —  man sehe sich nur Europa an! Die Europäer sollten endlich mal gegen das gesammte Hetärenwesen mit Allem, was drum und dran hängt, energisch Front machen. Das geböte doch schon der Anstand. Der Mann darf doch nicht zum intimen Freunde einer Hetäre werden —  der spielt doch nirgendwo eine Heldenrolle. Grade die sexualen Verhältnisse müssen in erster Linie geregelt werden. Unklare und ungeregelte Verhältnisse passen sich doch nicht für anständige Leute. Die Freiheit der Frau führt Hetärenrecht ein und ist doch unsittlich.«

Leidenschaftlich zermalmt der gute Knaff ein Dutzend Schlangenknochen und schreit dann heftig:

»Führt Hetärenrecht ein! Bravo! Hetärenrecht, das natürlich nicht mit dem Rechte der anderen Frauen identisch ist! Das fehlte auch grade noch! Mensch und Mensch ist eben nicht dasselbe, denn schon Pferd und Pferd ist bekanntlich nicht dasselbe. Die Weiber sind schon im Allgemeinen Menschen zweiter Klasse —  die Hetären sind aber nur dritter, vierter oder fünfter Klasse, haben daher lange nicht so viel Rechte wie andre Menschen.«

»Nu wart doch nur!« sagt darauf Olli beschwichtigend, »Du darfst die Sache nicht gleich so bösartig anfassen. Du redst ja so gehässig wie ein Weib ›erster‹ Klasse!«

»Aber Olli!« rufen die andern Löwen im Chor; und Pix bemerkt in sehr ernstem Tone: »Es ist sehr wichtig, den Europäern gegenüber öfters zu betonen, dass wir das Weib als Rasseerhalterin durchaus nicht unterschätzen. Es war daher sehr überflüssig von unserm Freunde Knaff, die Frauen als Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen. Die schulmeisterliche Rangordnungssucht könnte uns in den Augen der Europäer schaden. Die Erde ist noch mehr als ein Schulhaus.«

Die Löwen haben ihre Schlangen verspeist und nur deren Köpfe übrig gelassen —  diese spiessen sie jetzt ihrer Gewohnheit gemäss auf ihre Schwanzspitze; mit ein paar blauen Haaren aus der Mähne werden die Schlangenköpfe festgebunden.

Bei dieser umständlichen Beschäftigung setzt Olli seine scharfsinnigen Betrachtungen über die Konsequenzen des Hetärismus auseinander:

»Würden die Männer das sexuale Leben der Frau in laxer Weise kontrolliren und so dem Hetärenthum Vorschub leisten, so wäre der ungeregelten und damit unbedachten Zuchtwahl Thür und Thor geöffnet, was der Verbesserung der Rasse niemals förderlich sein könnte —  und auf die ›Verbesserung‹ der Rasse kommt's doch an. Die Europäer wissen gewiss, dass die geregelte und wohlbedachte Zuchtwahl auch bei den Hunden und Pferden bessere Resultate zeitigt als die simple natürliche Zuchtwahl. Warum also bei den Menschen anders verfahren? Lässt man der Frau, die doch die ›Verbesserung‹ der Rasse nicht oft im Auge hat, in sexualen Fragen zu viel den Willen —  oder gar jeden Willen —  so bedeutet das einen Rückfall in die alte vorsintfluthliche Zeit, in der die Mutter das Oberhaupt der Familie war und kein Kind wusste, zu wem es Vater sagen sollte. Solchen Atavismus wird kein vernünftiger Mensch wollen. Wohin steuert also die freie Liebe? In den Hetärismus. Und wohin steuert der Hetärismus? In einen vorsintfluthlichen Zustand hinein, der jederzeit für einen sehr niedrigen gehalten wurde. Das sind die Konsequenzen des Hetärismus! Ich habe Euch das in Eurer Sprache gesagt! Ihr habt mich hoffentlich verstanden, nicht wahr?«

Die Europäer murmeln schüchtern: »Ja!«

Plusa fängt schrecklich zu lachen an und redet also:

»Da brat' mir Einer 'nen Storch! Die Freiheit der Frau ist ein Uebel! Gut! Die Freiheit des Mannes ist aber der Kinder wegen nothwendig, da die Hetären das Sexualsystem der Männer doch von Zeit zu Zeit aufzureizen haben. Ist demnach nicht die Existenz der freien Weiber ebenfalls eine Nothwendigkeit? Haben somit die Hetären nicht mindestens eine eben so grosse Bedeutung und Existenzberechtigung wie die angeketteten Mütter? Diese könnten ja ohne jene garnicht da sein! Was sagt Ihr dazu, Ihr Schlauköppe?«

Die vier anderen Löwen wedeln mit den Schwänzen und blicken nachdenklich in den Wüstensand —  dabei nähern sie ihre Schwänze mit den Schlangenköpfen dem Gesichte des Plusa und —  schwapp! da hat der Ewigfreche die vier Schlangenköpfe in den Augen und in den Nasenlöchern —  und schwapp! da hat er sie noch mal, dass er niesen und Thränen vergiessen muss.

Und über diesen Zwischenfall müssen die Europäer schrecklich lachen, während Plusa vor Schmerz aufbrüllt.

Indess —  das Lachen der Europäer empört die Löwen so furchtbar, dass sie donnernd auffahren und den Europäern die Schlangenköpfe an die Köpfe schleudern —  und da ist denn das Wehgeschrei bei dem sonst so stillen Publikum.

Raifu hört es, sein Kopf erscheint wieder über dem Vorhang, und seine Stimme dröhnt mächtig durch die Wüste —  er sagt drohend:

»Was sollen denn diese Kindereien? Wisst Ihr nicht, was Ihr zu thun habt? Na? Los!«

Und mit ein paar Sätzen sind die Löwen wieder in der Mitte des Vorhangs und reissen ihn knurrend entzwei.

*

Die neunte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart

DIE GEMAHLIN!

Es duftet nach Lilienöl und Rosenwasser; Haruns Harem hat sich vor den Europäern aufgethan.

Die Mädchen schlafen auf weichen Teppichen und träumen stillen Unsinn zusammen; die braunen Mädchen schlafen in seidenen Kleidern von dunkelblauer Farbe, die weissen Armenierinnen stecken in dunkelrother Seide, und das schwarze Mohrenvolk prunkt in dunkelgrüner Seide.

Die viereckigen Säulen aus dunklem Aloë—  und Sandelholz sind mit hellblauen Türkisen verziert; die Schnüre gehen in Zickzacklinien und wirken wie unbeholfene Blitze.

