Editorial

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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

das Lachen ist verboten...


Verstiegen...

aus: das Lachen ist verboten

 

Ich hatte mich verstiegen.

Und das kam mir so selbstverständlich vor.

So mußte es kommen.

Jetzt konnte ich nicht mehr weiter; rauf ging’s nicht mehr und runter auch nicht.

Allerdings —  runter wär’s wohl gegangen —  runterkommen kann man immer.

Aber die Sache hatte einen Haken.

Neben mir ging s hinunter in die Tiefe —  da hätte ich mich kopfüber hineinstürzen können —  doch bei dem Sturz wäre mir wohl der Atem vergangen —  und mein Körper wäre wohl zu Brei geworden.

Ich befand mich in einem Gebirge, das aus hartem Stein bestand. Es tat mir schon leid, daß ich so rücksichtslos immer höher gestiegen war.

Ich starrte die glatte Felswand vor mir nicht sehr geistreich an; in die grausige Tiefe wagte ich nicht hinabzublicken, denn ich glaubte, nicht ganz schwindelfest zu sein.

Und siehe, da hob sich vor mir in der glatten Felswand eine Platte heraus und schob sich zur Seite, und ich erblickte in der entstandenen Öffnung ein kleines Nilpferd, das kaum halb so groß war als ich selbst.

"Na, Onkelchen", sagte das Nilpferd, "wohin willst Du?"

"Ich habe mich verstiegen!" erwiderte ich traurig.

"Das merkt ’n Pferd! " rief da das Nilpferdchen. "Tritt nur näher! Oder —  willst Du abstürzen?"

"Nein! Nein! " sagte ich schnell.

Und ich folgte dem kleinen Tier, das eine Lampe anzündete und mich durch einen Felsengang führte...

Nach ein paar Augenblicken stand ich in einem sauberen Felsensaal.

Oben in den hohen, schwarzen Gewölben brannten weiße Ampeln aus Milchglas; Birnenform hatten die Ampeln —  die Stengel hingen unten als dicke Schnüre.

Jetzt erst bemerkte ich, daß das kleine Nilpferd, das wie ein Mensch auf den Hinterbeinen ging, einen dunkelblauen Flanellrock anhatte; der ließ nur den Kopf und die vier Füße frei.

"Nimm Platz!" sagte das Nilpferd, und es setzte sich auf einen Schaukelstuhl. Ich setzte mich neben dem großen grünen Ofen auf eine Holzbank.

Eine dunkelgraue Plüschdecke war über den ganzen Fußboden gespannt.

Von Möbeln sah man nicht viel; es schien eine Art Empfangsraum zu sein.

Es war mir aber außerordentlich gleichgültig, wo ich mich befand; ich war müde und abgespannt und durchaus nicht froh über meine Rettung.

"Dir ist wohl nicht ganz wohl!" sagte das Nilpferdchen nach einer Weile.

Und ich erwiderte hastig:

"Wenn das nicht stimmt —  dann weiß ich nicht mehr, wie viel drei mal drei ist."

"Die Antwort", flüsterte mein Retter, "ist von einer geradezu seltsamen Bestimmtheit. "

Ich starrte den hohen, grünen Ofen an und war stumm wie ein Stockfisch.

Wir hörten im Hintergrunde langsam eine große Uhr ticken und rührten uns nicht. So machten wir wohl eine gute halbe Stunde gesessen haben, als das Nilpferdchen leise fragte:

"Hast Du vielleicht ein Manuskript bei Dir, das recht traurig stimmt? Du hast doch sonst immer Manuskripte bei Dir."

Ich drehte den Kopf langsam um, sah das Nilpferdchen groß an und sagte unsicher:

"Woher weißt Du denn, daß ich sonst immer Manuskripte bei mir habe? Ich muß mich doch wundern."

Da sprang das Nilpferdchen von seinem Schaukelstuhl auf und hopste im Felsensaal herum und rief laut:

"Er muß sich doch wundern! Er muß sich doch wundern! Daß ein redendes Nilpferdchen ihn gerettet hat —  das wundert ihn nicht. Aber daß das Tierchen so viel weiß —  das wundert ihn."

Und dann sprang das kleine Vieh ganz dicht an meine Seite und sprach im tiefsten Baß:

"Ich freue mich ganz eklig, daß Du Dich noch wunderst. Leute, die sich noch wundern können, sind noch nicht ganz tot. Und daß Du noch nicht ganz tot bist, das ist sehr gut. Denn —  wärest Du ganz tot, so hätte ich’s bedauern müssen, Dich gerettet zu haben; Leichen rettet man doch nicht."

Ich blickte dem Nilpferdchen ins Gesicht und wunderte mich jetzt, daß es so gut reden konnte. Und ich fragte leise und höflich:

"Was soll ich tun?"

"Gib mir", antwortete das Tier, "eine Geschichte zu lesen, die recht traurig stimmt."

Da suchte ich denn in meinen Taschen und blätterte in allen meinen Sachen, schüttelte oft den Kopf und gab dem freundlichen Nilpferd schließlich eine Geschichte, die mir in diesem Falle zu passen schien.

Das kleine Tier setzte sich eine blaue Brille auf, ging mit meinen Blättern wieder zum Schaukelstuhl, ließ sich auf diesem vorsichtig nieder und las:

Bilder von Paul Scheerbart


Kuddel— Muddel
oder
Die vielen Rosinen

aus: das Lachen ist verboten

 

Sie hatten alle sehr viele Rosinen im Kopfe, und so kamen sie in hellen Haufen auf dem Kapitol der Unternehmungslust zusammen.

Und auf dem Kapitol zeigten sie sich gegenseitig ihre vielen Rosinen —  in denen stak alles das, was sie wollten.

Sie wollten alle mal ergründen, worin der eigentliche Hauptwert des Lebens und der Kunst zu erblicken sei.

Und während sie nun immer heftiger all die vielen Hauptwerte ergründeten, wurden ihre Reden immer verworrener —  so daß schließlich ein großes Kuddel— Muddel entstand —  nicht bloß in den vielen Hauptwerten und Reden, sondern auch in den vielen Köpfen und Rosinen.

Und es ward plötzlich unheimlich still auf dem Kapitol.

Aber nach einiger Zeit hörte man in einer Kapitolsecke ein gemütliches Gelächter, und es sprach einer, dem nie was klar geworden, da er stets die größten Rosinen im Kopf gehabt hatte:

"Meine Herrschaften! Wenn uns auch der Witz ausgeht, lachen können wir trotzdem immer noch! Also: lachen wir über das entzückende Kuddel— Muddel dieser entzückenden Rosinenwelt!"

Da mußten sie alle so welterschütternd lachen, daß sogar das Kapitol der Unternehmungslust in seinen Grundfesten erbebte.

Bilder von Paul Scheerbart


Krietze und Kratze
oder
Das neue Gemüse

Ein Märchen

aus: das Lachen ist verboten

 

Krietze und Kratze —  zwei gutmütige Zwerge —  hatten sich freundlich an die Hand gefaßt und gingen so zusammen nachdenklich durch die Mondlandschaft.

Der Vollmond blinzelte drollig nach einigen weißen Wolken hinüber.

Und da rauschte was durch die Luft.

Krietze und Kratze blickten empor und sahen über ihren Köpfen die Gondel eines Luftballons hin und her baumeln.

Ein paar Augenblicke später stand die Gondel auf der Erde. Der Luftballon oben war knallrot und riesig groß.

Indessen —  der Gondel entstieg ein hagrer unheimlicher Geselle mit grünen Katzenaugen. Der lachte sehr höhnisch, reichte Krietzen und Kratzen die Hand und sprach:

"Na, Kinder, wollt Ihr mal mit meinem Ballon zum Monde hinauffahren?"

"Geht das denn?" Also fragt mit aufgezogenen Augenbrauen der kleine Kratze. Aber der unheimliche Geselle lacht darüber, ruft laut: "Hihallhh! Hihallhh!" —  setzt Kratzen und Krietzen in die Gondel des Luftballons und geht rasch von dannen dem nahen Walde zu, in dems sehr dunkel war.

Die beiden Zwerge sehen sich verwundert an. Doch —  Herr, Du meine Zeit! —  da fliegen sie auch schon empor —  grade dem Monde zu —  so als wenn der Luftballon genau wüßte, wohin’s gehen soll.

Die Sache kommt den unfreiwilligen Luftfahrern anfänglich recht bedenklich vor.

Jedoch nach einiger Zeit finden sie sich in ihre seltsame schaukelnde Lage.

Die Erde liegt wie ein großer Teller unter ihnen —  und der Mond —  ja der scheint gar nicht mehr so fern zu sein.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel wackelt ganz gehörig. Die beiden Zwerge halten sich an den Stricken fest, mit denen das wackelnde Fahrzeug an den Ballon gebunden ist...

Es ist ziemlich still da oben in der Luft. Nur ein leises Pfeifen ist hörbar. Das wird allerdings immer stärker —  es kommt vom Monde.

Krietze kuckt neugierig zum Monde hinauf —  und —  und glaubt seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Da ist ein Altan unten am Vollmond, und auf dem Altan steht ein Mann —  der pfeift.

Der knallrote Luftballon fliegt immer schneller. Die Gondel schießt mit einem mächtigen Rucke seitwärts und stößt an den Mondaltan.

Der Mondmann greift die Gondel, hält sie, sagt "guten Abend" und bittet die kleinen Zwerge, nur ruhig näherzutreten.

Na —  Krietze und Kratze klettern denn auch raus aus der Gondel über das Geländer auf den Altan. Das Geländer, das den Altan umgibt, ist breit.

Der Mondmann schüttelt den Kleinen gemütlich die Hände und flüstert lächelnd —  geheimnisvoll: "Kommt, Kinder! Ihr seid recht lange geblieben. Meine Frau wartet schon mit dem Abendbrot."

Und bald darauf sitzen Krietze und Kratze beim Abendbrot an einem viereckigen Tisch; der Mondmann sitzt der Mondfrau, Kratze Krietzen gegenüber.

Es ist urgemütlich im Wohnzimmer des guten Mondmanns.

Die Magd trägt ein braunes Pilzengericht auf und kuckt dabei die kleinen Zwerge so von der Seite an —  sie kann sich das Lachen nicht verbeißen und geht schnell wieder raus.

—  Die große Zimmeruhr tackt in ihrem breiten großen Eichenkasten würdevoll und langsam nach rechts und nach links und dann wieder so und wieder...

Große dicke Schränke stehen an den Wänden, und blau bemalte Vasen stehen auf den Schränken.

Die Möbel sind alle aus dunkelbraunem Holz, und die Sessel sind sehr breit, mit bepreßtem Leder überzogen und so großväterlich, daß die kleinen Zwerge auf diesen Sesseln urdrollig aussehen.

Grüne Papageien sitzen in schaukelnden silbernen Ringen.

Der Fußboden ist sehr sauber weißgescheuert. Kleine muntre Katzen spielen auf den Dielen mit einem schwarzen Gummiball. Die kleinen Katzen sind grau. Die Mondfrau sieht immer erst die kleinen Katzen und dann die kleinen Zwerge an.

Dabei essen aber Alle. Die braunen Pilze schmecken gradezu ausgezeichnet —  prachtvoll schmecken sie.

Kratze ruft laut: "prachtvoll!" und hebt den linken Zeigefinger steif in die Höh’. Krietze meint dazu: "Ja, wirklich!" —  mahlt sich ein bißchen Pfeffer rüber und reißt dann plötzlich seine Zipfelmütz’ vom Kopf. Kratze macht ihm das sofort nach.

Mondmann und Mondfrau lachen laut auf.

Die Zwerge wollen sich entschuldigen.

Aber die Mondfrau sagt: "Eßt nur!"

Er, der Mondmann, sagt: "Erst essen —  dann reden!" Sagt’s im tiefsten Baßton.

Und sie essen.

Das Tischtuch war schneeweiß.

Die Teller waren blau bemalt wie die Vasen auf den dicken Wand—  schränken. Links von jedem Teller stand ein feines, bunt schillerndes Spitzglas, in dem frische, gelbe Anemonen steckten, und rechts von jedem Teller stand ein großes Glas Milch.

In der Mitte der Tafel thronte sehr appetitlich eine große flache Schale —  ganz bedeckt mit Walderdbeeren, die zwischen ihren grünen Blättern so friedlich dalagen, als wenn sie schlummerten.

Und über dem Tisch hing ein dicke Lisakárro— Ampel.

Kaum haben die beiden Zwerge den letzten Pilz aufgegessen, so bringt auch schon die Magd neue Teller herein —  für die Erdbeeren.

Bei Milch und Erdbeeren fängt die Mondfrau zu reden an:

"Krietze und Kratze", beginnt sie, "Ihr wundert Euch wohl sehr, daß Ihr hier plötzlich bei uns seid, nicht wahr?"

"Ja", versetzt Kratze höchst eifrig, "so haben wir uns den Mond doch niemals vorgestellt. Wir dachten immer, der Mond sei nur eine große Kugel —  und weiter Nichts!"

"Kinder, Ihr dürft nur", erklärt die Mondfrau, "ja nicht immer gleich glauben, was die dummen Menschen zu erzählen pflegen. Erstlich mal sind wir gar nicht so weit von der Erde entfernt —  nicht. viel mehr als zehn Meilen ist der Mond von der Erde ab —  alsdann müßt Ihr wissen, daß der Mond nicht eine Kugelform sondern eine Tonnenform besitzt —  das werdet Ihr später schon noch sehen, Außerdem ist Alles, was die Menschen sonst noch über den Mond fabeln, unglaublich dumm!"

"Ei!" entgegnet drauf der kleine Krietze, "das wundert mich nicht wenig —  doch doll! —  wie verhält sich’s denn nun —  im Übrigen mit dem Monde? Ihr lebt hier sehr gemütlich. Lebt Ihr hier ganz allein? Arbeiten müßt Ihr nicht, nein? —  oder doch?

Das Ehepaar lächelt —  so recht verschmitzt.

Der Hausvater stopft sich eine lange Pfeife mit Tabak, gibt Krietzen und Kratzen zwei kleinere Pfeifen —  die drei Männer stecken sich die Pfeifen an —  und der Hausvater beginnt seine wohlvorbereitete Rede —  wie folgt:

"Oh, Ihr Zwerge, Ihr wollt wohl wissen, was wir hier tun. Ich will’s Euch erzählen, Es ist das nicht so einfach. Seht mal! Als der liebe Gott die Erde schuf, da schuf er auch den Mond und setzte uns in den Mond hinein, damit wir auf die Gedanken der Menschen aufpassen sollten. Davon habt Ihr wohl noch nie was gehört —  was?"

Die Zwerge schütteln die Köpfe. Der Hausvater fährt in seiner Erzählung fort:

"Ich habe nun mit meinen Gesellen seit Erschaffung der Erde sorgfältig alle Gedanken der Menschheit gesammelt, auf Flaschen gezogen und hinten in unsrer großen Mondtonne aufgestapelt."

