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Paul Scheerbart |
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Der ideale Leser weiß, daß die Dichter nichts Andres wollen, nichts Andres denken — als IHN zu unterhalten, zu zerstreuen — zu amüsieren! Und ER kennt SEINE Dichter. ER weiß, daß die Dichter sämtlich vor IHM knien. Und wenn sich ein Werk tiefsinnig gebärdet, so läßt sich der ideale Leser nicht bange machen dadurch — ER weiß ja: die Dichter wollen IHN bloß amüsieren, zerstreuen — unterhalten! Für IHN ist Alles Unterhaltungslektüre, denn ER kennt SEINE Dichter. SEINE Dichter benehmen sich IHM gegenüber — wie sich die hübschen Tänzerinnen einem alten steinreichen Sultan gegenüber benehmen. Und da lächelt denn der ideale Leser immer, wenn IHM ein neues Buch gebracht wird. ER, der König der Dichter, weiß, daß ER SICH amüsieren wird, Und ich, eine arme ideale Tänzerin, ich knie vor meinem König und bet IHN an. Ich rufe laut: "Hier, mein idealer König, hier hast DU ein neues Buch! Es ist unterhaltend — zerstreuend — amüsant! Oh, lies mich, mein großer Sultan — es ist nur Unterhaltungslektüre!"

Markttag war in Babylon.
Aus dem Innern Arabiens kamen viele Beduinen an mit prächtigen Pferden, die sie in Babylon verkaufen wollten.
Und Bauern aus der Umgegend wollten Stiere und Kühe verkaufen, andere hatten Schafe und Ziegen auf den Markt gebracht. Und Händler standen mit Ballen farbiger Tuchstoffe da. Andere handelten mit Alabaster, Achat und Lapislazuli. In einem Zelt aus roten Tüchern führte ein Schlangenbändiger seine zahmen Schlangen vor. Andere farbige Zelte standen daneben. Und viel Gemüse gab's und viele kostbare Hölzer, Miskanholz, Tapranholz und Pistazienholz, auch viel Fichtenholz.
Und die vielen Früchte des Orients machten das ganze Marktbild bunt.
Der König Kurigalzu (regierte um 1400 vor Christo) fuhr auf einem Streitwagen durch die Menge. Reiter mit langen Bronzespießen ritten vor und hinter dem Wagen. Des Königs Eunuchen folgten zu Fuß. Pferde wollte der König kaufen.
In der Mitte des Marktes war ein runder Raum durch grüne Tücher abgesperrt. Was hinter den Tüchern vor sich ging, konnten die Marktleute nicht sehen, denn die Tücher ragten sehr hoch in den dunkelblauen Himmel empor. Die Sonne war eben erst aufgegangen.
Hinter den grünen Tüchern arbeiteten zwanzig Tempelsklaven an einem seltsamen Gestell, das ganz rund war und auf zwölf Rädern stand. Die Räder befanden sich in einem großen Kreise, das Gestell konnte sich um sich selber drehen — um einen Mittelpunkt; es war ein Karussell.
Wunderliche Figuren standen daneben — aus bemalter Pappe. Es waren zwei Widder, zwei große Fische, ein großer Krebs, ein Löwe, eine weibliche Figur, ein Steinbock, ein Stier, ein Skorpion und mehrere männliche Figuren.
In zwölf Abteilungen war das Karussell eingeteilt. Und in jede Abteilung wurden nun die Figuren hineingestellt und befestigt. Dann wurden die Wände dieser Abteilungen mit rotem Tuch ausgeschlagen, und auch viel schwarzes Tuch brachte man an zur Verzierung. Und an dem schwarzen Tuch hingen kleine silberne Glocken. Die klangen sehr hell durcheinander, als die Tücher befestigt wurden.
Mit einem großen gelben Tuch wurde das Ganze gedeckt. Das ragte spitz in die Höhe. Auf der Spitze stak ein siebenzackiger goldener Stern.
Viele Priester vom Marduktempel Esaggil standen ringsum und sprachen über das Karussell. In dessen Mitte stand auch ein starker Schimmel, der das Ganze drehen sollte.
Und Saruto, der Oberpriester vom Esaggil, sprach zu dem greisen Priester Salmusin:
»Wir haben uns zur Anfertigung der Figuren viel ägyptische Pappe aus Theben schicken lassen. Und die Pappe ist gut bemalt. Die Figuren zeigen jetzt alle Farben des Regenbogens. Es ist auch viel Schrift darauf. Mit roter und schwarzer ägyptischer Tinte ist der Text aufgezeichnet. Es ist unsere älteste Keilschrift nachgebildet. Die Tierkreisbilder stellen die Figuren vor. Wir wollen das dem Volke zeigen, damit es eine Ahnung bekommt von der Bedeutung des Himmels, in dem alles, was auf Erden geschieht, vorgezeichnet ist.1)
Das Volk soll auch eine Ahnung bekommen von den großen Tierkreisbildern, die dort oben ebenso in ihren Häusern stehen wie hier unten auf dem Markt zu Babylon.«
»Ja«, versetzte der greise Salmusin, »ich sehe, daß sich hier ein Unglück vorbereitet. Die großen Götter des Himmels werden nicht erbaut davon sein, daß sie jetzt auf dem Markte zu Babylon ausgestellt werden. Die Götter gehören in die Tempel, aber nicht auf den Markt! Ich verlasse dich noch heute. Mögest du dein Schicksal kennenlernen! Warum habt ihr mich nicht früher gefragt? Ich hätte euch gleich ganz offen meine Meinung gesagt. Ich gehe wieder nach Echulchul zurück — zum großen Mondtempel in Charran. Dort wird man hoffentlich noch nichts wissen von diesem Marktgottesdienst. Ich verfluche ihn!«
Salmusin hob die Faust drohend zum Himmel. Und seine schwarzen Augen blitzten den Oberpriester furchtbar an. Der war so erstaunt, daß er gar nichts zu sagen wußte. Dieser Angriff und dieser Fluch kam ihm ganz unerwartet. Er sah, wie der alte Mann mit dem sorgsam gekräuselten Haupt— und Barthaar, das schneeweiß vor den farbigen Tüchern leuchtete, langsam, auf einen langen Stab gestützt, in gekrümmter Haltung durch die Menge der Priester und Sklaven dahinschritt und hinter dem grünen Tuche, das die Priester den Blicken der Marktleute entzog, verschwand.
Die Worte des greisen Priesters hatte Sarutos Haarkräusler, der Tempelsklave Balu, gehört. Und der Sklave hatte sich jedes Wort gemerkt. Und er zitterte jetzt; er sah scheu die bunt bemalten Tierkreisbilder an — den Mann mit der Waage in der Hand, die Zwillinge und die Jungfrau.
»Balu!« sagte der Oberpriester.
Doch Balu hörte nicht, daß er gerufen wurde.
»Balu!« rief der Oberpriester laut und heftig.
Jetzt hörte Balu und fiel auf die Knie nieder und legte die Hand ans Ohr.
Der Oberpriester Saruto sagte:
»Ich will jetzt in den Tempel zurück. Bleibe du hier und sorge dafür, daß die Lampen alle vorsichtig angebracht werden. Des Abends, wenn die Sonne untergegangen ist, komme ich wieder. Der König Kurigalzu wird dann auch zugegen sein. Laß die Sklaven mit meiner Sänfte kommen.«
Die Sklaven kamen. Und Saruto wurde zum Esaggil getragen. Er blickte finster geradeaus. »Der alte Narr«, flüsterte er plötzlich, »versteht nicht, daß das Volk auch etwas vom Leben der großen Götter verstehen möchte. Der Kreislauf alles Geschehenden wird dem Volke jetzt wohl verständlich werden durch das, was ich geschaffen habe.«
Währenddem erzählte der schwatzhafte Haarkräusler Balu den Tempelsklaven alles, was der greise Salmusin gesprochen hatte. Und die ergriff alle große Furcht. Und sie erzählten alles weiter, so daß bald alle Priester, die in der Nähe des Karussells waren, wußten, was Salmusin gesprochen hatte.
Dann kam der Abend.
Und die grünen Vorhänge verschwanden. Und in den Häusern der Tierkreisbilder leuchteten unzählige kleine Lampen.
Aber alles war ganz still. Alles hatte Furcht.
Da wurden die Sterne des Himmels sichtbar. Und die großen Tierkreisbilder leuchteten auch am Himmel.
Der Schimmel setzte das Karussell in Bewegung. Die silbernen Glocken klangen unheimlich durch die kühle Nachtluft. Die Beduinen sahen mit großen Augen das sich langsam drehende Schauspiel an.
Der König Kurigalzu kam auch herbei auf seinem Streitwagen. Sechzig Pferde hatte der König des Morgens gekauft. Auf denen saßen jetzt die Offiziere der königlichen Leibwache. Diese sechzig Offiziere umgaben den Streitwagen des Königs. Der Oberpriester Saruto mußte dem König alles erklären.
Zum Schlusse sagte Saruto:
»Alle fünf Planeten, Sonne und Mond — die großen Götter des Himmels — sind dort oben im Himmel immer in dem einen oder dem anderen Hause der zwölf Tierkreisbilder. Und so auch hier. Wir haben die sieben äußerlich durch besondere Lampen gekennzeichnet — durch Lampen aus Lapislazuli, das mit Gold geschmückt ist.«
Der König nickte freundlich und fuhr dann, umgeben von seinen sechzig Offizieren, sieben Mal um das Karussell herum und begab sich dann wieder nach Babylon in sein großes Schloß.
Saruto ließ sich wieder zum Esaggil tragen, von wo er den ganzen Marktplatz überschauen konnte; er saß noch lange auf der Dachterrasse des Tempels und blickte zum Karussell hinüber — als alle Lampen längst verlöscht waren.
Saruto schlief ein.
Und im Traum hörte er das leise Klingeln der silbernen Karussellglocken. Ihn fröstelte, und er machte die Augen auf. Da sah er auf dem Markt einen hellen Feuerschein. Und die Flammen schlugen im Kreise nach allen Seiten.
Das Karussell brannte.
»Balu!« schrie der Oberpriester.
Balu kam und sah das Feuer.
»Der Schimmel dreht das Karussell!« schrie der Haarkräusler. Und dann stürmten alle zum Markt mit Eimern und Kannen und gossen viel Wasser in das Karussell, das man allmählich zum Stillstehen brachte.
Der Schimmel war gerettet, da durch sein Rundherumlaufen die Flammen immerfort zur Seite geworfen wurden.
Die Figuren aus Pappe waren sämtlich zu Asche verbrannt. Das Gestell mit den Rädern war ganz verkohlt. Von den Tüchern sah man nichts mehr.
Der greise Salmusin verließ gegen Morgen die Stadt und fuhr in einem Ruderboot nach dem fernen Charran zum Mondtempel Echulchul.
Der alte Priester sagte:
»Hab' ich's nicht gleich gesagt, daß ein Unglück entstehen wird? Ein Glück nur, daß der Schimmel nicht verbrannte.«
Wer das Feuer angelegt hatte, wußte niemand. Saruto war sehr traurig, bestellte aber in Theben sofort neue Pappe. Und ein Jahr später drehte sich ein neues Karussell auf dem Marktplatz zu Babylon. Das aber wurde des Nachts so sorgfältig bewacht, daß es noch nach zehn Jahren da war, als König Kurigalzu nicht mehr lebte und sein Sohn Burraburiasch regierte.

Der Feldherr Zirutu war ein Neffe des Königs und der gewandteste Gauner der ganzen assyrischen Armee.