Hoch oben an der Decke leuchten überall viele viele viereckige Papierampeln; die sind zartgelb, und auf den lang runtergehenden Rechtecken kleben kleine bunte Bilder —  Götter und Kinder!

In der Mitte des grossen Saales geht ein Gang tief nach hinten, zu dessen beiden Seiten sich zwei riesengrosse Badebecken befinden, die ein bischen rauchen und nach Palmenblütenwasser duften.

Durch den Mittelgang nahen jetzt an die fünfzig weissgekleidete Eunuchen sehr behäbig und würdevoll —  die wecken die Mädchen auf.

Die Eunuchen blasen wie gewöhnlich auf grossen Ochsenhörnern, die nicht grade schön klingende Töne hervorbringen —  am wenigsten gefallen den holden Schläferinnen diese Hörnerklänge.

Und der Harem erwacht in schlechter Laune.

Und die schlechte Laune erzeugt sofort Zank und Streit, sodass es sehr bald wie gewöhnlich zu Thätlichkeiten kommt. Es entsteht die schönste Keilerei.

Die zarten Frauen nehmen ihre grossen Stahlspiegel, mit denen sie immer schlafen gehen, und hauen auf die Eunuchen so derb und heftig ein, dass die in helle Wuth gerathen und manches arme Kind boxend zu Boden stossen.

Das giebt natürlich ein herzzerreissendes Gekreisch: Haare werden ausgerissen, Backen zerkratzt, Hörner verballert, Kleider zerfetzt und Teppiche mit Blutstropfen bespritzt.

Der Kampf sieht lebensgefährlich aus; eine Rebellenschlacht Haruns kann kaum mit grösserem Zorne geschlagen werden.

Zum Glück erscheint sehr bald die Herrin des Harems —  die grosse Zobaïda —  Haruns berühmte Gemahlin!

Und Alles ist im Nu still.

Die Zobaïda nähert sich auch durch den Mittelgang, aber sie geht nicht so schnell wie die Eunuchen —  lange nicht so schnell: zwei Sklaven müssen sie rechts und links stützen, denn die hohe Frau ist mächtig schwer; das hat sie nicht blos ihrer beträchtlichen Leibesfülle zu verdanken, sondern viel mehr noch ihren vielen Juwelen, von denen sie sich nie trennen mag.

An jedem Fussgelenk der Gemahlin glänzt ein dicker goldener Fussring, an jedem Zeh sitzen mehrere Ringe mit funkelnden Steinen. Die Handgelenke werden von dicken Armbändern umklammert, an jedem Oberarm prangen nicht weniger als vier starke Goldspangen. Und um Hals und Brust lagern unzählige Ketten. An den Ohrläppchen hängen die dicksten Perlen. Auf dem Kopfe throhnt ein riesiges Diadem. Und die Finger der Hände sind nicht zu sehen, denn sie sind ganz und gar mit Gold und Steinen umwickelt.

Das ist Haruns schwere Gemahlin.

Doch ihre Zunge ist nicht schwer, sie wettert vorn angekommen gleich stürmisch los:

»Ihr rungenfaulen Dirnen, Ihr wollt noch weiter schlafen? Ist das eine Art, ist das gute Sitte? Ihr stinkt ja vor Faulheit. Bereitet Ihr Euch so auf die Ankunft meines hohen Herrn Gemahls vor? Wisst Ihr nicht, dass Er heute Morgen ankommt? Und da schlaft Ihr noch? Mit der Peitsche hätt' ich Euch wecken müssen! Wie ich so jung war wie Ihr, konnt' ich vierzehn Tage lang nicht ein Auge zuthun, wenn ich wusste, dass Er im Anzuge ist. Schämt Euch was! Ihr habt keinen Tropfen gesunden Bluts in den Adern. Man sollt' Euch im Tigris ersäufen —  Ihr Luders!«

Sie muss sich verpusten und setzt sich hin —  das dröhnt.

Dicht vorm Mittelgang sitzt sie, den sie ganz versperrt.

Sie befiehlt den Mädchen noch einmal den neuen Tanz auf einem Beine zu tanzen; sie will sehen, ob Alles ordentlich eingeübt ist.

Die Eunuchen pauken und trommeln, und die Mädchen tanzen auf einem Beine mit wildem Eifer; Zobaïda lächelt und nickt —  es geht Alles gut.

Wer mit dem andern Fuss den Teppich berührt, muss die Oberkleider abziehen —  und auf dem andern Beine weitertanzen.

Jedes Mädchen bemüht sich, möglichst lange auf einem Beine zu hopsen, um möglichst lange die schönen Kleider anbehalten zu können.

Wer auch auf dem zweiten Beine nicht weiter kann, muss auch die Unterkleider, die aus Linnen und südarabischer Baumwolle bestehen, eiligst abziehen —  und unbekleidet vor des Chalifen hoher Gemahlin niederknieen.

Und bald knieen alle die vielen braunen und schwarzen und weissen Mädchen splitternackt im Halbkreise vor der dicken Zobaïda, die die Leiber aufmerksam mustert; sie spricht dabei zu jedem Mädchen einzeln mit grösster Sachverständigkeit.

Leider können die aufhorchenden Europäer Nichts von ihren weisen Rathschlägen vernehmen, da der Lärm der Pauken und Trommeln Alles übertönt.

Die nackten Mädchen küssen vor der Gemahlin des grossen Chalifen in Ehrfurcht den Teppich und steigen dann eiligst ins Bad.

Die Pauken und Trommeln verstummen, und die Europäer hören nur noch das Geplätscher der Badenden, sehen aber wenig von diesen.

Duftendes Kräuterwerk aus Siraf wird ins Bad geschüttet.

Die Eunuchen streuen Blumen auf die Teppiche und sprengen Lilienöl und Rosenwasser auf die vielen Kleiderhaufen, die von blauer, rother und grüner Seide strotzen.

Dann nähern sich die Eunuchen der hohen Gemahlin, fallen auch auf die Kniee und berühren mit der Stirn den Teppich —  bleiben so liegen.

Und auf ein Zeichen der Zobaïda hört das Geplätscher hinten auf —  es wird wieder ganz still.

Und dann tönt leise ein altes einförmiges Lied —  Alle singen's ganz leise —  es ist das Schlummerlied des Propheten.