"Ei! " meint da wieder der kluge Krietze, "da habt Ihr wohl nur die klugen Gedanken der Menschen aufgestapelt —  denn alle menschlichen Gedanken zu sammeln, wäre doch ein bißchen mühsam."

Nach diesen Worten schlagen aber Mondmann und Mondfrau mit der Faust auf den Tisch, lachen aus Leibeskräften, daß ihnen die Tränen über die Wangen rollen —  und daß die kleinen Katzen erschrocken mit Miaugeschrei hinter den Ofen flüchten... die beiden Alten lachen, daß die eichenen Wände dröhnen —  und daß die Magd neugierig durchs Schlüsselloch kuckt.

Der Mondmann setzt sich, wie er wieder weniger laut lacht, seine große Hornbrille auf die Nase, qualmt riesige Tabakswolken in die Luft und schreit —  noch immer lachend —  in höheren Tönen als sonst:

"Nee, Kinder, grad’ umgekehrt wird ’n Schuh draus. Wir sammeln zwar so ziemlich alle menschlichen Gedanken —  aber die dummen grad’ mit Vorliebe —  und nur die klugen stapeln wir nicht gleich auf —  die stellen wir in unsren Eiskeller und lassen sie dort so lange stehen, bis sie auch dumm werden."

Die Zwerge schmunzeln —  aber klug sind sie noch nicht aus diesem Gerede geworden.

Kratze äußert zögernd: "So ganz hab’ ich das Alles noch nicht begriffen! Da ist ’ne seltsame Geschichte! Was man nicht Alles erlebt!" Dabei streichelt er seinen Bart und schmunzelt wieder —  das sieht so pfiffig aus —  daß jetzt alle Vier zu schmunzeln beginnen. Die kleinen Katzen wagen sich wieder hinterm Ofen hervor.

Aber wie der Hausvater abermals reden will, fällt ihm seine gute Frau mit der linken Hand die Luft schüttelnd ins Wort, indem sie hochaufatmend ausruft:

"Weißt Du, Vater, geh nur lieber mit unsren Gästen gleich in den Lagerraum! Zeig ihnen auch den Keller! Die kleinen Männer wissen ja noch garnicht, was hier eigentlich los ist!"

Hiernach steht sie auf, reicht Vatern und den beiden Gästen die Hand und sagt "Gesegnete Mahlzeit!"

Das sagen die drei Männer auch.

Und alsdann gehen die Drei zusammen —  mit ihren Pfeifen —  mächtig qualmend —  in den Lagerraum.

Sie gehen draußen erst ein paar Treppen rechts hinauf —  dann links —  dann wieder rechts —  und schließlich kommen sie in einen kleinen Saal, in dem stehen viele leere Flaschen.

Kratze, der immer sehr vorsichtig ist, fragt den Mondmann, ob auch das Rauchen den Flaschen nicht schaden könne.

Der Mondmann erwidert dem Kleinen:

"Du meinst wohl, es seien feuergefährliche Gedanken in diese Flaschen gestopft. Hab nur nicht Angst, in denen ist gar nichts drin."

Und er öffnet eine große Tür, und alle Drei blicken in den großen Lagerraum hinein.

"Donnerwetter!" ruft Krietze, "so groß ist die Mondtonne? Man kann ja gar nicht bis ans Ende sehen! So viele Gedanken haben die Menschen schon gehabt?"

Natürlich lacht der Mondmann, und einige Gesellen, die in der Nähe weiße Zettel auf bunte Flaschen kleben, lachen mit.

Einer von den lachenden Gesellen wird herangerufen; er soll erklären, was hier im Lagerraum aufgestapelt ist.

Er sagt —  und tut schrecklich wichtig:

"Wir haben hier menschliche Gedanken in die Flaschen zu stopfen. Oben seht Ihr das Gewölbe —  da ist Garnichts —  das heißt, da ist nur das Licht, mit dem der Lagerraum erhellt wird. Das Licht macht auch draußen die Mondscheibe hell—  je heller die ist, um so mehr wird hier gearbeitet. Unser Arbeitsraum hat ’ne Röhrenform, daher geht’s an den beiden Seiten schräg rauf, und daher ist es oben rund. Denkt Euch eine Röhre durch ein dünnes Brett in zwei ungleich große Hälften geteilt, das heißt: das Brett müßt Ihr Euch hineingeschoben denken in die Röhre! In dieser geteilten Röhre entspräche der größere Teil der Röhre hier diesem Lagerraum —  der kleinere dagegen dem Eiskeller, der unten unter dem Fußboden liegt. Hier oben stehen nun in langen, terrassenförmig über einander liegenden Reihen zu beiden Seiten dieser Tonnenhalle —  wie Ihr seht —  die Flaschen mit den menschlichen Gedanken —  genau geordnet —  es sind lauter dumme Gedanken... Ihr staunt wohl, wie viel dumme Gedanken auf der Erde ausgedacht sind... Ja! Ja! Es macht das Ordnen sehr viel Mühe!"

Krietze geht jetzt die Treppen runter in den Saal und nimmt neugierig eine Flasche in die Hand. Mondmann und Kratze folgen.

Auf der dunkelblauen Flasche, die Krietze in der Hand hält, sitzt ein weißer Zettel, der trägt die Aufschrift:

"Verbesserte Fußbekleidungsgedanken! "

Krietze, der an Hühneraugen leidet, muß lachen. Aber er wird immer neugieriger und fragt einen andern Gesellen:

"Sagt mir, lieber Freund, was wird denn aus diesen Flaschen —  wozu sind die?"

Der Geselle antwortet mit einer Verbeugung:

"Lieber Herr, die Flüssigkeit in diesen Flaschen wird von uns so lange geschüttelt, bis sie dick wird wie Syrup, diesen Syrup gießen wir in große Steinkruken, die da hinten stehen, und in diesen Stein kruken wird der Syrup bei richtiger Erwärmung schließlich zu Gemüse."

Krietze schaut Kratzen, Kratze Krietzen an, sie schmunzeln verschmitzt und glauben, der Geselle flunkre ihnen nur was vor.

Doch der Mondmann bemerkt tiefernst: "So ist es!"

Das klingt nun so bestimmt, daß die Zwerge nicht mehr zu zweifeln wagen.

Sie gehen oben links durch die Flaschenreihen weiter in den Saal und kommen allmählich an die Steinkruken. Die Gesellen arbeiten überall sehr emsig, lachen nebenbei aber so viel, daß jeder Fremde glauben muß, die Arbeit mache höllisch viel Spaß, Kratze denkt bei sich: "Die dummen Gedanken der Menschen auf Flaschen zu ziehen muß eigentlich auch eine spaßhafte Arbeit sein," Und er will sich gleich beim Mondmann als Handlanger verdingen.

Krietze jedoch läßt Kratzen nicht zu Worte kommen, er fragt jetzt höchst neugierig: "Und was fangt Ihr denn nun mit dem fertigen Gemüse an?"

Der Mondmann lacht abermals und erwidert:

"Das essen wir! "

"Warum eßt Ihr das?" fragt der Kleine weiter.

"Erstlich mal: weil wir doch eben so gut wie die Zwerge und Menschen essen können und essen müssen —  zweitens: weil wir nach dem menschlichen Gedankengemüse schrecklich lustig werden und kräftig lachen können."

Also schallt’s plötzlich dröhnend im Chore von allen Seiten als Antwort...

Da schlägt sich Krietze mit der linken Hand aufs Knie und setzt sich zwischen die Steinkruken auf den Fußboden und fängt —  die Pilze wirken schon —  auch an zu lachen.

Und da lacht denn bald der ganze Lagerraum —  so als wenn fünftausend Löwen heulten —  so schrecklich laut schallt das Lachen durch den weiten schönen Lagerraum.

Das ist aber nur das in der Mondtonne übliche, ganz alltägliche Verdauungslachen nach dem Abendbrot.

Wie man sich endlich so ein wenig beruhigt hat, tragen ein paar Gesellen den Krietze und den Kratze —  dieser lacht jetzt erst —  langsam und behutsam die steilen Treppen zum Eiskeller hinunter, allwo die klugen Gedanken so behandelt werden, daß sie allmählich immer dümmer werden.

Der Mondmann folgt und erklärt hier Alles selbst. Die Gesellen und Burschen müssen stille sein.

"Seht, Kinder", donnert er mit seiner lauten Baßstimme, "dies hier ist meine Strafanstalt. Wer sich oben all zu laut benimmt, wird hier nach unten geschickt zu den klugen Gedanken. Bei denen hört das Lachen von selbst auf. Nun —  allzu lange braucht Niemand hier zu bleiben, aber die Arbeit hier unten will doch auch getan sein. Krietze, Du kluger —  und Kratze, Du vorsichtiger kleiner Mann —  wißt Ihr nun schon, weswegen wir so sorgfältig mit den Gedanken der Menschheit umgehen?"

"Na?" fragt Krietze.

"Nee, Kinder, hört! " braust da der Mondmann auf, "begreift Ihr denn nicht, daß wir bloß deswegen die menschlichen Gedanken auf Flaschen ziehen, um daraus Gemüse zu machen? Wir haben’s doch vorhin schon deutlich genug gesagt! Was sollten wir nur anfangen, wenn wir uns nicht vom menschlichen Gedankengemüse ernähren könnten? Wir würden womöglich sterben! Wir haben doch nichts Andres zu essen —  und essen müssen wir doch auch! Wir leben ja nur von dem Gemüse! Das ist ja unsre einzige Nahrung! Die aber macht lustig! Die erhält frisch! Die scheucht den Trübsinn! Und —  daher die Umstände! Für erst eine Nahrung würden wir uns nicht so quälen. Das menschliche Gedankengemüse ist wohl für uns das, was für die Menschen das tägliche Brot ist —  aber unser Gemüse ist besser als das tägliche Brot der Menschen. Die dummen Gedanken bekommen uns immer vortrefflich. Wir werden immer lustiger da—  nach! Der liebe Gott verlangte allerdings anfänglich, ich sollt’ mit meinen Gesellen bloß auf die menschlichen Gedanken aufpassen —  und sollte nur die klugen sammeln und von den klugen unser Gemüse zubereiten —  das tat ich aber nicht —  denn ich hab’ immer meinen Kopf für mich —  ich sammelte hauptsächlich die dummen Gedanken und machte grad’ aus den dummen unser Gemüse!... ließ übrigens das Aufpassen —  Aufpassen sein. Und der liebe Gott war am Ende gar nicht böse deswegen. Nur die dummen Gedanken der Menschen machen Spaß —  nur die dummen sind leicht verdaulich! Das haben alle die, die in der Welt was zu sagen haben, längst eingesehen. Das Gemüse aus den dummen Gedanken —  das ist doch ’ne Nahrung! Wie unglücklich wär’ ich, wenn’s keine menschlichen Dummheiten gäbe —  ich stürbe ja vor langer Weile —   ich könnt’ ja mein Lebtag nicht mehr lachen! Von den klugen Gedanken kann man sich beim besten Willen nicht vernünftig ernähren —  die machen ja trübsinnig und liegen Einem wie kleine Steine auf dem Magen!"

Alle schmunzelten vergnügt. Und die beiden Zwerge verstanden den Mondmann —  ganz genau verstanden sie ihn —  plötzlich war ihnen ein Licht aufgegangen! Alles war zum Lachen! Krietze hatte ein ganz klein wenig schon oben bei den Gemüsekruken begriffen, als er sich hinsetzen mußte, um sich auszulachen.

Jetzt war Alles klar!

Alles war zum Lachen!

Die Zwerge betrachteten die klugen Gedanken, die da in großen Schüsseln neben einander standen, mit verständnisvollster Gebärde —  wie erhaben kamen sich die beiden Kleinen vor!

Wahrlich —  die breiigen, mehligen Suppen, die hier "kaltgestellt" waren, sahen nicht sehr einladend aus —  mit den klugen Gedanken konnte man nicht viel anfangen —  die waren ja langweilig.

Krietze sagte das ebenfalls —  und die Gesellen stimmten kopfnickend zu, gingen verdrossen wieder an ihre Arbeit, während der Mondmann mit Krietzen und Kratzen langsam durch den Eiskeller zurückwandelte —  seinen Wohnzimmern zu.

Unterwegs hielt der Mondmann noch einmal an, nahm auf einem alten Fasse Platz, setzte sich Krietzen aufs rechte und Kratzen aufs linke Knie und flüsterte den Kleinen was ins Ohr.

Er erzählte ihnen ganz heimlich, daß seine Frau demnächst Geburtstag habe —  und daß er ihr zum Geburtstag ein neues Gemüse schenken wolle.

"Nun müßt Ihr mir helfen", fuhr er fort, "Ihr müßt die Menschen verführen, ganz neue Dummheiten auszuhecken. Wollt Ihr das? Na, wollt Ihr? Deswegen hab’ ich Euch nämlich herkommen lassen. Ihr versteht —  nicht wahr?"

Hui —  da kicherten die kleinen Zwerge, und sie versprachen feierlich, den Menschen ordentliche Dummheiten beizubringen. Und Krietze sowohl wie Kratze taten sehr eifrig, sie setzten dem Mondmann auseinander, daß sie ganz besonders berufen seien, Dummheiten auszuhecken —  die Menschen sollten schon neue Dummheiten begehen —  oh —  ganz neue —  daran zweifelten die Zwerge nicht.

"Das wäre noch schöner", prahlten sie, "wenn wir den Menschen nicht einmal ein paar ordentliche Dummheiten aufreden könnten —  das können wir Gott sei Dank noch alle Tage."

Nun —  es war gut —  der Mondmann glaubte den Kleinen, freute sich und ging mit ihnen zu seiner Frau zurück.

Alle Drei dachten unterwegs nur noch ans neue Geburtstagsgemüse, sie schmunzelten, trugen ihre Pfeifen unterm Arm —  und weder Krietze und Kratze —  nicht einmal der Mondmann —  dachte daran, die Pfeifen wieder in Brand zu stecken —  die drei Köpfe der drei Männer waren so ganz voller Dummheiten, daß jeder einigermaßen vernünftige Gedanke im Augenblick ganz undenkbar in diesen drei Köpfen sein mußte.

Etwas später unterbricht ein älterer Geselle die Stille des Nachdenkens durch eine Verbeugung.

"Meister Mondmann", flüstert er, "die Frau Meisterin schläft schon, sollt’ ich sagen."

"Dann", versetzt der Meister, "wollen wir uns allein auf unsren Altan begeben. Bring’ mal gleich ein paar Flaschen Wein hinaus! Den Alten! Wir wollen mal unsren Gästen was Besondres —  was ganz Feines vorsetzen. Das Abendbrot war sowieso ein bißchen einfach —  nur Köhlergedanken! "

Die Zwerge widersprechen der letzten Bemerkung, aber der Mondmann hört nicht drauf.