Als die Assyrer bei Is— chupri sehr siegreich gegen die Ägypter kämpften, da sah der Feldherr Zirutu auf seinem Streitwagen ein paar junge Löwen in der Nähe. Und flugs sagte Zirutu zu seinen Getreuen:
»Lassen wir die Feinde für eine Weile in Ruhe. Die werden ja doch geschlagen. Auf! Eilen wir den Löwen nach. Wir wollen sie alle lebendig fangen und dem König nachher beim Abendschmaus zu Füßen legen. Das wird dem König ein viel größeres Vergnügen bereiten als tausend frisch abgehauene Ägypterköpfe.«
Und wie Zirutu gesagt, so geschah's; er trennte sich von der Schlachtlinie mit seinen besten Freunden und jagte den Löwen nach und fing tatsächlich fünf Stück lebendig.
Die Freude des Königs Asarhaddon1) beim Abendschmause nach geschlagener Schlacht war außerordentlich.
Zirutu bekam ein Ehrenkleid und dreißig Pfund reines Gold. Und danach dachte dieser kühne Feldherr nur noch daran, die sehr aparten Launen seines königlichen Onkels zu befriedigen. Der Onkel war ein großer Weltmann und in Ninive zeit seines Lebens tonangebend in allen Modeangelegenheiten.
Und beim achten Becher sagte der Neffe leutselig zu seinem königlichen Oheim:
»Onkel, deine Tapferkeit in allen Ehren — du schlägst dich wie ein Löwe. Den Ägyptern wird ungemütlich zumute. Das schlimmste ist nur, daß sie uns noch öfters auskneifen werden. Und wir müssen sie verfolgen. Das gibt noch eine Reihe von Schlachttagen — es können noch drei oder vier sein. Hast du nun auch, lieber Onkel, die nötige Schlachtpomade mitgenommen? Denn — bei dem Verfolgen der Feinde werden wir noch manchen Schweißtropfen vergießen. Und die Spuren davon müssen verwischt werden durch unsere neue Schlachtpomade, die wir in Ninive erfunden haben. Sie ist mächtig teuer — diese stark duftende Pomade. Hast du noch genug davon, lieber Asarhaddon?«
Da erwiderte der König mit gerümpfter Nase und runtergezogenen Mundwinkeln:
»Lieber Zirutu, teuer ist ja unsere Schlachtpomade in Ninive. Aber sie gefällt mir nicht mehr. Dieser schlechte Geruch auf den Schlachtfeldern muß durch andere Wohlgerüche übertäubt werden. Diese Pomade ist in Ninive, aber nicht auf einem Schlachtfelde erprobt worden.«
Das letzte hatte der Feldherr Nergal gehört; er stand wartend hinter dem König und sagte, als der ausgeredet hatte:
»Erhabener Herrscher! König der Heerscharen! Mein starker König, vor dem die Feinde fliehen. Die Feinde sind vor dir geflohen. Aber sie sammelten sich im nächsten Dorfe und bereiten einen Nachtangriff auf unser Lager vor.«
»Zu den Streitwagen!« brüllte der König, »wir wollen den Ägyptern zeigen, welche Männer die Mächtigen auf dieser Erde sind.«
Alle Feldherren und Offiziere sprangen auf, fuhren mit den Händen durch die gekräuselten Haare, schmissen die goldenen Trinkbecher den Sklaven zu und griffen nach Schwert und Lanze, Helm und Schild und sprangen bald draußen auf ihre Schlachtwagen.
Und bald dachte kein Mensch mehr in der dunklen Nacht an die Schlachtpomade des Königs. Die Fackeln flackerten, und man stieß in der Dunkelheit abermals auf den Feind. Das ergab ein wüstes Schlachtgetümmel. Die Fackeln mußten sehr bald gelöscht werden, denn die Pfeile der Ägypter trafen viele der assyrischen Krieger und auch zwei Feldherren. Selbst der König erhielt einen Streifschuß am linken Oberarm neben der Goldspange. Die Wunde wurde schnell verbunden.
Aber — das Schlachtgewühl in der Dunkelheit war ganz entsetzlich.
Als der Morgen graute, wandte sich der Feind abermals zur Flucht.
Und unzählige grauenhaft verstümmelte Leichen bedeckten das Schlachtfeld.
Der König hielt sich die Nase zu, sprang wieder auf seinen Streitwagen und raste davon in das nächste Dorf, allwo gleich ein Lager aufgeschlagen wurde.
Der Feldherr Nergal hatte gesehen, daß der König sich die Nase zugehalten hatte. Er rief im Lager seine Sklavin Kidimuti zu sich und erzählte ihr von der Schlachtpomade und fragte sie, ob sie nicht eine bessere, stärker duftende Pomade hätte, die imstande sei, in Wahrheit die üblen Gerüche eines Schlachtfeldes zu übertäuben.
Kidimuti, eine braune, sehr schlanke Schönheit aus dem Innern Arabiens, sagte in ihrer gebrochenen Sprache:
»Hab' viel gehört von Pomade — bei uns zu Hause. Weiß wohl, wo beste Pomade zu finden. Dort — hinter Bergen — wo Sonne aufgeht. Da auf großem, stillem Wasser — in Barke — bei Mondenschein — wenn Flöte zu hören — da kennt man Salben und Pomade und gutes Räucherwerk. Hier nicht. Hier zuviel Wildnis. Werde dir sagen, wenn's so weit ist. Still — auf großem Wasser — in Barke — bei Mondenschein.«
Und dabei sah sie träumerisch in die heiß brennende Sonne. Und Nergal ebenfalls.
Der aber wußte nicht, was Kidimuti meinte; während sie sprach, wurde ihm alles unklar, und er legte sich auf einen Haufen Stroh und wollte einschlafen.
»Kräusle mir die Haare!« sagte er noch — dann war er weg und schlief und träumte von wiehernden Rossen, von klirrenden Schwertern, surrenden Pfeilen und krachenden Lanzen.
Kidimuti aber kräuselte ihrem Herrn Bart— und Haupthaare und sang dazu ein altes arabisches Beduinenlied, das von den Schlachten in der finsteren Wüste handelt — in jener Wüste, in der die Sterne nachts so hell funkeln, daß man sich deutlich sehen kann, auch wenn der Mond nicht scheint.
Und Nergal schnarchte.
Nun gab's aber für das Heer des Königs Asarhaddon nicht drei oder vier Schlachttage, sondern vierzehn Schlachttage hintereinander. Bis vor die Tore von Memphis trieb der König die immer wieder fliehenden Ägypter. Das war ein Laufen und ein Schlagen — ohne Rast — immerzu. Fünfmal verwundete Asarhaddon den Pharao Tarku. Und der war froh, als die Tore von Memphis hinter ihm zugeschlossen wurden.
Bei Memphis sah die Kidimuti den großen Nil, und sie sagte gleich geheimnisvoll zu ihrem Feldherrn:
»Hier Wasser still. Und hier auch duftendes Wasser — sehr viel. Frauen werden fliehen auf dem Wasser. Jetzt sei du Wasserjäger. Laß Frauen in Ruh. Laß sie dir nur Salben und Schlachtpomade geben. Sei zufrieden damit. Kehr' um. Gib an König. Dann macht er dich zum Statthalter in Ägypterland. Und ich bin dein ganz großes Frau.«
Jetzt verstand Nergal.
Und er handelte, wie die Kidimuti gesagt.
Nachts, als der Mond schien, streifte er in Kähnen auf den Wassern des Nils umher und fand eine Barke — mit Frauen.
Die waren froh, als er nur ihre Salben und Pomaden wollte, gaben ihm gleich Nachricht, daß noch fünf andere Barken kommen würden, in denen noch mehr Salben und Pomaden seien.
Kurzum: Nergal brauchte noch zehn andere Kähne, um all die ägyptischen Büchsen und Dosen unterzubringen.
Und als Asarhaddon sich am nächsten Tage frisieren ließ — von zwanzig Sklaven, da kam der Feldherr Nergal — mit seiner Schlachtpomaden— Karawane und sagte nur:
»Hier, Herr, das Bessere, das du wünschest.«
Da wurden alle die Elfenbeintuben und die Hornfässerchen und die Säckchen aus der Haut des Krokodils und die Alabasterdosen und die bunten Glasflaschen — von kundiger Hand geöffnet — und der Geruch geprüft.
Und man fand bald so köstliche Kostbarkeiten, daß der König immer heiterer wurde und seinem Feldherrn Nergal immer mehr Gold und Edelsteine und andere im Krieg erbeutete Sachen schenkte.
Und schließlich bekam Nergal die Stelle eines ägyptischen Statthalters mit Königsgewalt. Und Kidimuti sagte im Mondenschein:
»Alles das wußte die Kidimuti. Sie ist die Frau, die kann schauen in Zukunft. Geheimnisvoll ist Kidimuti wie die Sphinx, die drüben daliegt im Mondenschein zwischen den vielen Pyramiden.«
Zirutu wurde ganz grün vor Neid.
Memphis wurde vierzehn Tage später im Sturm genommen von den Heerscharen des Königs Asarhaddon. Der Pharao Tarku geriet in Gefangenschaft.

Still war die Nacht. Die Sterne funkelten. Und große Pechfackeln qualmten auf den Dachterrassen der palmyrenischen Königsburg — in hohen Opferschalen, von denen jede von drei langen Speeren gehalten wurde; die drei Speere waren immer so zusammengebunden. daß sie ein festes Fußgestell bildeten — mit drei Füßen.
Neben dem einen dieser Gestelle stand der gewaltige Scharfrichter Aglibol. Nach altassyrischer Sitte trug er Haar und Bart gekräuselt; ein großes blankes Schwert blitzte an seiner Linken; es hing an einem Lederriemen, der seine linke Schulter umspannte. Ein gutmütiges Lächeln ging über seine breiten Lippen. Sein braunes volles Gesicht glänzte im Fackellicht.
Zum Henker Aglibol trat der Arzt Jaribol, der auch assyrisch frisiert war. Beide blickten schweigend in die große syrische Wüste hinein, und dann drehten sie sich langsam um und blickten nach Westen — zum Westmeere, wo die Sonne untergegangen war; man sah nichts mehr von ihr.
Die Christen schrieben das Jahr 269. Und Palmyra bildete ein mächtiges Königreich, das Zenobia, die große Königin, beherrschte — an Stelle ihres unmündigen Sohnes Vaballathus. Der Gatte der Königin war schon vor vielen Jahren ermordet. Niemand dachte mehr an ihn. Und sein Sohn blieb unmündig — sein ganzes Leben hindurch.
Zenobia jedoch liebte die Konfitüren und das gute Gebäck; ihr Küchenmeister Schemun spielte eine große Rolle am Königshof zu Palmyra.
Schemun kam weinselig lachend zu Aglibol und Jaribol und sagte:
»Die Sonne ist untergegangen. Die Königin Zenobia wird gleich aufstehen. Warten wir ab, was sie sagen wird. Die Nacht ist still. Wir verstehen hier jedes Wort.«
Und die Königin kam auf die Terrasse mit Tama, ihrer Lieblingssklavin.
Beide sagten gar nichts.
Da näherte sich langsam und ehrfurchtsvoll der Henker Aglibol der königlichen Majestät.
Aber die Königin warf sich mit finsterer Miene auf einen römischen Diwan.
Tama fächelte ihr kühle Luft zu.
Und die Königin Zenobia rief plötzlich ganz wild und heftig:
»Hau ihm den Kopf ab!«
Aglibol warf sich zur Erde und küßte den Steinboden der Terrasse, erhob sich und ging neben Rosengebüschen zurück zu Jaribol und Schemun.