Die Köpfe der Mädchen sind dabei zu sehn, sie heben auch die Arme hoch empor und bewegen sie schaukelnd von links nach rechts und von rechts nach links und wieder von links nach rechts und wieder so und wieder so, als wollten sie unsichtbare Kinder einwiegen in der duftenden Luft.

Und bei diesem wiegenden Gesange fallen vorn einzelne Diamanten von der Decke herunter; die funkeln, blitzen und brennen in tausend Farben. Es fallen immer mehr Diamanten —  immer schneller flimmern sie runter. Bald sind es so viele, dass die Europäer nicht durchsehen können.

Ein Diamantenregen!

Eine so tolle Farbenglut und Farbenwuth —  so brennend und gleissend und glimmend und zuckend, dass die Europäer unwillkürlich in helle Freudenrufe ausbrechen; die Schlangenköpfe sind gänzlich vergessen.

Und der Diamantenregen hört garnicht auf.

Aber die Steine fallen bald langsamer —  sie schweben bald so langsam herunter wie Schneeflocken.

Es ist unbeschreiblich!

*

Die hellblauen Löwen legen sich malerisch in flachem Kreisbogen dicht vor den Diamantenschneefall und denken ein paar Augenblicke schweigend nach.

Pix liegt in der Mitte mit der Stirn nach vorn, Frimm und Olli liegen zu seiner Linken, Knaff und Plusa zu seiner Rechten; die Vier liegen quer und haben den Kopf der Mitte zugewandt.

Die Europäer bemerken zum ersten Male, dass die Löwen durchsichtig sind, denn ihre riesigen Leiber lassen den Farbenbrand der Diamanten durchflimmern; Alles brennt nur in etwas grösseren Flecken und dunkler. Die gewaltigen Löwenkörper schillern im unablässig immer wieder anders aufblitzenden Farbenwechsel wie zitternde dunkle Riesenopale; nur an den Rändern der Körper ist Alles hellblau wie sonst.

Und Pix sagt mit gedämpfter Stimme:

»Es war wieder mal vom Bruder Plusa so recht unpassend und taktlos, den unsauberen Hetärismus in Schutz nehmen zu wollen. Da jedoch alles Daseiende auch eine gewisse Daseinsberechtigung hat, so wollen wir jetzt dem heiklen Thema näher treten. Ich bitte meine Brüder, hinter einander in kurzen klaren Bemerkungen sich auszusprechen. Ueberflüssige Scherze, die nicht zur Sache gehören, wollen wir, wenn wir können, unterdrücken.«

Die Löwen brüllen dumpf. »Es sei!« und die Aussprache beginnt ohne weitre Zwischenfälle —  wie folgt:

P l u s a :  Ich erlaube mir, das ethische Quintett zu eröffnen, denn dazu hab' ich der Schlangenköpfe wegen ein Recht, und ich behaupte zunächst, dass die Hetären jedenfalls, wenn sie auch an die Bedeutung der Mütter nicht ganz ranragen sollten, doch viel wichtiger sind —  als die Ammen.

F r i m m :  Ich halte es für einen überflüssigen Scherz, das Hetärenrecht dem Ammenrecht gegenüberzustellen. Wir wissen wohl genug, wenn wir wissen, dass die Hetären und ihre Freunde nicht sauber sind. Das ist doch eine bekannte Thatsache —  so gut wie die, dass nur die für die Rasse werthlosen Vertreter des männlichen Geschlechts an der Hetäre hängen bleiben. Der Freund der Hetäre hat auch nur Hetärenrecht.

K n a f f :  Ich halte nicht blos die meisten Bemerkungen des lieben Plusa, sondern die ganze freie Liebe für überflüssig, da die aus der freien Liebe hervorgehenden Kinder eine Verbesserung der Rasse nicht bedeuten, denn die Frauen sind garnicht im Stande, in Zuchtwahlangelegenheiten eine ›entscheidende‹ Rolle zu spielen. Nur verkappte Cinäden, die ein Interesse daran haben, die Zahl der Hetären zu vermehren, geben der Frau —  überflüssige Rechte. Schliesslich behaupten einige Freiheitsapostel noch, dass zur Erzeugung von Genies Mütter mit höchster Bildung nöthig seien —  dass der Genieerzeugung wegen die Existenz der freien Weiber gerechtfertigt sei —  während wir doch ganz genau wissen, dass genialen Eltern die Erzeugung genialer Kinder zu allen Zeiten nicht gelang. Den Genies liegt die Verfeinerung der Rasse nicht ob; sie haben nur ihre genialen Werke zu erzeugen und dürfen das Menschenerzeugungsgewerbe ruhig Andern überlassen.

P i x :  Lieber Knaff, Du redest in Deinem Eifer zu lange. Du darfst nicht vergessen, dass wir auch was zu sagen haben. Ich halte es für wichtig, das Verhältniss des Hetärismus zur weiblichen Bildung und Emancipation klarzulegen. Knaff fing schon damit an.

O l l i :  Es giebt Weisheiten, die die Spatzen von den Dächern pfeifen —  dazu gehört die, dass sich auch die gebildetste Frau nur dann glücklich fühlt, wenn sie Mutter ist —  dass sie auch alle Bildung mit Freuden hingeben würde, wenn sie's dadurch werden könnte. Daher glaube ich, dass die Bildung der Frauen keinen Werth hat; sie ist ja nur dazu da, den Mangel an Mutterinstinkten zu verbergen. Wo aber diese fehlen, da bilden sich die Hetäreninstinkte aus. Das Verhältnis des Hetärismus zur weiblichen Bildung ist somit ein sehr intimes Verhältnis.

F r i m m :  Durch diese Erkenntnis ist die gesammte Frauenemancipation für alle Zeiten gerichtet. Die verdankt den Hetäreninstinkten ihr Dasein —  das sagt genug.

O l l i :  Die drolligen Emancipationsbestrebungen der europäischen Frauenwelt geben jedenfalls Veranlassung, eine Beschränkung der gesammten Bewegungsfreiheit aller Frauen anzubahnen. Die Europäer sollten sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen.

P l u s a :  Es ist nur ein Glück, dass die Europäer ihre Frauen zu Hause gelassen haben. Die Frauen Europas würden uns, wenn sie hier wären, die schönen blauen Augen auskratzen.

P i x :  Lieber Bruder, vergiss nicht die Schlangenköppe.

P l u s a :  Die Europäer werden aber unsre Moral für eine Bestienmoral erklären, und wir könnten am Ende das Gegentheil von dem erreichen, was wir anstreben. Die armen Weiber!

