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Eine Diplomatengeschichte
Der alte Baron Münchhausen, der ja jetzt bekanntlich schon 187 Jahre alt ist, weilte am Ende des Jahres 1911 in China und sah der Absetzung des Kaisers von China ganz aus der Nähe zu. Dabei lernte der Baron sämtliche Diplomaten der chinesischen Republik kennen und telegraphierte nach Europa mehrmals:
»Donnerwetter! Die chinesischen Diplomaten sind doch zu schlau – immer noch schlauer. Hier kann man was lernen. Donnerwetter!«
Diese Telegramme gelangten auch in die Hände von verschiedenen deutschen Regierungsräten – natürlich auf Umwegen.
Und im August des Jahres 1912, als der Baron zufällig wieder in Berlin war, sagte der Geh. Regierungsrat von Wussow zu dem Geh. Regierungsrat von Dochow:
»Sagen Sie mal, Kollege, der alte Baron von Münchhausen hat die chinesischen Diplomaten ganz genau kennen gelernt und ist dabei selber ein großer Diplomat geworden. Wie wärs, wenn Sie ihn, den Baron, nächsten Sonnabend einlüden? Ich glaube: er kommt. Er kann unser Retter sein. Wir wissen doch tatsächlich nicht, was wir zu dem Gothaer Aeroplan-Turnier sagen sollen. Vielleicht – ja vielleicht ist es möglich, den Baron als Retter in die gute Gesellschaft einzuführen. Wir fragen ihn gleich, was er zu dem Aeroplan-Turnier sagt. Ich glaube: er antwortet uns so, daß wir die Retter Europas werden könnten. Wie denken Sie darüber?«
Herr von Dochow klemmte sich sein Monocle ins linke Auge, sah träumerisch in die Ferne und bemerkte nach zwei Minuten:
»Ich werde ihn sofort einladen.«
Und es geschah.
Und am Sonnabend waren 100 Geheime Regierungsräte mit ihren Damen in dem großen Garten des Herrn von Dochow.
Der Baron von Münchhausen ward von allen Herren umringt und zu seinem prächtigen Aussehen herzlich beglückwünscht – hundert Mal!
»Nun – zu den Damen!« rief der Baron lustig.
Doch da kam der Herr des Hauses und sagte listig:
»Herr Baron! Bitte erst eine Frage beantworten!«
Der Baron nickte, und Herr von Wussow sprach:
»Was sagen der Herr Baron zu dem Aeroplan-Turnier in Gotha, das am 18. d. M. stattgefunden hat?«
»Oh! Oh!« erwiderte der Baron, »ich lese ja keine Zeitungen; ich habe keine Ahnung, was da stattgefunden hat. In Gotha? Gotha ist mir wohl bekannt.«
»Es war«, fuhr Herr von Wussow fort, »ein veritables Bomben-Turnier.«
»Was Sie sagen!« rief der Baron lebhaft.
»Ja«, fuhr Herr von Wussow abermals fort, »es waren zwei Wurfkonkurrenzen ausgeschrieben. Die Flieger sollten in zweihundert Meter Höhe Bomben auswerfen – natürlich vorläufig ohne Dynamiteinlage. Einmal wars ein Feld von hundert mal hundert Meter Grundfläche, das andere Mal ein kleiner Zeppelin. Lindpaintner warf zehn Mal auf das Feld und traf sieben Mal. Was sagen Sie dazu, Herr Baron? Wenn diese Konkurrenzen allgemeiner werden, so sind unsre Warenhäuser, Kirchen und Sitzungssäle in der allergrößten Gefahr. Wie vermeiden wir die Zerstörung dieser wichtigen Staatsinstitute? Das müssen Sie uns erst sagen. Sie sind ja in China gewesen.«
»Nachher«, rief von Dochow, »führen wir Sie zu den Damen – wir führen Sie dort als Retter ein.«
»Einen Stuhl!« rief der Baron.
Man brachte ihn, der alte Herr setzte sich, zog sein Notizbuch hervor und machte zehn Minuten hindurch Notizen. Die geheimen Regierungsräte wurden durch das Stehen sehr angestrengt, und sie setzten sich nach und nach alle auf Stühle, Klubsessel und Diwans; die Diener schleppten die Sitzgeräte mit großer Gewandtheit herbei.
Als sie alle so da saßen, sprach der Baron:
»Merkwürdig, daß Ihnen dieses Problem Schwierigkeiten macht. Eine Gegenfrage zunächst: warum haben Sie die Stadt Rixdorf in Neu-Kölln umgetauft?«
Betreten sah einer den andern an, schließlich bemerkte kleinlaut Herr von Dochow als Herr des Hauses:
»Eine sehr diplomatische Frage!«
»Sie müssen mir«, fuhr der Baron fort, »diese Frage schon beantworten, sonst schweige ich wie eine Pyramide – und wenn zehntausend Frauen da sein sollten.«
»Hm!« erwiderte von Dochow, »vielleicht hat Herr von Wussow die Güte, sich über Neu-Kölln zu äußern.«
»Soll«, fragte wieder von Wussow, »eine ganz freimütige Antwort erfolgen?«
»Gewiß! Gewiß!« riefen alle Geheimräte.
Herr von Dochow bat die Dienerschaft, sich sofort zu entfernen.
Es geschah.
Und Herr von Wussow sprach nun leise und hastig:
»Es war natürlich überall bekannt, daß Rixdorf ganz und gar von Sozialdemokraten bewohnt wurde; Rixdorf war eine Hochburg der Sozialdemokratie. Es gibt noch viele andere derartige Hochburgen. Aber mit Rixdorf sollte der Anfang gemacht werden. Es wurde uns die Aufgabe gestellt, Rixdorf als Hochburg zu vernichten. Und die Lösung des Problems gelang uns spielend: Rixdorf verschwand, indem sein Name verschwand; Neu-Kölln wird Niemand mehr eine Hochburg der Sozialdemokratie nennen; das steht bombenfest.«
Er schwieg, und die andern neunundneunzig Geheimräte blickten mit Stolz auf ihren Kollegen.
Herr Baron von Münchhausen steckte sich eine Zigarre an und sagte:
»Dachte mir schon, daß die Sache so zusammenhängen würde. Ja! Das Umtaufen! Wenn Sie nun den Patriotismus neu beleben wollen, sodaß er Ihnen bei Bekämpfung der höheren Dynamitgefahr hilft – d. h. gegen das Dynamit, das von oben kommt, schützt – so seien Sie noch kühner bei dem bevorstehenden Umtaufen der Städte. Zunächst seien Sie harmlos, damit man sich an die Umtaufen gewöhnt. Machen Sie aus Groß-Lichterfelde – Berlin-Lichterfelde, aus Zehlendorf-Wannseebahn – Zehlendorf-Mitte; das wirkt harmlos. Dann aber kitzeln Sie den patriotischen Ehrgeiz: machen Sie aus Charlottenburg – Gravelotte, machen Sie aus Köpenick – Sedan usw. usw.«
»Ja«, rief nun Herr von Wussow entsetzt, »das macht ja die Bevölkerung noch kriegerischer. Das wäre ja Selbstmord.«
»Selbstmord!« klang es von rechts.
Und »Selbstmord« klang es auch von links.
