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Eine Geschichte aus Grönland
Im März des Jahres 1908 saß der alte Baron Münchhausen in Grönland bei den Eskimos und erzählte ihnen eine lustige Geschichte. Neben dem Baron, der schon hundertvierundachtzig Jahre alt war, saß wie immer in den letzten Jahren die Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Beide hatten dicke Pelze an. Die Tranlampe flackerte.
Der Häuptling der Eskimos hatte erklärt, daß er furchtbar gerne was Näheres vom Nordpol hören möchte.
»Mein lieber Freund«, sagte darauf der Baron freundlich, »auf dem Nordpol der Erde bin ich noch nicht gewesen. Aber ich habe einen Nordpol auf dem Kopfe gehabt.«
»Wie ist das möglich?« fragten alle Eskimos und auch die Eskimofrauen, während sich Alle neue Pfeifen stopften.
»Das war doch möglich«, fuhr nun Münchhausen fort, »allerdings — so ganz einfach gings nicht. Es sind schon zwanzig Jahre her.1888 wars. Mir kam das Leben auf der Erde herzlich langweilig vor, und ich hätte viel dafür gegeben, wenn es mir möglich gewesen wäre, auf einem andern Sterne zu leben. Aber das ging nicht so ohne weiteres. Das wußte ich. Und ich klagte mein Leid einem alten Freunde. Mikosai hieß dieser Freund. Er lebte auf Neu— Guinea, und ich war bei ihm zu Besuch. Mikosai lachte, als er von meiner Weltmüdigkeit hörte.
›Wie‹, sagte er, ›Du willst auf einem andern Stern leben? Mehr willst Du nicht? Du bist bescheiden. Ich wollte mal mehr. Ich wollte mal selber ein kleiner Stern sein. Und ich kann Dir verraten, daß es mir schon gelungen ist, als kleiner Stern im Weltraume herumzusausen. Aber — Du siehst mich hier wieder als Mensch. Ich gabs auf, als Stern zu leben; ich hielts einfach nicht aus. Willst Du vielleicht die Geschichte noch einmal probieren? Es wäre so übel nicht. Ich könnte Dir schon dazu verhelfen. Aber Du mußt Dich verpflichten, alles das zu tun, was ich Dir sagen werde. Mindestens gewöhnt man sich die Weltmüdigkeit ab — oder vielmehr: die Erdmüdigkeit, denn die ganze Welt kann man doch nicht so leicht langweilig finden, dazu ist die ganze Welt doch zu groß.‹
Kurzum: ich erklärte mich einverstanden und bekam von Mikosai ein Schlafpulver und schlief ein. Und dann weckte mich dieser Zaubrer, und er rieb gleich meinen Leib mit vielen Ölsorten und vielen scharf riechenden Essenzen. Und dabei wurde mein Leib immer leichter. Und schließlich umhüllte mich dieser Zaubrer mit einem ganz leichten Tuchstoff. Und ich fühlte, daß dieser Tuchstoff sich ballonartig aufblies. Und dann gab mir Mikosai einen Klaps mit der rechten Hand oben auf meinen Kopf und sagte ganz freundlich:
›Lieber Münchhausen, wundre Dich nicht, daß Du jetzt nichts sehen kannst. Du bist jetzt ein kleiner Kugelstern, und dort, wo Du den Klaps meiner Hand gefühlt hast, da ist dein Nordpol. Nun werde ich Dich ins Weltall hinausbringen. Ich spritze Dich jetzt mit einem besondren Schlafmittel an; Du wirst wieder einschlafen und sehr lange schlafen. Und wenn Du erwachst, so bist Du weit fort von hier — hinter unserm Mond. Den wirst Du allerdings gar nicht sehen. Dafür wirst Du viele andere Dinge wahrnehmen. Wenn Du wieder zurück willst, so denke an mich und sprich zehntausendmal hintereinander meinen Namen. Du brauchst nicht zu zählen. Es wird schon gehen. Vergiß meinen Namen nicht. Sonst kann ich Dir nicht helfen. Jetzt lebe wohl. Ich spritze jetzt mit dem Schlafmittel.‹
Ich gab mir Mühe, mir den Namen Mikosai zu merken, dachte noch an Mücken, Kosen und Eier und schlief dabei ein. Ich muß dann sehr lange geschlafen haben. Als ich erwachte, fühlte ich auf meinem Kopfe etwas Eiskaltes, sagte mir aber gleich:
›Ach so, lieber Münchhausen, da oben ist ja jetzt Dein Nordpol, darum ist es Dir oben auf dem Kopfe so kalt. Unter den Fußsohlen ist wahrscheinlich Dein Südpol, denn unter den Fußsohlen empfindest Du auch eine große Kälte.‹
Die Augen konnte ich aber noch nicht auftun; ich fühlte nur, daß ich mich mit ungeheurer Schnelligkeit weiter bewegte und mich dabei langsam um mich selber drehte. Sie werden sich, meine Damen und Herren, schwerlich eine Vorstellung von meinem damaligen Zustand machen können. Ich fühlte mich als Stern.«
Nach diesen Worten goß die Gräfin Clarissa ihrem Baron ein neues Glas Grog ein, und die Eskimos mit ihren Frauen sahen mit ihren großen Augen unverwandt den Baron an, und der fuhr nun fort in seiner Erzählung.