F r i m m :  Dein Mitleid ist hier nicht am Platze. Den Frauen ist nie zu trauen, da sie bekanntlich stets nur sexuale Geschichten im Kopfe haben. Die platonischen Anwandlungen der ›gebildeten‹ Frau dürfen uns nicht irre führen; die gehören eben auch zur hinterlistigen Verführungskunst der Hetäre. Alle anständigen Weiber werden in dieser Beziehung ganz unsrer Meinung sein.

K n a f f :  Die Weiber sind und bleiben so dumm wie die Sünde. Wohl dem, der mit ihnen nie was zu thun bekommt. Die Bildung der Frau hat noch niemals Gutes gestiftet; wohl aber hat sie dazu beigetragen, den vernünftigsten Menschen den Kopf zu verdrehen. Die Frau braucht ja ihre Bildung nur als hetärisches Reizmittel.

P l u s a :  Es lässt sich also nicht leugnen, dass die Emancipation mit ihrer Bildung die männliche Sinnlichkeit kräftigt und aufstachelt —  was doch für die Verfeinerung der Rasse nicht so unwichtig ist.

P i x :  Lieber Bruder, Deine Hetärenweisheit haben wir nun allmählich kapirt. Dass aber durch gebildete Hetären, zu denen wir die sämmtlichen Vertreterinnen der Emancipation rechnen müssen, eine ›Verfeinerung‹ der Rasse nicht erzielt werden kann, dürfte denn doch klar sein, da ja die meisten Hetären unfruchtbar sind. Wie denkst Du Dir das?

P l u s a :  Jedenfalls könnte irgend ein geistreicher Europäer mal behaupten, dass grade die Prostitution das Ehrenvollste sei —  und dass die Verfeinerung der Rasse vollkommen überflüssig sei.

F r i m m :  Das ist den intimen Freunden der europäischen Hetäre wohl zuzutrauen —  uns aber nicht. Wer auf die Verfeinerung der Rasse verzichten zu können glaubt, hat mit der Erhaltung der Rasse Nichts weiter zu thun und kommt nicht weiter in Frage. Bruder, lass die unanständigen Witze, sonst verpauken wir Dich so unheimlich, dass Du nicht mehr japsen kannst. Benimm Dich vornehmer!

P i x :  Ich muss da den Plusa etwas in Schutz nehmen. Es lässt sich nicht leugnen, dass bedeutende Männer grade zu den gebildeten hetärisch veranlagten Frauen eine grosse Zuneigung haben, die dadurch entschuldigt werden kann, dass diese Frauen ja gänzlich unfruchtbar und der Rassenverfeinerung wenigstens nicht hinderlich sind. Die Emancipationsbestrebungen gehen wohl auch grade von diesen ›bedeutenden‹ Männern aus, die so degenerirt sind, dass sie Fortpflanzungsbestrebungen nicht mehr haben und demnach nicht bemerken, wie gefährlich ihre freien Ansichten für die Entwicklung der Rasse sind.

K n a f f :  Lieber Pix, ich finde, dass Du so unvorsichtig wie der freche Plusa redest. Nimm Dich zusammen, sonst nehmen wir Dir den Vorsitz ab.

P i x :  Ich strebe nach Gerechtigkeit. Plusa hat Recht, wenn er behauptet, dass wir das Gegentheil unsrer Absichten erreichen, wenn wir so grob drauf los schimpfen wie Du.

P l u s a :  Demnach ist der Stand der gebildeten Hetären doch nicht so verächtlich, wie Ihr anfänglich glaubtet. Wie ich mich freue!

O l l i :  Wenn Ihr doch so scharfsinnig wie der Bruder Olli wäret! Wollen wir die Europäer überzeugen, so müssen wir das Thema vorurtheilslos von allen Seiten beleuchten. Wir dürfen die Europäer nicht zu einer unvorsichtigen Massregel überreden wollen. Mögen sie doch selber weiter nachdenken —  sie werden schon einsehen, dass sie ihren Frauen eine unnatürliche Freiheit gegeben haben. Darin werden sie schon Wandel schaffen. Die Frauen dürfen in keinem Falle Gelegenheit haben, mit fremden Männern zusammenzukommen —  denn das führt Hetärenrecht ein.

Es tritt eine Pause ein. Der Diamantenschnee sickert langsam wie bisher immer weiter runter. Herrlich glitzern die Löwenkörper —  wie Riesenopale. Frimm blickt sich um und bemerkt traurig: »Dass wir auch grade vor dem schönsten Vorhange über die schmutzigste Geschichte reden müssen! Europäer, seht Euch die Diamanten an —  Raifu ist doch reicher als Harun.«

Der Farbenbrand der kostbaren Steine erregt die Augen der Europäer, dass sie ganz berauscht werden. Die Löwen ergötzen sich ebenfalls an dem gleissenden Glanzgefunkel. Doch Pix mahnt zum Weiterreden.

»Raifu,« sagt er, »lässt uns ja dieses Mal sehr lange reden. Benutzen wir die Gelegenheit und beleuchten wir jetzt das Verhältnis des Hetärismus zu Monogamie und Harem. Lieber Frimm, Du hast natürlich das Wort! Du zürnst mir hoffentlich nicht.«

F r i m m :  Ich halte das Zürnen nicht für vornehm —  das solltest Du wissen. Der Hetärismus aber wird durch die Monogamie gestärkt und durch den Harem eingedämmt. Der Harem bedeutet nicht blos eine Erlösung der alten Jungfern, er scheucht auch das Gespenst des Hetärismus auf. An dem Tage, an dem Europa den Harem einführt, wird Europa um hundert Tausend Hetären ärmer. Vornehmlich aus diesem Grunde rathen wir den Europäern, fürderhin nicht mehr mit so misstrauischen Augen den orientalischen Harem anzusehen. Der Harem macht das Heiraten auch billiger, weil er die Frauen aus dem öffentlichen Leben —  hauptsächlich aus dem Gesellschaftsleben —  heraushebt.

P i x :  Da ich so gutmüthig bin, muss ich bemerken, dass die Monogamie zur Brutalität gegen die eine Frau verführt. Die Frauen sind ja viel zu schwach zur Monogamie und die Männer zu stark. Die Polygamie liegt durchaus auch im Interesse des Weibes.

K n a f f :  Es muss endlich mal betont werden, dass der ganze europäische Hetärismus eigentlich blos ein Produkt der Monogamie ist. Das muss doch jeder vernünftig denkende Mensch bald einsehn.