Herr von Dochow klemmte wieder sein Monocle ins linke Auge und sagte zu Herrn von Wussow:
»Ihre Einladungsidee scheint nicht sehr berühmt zu werden, Herr Kollege!«
»Na, warten wirs«, versetzte der heftig, »doch erst ab.«
Der Baron rauchte und gestattete seinen Zuhörern, immer wieder das Wort »Selbstmord« zu verwenden.
Endlich rief Herr von Wussow:
»Ich bitte sehr um Ruhe. Der Herr Baron will doch fortfahren.«
»Freilich!« sagte dieser, »hören Sie doch: wenn alle Schlachtplätze Frankreichs aus dem Kriege von 1870 auf die einzelnen Städte Deutschlands verteilt sind – wenn Straßburg – St. Privat heißt, Hamburg – Neu Orleans – usw. – und wenn man recht oft das Wörtchen 'Neu' verwertet hat, so kann man, da ja die Bevölkerung schon an die Umtauferei gewöhnt ist – so kann man – Berlin auch in Neu-Paris umtaufen.«
»Ah!« riefen da alle Geheimen, und sie hielten den Mund länger auf, als schicklich ist.
Herr von Wussow lachte plötzlich ganz laut.
Die Andern lachten ganz leise.
Und alles sah den Baron gespannt und fragend an.
»Weiter!« rief Herr von Dochow.
»Nun«, fuhr der Baron fort, »jetzt könnten Sie sich doch ganz leicht den Text selber konstruieren. Frankreich würde nach dieser Tauftat Deutschlands doch Paris zu Neu-Berlin machen ––– alles würde lachen, lachen, sehr laut lachen.«
Jetzt lachten alle Anwesenden so laut, daß sich die Damen, die fünfhundert Meter entfernt waren, ganz erschrocken umblickten.
Der Baron stand auf und sagte:
»Bin ich jetzt Ihr Retter?«
Und alle riefen jubelnd:
»Ja! ja!«
»Die Lachenden sind immer friedlich.«
»Die Bomben schmeißenden Flieger werden ja nicht Städte beunruhigen, die Heimatsnamen der Flieger tragen.«
»Und das gilt für beide Parteien.«
Herr von Dochow führte den Baron zu den Damen und stellte ihn nur mit diesen zwei Worten vor:
»Unser Retter!«
Da verbeugten sich die Damen sehr tief, denn sie wußten ganz genau, warum der Baron eingeladen war.
In Amerika war nun die Glaskultur als durchgesetzt zu betrachten; das herrliche Tiffany-Glas wurde in ungeheuren Quantitäten hergestellt, aber auch alle anderen Glasarten erfreuten sich einer großen Beliebtheit.
An vielen Punkten der Vereinigten Staaten von Amerika, die für ganz Amerika tonangebend waren, wurden bereits die alten Backsteinhäuser abgebrochen. Und man begann, die Wege durch Backsteine glatt zu machen; es gab schon lange Backstein-Chausseen, deren Backsteine aus den Häusern der Städte stammten.
Die organisatorische Tätigkeit des Freiherrn von Münchhausen hatte ganz Amerika auf die richtigen Wege geleitet; nun entwickelte sich alles – beinahe von selbst.
Amerika war also in der Kultur allen andern Erdteilen vorausgeeilt. Wenn der alte Münchhausen den Wunsch geäußert hätte, Kaiser von Pan-Amerika zu werden – alle Amerikaner hätten ihm ohne Weiteres das dickste Scepter übergeben – mitsamt einer Krone von vielen Centnern Gewicht.
Aber der alte Herr sagte kühl:
»Regiert Euch allein! Ich habe keine Potentatengelüste – so sind mir die Amerikaner denn doch nicht ans Herz gewachsen, daß ich mich um alle ihre Angelegenheiten kümmern und immer aufm Thron sitzen und regieren sollte. Ich liege lieber aufm Diwan und rauche eine Cigarre nach der andern. Das ist bequemer.«
Also – mit dem Regierungsrummel ließ sich bei dem alten Herrn wirklich nichts anfangen; er hatte auch wahrlich für Amerika genug getan.
Jetzt aber dachte der unermüdliche alte Herr über die andern Erdteile nach. Und er sagte zu seiner Clarissa eines Tages:
»Die andern Erdteile tun mir in der Tat in der Seele leid – besonders das arme Europa dauert mich. Da wohnen die Leute immer noch in finstern Backsteinhöhlen und bekommen nur finstere Gedanken. Das große Licht ist ihnen noch nicht aufgegangen. Sie haben die Bedeutung des großen Lichts noch nicht begriffen. Die Ärmsten tun mir in der Tat in der Seele leid. Selbst im Tierreich ist es doch so, daß die Tiere, die sich eine anständige Wohnung zulegen, recht lange leben bleiben – wie die Bienen, Biber, Ameisen und Schwalben. Auf der anderen Seite sehen wir, daß Tiere wie die Schweine, die auf ihre Wohnungsverhältnisse gar keinen Wert legen, rettungslos dem Untergange verfallen sind. Das ist ja weltbekannt. Und doch achtet in Europa Niemand auf diese allzu deutliche Sprache der Natur. Lebe in einem Glashause, sagen wir dagegen, so wird es Dir wohl ergehen, und Du wirst lange leben und glückliche Einfälle haben.«
»Münch«, rief die Clarissa, »Du bekommst, wie mir deucht, das Redefieber. Du bist der Kikero der modernen Kultur. Der Glas-Kikero! Oh!«
Der Baron sprang vom Diwan auf und sprach scharf wie ein ergrimmter Ober-General:
»Clarissa! Du darfst hier keine Münchhausen-Lästerungen ausstoßen! Das geht nicht! Wenn Du das noch mal tust, drück ich hier auf den Domestikenknopf und lasse sofort zehn Scharfrichter kommen! Ich werde mir schon Respekt verschaffen. Gleich wirst Du Dich anziehen und mit mir nach Europa reisen. Meine Rettungstätigkeit habe ich schon ganz heimlich vorbereitet."
Die Gräfin Clarissa klatschte in die Hände und sang immerzu: »Bravo! Bravissimo!«
Der Baron sang mit, rief aber plötzlich:
»Aber Du sollst Dich doch anziehen.«
Da ging sie in ihr Boudoir.
Und dann fuhren die Beiden nach Europa – natürlich in ihrem großen Aeroplan-Omnibus, der schon manche Fahrt über den Atlantischen hinter sich hatte.
Über Madeira drehte sich die Gräfin um und blickte nach dem Westen.
»Ei!« rief sie, »da kommt aber eine dunkle Wolke heran. Wir müssen auf Madeira landen.«
»Landen«, versetzte der Baron, »können wir ja. Aber da im Westen ist gar keine Wolke.«
»Was denn?« fragte die Gräfin.
»Mein Gepäck!« sagte der Baron sehr schlicht.
Da wunderte sich die Gräfin. Aber sie sah mit dem Aeroplan-Telescop hin und erkannte bald, daß die Wolke eine Aeroplan-Wolke war.
»Donnerwetter! Münch!« rief sie heftig, »mit so viel Gepäck fährst Du nach Europa? Das ist ja eine entzückende Überraschung!«
»Zur Strafe«, sagte der Baron, »für Deine Ironie.«
Die Gräfin küßte dem alten Herrn ehrfurchtsvoll die Hand.
Danach aßen sie auf der neuen Glasterrasse des Amerikahotels zu Madeira ein gutes Abendbrot und tranken den Landwein der Insel.
Der Vollmond spiegelte sich in den Weingläsern.