»Kommt mit«, sagte er, »ihr habt gehört, was ich tun soll.«
»Hat sie den Namen«, fragte Schemun, »ganz leise gesagt? Wir haben den Namen nicht gehört.«
Aglibol antwortete nicht.
Sie kamen auf eine tiefer gelegene Terrasse, auf der sie nicht mehr gehört werden konnten.
Hier sagte Aglibol:
»Jaribol, dir soll ich den Kopf abhauen.«
»Du bist wohl«, versetzte Jaribol, der Arzt, »wieder berauscht. Ich werde dich kurieren, mein edler Freund. Zenobia hat keinen Namen geflüstert. Ich habe vortreffliche Ohren, höre jeden Laut. Tu hier nicht so wichtig.«
»Oho!« rief nun der Henker Aglibol, »die Königin hat den Namen nicht gesagt — also: dann kann ich doch dem den Kopf abschlagen, dem ich den Kopf abschlagen will — also auch deinen, mein lieber Freund! Mein lieber Leibarzt, du kannst mir leid tun.«
Da lachte Schemun.
Und der Leibarzt Jaribol lachte ebenfalls, daß ihm die Tränen in den gekräuselten Bart rollten.
Schemun sagte:
»Unsere Zenobia heißt die Konfitüren— Königin. Sie liebt aber die Männerköpfe noch mehr als das gute Gebäck. Wir sollten sie Männerkopf— Königin nennen. Ein Glück, daß sie kein Blut sehen kann.«
Da sagte Jaribol:
»Das ist wirklich ein Glück. Sonst würde Aglibol so oft zuschlagen, daß er Armschmerzen bekommen würde.«
»Fällt sie denn«, fragte Schemun, »immer in Ohnmacht, wenn sie Blut sieht?«
Doch da wurde es oben sehr laut. Sklaven stürmten treppauf und treppab. Und ein Sklave kam zu Aglibol und sagte hastig: »Die Königin hat einen Anfall und ruft nach dir — immerzu.«
»Sie ruft«, schrie Jaribol, »nach mir. Ich bin doch der Arzt. Der da schlägt hier nur alte Männerköpfe ab.«
Die beiden Herren gingen lächelnd zusammen wieder hinauf zur Königin, die noch immer auf dem Diwan lag. Als sie Aglibol und Jaribol erblickte, rief sie zornig:
»Eben Zwieback aus Damaskus gegessen mit sidonischer Erdbeerfüllung. Und — verfluchter Koch! — ranziges Öl war darin. Ausgespuckt hab ich alles. Wer hat gebacken solches Zeug?«
Jaribol sagte kalt:
»Das macht alles der Küchenmeister Schemun. Sonst ein so guter Kerl.«
Da rief die Königin sofort:
»Hau ihm den Kopf ab!«
Da nahm Aglibol sein Schwert, reichte es dem Jaribol und sagte:
»Schleife mein Schwert.«
Der fing gleich an mit einem dolchartig geformten Schleifstein das Schwert zu schleifen. Es rasselte nur so — durch die stille Nacht hindurch.
Nun rief aber die Königin, als Jaribol eine Pause machte:
»Ich will beim Kopfabhauen zusehen. Will sehen, ob ich noch ohnmächtig werde. Jaribol muß neben mir stehen. Während die Sonne aufgeht, wird's gemacht.«
Die Tama zwinkerte den Jaribol und den Aglibol mit den Augen an. Die beiden gingen langsam ab und schüttelten mit dem Kopf. Als sie Schemun wiedersahen, lachte der und fragte, was los sei.
Aglibol sagte weinerlich:
»Du hast keinen Grund zum Lachen. Du sollst bei Sonnenaufgang deinen Kopf verlieren.«
Schemun lachte abermals.
Da sagte aber Jaribol, der Arzt:
»Armer Freund, Königin will zusehen, will wissen, ob sie immer noch ohnmächtig wird.«
Nun war der Aglibol ein sehr gutmütiger Henker, und er schlug selten die Köpfe ab, die er abhauen sollte. Die Königin schaute ja nicht zu, und die anderen schwiegen — wie das Grab; ein gutmütigerer Henker regierte sehr selten in Palmyra.
Jetzt war der Gutmütige in der größten Verlegenheit.
Da kam aber die Tama zu den dreien und sagte leise zum Henker:
»Nimm ein Schaf, setz ihm Menschenkopfmaske auf und mach ihm Menschenleib aus Gewändern. Dem Schaf hau den Schafskopf ab. Dann denkt Frau Königin: Schemun ist auch wieder tot.«
Schemun fiel der Sklavin zu Füßen, küßte ihr ehrfurchtsvoll den Saum des Gewandes und weinte.
Da verschwand die Sklavin — lautlos, wie sie kam. Und sie lächelte.
Der Rat der witzigen Tama wurde beim Sonnenaufgang genau befolgt, und die Königin Zenobia fiel bei der Prozedur abermals in Ohnmacht; Jaribol, der Arzt, hatte viel Mühe, die königliche Majestät wieder zum Bewußtsein zu bringen.
Schemun war währenddem schon weit fort in einem Dorf nicht weit von Damaskus. Dort blieb er und trank auf Tamas Wohl so viel, daß er auch — ohnmächtig wie die Königin — in einen langen Schlaf fiel.
Tama jedoch kam abermals zu Aglibol und Jaribol und sprach:
»Ihr müßt machen heute abend Fackeltanz. Die ganze Leibwache muß mit Fackeln tanzen — drüben am Schloßteich, wo die Schwäne sind. Königin sitzt auf Thron so, daß großes Platz vor ihr ist. Nun müßt ihr zehn Sklaven wählen. Die so kleiden, daß man denkt, sie hätten den Kopf verloren. Ihnen Schweinsblasen mit Blut unter den Kleidern zu halten geben. Dann müssen die zehn, die auch Fackeln tragen, sich verbeugen und dabei aus Schweinsblase Blut rausspritzen lassen — aus Öffnung überm Kopf. Königin fällt wieder um. Sagt: das sind die Leute, die den Kopf verloren.«
Die Tama stammte aus Babylon und konnte noch nicht ordentlich palmyrenisch.
Aber Jaribol und Aglibol verstanden wohl und taten, wie die Listige sagte.
Und sie schickten auch Reiter aus, die den Schemun zurückbringen sollten — zur Tama.
Nun kam die nächste Nacht. Und die Krieger tanzten in ihren römischen Rüstungen vor ihrer Königin. Und da kamen plötzlich auch die Vermummten ohne Kopf — und als denen das Blut aus dem Rumpf spritzte und Ochsen— und Schafsblut den Thron besudelte, da fiel die königliche Majestät zum anderen Mal in Ohnmacht.
»Wer war das?« rief Zenobia weinend, als sie wieder zu sich kam.
»Das waren«, sprach hart der Aglibol, »ein paar von den Leuten, die in Palmyra den Kopf verloren.«
»War Schemun«, rief sie, »auch darunter? Oh — was gäbe ich darum, wenn er noch am Leben wäre!«
»Wie viel?« fragte Aglibol.
»Hundert Sekel!« erwiderte die Königin.
Da brachte man den Schemun — er lebte noch.
Aglibol schenkte die hundert Sekel der Tama und verließ den Hof der Königin von Palmyra schleunigst, Jaribol begleitete ihn. Tama verschwand mit Schemun zusammen.
Drei Jahre später führte man die gefangene Königin Zenobia im Triumphzuge durch die Straßen Roms.
Was ist das? Es wird immer dunkler und so schwül. Blitze zucken, aber es donnert nicht. Jetzt pfeift es oben — so gellend wie Lokomotiven, die Angst haben vorm Tunnel. Und nun fliegen Hagelstücke runter, große Hagelstücke und kleine Hagelstücke. Sie sind nicht rund, sie sind zackig und kantig wie schlecht gehauener Zucker, Aber Zucker ist das nicht — es schmeckt kühl und herzhaft. Und jetzt rauscht es oben in den Wolken. Die Wolken jagen blitzschnell vorbei. Ein Sturm wirbelt durchs Land. Die Bäume brechen ab, die Dachziegel fliegen mit Blumentöpfen, Menschenhüten und flatternden Krähen weit weg — ins freie Feld. Es hagelt dabei und regnet. Der Regen schmeckt so kühl und herzhaft wie die Hagelstücke. Da steckt was Seltsames drin in diesem Hagel und in diesem Regen. Die Gelehrten fahren mit ihren Galakutschen aufs Rathaus und halten dort lange Reden; alle Gelehrten haben Hagelstüdke in der Hand, einige haben noch Flaschen mit dem neuen Regenwasser. Die Gelehrten reden ausgezeichnet, und währenddem hagelt’s und regnet’s draußen immer stärker. Und der Sturm heult — heult. Im Rathause erklären die klugen Gelehrten, daß das kein gewöhnlicher Hagel sei — auch kein gewöhnlicher Regen. Und sie kosten alle von den Hagelstücken und trinken das Regen— wasser. Und sie sagen, da sei ein neuer Stoff drin — im Himmel müsse ein Komet geplatzt sein — es müsse ganz bestimmt ein Komet gewesen sein. Kometensalz ist der neue Stoff, Er wirkt nur so komisch. Wer das neue Salz gekostet hat, dem zieht so was Weiches durch alle Glieder, und die Gedanken werden so einfach. Das Kometensalz ist verführerisch wie Alkohol.