»Sie sehen also«, sagte er, »jetzt ein, daß ich einen Nordpol auf dem Kopfe gehabt habe. Ich aber konnte damals nicht die Augen öffnen, und das erschien mir sehr fatal, denn ich wollte doch wissen, in welcher Weltgegend ich mich befand. Es kam mir vor, als sauste ich immer schneller durch den großen Weltenraum. Ich befürchtete einen Zusammenstoß mit anderen Sternen. Und da entdeckte ich, daß es mir sehr wohl möglich sei, wahrzunehmen, was um mich her vorging. Ich sah nur nicht mit meinen menschlichen Augen; ich sah mit meinem ganzen kugelrunden Körper. Nur Nordpol und Südpol erschienen mir vorläufig noch ganz unempfindlich und ganz kalt. Ich wollte feststellen, ob ich meine Arme in Bewegung setzen konnte, doch Arme und Beine fühlte ich nicht mehr. Ich wußte einfach nicht, wo sie hingekommen sein könnten. Dafür konnte ich den Weltenraum mit ganz neuen Hautorganen durchblicken. Es war mir, als umgäbe mich eine große Atmosphäre auf allen Seiten, und mit dieser Atmosphäre konnte ich mehr wahrnehmen als mit Augen; ich konnte aber dieses Wahrnehmen nicht einfach Fühlen nennen. Dazu wars zu kompliziert. Und mehr als Sehen wars ganz bestimmt. Ich bemerkte in meiner Nähe viele andere solche Kugelsterne, wie ich einer war. Und die drehten sich auch ganz langsam um sich selbst. Viele flogen jedoch viel schneller dahin als ich. Und in der Ferne fühlte ich einen sehr großen Kugelstern. Der drehte sich rasend rasch um sich selbst, daß nur alles so schnurrte. Und während ich mich zu ihm hingezogen fühlte, bemerkte ich, daß mein ganzer Körper zu einem einzigen Auge wurde. Und da sah ich nun auch den großen Kugelstern. Und ich hielt ihn für den Jupiter. Was aber sah ich da alles! Das wurde immer mehr. Und gleichzeitig fühlte ich diesen Jupiter mit meiner ganzen Atmosphäre, obschon er viele tausend Meilen von mir entfernt durch den Raum dahinschnurrte. Ich sah auch bald seine Monde. Es waren aber über dreißig Monde. Und ich zweifelte, daß dieser Stern der Jupiter sein könnte. Nun drangen immer mehr Eindrücke auf mich ein. Ich sah immer mehr kleine Sterne in meiner Nähe — und viele waren gar nicht kugelförmig — viele waren sehr zackig, und einzelne hatten lange Gliedmaßen — wie Tintenfische. Und dann wurde alles farbig — aber es waren viel mehr Farben da, als wir auf der Erde kennen. Und dann empfand ich ein Prickeln und Stechen in meinem großen Körper— Auge. Und alle diese Empfindungen vermehrten sich immerfort, und sie wurden immer stärker. Ich sah große Kometen und riesige Nebelwolken, die sich in meinem Körper als etwas Feuchtes bemerkbar machten. Und die Kometen warfen feine Blitzstrahlen aus und trafen mein Körper— Auge, daß ich hätte aufschreien können. Ich konnte aber nicht aufschreien. Ich konnte nur immerzu denken. Plötzlich empfand ich eine riesige Helligkeit — ich sah die große Sonne — aber so, als wenn ich ganz in ihrer Nähe schwebte. Und da drang so furchtbar viel Neues auf mich ein, daß ichs nicht mehr aushalten konnte. Alles drehte sich in meinem Körper— Auge, und meine Atmosphäre wurde so empfindlich wie ein kranker Zahn — und immer empfindlicher — bis ich nur noch einen großen furchtbaren Schmerz empfand. Und ich wollte wieder schreien und konnte nicht. Und ich dachte plötzlich, ohne es so recht zu wollen, nur noch den Namen Mikosai — und wiederholte den Namen Mikosai immerfort — immerzu — bis ich das Bewußtsein verlor.«
Der Baron trank abermals ein Glas Grog; Allen war jetzt die Pfeife ausgegangen.
Und die Gräfin Clarissa sagte:
»Nachher ist dann der Baron Münchhausen wieder in Neu— Guinea erwacht. Und dieser Zaubrer Mikosai hat herzlich gelacht, daß der Baron das neue Leben auch nicht aushalten konnte.«
»Wir sind eben«, sagte Münchhausen, »für ein Sternleben noch lange nicht reif.«
»So was aber«, rief nun der Häuptling der Eskimos, »möchte ich auch mal erleben. Und wenns mich das Leben kosten sollte! Ich glaube, ich halts aus.«
Und da behaupteten plötzlich alle andern Eskimos ebenfalls, daß sie es aushalten könnten.
Und die Eskimofrauen sagten ebenfalls:
»Wir haltens auch aus. Geben Sie uns die Adresse dieses Mikosai. Wir wollen ihm gleich einen Brief schreiben, daß wir hinkommen.«
»Er ist«, sagte Münchhausen, »vor fünf Jahren gestorben. Ich habe selber gesehen, wie er in die Grube gesenkt wurde.«
Da wurden Alle sehr traurig.
Und sie gingen hinaus in die Polarnacht hinein und sahen über ihren Köpfen die unzähligen Sterne funkeln.
Und im Norden zitterte ein Nordlicht mit vielen bläulichen Strahlenbüscheln, die sich emporreckten — immer höher empor.
Und die Clarissa sagte zum Münchhausen:
»Diese Leute verstehen uns!«
Münchhausen nickte.

Eine anamitische Geschichte
Der jetzige Kaiser von Anam befand sich im August des Jahres eintausendneunhundertundfünf auf einer großen Inspektionsreise; er fuhr durch alle Teile seines weiten Reiches und erkundigte sich überall eifrig nach den sozialen Verhältnissen und ward dabei sehr mißgestimmt, da sich sehr bald herausstellte, daß die sozialen Verhältnisse verbesserungsbedürftig seien — sehr verbesserungsbedürftig.
»Wenn ich die Lebensverhältnisse in meinem Lande«, sagte er schließlich zu seinem Ober— Schatzmeister, »erträglich machen wollte, so müßte ich ja mindestens noch hundert Jahre leben. Aber so alt werde ich doch nicht. Wer gibt mir das Lebenselixier, das mich noch hundert Jahre am Leben erhält? Jetzt bin ich schon fünfzig Jahre alt. Wie mach ich's, daß ich hundertundfünfzig Jahre alt werde? Ober— Schatzmeister, wissen Sie nicht, wie ich das mache?«
Der Ober— Schatzmeister kratzte sich in seinem schwarzen Backenbart und sagte lächelnd:
»Na, wir wollen mal sehen, was ich in dieser Angelegenheit machen kann.«
Der Kaiser machte große Augen.
Er sah seinen Ober— Schatzmeister lange an und sagte dann ernst: »Lieber Freund, ich bin zu Späßen nicht aufgelegt; wie soll ich Ihre Antwort verstehen?«
»Wenn Majestät mir«, versetzte der hohe Beamte, »freie Hand lassen wollten und tun möchten, was ich anordne, so könnten wir in einigen Tagen Näheres über diese Lebensverlängerungsangelegenheit erfahren.«
Der Kaiser gab sofort den Befehl, den Anordnungen des Ober— Schatzmeisters für die nächsten acht Tage unbedingt Folge zu leisten.
Und der Ober— Schatzmeister führte seinen Kaiser mit seinem ganzen Gefolge in ein kleines Dorf, allwo sich alle beim Schulzen, so gut es ging, einquartierten; der Kaiser war gespannt.
Es war der zweite September des Jahres eintausendneunhundertundfünf, und in demselben Dorfe, in dem sich jetzt der Kaiser von Anam niedergelassen hatte, lebte auch ein deutscher Baron namens Münchhausen, der täglich auf die Klapperschlangenjagd ging.
Der Baron war nur der Klapperschlangenjagd wegen nach Hinterindien gekommen; in seiner Begleitung befand sich die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, die immer die Schlangenjagden mitmachte. Sie war noch sehr jung, er aber schon sehr sehr alt.
Diesem seltsamen Paare stattete der Ober— Schatzmeister des Kaisers von Anam in aller Frühe zum zweiten September einen Besuch ab.
»Könnten Sie nicht, Herr Baron«, sagte er lächelnd, »heute die Schlangenjagd sein lassen? Es wäre möglich, daß Sie der Kaiser von Anam noch heute zu sprechen wünschte; ich bin von Ihrem Aufenthalte in Hinterindien bereits unterrichtet — Ihren Paß habe ich schon gesehen.«
Der Baron rief die Gräfin Clarissa ins Krugzimmer und sagte:
»Wir sollen heute zum Kaiser von Anam kommen, die Klapperschlangenjagd soll heute unterbleiben; ist dir das recht?«
»Meinetwegen!« sagte die Gräfin.