»Jetzt werde ich mich«, sagte der Baron über der portugiesischen Küste, »als Erzieher produzieren.«
»Münchhausen als Erzieher«, sagte die Gräfin, »klingt nicht grade sehr neu. Erst kam Schopenhauer als Erzieher, dann Rembrandt als Erzieher – und dann tausend Andre. In Deutschland scheint man nämlich sehr viel von Erziehung zu halten.«
»Darum«, versetzte der Baron mit verschmitztem Lächeln, »will ich mich auch in Deutschland als Erzieher vorstellen. Wir fahren zuerst nach Berlin. Mein Gepäck besteht nur aus 50 Glasarchitektur-Ausstellungen. Die Modelle sind alle in Koffern. Es wird gleich in 50 Städten ausgestellt – zu gleicher Zeit in 50 Städten.«
»Prachtvoll!« rief die Gräfin.
Und die Ausstellungen wurden in 50 Städten arrangiert.
Die Ausstellungen, auf denen sehr viele Villen- und Palastmodelle zu sehen waren, erregten das Interesse bei allen Regierungen.
Nur eine komische Seite kam dabei heraus:
Alle Zeitungen berichteten, daß auch der alte Baron auf allen diesen Ausstellungen, die am selben Tage eröffnet wurden, eine Ansprache und ein paar kleine Vorträge gehalten habe.
Die Europäer schüttelten den Kopf.
Wie wars möglich, daß der Baron an einem und demselben Tage in Wien, Paris, Berlin, London und Petersburg – und noch in 45 andern Städten zu gleicher Zeit auftreten konnte?
Einzelne wollten an Hexerei glauben.
Sie wurden aber ausgelacht.
Man kam bald dahinter:
Kinematograph und Grammophon hatten so täuschend den alten Herrn in den Ausstellungen imitiert, daß kein einziger Zeitungsberichterstatter die Täuschung bemerkte.
Die armen Berichterstatter wurden nun ebenfalls erbarmungslos ausgelacht.
Der Baron aber sagte zu Ihnen:
»Sehen Sie: warum führen Sie meine Signalstationen nicht ein? Stationen kann man unter keinen Umständen auslachen.«
Die Geschichte hatte leider ein merkwürdiges Nachspiel.
Der Baron verkehrte in vielen Gesellschaften.
Und da geschah das Unglaubliche:
Man sah ihn eines Abends sowohl in München wie in Rom – in Berlin und auch in Stockholm.
Das wurde von glaubwürdigen Personen bestätigt; der Baron wurde der Doppelgängerei beschuldigt und verhaftet.
All sein Leugnen half ihm in Berlin nicht viel.
Er wurde schließlich aus Deutschland ausgewiesen.
»Die Sache geht mir über den Spaß«, sagte er zur Clarissa, »da haben sich ein paar alte Schauspieler einen Scherz geleistet, und ich werde dafür ausgewiesen. Außerdem werde ich jetzt auch ausgelacht. Mögen nun meine Ausstellungen ohne mich arbeiten. Wir ziehen uns schleunigst ins alte Provisorium hinter Milwaukee zurück. Als Erzieher habe ich keine Lorbeeren geerntet.«
»Schadet nichts!« sagte die Gräfin Clarissa, »wenn nur die Glaskultur auch in den andern Erdteilen siegreich ist.«
»Viktoria!« schrie der Baron.
Und damit stiegen sie auf im großen Aeroplan – und der alte Herr sagte über Paris:
»Meinetwegen können auch die Pariser über mich lachen; mir war das Lachen niemals unangenehm, auch wenns nur wie ein Auslachen klang.«
In Europa aber hattens jetzt die alten Herrn sehr schlecht. Man traute keinem alten Herrn mehr. Das Alter und das schneeweiße Haar geriet ganz eklig in Mißkredit.
Immer hieß es:
»Vorsicht! Acht geben, daß der alte Herr nicht als Baron Münchhausen auftritt!«
Man mied die alten Herren. Und diese verwünschten den Baron. Das aber schadete dem in Amerika ganz und gar nicht.
Eine Fabrikgeschichte
Im Sommer des Jahres 1912 wurde der alte Münchhausen in Berlin so berühmt, daß ihn eines Tages zehn amerikanische Dollar-Millionäre besuchten und ihn baten, doch eine Glasfabrik, die vierzig Meilen hinter Milwaukee liegt, zu organisieren; er sollte dort Anordnungen treffen, die die Glasarchitektur populär machen könnten.
»Was ich alles soll!« rief der Baron.
Doch ihm wurde versprochen, daß er selber in den prächtigsten Glaspalästen sein Heim aufschlagen dürfte.
Und das Pekuniäre war so glänzend, daß der alte Herr sehr bald in aller Form »Ja« sagte – zu Allem.
Er gab schnell der Gräfin Clarissa vom Rabenstein durch ein längeres Telegramm Nachricht und verabschiedete sich gleich am selben Abend bei seinen Bekannten.
Kurz bevor er in seinem Automobil zur Bahn fahren wollte, hielt ihn noch der Graf Klemándoff fest und sagte rasch zu ihm:
»Eine Kleinigkeit, Herr Baron: Sie wissen, daß ich hier als Chef der russischen Sicherheitspolizei die Aufgabe habe, alle Großfürsten, die sich in Berlin amüsieren, zu schützen vor Attentaten. Können Sie mir nicht einen Rat geben, wie ich das am besten anfange?«
Der Baron besann sich einen Augenblick und sagte dann kurz:
»Tausend imitierte falsche Großfürsten einführen und mit Taschengeld ausrüsten.«
Der Graf Klemándoff kraulte sich hinter den Ohren und sagte:
»Bin so schwer von Begriffen; neulich vom Pferde gestürzt.«
»Nun«, fragte der Baron, »trägt nicht jeder Großfürst Lackschuhe, Zylinder und ein Monocle?«
»Freilich! Freilich!« rief der Graf.
»Also«, fuhr Münchhausen fort, »kaufen Sie ein paar tausend Monocles und – suchen Sie sich die Leute aus.«
»Sie glauben?« fragte der Graf.
»Na natürlich«, sagte der Baron, »wenn man überall Großfürsten sieht, werden die Attentäter nicht wissen, ob sie die rechten vor sich haben.«
Der Graf drückte dem Baron die Hände und tat, wie ihm geheißen ward.
Und bald sah man so viele falsche Großfürsten, daß die echten nichts mehr zu befürchten hatten.
Hinter Milwaukee in Amerika fand nun der Baron die Glasfabriken. Sie waren tatsächlich sehr großartig.
»Aber«, rief der alte Herr, »wo sind die Glaspaläste, in denen ich wohnen soll?«
Ja – die waren noch nicht da.
Der alte Herr telegraphierte an die Gräfin Clarissa, daß sie erst nach drei Monaten nachkommen könnte.
Danach baute der alte Herr für sich und die Gräfin einen nicht sehr umfangreichen Glaspalast. Eisengerippe wurden in den Steinboden hineinzementiert, und dann kamen doppelte Glaswände (bunt ornamentierte) in die Eisengerippe.
Eine leichte Hallenanlage.
Überall Steinmosaik als Fußboden.
Und elektrisches Licht kam zwischen die Wände und in die innen befindlichen Säulen.
In diesen wurden auch Heiz- und Kühlanlagen untergebracht.
Natürlich: Die Säulen hatten alle möglichen Formen, und bunt ornamentiertes Glas umschloß die Säulen.