Der Geselle bringt den Wein, und bald sitzt der lustige Meister mit Krietzen und Kratzen auf dem Mondaltan —  vor vollen Gläsern —  in traulichster Stimmung. Die Drei rauchen und trinken und —  werden natürlich schrecklich lustig.

Die Erde liegt unter ihnen wie ein Teller.

Auf den Weinflaschen bemerken die Zwerge kleine rote Zettel —  auf den Zetteln steht —  in goldenen Buchstaben:

"Weltverbesserungsgedanken"

Krietzen kommt das natürlich wieder seltsam vor, und er fragt den mächtig qualmenden Wirt:

"Kann man denn aus dem menschlichen Gedankengemüse auch Wein machen?"

Der Mondmann lacht diesmal nicht —  er trinkt, raucht und träumt —  träumt so vor sich hin, indem er auf die Erde hinabblickt. Nach einer Weile spricht er dumpf und tief:

"Seht nur! Wenn ich manchmal hier sitze und so die Menschheit mit ihren Gedanken überschaue, so sehe ich doch auch einige Gedanken, von denen man gewöhnlich nicht sagen kann, ob sie nun eigentlich klug oder eigentlich dumm genannt werden müßten... und diese Gedanken sind die "Weltverbesserungsgedanken" —  die stell’ ich mir immer bei Seite —  und wenn diese Gedanken einige Zeit richtig gelagert haben, so werden sie zu Wein. Dieser Wein ist das Feinste, was wir hier auf dem Monde haben, Trinkt ihn, Kinder —  und redet nicht! Denkt aber ja nicht darüber nach, ob Ihr was Kluges oder was Dummes vor Euch habt! Trinkt! Trinkt!"

Und die Drei tranken.

Sie rauchen aus ihren langen Pfeifen und schauten auf die Erde hinab.

Die Drei tranken, rauchten und schwiegen.

Sie machten sich sonderbare Gedanken über die menschlichen "Weltverbesserungsgedanken".

Kratze dachte des Öfteren; "Ob unser Wirt auch meine Gedanken auf Flaschen ziehen wird?"

Doch er behielt den Gedanken wie so manchen andern stumm in seiner Brust, um nicht zu stören.

Krietze blieb ebenso zurückhaltend, obgleich’s ihm schwer ward.

Die Drei tranken zwölf Flaschen.

Dann aber graute der Morgen, Die Mondfrau brachte noch Kaffee. Indeß —  die Hände der Zwerge zitterten... zitterten —  besonders, als sie ein Gebäck zum Munde führten, daß mit "Künstlergedanken" gefüllt war..... und.... und... mittlerweile .. kam der knallrote Luftballon wieder herunter.

Mondmann und Mondfrau sagten Krietzen und Kratzen freundlich: "Na! Auf Wiedersehen!"

Der Wirt qualmte wieder mächtige Tabakswolken in die Morgenluft und ermahnte noch seine kleinen Gäste, ja nicht ihr Versprechen zu vergessen.

Die Zwerge riefen lustig "Nee! Nee!" stiegen in ihre Gondel, grüßten noch einmal zurück und schaukelten weinselig in die Tiefe hinab. Sie sahen die Erde ringsum schon ganz hell, die Sonne stieg tiefrot aus qualmigen Wolken empor. Und bald hörten die kleinen Zwerge kleine Lerchen zwitschern.

Bald stand auch die Gondel wieder auf dem Erdboden, Der unheimliche Geselle mit den grünen Katzenaugen —  des Mondmanns Hausknecht —  kam heran, setzte die Zwerge schnell auf eine taufrische Landstraße —  schmiß danach einen großen Sack mit den neusten menschlichen Gesetzbüchern in seine Gondel und fuhr ohne Gruß in die Luft hinauf.

Krietze und Kratze faßten sich aber an die Hand und gingen heiter in die nächste große Stadt —  um dort die Menschen zu veranlassen —  ganz unglaubliche Dummheiten auszuhecken..............................................................................

Krietze und Kratze dachten eifrig über die neuen Dummheiten nach —   denn die Mondfrau mußte unter allen Umständen zum Geburtstag ein neues Gemüse haben —  dazu mußten die Menschen neue Dummheiten machen —  sie mußten... das verstand sich für Kratzen sowohl wie für Krietzen ganz von selbst.

Die beiden Zwerge kamen sich fast bedeutend vor —  und die Menschen ahnten nicht —  was sie wieder sollten —  manche Menschen glaubten schon, genug Dummheiten ausgeheckt zu haben... aber sie dachten eben nicht an den Geburtstag der guten Mondfrau.

Bilder von Paul Scheerbart


Fritz, der Schweinejunge

Eine lehrreiche Geschichte

aus: das Lachen ist verboten

 

Das hatte man den großen Spöttern immer gesagt. Aber sie wollten nicht hören. Sie wollten an die Gefährlichkeit der Dummheit nicht glauben.

Die Dummheit wird doch immer noch unterschätzt.

Wie gewöhnlich saßen die Spötter auch in der Sylvesternacht in der Prachtgondel ihres Luftballons. Sie waren hoch in den Wolken so recht fidel, denn die Prachtgondel war natürlich fein säuberlich mit dicken Glasscheiben auf allen Seiten zugeschlossen.

Um zwölf Uhr nachts sollte natürlich der Punsch mit den Kalbskotelettes nach oben geschickt werden.

Fritz, der Schweinejunge, sollte den Korb hinaufschicken.

Der Ballon mit der Prachtgondel war mit fünf festen, sehr langen Stricken unten angebunden.

Und da es Sylvesternacht war, schien es ganz natürlich, den Schweinejungen Fritz mit dem Korbe bei den fünf Stricken allein zu lassen.

Es schlug halb zwölf, und der Fritz sah, daß ihn kein Mensch beaufsichtigte.

"Ih!" dachte er, "wozu sollen die dummen Spötter da oben so viel Punsch trinken?"

Und er nahm eine Flasche aus dem Korbe und trank sie zur Hälfte aus.

"Ih!" dachte er, "die schmeckt ganz gut. Die andern Faschen werden nicht schlechter schmecken —  und die Kalbskotelettes?"

Er sann ein bißchen nach und machte dann die Stricke vorsichtig los und ließ den Luftballon davonfahren. Den Korb versteckte er hinten im Busch. Und dann rief der dumme Schweinejunge:

"Hilfe! Hilfe! Hilfe!"

Und dann kamen die Andern und sahen, daß der Luftballon fort war —  die Andern waren natürlich nicht ganz nüchtern —  denn es war ja Sylvesternacht, Und so schöpfte keiner Verdacht..

Und Fritz, der Schweinejunge, aß nach einer kleinen Stunde gemütlich seine Kalbskotelettes und trank seinen feinen Punsch dazu.

Die großen Spötter fuhren durch Schnee und Regen im Monden— Schein durch die herrliche Sylvesternacht —  hatten aber nichts zu essen und nichts zu trinken.

"Verfluchte Zucht!" schrien sie im Chore. Aber das half nichts. Fritz aß und trank und lachte die Spötter aus.

Ein dummer Schweinejunge ist fast immer zugleich auch ein verfluchter Schweinehund.

Hei! Da schaukelten die Spötter hoch in der Luft, denn der Luftballon war mit ihnen durchgegangen. Das kam davon! Die Spötter wollten dem dummen Schweinejungen niemals die Ehre antun, seine Schweinewege zu verfolgen.

Da schaukelten sie jetzt oben in der Luft —  ohne Speise und ohne Punsch —  daran labte sich der unverschämte Fritz.

Die Spötter hätten sich gleich um acht Uhr Abends den Punsch und die Kalbskotelettes hinaufschicken lassen sollen. Dann wäre das Unglück nicht passiert.

Man sollte sein Nachtessen nie aus den Augen verlieren —  denn Schweinejungen gibt’s überall.

Bilder von Paul Scheerbart


Der kluge Frosch

Eine Wiesen— Fabel

aus: das Lachen ist verboten

 

"Unglaublich!" sagte der Spatz zum Frosch, "was sich diese Menschen mit ihren FIinten jetzt schon einbilden. Sie schießen auf uns mit einer Dreistigkeit los, als wenn wir gar keinen Schnabel hätten!"

Der Frosch nickte mit seinem dicken Kopf und meinte bedächtig:

"Ich sage Dir, lieber Freund, mit den Störchen ist’s genau so! Die bilden sich sogar ohne Flinten alle Tage mehr ein!"

"Kann man Nichts dagegen machen?" meinte nach einer Weile der Spatz, der sich sehr ärgerte.

Beide besannen sich —  sie saßen auf einer Wiese, und es ward wieder mal Abend auf der Erde.

Da sagte der Frosch:

"Quaken!"

Und er quakte, und alle seine Verwandten quakten mit.

Der Spatz aber flog verdrossen fort —  er konnte ja nicht quaken.

Der Frosch lächelte nachher.

Der Spatz aber konnte sich nicht beruhigen, er ärgerte sich immerfort über die eingebildeten Menschen, schimpfte auf ihre Flinten und ruinierte den guten Ruf des Menschengeschlechts ganz und gar.

Doch half das was?

Nein!

Der Frosch war viel klüger.

Gegen die Unverschämtheit hilft nur ein lustiges Gequake, aus dem klingt immer so froh heraus:

"Feind, wie piepe bist Du mir!"

Diese Wendung ärgert tatsächlich die unverschämten Bösewichter am allermeisten.

Und es kommt doch nur darauf an, daß man diejenigen, die uns ärgern —  auch ein wenig ärgert.

Quak’, mein Söhnchen! Quak’!

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Die gebratene Ameise

Arbeitsspaß

aus: das Lachen ist verboten

 

Bei den fleißigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte: Die Ameise, die in acht Tagen an meisten gearbeitet hat, wird am neunten Tage feierlich gebraten und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist.

Die Ameisen glauben, daß durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der Fleißigsten auf die Essenden übergehe.

Und es ist für eine Ameise eine ganz außerordentliche Ehre, feierlich am neunten Tage gebraten und verspeist zu werden.

Aber trotzdem ist es einmal vorgekommen, daß eine der fleißigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch folgende kleine Rede hielt:

"Meine lieben Brüder und Schwestern! Es ist mir ja ungemein angenehm, das Ihr mich so ehren wollt! Ich muß Euch aber gestehen, daß es mir noch angenehmer sein würde, wenn ich nicht die Fleißigste gewesen wäre. Man lebt doch nicht bloß, um sich totzuschuften!"

"Wozu denn?" schrien die Ameisen ihres Stammes —  und sie schmissen die große Rednerin schnell in die Bratpfanne —  sonst hätte dieses dumme Tier noch mehr geredet.

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Der Weg zur Schlachtbank

Rede eines Ochsen

aus: das Lachen ist verboten

 

"Ich bin ein großes Tier und ein gutes Tier, Ich weiß, wohin man mich führt, Und ich habe auch nichts dagegen. Ich bin der wahre Wohltäter der Menschheit. Ihr gehört mein Herz —  ihr gehören auch meine Nieren und meine Schinken —  und meine Knochen mit dem herrlichen Mark! Daß man mich nicht so ehrt wie andere Wohltäter, macht mir nichts aus. Auf Dank hab’ ich nie gerechnet. Daß man mich aber noch schlägt mit dem Ochsenziemer —  halte ich für gemein. Muß ich auch noch zum Märtyrer werden? Wozu?"

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Unter wilden Tieren

Eine Verzweiflungsgeschichte

aus: das Lachen ist verboten

 

Zwei gute Menschen kamen durch einen verwüsteten Park, in dem viele wilde Tiere hausten.

Eines Morgens griff ein Leopard den einen guten Menschen zähnefletschend an.

Doch der zweite Mensch nahm einen Stein und schlug den Leopard —  tot.

Wie das der andre gute Mensch sah, entsetzte er sich und sprach voll Abscheu: "Mörder! "

Doch der "Mörder" hielt es nicht für gut, hierauf was zu sagen.

Nicht lange danach griff nun ein Pavian den andren guten Menschen an, Und dieser andre gute Mensch nahm ohne Weiteres seinen Stock und schlug mit dem den Pavian —  tot.

Der erste gute Mensch sah das, lächelte sehr fein und sprach jetzt auch das Wörtchen: "Mörder!" recht vernehmlich aus.

Die guten Menschen standen still, sahen sich verwundert an, waren ernst, schüttelten sich aber nach einer Weile schmunzelnd die Hände.

Und der Erste meinte:

"In einem verwüsteten Park, in dem wilde Tiere hausen, kann man nicht zu allen Zeiten ein guter Mensch sein!"

"Da hast Du ganz recht", versetzte der Zweite —  und ihm tat’s leid, daß er so abscheuvoll den Ersten "Mörder" genannt hatte.

Darauf frühstückten die Beiden in Eintracht und Gemütlichkeit.

Nach dem Frühstück zogen sie ihre Spielkarten aus der Tasche und begannen zu spielen.

Und alsbald rief der Zweite von den beiden guten Menschen ein bißchen symbolisch:

"So! —  Trotzdem ist Couer Trumpf und nicht Pique!"

Und ein sanftes Säuseln ging durch den verwüsteten Park.

Die schlanken Tannen schwankten —  so froh bewegt.

Die wilden Tiere horchten...

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Der grimmige Igel

Weisheitsidyll

aus: das Lachen ist verboten

 

"Ja!" sprach der Igel zum Maulwurf, "diese dummen Menschen bilden sich wirklich was auf ihr Lachen ein. Als wenn das was Besondres wäre!"

"Längst überwundener Standpunkt!" flüsterte der kluge Maulwurf, "das Lachen haben wir nicht mehr nötig!"

Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind, und der Igel fuhr fort:

"Als wenn das Lachen was Besondres wäre! Du lieber Himmel! Nichts als Zerstörungslust! Nicht als Zerstörungslust!"

"Jawohl", flüsterte der kluge Maulwurf, "alles Lachen ist ja eigentlich nur ein Auslachen. Und wer was auslacht, der möchte das, was er auslacht, gern vernichten."

Da ward der Igel gräßlich grimmig, denn er haßte die Zerstörer.

"Ich will den Menschen das Lachen austreiben!" schrie er ganz bleich vor Zorn.

Und er ging hin und stach einem unschuldigen Arbeitsmann in die Hühneraugen.

Der Maulwurf mußte lachen.

Den Igel aber schlug der Arbeitsmann mit seiner Axt entzwei.

"Nichts als Zerstörungslust!" flüsterte der Maulwurf.

Durch den Wald rauschte ein angenehmer Abendwind...



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Heiliger Klimbim

aus: das Lachen ist verboten

 

Die Nachtfröste kamen eines Abends auf dem großen Kaninchenhof der tiefen Entrüstung zusammen.

Der Königsbrunnen plätscherte, und die Orgelpfeifen lamentierten wie junge Hunde, die ihr Lebtag noch Nichts zu essen bekommen haben. In der Gesindestube aß man trocknes Brot.