Das Kometensalz brennt aber nicht hinten im Munde und unten im Leibe, reizt nicht auf — es macht genügsam — still. Die Menschen, die das Salz im Magen haben, können bald ihre Gedanken nicht mehr sammeln. Es ist den Menschen, als ginge alles fort. Und dann bleiben die Menschen stehen und gehen nicht weiter, ihre Glieder werden steif und hart wie Holz, und der erhobene Arm will nicht mehr runter; die Hand, die den Hut zum Grüßen zog, bleibt mit dem Hute oben in der Luft. Allmählich verhallt der Sturm, und das Wetter wird wieder besser. Beim hellen Sonnenschein merkt man aber erst den Umfang der ganzen Geschichte. Zehn nasse Soldaten auf dem Übungsplatze vor der Kaserne stehen auf einem Beine kerzengerade, doch das andere hochgehobene Bein geht nicht runter. Eine Bäckersfrau stößt dem einen Soldaten in die Seite, und alle Zehn fallen um wie hölzerne Soldaten aus einer Spielschachtel. Die Luft ist wieder still, Und die Menschen lecken an dem Kometensalz, das massenhaft die Erde bedeckt. Die Tiere lecken auch an dem Kometensalz. Und dann bleiben die Menschen und die Tiere nach und nach sämtlich auf der Straße und in den Häusern in seltsamen Stellungen stehen, sitzen, oder, liegen. Den Hunden bleibt das Maul offen. Die Vögel überschlagen sich in der Luft, fallen mit steifen Flügeln auf die Salzhaufen und rühren sich nicht mehr. Ein Leichenzug steht vor einer Kirche und kann nicht weiter, Die Bäume werden ebenfalls starr. Die Trauerbirken und die Trauerweiden verharren in Windstellung — mit weit weggewehten Ästen — als wütete noch immer der große Sturm. Und die Luft ist doch so still. Und die Menschen und Tiere sind auch so still, als wüßten sie gar— nichts mehr zu sagen. Ein Schutzmann sitzt auf einer Parkbank unbeweglich mit einem Strolch zusammen — sie sehen sich unablässig an. Ein Regiment dekorierter Nachtwächter befindet sich vor dem Rathause in konstanter Prisentierstellung. Die Kinder sind in der Schule nicht mehr zu hören — so ruhig sind sie. Und im Rathause sitzen die Gelehrten wie Wachspuppen da. Der Bürgermeister, der das Salz nicht anrührte, schleppt sich müde nach Hause, trinkt im SorgenstuhI vor seinem Schreibtisch ein Glas Wasser und sieht am Ofen seine Frau — sie ist unbeweglich wie ein abgeschiedener Geist. Der Bürgermeister fa6t sich an den Kopf und ruftplötzlich angstvoll: "Franziska! Das ist die neue Zeit!" Aber er kann den Mund nicht mehr zumachen — das Salz hat auch ihn gepackt — es war im Wasserglase. Das furchtbare Kometensalz ist überall! In der Residenz sitzt der König auf seinem Throne und hält immerfort das Zepter — regiert aber nicht — denn alIe seine Untertanen sind so steif wie er selbst. Jedoch keinem der Gelähmten geht das Bewußtsein aus; das Gehirn arbeitet bloß etwas langsamer. Die Augen behalten ihre Kraft. Die Ohren hören; es ist nur nicht viel zu hören, Lauter Salzsäulen an allen Ecken und mitten im Wege! Lebende Salzsäulen! Sie sitzen, als wenn sie unablässig nachdächten — stehen, als hätten sie was vergessen — liegen, als wären sie dabei, was Feines zu dichten — und rühren kein Glied. Die Oberfläche der ganzen Erde ist ganz starr geworden. Und nach sieben Tagen wird’s am Himmel abermals finster. Und abermals kommt ein Sturm. Und der Sturm wirbelt die Tiere und Menschen durcheinander wie weIke Blätter. Schornsteinfeger fallen von den Dächern; Arbeiter und SoIdaten, Frauen und Kinder rollen in den Gassen wie Tonnen herun, wobei die Glieder abbrechen, ohne zu bluten. Und dann wird’s wieder still. Und allmählich verändert sich alles. Langsam fallen die Häuser ein. Die Äste der Bäume fallen ab wie Eiszapfen. Säulen platzen, Denkmäler und Türme brechen krachend entzwei.
Und dann sickert ein dunkler Staub auf die Erde hernieder. Der dunkle Staub bedeckt alles — Auch die Wasser und die Meere. Ein andrer Komet muß wohl geplatzt sein. Der bestaubte Erdball dreht sich weiter.
Der Minister Mikamura warf seinen Zahnstocher in seinen großen Garten und rief alle seine Diener zusammen. Und während sie zusammenkamen, ging im Osten über dem Stillen Ozean die Sonne auf, und gleich danach fuhr das Automobil des Barons von Münchhausen in Mikamuras großen Garten hinein.
Es war der 18.November des Jahres 1905 p.Chr. — Mikamura hatte alle Damen und Herren der Umgegend eingeladen, Vorträgen des Barons von Münchhausen zuzuhören. Die Gäste warteten auf der großen Dachterrasse, auf der man im Osten den Stillen Ozean mit Sonne sehen konnte. Die Japanerinnen hatten alle seidene bunte Gewänder an, die Japaner trugen Frack und Zylinder.
»Warum sind nur die Damen in Nationaltracht?« fragte der Baron, aber die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, die den Baron begleitete, sagte gleich:
»Münch! Rede nichts Überflüssiges! Du wolltest von Mr. Weller in Melbourne erzählen!«
Die ganze Dachterrasse war mit gelben Segeltüchern überspannt, die Gäste des Ministers begrüßten den Baron und bewunderten sein frisches Aussehen, daß er trotz seiner hundertundachtzig Jahre zur Schau trug.
»Wie kann man nur so schrecklich alt werden?« fragte die Gattin des Ministers.
Und die Gräfin Clarissa vom Rabenstein erwiderte:
»Man muß nur immer sich Mühe geben, bei guter Laune zu bleiben, dann wird man täglich älter.«
Der Baron setzte sich auf einen amerikanischen Mahagonisessel, die japanischen Damen setzten sich ringsum im Halbkreis auf den mit japanischen Matten bedeckten Fußboden, und die Herren im Frack setzten sich im Hintergrunde ringsum auch im Halbkreis auf weißlackierte Stühle; Alle, die zuhörten, konnten das Meer sehen, der Baron saß mit dem Rücken zum Meere; die Gräfin Clarissa trug japanische Kleider und saß mit den Japanerinnen zusammen in japanischer Manier.
Und der Baron erzählte:
»Als ich im vorigen Jahre in Melbourne war, der großen Ausstellung wegen, besuchte ich auch meinen alten Freund Mr. William Weller, der allerdings mehr als hundert Jahre jünger ist als ich — aber doch nicht mehr zu den Jüngsten zählt. Weller hatte in der Nähe von Melbourne palastartige Gebäude, in denen er Glasblumen fabrizierte und in köstlichen Sälen ausstellte. Äußerlich wirkten die Gebäude wie die Anlagen eines großen Botanischen Gartens, und im Freien sah man auch viele natürliche Blumen. Doch im Innern dieser Paläste gabs nur Blumen aus Glas — und Früchte aus Glas. Ich hatte viel davon gehört und war sehr neugierig.
In der Vorhalle — einer Rotunde — herrschte eine schwermütige feierliche Dämmerung wie in einer uralten Kirche. Man hörte keinen Laut von der Außenwelt und mußte Filzpantoffeln anziehen und ging auf einem dunkelvioletten, sehr dicken und weichen Bodenbelag, der keine Musterung zeigte. In der Mitte der Rotunde wuchsen drei riesige Glaslilien aus dem Boden heraus.
Wenn ich aber von Lilien spreche, so bediene ich mich da nur eines Wortes, das ungefähr der Phantasie eine Richtung geben soll; Weller wollte keineswegs mit seinen Glasblumen eine Nachahmung der natürlichen bieten — nichts lag ihm ferner als dieses.
Diese Lilien hatten schneeweiße Stengel, und diese Stengeln ähnelten ein wenig den Eisblumen, die wir im Winter an Fensterscheiben sehen. Die Stengel hatten faustdicke und viele knollige Auswüchse und armbreite Äste, an denen sich citronengelbe dütenförmige Blüten befanden; und aus diesen ragten lange perlmutterartig schillernde Staubfäden heraus in Spiralformen und in ganz unregelmäßig gedrehten und gewundenen Formen. Die citronengelben Blüten waren meterlang, und es waren mehr als drei Blüten — es gingen aber nur drei faustdicke Stengel aus dem Boden heraus, der in der Mitte höher war als im übrigen Saalraum, sodaß man diesen Blüten nicht näherkommen konnte.
Jetzt aber, meine Damen und Herren, müssen Sie sich die Seitenwände der Rotunde vorstellen — da waren Rankengewächse vor schwarzen, straff gespannten Sammetwänden — das Astwerk der Ranken weiß und undurchsichtig — die Blüten blau, rot und grün und vielfach durchsichtig. Diese Wandblüten waren alle klein — nur wenige hatten Handgröße. Und natürlichen Blüten ähnten diese Glasblüten fast garnicht.
Als ich mich da zum ersten Male in dieser Rotunde befand, staunte ich wohl eine gute halbe Stunde alles an — das Licht kam von der Kuppel herunter, die auf weißem undurchsichtigem Grunde schwarzes Linienornament zeigte. Und dann kam Mr. William und begrüßte mich.
›Aber Münch‹, rief William gleich, ›benimm Dich nur nicht so feierlich; an so was muß man sich schnell gewöhnen. Komm nur gleich hier in diesen Experimentiersaal — da will ich Dir einen künstlichen Eissee zeigen — der ist viel interessanter als diese uralte Rotunde.‹
Und danach führte mich William in seinen Experimentiersaal. Ich dachte natürlich, daß da vieles durcheinanderliegen würde, dachte an Atelierstimmung und Ähnliches — doch es war da nur ganz finster.
Aber dann wurde der ganze Fußboden ganz hell — und ich sah, daß ich auf einem großen Glasboden stand, der durchsichtig eine phantastische Glasblumenwelt in der Tiefe unter uns sichtbar machte.
›Künstliches Eis!‹ sagte William.
Wände und Decke bestanden aus Tropfsteingrotten, und mein alter Freund schob mir zwei dicke Stricke unter die Arme; die Stricke wurden an den Wänden von Dienern gehalten, und ich ging nun gestützt von den Stricken neben meinem Freunde, der sich auch so stützen ließ, auf dem durchsichtigen Glasboden weiter. Und dabei sahen wir in die Tiefe.
Ach ja, meine Herrschaften, was ich da mit zwei Stricken unter den Armen zu sehen bekam, läßt sich leider nicht so leicht beschreiben. Ich sah in eine bunte, ganz fabelhafte Blumen— und Fruchtwelt hinein, und mit jedem langsamen Schritt, auf Filzschuhen rutschend, veränderte sich das bunte Bild unter uns.
Mr. Weller sprach dabei in einem fort:
›Du darfst nicht glauben‹, sagte er, ›daß da unten immer alles am selben Platze bleibt. Da unten laß ich täglich alles anders zusammenstellen. Und so hab ich täglich immer etwas Anderes da unten zu sehen. Jede Blume sieht ganz anders aus, wenn sie dem Eisboden nahe ist — und anders, wenn sie sich tiefer befindet. Nun kommt noch hinzu, daß der künstliche Eisboden an vielen Stellen Vergrößerungslinsen hat — und auch Stellen, an denen das Glas nicht so dick ist — und auch Stellen, die große Höhlen und Vertiefungen haben. So wird die Glasblumenwelt da unten gar köstlich variiert. Und wenn ich nun Befehl gebe, unten die Blumen ein bischen herumzufahren, so hast Du einen Kaleidoskopeffekt erster Güte. Paß mal auf!‹
Und dann kams, wie er sagte.
Und das müssen Sie sich nun mal vorstellen; Sie können Ihre Phantasie anstrengen, wie Sie wollen, die Wirklichkeit werden Sie nicht übertrumpfen.
Lange hielt ich natürlich diesen Farben— , Formen— und Funkenzauber nicht aus.
Als mein Freund merkte, daß es mich angriff, ließ er plötzlich unten alles dunkel machen — und da atmete ich auf, Sie können mirs glauben.
Dann frühstückten wir in einem großen Fruchtzimmer. Das erinnerte so an die Märchen von Tausend und Einer Nacht. Die Früchte bestanden aber nicht einfach aus Rubinen und Smaragden — diese Weller— Früchte sahen noch köstlicher aus, obschon die Farben nicht so brannten wie bei den Brillanten.
Weller wollte die Kugelform in seinen Früchten überwinden und gab nun alle möglichen Formen, die anders als Kugeln sind — gleichzeitig vermied er das Kristallinische, sodaß man auch nicht an Brillanten erinnert wurde.
Das Innere dieser Kunstfrüchte wirkte zumeist noch interessanter als die äußere Form.
Ganz unbeschreiblich leuchteten aber die Farben. Die Farben, die im Glase hervorgebracht werden, sind ja viel herrlicher als alle anderen Farben; ein Farbenfreund muß eigentlich ganz naturgemäß zum Glasfanatiker werden.
Und so wars dem lieben William Weller auch gegangen; die Glasmalerei hatte ihn zu den Glasblumen und Glasfrüchten geführt.
Jedoch wir frühstückten nicht allein zusammen; eine junge Dame leistete uns Gesellschaft.