In drei Monaten war alles fertig.
Und die Gräfin Clarissa schlug die Hände überm Kopfe zusammen, als sie dieses Prachtschloß sah; sie ordnete gleich an, daß in ihren Zimmern Stoff auf den Fußboden kam und einige Portieren vor den Türen angebracht wurden.
Nachts sah das kleine Schloß auch von außen wie ein Juwel aus.
Die Millionäre gratulierten dem alten Herrn, als sie seine erste Schöpfung sahen.
Der aber sagte etwas mißlaunig:
»Sie wollen wie echte Hochstapler Reklame machen für Dinge, die eigentlich noch garnicht da sind. Was ich hier gemacht habe, ist doch nur ein kleines Provisorium. Jetzt mehr Architekten anstellen!«
Das letztere geschah sogleich.
Danach verkehrte der Baron nur noch mit den Architekten.
»Eine Fabrik organisieren«, sagte er eines Tages, »ist wahrlich keine Kleinigkeit. Jetzt kommt es darauf an, daß dieses etwas provisorische Eldorado rasch in der ganzen Welt bekannt wird.«
Die Architekten blickten gespannt ihren Baron an.
Der schwieg aber.
Die Gräfin Clarissa ließ Pfirsiche bringen auf blauen Porzellanschalen.
Danach zog sie ihre Zigarettendose aus Email hervor – und zündete sich eine Zigarette an.
»Es ist ein historischer Moment! Ich empfehle den Herren, erst zu rauchen und die Pfirsiche nur anzusehen. Wir wollen durchaus nicht, daß der feierliche Moment gestört wird.«
»Clarissa«, sagte der Baron, »Du bemühst Dich wohl, ironisch zu werden.«
Die Herren rauchten.
Clarissa schwieg.
Der alte Baron rauchte auch und sagte dann langsam – es war 5 Uhr nachmittags und die Sonne ging grade unter, da es Winter war:
»Ja, meine Herren, was soll eigentlich bekannt werden? Sollen die paar Glasvillen, die wir hier gebaut haben, bekannt werden? Ich dächte, wir bauen erst mehr, bevor wir mit dem Gebauten an die Öffentlichkeit treten. Als ich im Jahre 1912 hier ankam, dachte ich, daß schon etwas Neues da wäre. Aber – man hatte mich reingelegt; ich kam in eine Wildnis. Da organisieren! Man könnte mich Wildnisorganisator nennen. Es ist also noch nicht so weit, daß wir heute schon etwas Großartiges bekannt machen könnten. Dieses muß erst da sein.«
Die Clarissa rief lachend:
»Wenns aber da ist, wie willst Du denn die Sache bekannt machen? Willst Du vielleicht die Sache durch die Zeitungen bekannt machen? Das ist nicht so schwer. Und neu ist es auch nicht. Münch aber will doch immer das Neue, und das Leichte mag er auch nicht so gerne. Demnach bin ich weiter gespannt und warte auf den historischen Moment.«
Der Baron lächelte und sagte danach:
»Die Clarissa hat ein Ahnungsvermögen; sie weiß immer, wenn etwas Wichtiges kommt.«
»Ah!« sagten nun alle.
Doch der Baron sagte:
»So einfach ist die Geschichte nicht, die ich jetzt deutlich machen will. Ich bin hier auch als Organisator der Reklame engagiert. Und da habe ich länger über die Geschichte nachgedacht. Wollen wir das Ende der Backsteinkulturepoche herbeiführen, so haben wir die Glaskulturepoche daneben zu stellen. Das Bessere verdrängt immer das Gute. Wie aber wollen wir dieses anfangen – dieses Danebenstellen? Wir müssen die Glaskultur so vorführen, daß sie einem vernünftigen Zwecke entspricht. Kurzum: ich meine, daß wir eine Licht- und Farbensignalsprache zu erfinden haben – dieser müssen dann die Glaspaläste entsprechen. Diese sind nötig, wenn wir eine Licht- und Farbensignalsprache einführen wollen. Licht und Farbe lassen sich doch nur durch Glasarrangements herstellen. Da wirds denn sehr natürlich aussehen, wenn wir die Signalhäuser gleich ganz und gar aus Glas und Eisen herstellen lassen – und die Herstellung dieser Signalhäuser muß auch an möglichst vielen Punkten der Erde geschehen.«
»Münch«, rief die Clarissa, »jetzt weiß ich weiter: Du willst durch diese Signalhäuser gleich die gesamten Zeitungen verdrängen – hab ich Recht?«
»Das hast Du!« sagte der Baron.
Da kamen denn die Architekten nach und nach dahinter, daß diese Reklame zweifellos eine vorzügliche sei.
»Und«, sagte ein junger Architekt, »die Signalhäuser könnten auch, wenn Wichtiges nicht vorfällt, Inserate signalisieren. Dadurch wären die Kosten der Bauten leicht aufzubringen.«
Der Baron sagte lachend:
»Jetzt wollen wir aber nicht in Geschäftsphantasieen verfallen. Die Zeitungen werden durch die neue Licht- und Farbenkonkurrenz bald umgebracht sein. Jetzt heißt es aber: die Signalsprache erfinden!«
»Vordem«, sagte die Gräfin Clarissa, »müssen wir aber die Pfirsiche verzehren. Einem historischen Moment muß immer ein frugales Frühstück folgen.«
Die elektrischen Lampen wurden angezündet, und die Pfirsiche wurden verzehrt.
Der alte Baron wurde nun sehr bald in Amerika die Größe des Tages; seine Signalsprache und seine Signalstationen beschäftigten alle Welt. Und bald kannte jedermann die Farben- und Lichtsignale und konnte sie jederzeit entziffern – am Tage und in der Nacht.
Die Zeitungen erhielten unzählige Abbestellungen und selbst die größeren Tageszeitungen mußten sehr bald ihren Betrieb verkleinern.
Dadurch wurde nun auch die Glasarchitektur ein allgemeines Tagesthema; die Signalstationen wirkten wie Brillanten – stachen Allen in die Augen und erregten einen allgemeinen Licht- und Farbenbrand, sodaß sehr viele Leute in Glasvillen leben wollten und beim Baron immer mehr Bestellungen einliefen.
Die Lebensinteressen veränderten sich dadurch ganz erheblich; man wollte nicht mehr in Backsteinhäusern leben; die größeren Backstein-Hotels und -Restaurants verloren ihre Anziehungskraft.
Da wars nur ganz natürlich, daß auch die vielen religiösen Sekten auf den alten Baron aufmerksam wurden.
Und bald kamen Vertreter vieler Religionen zum alten Baron in die Glasfabrik hinter Milwaukee. Neben der Fabrik entstand sehr bald eine große Kolonie von Glasvillen und Glaspalästen.
In einem der größten Glaspaläste wohnte jetzt der Baron mit der Gräfin Clarissa wie ein Nabob und empfing täglich Besucher aus allen Gegenden der Welt; es ging sehr lebhaft bei ihm zu.
Merkwürdiger Weise drehte sich bald alles in diesem großen Glaspalaste des Barons um die Religion.
Die religiösen Fanatiker wollten einen Zusammenhang zwischen Religion und Glas entdecken, schrieben diesem magische übernatürliche Wirkungen zu und setzten den Baron nicht selten mit ihren merkwürdigen Fragen in Verlegenheit.