P l u s a :  Das steht fest, dass sich für die Monogamie eigentlich nur jugendliche Schwärmer begeistern können. Eines schickt sich nicht für Alle. Die Monogamie erzeugt viel schlimmere Zustände als die wilde Ehe mit der ›freien Liebe‹. Europäer, Ihr lebt im Elend!

O l l i :  Es ist Blendwerk der Hölle, wenn man Euch die Monogamie in rosigen Farben malt! Seht Euch vor!

P l u s a :  Nehmt lieber die Ehelosigkeit mit dem Hetärismus —  als die Monogamie in Schutz.

P i x :  Vergiss Dich doch nicht! Sollen die Europäer die Verfeinerung der Rasse unberücksichtigt lassen? Die Ehelosigkeit ist nur für die ausserordentlichen Menschen —  nicht für Hinz und Kunz.

F r i m m :  Es ist ja nicht nöthig, dass jeder Mann mehrere Frauen hat, er soll aber, selbst wenn er blos eine besitzet, auch diese eine nicht frei herumlaufen lassen —  das schickt sich nicht.

K n a f f :  Verwirr doch nicht das Publikum! Europa krankt an der gesetzlichen Monogamie, die nicht einmal durch die Gesetze der christlichen Religion gerechtfertigt ist —  denn die verlangt die Monogamie durchaus nicht. Jeder Mann muss das Recht haben, mehrere Frauen zu ehelichen und muss auch das Recht haben, ein Schock Kebsweiber zu besitzen —  wenn's seine Mittel erlauben.

O l l i :  Die klügsten Männer geben sich natürlich überhaupt nicht mit den Weibern ab.

P l u s a :  Mach keine faulen Witze! Zu den klügsten Männern reden wir doch nicht. Wir wenden uns doch an das grosse Publikum, das wir vor uns haben —  dem die Verfeinerung der Rasse obliegt.

F r i m m :  Ich muss hier ganz deutlich bemerken, dass ich's für einen Skandal halte, wenn eine Frau mit ihrem Mann öffentlich unverschleiert spazierengeht. Der Mann, der seine Frau den Blicken aller Menschen preiszugeben wagt, hat keine Ehre im Leibe —  ist ein schamloses Subjekt. Wer sich mit seiner Frau auf offener Straße zeigt, prostituirt seine Frau.

K n a f f :  Bravo, Frimm! Das war ordentlich gegeben. Wir wollen den Europäern die Leviten lesen. Wer seine Frau einem Freunde zeigt —  ist ein Schandbub! Schlagt ihn tot!

P l u s a :  Dann müssten wir ja fast alle Europäer totschlagen. Kinder, seid blos nicht so ausfallend. Immer hübsch ruhig! Mancher Schandbub ist eine europäische Berühmtheit geworden —  Schandbub sein schändet nicht.

K n a f f :  Verfluchter Plusa, willst du wohl Dein Schandmaul halten!

P i x :  Ich gebiete Ruhe! Wir werden uns doch nicht vor dem schönen Diamantenschnee wieder herumprügeln. Wir werden dem Plusa später den Kopf zurechtsetzen. Europäer, hört nicht auf den Plusa! Hört auf uns!

F r i m m :  Ich habe mich zu heftig ausgedrückt —  das war nicht vornehm. Jedenfalls erzeugt die Monogamie höchst unsittliche Zustände, die endlich mal geregelt werden müssen.

O l l i :  Aber ich begreife nicht, wozu wir in diesen schrecklich aufgeregten Ton verfallen sollen. Wir haben uns doch so lange so gut vertragen.

P i x :  Nu —  denn rede mal ein versöhnliches Schlusswort. Wir sehen uns dabei die Diamanten an.

O l l i :  Es wäre sehr dumm, wenn Jemand glauben wollte, wir sähen auf das Weib mit tiefer Verachtung herab. Nein, das thun wir durchaus nicht. Wir schätzen das Weib als Rasseerhalterin so hoch, dass auch die anspruchsvollste Dame mit unsrer Hochschätzung zufrieden sein könnte. Der Harem darf die Frau nicht beleidigen —  ist er doch schöner als das, was draussen liegt. Der Harem ist stets ein kleines Paradies, in dem's sich prächtig leben lässt, wenn die Frauen vernünftig sind. Da giebt's keine Sorge und keine Arbeit —  da giebt's so viel Glück, dass die Frauen ganz zufrieden sein können. Seht mal, es wird ja nur um der Förderung der Rasse willen die Treue des Weibes verlangt. Der Mann kann sich doch nicht auf die Treue des Weibes verlassen, wenn das frei herum laufen darf —  wie bei Euch in Europa. Die Frau darf auch nicht viel mitreden bei der Zuchtwahl. Deswegen hat die Frau nicht viel zu wählen, sie hat dem Mann, der sie will, zu folgen. Ist es thatsächlich nicht der Rechte —  dann lässt sie der Mann schon wieder laufen —  das ist nicht so gefährlich. Im Uebrigen kann sich jedes Mädchen auf seine Eltern verlassen. Kinder, das ist Alles so einfach. Wir hier im Orient haben den ganzen Liebesrummel so fein geordnet, dass es eine Freude ist. Studirt die orientalischen Sitten ohne Vorurtheil und führt dann bei Euch die nöthigen Reformen ein! Ihr dürft ja nicht gleich Alles auf ein Mal umkrempeln —  aber so allmählich werdet Ihr schon das Rechte treffen. Ihr seid gut und willig —  Ich vertrau' Euch.

Die Europäer nicken bedächtig. Die Diamantenfunken sprühen ihr brennendes Farbenlicht durch die ganze syrische Wüste. Die Löwen leuchten mit.

Der blitzende Glanzzauber erscheint den Europäern ganz unfassbar.

Plusa erräth ihre Gedanken und sagt: »Die ganze Welt ist ja unfassbar.« Er will weiter reden, doch Pix bemerkt heftig: »Jetzt müssen wir mit unsern Reden aufhören, Harun muss ja schon da sein.«

Und das stimmt auch.

*

Die zehnte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart

DAS WIEDERSEHEN

Es duftet nach Geranien—  und Levkojenöl.

Es fallen langsam nur noch ein paar grosse Demantsteine zur Erde nieder —  die brennen ganz dunkelviolett...

Und dann liegt gross und frei Bagdad, die Stadt des Heils, vor den trunkenen Augen Europas.