Da ging denn der Ober— Schatzmeister zu seinem Kaiser und sprach also:
»Großmächtiger Monarch, es ist mir gelungen, heute einen Mann aus Europa zu sehen, der laut Taufschein und Paß volle hundertundachtzig Jahre alt ist — ja, er ist bald hundertundeinundachtzig Jahre alt. Und trotzdem geht er noch alle Tage auf die Klapperschlangenjagd. Von diesem Manne müssen wir doch erfahren können, wie man sein Leben verlängern kann; der muß doch das sogenannte Lebenselixier entdeckt haben. Darf ich den Mann feierlich holen lassen? Er ist hier im alten Dorfkruge und geht heute nicht auf die Klapperschlangenjagd; das weiß ich ganz genau.«
»Sagen Sie mal, mein Bester«, rief da der Kaiser mit ganz lauter Stimme, »glauben Sie, ich lasse mich von Ihnen zum besten halten? Wenn Sie mir nicht umgehend beweisen können, daß der Mann tatsächlich hundertundachtzig Jahre alt ist, so lasse ich Ihnen sofort den Kopf abschlagen. Ich lasse mich nicht verulken. Holen Sie den Mann her — meinetwegen mit dem allerfeierlichsten Gepränge.«
Der Ober— Schatzmeister streichelte seinen Kopf und seinen Hals und sagte, gutmütig lachend:
»Kopf und Hals ist ganz fest — geht nicht ab — geht nicht ab!«
»Das werden wir sehen!« brüllte der Kaiser.
Der Baron Münchhausen und die Gräfin Clarissa wurden danach in zwei Prachtsänften — vierundzwanzig weiße Elefanten vorne und vierundzwanzig weiße Elefanten hinten — zum Kaiser von Anam gebracht.
Das erste, was der Kaiser sagte, war dieses:
»Beweisen Sie mir, daß Sie tatsächlich einhundertundachtzig Jahre alt sind.«
Der Baron holte zwei Schriftstücke aus seiner Tasche — seinen Taufschein und seinen Reisepaß.
Der Ober— Schatzmeister rief triumphierend:
»Der Paß ist im Mai dieses Jahres vom Berliner Polizei— Präsidium ausgestellt — wenn das nicht genügt — «
»Das genügt!« rief der Kaiser und fiel seinem Freunde um den Hals.
Dann bat er den Baron und die Gräfin, Platz zu nehmen — was diese auch sofort taten.
»Sie heißen Münchhausen«, ergriff nun der Kaiser das Wort, »sind Sie derselbe Münchhausen, der im achtzehnten Jahrhundert auf Kanonenkugeln in der Welt herumritt?«
»Eben der!« versetzte der Baron.
»Ja, wenn Sie der Baron sind, so sind Sie ja der berühmteste Mann unsrer Zeit. Wie haben Sie's denn nur angefangen, Ihr Leben so lange zu erhalten? Sind Sie schon in Europa gewesen? Sie sind ja ein Weltwunder. Ihnen gegenüber sind ja die siamesischen Zwillinge einfach gar nichts.«
Der Baron strich sich mit seiner rechten braunen Hand über seine kurzgeschorenen Haupthaare, strich sich den schneeweißen Schnurrbart rechts und links in die Höhe, lächelte, daß die unzähligen Falten seines dunkelbraunen Gesichts hin und her zuckten und sagte langsam:
»Majestät geruhten, zwei Fragen an mich zu richten; ich werde mir erlauben, zunächst die zweite Frage zu beantworten: in Europa war ich am Anfange dieses Jahres und hatte das Vergnügen, zu bemerken, daß man sich dort überhaupt nicht mehr wundern kann; man nahm kaum von meiner Anwesenheit Notiz. Diese gradezu bewunderungswürdige Unberührbarkeit der europäischen Menschennatur wird diese jedenfalls befähigen, große schwere Schicksalsschläge mit Würde zu ertragen. Es steht fest, daß Pest, Krieg und Revolution den Europäer nicht aus dem Gleichgewicht bringen werden.«
»Die Leute sind da nämlich ganz und gar stumpfsinnig geworden«, sagte die Gräfin Clarissa vom Rabenstein, »die Europäer leiden momentan an der sogenannten Massen— Idiotie. Wenn man einen Europäer mit dem Kopf gegen eine harte Wand stößt, so sagt er immer: Was bullert denn da?«
Da rief der Kaiser von Anam lachend:
»Das müssen ja furchtbar lustige Zustände in Europa sein. Ja — ja — ich hab's ja immer zu meiner Umgebung gesagt: Aus Europa kann noch mal was Gutes werden. Aber, meine gnädigste Gräfin, wir in Anam sind nicht so — abgebrüht; wir können uns noch wundern, und wir können auch noch das Wunderbare verehren. Das Wunderbare ist ja immer in Hinterindien sehr beliebt gewesen. Vor acht Tagen sagte ich noch zu meinem Freunde, daß ich gern hundertundfünfzig Jahre alt werden möchte, um meinen Untertanen passable Lebensverhältnisse zu schaffen. Und nun habe ich das Glück, den Baron Münchhausen persönlich kennen zu lernen — und der ist schon hundertundachtzig Jahre alt. Wie ist das möglich? Erzählen Sie, Herr Baron! Ich vergehe vor Neugierde. Ich möcht Ihnen alles nachmachen. Ich möchte auch so alt werden wie Sie. Ich bin für Sie begeistert. Sie können hier in Hinterindien alles von mir haben, was Sie wollen. Denken Sie an meine armen Untertanen! Wie würden die sich freuen, wenn ich auch so alt würde — wie Sie, Herr Baron! Erzählen Sie mir alles! Lassen Sie mich nicht länger bitten. Ich lege Ihnen mein halbes Kaiserreich zu Füßen.«
»Das nimmt er nicht an!« rief da lachend die Gräfin, »denn wir haben keine Zeit zum Regieren; wir müssen überall Geschichten erzählen.«
»Na«, sagte der Kaiser, »ich will ja auch nicht gleich mein halbes Reich loswerden. Ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht beim Worte nehmen. Ober— Schatzmeister, bringen Sie der Gräfin ein Dutzend kinderfaustgroße Smaragde.«
Der Ober— Schatzmeister gab sofort seinen Unterbeamten den Auftrag, die Smaragde umgehend herbeizuschaffen.
Und der Baron Münchhausen sprach nun so:
»Ehrwürdiger Beherrscher der Anamiten, der Sie diesen ein guter Vater sind, was Sie mich fragen, ist sehr einfach zu beantworten: Der sogenannte Humor vermag ganz allein unser Leben zu verlängern. Andere Mittel gibt es nicht; andere Mittel habe ich auch niemals angewandt.«
»Der Humor?« rief nun der Kaiser, »wie ist das möglich? Erklären Sie sich deutlicher.«
»Das will ich gern tun«, versetzte der Baron ganz langsam, »Sie werden es nicht bestreiten, wenn ich behaupte, daß nur der Ärger den Menschen älter macht. Wer aber hat keinen Ärger? Doch nur derjenige, der allezeit einen guten Humor bei sich hat. Wer seinen Humor nicht verliert, kann sich nicht ärgern. Ich sehe, daß Sie mir zustimmen. Nun weiter, Majestät! Außer dem Ärger gibt es noch eine zweite Plage, die den Menschen älter macht: Die Langeweile! Und da muß ich nun auch sagen, daß demjenigen, der immer seinen Humor bei sich hat, die Langeweile eine ganz unbekannte Sache bleibt. Ich sehe abermals, daß Sie mir zustimmen, Majestät. Nun hätte ich Ihnen nur noch zu erklären, wie Sie zum guten Humor kommen — dann hätten Sie das Lebenselixier in der Hand.«
»Ja«, flüsterte der Kaiser, »dann hätte ich das Lebenselixier in der Hand.«
Die Unterbeamten des Ober— Schatzmeisters brachten der Gräfin Clarissa vom Rabenstein die zwölf kinderfaustgroßen Smaragde; sie bedankte sich beim Kaiser aufs herzlichste, steckte die edlen Steine in die Tasche, und der Baron fuhr fort:
»Der Humor vernichtet den Ärger und die Langeweile. Und da diese das Leben verkürzen, so vermag der Humor, durch Vernichtung dieser beiden Lebensverkürzer, das Leben zu verlängern. Das ist ohne weiteres einzusehen; ich sehe, daß auch Eurer Majestät Umgebung diese Geschichte vollkommen versteht.«
Alle nickten und lächelten und fühlten sich sehr geschmeichelt.