Der Baron nannte seine Kolonie nur das »Provisorium«. Dadurch erzielte er aber, daß jetzt sehr viele Leute von ihm noch mehr und ganz übernatürliche Dinge verlangten. Man brachte Kranke zu dem alten Herrn; er sollte alle möglichen Gebrechen heilen; er sollte Wundarzt und Nervenarzt spielen; er geriet schließlich in eine kleine Verzweiflung.
Dazu kam noch, daß sein hohes Alter immer mehr den Leuten zum Bewußtsein kam. Viele hielten den alten Herrn für eine übernatürliche Erscheinung. Und auch die Geldleute, die hinter der Glasfabrik standen, waren sehr geneigt, in ihrem Münchhausen übernatürliche göttliche Kräfte zu entdecken.
Münchhausen empfing zudem in einem Glassaale, der größer war als der Dom zu Köln. Und da in diesem Riesensaal alle Wände und die Decken nur aus Stahl und Glas bestanden, so wirkte das Ganze sehr bald so religiös, daß ein lautes Wort Niemand mehr zu sprechen wagte. Riesig imposant wirkten die großen Säulen, deren Glasumkleidung natürlich in der Farbe zu den Farben der Wände kontrastierte.
Der Boden des Saales war hügelig und mit vielen Pflanzen bedeckt. Man stieg auf Marmorstufen hinauf und konnte auf Terrassen sitzen – in der Tiefe gab es auch kleine Teiche mit Schwänen. Die großen Palmenhäuser der botanischen Gärten hätten hier im Arrangement viel lernen können.
Zunächst empfing der Baron familiär wie ein alter Hausvater.
Als aber die Audienzen immer feierlicher wurden, ging das nicht mehr an; man konnte auch nicht täglich ein paar hundert Gäste freundlich bewirten; das nahm doch zu viel Zeit in Anspruch und ermüdete auch den alten Herrn.
Somit gabs bald nur noch feierliche Empfänge, wie sie bei den großen Potentaten großer Staaten üblich sind.
Allerdings: im sogenannten »Provisorium« wurde ganz anders verhandelt als bei den Staatsaktionen der Potentaten; bei diesen handelte es sich doch immer nur um geschäftliche, familiäre oder rein formelle Angelegenheiten – das fiel natürlich im »Provisorium« einfach fort. Und da man hier nur möglichst bedeutsam Angelegenheiten abhandeln wollte, so bekam Alles ganz naturgemäß sehr bald einen rein religiösen Anstrich.
»Jetzt könnte ich auch eine neue Religion gründen!« sagte der alte Herr zur Gräfin Clarissa.
Diese schüttelte dazu mit dem Kopfe, aber sie wohnte allen Andienzen bei und interessierte sich sehr lebhaft für die dabei stattfindenden Debatten.
Es würde nun natürlich zu weit führen, wenn wir hier ein großes Gesamtbild aller dieser höchst merkwürdigen Verhandlungen geben wollten.
Nur ein paar kleine Scenen mögen im Folgenden diese Provisoriums-Audienzen ein wenig illustrieren:
Eine theistische Gemeinde ließ sich eines Tages melden; es kamen über hundert Personen, zumeist Männer in den besten Jahren; sie erzählten mit großem Eifer, daß sie den Glauben an einen Gott wieder zu Ehren bringen wollten.
Der Baron ließ die Herren ausreden.
Danach aber sprach er das Folgende:
»Sie tun so, als wenn Sie das große Licht entdeckt hätten, indem Sie sagen, daß Sie nur an einen Gott glauben wollen. Und Sie kommen sich wahrscheinlich sehr aufgeklärt vor. Nun bitte ich Sie, mir eine Frage zu beantworten: Können Sie den großen Weltenraum, in dem wir leben und sterben, begreifen? Er ist nach allen Richtungen unendlich. Können Sie diese Unendlichkeit nach unendlich vielen Seiten begreifen? Oder – können Sie sich wenigstens eine Vorstellung von diesem unendlichen Raume machen?«
Die Herren Theisten wußten nicht recht, was sie darauf erwidern sollten; schließlich meinte der Älteste von ihnen:
»Davon können wir uns doch wohl keine Vorstellung bilden; das soll uns wohl ewig unverständlich bleiben.«
»Ja«, erwiderte der Baron, »wenn Ihr das aber nicht einmal könnt, so weiß ich nicht, warum Ihr nicht auch die Frage, ob es einen Gott oder mehrere gibt, für ewig unbeantwortbar haltet. Warum sagt Ihr nicht, auch dieses würde Euch wohl ewig unverständlich bleiben? Man zerbricht sich doch nicht den Kopf über unfaßbare Dinge. Wenn ich den unendlichen Weltraum nicht begreifen kann, so ist mir doch ein Wesen, das diesen ganzen unendlichen Weltraum erfüllt, erst recht total unverständlich.«
Acht Tage nach dieser Unterhaltung erhielt der Baron ein langes Telegramm von dieser Theisten-Sekte, in dem mitgeteilt wurde, daß sich die ganze Sekte einstimmig aufgelöst habe.
Das freute besonders die Clarissa in außerordentlicher Weise.
Dann kamen auch mal ein Dutzend Irokesenhäuptlinge und wollten von dem großen Baron wissen, ob der »große Geist« ein guter Geist sei.
Als das der Baron bejahte, schüttelten die braven Häuptlinge das federgeschmückte Haupt und sagten:
»Das können wir nicht mehr glauben, da es so viel Ungeziefer gibt.«
Hierauf der Baron:
»Also Ihr wißt nicht, warum Euch das Ungeziefer so plagt? Das wißt Ihr nicht?«
Die Antwort lautete:
»Nein!«
»Nun«, fuhr der Baron lächelnd fort, »die Geschichte ist doch sehr klar. Damit will der große Geist zu Euch sagen: wohnt endlich mal in Glasvillen, da gibts kein Ungeziefer mehr, da dieses im Stein und Glase keine Schlupfwinkel findet; es ist auch leicht mit dem Vacuumsauger zu entfernen.«
Da machten die Häuptlinge große Augen.
Und sie bestellten gleich in der Fabrik ein paar Glasvillen.
Und der Baron sprach nachher zu Clarissa:
»Man kann doch überall feine Zusammenhänge entdecken, die auf das Wirken von guten Geistern hindeuten. Jede Unbequemlichkeit ist ein Druckmittel, das Energie erzeugt. Und jeder Schmerz will dasselbe. Perpetuirlich in Luft leben, führt zu garnichts, ist tierisch und erschlafft, macht auch dumm. Wer überflüssiges Geld hat, gehört selten zu den Klugen. Es gibt wohl eine höhere Gerechtigkeit.«
Die Clarissa erwiderte:
»Das Provisorium wird aber allmählich zum Orakel. Wer weiß, wonach Du morgen gefragt werden wirst. Ich hätte Lust, wie die Pythia zu Delphi aufzutreten. Da rede ich dann nur, was Münch mir souffliert.«
Sie lachten.
Aber am nächsten Tage kamen viele Leute, die alle wissen wollten, ob sie nicht recht daran täten, aus der christlichen Kirche auszutreten; sie wandten sich dabei sehr heftig gegen die nach ihrer Meinung unverständliche Dreieinigkeit.