Wenn Sie sich aber denken, daß diese Dame sehr freundlich zu uns gewesen wäre — so täuschen Sie sich gewaltig.
Weller stellte die Dame folgendermaßen vor:
›Hier, Herr Baron, haben Sie das Vergnügen, meine Großnichte, Fräulein Flora Mohr aus Graudenz kennen zu lernen. Wenn Sie glauben, daß diesem Fräulein meine Paläste sehr großen Spaß machen, so sind Sie auf dem Holzwege.‹
›Lieber Großonkel‹, sagte darauf Fräulein Flora, ›ich kann mich nicht anders geben, als ich bin. Mich erfreuen die natürlichen Blumen mehr als Deine künstlichen.‹
›Sehen Sie‹, rief nun lachend mein alter Freund, ›hab ich nicht Recht? Das ist doch mal eine ehrliche Natur. Die paßt hierher, sag ich Dir, mein lieber Münch! Die paßt hierher — so wie die Faust aufs Auge. Oh — wie ich die Kontraste zu schätzen weiß!‹
Genau so waren die Worte meines Freundes gesetzt ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, sonst könnte ich ja gar nicht so viele Geschichten erzählen; William sagte immer, wenn er erregt wurde, mal Sie und mal Du zu mir.
Ich aber bekam von seiner Erregung nichts ab, ich wurde nur neugierig und wollte wissen, wie denn diese Großnichte in diese Glasblumenpaläste hineingeraten wäre, und ich fragte danach, und sie sagte:
›Ich bin ja die Großnichte meines Großonkels.‹
Diese Antwort machte mich natürlich nicht klüger.
Fräulein Flora Mohr kam mir nicht sehr interessant vor, und ich fragte nach dem Frühstück den lieben William, als ich ihm wieder allein gegenübersaß, weswegen diese Dame bei ihm sei.
›Mensch‹, rief er da lachend, ›sie will Geld von mir haben.‹
So gibs ihr doch, erwiderte ich, dann bist Du sie los. Wenn sie die Glasblumen nicht leiden kann, so ist ihr hier doch nicht zu helfen.
Da sagte William:
›Liebster Münch, so gutmütig, wie Du denkst, bin ich leider nicht, ich werde doch nicht einer Großnichte Geld geben, die mir in Gegenwart aller anderen Leute immer wieder versichert, daß sie die Naturblumen lieber hat als meine Kunstblumen.‹
Darauf konnte ich natürlich nichts erwidern, ich glaubte jedoch, daß hier noch ein andrer Haken dahinter sein müsse, und beschloß, mich mal mit dieser merkwürdigen Angelegenheit näher zu befassen.
Ich sehe jedoch, daß wir den Morgenkaffee bekommen sollen. Und so werde ich Ihnen das Weitere nach dem Kaffee erzählen.«
Nach diesen Worten hörte der Baron zu erzählen auf; die Herren schmunzelten, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie jetzt auch sehr neugierig seien.
Und dann tranken alle ihren Morgenkaffee und blickten dabei in die blauen Fluten des Stillen Ozeans. Die Sonne stieg derweil langsam höher.

Nach dem Morgenkaffee fuhr der Baron Münchhausen in seiner Erzählung fort:
»Mr. Weller«, sagte der Baron, »gab nun seiner Großnichte den Auftrag, mir die köstlichen Glasblumenbeete zu zeigen. Nun müssen Sie sich, meine Damen und Herren, diese Beete vorstellen. Denken Sie an venetianische Ziergläser— an die allerfeinsten! Den Goldstaub in den Gläsern müssen Sie aber fortlassen — denn Weller liebte das Gold nicht. Er erklärte alles Gold für ein nutzloses, ästhetisch unsympathisch berührendes Metall. Und ich finde auch, daß man ein Metall, mit dem man Käse kauft, nicht an Kunstwerken verwenden dürfte. Es wirkt überall klecksig, und es läßt sich doch nicht leugnen, daß eine einfache Butterblume ein köstlicheres Gelb besitzt — als dieses Tausch— und Trödelobjekt. Sie werden ja meiner Meinung sein.
Indessen — an die Seepferdchen der Venetianer dürfen Sie auch nicht denken — dafür müssen Sie an alle Farben denken, die Sie im Glase gesehen haben. Natürlich — sehr viel Email verwendete Weller auch — besonders in den Blüten.
Und dann eins: vergessen Sie nie, daß Weller niemals die natürlichen Blumen nachahmte — er machte alles immer anders als das Natürliche. Entzückend waren besonders die Glockenblumen mit ganz hohen spiralförmigen Staubgefäßen. In den Glocken sah man alle Topfformen, die es gibt — und das Äußere der Glocken war oft von durchbrochener Arbeit umhüllt — und oft von Rubin— , Filigran und Eisglas.
Weller setzte seine Beete, von denen viele einen Durchmesser von zwei bis drei Metern besaßen, nicht immer auf den Fußboden — oft setzte er die Beete einfach an die Wände und an die Decken.
Es wurden auch schräge Fußböden für die Beete hergestellt.
Da man im Naturgarten die Beete mit kurzgeschnittenen Rasen zu umgeben pflegt, so hatte Weller auch an einen Ersatz dieses Rasens gedacht.
Zumeist verwertete er weiße oder farbige Watte, die zum Glase einen gut kontrastierenden Rahmen schuf. An den Wänden wurde außer Sammet vielfach Brokat verwandt. Doch auch im Brokat vermied Weller das Gold.
Fahrende Beete gabs ebenfalls — und auch Guirlanden an straft gespannten Drahtseilen — natürlich auch hängende Beete — solche, die an Ketten hingen.
In einigen Sälen gabs auch Terrassen mit Überkragungen — und viele Terrassen waren ganz und gar mit Glasblumen angefüllt.
In einem Saale fand ich an Stelle des kurz geschnittenen Rasens — feinsten Seesand.
Auch Pilze und Schwämme wirkten als Umrahmung der Beete sehr gut.
Alle diese Herrlichkeiten zeigte mir Fräulein Flora Mohr mit einer Miene, die mir wirklich unvergeßlich bleiben wird.
Es machte ihr offenbar die größte Pein, mir all diesen Farben— und Formenprunk zu zeigen.
Und ich wußte ja schon so ungefähr — warum. Aber ich dachte, da stecke ein Roman dahinter.
Und so fragte ich höflich:
Gnädiges Fräulein, Sie sind also eine große Freundin der natürlichen Blumen, nicht wahr?
›Ja, das bin ich!‹ erwiderte sie.
Und ich fuhr fort:
Da haben Sie also eine Abneigung gegen diese künstlichen Glasblumen, nicht wahr?
Da bekam ichs.
›Wie‹, rief sie aus, ›Abneigung nennen Sie das Gefühl, das ich diesem Glasquark entgegenbringe? Nein, das ist nicht das richtige Wort für meinen Haß. Herr Baron, ich bin eine gebildete Person; ich hab in Graudenz das Seminar besucht und spreche fast alle modernen Sprachen. Wenn Sie glauben, daß mir diese Spielerei irgendwie imponieren könnte, so irren Sie sich gründlich. Wo ist denn hier das Leben? Sind diese Spielereien nicht einfach tot? Können Sie leugnen, daß sie tot sind? Und — ist es nicht immer wieder dasselbe, was man hier sieht? Immer wieder nur Farben! Und immer wieder nur Formen! Mit solchen Kindereien kann man ja den wilden Negern im warmen Afrika eine Freude bereiten — aber nicht einer gebildeten Person, die das Seminar in Graudenz besucht hat und fast alle modernen Sprachen spricht.‹
Ich sehe, meine Damen, Sie machen große Augen — aber so hat Fräulein Flora Mohr wörtlich gesprochen, ich behalte alles, was man mir sagt, wörtlich; mein Gedächtnis ist tatsächlich noch bewunderungswürdiger als mein Alter.
Mich verblüffte natürlich diese offene Ausdrucksart der jungen Dame, und ich sagte ganz schüchtern:
Gnädiges Fräulein, sind Sie nicht der Meinung, daß diese Abneigung, die Sie all diesen Glasblumen entgegenbringen, Ihren verehrten Großonkel sehr kränken könnte?
›Oh‹, rief sie heftig, ›Sie glauben wohl, hier steckt ein Roman dahinter! Sie glauben wohl, daß ich meinen Großonkel liebe! Da irren Sie sich: ich liebe meinen Bräutigam, der in Graudenz Kunstschlosser ist — und keinen andern Menschen liebe ich. Das gehört sich doch so. Und — ehrlich sein ist für mich die Hauptsache. Ich muß grade und frei meine Meinung heraussagen, wo ich auch bin. Und wenn meine Meinung andre Leute kränkt, so kann ich nicht dafür. Das Natürliche und das Ehrliche geht mir über Alles.‹
Nach dieser Rede sagte ich mir im Stillen, sodaß es Niemand hörte:
Jetzt bin ich also endlich hinter den Roman gekommen. Wie glücklich bin ich nur, daß diese Dame nicht mich liebt.
Wohl uns, daß dieser Kunstschlosser in Graudenz existiert! Auch der Weller kann von Glück sagen, daß er von diesem ehrlichen Mädchen nicht geliebt wird. Man weiß immer noch garnicht, wie gut mans eigentlich hat. Jedenfalls hat man vor der Natürlichkeit und vor der Ehrlichkeit immer noch nicht den genügenden Respekt. Und laut fuhr ich fort:
Gnädiges Fräulein, ich verstehe nur nicht, warum Sie da immer noch in Melbourne und nicht in Graudenz sind. Verzeihen Sie gütigst, daß ich das sage; mich gehts ja eigentlich nichts an.
›Oh‹, erwiderte nun das Fräulein, während es vor einem smaragdgrünen Tulpenbeet stehenblieb, ›Sie brauchen nicht um Verzeihung zu bitten; ich halte mit nichts hinterm Berge, ich nehme niemals ein Blatt vor den Mund. Mein Bräutigam will sich, wenn wir heiraten, etablieren. Und da braucht er etwas Geld. Und deswegen bin ich hie, bei meinem Großonkel und hab ihn gebeten, mir zehntausend Taler für Erwin zu geben — Erwin Krug heißt mein Bräutigam.‹
Und, fragte ich nun, eine so geringfügige Summe will Ihnen Ihr Großonkel nicht geben?
›Nein‹, versetzte sie, ›das ist es ja eben! Ich bin nicht für seine Glasblumen begeistert, und deswegen hält er mich hin. Und er verschwendet Unsummen für diese Albernheiten — jedes Beet hier kostet viele Tausende, und mir will er nicht einmal so viel geben, daß Erwin sich etablieren kann. Als ich ihm die maßlose Verschwendung, die hier herrscht, in scharfen Worten vorwarf, nannte er mich ein naseweises Frauenzimmer. Ich wäre längst fort von hier, wenn Erwin das Geld nicht so nötig gebrauchen würde.‹
Sagen Sie mal, meine Gnädigste, warf ich da ein, bitten Sie doch Ihren Großonkel um solch ein Glasblumenbeet — und verkaufen Sie es dann. Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie sich für dieses Glasblumenbeet mit den Smaragdtulpen interessieren — dann würde sich Ihr Onkel sehr freuen über Ihr Interesse und Ihnen die Kleinigkeit schenken. Zehntausend Taler bekommen Sie schon dafür.
Da sah mich die Dame sehr groß an und sagte mit unnachahmlichem Stolze:
›Ich sagte schon, daß ich eine ehrliche Natur bin. Ich lüge nie! Verstehen Sie mich jetzt?‹
Ich, versetzte ich stotternd, verstehe — Sie — jetzt! Ich lüge ja ebenfalls nie.