Der Baron schwieg nun ein paar Augenblicke und sah den Kaiser ganz verschmitzt an, so daß dieser ganz verlegen wurde und stotternd bemerkte:
»Ich bin nicht geizig; ich weiß nur nicht, was ich Ihnen verehren dürfte; alles, was ich habe, erscheint mir so wertlos Ihrem — Lebenselixier gegenüber.«
»Oh«, rief Gräfin Clarissa, »mein Baron ist so reich, daß er gar nichts haben will; er macht sich auch aus allen Schätzen gar nichts; das können Sie mir ganz bestimmt glauben, Majestät.«
»Aber«, sagte diese nun, »jetzt möchte ich doch noch gern in ein paar Worten hören, wie man's anfängt, wenn man einen guten Humor bekommen will.«
»Das ist sehr einfach«, erwiderte lebhafter der alte Münchhausen, »man muß nur immer jeder Sache ein paar gute Seiten abgewinnen — auch jeder bösen und unangenehmen Sache. Wenn Majestät plötzlich vom Throne herunterfallen und sich einen Arm dabei brechen, so müssen Sie sich freuen, daß jetzt Ihr Arzt wieder eine gute Belohnung für die Armbehandlung bekommt. Und wenn Sie bemerken, daß Ihre Untertanen täglich dümmer werden, so müssen Sie sich freuen, da ja die Dümmeren immer empfänglicher für alles Gute sind — als die sogenannten Klügeren. Kurzum: Es handelt sich darum, daß man in jedem Augenblicke seines Lebens immerzu neue gute Seiten an allen Dingen entdeckt — besonders an den bösen Dingen. Dann bekommt man ohne Zweifel einen guten Humor, wird sich niemals ärgern und sich niemals langweilen — und wird jeden Tag älter.«
Da sagte der Kaiser von Anam sehr ernst:
»So ganz einfach ist das wohl nicht; es gehört ein allezeit parater Witz dazu. Und außerdem muß man wohl auch ein guter Mensch sein, wenn man überall — auch im Bösen — etwas Gutes entdecken will.«
»Das ist«, bemerkte da die Gräfin Clarissa, »ganz unumgänglich notwendig; einen bösen Humor gibt es eben nicht.«
»Wer sich ärgert«, sagte Münchhausen, »hat ja das Ärgerliche nicht überwunden — ist böse — und entdeckt nicht die guten Seiten des Ärgerlichen. Solch ein Ärgerlicher hat gar keinen Humor und wird sich bald durch seinen Ärger ins Grab bringen — oder sterben vor Langeweile.«
Der Kaiser von Anam stand auf, reichte dem Baron die Hand und sagte:
»Sie haben mir mehr gegeben, als alle Herrscher der Erde besitzen — Sie haben mir das einzige Mittel gegeben, mein Leben zu verlängern. Ich werde ewig Ihr Schuldner bleiben. Aber jetzt sollen gleich meine Schreiber kommen und das, was Sie sagten, aufschreiben. Ich will dieses Lebenselixier meinem Volke nicht vorenthalten. Alle Anamiten sollen so alt werden, wie der alte Baron Münchhausen.«
Und nach diesen Worten umarmte der Kaiser den alten Baron Münchhausen.
Und die Hofbeamten riefen alle zusammen mit lauten Stimmen:
»Lange lebe der Kaiser!«
Da rief der Kaiser aber lachend:
»Das ist nicht genug! Ihr müßt rufen: lange lebe das Volk! Dann lebe ich auch lange, denn ich gehöre doch zu euch!«
Da riefen die Hofbeamten:
»Lange lebe das Volk!«
Münchhausen wollte danach gleich wieder mit seiner Gräfin auf Klapperschlangenjagd gehen — aber der Kaiser sagte:
»Nein, heute müssen Sie bei mir zu Mittag essen!«
Und so geschah es.

Eine Geschichte in Briefform
Geehrter Herr Asenikoff!
Sie machen mich rasend, wenn Sie das Manuskript nicht mehr auftreiben können. Sie waren dabei, als der Baron Münchhausen im Sommer des Jahres 1904 plötzlich in Neapel erschien und dort im »Europäischen Hof« einen Vortrag hielt — über sein Leben in der afrikanischen Sklaverei. Sie haben den Vortrag stenographiert und müssen jedenfalls doch wissen, was Sie stenographiert haben. Das kann doch Ihrem Gedächtnis nicht einfach entfallen sein. Das ist doch einfach unmöglich. Der Baron macht doch sonst Eindruck mit seinen Vorträgen. Außer Ihnen ist kein Mensch mehr zu entdecken, der damals auch dabei war. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, bin deswegen fünfmal in Neapel gewesen — und alles war vergeblich. Ich bitte Sie nun flehentlich: geben Sie sich doch die größte Mühe, das Manuskript zu entdecken. Ich habe bestimmt darauf gerechnet, daß Sie's zurückbekommen würden. Lassen Sie sich doch nicht so schrecklich viel bitten. An den Baron selbst kann ich mich nicht wenden, da ich seine Adresse nicht kenne. Er soll immer noch in Ostasien sein. Aber Niemand weiß den Ort, in dem er sich aufhält. Erfahre ich die Adresse der Gräfin Clarissa vom Rabenstein, so bekommt sie sofort ein paar Zeilen von mir. Leider sind ihre Eltern auch verreist.
Hochachtungsvoll
| Ihr Scheerbart. |
Friedenau b. Berlin, 25. Juni 1910.
Geehrter Herr Scheerbart!
Da ist leider nichts mehr zu machen. Das Manuskript erhielt im Sommer 1905 ein Berliner Verleger. Der ist inzwischen gestorben, und seine Erben bestreiten alles — wollen nichts gesehen und nichts gehört haben. Ich habe nichts in der Hand, wodurch ich die Leute zwingen könnte. Hätte auch keinen Wert. Sie würden die Geschichte schon herausgeben, wenn sie die Sache in der Hand hätten. Haben aber nichts in der Hand. Bot vergeblich tausend Rubel an. Mehr kann ich in der Angelegenheit nicht tun. Glauben Sie, daß es Zweck hat, das Doppelte oder das Dreifache zu bieten? Dadurch würden diese Verleger vielleicht nur verleitet werden, ein Falsifikat einzuschmuggeln. Und das würde ich sofort durchschauen. Nein — wir wollen in der Münchhausenaffäre um alles in der Welt willen keine unwahre Geschichte aufkommen lassen. Lieber wollen wir sagen: wir wissen nicht, wie sich die Sache verhält. Und so ist es. Das müssen Sie dem Publikum ganz kühn ins Gesicht sagen. Dadurch wird Ihre Wahrheitsliebe scharf markiert an die Wand gemalt. Die Adresse der Gräfin Clarissa vom Rabenstein muß durch den ehemaligen Reichskanzler Fürsten von Bülow zu erfahren sein. Wenden Sie sich an den. Das ist das einzige, was ich für Sie zu tun vermag. Mehr kann ich leider nicht.