Der Baron sprach, und es klang feierlich in dem weiten Hallenraum:
»In religiösen Dingen soll man doch sehr vorsichtig mit der sogenannten Aufklärungsarbeit vorgehen. Man verdammt sehr oft Dinge, die man garnicht verstanden hat. Man denkt, daß Idioten sich das große Wort in der Weltgeschichte eroberten. Das ist nie der Fall gewesen; wohl aber sind die Worte der Weisen oft von Idioten so verstümmelt, daß man allerdings aus den Verstümmelungen garnicht mehr klug werden kann. An diesen ist oft aber blos die Unwissenheit der Verbreiter einer Lehre schuld. Ich glaube, daß im Ursprünglichen immer etwas enthalten ist, das man wohl als Erkenntnis bezeichnen kann; nur die Erklärer machen nachher sehr oft eine ganz verworrene Geschichte daraus. Hauptsache ist, daß wir selber nicht verworren werden. Ich weiß wohl, daß mans werden kann, wenn man zu viel auf einmal sich klar machen will. Dann wird man anfänglich so klar, daß man sich simpel vorkommt – und nachher, wenn man zuviel beantworten muß, so kann man oft, wenn man nicht ehrlich gegen sich ist, zum Phrasendrechsler werden, der immer wie ein Seiltänzer aussieht, der bald vom Tau fallen muß.«
»Zur Sache!« rief da die Gräfin Clarissa.
Der Baron aber fuhr fort:
»Das wollte ich mir schon selber zurufen. Die Dreieinigkeit ist eine Sache, die über 5000 Jahre alt ist. Die babylonischen Priester sahen immerzu zum Himmel empor, was sehr löblich ist. Sie hatten noch keine Fernrohre und Teleskope, dachten ganz einfach, sahen die Sterne nur als Punkte – drei Sterne aber waren kleine Scheiben: Sonne, Mond und Venus. Diese Drei wurden bald zu einer Dreieinigkeit. Die babylonischen Priester sahen, daß sich alle Fixsterne um die Erde drehten, sie erfanden darum die 12 Tierkreisbilder, in denen sich die fünf Planeten, Sonne und Mond bewegten. Nun entdeckten sie, daß sich immer drei Punkte, wenn sie nicht in einer Graden liegen, durch eine Kreislinie verbunden werden konnten. Dadurch wurde die Dreieinigkeit weiter ausgebildet. Aus dieser, nur auf Sternbetrachtung gegründeten Spekulation, entstand dann alles Dreieinige. Dieses hat also ein großes Alter und ist ehrwürdig – nicht nur des Alters wegen – sondern weil es auf der Sternbetrachtung beruht, aus ihr hervorgeht. Was aus dieser hervorgeht, ist gewissermaßen immer gut. Darum seien Sie vorsichtig bei Ihrer Aufklärungsarbeit. Bedenken Sie, daß wir heute mit allen unsern Teleskopen nicht viel mehr von der Sternenwelt begreifen, als die alten Priester in Babylon. Und darum seien Sie jeder Religion gegenüber freundlich; ein guter Kern steckt in allen Religionen.«
Darüber sprachen sie noch sehr viel.
Am nächsten Abend sagte die Clarissa, als sie an dem großen Teich ihres Saales vorübergingen – als da der Teich von den farbigen Lichtern der Säulen und Wände und Decken ganz bunt wurde – auch die weißen Schwäne wurden ganz bunt:
»Münch! Derartige Erörterungen wie die gestrige wollen wir jetzt nicht mehr ohne erhöhte Feierlichkeit zum Besten geben. Ich möchte Pythia spielen und dann orakeln. Du mußt soufflieren. Aber wir müssen uns zunächst die Fragen selber stellen, damit wir den Leuten auch etwas Handgreifliches und nicht nur Spekulatives bieten können.«
Der Baron war einverstanden.
»Wie«, fragte die Clarissa, »willst Du die erste Frage formuliert haben?«
»Sehr einfach«, sagte der alte Herr, »frage mich nach dem guten Kern, der in allen Mysterien des Altertums steckt. Dann werde ich Dir eine Antwort aufschreiben, die Du dann in bengalischer Beleuchtung ablesen kannst.«
»Bengalische Beleuchtung?«
Also die Gräfin.
»Freilich!« erwiderte der alte Herr, »Dein Gesicht wird durch grünen Scheinwerfer unheimlich gemacht. Ringsum dunkelviolette Finsternis. Das wollen wir wirkungsvoll herausbringen.«
Und der Text, den die Gräfin grün beleuchtet vorzulesen hatte, lautete:
»Die unverstandenen Mysterien, besonders die eleusinischen Mysterien im alten Hellas, wirkten vornehmlich durch ein großes Licht, das den ganzen Raum erfüllte. Und der Myste empfand die Wirkung dieses Lichtes so ungeheuerlich überwältigend, daß er auf die Kniee sank; wenn er auch anfänglich dem Zauber der Mysterien skeptisch gegenübergestanden hatte. Dieses große Licht ist der gute Kern der Mysterien. Ihn sollen wir auch heute noch fest halten und in unsern Glaspalästen wieder zur Wirkung bringen. Das große Licht macht den Menschen gut. Durch das große Licht werden große Gedanken im Menschen lebendig. Das große Licht beim Fronleichnamsfeste der katholischen Kirche stammt auch aus der Schatzkammer der alten Mysterien. Und der Weihnachtsbaum der gesammten Christenheit stammt ebenfalls daher. Darum baut Glaspaläste – damit Ihr das, was früher nur auf großen Festen geboten wurde, auch öfters zu Hause haben könnt. Die Glasarchitektur ist ein Kind der alten Mysterien. Nicht mit Unrecht hat man im farbigen Glase einen geheimnisvollen mystischen Zauber vermutet. Schon die alten Kirchen des europäischen Mittelalters zeigten sehr viele Glasfenster. Die wollen wir wieder haben, damit unser ganzes Leben kathedralenhaft wird. Heute können wir durch den Eisenbau noch größere Glaswirkungen hervorbringen – als im europäischen Mittelalter. Das große Licht soll der Erlöser der Menschheit sein.«
Das brachte nun die Clarissa vor großem Publikum machtvoll heraus.
Der Baron freute sich sehr.
Und die Zuhörer gingen gleich nachher in Scharen zur Fabrik und bestellten Glasvillen und Glaspaläste.
Das Provisorium aber wurde täglich größer.
Die Fabrikherren waren außer sich vor Seligkeit.
Einen solchen Baron hielten sie für unbezahlbar – und sie gewährten ihm einen unbeschränkten Kredit.
Sämmtliche religiösen Sekten in Amerika bestellten große Glas-Kathedralen.
Und so ward die Glasarchitektur durch die Verbindung mit der Religion immer größer.
Die Worte der Clarissa über Mysterien wurden auch von allen Scheinwerfern der Signalstationen feierlich in Licht- und Farbensprache durch die Lande getragen.
Eine Staatsgeschichte
Als der alte Baron Münchhausen im März des Jahres 1905 in Constantinopel lebte, veranstaltete eine alte Dame, um den alten Herrn ganz besonders zu ehren, ein Gartenfest, zu dem nur Damen und Herren geladen wurden, die das sechzigste Lebensjahr bereits überschritten hatten.
Nun befand sich aber, wie ja schon längst überall bekannt ist, die achtzehnjährige Gräfin Clarissa vom Rabenstein als unzertrennliche Begleiterin des hundertundachtzigjährigen Barons ebenfalls in Constantinopel.