"Die Erde ist", begann der stärkste Nachtfrost, "weich wie ein verfaultes Nachthemd —  wir wollen ihr die richtigen Flötentöne schon beibringen, Auf!"

"Auf!" schrien nun auch die anderen Nachtfröste.

Und der alten Erde ward bald anders.

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Atlas der Gemütliche

Ein Humanitätsmythos

aus: das Lachen ist verboten

 

Vor vielen hundert Jahren lebten im alten Indien verschiedene graubärtige Philosophen —  die wollten den Krieg abschaffen.

Sie hatten lange darüber nachgedacht, wie diese Abschaffungsgeschichte wohl anzufangen sei. Doch sie konnten nicht einig werden.

Da schlug schließlich ein buckIiger Philosoph vor, den griechischen Atlas zu besuchen und ganz dreist um Rat zu fragen.

Atlas lebte am Erdrande und trug das Himmelsgewölbe.

Die indischen Philosophen hörten sich die Rede ihres buckligen Freundes ruhig an, überlegten ein wenig und erklärten dann sämtlich, daß des Buckligen Rede garnicht ÜbeI sei und daß sie wohl geneigt seien, Atlassen einen Besuch abzustatten —  besonders da sich Atlas schon damals seiner Gemütlichkeit wegen eines guten Rufes erfreute.

Die Philosophen mieteten demnach ein kleines Schiff, stiegen hinein und sahen, da ihnen der Wind sehr günstig war, nach ein paar Monaten den gemütlichen Atlas von Angesicht zu Angesicht.

Atlas wohnte auf einem Berge, und er kam, als die Philosophen seinen Namen riefen, sofort herunter.

Die Philosophen dachten zuerst, jetzt müßt’ ihnen gleich das ganze Himmelsgewölbe aufs Haupt fallen, da Atlas das Gewölbe nicht mit herunterbrachte —  sie duckten sich ängstlich.

Indeß der gemütliche Riese beruhigte die weisen Inder, wies auf ein paar hohe Säulen, die auf der Spitze seines Berges hoch in die Wolken ragten, und sagte schmunzelnd;

"Liebe Freunde, beunruhigt Euch nicht! Ich habe dort oben das Himmelsgewölbe schon vor längerer Zeit auf ein paar starken Säulen mit der Kante aufgelegt. Die Säulen halten schon, seid unbesorgt! Den ganzen Himmel immerfort auf meinen Schultern zu tragen, war mir doch allzu Iästig. Ich hab’s lange genug getragen, Ich habe das Schwerste ertragen. Ich paß jetzt nur auf, daß mir Keiner an die Säulen rangeht —  das Aufpassen ist viel gemütlicher als das ewige Stillstehen mit der Last auf dem Buckel."

Die Philosophen nickten verständnisinnig, verließen ihr Schiff und erzählten Atlassen, was sie wollten.

Wie Atlas Alles gehört und auch verstanden hat, macht er ein sehr verblüfftes Gesicht.

Dann ruft er sehr laut:

"Kinder! Kinder! Ihr seid ja noch nicht gemütlich! Nee —  so was! Den Krieg wollt Ihr abschaffen? Ihr! Es ist nicht zu sagen! Na —  wißt Ihr, wie Ihr’s machen müßt, wenn Ihr den Krieg abschaffen wollt? —  Eigentlich ist es ganz einfach: Ihr müßt nur die reichen Leute abschaffen, dann hört jeder Krieg ganz von selber auf. Aber —  aber — "

Die Philosophen sehen sich groß an, denken wieder ein bißchen nach, bringen den linken Zeigefinger an ihren linken Nasenflügel und nicken nach einer kleinen Weile noch einmal mit den alten grauen Köpfen.

Der Bucklige findet zuerst die Sprache wieder —  er tut so, als hätt’ er allein die große Frage gelöst und redet folgendermaßen:

"Seht Ihr! Seht Ihr! Nun wissen wir’s endlich, wir wir’s machen müssen! Atlas, ich bin ganz Deiner Meinung! Du bist viel klüger als ich dachte —  glaub’s mir! Was Du uns sagtest —  das wollt’ ich auch schon immer sagen. Wir werden gleich nach Hause fahren und die reichen Leute abschaffen —  das wird schon helfen! Ja —  ja —  das wird schon helfen. Denn —  wenn das Geld fort ist, dann ist auch der Krieg fort. Na natürlich!"

Die Andren stimmen dem Buckligen bei, und Alle wollen gleich wieder das Schiff besteigen.

Da spricht indessen der gemütliche Riese —  plötzlich —  sehr salbungsvoll:

"Liebe Freunde! So einfach ist das doch nicht! Wartet! Wartet! Was wollt Ihr tun? Habt Ihr gar kein Mitleid? Ihr seid noch nicht gemütlich geworden! Ihr habt noch kein Himmelsgewölbe getragen! Ihr wollt die reichen Leute wirklich abschaffen? Ih, nein! Seht! Die leben jetzt so ruhig und angenehm. Wir könnt Ihr nur so grausam sein und die reichen Leute in ihrem ruhigen und angenehmen Leben stören wollen? Ihr wollt den reichen Leuten wehe tun! Oh! Oh! Seid gemütlich und tut das nicht! Um des lieben Friedens willen, den Ihr doch so sehr liebt, tut das ja nicht!"

Da sahen sich denn die alten indischen Philosophen wieder ganz ratlos an wie früher und wußten nicht, was sie sagen sollten.

Der Bucklige meinte kleinlaut:

"Wie sollen wir d e n n den Krieg abschaffen, wenn wir die reichen Leute nicht abschaffen sollen? Atlas, ich muß mich sehr wundern!"

Der gemütliche Riese fuhr nun in seiner Rede, ohne den Buckligen zu beachten, mit den folgenden Worten fort:

"Lieben Freunde! Seid human! Wer wie ich das Schwerste tragen lernte, bleibt immer gemütlich. Lernt von mir! Geht nach Haus und sagt den reichen Leuten, sie möchten sich selber des lieben Friedens wegen abschaffen —  dann braucht Ihr’s nicht zu tun —  und der Krieg ist ohne Weiteres auch abgeschafft. Seid gemütlich! Übt Euch im Tragen und Ertragen —  dann werdet Ihr gemütlich! Die größten Vertreter der Humanität, zu denen Ihr Euch doch auch zählt, müssen gemütlich sein!"

Das leuchtete —  allerdings erst nach einiger Zeit —  ganz allmählich —  fast wider ihren Willen —  den Philosophen ein.

Und sie fuhren alsdann nachdenklich nach Haus und schrieben dort lange Briefe an die reichen Leute, verteilten auch dicke neue Bücher über den Krieg und über den Frieden an die behäbigen reichen Leute und überraschten dadurch alle Welt.

Sie waren sehr tätig —  die Philosophen.

Na —  die reichen Leute nahmen sowohl die dicken Bücher wie die langen Briefe, in denen sie freundlichst aufgefordert wurden, sich selber —  oder mindestens ihren Reichtum —  abzuschaffen, freundlichst an.

Die Philosophen waren ja so berühmt und angesehen!

Und Atlas, dem Gemütlichen, ward bald ein Denkmal in dem alten Indien gesetzt —  ein Denkmal!

Und einige reiche Leute schenkten sogar einen Teil ihres Reichtums den klugen Philosophen!!!

Und darüber haben sich die beschenkten Philosophen sehr gefreut.

Und sie haben für das Geld noch viel mehr Bücher über den Krieg und über den Frieden geschrieben, denn sie wollten auch ihrerseits alles Mögliche tun, um den Reichtum zu vernichten... war schließlich kein Geld mehr zum Kriegführen da, so hörte ja das Kriegführen ganz von selbst auf. Der Krieg war dann selbstverständlich —  wie gesagt —  unmöglich.

Das Geld konnte demnach nicht schnell genug für Bücherschreiben, Bücherdrucken, Agitation, Reklame und ähnliche Geschichten verpulvert werden.

Außerdem warteten die Philosophen geduldig darauf, daß sich die reichen Leute selber abschafften —  selbstverständlich! —  das war ja der Hauptplan!

Da jedoch die alten Weisen mit der Zeit lernten, sich in Geduld zu fassen, zu tragen und zu ertragen, so wurden sie allmählich auch gemütlich —  fast so gemütlich —  wie der alte Atlas.

Die reichen Leute dachten natürlich über die Abschaffung ihrer werten Persönlichkeit und ihres noch werteren Reichtums in tiefster Gemütsruhe öfters nach. So schnell konnten sie sich nicht dazu entschließen.

Und sie schoben die Abschaffungsgeschichte natürlich immer wieder auf.

Sie waren ja ebenfalls sehr geduldig mit der Zeit geworden, sie hatten’s auch gelernt, zu tragen und zu ertragen.

"Jeder hat sein Teil!" dachten schließlich die guten reichen Leute.

Und Alles blieb "eigentlich" beim Alten.

Und die alten Grauköpfe —  die Philosophen —  die Friedensstifter —  die starben währenddem in Frieden.

Sanft ruht ihre Asche...

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Die Witzblattredakteure

aus: das Lachen ist verboten

 

In München soll im vorigen Monat eine Versammlung sämtlicher Witzblattdredakteure Deutschlands stattgefunden haben. Und in dieser Versammlung, die unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit tagte, beschloß man, für die Folge alle Witze, die sich gegen den Militarismus richten, nur nach "gemeinsamer" Prüfung abzudrucken.

Die Witzblattdredakteure zeigen ein bewunderungswürdiges Solidaritätsgefühl; man will nur noch ganz harmlose Witze gegen den Militarismus bringen —  da es den Witzblattredakteuren ganz klar ist, daß sie sämtlich ihre Situation verlieren, sobald der Militarismus in der jetzt bestehenden Form beseitigt wäre; wer die Veranlassung zu dieser "Schonung" unseres Militärs gegeben hat —  das weiß man leider nicht.

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Das Lachen ist verboten.

aus: das Lachen ist verboten

 

..... "Treten Sie leise auf", sagte der Herr Kasánek, "hier versammeln sich die heimlichen Könige der Erde. Und —  das Lachen ist verboten."

"Ja", erwiderte ich ebenso leise, "ich bin ja gerne bereit, den ganzen Zauber mitzumachen, aber..."

"Mein Herr", flüsterte nun Herr Kasknek zischend, "vergessen Sie nicht, wo Sie sich befinden: im nächsten Saale versammeln sich die heimlichen Könige der Erde. Solche Worte wie, ganzer Zauber’ sind hier verpönt. Man spricht nicht wegwerfend über ein Zeremoniell, dem ein tieferer Sinn innewohnt."

"Na denn", erwiderte ich immer noch leise, "führen Sie mich nur hinein in die gute Stube."

Herrn Kasanek traten Tränen in die Augen, und er rang die Hände hoch überm Kopfe, und er sagte ganz leise, doch mit durchdringendem Akzent: "Sie dürfen unter keinen Umständen mehr ein einziges Wort sprechen. Sie sind hier nicht zu Hause, Die heimlichen Könige sollen Sie hier sehen —  aber fernab sollen Sie bleiben, auf der Galerie. Gute Stube! Nun —  Sie werden Augen machen. Wehe Ihnen, wenn Sie lachen! Wehe Ihnen, wenn Sie ein Wort sprechen! Sie sind eine Leiche!"

Ich wollte etwas sagen, doch ich verkniffst mir.

Herr Kasanek führte mich auf die Galerie und bot mir einen Stuhl an in einer Ecke.

Ich wollte noch fragen, ob das Rauchen auch verboten sei. Doch Herr Kasanek war schon fort. Und ich steckte mir umständlich eine Zigarre an. Doch da kamen gleich drei Diener zur gleichen Zeit, entrissen mir die Zigarre und verschwanden lautlos, wie sie gekommen waren.

Also: das Lachen ist verboten... und das Reden ebenfalls und das Rauchen desgleichen.

Und nun sollte ich die Gesellschaft der heimlichen Könige kennenlernen —  ein Geheimbund! Eigentlich polizeilich verboten —  aber die Arrangeure sind sehr reich, und sie haben sich um irdische Verbote nicht zu kümmern.

Daß Derartiges in dem phantastischen Berlin möglich ist!

Aber nun der Saal!

Zwölf sehr stark erhöhte Thronsessel an einer langen Tafel! Und über jedem Thron ein Baldachin. Unten in der Tiefe, vom Thron aus nicht zu erreichen, befindet sich die Tafel!

Die zwölf heimlichen Könige kommen herein. Sehr gut gekleidete Jünglinge mit stilvollen Krawatten und ganz hohen Kragen. Alles sehr feierlich, Man begrüßt sich durch ein sanftes Beugen des Hauptes.

Ich denke immer wieder an das Eine: das Lachen ist verboten...

Man nimmt Platz unterm Baldachin. Und ich bin neugierig auf das, was gesprochen werden wird. Ich vermisse Zepter und Reichsapfel, Krone und Hermelin. Die Herren sind offenbar in Zivil.

Da sagt der eine mit milder Stimme zu seinem Nachbar:

"Ich habe noch niemals Stiefel mit Schnürsenkel getragen."

Und ganz von ferne sagt ein anderer dazu: "Wir wollen über den Ersatz der Servietten reden. Das ist das Wichtigste."

Alles schweigt.

Und dann steigt langsam die große Tafel höher, so daß die zwölf Könige —  zulangen können.

An Stelle der Servietten liegen hellgelbe Schwämme in blauen Schalen hinter jedem Besteck.

Ich werde sehr höflich, aber sehr dringlich gebeten, jetzt die Galerie zu verlassen. Ich will was sagen, erinnere mich aber rechtzeitig an das Verbot. Besonders: das Lachen ist verboten...

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Der Revolutionär

aus: das Lachen ist verboten

 

Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund; er beklagte täglich —  beinahe stündlich —  das große Unglück, das durch den Krieg in die Welt kam.

Und Lehmann beschloß, alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen; in einem Rundschreiben, das er für sein eigenes Geld drucken ließ, bat er alle seine Kollegen inständigst, der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung, sondern nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen.

Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht, und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille; die Leiter der Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich, daß derartig revolutionäre Rundschreiben auch in den Kreisen, die der Regierung nahe stehen, gelesen werden könnten.

Und man beschloß im Volksschulratsgebäude, gleich ganz energisch vorzugehen.

Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt, und Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt.

Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung; es ging ihm immer schlechter, und seine Frau wurde täglich —  beinahe stündlich —  immer erregter.

Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot auf der Straße liegen.

Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte garnicht mehr ordentlich denken.

Auf einem großen Platze der Großstadt, mitten unter unsäglich vielen geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann, der Menschenfreund, plötzlich ganz furchtbar laut an zu lachen.

"Nein!" rief er dann immer noch lachend, "es kommt doch eigentlich auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht an. Der Krieg ist eine ganz vortreffliche Einrichtung."