Danach hörte unsre interessante Unterhaltung auf; Diener kamen und baten uns wieder, in ein großes Speisezimmer zu kommen.
Wenn ich jetzt ehrlich sein darf wie Fräulein Flora Mohr, so möchte ich auch wünschen, daß jetzt gleichfalls Diener kämen und etwas zu essen mitbrächten.«
Die ganze Gesellschaft mußte nach diesen Worten sehr laut lachen; die Frau Minister Mikamura winkte — und die Diener brachten ein kleines Frühstück herbei, wofür der Baron Münchhausen mit den verbindlichsten Worten seinen Dank sagte.
Nach dem Frühstück sprach der Baron das Folgende:
»Mein Freund William lud mich danach zu einer Kahnfahrt ein, und ich war natürlich gern bereit, bat nur Fränlein Flora mal zu Hause zu lassen.
›Zu Hause‹, sagte William, ›bleiben wir ja. Meinst Du, ich hätte keinen Saal, in dem ich Kahn fahren kann? So arm bin ich doch nicht. Die Flora kann selbstredend draußen im Park die Rosen und Lilien bewundern; immerzu braucht sie ja nicht dabei zu sein.‹
Wir kamen dann gleich in einen domgroßen Saal, dessen Wände — ja, das ist wirklich schwer zu beschreiben... An den Wänden waren Taue und Stricke von verschiedener Dicke ausgespannt — alle ganz straff — aber nach allen Richtungen kreuz und quer, sodaß das Ganze etwas von alten Spinngewebenetzen bekam. An Spinngewebe mußte man schon denken, weil alle Taue und Stricke grau waren. Das gab wundervoll durchbrochene Muster — die eigentlichen Wände dahinter konnte man nicht sehen; überall sah man nur Taue und Stricke straff gespannt durcheinander gehen. Und oben die Decke des eirunden Saales zeigte auch nur graue Taue und Stricke. Es ging in Eischalenform nach oben — Ecken gabs nicht. Fenster gabs da auch nicht, die Luft wurde durch Windräder eingeführt. Auf dem Wasser schwammen zwölf Seerosen — ganz buntfarbige Seerosen. Und die begannen plötzlich bunt zu leuchten, sodaß das Tauwerk auch ganz bunt wurde.
Sie werden natürlich fragen, wie vordem Licht gemacht wurde. Doch das ging sehr einfach zu; mehrere Diener trugen an vier Meter hohen Stangen große weiße Kugellampen — die erlöschten, als die Seerosen zu leuchten begannen.
Wir setzten uns in einen Kahn. Die Diener verschwanden. Und es wurde ganz unheimlich still auf dem Wasser. Die Seerosen streuten bunte Farbenbüschel aus — wie bunte Scheinwerfer wirkten die Büschel.
Meine Damen und Herren, Sie werden natürlich denken, daß ich in dieser träumerischen Seestille an die Flora dachte. Doch Sie irren sich: ich hatte die Flora vollkommen vergessen — trotz meines guten Gedächtnisses.
Und was ich jetzt erlebte, drangte die Erinnerung an jene glasfeindliche Dame immer tiefer in den Hintergrund.
William bat mich, in die Tiefe des Sees zu blicken — und da sah ich, wie bunte Blumen langsam emporwuchsen. Und die Blumen wuchsen aus den Wassern heraus und leuchteten. Sie leuchteten auch in der Tiefe des Wassers.
Und Mr. Weller sprach dazu erregt:
›Siehst Du, da hast Du wachsende Blumen — wie wachsen so, daß Du siehst, wie sie wachsen. Und da sagt diese Flora immer noch, daß alle meine Glasblumen tot sind — immerzu tot sind. Es ist empörend. Für mich sind meine Blumen nicht tot. Siehst Du, wie sich langsam die köstlichen Kelche öffnen? Siehst Du, wie die Staubgefäße größer werden? Siehst Du, wie die saphirblauen großen Blätter langsam sich aufklappen? Eine feine Mechanik steckt da überall drin. Und sieh nur, wie die Glasblätter alle naß sind — und wie die Tropfen im bunten Licht aufleuchten! Oh — und da sagt diese Flora, daß das alles blutlose Schemen sind — bloß weil sie heiraten will. Dies hier soll nach ihrer Meinung ein Schattenreich sein — für den Orkus reif! Ein schöner Orkus! Und sie sagt immer, daß das alles so leer wirkt! Sie meint, da fehlt überall das Fleisch und Blut. Als wenn die Rosen und Veilchen auch Fleisch und Blut haben!‹
Danach wurde mein Freund ganz weich und sprach sehr viel davon, wie seine Glasträume entstanden. Wenn ich Ihnen das alles erzählen würde, käme ich heute nicht zu Ende.
Und die Glasblumen wuchsen ganz hoch aus dem stillen Wasser heraus. Und es wuchsen immer mehr. Und wir fuhren ganz vorsichtig zwischen diesen leuchtenden Wunderblumen dahin.
Als aber der liebe William wieder von seiner lieben Flora anfing, sagte ich ihm ziemlich ärgerlich:
Liebster William, laß die Flora in Ruh und zerstöre mir hier nicht die Stimmung. Gib ihr doch die zehntausend Taler, damit sie endlich ihren Kunstschlosser heiraten und uns in Ruhe lassen kann.
›Fällt mir garnicht ein‹, versetzte dazu der William ›sie macht mit ihren Schimpfereien unbewußt die schönste Reklame. Ich erwarte einen indischen Nabob, und dem muß sie Geschmack und Begeisterung für meine Blumenwelt beibringen, damit er für zwei Millionen Ankäufe macht.‹
Ach so! rief ich nun lachend. Du willst also durch die Flora nur zum Widerspruch reizen. Beinahe kommt es mir so vor, als wenn Du die zehntausend Taler garnicht mehr hast.
›Scherze nicht!‹ sagte William leise, ›so schlimm steht es nicht. Aber Du kannst mir glauben, daß meine Paläste Geld kosten.‹
Das glaube ich! erwiderte ich.«
Der Baron wandte sich danach an die Dame des Hauses und sagte schmunzelnd:
»Gnädige Frau, könnten wir nicht auf Ihrem neuen Karussell fahren? Es ist so heiß, und das Fahren in der Luft kühlt so fein ab.«
»Einverstanden!« rief da gleich der Minister Mikamura, ließ Cigarren und Cigaretten herumreichen — und dann bestiegen alle rauchend das neue Karussell.
Dieses war nicht so wie andre; ein fünfzig Meter langer Eisenarm hob eine Plattform empor, auf der die ganze Gesellschaft Platz fand.
Und da fuhr denn die ganze Plattform in zierlichen Kurven durch die Luß, und der Tabaksrauch markierte die Kurven. Solche Fahrt in der Luft, in der heißen Sommerluft erfrischte, und man sah dabei ins blaue Wasser des Stillen Ozeans.

Als alle wieder ruhig auf der großen Dachterrasse saßen, fuhr der Baron abermals in seiner Erzählung fort:
»Am nächsten Tage kam denn auch der große Nabob aus Indien; er hatte große schwarze Augen, denen man die Begeisterungsfähigkeit gleich anmerkte. Natürlich richtete es mein Freund William so ein, daß er bald mit Fräulein Flora zusammenkam.
William bestieg mit den beiden und mir sein großes Turmpanorama. Da drehte sich ein Turm mit fünf Stockwerken ganz langsam um sich selbst. Und im kleinen Turmzimmer des ersten Stockwerkes saßen wir Vier an einem runden Tisch in bequemen Sesseln und blickten hinaus. Und vor uns zog eine Art Winterlandschaft mit Blumen vorüber, die den Eisblumen nicht unähnlich sahen. Es waren aber ganz große Eisblumen. Das Starre des Glases wirkte hier ganz natürlich.
Die Flora gab ruhig zu, daß diese phantastischen Eisblumen, die natürlich ganz seltsame Formen zeigten, alles nur in Weiß und Grau — wirklich ganz natürlich wirkten. Weller sah mich an, und ich merkte, daß er unruhig wurde. Der Nabob saß ganz schweigsam da und starrte die weißen und grauen Astgewächse mit seinen großen Augen aufmerksam an.
›Du pflegst doch sonst nicht‹, sagte Weller zu seiner Großnichte, ›mit Deiner Meinung so zurückzuhalten.‹
›Ich habe aber auch nicht nötig‹, erwiderte sie, ›mich immerfort zu wiederholen.‹
›Finden Sie‹, fragte der Nabob, ›diese seltsame Eiswelt nicht wundervoll?‹
›Das schon‹, versetzte sie, ›aber wenn ich die Kosten bedenke, die eine derartige Anlage verursacht hat, so kann ich mir doch nicht verhehlen, daß hier recht viel Zeit und Geld verschwendet wurde. Bei uns in Deutschland hat man im Winter solche Landschaften billiger.‹
›Solche aber‹, rief nun der Nabob mit flammenden Augen, ›in keinem Falle. Sehen Sie denn nicht die wundervolle Struktur der grauen Stämme und Äste? Sehen Sie nicht, daß alles Weiße blütenartig ist? Und wie mannigfaltig die vielen Stengelgebilde sind — dort das ganz Straffe — hier das Strahlenartige! Oh — das gibts doch nicht in der Natur. Sie müssen so was geträumt haben, wenn Sie behaupten, so was schon in Deutschland gesehen zu haben.‹
›Ich bin für das Praktische und träume sehr selten!‹ sagte Flora.
Und Weller rieb sich vergnügt die Hände und führte uns auf steiler Wendeltreppe zum zweiten Stockwerk empor.
Da saßen wir denn ebenso wie im ersten und sahen Schattenspiele — eine Glasblumenwelt, in der alle Effekte auf die Schattenwirkung hinarbeiteten; das Licht kam mal von oben und mal von unten und dann wieder von einer Seite oder von hinten.
Alles Farbige war gedämpft — nichts Grelles. Nur die Schatten waren oft grell. Der Nabob fragte die Flora, ob sie so was auch schon in Deutschland gesehen habe.
›Ich habe‹, sagte sie da, ›oft die Schatten im Walde des Abends gesehen und finde diese Schatten nicht so mannigfaltig wie jene.‹
Da wurde der Nabob ärgerlich und schwieg, bewunderte dafür die vorüberziehenden Blumen mit allen ihren Schatten immer aufmerksamer.
Im dritten Stockwerk wars zuerst ganz finster — und dann sahen wir phosphorescierende Blumen in dieser Finsternis. Und das erregte — so wie Geistererscheinungen — es war ein bißchen unheimlich.
Fräulein Flora hüllte sich in Schweigen, der Nabob rauchte eine Cigarette.
›Ich wollte mal‹, sagte William, ›die Seelen der Blumen zur Darstellung bringen — ich wollte Geisterblumen bieten. Ich bin ja auch ein großer Freund der natürlichen Blumen.‹
›Dann verstehe ich nicht‹, rief nun die Flora, ›warum Du Dich derartig in Unkosten stürzest; man kann doch das Geistige nicht mit stofflichen Mitteln herstellen.‹
Es kamen nun Blumen, die nur aus Geißlerschen Röhren bestanden, und die entzückten den Nabob so, daß er sich plötzlich die Ohren zuhielt und deswegen um Entschuldigung bat.
›Aber‹, sagte er, ›ich kann nicht gut sehen, wenn ich auch hören muß.‹
Wir waren lange mäuschenstill und ließen die Geisterblumen langsam an uns vorüberziehen.