Hochachtungsvoll
| Ihr Asenikoff. |
Petersburg, 5. Juli 1910.
Geehrter Herr!
Nein aber — wissen Sie — der Baron ist ja einfach entzückt gewesen, daß der Herr Asenikoff sein Manuskript verloren hat. Das wußte übrigens der Baron schon vor einem Jahr. Ich bin jetzt hier in Wiesbaden zur Kur. Der Baron will nichts mehr von seinem hundertjährigen Sklavenleben in Afrika wissen. Tun Sie mir den Gefallen und verzichten Sie auf alle weiteren Nachforschungen. Die haben, nebenbei gesagt, auch nicht den geringsten Wert. Was man nicht sagen will, das sagt man eben nicht. Und was man vergessen will, das vergißt man eben. Geben Sie sich keine weitere Mühe in der Angelegenheit. Alles ist vergeblich. Schreiben Sie aber keine Unwahrheiten. Das rate ich Ihnen. Denn der Baron ist in puncto Wahrheitsliebe von einer außerordentlichen Feinfühligkeit. Er ist momentan noch in Ostasien.
Hochachtungsvoll
Clarissa vom Rabenstein.
Wiesbaden, 15. Juli 1910.
Geehrter Herr Asenikoff!
Anbei die Abschrift eines Briefes der Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Wenigstens weiß ich jetzt als erster Münchhausenforscher eins ganz sicher: der Baron ist tatsächlich hundert Jahre lang als Sklave bei kleinen fingerlangen Lebewesen im Innern Afrikas gewesen. Hundert Jahre! Aber darum wird ja die Geschichte nur noch interessanter. Nie habe ich geglaubt, daß es ein Mensch hundert Jahre in qualvoller Gefangenschaft aushalten könnte. Vielleicht stammt aus dieser hundertjährigen afrikanischen Sklavenzeit der nie umzubringende Humor des alten Barons. Jetzt aber müssen Sie mir umgehend alles das schreiben, was Ihnen noch in der Erinnerung geblieben ist. Zunächst mal: war der Baron schon auf der Weltausstellung in Melbourne gewesen, als er in Neapel seinen afrikanischen Vortrag hielt? Bitte schreiben Sie gleich — und gleich möglichst viel, denn ich bin sehr neugierig.
Hochachtungsvoll
| Ihr Scheerbart. |
Friedenau bei Berlin, 17. Juli 1910.
Geehrter Herr Scheerbart!
Wenn die Sache so steht, dann ist ja alles gut. Also: der Baron will nicht, daß man über seine afrikanische Existenz redet und schreibt, nicht wahr? Nun — dann ist es doch einfach Sache des Anstandes, die ganze Geschichte ruhen zu lassen. Ich verstehe da nicht, warum Sie noch nicht mit Ihrer Aufklärungsarbeit abgeschlossen haben. So viel steht fest: Ende 1904 war der Baron in Melbourne. Er kam also nach Melbourne, nachdem er in Europa schon gewesen war. Alles Andre halte ich jetzt für endgültig erledigt.
Hochachtungsvoll
Asenikoff.
Petersburg, 20. Juli 1910.
Werter Herr Asenikoff!
Ihr Ton ist sehr scharf. Sie werfen mir ganz einfach veritable Taktlosigkeit vor. Indessen — der Fall liegt hier doch anders, als Sie denken. Wir wissen doch schon eine ganze Reihe von Tatsachen über den Aufenthalt des Barons in Afrika. Und wir wissen doch, daß der Baron dabei gar keine anstößigen Erlebnisse gehabt haben kann, denn er war hundert Jahre hindurch Sklave bei ganz kleinen fingerlangen Leuten und der einzige Mensch in der dortigen Gegend. Was soll er denn da Böses begangen haben? Man kann doch nur gegen Menschen Böses begehen. Alles Andre gilt doch nicht. Demnach — meine Taktlosigkeit existiert für mich nicht. Ich krame doch nicht in peinlichen Familienakten herum. Was denken Sie sich eigentlich? Ich halte die Verschwiegenheit des Barons in puncto Afrika einfach für einen lustigen Spaß. Er will seine Verehrer ein bißchen foppen und mal so recht geheimnisvoll tun — zum Spaß — zum Spaß!
Und darum bitte ich Sie nun recht inniglich: schreiben Sie mir doch, was Sie von den kleinen Leuten wissen. Ich weiß, daß diese Kleinen einen unzerreißlichen Stahldraht fabriziert haben, und auf diesem Draht sind die Kleinen immerzu auf und ab gefahren. Und nun kommt es: der Baron erzeugte die elektrische Kraft, die bei dem Fahren der Kleinen verbraucht wurde, in einer Tretmühle durch ständiges Treten einer Motorenkomposition. Mehr aber weiß ich nicht. Der Baron war somit das Perpetuum mobile für die afrikanischen Zwerge — ihr »großes Licht«, wie sie ihn auch nannten. Aber das Perpetuierliche erscheint mir doch zweifelhaft. Der Baron muß doch mal geschlafen haben. Er kann doch nicht immerzu Tag und Nacht hindurch getreten haben. Das ist doch einfach gar nicht denkbar. Ganz und gar erscheint es mir ausgeschlossen, daß ein solcher tretender Zustand volle hundert Jahre ausgehalten haben könnte. Das hält doch kein Mensch aus.
Bitte, bitte, sagen Sie mir, wie es sich hiermit verhält, damit keine Unwahrheiten in den Bericht kommen.
Schrecklich muß ja die Treterei gewesen sein. Das gebe ich ja zu — selbst wenn es täglich nur zwölf Stunden gewesen sein sollten. Aber diese zwölf Stunden müssen doch der Entwicklung der geistigen Kräfte hinderlich gewesen sein. Und der Baron ist immer in so vollständiger geistiger Klarheit. Wir stehen hier in jedem Falle vor einem psychischen Rätsel. Bitte, schreiben Sie mir gleich.
In vorzüglicher Hochachtung
| Ihr Scheerbart. |
Friedenau bei Berlin, 24. Juli 1910.
Sehr geehrter Herr Scheerbart!