Der Baron wollte daher dieses Gartenfest der alten Leute anfänglich gar nicht besuchen, um seiner verehrten Clarissa keinen Ärger zu bereiten. Als diese jedoch von der Einladung erfuhr, erklärte sie ihrem Baron, daß sie sich als alte Dame aufputzen würde.
Da nahm denn der Baron die Einladung an, und die Clarissa begleitete ihn.
Der Garten, in dem alle die alten Leute zusammenkamen, lag am Meere, und auf dem Meere wurde natürlich sofort ein Feuerwerk abgebrannt, als der alte Münchhausen erschien.
Nach dem Feuerwerk wurde der ganze Garten elektrisch erleuchtet; sämtliche Lichter befanden sich unter farbigen Gläsern, die auch auf dem Erdboden dicht neben den Fliesenwegen angebracht waren.
Durch einen sinnreichen Mechanismus ließen sich alle farbigen Gläser mit einem Ruck verschieben, so daß andere Farbenteile der Gläser sich über das elektrische Licht legten. So kams, daß alle fünf Minuten der Garten ganz anders erleuchtet wurde als bisher. Die elektrischen Lichter saßen in ungeheurer Zahl auf allen Bäumen, auf allen Kiosken und Zelten und auch auf den Teichen, auf denen große weiße Schwäne herumruderten; sämtliche Schwäne trugen elektrische Flammen am Halse – so, als wärens Brillanten.
Der Garten wurde im Volksmunde der Seegarten genannt. Und in der Ferne sah man, wie die Haremsdamen des Sultans die Lichtwunder des Seegartens mit Opernguckern bewunderten.
Der Baron fand natürlich alles entzückend und superb, die Gräfin Clarissa fiel beinahe aus ihrer Großtantenrolle; das ward aber glücklicherweise von der Gesellschaft nicht gesehen.
Nach dem Abendbrot, das des Kontrastes wegen nur aus türkischem Lagerbier mit belegten Stullen bestand, sollte der alte Baron selbstverständlich was erzählen; man bat ihn aber um eine ganz ernsthafte Geschichte für alte Leute.
Münchhausen ließ sich nicht lange nötigen, steckte sich einen türkischen Tschibuk an und erzählte – umgeben von Millionen Lichtwundern, die sich immer schneller veränderten und verschönerten – eine Staatsgeschichte.
»Sie wissen ja Alle«, begann er leutselig, »daß hinterm Neptun noch mehrere andre Planeten zu finden sind, die auch unsre große Sonne bewundrungsvoll umkreisen. Dort also – über achthundert Millionen Meilen hinter dem Neptun – fand ich einen seltsamen Planeten, dessen Körper aus drei kolossalen Bäumen bestand; das Wurzelwerk hatte sich dermaßen um einander geknotet, daß die drei Bäume unzertrennlich zusammengewachsen waren. Unter diesen Bäumen dürfen Sie sich aber nicht Bäume denken, die denen ähnlich sehen, die wir hier im Garten bewundern können. Die drei Bäume auf jenem fernen Planeten bestehen aus steinharten Stämmen und Ästen. Und diese Stämme und Äste haben an vielen Stellen einen Umfang von vielen Meilen. Und das, was unsern Erdbaumblättern, Erdbaumblüten und Erdbaumfrüchten entsprechen könnte, ist nun so ganz anders, daß die Beschreibung dieses Anderen zweifellos hier zu weit führen würde. Sie müssen sich schon damit begnügen, wenn ich Ihnen erkläre, daß die drei Bäume von oben bis unten bewohnt sind – und zwar von Lebewesen, die einen ziemlich langen, schlangenartigen Körper besitzen und viele Arme mit sehr geschickten Fingern. Wenn Sie, meine Herrschaften, hier in diesem Garten diese Erdbäume betrachten, die mit so vielen elektrischen Lichtern geschmückt sind, so können Sie sich leicht auch eine Vorstellung von den Baumbewohnern jenes fernen Planeten bilden, denn diese Baumbewohner mit ihren Schlangenleibern sind auch elektrischen Flammen gleich, da die ganzen Baumbewohner elektrisch leuchten – und zwar in allen Körperteilen. Nur wenn diese Baumbewohner schlafen, vergeht auch das Licht, das sie ausströmen. Weitere Schilderungen dieser seltsamen Lichtwesenwelt führen aber, wie gesagt, zu weit ab von dem, was ich ganz besonders schildern wollte. Jeder der drei Planetenbäume unterscheidet sich von dem andern so gewaltig, daß man die drei, obschon sie zusammengewachsen sind im Mittelpunkte des Sterns, nicht mit einander verwechseln kann. Nun kommt noch Folgendes hinzu: Die Lebewesen, die auf den drei Bäumen wohnen, unterscheiden sich ebenso von einander, wie die Bäume, auf denen sie leben. Wir haben somit drei Rassen auf jenem fernen Planeten. Und diese Rassen sind allmählich zu drei großen Baumstaaten geworden.«
Hier wurde der Baron durch das Geschrei der Dienerschaft unterbrochen. Alle Gäste blickten zum großen Teich und sahen dort ein gräßliches Schauspiel: Die Schwäne hatten, durch ihren elektrischen Halsschmuck verführt, einander gebissen – und plötzlich gingen immer zwei und zwei Schwäne wütend auf einander los; sie umschlangen sich mit ihren starken Hälsen – so daß sich Hals um Hals wand. Und dabei zerbrachen natürlich die elektrischen Blüten und verwundeten die Hälse der Tiere dermaßen, daß alle Schwäne in ein paar Minuten sich gegenseitig getötet hatten. Als die Diener schreiend auf den Kähnen herbeieilten, waren die großen Tiere bereits verendet. Das furchtbare Schauspiel hatte nur ein paar Minuten gedauert.
Das war nun ein rechter Mißton.
Die Diener weinten und schleppten die toten Tiere, an denen einzelne elektrische Lichter noch hell leuchteten, ans Ufer. Viele Damen fielen in Ohnmacht.
Und der Baron wurde sehr mißgestimmt.
Der große Teich war bald ganz dunkel.
Und viele Gäste wollten gleich nach Hause fahren. Man schützte Nervenerschütterung vor.
Da jedoch erst die Damen, die in Ohnmacht gefallen waren, wieder zum Bewußtsein gebracht werden mußten, so konnte Niemand so schnell fort.
Nun aber stieg der Baron Münchhausen, während er die Hand der Gräfin Clarissa als Stütze benutzte, auf einen Stuhl und schrie mit gewaltiger Stimme – er hat bekanntlich eine sehr tiefe Baßstimme – so laut in den Garten hinein, daß alle Damen mit einem Ruck aus ihrer Ohnmacht erwachten.