Im vierten Stockwerk wurden uns welke verblühte Blumen in Glas vorgeführt.
›Oh‹, rief da der Nabob, ›hier haben wir die Poesie des Sterbens.‹
Es sieht aber, sagte ich, nur so aus, als wäre da was gestorben. All die Formenpracht gibts garnicht in der absterbenden Natur.
›Jedenfalls‹, meinte die Flora, ›ist es sehr gut, wenn der Großonkel die tote Natur in seinen Glasblumen zur Darstellung bringt; den Eindruck des Lebendigen wird er ja doch nie mit seinen Glasgeschichten erzeugen.‹
›Da können Sie‹, sagte nun langsam der Nabob, ›auch die ganze Kunst verdammen; Ölfarben und Marmor sind auch nie zum Leben zu bringen.‹
Fräulein Flora Mohr wurde verlegen und redete etwas unzusammenhängend.
Weller stieß mich bedeutungsvoll an, und wir stiegen dann ganz nach oben in das fünfte Stockwerk und sahen dort eine ganz frische Frühlingspracht mit unsäglich vielen bunten Knospen.
Und dann drückte Weller auf einen Knopf, und es waren wieder andre Knospen da — in anderen Formen und Farben.
›Nun‹, rief William lachend, ›lebt diese Frühlingspracht — oder lebt sie nicht?‹
Und er drückte immer noch mal auf seinen Knopf — und wir sahen die Blumenfelder immer wieder anders.
Die Flora sagte:
›Hm!‹ sagte William, ›Du wolltest Dich doch nicht wiederholen.‹
›Das fragt sich, ob hier die Seele fehlt!‹ sagte der Nabob.
Mein Freund ließ jetzt noch eine größere Anzahl von durchsichtigen Vergrößerungslinsen als Blüten vortreten — und dadurch veränderte sich das Bild so plötzlich, daß der Nabob ganz erregt aufsprang. Als ich nachher mit William allein war, sagte der:
›Die Flora hat ja gewissermaßen Recht; ich gebe zu, daß immer nur Farben und Formen kommen. Aber — ist es nicht ein bißchen anspruchsvoll, wenn man immer gleich den Kern der Natur entdecken will?‹
Ich mußte das bejahen und sagte tröstend:
Vergiß auch nicht, daß wir den Kern der Natur eigentlich garnicht kennen.
›Und‹, rief nun mein Freund vergnügt, ›ich weiß ja doch, daß Floras Seele stets in ihrem Kunstschlosser steckt.‹«
Danach begab man sich zum Diner, und die Damen erklärten dem Baron, daß sie die Flora für ein unglaubliches Geschöpf hielten.
»Aber solche Geschöpfe«, sagte der Baron, »gibts eben in Europa.«
»Ein merkwürdiges Land!« riefen da die japanischen Damen — beinahe im Chor.
Nach dem Diner sagte der Baron:
»Es ging nun wohl eine ganze Woche dahin, ohne daß die Geschichte mit dem Nabob
so recht vorwärtsgehen wollte.
Fräulein Flora kämpfte mit Energie für das Recht auf Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Der Nabob war immer andrer Meinung als die Flora, aber es kam zu keinen Knalleffekten, wenn auch manchmal die Meinungen recht drastisch gegenüberstanden. Weller freute sich dann über die Köstlichkeit der Kontraste, und der Nabob ging hin und studierte die einzelnen Beete und Blumen mit immer größerem Eifer; er konnte stundenlang vor einzelnen Kompositionen sitzen. Doch er kaufte nichts.
Er sagte nur immer wieder:
›Mr. Weller! Ich schwärme eigentlich nur für das Beste! Nur das Beste möchte ich
haben! Entschuldigen Sie, daß ich mich noch nicht entschließen kann. Ich muß über
alles sehr lange nachdenken. Ich will immer nur das Beste haben — nur das
Beste.‹
Weller wurde dabei ein bißchen nervös, und ich hatte große Mühe, ihn zu beruhigen:
›Diese Flora‹, sagte er, ›kam mir sonst viel krasser in ihren Urteilen vor; sie ist jetzt so matt. Lieber Münch, könntest Du ihr nicht zu verstehen geben, daß ich ihr wahrscheinlich demnächst das gewünschte Geld geben werde?‹
Nein, erwiderte ich, das halte ich für Unfug; sie muß den Nabob immer wieder zum Widerspruch reizen. Sag ich ihr, daß sie bekommen wird, was sie haben will, so wird sie so sanft wie eine Taube. Und das reizt den Nabob nicht mehr.
›Wenn die wüßte, wozu wir sie gebrauchen!‹ sagte Weller.
Und da mußten wir Beide herzlich lachen.
Wenn ich mit William allein war, gingen wir gewöhnlich in eines seiner intimen Kabinette, in denen sich nur einzelne ganz hervorragend schöne Glasblumen befanden.
›Du glaubst nicht‹, sagte William mal, ›welche Mühe ich mir gegeben habe, meinen Glasblumen eine sogenannte Seele einzuhauchen. Sieh nur, ein Blumenmaler wie Makart, der nur natürliche Blumen malte, wird immer den Triumph genießen, daß er andern Leuten als Blumenbeseeler vorkommt. Aber ich, der ich neue Formen und Farben in ganz neuen Blumen geben will, werde so behandelt, als wenn ich alles Seelenleben dadurch vernichte. Rede nicht! Es ist so! Das macht die Gewohnheit! Als wenn ich nicht die genügende Begeisterung für die lebendigen Blumen der großen Natur habe! Ich will doch nur Andere geben! Ob dieses Andere besser ist als das Bekannte — das ist mir ganz egal; wenns nur anders ist!‹
Ich mußte nun den armen William immer trösten.
Sei still, sagte ich, der Nabob und ich sind nicht so wie Deine liebe Flora; wir
sehen schon, welche Fülle von Stimmungsgeschichten Du in Deine Beete hineingepflanzt
hast— diese Stimmungsgeschichten leben und kommen in uns hinein — wie
Musik in uns hineinkommt.
›Du mußt mit dem Nabob‹, sagte da der William, ›und mit meiner Flora in meinen großen Irrgarten gehen — den kennst Du noch nicht. Das ist ein Urwald in Glas — das Beste, was ich habe — das ist ein Urwald und ein Irrgarten zu gleicher Zeit.‹
Ich war natürlich sofort bereit, in diesen Irrgarten hineinzugehen.
Aber, meine Damen und Herren, ich muß gestehen, daß ich nach dem Diner immer etwas müde bin, und so schlage ich vor, daß wir uns alle ein wenig zerstreuen und uns eine Siesta gönnen.«
Alle waren sofort einverstanden, und die Japaner mit ihren Damen erklärten feierlich:
»Diese Flora Mohr ist uns ganz unverständlich. Wir nehmen Mr. Wellers Paläste als höchste Verherrlichung der Blumenwelt hin. Wir können garnicht anders. So ist es doch auch. Daß das diese Flora nicht einsieht!«
Nun redeten Alle darüber Längeres und Breiteres, und währenddem wurde Münchhausen mit seiner Clarissa in ein abgelegenes Orchideenzimmer geführt, allwo sie sich auf weichen Polstern ungestört der Ruhe hingeben konnten.
Münch steckte sich eine starke Cigarre an und trank ein Glas Wasser und fragte
die Clarissa:
»Was sagst Du zu dieser japanischen Gesellschaft?«
»Ich finde sie reizend«, erwiderte die Gräfin, »furchtbar liebenswürdig und nett. Die Hauptsache hat natürlich Niemand begriffen. Ich habs ihnen nach Kräften klargemacht. Immer wieder hab ich ihnen gesagt, daß die Glasblumen Wellers gar keine gewöhnlichen Blumen sind — daß sie anders sind als alles, was wir bisher kannten — daß sie noch mehr bieten wollen als alle Orchideen. Nun fanden das die Damen und Herren einfach wundervoll. Aber sie priesen doch immer wieder hauptsächlich ihre Orchideen, sodaß ich vermute, sie haben uns mit Absicht in dieses Orchideenzimmer geschickt, damit wir einsehen, wie köstlich die Orchideen trotz aller Weller— Blumen sind. Eben — wie gesagt — Alles sehr liebenswürdig, sehr sympathisch und angenehm. Aber die Hauptsache wird wieder mal nicht begriffen. Und da muß man immer noch sehr dankbar sein, daß sie Dir so aufmerksam zuhören. Ach, ich fürchte, wir werden auch hier genauso viele Erfolge zu verzeichnen haben — wie in Europa. Das Neue ist den Leuten eben noch zu neu — und es strengt auch etwas an, sich das Neue vorzustellen. Es ist beklagenswert, daß Mr. Weller nicht Photographieen von seinen Blumen herstellen ließ. Warum hat er das eigentlich verboten?«
»Aber liebe Clarissa«, rief lachend der Baron, »dieser Weller will doch seine Glasblumen auch mal verkaufen. Und darum sollen alle Interessenten nach Melbourne kommen.«
»Sag mal, Münch«, sagte darauf die Gräfin, »so ganz sympathisch ist mir dieser Geschäftsfaktor eigentlich nicht.«
»Mir«, erwiderte Münch, »eigentlich auch nicht. Aber die meisten Menschen schätzen doch nur, was sie kaufen und bezahlen können.«
Hierauf ward es ganz still im Orchideenzimmer; der Baron legte seine Cigarre fort.

Als wieder alle auf der großen Dachterrasse zusammen waren, sprach der alte Baron weiter:
»Am nächsten Tage ging ich also schon in früher Morgenstunde mit dem Nabob und Fräulein Flora in Wellers großes Labyrinth. Das kannte Fräulein Flora bereits; ich aber kannte es noch nicht und mußte trotzdem den Führer spielen. Vom Morgenlicht sahen wir nicht viel; es kam nur zuweilen von oben herein. Das meiste war elektrisch erleuchtet.
Stellen Sie sich, meine Damen und Herren, riesige Palmenhäuser vor — und da alle Palmen aus Glasmassen. Natürlich bestanden diese Palmen, die selbstverständlich den Palmen nur so ungefähr ähnlich sahen, aus kräftigsten Eisenkonstruktionen, die auf allen Seiten so vom Glase bedeckt wurden, daß das Eisen nicht mehr bemerkt werden konnte.
Wir gingen überall auf einem grauen einfarbigen Fußbodenbelag; aber ganz lange Pole hatten diese Teppiche, sodaß es uns so vorkam, als gingen wir auf grauem, nicht zu kurz beschnittenem Rasen. Das ging sich sehr weich; Filzpantoffeln brauchten wir nicht.
Unten — gabs viele moosartige Glasblumen und große Traubenmassen — in Kürbisgröße jede Beere.
Und ringsum bewegliche Spiegelwände, die sich immer langsam und allmählich anders stellten, sodaß man die Gegend nicht wiedererkannte, wenn man zurückkam.
Ein Labyrinth wars, in dem Führer zu spielen — nicht grade leicht wurde, denn ich konnte dem Nabob niemals sagen, ob wir in einer Gegend schon mal gewesen.
Und dann gings immer treppauf und treppab und auch unten durch lange Tunnelgänge, in denen sich plötzlich große Abgründe auftaten. Und auch diese Abgründe mit ihren korallenartigen Gewächsen veränderten sich durch Spiegelwirkungen immer wieder so, daß man alles nicht wiedererkannte, wenn man wieder vorbeikam.