Und er ging lächelnd in die Destillation, die dicht neben dem Hause lag, in dem sich seine Wohnung befand —  und in der Destillation lächelte er immerfort, daß es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel.

Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde, lächelte er immer noch.

Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf, das Lokal zu verlassen.

 


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Der Todesrausch

Eine Mückenphantasie

aus: das Lachen ist verboten

 

"Komm an die Lampe!" schrie selig die kleine Zippa.

Ihre Flügel flatterten, und zweihundert Mücken vernahmen den Ruf und folgten der keinen Zippa —  selig —  ohne Besinnen.

Bei der Lampe, die von einem grünseidenen Lampenschirm umhüllt war, saß ein alter Mann und aß sein Abendbrot.

Da kam die kleine Zippa mit den zweihundert Mücken —  und der Zippa ward ganz toll zu Mut.

"Sterben! Sterben ist doch das Süßeste im Leben! Sterben wollen wir jetzt! Sterben!"

Und alle Mücken schrien das der Zippa nach.

Mit seligem Gelächter flogen sie gegen den heißen Cylinder, und bald lagen alle zappelnd neben dem Abendbrot des alten Mannes.

Der wollte die Sterbenden schnell töten, damit sie nicht so lange zu leiden hätten.

Aber Zippa rief lachend, während sie sich ihre verbrannten Flügel abscheuerte:

"Laß sein! Wir sterben ja so gern! Das Sterben ist ja so schön!"

Und die sämtlichen sterbenden Mücken schrien es wieder der Zippa nach.

Und Alles lachte —  und —  starb.

Der alte Mann aß weiter.

Er hatte Hunger.

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Zahlenglück

Eine Seephantasie

aus: das Lachen ist verboten

 

Wie das brodelt, und wie das zischt, und wie das summt, und wie das rumort!

Und der Vollmond glitzert und blitzt übers weite Meer.

Aus dem rauschenden wogenden Meere steigt der Glückskrater heraus; das ist ein imposanter Felsenkomplex, der Feuer speit —  wie ein abgestochener Drache.

Und dampfen tut der Glückskrater —  wie ein totgehetztes Rennpferd.

Der Vollmond glänzt, als wenn er sich aufpusten möchte; er bleibt aber, wie er ist; voller wird er nicht; es ist ihm das ganz unmöglich.

Die Dampfwolken des Kraters sind so weiß wie der Kalk an der Wand —  wie Gespensterlaken.

Und Gespenster stecken auch drin in den weißen Dampfwolken; Hexen —  ganz verrückte Hexen —  machen da einen Mordsradau.

In den Dampfwolken schimpfen die Hexen —  was Zeug und Leder hält. Und das Geschimpfe klingt mit dem Rumor im Innern des Kraters trefflich zusammen —  so harmonisch —  wie Dudelsack und Harmonium zusammen klingen.

Und die Lawa quillt über den Kraterrand.

Aber das Feuer des feuerspeienden Berges ist nicht zu sehen; so dick ist jetzt der weiße Dampfwolkenqualm.

Und die Hexen werden ganz rasend vor geifernder Wut, denn die heiße Lawa ist keine gewöhnliche Lawa —  Zahlenlawa ist diese Lawa —  sie besteht aus lauter glühenden, giftigen Zahlen, die sich drängen und balgen wie Gassenbuben. Da gibt’s kleine Zahlen und großen Zahlen, und die bilden immer wieder die schönsten Rechnungen —  klappernde Zahlenketten!

Und die Zahlen sind lebendig wie krabbelnde Fische, die ins Netz gegangen sind.

Die Zahlen sind die Kinder der Hexen.

Eine ganz famose Lawa! Nette, niedliche Kinder sind’s —  das ist wahr!

Die Hexen schimpfen, was Zeug und Leder hält, denn den Kindern sieht man gleich die saubere Rasse an —  die machen ihren Müttern alle Ehre.

Das aber paßt den werten Eltern nicht; die Kinder sollen sich nicht gleich verraten.

Und die Hexen holen ihre Ruten vor und hauen die glühenden Zahlen, um sie äußerlich hübsch zu machen.

Da werden denn bald die Zahlen so herrlich wie die Schmucksachen in den Schaufenstern der Juwelierläden —  sie werden zu goldenen Zahlen und zu Brillantzahlen und zu Emailzahlen und zu feinsten Niellozahlen —  und als solche rutschen sie nun langsam den Berg hinunter ins Meer.

Und auf der großen Rutschbahn geben die Mütter ihren Kindern die schönsten Lehren mit auf den Weg.

"Ihr müßt immer sehr freundlich tun", kreischen sie wütend, "sonst könnt Ihr ja den Menschen nicht den Kopf verdrehen. Ihr müßt den Menschen plausibel machen, daß Ihr ihnen das einzig wahre Glück bringt —  das große Zahlenglück! Ihr dürft Euer Gift erst dann ausspritzen, wenn Ihr Euch an den Menschen festgesogen habt. Und dann müßt Ihr den Menschen den Kopf dick machen mit Eurem Gift, daß die Menschen blind werden für Alles und nur Euch lieben —  Euch, Hexenzahlen! Ein anderes Glück als das Zahlenglück darf’s für die Menschen nicht geben, Hihihi!"

Und die Hexen kichern, und die Kindern johlen —  und sie schimpfen dazu —  und wie sie schimpfen! —  da sind alle Fischweiber der ganzen Wett reine gar nichts dagegen.

Und dabei geht die Zahlenlawa gierig hinunter und taucht zischend hinein in das Wogengewimmel des Meeres.

Und das Meer glitzert und funkelt, daß der Mond erschrickt und nicht versteht, woher all der Glanz kommt; er —  der Mond —  ist doch immer noch nicht voller geworden.

Und die schimmernden Pracht— Zahlen schwimmen zu den Ländern der Erde und schwimmen da die Flüsse hinauf, mit Lachs und Aal Arm in Arm, zu den berühmten Städten der Menschheit.

Und der Glückskrater dampft wie Millionen Fabrikschornsteine, und immer mehr Zahlenlawa strömt hinunter ins Meer, daß das vor lauter Glanz brennt.

Bald wird die Zahlenlawa das ganze Meer von oben bis unten mit Zahlenglück erfüllen.

Und die Menschen werden sich alle in das Zahlen— Meer stürzen.

Und das Gelächter im Glückskrater wird ein großes Erdbeben erzeugen.

Und die Köpfe der Menschen werden bei dem Zahlenglück so dick werden, daß der alte Vollmond bald neidisch werden dürfte, wenn er all die großen Wasserköpfe sieht.

Und der Vollmond wird sich wieder aufpusten wollen —  und es wird ihm nicht gelingen —  denn er kennt ja nicht —  das menschliche Zahlenglück!!!

 

 

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Johann der Weise

Mondschein— Novelle

aus: das Lachen ist verboten

 

Der Vollmond stand dicht über dem Horizont —  ganz groß und rot. Durch die Kornfelder rannten die Hasen, und die Fledermäuse flatterten über dem Bahndamm um die Telegraphendrähte rum. Und drei Einbrecher krochen in das dichte Gebüsch des Waldparks.

Ein Schnellzug fuhr vorüber, und auf der Veranda des Herrn Piepenhagen schaukelten zwanzig karminrote Papierlampions. Währendem ging die Auguste, die bei Schultze— Bernau als Köchin diente, mit dem Hausdiener Johann langsam dem Waldpark zu.

Und der Johann sagte schmunzelnd:

"Glaube mir, liebe Auguste, je schlechter es den Menschen geht, um so besser ist der gute Geschäftsmann dran. Der macht grade dann die besten Geschäfte, wenn die Menschen nicht wissen, wo sie vor lauter Sorgen bleiben sollen. Das kannst du dir ja leicht vorstellen; haben die Leute Geld genug, so brauchen sie keinen Helfer. Und —  wo bleibt da das Geschäft? Hieraus erkennst du auch gleich, daß heutzutage für den Geschäftsmann der Weizen blüht, da es sehr vielen Leuten sehr schlecht geht. Jetzt werden wir also bald weiter kommen. Und nächste Ostern können wir heiraten. Darauf kannst du dich verlassen."

"Das wäre ja fein!" sagte die Auguste.

Doch sie wollte nun gleich etwas Näheres von den Geschäften ihres Johanns wissen, und der ließ sich nicht lange bitten —  er war so recht in seinem Fahrwasser.

"Du weißt ja, liebe Auguste", fuhr er lebhaft fart, "daß ich jetzt in Mutterns Grünkramkeller tätig bin. Zu Weihnachten soll ich Teilnehmer am Geschäft werden; Mutter hat eben eingesehen, daß ich ein guter Geschäftsmann bin. Und das kam so: Mutter ärgerte sich, daß ich immer nur mit ganz dummen Kerls verkehrte, besonders über August ärgerte sie sich, den du ja kennst, Wenn Mutter darüber redete, lachte ich immer ganz verschmitzt und sagte nur; Na warte nur! Du wirst mir noch mal dankbar sein für meine dum—  men Kerls, Und die gute Gelegenheit kam auch bald. Du mußt nämlich zuerst mal wissen, liebe Auguste, wodurch man zum guten Ge—  schäftsmann wird. Sieh mal, der muß stets darauf bedacht sein, andern Leuten was wegzunehmen, ohne dabei eingekastelt zu werden. Wer aber läßt sich was wegnehmen? Wer ist so gutmütig, daß er das, was man haben will, gutmütig hergibt? Wer ist so dumm? Doeh nur der DummeI Und darum muß der gute Geschäftsmann nur mit den Dummen verkehren."

"Ih du, Johann!" rief da die Auguste lachend, "darum verkehrst du wohl auch mir mir, nicht wahr?"

"Liebe Auguste", sagte da der Johann, "ein guter Geschäfts—  mann wird sich doch keine dumme Frau nehmen. Die könnte ihm doch nur alles verfahren. Eine dumme Frau ist viel gefährlicher, als du denkst. Doch jetzt hör mal erst die Geschichte vom dummen August. Der erzählte mir eines Tages, daß er für 3000 Mark Brennholz liefern sollte. Und ich sagte ihm: verlange nur 300 Mark mehr. Und das tat er auch. Ich aber erzähle die Geschichte Muttern und sage ihr, sie solle zu der bewußten Firma hingehen und ihr Brennholz anbieten. Da nun die Firma soeben den Brief von August bekommen hatte, war sie sehr ärgerlich, und Mutter bekam den Auftrag, für 3000 Mark Brennholz zu liefern. Das war ein hübsches Geschäft. Mutter teilte mit mir. Und August merkte nichts; der ist so dumm, daß man lachen muß."

Auguste lachte auch, aber sie sagte dabei;

"Es ist nur gut, daß ich kein Mann bin, sonst müßte ich mich vor dir sehr in Acht nehmen."

Johann aber fuhr fort, nachdem sie sich auf eine Parkbank gesetzt hatten mitten in den Mondenschein.

"Du ahnst es nicht", sagte er, "woran man die Dummheit der Menschen erkennt. Ich will’s dir erzählen: an seiner Unzufriedenheit erkennt man den Dummerjan. Wer so recht unzufrieden mit seinem Schicksal ist —  der ist immer ein kleines Schaf. Darauf kannst du dich verlassen, Der kluge Mann fängt alles so an, daß er stets zufrieden ist. Wodurch werden denn die Leute unzufrieden mit ihrem Leben? Doch nur dadurch, daß sie Dummheiten machen. Mach keine Dummheiten, so bist du ein zufriedener Mensch und wirst immer Geld in der Tasche haben. Wenn ich nun die Dummen suche, so geh ich also zu den Unzufriedenen. Das sind diejenigen, die immer gerne Revolution machen." Da knisterte es hinten im Gebüsch. Johann drehte sich um, sah aber nichts; der Mond beschien nicht das Gebüsch; zwei Fledermäuse flatterten vorüber.

Auguste rief:

"Sieh nur die Fledermäuse! "

Johann sah ihnen nach, vergaß, daß es vorhin im Gebüsche knisterte, und fuhr in seiner Belehrung fort:

"Mit den Revolutionären", rief er ganz laut, "ist immer das beste Geschäft zu machen. Darauf kannst du dich verlassen."

"Das solltest du", sagte die Auguste rasch und leise, "nicht so laut sagen, sonst hält man dich auch für einen Roten —  und dann wist du eingekastelt."

"Hier", rief Johann abermals ganz laut, "wird uns kein Mensch belauschen. Was ich gesagt habe, ist eine tiefe Geschäftsweisheit. So was hörst du nicht alle Tage, Du glaubst ja gar nicht, wie dumm die Kerls sind. Die Roten fallen auf alles rein. Sie wären ja gar nicht rot, wenn sie immer klug gehandelt und ihr Schäfchen bei Zeiten ins Trockne gebracht hätten. Wahrlich, ich sage dir: an ihrer Unzufriedenheit sollst du die Dummen erkennen. Die machen auch noch mal eine Revolution —  die Kerls sind so dumm. Ich rede ihnen gut zu und mach mein Geschäftchen dabei —  mit jedem einzeln —  immer anders. Ostern können wir heiraten, liebe Auguste!"

"Sei nur immer", sagte die Auguste, "schön vorsichtig, damit sie nichts merken, Sonst verhauen sie dich noch mal. Mit den Roten ist nicht zu spaßen."

"Ich bin doch kein Dummerjan", rief nun ganz erregt der Johann, "ich versteh’s, mit Revolutionären umzugehen. Ich geh auf alles ein und rede dann ein paar kluge Worte, spreche über Revolutionen im allgemeinen —  über russische und spanische Revolutionäre, daß den Roten ganz rot vor den Augen wird. Dann sehen sie nicht mehr ordentlich, und man kann das Geschäft einleiten. Die Zukunftsrevolutionen..."

Bei dem letzten Worte Johanns brachen die drei Einbrecher aus dem Gebüsch hervor, hielten drei Revolver dem Johann vor die Nase, und der Älteste von den dreien sagte leise:

"Sie sind wegen Aufreizung zur Gewalt und wegen offenkundiger Geheimbündelei verhaftet; setzen Sie sich nicht zur Wehr, sonst schießen wir Sie nieder, Wir sind Geheimpolizisten und haben gehört, was Sie sagten. Hier ist meine Erkennungsmarke."

Danach zeigte der alte Einbrecher dem verblüfften Johann ein altes Stück Blech in der linken Hand. Auguste fiel in Ohnmacht,

"Meine Herren", sagte Johann leise, "ich sehe, Sie wollen mit mir ein Geschäft machen. Da sind Sie grade an den Richtigen gekommen, denn ich bin ein guter Geschäftsmann. Was bekommen Sie denn dafür, wenn Sie mich verhaften? Viel doch nicht. Jeder be—  kommt doch höchstens 20 Mark dafür. Gut! Ich biete jedem von Ihnen einen Hundertmarkschein, wenn Sie mich freilassen."