Ihr Brief hat mich jedenfalls davon überzeugt, daß Sie durchaus in dem guten Glauben sind, mit Ihrem Forschungseifer Gefühle und Empfindungen der Beteiligten und auch der Nichtbeteiligten in keinem Falle verletzen zu können. Darum sage ich Ihnen: Wüßte ich noch etwas Näheres über den afrikanischen Aufenthalt des Barons — ich würde es Ihnen ohne Umstände verraten. Aber ich weiß Näheres nicht. Sie können's mir glauben. Mein Wort darauf. Daß der Baron hundert Jahre hindurch nicht einmal geschlafen haben sollte, halte ich für gänzlich ausgeschlossen. Andrerseits glaube ich aber, daß er seine Wächter gründlichst getäuscht hat, indem er eine kleine Maschine für sich arbeiten ließ. Ob sich's wirklich so verhielt, weiß ich nicht mehr. Aber es scheint mir das Wahrscheinliche. Die kleine Maschine — wahrscheinlich eine Dampfmaschine — hat eben die ganze Treterei besorgt. Und der Baron führte ein Herrenleben, wenn die kleinen Herrschaften dachten, er trete für sie. Das wäre wohl die einfachste Lösung. Ob sie stimmt, weiß ich nicht. Aber — sagen Sie's doch so, wie ich's Ihnen sage.
Hochachtungsvoll
| Ganz Ihr Asenikoff. |
Petersburg, 1. August 1910.
Hochverehrter Herr Asenikoff!
Heißen Dank für Ihren aufklärenden Brief. Ich werde unsern Briefwechsel einfach veröffentlichen und es dem Publikum überlassen, sich die ganze Sache zurechtzulegen. Es gibt ja so viele Dinge, die unbegreiflich sind. Warum soll ein hundertjähriges Sklavenleben nicht ebenso unbegreiflich sein und bleiben?
Hochachtungsvoll
| Ganz Ihr Scheerbart. |
Friedenau bei Berlin, 4. August1910.

Eine chinesische Geschichte
Bekanntlich weilt der uralte, nun schon hundertundfünfundachtzig Jahre alte Baron Münchhausen augenblicklich immer noch in China, und da entdeckte er Dinge, die noch kein andrer Mensch vor ihm entdeckt hat.
Über sein Neuestes schreibt er in einem Tagebuch, das er seiner Freundin, der jugendlichen Gräfin Clarissa vom Rabenstein, sandte, die noch vorgestern auf Helgoland war, das folgende:
17. Mai 1910. Kaping (Mittel— China).
Die Chinesen hier wollen mir einen großen Bären aufbinden. Sie erzählen mir von einer Stadt, die ganz und gar aus Perlmutter bestehen soll. Wer's glaubt, wird selig. Ich aber glaube es nicht, denn ich weiß, daß alle Menschen außer Clarissa und mir immer geneigt sind, zu lügen. Dieses ewige Lügen macht mir ja die Menschen hauptsächlich so verhaßt. Mein Menschenhaß ist doch eigentlich nur ein Lügenhaß.
Die Chinesen aber, die ich hier kennen lernte, lachen sehr viel und sehen sehr verschmitzt aus. Sie wollen mich überreden, hundert Meilen ins Land hineinzufahren. Zehn alte Herren in prächtig gewebten seidenen Staatskleidern, in denen zweitausend Farben mindestens zu sehen sind, wollen mich begleiten.
»Kein Spaß, Marquis!« sagen sie immerzu.
Und — wenn sie nicht so verschmitzt lächeln würden, wäre ich beinahe bereit, ihnen zu glauben.
18. Mai 1910.
Ich habe mich entschlossen, die Reise anzutreten.
Ich bin doch neugierig, wie die Sache auslaufen wird. Es ist sicher, daß mir etwas Abenteuerliches begegnen wird.
Wie aber wird es aussehen?
Das ist jetzt die große Frage.
Jetzt wollen mich schon dreißig Herren begleiten.
Mit meiner Dienerschaft und der kleinen Schutztruppe werden in achtzig Automobilen nicht weniger als zweihundertundsiebzehn Menschen zur Perlmutterstadt fahren.
Die dreißig Herren schwören immerzu:
»Die Stadt existiert.«
Na — wenn sie existiert, so ist es jedenfalls wieder sehr verwunderlich, daß man von derartigen Wunderstädten in ganz Europa und auch in ganz Amerika nicht eine blasse Ahnung hat.
Die Leute reisen heute mehr denn je — aber sie entdecken immer nur das, was längst bekannt ist.
Es scheint doch, als ob es mir wieder mal anders gehen sollte; ich hab ja schon so viele Dinge entdeckt, von denen Niemand bisher etwas wußte — warum also soll ich nicht eine Perlmutterstadt entdecken? Unmöglich ist das gar nicht; China ist ein so herrliches Land, daß man ihm das Unglaublichste zutrauen könnte.
10. Juni 1910. Maso (Besenstadt in China).
Das erste Abenteuer hätten wir also schon: wir sind Gefangene — allesamt — von den 217 konnte keiner entwischen. Getötet ist Niemand, verwundet auch Niemand. Und diese Stadt ist tatsächlich eine Besenstadt; vor jedem Hause sind ein paar hundert Besen aufgepflanzt. Und darum herrscht hier eine Sauberkeit — solche Sauberkeit habe ich noch nicht kennen gelernt. Und man sagt mir öfters:
»Marquis, wir sind nicht weit vom Ziel. Die Gegend wird noch viel sauberer werden.«
12. Juni 1910. Immer noch in Maso.
Wir sind als Gefangene nicht in ein Gefängnis gesteckt worden — aber in die Badewanne.
Wir wurden nur gefangen genommen — der Reinigung wegen; tüchtig wollte man uns reinigen. Wir ließen uns alles gern gefallen. Die Automobile sind jetzt auch sehr sauber. Aber — unser Gepäck ist uns abgenommen worden. Dafür haben wir andres Gepäck bekommen.
Und man hat uns in köstliche seidene Gewänder gehüllt.
Die Schutztruppe und meine Dienerschaft muß leider zurückbleiben.
Aber mit den dreißig chinesischen Herren fahre ich morgen weiter. Ich bin der einunddreißigste. Nun bin ich diesen freundlich lächelnden Chinesen ausgeliefert mit Haut und Haar.
Nun wollen wir sehen, was jetzt kommt.
Morgen also geht's weiter.
15. Juni 1910. Laupa.
Hier hört sich alle Schilderung einfach auf. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin wirklich am Ziel; die Perlmutterstadt existiert. Die Chinesen haben Recht gehabt; es sind keine Lügner. Ich muß lachen, wenn ich an die Europäer denke; die haben keine Ahnung von diesem Stadtwunder.
Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll.
Ich sitze in einem eirunden Saal — so wie in einer großen hohlen Eierschale. Die schräg ansteigenden Wände sind wirklich nur aus Perlmutter — aber nicht glatt — sie sind in unzähligen phantastischen Formen da — so wie echte Perlen — nur viel viel größer ist das meiste. Ich weiß gar nicht, wie die Geschichte gemacht ist; so große Muscheln gibt's doch einfach nicht.
Der Tisch, an dem ich sitze, hat Perlmutterfüße. Ja — diese Füße — die sehen aus wie Meerwunder. Seesterne — in allen möglichen Formen — sind überall. Aber diese Seesterne sind aus Perlmutter.
Dazu wirken die schlichten grünen Samtportieren großartig. Das Licht kommt von oben — durch ein großes Kaleidoskop, das sich in jeder Minute dreimal verändert. Das hängt mit der großen Perlmutterstanduhr zusammen, die in der Eispitze auf einem Perlmutterhügel thront.
Ich habe zwei Stunden auf einem schwarzen Samtdivan gelegen und geraucht, und dieses Milieu in mich aufgenommen.