Der Nabob fand diesen künstlichen Urwald entzückend und die liebe Flora sagte tief unten in einer großen Grotte, die mit unvergänglichen Glasblumenkränzen geschmückt war:
›Ich finde den wirklichen Urwald doch hunderttausendmal schöner.‹
Da meinte der Nabob lächelnd:
›Urwälder glaube ich besser zu kennen als Sie, mein gnädiges Fräulein. Die Urwälder
mögen sehr herrlich sein. Wer wird denn das bestreiten? Aber warum soll ich denn
die wirklichen Urwälder mit diesem Irrgarten vergleichen? Zum Vergleiche zwingt
mich ja garnichts. Dies ist doch noch was Anderes als ein Urwald. Und da dieser
Irrgarten noch was Anderes, Neues bietet — so bereichert er uns. Und! ich
kann die Bereicherung sehr gut vertragen, wenn ich auch mit Glücksgütern vollauf
gesegnet bin. Fühlen Sie sich, meine Gnädige, wirklich innerlich so reich, daß Ihnen
Zusätze unsympathisch sind?‹
Da sagte die Flora wieder ihre alte Melodie wie ein alter Leierkasten:
›Ich bin für das Natürliche — für das, was Herz und Gemüt erfreut. Aber ich
bin nicht für kalte leere Glasstücke, in denen kein Leben ist.‹
›Meine Gnädige‹, meinte nun lächelnd der Nabob wieder, ›ich suche hier nur das Beste! Nur das Beste möchte ich hier kaufen. Wenn ich aber an all die Köstlichkeiten hier denke und daneben Ihr Bild stelle, so will mir vorkommen, als wären Sie, meine Gnädigste, das Beste in diesem Irrgarten des Mr. Weller. Sie sind die unberührte Naivetät.‹
›Ich bin verlobt, mein Herr!‹ rief Miß Flora schnell.
›Sie verstehen mich nicht!‹ rief der Nabob.
Und dann bewunderten wir weiter den großen Irrgarten, und der Nabob sagte zu mir heimlich:
›Die Dame macht wirklich durch ihr Geschimpfe alle diese Blumen noch interessanter,
als sie sind.‹
Ich gab dem reichen Herrn Recht.
Und dann bewunderten wir die kolossalen blauen Palmenblätter auf einer kleinen Anhöhe, und wir sahen ringsum, wie die anderen Riesengewächse, die zumeist in Spiegeln zu sehen waren, immer wieder bald größer und bald kleiner wurden.
›So was sollte man mal im Urwalde sehen!‹ rief der Nabob in heller Begeisterung.
Flora jedoch sagte abermals:
›Ich kann mir nicht helfen— das Natürliche...‹
Aber, meine Damen und Herren, Sie wissen ja schon, daß Fräulein Flora konsequent bei ihrer Meinung blieb; sie blieb eine ehrliche Natur — mochte auch die Welt untergehen.
Und Weller, der uns belauscht hatte, teilte mir nachher mit, daß ihn seine Großnichte einfach berauscht habe.
›Wenn sie‹, flüsterte er mir zu, ›nicht schon verlobt wäre, so würde ich selbst mich mit ihr verloben. Die macht den Käufern Appetit. Es geht nichts über eine ehrliche Natur. Es lebe die Natur! Es lebe die ehrliche Natur! Wenn ich alle meine Glassachen verkauft habe, mach ich neue — noch zehnmal soviel neue. Ich baue dann Hochlandschaften aus Glas! Ja, Münch, das bekomme ich auch noch fertig!‹
Ich war schließlich nur neugierig, wie diese Geschichte enden würde.
Doch ich sehe, Herr Minister, daß Sie Bier haben, und ich fühle, daß ich Durst habe.«
Da mußten alle Gäste des Ministers Mikamura abermals herzlich lachen.
Münchner Bier wurde herumgereicht.
Es war Spatenbräu.
Während nun die ganze Gesellschaft gemütlich jenes Getränk trank, das schon den alten Ägyptern so trefflich mundete, fuhr der Baron also in seiner Erzählung fort:
»Nachdem wir den Irrgarten verlassen und gut diniert hatten, bat uns Mr. Weller, ihm in seinen neuesten Saal zu folgen.
Und da mußten wir in Liegestühlen auf dem Rücken liegen, denn das, was gesehen werden sollte, ließ sich oben in der Kuppeldecke sehen.
Da sahen wir plötzlich eine kolossale Sonne, die sich drehte, und die drehende Sonne wurde umkreist von Blumen, die kometarische Ausstrahlungen zeigten.
Schwebende Blumen unter einer Sonne! Kometenblumen!
Weller sagte zur Erklärung dieses:
›Ich befand mich im Jahre 1882 auf der Kapsternwarte, als der zweite Komet jenes Jahres der Sonne so nahe kam, daß er plötzlich verschwand, als er vor den Sonnenbrand trat. Wir dachten damals, er ginge hinter der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Aber das war ja ein Irrtum; er ging vor der Sonne durch die Sonnenatmosphäre durch. Die Helligkeit des Kometen war eben genauso groß wie die der Sonne selbst. Das war ein Ereignis in meinem Leben. Und ich stellte mir das kolossale Leben in diesem Kometen vor. Und — ich weiß nicht, wie es kam — es muß wohl meine ganze Ideenrichtung, dabei ausschlaggebend gewesen sein — kurzum: ich glaubte, daß die Kometen Kolossalblumen sein könnten. Und das veranlaßte mich, dieses Blumenstück zu schaffen, das Sie da oben sehen. Da bewegt sich Alles. Da ist garnichts tot. Die Sonne ist auch aus Glas. Sie sehen, wie sie sich immerzu in der Farbe verändert. Und die Blumen ringsum bekommen immer wieder andere Schweife — bei jeder kleinen Bewegung verändern sich die Schweife. Zwanzig Jahre habe ich an der Geschichte gearbeitet. Aber mir tut es nicht leid, daß ich der Sache so viel Zeit gewidmet habe. Ich halte dieses Blumenstück für mein Bestes.‹
Da rief der Nabob:
›Ich auch! Ich auch!‹
Na, dann haben Sie ja, sagte ich, was Sie immer gesucht haben, endlich gefunden.
Mr. Weller machte noch darauf aufmerksam, daß auch auf der Oberfläche seiner Sonne Blumengebilde sichtbar würden. Seine Sonne war selbstredend auch eine andre Sonne als die uns bekannte.
Flora sagte ärgerlich:
›Lieber Großonkel, ich glaube, Du wirst demnächst auch die Elephanten in Blumen
umwandeln. Vor Dir ist nichts sicher.‹
›Jedenfalls‹, sagte Weller, ›ist es mir nicht unwahrscheinlich, daß die Protuberanzen der Sonne einen gewissen blumenartigen Charakter besitzen; man spricht ja schon so oft von Protuberanzenwäldern.‹
Wenn Sie aber, meine Herrschaften, verlangen, daß ich Ihnen das Aussehen der schwebenden Kometenblumen genauer schildern soll, so verlangen Sie von mir, was ich Ihnen nicht geben kann.
Würde mein Freund William gestattet haben, daß man Photographieen von seinen Sachen herstellte, so wäre ja Alles sehr einfach anschaulich in meinem Vortrage geworden. Die Photographien aber wollte Herr Weller erst dann machen lassen, wenn ihn sämtliche Millionäre des Erdballs besucht hätten — so sagte er mir öfters. Alle sind aber noch nicht dagewesen — das weiß ich ganz genau. Mr. William ist eben auch ein Geschäftsmann. Das nimmt man ihm in Europa übel; da denkt man immer, daß alle Künstler Geld nicht gebrauchen können. Mr. William braucht aber trotzdem sehr viel Geld. Und somit kann ich Ihnen Photographieen von den Glasblumen noch nicht vorlegen.
Ich würde nun nichts dagegen haben, wenn wir jetzt etwas Abendbrot äßen, da wir
sonst zu viel Bier zu früh trinken.«
Die Gesellschaft umringte den Baron und dankte ihm für seinen Vortrag, und die Damen
wollten den Schluß wissen; sie interessierten sich alle so lebhaft für Fräulein
Flora Mohr — für ihre sonderbare Natürlichkeit und für ihre sonderbare Ehrlichkeit.
Der Baron aber sagte lachend:
»Den Schluß erzähle ich erst nach dem Abendbrot, sonst hören Sie mir nicht mehr
zu.«
Und so mußte man sich gedulden.
Man aß erst Abendbrot.

Nach dem Abendbrot ging der Mond über dem Stillen Ozean auf, und da wurden im Park des Ministers Mikamura alle Papierlampions angesteckt — und da sagte Münchhausen:
»So wie jetzt hier, so sahs auch bei Weller an jenem Abend im Weller— Park aus, als der Nabob die Kometenblumen für das Beste erklärte.
Wir saßen damals mit Flora und dem Nabob auch mitten in einem Park wie hier, und Papierlampions leuchteten ringsum so wie hier in den Bäumen und Gebüschen.
Der Nabob hatte die Kuppel mit der Sonne und den Kometenblumen für vier Millionen Dollars angekauft; Weller rieb sich vergnügt die Hände und sagte nach den Austern:
›Liebe Flora, Dir will ich nachher noch etwas erzählen, was Du gerne hören wirst.‹
Da verzog sich das ernste Gesicht der jungen Dame zu einem schmerzlichen Lächeln, aber es leuchtete etwas in ihren Augen auf — und das sah so wie ein großes Glück aus.
Und ich mußte während dieses Abendbrotes immer wieder Floras Augen bewundern,
in denen ein großes Glück aufzuleuchten begann.
Ich sehe diese Glücksaugen immer noch.
Weller sagte dann zu seiner Großnichte:
›Dreimal so viel,wie Du verlangt hast,will ich Dir heute geben, damit Du endlich
heiraten kannst. Bleibe so natürlich, wie Du bist. Ehrlich währt am längsten.‹
Da fiel die Flora ihrem Großonkel weinend um den Hals, der Nabob verstand die Scene nicht.
Ich aber mußte herzlich lachen über die große Ehrlichkeitsliebe dieses Großonkels.
Die Dame fuhr nach Europa, ohne eine Ahnung davon zu haben, wieviel ihr Geschimpfe
dem alten Mr. Weller genützt hatte.
Möge jedes Geschimpfe so nützlich sein.
Aber — Floras glückliche Augen werde ich niemals vergessen.
Hier sehen Sie eine Photographie von Fräulein Flora Mohr.«
Der Baron zeigte den Damen und Herren die Photographie von Fräulein Flora Mohr.
Und dann trank man wieder echtes Münchner Spatenbräu.
Und als der Baron mit der Gräfin Clarissa zusammen beim Morgengrauen auf dem festen Sande des Seestrandes dahinfuhr, rief der Baron der Gräfin ins Ohr, da die Wellen des Meeres so heftig rauschten:
»Clarissa! Sieh nur den Mondschein auf den Wellen! Der Große Ozean ist doch herrlich!«
Nach diesen Worten jedoch rief die Gräfin Clarissa dem alten Münchhausen ins Ohr:
»Münch! Du hast ja ganz vergessen, etwas vom russisch— japanischen Kriege zu reden; das wird man Dir übelgenommen haben.«
»Das hab ich«, schrie Münchhausen, »tatsächlich ganz und gar vergessen. Ich werde mich gleich schriftlich entschuldigen, wenn wir ins Hotel gekommen sind. Fahren Sie schneller, Chauffeur!«
Der fuhr nun sehr schnell, daß die Wogen des Großen Ozeans hoch aufspritzten
unter den Gummirädern des freiherrlichen Automobils.
Und viele weiße Möven flogen vorüber.
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