Links seitwärts erhebt sich das hohe Thor mit der breiten Brücke, die den Wallgraben überspannt und fast bis zur Mitte des Bildes sich hinzieht. Hinter der Brücke sieht man die grünen Festungswälle, über denen die Spitzen der Minarets und die Palastkuppeln der Chalifenburg sichtbar werden. Zur Rechten biegt der Weg von der Brücke nach hinten um und geht ganz tief in den Hintergrund hinein.

Dunkelblau leuchtet der Himmel. Und zu beiden Seiten des Weges rechts steht viel Volk —  das wartet auf die Ankunft des siegreichen Harun. Ein leises Brausen geht durch die Luft. Auf der Brücke ist kein Mensch —  nur dicht vorm Thore steht der Thorwächter und schaut auf den hinteren Theil des Weges —  mit der Hand die Augen überschattend.

Und dann wird das Brausen des Volkes stärker und stärker, und ganz hinten rechts blitzt es auf von glänzenden Waffen —  Harun mit seinen Heerscharen naht.

Es ist noch früh am Morgen, aber Alles ist schon auf den Beinen, denn von den fünfzig Tausend Kriegern, die Harun ins Feld rief, sind wohl mehr als die Hälfte in Bagdad ganz bekannt. Und wer Verwandte in der Stadt hat, der kann sicher sein, dass die ihm über die breite Brücke entgegengekommen sind.

Das Volk ist in fieberhafter Erwartungsstimmung, die vielen Hofbeamten in ihren goldstrotzenden Uniformen theilen mit wichtiger Miene die neuesten Nachrichten mit; jeder Beamte ist von einem Kreis lauschender Zuhörer umringt. Dadurch werden die Volksmassen zu beiden Seiten der Landstrasse wirksam gegliedert.

Im gestreckten Galopp sprengt die Leibgarde des Chalifen heran —  Beduinen in citronengelben Gewändern auf pechschwarzen Rossen; mit hallendem Getrappel geht's über die breite Brücke durchs hohe Thor in die Stadt; es sind nicht weniger als tausend Mann.

Und dann erscheint ganz hinten auf der Landstrasse der grosse Harun selbst. Das Brausen der Volksstimme schwillt immer mächtiger an, immer wilder jubelt dem allmächtigen Sieger der Gruss seines Volkes entgegen. Näher und näher kommt das Brausen, und alle Araber, die vor den Thoren der Stadt sind, stimmen plötzlich ein altes Schlachtlied an, mit dem einst der Prophet in den Kampf gegen die Ungläubigen zog.

Die Strasse ist vor Harun frei, er kommt ganz langsam hoch zu Elephant nach vorn. Er, der Herr der Heerscharen, sitzt in voller Grösse und Seligkeit mit untergeschlagenen Beinen auf hohem Polstersattel, sodass Alles Volk seinen angebeteten Chalifen mit eigenen Augen anschauen kann; zwei kluge Inder führen den Elephanten.

Es duftet nach Geranien—  und Levkojenöl, denn damit ist die ganze Strasse besprengt. Auch viele bunte Blumen wirft das Volk dem Herrscher zu Füssen, dessen Elephant Alles sorgfältig zertrampelt.

Der Gesang und der Blütenduft berauschen den Chalifen. Und er giebt sich wieder Erinnerungsbildern hin; in den letzten Monaten hat er dazu garkeine Zeit gehabt. Aber jetzt ergreift es ihn gewaltig; er denkt an Djafar und Abbasah. Er malt sich aus, wie sie ihn im einsamsten Kiosk am Tigrisstrande erwarten —  wie sie sich gegenseitig von seinen Vorzügen und edlen Sitten erzählen —  wie sie seinen Muth und seine Kraft bewundern —  ihn den grössten Fürsten aller Zeiten nennen —  und garnicht aufhören mögen, ihn zu preisen und zu loben. Er möchte so gern unsichtbar bei ihnen sein und zuhören und dann plötzlich den Schleier abwerfen und Beide stürmisch umarmen —  das möcht' er —  ja das möcht' er!

Harun lässt bei diesen Gedanken ganz den Kopf sinken und achtet nicht auf das jubelnde singende Volk, das immer stürmischer ihm seine Liebe kundthut, denn es denkt, er verrichte ein stilles Gebet und danke Allah in Demuth für den Sieg; nur die Europäer haben in das Innere Haruns geschaut; in den Schallfängern war das Selbstgespräch ganz deutlich zu hören und in den Opernguckern der Kiosk mit Djafar und Abbasah für ein paar Sekunden ganz klar zu sehen.

Der Elephant dreht zierlich den Rüssel nach allen Seiten und nickt verständnisvoll mit dem Kopf, dass die schlappen grauen Ohren wackeln. Der riesige Körper des Thieres ist in buschige gelbe Seide gehüllt; die dicken Beine stecken in weiten Pluderhosen. Harun steckt in knallrother Seide, denn er kommt als Richter zurück, er hat zu Gericht gesessen über dem Rebellen Jahjah ibn Abdallah —  und als Richter tragen die Könige des Orients die Farbe des rothen Henkers.

Jetzt ist Harun dicht vor der Brücke.

Das breite Thor geht klirrend und rasselnd auf.

Und bevor noch der Elephant den ersten Schritt auf der Brücke gethan, sprengen auf schneeweissen Schimmeln zwei Reiter auf der Brücke dem Chalifen entgegen; die Reiter sind ganz in weisser Seide —  herrlich sehen ihre weissen Pluderhosen aus. Mit vielen weissen Rosenknospen sind die Beiden geschmückt; auch die Schimmel sind mit weissen Rosenknospen geschmückt. In den Händen tragen die Beiden eine goldene Kanne mit goldenen Bechern. Und die Becher füllen sie mit rothem Wein, den sie dem Chalifen hinaufreichen.

Harun hält mit der einen Hand den Säbel fest, der in seinem Schooss liegt und bückt sich tief, um mit der andern den einen Becher zu nehmen, den er träumerisch zum Munde führt und austrinkt. Doch dann schreit er gellend auf! »Djafar!« schreit er, denn dieser reichte ihm den Becher hinauf. Ein langes Lachen mit Thränen und Armbewegungen! Der Säbel wär' beinah vom Schoosse runtergefallen.

Harun fragt dann flüsternd, wer der andre Reiter sei. Doch Djafar zuckt die Achseln. Harun trinkt auch den Becher des andern Reiters aus, lässt aber plötzlich den Becher fallen. »Wer ist das?« ruft der Chalif ganz erschrocken. Doch auf diese Frage antwortet der Reiter dadurch, dass er seinen Schnurrbart und seinen Turban abnimmt. Da erkennt der Chalif das Gesicht —  es ist das der Abbasah. Er ist aber nicht erfreut; er ruft den Indern zu, den Elephanten über die Brücke zu führen.