Ich geb's auf, die Sache vollständiger zu beschreiben. Ich bin einfach überwältigt.
Das Pflaster der Straßen, auf denen ganz langsam unsre Automobile dahinrollten, ist auch aus Perlmutter — das ist ganz glatt.
Es muß künstliches Perlmutter sein.
Menschen hab ich nicht in den Straßen gesehen — Staub auch nicht. Jetzt begreife ich den Reinigungsprozeß, den wir durchmachen mußten.
Aber — die Triumphpforten.
Erinnern ganz entfernt an gotische Dome. Nur ist die Zahl der Türme und Erker überall unzählig. Und — Alles Perlmutter — in Milliarden von Formen — oft ganz drollige Auswüchse — Knollenphantasieen...
Die Automobile fahren tief unten in Schluchten. Oben rechts und links sieht man Perlmuttergeländer. Ich bin einfach futsch.
25. Juni 1910. Immer noch Laupa.
Laupa heißt diese Stadt. Ich werde den Namen nicht mehr vergessen. Ich bin gar nicht dazu gekommen, mein Tagebuch vernünftig weiterzuführen. Die Stadt ist von einem reichen Chinesen gebaut — mit Elektrizität wird alles gemacht. Windmotore sieht man überall. Und Saugluftapparate schlucken unaufhörlich allen Staub auf.
Einwohner hab ich auch kennen gelernt — die gehören aber alle zur Dienerschaft des reichen Chinesen. Der Überfall auf uns vor Maso war von dem Herrn der Perlmutterstadt arrangiert; die dreißig Chinesen wußten darum.
Pferde gibt's hier nicht — auch keine vierbeinigen Tiere. Nur Vögel gibt's — in köstlichen, sehr großen Käfigen — die Vögel sollen alle sehr reinlich sein.
Kein Lärm ist zu hören.
Dies ist ja eigentlich nur ein riesengroßes Schloß — aber es hat doch Stadtcharakter.
So oder so ähnlich müßten alle Städte aussehen, die einen größeren Kulturwert repräsentieren wollen.
Das muß in Europa bekannt werden.
30. Juni 1910. Glücklicherweise immer noch in Laupa.
Heute großes Diner beim Oberbibliothekar der Stadt. Es war auch der Direktor der hiesigen Kunstsammlungen da.
Ich erfuhr endlich, wie die ganze Geschichte gemacht ist.
Der Oberbibliothekar sagte:
»Die Geschichte ist sehr einfach, lieber Marquis! Sie kennen die venetianischen Wachsperlen, nicht wahr? Gut! Sie wissen, daß diese künstlichen Perlen von den echten nur dann zu unterscheiden sind, wenn man ein scharfes Messer auf sie rauflegt, mit der Scheide nach unten — und dann auf den Rücken der Scheide energisch raufkloppt. Bricht dann die Perle, so sieht man, ob Wachs, Stein, Blei, Eisen — darin ist — oder ob die Masse eine konforme Perlenmasse ist. Im letzteren Fall ist die Perle echt. Man stellt die künstliche Perlmuttermasse aus den Schuppen eines kleinen Fisches her. Der Fisch heißt Ukley und befindet sich zu Billionen in den sogenannten Ukley— Seen des Landes Ostpreußen. Aus diesem Lande haben wir all unser Perlmutter bezogen. Es hält ausgezeichnet. Die Europäer denken immer noch nicht daran, künstliches Perlmutter en gros herzustellen — und en gros zu verwenden. Die Europäer sind doch immer trotz aller ihrer Erfindungen sehr weit zurück in der Kultur.«
Ich mußte dem Oberbibliothekar Recht geben.
»Ja«, versetzte ich, »die Europäer sind noch immer sehr weit zurück in der Kultur.«
»Merkwürdig ist nur«, fuhr der Chinese fort, »daß die Europäer gar nicht bemerkten, mit welchem Eifer wir dem Ukley nachstellten; die sibirische Bahn hat mächtige Gelder durch unsern Ukley— Transport eingenommen.«
Mehr habe ich bislang nicht aus den Tagebüchern abschreiben können. Die Gräfin Clarissa vom Rabenstein wollte mir leider das übrige nicht zeigen. Vielleicht bekomme ich's später — dann mehr...
Eine sehr merkwürdige Geschichte
Am 12.. November 1910 war der alte Baron Münchhausen in Irkutsk und sandte mir plötzlich folgendes Telegramm:
»Hier soeben die kolossalste Entdeckung gemacht. Seit vielen vielen Jahrtausenden befinden sich Luftballons in der Erdluft. Und das sind natürliche Luftballons — aus der Eiszeit. Fallen Sie nicht vom Stuhl. Wir haben drei Stück gefangen. Zwei sind ganz leer. Aber im dritten befindet sich — es ist wirklich wahr — ein kleines Mastodon. Drei Meter lang ist das kleine Tier. Nicht viel größer als ein Elefant. Und das Drolligste ist: das Tierchen lebt. Das erste lebendige Mastodon auf unsrer Erde im zwanzigsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Wenn das kleine Tier nicht Alles auf den Kopf stellt, so weiß ich tatsächlich nicht, was noch mehr passieren soll. Teilen Sie dieses Novum gleich allen Zeitungen mit und auch der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Berufen Sie sich nur auf die Glaubwürdigkeit meines anerkannten Namens. Heute ist eben Alles möglich. Ich bin Ihr alter Baron Münchhausen.«
Das Telegramm kostete sehr viel Geld. Der Postbote lächelte. Und ich lächelte auch.
Was war nun zu tun?
Ich sandte einen Waschzettel an alle Zeitungen Europas und begab mich ins Bureau der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Dort wollte man dem Baron sofort den Ehrendoktortitel verleihen. Ich aber riet ab. Ich sagte, wir müßten doch erst das Weitere erfahren. Denn — so bestimmt auch alles gehalten war — es war doch nicht unmöglich, daß sich der bekannte, nun schon 185 Jahre alte Baron mal einen kleinen Scherz leistete, denn die Sache erschien uns doch allen wie ein Märchen. Wo kam denn das Mastodon her? Und im Luftballon drinnen sollte es sich Jahrtausende hindurch lebend erhalten haben — ohne Nahrung?
Wir telegraphierten demnach an den alten Baron gleich das Nachstehende:
»Beim besten Willen nicht so ohne weiteres zu glauben. Wovon lebte das Mastodon? Und — wie sieht denn der Naturballon aus? Bitte umgehend Nachricht. Wir rüsten sofort Expedition aus, wenn sich das Unglaubliche bewahrheiten sollte. Die Direktion der A. G. für L.«
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie lautete:
»Wovon das Mastodon so lange lange Zeit gelebt hat? Ja — das möchten wir auch gern wissen. Die verdünnte Luft, in der das Mastodon lebte, ist sofort bei der Öffnung entwichen. Das Mastodon lebt und hat eine Badewanne mit frischen Lachsen, einen zwei Meter langen Spickaal und zweihundert Bratwürste bereits aufgefressen. Jetzt sieht sich das kleine Tier lebhaft und freundlich mit den Augen blinzelnd nach mehr um. Und unser Vorrat muß erneuert werden.