Die Geheimpolizisten sahen einander an, und dann sagte der Älteste: "Die Verhaftung fand vor einem Zeugen statt."

"Oh!" sagte Johann leise, "meine Auguste hört und sieht augenblicklich nichts. Sie wird nachher schon wieder zu sich konmen, und dann sind Sie nicht mehr hier."

Johann holte nach diesen Worten ein kleines Buch aus der Tasche und entnahm ihm drei Scheine, die er freundlichst den drei Herren überreichte. Diese steckten die Revolver ein und die Scheine ebenfalls und verschwanden wieder im Gebüsch.

Der Hausdiener horchte mit der Hand am Ohr in den Waldpark hinein, und als er die Schritte der Verschwundenen nicht mehr hörte, riß er einen Grashalm aus und kitzelte damit der Auguste unter der Nase. Auguste erwachte, sah ganz verwirrt umher, und rief dann laut:

"Wo sind die drei?"

"Die", versetzte Johann, "hängen da drüben an der großen Eiche. Siehst du sie nicht? Ich hab sie umgebracht und dann da drüben aufgehängt. Jeder Mensch wird glauben, daß da drei arme Selbstmörder hängen." An der Eiche hing auch etwas, und der Schatten des Mondscheins vergrößerte dieses Etwas. Auguste sah hin und schrie furchtbar auf und lief dann wie eine Rasende davon. Johann lachte ihr nach, daß es schauerlich durch den Waldpark schallte.

Wieder flogen zwei Fledermäuse vorüber und streiften beinahe Johanns Mütze —  das erschreckte ihn aber nicht; er ging lächelnd nach Hause zu Muttern.

Und Muttern erzählte er lachend die ganze Geschichte. Mutter schlug die Hände überm Kopf zusammen, als sie hörte, daß ihr Johann 300 Mark diesen Revolverhelden übergeben hatte.

Aber Johann lachte immerzu, und die Mutter sagte schließlich heftig: "Bist du denn närrisch geworden?"

"Nee", versetzte der biedere Hausdiener und sehr gute Geschäftsmann, "aber die Scheine waren ja falsch. Ich bekam sie neulich von einem Roten, der auch ein guter Geschäftsmann ist. Im Laden wollten wir die Scheine alle beide nicht ausgeben —  aber, was nicht im Laden geht —  das geht doch im Mondenschein. Der Mondenschein war herrlich, liebe Mutter."

Am nächsten Tage aber kam ein Brief von der Auguste, die bei Schultze— Bernau im Dienste stand. In dem Briefe war mit großen zitternden Buchstaben geschrieben:

"Komm nicht wieder zu mir! Sonst zeig ich dich an. Ich hab Angst vor dir, will deine Frau nicht werden. So dumm bin ich nicht, wie du denkst. Ich laß mich nicht an einem Eichbaum aufhängen, Ich geh zum August. Auguste. "

Bilder von Paul Scheerbart


Eine Gerichtssitzung im Jahre 1901

Zukunftsnovellette

aus: das Lachen ist verboten

 

Adolfine, die Tochter des reichen Fabrikanten Beisel, spielt gelassen auf der Mundharmonika. Das junge Mädchen hat bereits zwei Stunden hindurch Musik gemacht und ist noch immer nicht müde.

Plötzlich erschallt ein Hilferuf auf der Straße.

Die Adolfine läßt das Blasen auf der Mundharmonika ein bißchen sein, wendet zur Seite das zierliche Köpfchen und sagt dabei ganz verwundert:

"Ei! Ei! sollt’ ich diese Stimme nicht schon mal gehört haben?" Schnell eilt die gute Kleine ans Fenster, öffnet’s und —  erblickt —   erblickt —  Friedrich Schumm, einen ehemaligen Buchhalter ihres Herrn Vaters.

Die Fine sinnt —  denkt schließlich nach —  und erinnert sich allmählich, daß sie Friedrich einst —  liebte —  liebte!

Das hatte ihn, den Geliebten, so verwirrt gemacht, daß er als Buchhalter sehr bald nicht mehr zu gebrauchen war.

Friedrich ward deshalb vor einigen Monaten entlassen, denn Vater Beisel kannte in Geschäftsangelegenheiten keinen Spaß.

Und jetzt —  gerechter Himmel! —  jetzt wird der Friedrich am hellen lichten Tage auf offener Straße "verhaftet".

Das gnädige Fräulein sieht, wie der Schutzmann den geliebten Friedrich an den Ohren herumreißt, ihm die Handschellen anlegt und ihn wütend weiterstuckst.

Das gnädige Fräulein wendet sich unangenehm berührt —  fast beleidigt —  ab.

Finchen Beisel spielt wieder auf der Mundharmonika, um bloß nicht die häßlichen Straßenszenen zu sehen.

Die Rohheiten sind im vornehmen Beiselschen Hause verpönt.

"Pfui!" ruft Beisels Töchterlein, "wie ekelhaft sah das aus!"

Die Sonne brennt heiß auf das Straßenpflaster.

Schutzmann und Friedrich verschwinden.

Das vornehme Beiselsche Haus durchhallen die lieblichen Töne der Mundhamonika.

Einige Tage nach diesem peinlichen Auftritt befindet sich Friedrich Schumm auf der Anklagebank.

Die Richter machen ein sehr ärgerliches Gesicht. Der Staatsanwalt schmeißt bereits zum fünften Mal wutschnaubend seinen Federhalter auf den grünen Tisch, denn der Fabrikant Beisel sagt als Zeuge ganz eigentümliche Sachen über den Angeklagten Schumm aus.

Der reiche Beisel schließt seine Rede, in der er den Friedrich Schumm ganz gehörig schlecht gemacht, ihm sein albernes verliebtes Wesen vorgehalten, ihm seinen Größenwahn gehörig aufgemutzt, ihm wegen seiner frechen Gesinnungslosigkeit tüchtig den Kopf gewaschen hatte —  mit den folgenden furchtbaren Worten:

"Und verrechnet hat er sich jeden Tag zwei Mal. Gewissenloser Friedrich, kannst Du das leugnen?"

Friedrich weint und schüttelt wehmütig den Kopf.

Der Staatsanwalt erhebt sich und spricht mit donnernder Stimme:

"Angeklagter, Sie sind wegen unmotivierter Mittellosigkeit verhaftet worden, Der Schutzmann Knillke hatte sich am fünfzehnten Juli Ihr Portemonnaie zeigen lassen, wie das seine Pflicht ist bei allen verdächtigen Individuen. Was fand der Schutzmann Knillke in Ihrem Portemonnaie?"

Angeklagter erwidert weinerlich:

"Eine Mark und fünf und fünzig Pfennige."

Staatsanwalt: "Und davon wollten Sie noch weitere drei Monate leben? Bis in den Oktober hinein? Herr, was fiel Ihnen ein? Sie wissen doch, daß jeder Staatsbürger verpflichtet ist, jederzeit das für die nächsten drei Monate nötige Geld zum Lebensunterhalt bereit zu halten. Angeklagter, wissen Sie das?"

Angeklagter: "Jawohl!"

Staatsanwalt: "Nun also —  wovon wollten Sie denn leben? Wovon? Sagen Sie’s nur! Wie dachten Sie sich die Bestreitung des Lebensunterhalts? Werden Sie nun bald antworten? Was?"

Angeklagter: "Ach, Herr Staatsanwalt, ich hoffte ganz bestimmt, ich würde eine neue Stellung bekommen. Ich bin doch Buchhalter."

Staatsanwalt: "Ob Sie Buchhalter oder Schornsteinfeger sind —  das ist vor Gericht ganz egal. Sie sind verpflichtet, Geld zu besitzen, Sie scheinen das Leben noch nicht zu kennen. Sie wissen doch, daß die Zahl der Vakanzen immer kleiner wird. Ich beantrage drei Monate Zuchthaus mit verschärftem Fasten —  wegen unmotivierter Mittellosigkeit. Mein Lieber, wir werden Sie schon kleinkriegen. Ich versteh’ es einfach nicht, wie ein ziemlich gebildeter Mensch sich ohne das nötige Kleingeld auf die Straße wagen kann —  eine ganz unglaubliche Frechheit!"

Der Staatsanwalt schließt sein Plädoyer und setzt sich auf seinen Stuhl.

Der Gerichtshof verurteilt den Angeklagten dem Antrage des Staatsanwaltes gemäß.

Der Angeklagte bricht laut weinend auf der Anklagebank zusammen, er ruft dabei schluchzend:

"O Gott, was wird meine arme Mutter dazu sagen? Ihr Sohn Friedrich —  ein Verbrecher!"

Lautes Heulen durchhallt den Saal.

Der Herr Präsident bemerkt aber sehr streng:

"Angeklagter Schumm! Was weinen und heulen Sie denn? Machen Sie sich doch nicht zum Narren, Sie lächerlicher Mensch! Seien Sie doch froh, daß wir Ihnen für volle drei Monate die Gelegenheit, Diebstähle zu begehen, genommen haben. Sie wissen doch, daß Diebstahl mit täglichem Durchprügeln bestraft wird!"

Angeklagter: "Ja, hoher Herr Gerichtshof, ich dank’ auch schön für die drei Monate, nehmen Sie mir mein Weinen nicht weiter übel. Ich wollte auch nur zeigen, daß ich noch kein,verstockter’ Verbrecher bin! Aber, hoher Herr Gerichtshof, werd’ ich, wenn ich rauskomm’, auch gleich wieder bestraft werden?"

Staatsanwalt: "Sie sind ein naseweiser dummer Junge! Wegen unmotivierten Fragens beantrage ich einen Monat Prügel!"

Angeklagter sieht sich erstaunt um —  setzt sich —  und sagt langsam, so als wenn plötzlich ein neuer Geist in ihn gefahren wäre:

"Meine Herren, ich glaube, Sie sind sämtlich —  wirklich —  ganz und gar verrückt geworden."

Nach diesen Worten des Angeklagten Friedrich Schumm bricht zum Glück für ihn auf der Straße wieder eine Revolution aus.

Der Präsident und alle Richter laufen rasch nach Hause —  der Staatsanwalt und die übrigen Beamten desgleichen.

Schumm bleibt auf seiner Anklagebank verdutzt, ganz ruhig sitzen.

Er ist im nu ganz allein im Gerichtssaal —  tatsächlich allein —  ein Vergessener!

Er weiß gar nicht, wie er sich benehmen soll.

Inzwischen entwickelt sich die Revolution ganz programmgemäß und zielbewußt.

Schumm versteckt sich später unter seiner Anklagebank, da die Kugeln der Revolutionäre den oberen Teil des Gerichtssaales nur so durchsausen.

Adolfine Beisel denkt währenddem recht freundlich an ihren geliebten Friedrich, verzeiht ihm im Stillen und bläst dazu wieder auf der Mundharmonika.

Die August— Revolution kommt der jungen Dame diesmal genau so langweilig vor, wie die letzte April— Revolution.

Bilder von Paul Scheerbart


Die drei Denkmäler

aus: das Lachen ist verboten

 

Das Denkmal eines Esels, das Denkmal eines Schweines und das Denkmal eines Fuchses zierten den Platz einer Großstadt.

Nachts um die zwöfte Stunde sprachen die Denkmäler miteinander —  jedes Denkmal sagte:

"Was sich bloß die Menschen dabei gedacht haben, als sie mir eine solche Ehre zu Teil werden ließen!"

Bilder von Paul Scheerbart


Die unverständliche Sonne

Eine Seehundsgeschichte

aus: das Lachen ist verboten

 

Sieben dicke Seehunde schwammen mit ein paar großen Eisbergen aus Grönland hinunter gen Süden, um Lachse zu fressen.

Die Seehunde fanden auch recht viele schöne Lachse, fraßen die gleich mit einem Haps bis auf den Kopf auf, schmissen die Lachsköpfe immer in die See zurück und wurden täglich dicker, so daß die Hunde Gelegenheit fanden, über dies und das nachzudenken.

Der dickste Seehund konstatierte eines Tages, daß die Sonne recht warm zu werden begänne und legte sich auf eine Eisscholle; die andern Seehunde legten sich auch auf die Eisscholle, denn sie waren allesamt recht faul geworden.

Und da die Sonne wärmer und wärmer ward, stürzten die Eisberge um; die Sonne "haßte" das hochaufgetürmte Eis —  trotzdem es schöner aussah als die Berge von Stein.

Der Seehund aber, der der dickste war, wunderte sich drob und fragte die andren Hunde:

"Sagt, Geliebte, wozu gibt sich bloß die dumme Sonne die überflüssige Mühe und zerstört fortwährend die großen hohen Eisberge? Es entstehen doch trotzdem immer neue im Norden."

Die sieben Seehunde lagen mit den dicken Bäuchen auf der kalten Eisscholle und dachten sehr angestrengt nach.

Aber die Seehunde konnten die Geschichte sämtIich nicht begreifen —  so sehr sie sich auch bemühten, weiter über die Sonne nachzudenken.

Wenn die Sonne Lachse gefressen hätte —  das hätten die Seehunde verstanden.

Aber Eisberge umstürzen?

Wozu das?

Wer wurde denn dadurch dicker?

Ja —  ja —  was unverständlich ist —  bleibt unverständlich.

Bilder von Paul Scheerbart


Der alte Mörder

Ein Gemütsmärchen

aus: das Lachen ist verboten

 

Efeu rankte sich über das alte Gemäuer der stillen Ruinenwelt. Und es war eimmal ein Mörder. Der mordete ohn’ Unterlaß. So manchem Menschen— Dasein machte er ohn’ Erbarmen ein blutiges Ende. Der Mörder mordete stets mit seinem langen kostbar zisilierten Patriarchendolch.

Dunkelgrüne Efeublltter fielen auf den Erdboden.

Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine Stammkneipe betrat, brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen Menschenbluts und Wein zum Ausspülen des Magens. Und während der Wirt seinen Gast eifrig bediente, fragte er so nebenbei:

"Sagen Sie mal, lieber Herr Mörder, warum morden Sie stets am Tage? In der Nacht kann man doch viel gemütlicher morden."

Frische hellgrüne Efeublätter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus.

Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmörder folgendermaßen:

"In meinen Jugendjahren, als ich noch ein Mörderjüngling war, pflegte ich nur des Nachts zu morden. Da traf es sich mal, daß ich einem alten Wuchrer im Wald auflauerte. Die Nacht war dunkel, und ich bekam nachher den Jammerkerl zu packen. Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase, daß ihm alles Reden verging. Und dann mordete ich, so wie ich’s gewohnt bin. Den Leich nam schmiß ich mitten auf die Straße, denn Totengräber spiele ich nicht gern; die vielen Efeublätter wirken nicht angenehm auf mein Gemüt. Was aber mußte ich zwei Tage nach dem Morde hören? Ich mußte hören, daß ich aus Versehen den ärmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte —  und daß der Wucherer entkommen war. Das ergriff mich furchtbar, und ich habe geweint wie ein kleines Kind. Nein —  einen armen Mann töten, ist ein Verbrechen. Einen Wuchrer töten ist eine gute, brave Tat. Und so morde ich jetzt nur noch am hellen, lichten Tage. Man sieht dabei sofort, ob es auch nötig ist, solchen Kerl totzustechen. Mancher Lump verdient bloß eine tüchtige Tracht Prügel. Ich renke manchmal den Schuften nur die Arme oder die Beine aus und Iaß sie dann laufen; die also Bestraften vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin. "

Der Wirt nickte freundlich, und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mörder Eisbein mit Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu.