Dröhnend stampft das dicke Thier mit dem dicken Harun über die Brücke; Djafar und Abbasah folgen in peinlichster Verlegenheit. Der Barmekide beisst sich in die Lippen, während die Abbasah den falschen Schnurrbart in den Wallgraben wirft und ihren Turban schief aufsetzt.

Die Europäer hören, wie der Harun leise zu sich selber redet: »Wie konnte mir Djafar diese Schmach anthun? Wie konnte er die Abbasah unverschleiert dem Volke zeigen? Wollte er mich beleidigen? Ist es ein verrückter Einfall des Weibes gewesen? Er hätt' ihm nicht nachgeben sollen! Das war nicht freundschaftlich gehandelt.«

Dann verschwinden die Drei im Thorweg.

Und das siegreiche Heer folgt.

Reiterscharen und Fussvolk kommen ungeordnet durch einander gemischt die Landstrasse entlang. Alles jubelt den braunen Gesellen zu und bekränzt sie mit duftenden Blumen und stärkt sie mit kräftigem Wein. Ochsenwagen mit erbeuteten Waffen, Kameele mit Gepäck, Esel und Viehherden drängen sich zwischen den Kriegern durch. Für einen Wagen wird besonders Platz gemacht: für den, in dem der Rebell Jahjah ibn Abdallah sitzt.

Der Rebell blickt mit finsterer Stirn vor sich auf einen Fleck und spricht kein Wort, denkt auch Nichts.

Das Gedränge wird auf der Brücke ganz beängstigend. Die Thiere und Menschen gerathen in Streit, und man könnte fürchten, dass die Brücke zusammenbricht. Das Volk brüllt jetzt und schreit, und die Krieger bahnen sich den Weg mit den Fäusten.

Plötzlich sinkt Alles in die Tiefe —  und ein stilles dunkelblaues Meer bedeckt Alles.

Kleine weisse Schaumkämme durchzucken die dunkelblaue Flut.

*

Die Löwen erheben sich und stellen sich auf die Hinterbeine, was ihnen garnicht schwer fällt.

Und Pix sagt etwas müde:

»Kinder, jetzt wollen wir im Gänsemarsch etwas auf und ab wandeln. Das Stück strengt an wie alle starken Stücke. Wir wollen im Gänsemarsch genau so langsam vorwärts gehen wie das Barmekidenschauspiel.«

Der Vorschlag findet Anklang, und die Löwen gehen nun langsam vor dem tiefblauen stillen Meere im gleichen Schritt auf und ab. Die Vordertatzen haben sie der Bequemlichkeit halber sich gegenseitig auf die Schultern gelegt. Pix führt und Plusa beschliesst den Zug.

Plusa meint, dass sie mit dem Gänsemarsch den richtigen Kriegstanz aufführen; die Europäer lächeln verschmitzt, als wenn sie den Plusa ganz und gar verstanden hätten.

Die weiteren Reden der Löwen beschränken sich darauf, die Regie zu loben —  und namentlich die grosse Verwirrung zum Schluss als scenisches Meisterwerk zu preisen! Sie verrathen bei dieser Gelegenheit doch eine sehr grosse Kenntnis im ästhetischen Raisonnement.

Plusa findet glänzend die stummen Denkerrollen, meint mit merkbarem Hohne, dass die Europäer so was noch nicht eingeführt hätten —  es käme eben nur darauf an, die Ohren des Publikums sensibler zu machen. Er preist Harun und die Schallfänger.

Olli meint dazu: »Eigentlich sind's blos nicht laut werdende Monologe, die Dir so imponiren!«

Pix sagt darauf. »Die sind aber das Wichtigste in der gesammten Kunst. Es liegt uns ja viel mehr daran, das zu wissen, was die Leute  n i ch t  aussprechen —  als das, was mit einem permanenten Mangel an Offenheit öffentlich geredet wird und der Rede zumeist garnicht werth ist.«

Leider wird dieses ästhetische Gespräch nicht fortgesetzt der Gänsemarsch auch nicht.

*

Die elfte Nummer beginnt:


Bilder von Paul Scheerbart

DAS FALSCHE SPIEL

Auf dem dunkelblauen Meer wird's stürmisch, aber die Wogen gehen von der Mitte aus, sodass sich da eine tiefe Mulde bildet, die immer breiter und tiefer wird; die Wogen zu beiden Seiten schäumen dagegen immer höher auf —  haushoch —  höher als die höchsten Minarets —  so hoch wie die Pyramiden am Nil.

Und nach einem mächtigen Posaunenstoss verwandeln sich die hohen Wogen urplötzlich in hohe grüne Bäume mit dunklem kühlem Blätterschatten.

Und wo die Meermulde war, durchschneidet eine tief nach hinten gehende Allee das Bild, dessen Vordergrund eine breitere, schwarz und weiss gepflasterte Terrasse ausfüllt, die auf niedrigem Felssockel und ebenso hoch wie der Kiesweg, der schnurgrade nach hinten geht, liegt.

Wieder mitten im Garten der Chalifenburg! Im Hintergrunde der Allee der blaue Tigris wie ein übriggebliebenes Stück Meer! Die Bäume der Allee rechts und links grad' geschnitten, sodass sie wie glatte grüne Wände aussehn.

Die schwarz und weiss gepflasterte Terrasse hat die Form eines länglichen Rechtecks, dessen längere Seiten quer von links nach rechts gehn; auch das Rechteck wird von hohen grad' geschnittenen Bäumen an den Seiten und hinten eingerahmt. Die Bäume sind so hoch, dass man vom Himmel oben nur ein kleines Stückchen sieht; blos hinten am Ende der Allee steht über dem dunkelblauen Tigris ein grösseres senkrecht aufsteigendes Himmelsstück —  ebenfalls ein längliches Rechteck. Der Kiesweg der Allee ist gelb, und die Blätterwände sind dunkelgrün.