Die Stoßzähne sind über einen Meter lang. Sonst ist das Tierchen ganz friedlich. Haut dunkelbraun und gar nicht faltig wie bei einem Elefanten. Die Ohren verändern ihre Farbe, sind zumeist dunkelviolett, sehen aber auch zuweilen orangefarbig aus. Wir fahren heute noch mit dem Tier nach südlicher gelegenen Gegenden, werden von dort aus gleich Näheres berichten. Wir fürchten nur, daß das Tier sehr rasch wachsen wird. Und dann dürfte doch die Ernährung eines derartigen vorsintflutlichen Monstrums mit Schwierigkeiten verknüpft sein. Hochachtungsvoll Münchhausen.«
Da lachten wir alle recht herzlich.
Aber — die Geschichte für einfach aus der Luft gegriffen zu halten, dazu hatten wir doch nicht den Mut; der Name Münchhausen flößte uns doch allen zu großen Respekt ein.
Lebhaft bedauerte ich, daß wir über die Form des Luftballons — besonders über die Beschaffenheit der Ballonhülle Näheres nicht erfahren konnten. Auch hätte uns eine Bemerkung über die Art des Ergreifens dieses fabelhaften uralten Ballons sehr erfreut.
Nun mußten wir uns in Geduld fassen. Und das ist bekanntlich nicht eine Kleinigkeit.
Zwei Tage und zwei Nächte vergingen, ohne daß wir eine weitere Nachricht erhielten.
Ich rannte jede zweite Stunde zur A. G. für L.
Und alles war vergeblich.
Da — endlich — der ersehnte Telegraphenbote.
Er wurde beinahe zerrissen vor Ungeduld. Und das Telegramm lief Gefahr, ebenfalls zerrissen zu werden. Doch es ging schließlich noch alles ganz gut ab. Münchhausen telegraphierte:
»Die Wachstumsmöglichkeiten sind in den letzten zwei Tagen ganz rapide gestiegen. Jetzt ist das Tierchen schon vier Meter lang. Aber — was das alles zu sich genommen hat. Wir sind hier mitten in China. Viel Volk ist immerzu hier und macht das Tier unruhig. Wenn das Tier nicht immerzu hier fressen würde, wär's wohl gefährlich. Verschiedene Tierärzte sind hier zur Stelle. Man wechselt in der Nahrung ab. Aber — wenn das so weitergeht, so ist das Tier in Jahresfrist so groß, daß es nicht mehr Platz auf dieser Erde hätte. Ich bitte, Expedition auszurüsten. Mir schwant ein Schauervolles. Münchhausen.«
Jetzt hatten wir die neue Adresse, und wir telegraphierten umgehend an den Baron dieses:
»Bitten um Angabe, woraus der Luftballonstoff bestand und wie groß er war. Ferner bitten wir um Nachricht, ob nicht noch eine Spur des Gases zu entdecken ist, das den Ballon oben hielt. Ferner bitten wir um Aufklärung, in welcher Höhe die drei Eiszeitballons entdeckt wurden. Und sodann um Angabe, wie das Herunterbringen der drei Ballons zur Erdoberfläche bewerkstelligt wurde. Expedition geht heute ab. Die Direktion der A. G. für L.«
Dieses Telegramm wurde nicht beantwortet. Unsre Depeschen begannen sich zu kreuzen. Münchhausen drahtete danach:
»Das Unglück wird immer größer. Das kleine Tier ist jetzt schon fünf Meter lang. Die Russen, die hier sind, haben beschlossen, das Tier zu töten. Ich widersetzte mich dem barbarischen Vorgehen mit allen Kräften. Aber ich fürchte, die werden nicht stark genug sein. Bitten Sie umgehend die Kaiser und Könige von ganz Europa, hier ein Machtwort zu sprechen. Wir müssen doch sehen, was aus der ganzen Geschichte wird. So was passiert doch nicht alle Tage. Wir werden nicht sobald ein neues lebendiges Mastodon entdecken. Bitten Sie die Direktoren der zoologischen Gärten um Unterstützung. Lassen Sie Millionen aufbringen. Ich opfre mein ganzes Vermögen und meinen ganzen Kredit. Diese Russen sind ein zu barbarisches Volk. Sie verdienen die Prügel, die sie sonst bekommen, durchaus. Das sind ja alles die reinen Henkersknechte. Bieten Sie auf, was Sie können. Hier ist jede Minute Milliarden wert. Schon ist das Tier fünfeinhalb Meter lang. Die Russen werden immer rabiater. Sie laden schon die Gewehre. Ich flehe Sie an, sofort dem Kaiser von Rußland zu telegraphieren. Ich bin außer mir. Ihr alter Münchhausen.«
Dieses Telegramm versetzte uns natürlich in eine ungeheure Aufregung.
Und in Kürze schickten wir so viel Telegramme ab, daß unsre gesamten Ausgaben für Depeschen in den letzten drei Tagen insgesamt 35 000 M. betrugen.
Nun kam auch Antwort auf unsre Depesche von dem alten Baron, sie lautete:
»Die Ballons wurden oben in der Luft ungefähr 7000 Meter überm Meeresspiegel gefangen. Runterbringen war unmöglich, da sie uns plötzlich höher zogen. Wir also schnell entschlossen schnitten alle drei Ballons auf. Im dritten fanden wir das vergnügte Mastodon, das jetzt den Tod vor Augen sieht. Ich habe den Russen allen Whisky gegeben, den ich auftreiben konnte. Aber die Kerls können ja so schrecklich viel vertragen. Die drei Ballons waren übrigens durch Schlinggewächse aneinandergekettet. Durch eine Unvorsichtigkeit des ersten Steuermanns ging die ganze Ballonhülle leider über Bord. Nur das kleine Mastodon blieb bei uns und verursachte, daß wir mit unheimlicher Geschwindigkeit hinuntersanken und bei Irkutsk landeten. Tun Sie blos, was in Ihren Kräften steht. Die Russen trinken wie die Tollen. Aber sie werden dabei immer blutgieriger. Wenn ich das Mastodon nur fortschaffen könnte. Ich kann mich doch mit diesen Kerls nicht schießen. Außerdem würde hier die Gewalt alles vernichten. Helfen Sie Ihrem alten Baron Münchhausen.«
Nun wußten wir Alles.
Gleichzeitig ahnten wir aber auch, wie alles enden würde.
Der Baron ist ein starker Mann.
Aber — wie soll er gegen berauschte Russen aufkommen?
Außerdem — eine Gefahr steckt in dem Weiterfüttern des vorsintflutlichen Tieres doch. Allerdings: Hundert Meter könnte es schon lang werden.
Aber — kann's nicht noch bedeutend länger werden?
Das ist hier die Frage.
Diese Frage wurde durch das nächste und letzte Telegramm leider — leider — endgültig beantwortet.
Münchhausen drahtete:
»Kleines Tier sieben Meter lang geworden und dann infolge von zu vielen Kohlrüben plötzlich am Herzschlage verendet. Die Russen sind sehr vergnügt. Die meisten schlafen schon. Ich sorge dafür, daß das Mastodon dem Berliner Naturhistorischen Museum überwiesen wird. Es muß in Spiritus eingesetzt werden. Armes kleines Tier. Der alte Münchhausen.«
Das ist in aller Kürze die Geschichte, die alle Welt aufgeregt hat — wohl die merkwürdigste Luftgeschichte.

weitere Münchhausen Geschichten hier: II III
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