Dunkle Efeuranken schwankten vor den Fenstern der Schenke.

Der Mörder sah die Ranken nicht; er trank nach dem Abendbrot noch eine kleine Weiße mit Kümmel und ging dann hinaus in den Mondenschein, allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen, den Berg hinauf —  bis zur stillen Ruinenwelt, wo der dunkle Efeu mächtig wucherte.

Aber der Mörder beschmutzte seinen Dolch nicht; das nächtliche Morden hatte er sich ganz abgewöhnt.

Das war damaIs, als noch Richter, Staatsanwalt, Henker und Rechtsanwalt dem Namen nach unbekannt waren auf Erden; die Justizpflege war noch von patriarchaiischer Einfachheit.

Heute gibt es solche Leute, die mit so viel edlem Anstande wie unser alter Mörder morden, nicht mehr.

Grüne Efeublätter fallen auf den Erdboden.


Bilder von Paul Scheerbart



Menschenliebe

aus: das Lachen ist verboten

 

Der Himmel tat sich auf, und ein Engel kam vom Himmel herunter zu den Menschen. Der Engel reichte aIlen Menschen freundlich die Hand und wurde von ihnen gestreichelt —  aber mit so viel ZärtIichkeit und Ausdauer, daß dem Engel schließlich alle Glieder weh taten.

Da rannte der Engel davon und setzte sich am Ufer eines Flusses auf einen weiß angestrichenen Stein.

Auf diesem Steine dachte der Engel über sein Unglück nach, denn ihm taten die Glieder ganz gehörig weh.

Plötzlich aber erinnerte er sich, daß er ja noch himmlisches Öl in seinem Tornister habe, holte das Öl hervor —  und rieb sich alle seine Glieder mit dem ÖIe ordentlich ein.

Da war dem Engel wieder wohl, und er ging zu den Menschen zurück.

Indessen, die Menschen fingen abermals an, den Engel zu streicheln, mit viel Zärtlichkeit und Ausdauer.

Da jedoch die Menschen bemerkten, daß sie sich die Hände eklig voll Öl machten, so wurden die leicht erregbaren Menschen ärgerlich und verhauten den Engel in nicht grade rücksichtsvoller Art.

Der Engel rannte abermals davon in einen finstern Wald hinein. Und da dem Engel jetzt wiederum alle Glieder schmerzten, gebrauchte er zum zweiten Male sein himmlisches Öl.

Und bei dieser zweiten Einreibung dachte der gute Engel darüber nach —  was wohl bei den Menschen leichter zu ertragen sei —  das Gestreicheltwerden oder das Verklopptwerden.

Zurückgegangen zu den Menschen ist der EngeI nicht.

Bilder von Paul Scheerbart


Die neue Maschine

Ein Sturmmärchen

aus: das Lachen ist verboten

 

"Jetzt sind nur noch zweihundert Schrauben festzumachen, und dazu kommt nur noch ein bißchen Rechnen und die Regulierung des Stangenwerks —  das kann ich heut’, morgen und übermorgen schaffen —  es wird gehen."

Also sprach der Zwerg Napâri, zündete sich eine neue Pfeife an und trank einen Labommel— Schnaps.

Da heulte der Wind im Schornstein.

"Laß ihn heulen!" dachte der Zwerg, während er sich wieder eifrig mit seinen Schrauben beschäftigte.

Die Schrauben an der Maschine, die der Zwerg baute, waren sehr kompliziert; manche funkelten, als wären sie mit Brillanten besetzt, so daß es in der Stube, in der nur eine Hängelampe brannte, die ihr Licht nur nach unten ausstrahlte, recht hell zu sein schien; Glanzlichter blitzten oben in den Kruken und Gläsern, die auf den Regalen standen, immer wieder lichtschaffend auf —  und auch in den Butzenscheiben der Fenster ging ein Geflimmer immer wieder auf und nieder —  selbst die Messinghenkel an Schränken und Kommoden erhielten Leuchtkraft durch die komplizierten funkelnden Schrauben. Und der Sand auf den gescheuerten Dielen sah aus wie, frierender Schnee im Mondschein.

Und auf der einen Seite der Maschine saß eine weiße leuchtende Katze auf den Hinterbeinen, und auf der anderen Seite der Maschine saß ein schwarzer Pudel auf den Hinterbeinen. Die beiden Tiere blickten unablässig hinüber zu ihrem Herrn, dem Zwerg Napâri, der fleißig arbeitete —  zuweilen mit der Lupe, wobei ihm regelmäßig die kurze Hornpfeife ausging.

Und der Wind knatterte, als bestände die Luft aus lauter langen Fahnen —  und er rüttelte an der Hausrinne, daß der Hund sich scheu umblickte. Und Knubbel, Napâris Gattin, kam in die Stube und sagte traurig: "Alter, es gibt Sturm!"

Und der Regen prasselte gegen die Butzenscheiben, daß der Spektakel ganz furchtbar wurde.

Napâri hielt in der Arbeit inne, sah nach den Butzenscheiben und rief dann heftig: "Knubbel, es regnet ja durch!"

Knubbel holte einen Eimer und Leinwandtücher und trocknete die Fensterköpfe ab und wand die Tücher über dem Eimer aus und sagte leise:

"Alter, bei dem Wetter kannst du doch nicht arbeiten. Verrechne dich man nicht!"

Der Wind wurde zum Sturm und bullerte jetzt wie umfallende Lastwagen und pfiff so gellend wie ein betrunkener Nachtwächter und rumorte so ungestüm, daß einem angst und bange werden konnte.

Napâri steckte sich Watte in die Ohren —  aber das half rein gar nichts —  der arme Zwerg wurde ganz wild, und er lief in der Stube umher, als hätte er Feuer unter den Fußsohlen.

Da kam aber schon Knubbel mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser klirrten neben einer Flasche Jamaika— Rum und einer Kanne voll heißen Wassers.

Und die beiden tranken nun Grog, während der Sturm immerzu in denselben fauchenden Tönen das Haus des Zwerges umwütete; das Gestöhn und Geächze der Bäume und das Brausen des Waldsees hörten sich an, als wenn die Geister in den Lüften sinnverwirrende Schlachten schlügen.

Napâri trank sein Glas aus und sah sich seine Maschine an und sagte mit schmerzlichem Lippengezuck:

"Knubbelchen, du hast ganz recht —  bei dem Radau kann ich nicht arbeiten. Das wird ja nett. Hoffentlich hört’s bald auf!"

Doch es hörte nicht auf —  der Orkan schnaubte und fauchte ohn’ Unterlaß wie ein alter Lindwurm, der Hunger hat; die Drachenmusik war nicht von Pappe; durch die Watte wirkten die Wuttöne in den Ohren nur noch schauerlicher —  so dumpf und unheimlich.

Und Napâri wurde nun ebenso wütend wie der alte Sturm; beim dritten Glas Grog schrie er heftig:

"Wenn das so fortgeht, wird die Maschine zu Silvester nicht fertig."

Und dann rannte der kleine Mann wieder in der Stube herum wie ein Tiger in seinem Käfig, wenn’s nichts zu essen gibt; Knubbel wischte sich mit ihrer blauen Schürze eine dicke Salzträne aus dem linken Auge ’raus —  der Zorn ihres Mannes war ihr immer so schrecklich.

Der Sturm piff jetzt wie tausend Lokomotiven.

Das Waldsee rauschte wie ein Ozean.

Knubbel aber rief durch das Gepfeife und Gerausche:

"Mann, denk doch nicht mehr an die Maschine! Wozu willst du sie fertig machen? Komm und erzähl mir noch einmal ganz genau, was die alte Fee gesagt hat!"

Knubbel brachte ihrem Gatten das vierte Glas Grog, und sie setzten sich zusammen aufs Sofa. Der Zwerg kam durch das heiße Getränk wieder in bessere Stimmung und sprach zu seiner Frau ganz friedlich das folgende:

"Liebes Knubbelchen, die Fee hat mir fest versprochen, daß sie mir, wenn ich ihr in diesem Jahre —  also noch in diesem Dezember —  die Maschine ganz nach ihren Angaben fertig mache, die Kapsel mit dem Uhrwerk herausgeben würde. Und mit dem Uhrwerk würde die Maschine funktionieren —  ohne das Uhrwerk nicht. Meine Arbeit muß aber am Silvesterabend Punkt zwölf Uhr fix und fertig sein. Über die Wirkung und über die Bedeutung der Pillen, die wir mit dieser Maschine herstellen wollen, hab ich dir ja schon alles Nötige mitgeteilt."

Frau Knubbel— Napâri versetzte lachend:

"Wenn dich die olle Fee nur nicht gründlich anführt! Aber ich will alles glauben; ich glaube dir ja so gern. Verstehen kann ich nur nicht, daß diese Pillen bloß den Menschen was nützen sollen."

"Die Menschen", unterbrach sie Napâri, "werden nach dem Genuß der Pillen alle Nervosität verlieren und in den Stand gesetzt, ihr Leben ganz in Ruhe so zu genießen, wie es bislang nur den höher entwickelten Wesen möglich war. Die feinen Beruhigungspillen werden aus der Menschheit eine unglaublich vollkommene Gesellschaft machen."

"Das hast du", versetzte Knubbel lebhaft, "mir schon tausend Mal erklärt. Hör bloß den Sturm! Wenn du den doch beruhigen könntest! Verstehen kann ich nur nicht, weshalb du grade die Menschen so glücklich machen willst. Du bist doch kein Mensch. Und die Menschen verdienen gar nicht, so vollkommen zu werden. Sie sind allesamt zu schlechte Geschöpfe. Lies hier von den Greueln, die wieder von deinen Menschen verbrochen wurden."

Und mit diesen Worten überreichte Knubbel ihrem Gatten ein zerknittertes Zeitungsblatt.

Napâri las, und sein Züge verfinsterten sich; er legte seine Pfeife in die Sofaecke. "Woher hast du das?" fragte er heiser.

Der Sturm jagte jetzt mit prasselndem Hagel durch den Schornstein, die Tür ging auf, die Hängelampe geriet ins Schaukeln, Hund und Katz’ krochen unters Sofa.

"Von einer alten Hexe hab’ ich das Blatt", sagte Knubbel, während sie die Tür leise zumachte.

Napâri ging nochmals an seine Maschine und wollte das Stangenwerk —  eine sehr komplizierte Arbeit —  in Ordnung bringen. Indes, dem Zwerg gelang nichts; es war ihm bei dem Sturm unmöglich, die Gedanken zusammenzuhalten.

Und so legten sich denn die beiden Alten bald zu Bett. Und sie träumten wildes Zeug zusammen, in dem das Gedonner und Gekrache und Gepolter gar kein Ende nehmen wollte; die ganze Sturmmusik ward ihnen zum scheußlichsten Hexensabbat, in dem alles drunter und drüber ging.

Am nächsten Morgen mußte Knubbel den Fußboden der Stube mit sehr viel Leinwand abtrocknen und neuen Sand streuen; der Orkan hatte ein paar Eimer Regenwasser durch die Fenster getrieben. Das Unwetter hatte noch immer nicht aufgehört. Trotzdem machte sich der Zwerg nach dem Kaffee abermals an seine Arbeit, während Knubbel ein zweites Zeitungsblatt auf den Tisch legte.

"Wieder nette Geschichten von den braven Menschen, die sich unermüdlich gegenseitig zu Tode quälen."

Also sprach Knubbel, während sie das Kaffeegeschirr in die Küche trug.

"Das Blatt lag im Hausflur!" rief Knubbel noch in der Tür. Napâris Züge verfinsterten sich wie am Tage vorher, als er das Blatt las. Der Waldsee rauschte dazu wie ein Ozean; Katz’ und Hund saßen da, als wenn sie sich schämten, in diesem Jahrhundert geboren zu sein.

Und Napâri ging den ganzen Tag immer wieder und wieder an seine Arbeit —  und immer wieder mußte er die Geschichte sein lassen —  es ging nicht mehr.

Als Knubbel in der Dämmerstunde die Hängelampe ansteckte und das Mittagessen auftrug, saß der arme Zwerg ganz gebrochen in der Ofenecke. Papierstreifen, auf denen sehr viele Zahlen standen, lagen in der ganze Stube zerstreut umher. Hund und Katz’ schlichen langsam um die Maschinen herum, die so glänzte wie sonst am Abend.

"Ich werde nicht fertig!" sagte der Zwerg seufzend. Und er saß da neben dem Ofen wie ein steinalter Meergreis. Der Sturm heulte wie Millionen hungriger Wölfe.

"Und wenn du", rief Knubbel, "bis morgen abend um zwölf Uhr nicht fertig bist, so ist alle Müh’ umsonst gewesen, und du hast dich gequält für rein gar nichts."

Beim Essen schwiegen beide; viele Pilze blieben liegen und wurden alt und kalt; Knubbel ärgerte sich.

Nachher beim Grog ward auch kein Wort gewechselt. Napâri hob alle seine Papierstreifen auf und wollte trotz Sturm und Regen wieder an die Arbeit gehen, sprang aber plötzlich hoch in die Luft und schlug mit der Faust auf seine Maschine, daß es einen großen Knacks gab.

"Dieser Orkan!" schrie der Zwerg und begab sich, ohne weiter an den Knacks zu denken, in sein Schlafgemach, Knubbel folgte.

Als nun aber auch am nächsten Morgen der Sturm ruhig weitertobte, ergriff den Napâri die Wut —  er holte sein blankes Beil aus der Küche und schlug mit dem sein blankes Machwerk —  seine neue Maschine —  kurz und klein.

Der alte Zwerg setzte sich nach dieser seiner Tat in seine Sofaecke, zerknitterte die Zeitungsblätter, die auf dem Tische lagen und rauchte sich eine neue Pfeife an —  und dabei rannen ihm fortwährend die Tränen in den grauen Bart — , und schließlich weinte er wie ein Kind —  Katz’ und Hund leckten ihm die Hände — , die Pfeife ging ihm aus.

Knubbel kam und erschrak.

"Mann", sagte die Frau, "nu weine man nicht. Die Menschen sind’s nicht wert, daß du ihretwegen Tränen vergießest. Das laß man!"

"Die Menschen gehen mich auch nichts mehr an!"