Eilig kommt jetzt Harun mit Djafar und Abbasah die Allee herauf nach vorn. Die Drei sind ganz in weisse Seide gekleidet, tragen breite Beinkleider und weisse Rosenknospen. Die Abbasah schimpft über die schnelle Gangart, Harun sagt aber kühl: »Oh, das ist sehr gesund.«

Auf der Terrasse ruft der Chalif die Sklaven heran und befiehlt, das Mittagessen zu bringen, er setzt sich links mit dem Rücken dicht vor die kurze Blätterwand des Rechtecks. Für Djafar und Abbasah wird vor der rechts gelegenen Seitenwand gedeckt, sodass die Beiden sehr weit von ihrem Fürsten, der sie garnicht zu beachten scheint, entfernt sind. Man sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf grossen rothgefärbten Strohmatten, das Essen wird in grossen rothen Thonschüsseln aufgetragen.

Und während die Drei, ohne zu sprechen, speisen —  erscheint im Hintergrunde der grosse Elephant und nähert sich von den klugen Indern geführt gemächlich der Terrasse; das dicke Thierchen ist in ausgezeichneter Laune, spasst immer mit seinen beiden Führern, denen er die Turbane mit dem Rüssel abnimmt und auf seine Stosszähne steckt, worüber sich die Beraubten natürlich nicht ärgern.

Dem Elephanten folgt der alte Jahjah ibn Chalid und sein Sohn Fahdl, der Vezier. Hinter diesen schreiten an die fünfzig Sklaven, die kostbare Geschenke tragen.

Auf der Terrasse steht Alles still und Harun lässt sich die Geschenke zeigen —  zuerst wunderbare Goldarbeiten mit vielen Edelsteinen, kostbare Waffen und herrliche Trinkgefässe für den Chalifen von Peking.

Ein Zelt, Räucherwerk, zwei Leuchter und eine Wasseruhr sind für den Frankenkönig Karl von Aachen bestimmt. Harun bemerkt kauend: »Das habt Ihr also für den Negerkönig ausgewählt, nicht wahr?«

Jahjah erwidert, dass Karl kein Neger sei, da er weisse Haut und rothe Haare besitze.

»Schön!« bemerkt da Harun, »also für den weiss und roth gefärbten Negerkönig. Aber merk Dir's: Neger bleibt Neger, auch wenn er die Farbe wechselt. Kurl heisst der Kerl, nicht wahr?«

»Karl heisst er,« sagt Fahdl mit tiefer Verbeugung.

»Schön!« schreit nun Harun heftig, »diesem Karl, diesem Kerl, schickt auch meinen einzigen Elephanten, ich will das Thier nicht wiedersehen; es träumt sich schlecht auf solchem Elephanten. Macht, dass Ihr weg kommt.«

Der Zug macht Kehrt, die Inder nehmen schnell dem Elephanten ihre Turbane wieder ab und gehen mit dem Thier den Andern nach.

Stolz wandelt der Elephant die Allee hinunter; heut ist er unbekleidet, doch hebt er seinen Rüssel höher denn je, was vor dem blauen Himmel sehr drollig wirkt.

Während der Elephant würdevoll weitergeht und im Hintergrunde der Allee immer kleiner wird, befiehlt Harun seinem alten Kammersklaven, den Rebellen Jahjah ibn Abdallah vorzuführen und den Henker.

Djafar unterbricht aber den Chalifen:

»Halt,« ruft der Barmekide, »zieh den Befehl zurück und schick die Sklaven fort —  ich hab' Dir was zu sagen, Harun!«

Des Barmekiden Wunsch wird sofort erfüllt.

Es wird unheimlich still auf der Terrasse.

»Sprich, mein Freund!« sagt endlich der Harun.

Djafar trinkt und spricht dann rauh:

»Du hast was gegen mich! Du hältst mich nicht für ehrlich! Ich hab' aber Nichts gethan, was Dich kränken kann. Ich wollte Deinen Argwohn zerstreuen. Ich wollte Dir zeigen, dass ich keine Furcht vor Dir habe. Ich brauche Nichts zu scheuen, und deswegen habe ich eigenmächtig gehandelt, um Deinen Argwohn zu verscheuchen —  nur um Deinen Argwohn zu verscheuchen. Ich hatte kein anderes Mittel.«

»Und was that mein Freund?« fragt nun der Chalif.

»Er befreite,« entgegnet Djafar grob, »den Mann, den Du schon schwer genug bestraft hast, von allen weiteren Strafen —  er gab dem Rebellen Jahjah ibn Abdallah die Freiheit wieder. Der stolze Barmekide wollte Dir beweisen, dass er keine Furcht vor Dir hat. Er wollte Dir zeigen, dass er zu allen Zeiten offen und ehrlich handelt, dass er's ausserdem für eine Beleidigung erklärt, wenn man ihm Misstrauen entgegenbringt.«

»Das ist frech!« knirscht Harun.

»Djafar ist stets sorglos, frech und toll,« lautet die kalte Antwort des Freundes.

Es wird noch stiller auf der Terrasse, Alle trinken.

»Du willst,« beginnt Harun nach einer Weile, »den einen Fehler durch einen zweiten wieder gut machen. Ein seltsames Verfahren!«

»Ich wollte,« versetzt nun Djafar zitternd, »Dich davor bewahren, unklug zu handeln. Wenn Du den Rebellen jetzt noch, wo Du weisst, dass er unschädlich ist, köpfen liessest, so würde man Dir überflüssige Grausamkeit vorwerfen, und die Zahl Deiner Feinde würde sich unheimlich vermehren. Das sagte auch mein Vater und mein Bruder. Und da sagte ich ihnen, dass ich handeln würde. Und ich habe gehandelt und weiss, dass ich meine That vor dem höchsten Richter verantworten kann. Ich weiss auch, dass ich Dir durch meine freie That den Beweis geliefert habe —  dass Du —  kein Recht hast —  die Geschichte —  auf der breiten Brücke falsch zu deuten.«

Alle springen auf, und Harun umarmt seinen Freund und küsst ihn, flüstert dann aber leise:

»Warum erlaubtest Du der Abbasah, vor dem Volke mich zu begrüssen —  unverschleiert?«

»Wie?« kreischt nun die Abbasah los, »ist das die Freiheit, die Du mir geben willst —  so lass Dir sagen: die Freiheit, die der Frau nicht mal gestattet, Hosen anzuziehen und einen schwarzen Schnurrbart zu tragen —  die Freiheit, sag' ich Dir, Harun, ist für die Katz.«

Harun sagt feierlich: »Es ist noch nicht Sitte bei uns, Hosen zu tragen.«

»Ach was!« schreit da das Weib, »ich dächte, Du wolltest ›freie‹ Sitten einführen. Die Perser tragen doch Alle Ho

fognin.mtg  fognin.htm robots.htm