Nachdem Napâri diese Worte gesprochen hatte, trat die alte Fee in die Stube, und der Sturm hörte draußen plötzlich auf mit seinem Toben —  nur der Waldsee rauschte noch so heftig wie bisher. Und durch das Rauschen des Waldsees klangen die Worte der Fee seltsam hindurch: "Alles zerstört?" sprach sie sanft, "also auch du, Napâri, bist nicht rechtzeitig fertig geworden? Das bereitet mir einen großen Schmerz. Das tut mir herzlich leid, daß ich nun der Menschheit auch dieses Mal wiederum nicht nützen kann. Aber, liebes Knubbelchen, ich sage dir: Es geht nicht. Wohl mag man mich nicht ganz mit Un—  recht eine etwas verschrobene Dame nennen —  aber was ich mir einmal gelobt habe, das halte ich. Und ich habe mir nun mal vor langer Zeit gelobt, der Menschheit grade am Silvesterabend dieses Jahres ein Geschenk zu machen. Jetzt müssen die Menschen abermals vier Jahre auf meine Beruhigungspillen warten."

Die alte Fee trocknete sich mit ihrem Spitzentaschentuch die nassen Augen, nahm die Türklinke in die Hand, schlug die Tür von draußen heftig zu und machte, daß sie fortkam.

Knubbel setzte sich zu ihrem Mann aufs Sofa und fing plötzlich laut zu lachen an.

"Hast du gehört", rief sie, "daß sich die alte Fee selber eine verschrobene Dame nannte? Daher die Maschine!"

Und da lachten die beiden im Chore...

Des Abends tranken die beiden, da es Silvester war, eine granatrote Weinbowle und wurden so lustig bei dem Getränk.

Draußen war’s ganz still geworden —  wie in einer Kirche. Katz’ und Hund spielten mit den glänzenden Schrauben, die in der Stube überall umherlagen.

Als die Glocken aus dem nächsten Dorfe durch die Mitternachtsstunde ins neue Erdenjahr hineinklangen, glänzte der Vollmond durch die Butzenscheiben, und Napâri sagte zu den Mondglanzblitzen:

"Sind das nicht auch Beruhigungspillen?"

Knubbelchen lachte wie ein Kobold.

Und es wurde draußen ganz still.

"Diese Ruhe!" rief’,der alte Zwerg.

 


Bilder von Paul Scheerbart


Elogifana

Nervöses Capriccio

aus: das Lachen ist verboten

 

Ich ging über die Berge und kam an die dicke große Felstür. Und ich öffnete die Felstür und trat in das eiserne Zimmer meiner Freundin.

"Elogifana!" rief ich, klopfte drei Mal mit meinem Stock an die eiserne Wand —  und siehe da —  plötzlich —  auf einmal —  steht sie —  meine Freundin —  vor mir.

"Elogifana ist hier! " sagte sie —  ganz ernst. Sie ließ das Haupt ein bißchen nach vorn fallen, und dabei fielen ihr die schwarzen Haarsträhnen auf die Brust.

Meiner Freundin Stirn war von tiefen, tiefen Falten durchfurcht.

"Was willst Du?" fragte mich Elogifana.

"Du weißt", hub ich an, stellte meinen Stock in eine Ecke, schob meiner Freundin gleich einen eisernen Stuhl zu, tat etwas eilig, setzte mich auf eine ganz eiserne Kommode, stäubte meinen schwarzen Sammetrock ein wenig ab, zog die schwarze Weste zurecht und schlug verlegen auf meine schwarzen Sammethosen, klapperte mit den Hacken meiner langen schwarzen Stulpstiefel, die prächtig glänzten, gegen die Kommode, knitterte hastig meinen schwarzen Sammetkalabreser zusammen, streichelte meinen strohgelben Kinnbart mit der linken Hand —  dann begann ich meinen schwarzumrandeten Kneifer mit einem Lederläppchen, das ich immer in der Westentasche trug, zu putzen... "Du weißt", fuhr ich fort, "Du hast mir neulich, als ich hier war, ein grasgrünes Löschpapier gegeben, erinnerst Du Dich?"

Ich hörte, wie Elogifana laut und vernehmlich "Ja!" sagte.

Nun begann ich lauter zu sprechen:

"Elogifana! Elogifana! Was hast Du getan? Ich sollte das grasgrüne Löschpapier immer in der linken Rocktasche tragen —  auf dem Herzen. Oh! Ich hab’s getan! Aber wie wurde mir dabei? Jawohl, Du hast Recht, das Papier hat eine fürchterliche Kraft. Alle die Empfindungen, die die anderen Menschen empfinden, alle diese Empfindungen empfand ich mit. Ich brauchte keine Zeitung mehr zu lesen —  kein Buch —  Nichts —  ich wußte doch Alles —  Alles, was geschah. Zuerst machte mir’s Spaß, alle seelischen Regungen meiner Mitmenschen —  mitzufühlen. Ich fühlte die namenlose Wut, ich fühlte die zärtlichste Süßlichkeit, ich empfand auch alle Gleichgültigkeitsstimmungen meiner Mitmenschen. Und wenn ich schrieb, schrieb ich die Geschichte meiner Zeit. Ich schrieb die Leiden und die Freuden dieser Zeit —  kurz: ich kam mir wie ein Sprachrohr vor —  wie ein Sprachrohr der Menschheit! Elogifana! Ich glaubt’ anfänglich, es wär’ ein Vergnügen, eine Ehre —  Sprachrohr der Menschheit zu sein. Ach, wie bald wurde mir aber klar, daß solch’ ein Leben für die ganze Menschheit, mit der ganzen Menschheit —  ein aufreibendes, verzehrendes, unerträgliches Leben ist. Ich weiß nicht mehr, wo ich vor Aufregung bleiben soll —  immerfort klopft mir das Herz —  so beängstigend. Ich kann das grasgrüne Löschpapier nicht mehr auf dem Herzen tragen —  bitte —  bitte —  nimm mir das grüne Löschpapier wieder ab! Elogifana, sei barmherzig! Erbarme Dich!"

 

Ich nahm nach dieser Rede das grüne Papier aus der Tasche, reicht’ es meiner Freundin hin —  die aber setzte sich ruhig auf ihren eisernen Stuhl und betrachtete die alten eisernen Möbel in der Stube.

Ja, in der Mitte stand noch immer der ovalgeschnittene eiserne Tisch. Die eisernen Schränke standen noch immer an den eisernen Wänden.

Von der Decke fiel durch das weiße Milchglas der Kuppel weißes Licht ins Zimmer.

Die vielen Schmiedearbeiten an den Schränken, Tischen und Wänden, die Eisengitter am eisernen Ofen, die eisernen Türfüllungen und der eiserne Fußboden mit den geheimnisvollen Zeichnungen... wie mich das Alles so kalt berührte!

Die Elogifana sah sich trotzdem sehr gemütlich alle ihre Sachen an und sagte Nichts dazu —  sie meinte nur so nebenher:

"Siehst Du auch den Ofen? Ist der jetzt nicht so blank wie ein Schwert?"

"Ja", rief ich, "Dein Ofen ist aber immer kalt, und ich weiß nicht —  hast Du mich gehört oder hast Du mich nicht gehört?"

"Elogifana hat Dich gehört!"

"Und willst Du mir nun das grüne Papier abnehmen?"

"Du hast es haben wollen und mußt es nun behalten.

"Ach, Elogifana!"

Die grauen Schmiedearbeiten kamen mir noch kälter vor —  ich ließ meinen Hut fallen —  hielt das grüne Papier noch immer in der Hand.

Nach einer guten Weile stand meine Freundin auf, ging an einen großen Schrank und holte ein Fläschchen daraus hervor —  das gab sie mir.

Sie sagte dabei:

"Ein Tropfen von dieser gelben Flüssigkeit wird —  Dich zum Lachen zwingen. Dieses gelbe Öl wird Dir für drei volle Stunden die Kraft geben, über alle Empfindungen zu lachen."

Ich war verdutzt.

Ich nahm die Flasche, dankte meiner Freundin, indem ich ihr schweigend die Hand küßte, setzte meinen auf den Fußboden gefallenen Kalabreser wieder auf den Kopf, nahm meinen Stock und zog los... ging über die Berge dahin —  zurück in die Welt.

Auf die Flasche war ein kleiner Zettel geklebt, auf dem stand deutlich:

"Wenn Du den letzten Tropfen aus dieser Flasche getrunken hast —  dann wirst Du sterben."

Dieser Zettel berührte mich sehr peinlich.

Aber wer da glaubt, daß ich des Zettels wegen nicht aus der Flasche getrunken hätte, der irrt sich gewaltig.

Ich trinke jeden Tag drei Mal —  jedes Mal einen Tropfen.

Und drei Mal drei Stunden kann ich daher täglich lachen —  lachen, daß die Wände dröhnen.

Schon ist die halbe Flasche ausgetrunken.

Wunderbares gelbes Öl!

Du erlösender Trank!

Ich lache —  ich lache jetzt über meine vielen Empfindungen.

Jetzt macht mir das grasgrüne Löschpapier wieder Spaß.

Ich kann gar nicht genug empfinden.

Mein gelber Trank lacht auch —  er lacht mich an —  und wie!

Prost!

Elogifana, ich lach’ über Dich, über die Welt und über Alles, was nicht in der Welt ist.

Ich lache! Ich lache!

Die Flasche ist bald leer.

Doch ich lach’ trotzdem —  denn den letzten Tropfen laß ich drin!

Ich bin also unsterblich!

Elogifana, wie geht’s Dir denn?

Weißt Du, was ich mache?

Ich lache!

Hörst Du mich lachen?

Elogifana, hörst Du mich lachen?


Bilder von Paul Scheerbart


Lompûschek

Eine Bummlervision

aus: das Lachen ist verboten

 

Lompûschek, der Gott der Gelangweilten, wandelte langsam durch die Straßen einer großen Stadt.

Und er sah die an, die zu ihm beteten, und es ergriff ihn Mitleid. "Ich möcht’ Euch erlösen", murmelte der Gott so vor sich hin. Und bald gefiel er sich als Erlöser so gut, daß er sich sichtbar machte —  und aussah wie ein einfacher Mensch.

Er ging aber ganz ruhig als Mensch weiter.

Plötzlich riefen drei andre Menschen neben ihm: "Siehe, da bist Du ja!"

Lompûschek erschrak, merkte jedoch gleich, daß er für den alten Bummler Ewald Krämer gehalten wurde, lächelte darüber, ließ sich’s gefallen und ging mit den drei Menschen in die nächste Kneipe.

Krämer, der verkappte Gott, war heiter und brachte das Gespräch auf Lompûschek —  auf sich selbst —  den Gott der Gelangweilten. Da ward Allen gleich sehr andächtig zu Mute —  denn Lompûschek war "ihr" Gott.

"Langweilt ihr Euch?" fragte der nun.

Und der eine der drei Menschen erwiderte:

"Wir bekämpfen doch die Langeweile! Dazu sind wir doch in die Kneipe gegangen. Wir vertreiben die langweilige Stimmung —  wie Du ja siehst —  durch Essen, Trinken, Rauchen, Lesen, Spielen, Reden, Weiber, Witze, Prostrufen, Bezahlen, Schimpfen, Verleumden und ähnliche Scherze. Mein Gott, das weißt Du doch!"

Der Gott fühlte sich ein bißchen überflüssig.

"Ich wollt’ Euch erlösen!" sprach er ernst.

"Aber Ewald!" rief man im Chor.

"Ich bin Lompûschek, der Gott der Gelangweilten, Euer Gott!"

Also entgegnete der vermeintliche Ewald Krämer im tiefsten Ton und im tiefsten Ernst.

Natürlich —  dröhnendes Gelächter auf allen Seiten.

"Ewald Krämer erlöst uns!" schrie laut der eine Mensch.

"Nein, ein Gott erlöst Euch!" schrie der Gott.

"Wovon?" fragte man.

"Von der langen Weile!" donnerte der Gott.

Alle brüllten wie uralte Germanen.

Der eine Mensch rief dazwischen:

"Die Sache ist einfach! Krämer, pump’ uns tausend Taler, dann sind wir ganz bestimmt erlöst!"

Ein Andrer stotterte unter Tränen lachend: "Krämer, schmeiß’ —  ’ne —  Bowle!"

Dann aber war der Stuhl, auf dem Krämer gesessen hatte, plötzlich leer...

Und die Menschen hörten ein Sausen in ihren Ohren,

"Hat uns der Gott wirklich erlöst?" fragten die Menschen lachend.

Sie wunderten sich über den leeren Stuhl.

Ihnen kam die Sache schon ein bißchen unheimlich vor.

Und als es plötzlich still geworden, ward eine Stimme in der Kneipe gehört —  die sprach weise —  bedächtig —  langsam:

" Lompûschek ward selber durch Euch gelangweilt. Er muß sich erst selber von der langen Weile erlösen. Wartet nur auf die Erlösung! Wartet! Werdet genügsam und ernst! In Eurer letzten Stunde komm’ ich wieder."

Nach diesen Geisterworten trat der wirkliche Ewald Krämer in die Kneipe — 

Die Menschen faßten sich an den Kopf.

Einige glaubten, ihre letzte Stunde sei gekommen.

" Lompûschek, wir beten Dich an!"

Also sprachen die Menschen, indem sie ihre Biergläser leerten.

Krämer machte große Augen.

Lompûschek aber war schon weit fort.

Bilder von Paul Scheerbart

 


Die neuen Storchnester

Stil— Scherzo

aus: das Lachen ist verboten

 

Es war einmal ein gebildeter Mann —  dem waren die Storchnester nicht schön genug.

Und er begann, neue Storchnester zu konstruieren —  aus farbigen Hölzern in allen möglichen Stilarten.

Und so setzte er denn in einem schönen Winter die neuen Storchnester auf seinem Hause und auf denen der Nachbarn an die Stelle der alten Storchnester.

Im Frühling aber kamen die Störche und suchten ihre alten Storchnester —  und fanden sie nicht.

Bilder von Paul Scheerbart


Der lachende Wolf

aus: das Lachen ist verboten

 

"Guten Morgen!" sagte das gutmütige Trampeltier.

Der Wolf aber lachte unbändig.

"Warum", frug nun ganz ernst das Trampeltier, "mußt Du so schrecklich lachen?"

Der Wolf Iachte noch stärker.

Das TrampeItier schüttelte den Kopf und konnte sich die Sache nicht erklären.

"Klär mich auf!" rief das Tier schließlich wütend.

Der Wolf lachte am stärksten und sprach dann:

"Am besten lacht es sich doch, wenn man gar keinen Grund zum Lachen hat, Das ist ja das wahre Lachen."

Und der Wolf lachte wie hundert glückliche Goldgräber; das ganze Wald—  und Wiesenland lachte mit.

Das TrampeItier ging verblüfft um die nächste Ecke —  da schrie’s laut:

"Dieser Wolf!"

 

 

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
durch Markus Feuerstack
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