Als nun alle wach waren, sagte der Baron:
»Meine Damen und Herren, das Unglück mit den Schwänen ist natürlich sehr beklagenswert. Daß Sie aber deshalb gleich nach Hause gehen wollen, finde ich unerhört. Wollen Sie denn nicht meine Geschichte zu Ende hören? Glauben Sie, ich sei nur hierher gekommen, um eine halbe Geschichte zu erzählen? Glauben Sie, daß Schwäne, wenn sie sich selber umbringen, dadurch auch meine Geschichte von den drei Baumstaaten umbringen können? Ich glaube: Sie werden das nicht glauben. Und darum bitte ich Sie, wieder Platz zu nehmen und den zweiten Teil meiner Staatsgeschichte anzuhören – sonst beleidigen Sie mich, und ich erzähle Ihnen nie wieder eine Geschichte.«
Nach diesen Worten reichten die Diener Wein herum, die Damen trockneten sich ihre Tränen von ihren Wangen ab, und der Baron fuhr fort:
»Auf jenem fernen Planeten waren die drei Baumstaaten auch drei Dinge, die vor einander scheuten und sich gegenseitig an den Hals fuhren, wie es unsre schönen Schwäne auf dem großen Teich soeben getan haben. Aber die drei Baumstaaten bekämpften sich in einer viel böseren tückischeren Art: sie machten große mit Sprengstoff gefüllte Blasen, setzten auf diese Blasen besonders gebildete Mannschaften rauf, schossen diese Blasen in die Atmosphäre des Sterns hinein und überließen es nun den besonders gebildeten Mannschaften, die Blasen so zu lenken, daß diese grade dann platzten, wenn feindliche, ähnlich konstruierte Blasen vom nachbarlichen Baumstaate auch in die Atmosphäre hineingeschossen wurden. Kurzum: Die Blasen mit dem Sprengstoff sollten einander bekämpfen, wie sich auf dem Erdrindenwasser die Kriegsschiffe bekämpfen.«
Der Baron ließ sich einen Krug Münchner Bier geben, trank ihn aus und sagte dann lachend:
»Jetzt wollen Sie wohl wissen, was jetzt folgt. Ja, das kann ich mir denken. Na – die Blasen mit dem Sprengstoff platzten anfänglich ganz nach Vorschrift, machten, daß die Blasen der Gegner auch platzten – und daß die besonders gebildeten Mannschaften, die die Blasen lenkten, auf beiden Seiten in der Luft verpufften. Die nun folgenden Lenker sahen, daß weder Feind noch Freund übrig blieb, und sie beschlossen daher, so vorsichtig in der Atmosphäre herumzurudern, daß ein Platzen nicht möglich würde. Und da sah man denn bald die ganze Atmosphäre mit Blasen angefüllt, in denen sich Sprengstoffe befanden, die nicht mehr explodierten.«
Der Baron schwieg und sah sich still um.
Die alten Herren dachten nach.
Die alten Damen putzten ihre Lorgnetten.
Die bunten Lichter des Gartens flammten mit einem Ruck wieder in neuen Farben auf. Und im Hintergrunde wurden die toten Schwäne von den wehklagenden Dienern begraben. Der Baron hörte das Schluchzen der Diener, und die Gäste hörten das Schluchzen ebenfalls.
Da fragte eine alte Dame leise:
»Wie gehts nun weiter?«
Da lachte der Baron und sagte:
»Aber meine Gnädigste, als die Lenker der Sprengstoffblasen das Explodieren ihrer Fahrzeuge verhinderten, lernten die Vertreter der drei Baumstaaten sich allmählich in ihrer Atmosphäre näher kennen – und dann schloß man Frieden – während die Blasen als kleine Monde den Stern mit den drei Baumstaaten immerzu in feinen Kurven umkreisten. Und so wird auch das Kriegführen der Menschenrassen dazu führen, daß sich alle Menschenrassen schließlich brüderlich um den Hals fallen – aber nicht so wie die verrückten Schwäne, die jetzt im Hintergrunde begraben werden.«
Nach diesen Worten sprang der Baron vom Stuhle runter, faßte den rechten Arm der Gräfin Clarissa und ging im Sturmschritt zum Garten hinaus.
Die Gäste waren durch diesen raschen Abgang dermaßen verblüfft, daß sie erst zur Besinnung kamen, als der Baron schon weit fort war.
Die alten Herren aber schüttelten zu dieser Staatsgeschichte sehr lebhaft mit den alten Köpfen.
Und in der Ferne bewunderten noch immer die Haremsdamen des Sultans die Lichtwunder des Seegartens mit Opernguckern.
Eine Glosse
Bekanntlich ist der alte Baron Münchhausen, der so köstliche Geschichten zu erzählen wußte, im Jahre 1904 wieder aufgetaucht. Sein hohes Alter erregt überall immer wieder berechtigtes Erstaunen – er ist ja älter als der alte Fritz. Aber – das weiß man ja schon sehr lange. Man weiß auch, daß er mit der jetzt 23 Jahre alten Gräfin Clarissa vom Rabenstein Jahre hindurch auf dem Stern Erde herumreiste. Letzthin mußte die Gräfin einer kleinen Kur wegen nach Wiesbaden. Der Baron wollte die Dame auch nach Wiesbaden begleiten. Aber das litt die junge Gräfin nicht.
»Münch«, sagte sie feierlich, »Du weißt doch, daß Europa momentan immer noch so furchtbar stumpfsinnig ist und von Deinen ästhetischen Erörterungen noch immer nicht Notiz nehmen will. Und da willst Du diesen Europäern die Ehre antun und ihnen einen Besuch abstatten? Das geht nicht. Bleib in China und schreib mir öfters. Ich fahr nach Wiesbaden allein und komme gleich zurück, wenn die Kur beendet ist.«
Und so geschahs.
Und in Wiesbaden durfte ich einen Brief des Barons lesen – er ist ganz kurz.
Der alte Münch schreibt:
Liebe, ewig heitere Clarissa!
Wie bedaure ich, daß Du nicht hier bist. Ich habe hier bei Herrn Li-Ka-Wa eine Gartenkultur kennen gelernt. O – Dir würden die Augen übergehen. Ich sitze hier in Nabong mitten im himmlischen Reiche. Das Meer ist nach allen Seiten hin sehr weit von mir entfernt. Doch das schadet nichts. Denn das gestrige Gartenfest entschädigt für alles. Leider habe ich bei meinem sehr starken Enthusiasmus ein wenig zuviel von dem alten Tartarenwein getrunken, dessen Macht Du ja auch schon kennst. Darum nur ein paar Notizen über die chinesische Gartenkultur:
Zunächst baut man hier in der Mitte des Kaiserreiches die meisten Gärten in die breitesten und in die engsten Schluchten hinein. Und die Berge vermeidet der Gartenarchitekt auch nicht. Man fürchtet eben nicht den Schatten.
Sodann: Hier sind die Leute nicht so, daß sie meinen könnten, ein Garten wäre nur für die Blumen und Bäume da. Hier gibts auch ganz große bunte Steinbeete. Staune nicht! Es ist so. Und die Anordnung dieser bunten, sehr vielkantigen und immer wieder anders geformten Steine ist oft so entzückend, daß man die Blumen gar nicht vermißt. Diese sind natürlich auch da, beherrschen aber nicht das ganze Feld.
Und nun kommt noch ein Weiteres: Porzellan wird auch in Mengen im Garten verwandt.
Das Herrlichste aber ist: Die Fülle von Glassachen im Garten. Ganze Alleen mit farbigen Glaskugeln. Parkpartien gibts, die des Abends, wenn alle farbigen Glaskörper elektrisch erleuchtet sind, wie Herden von Weihnachtsbäumen wirken.
Glaswände als Hintergründe für Pflanzenwerk sind überall sehr vielseitig aufgerichtet. Und in offenen Glasgrotten, die wie europäische Konzerthallen in Sommerlokalen wirken, sind Orchideen...
Und: Du kannst es weitererzählen – es gibt auch schon Glasblumen in diesen Gärten des Herrn Li-Ka-Wa. Hier ist man eben weiter als in Europa. Natur und Kunst bilden in der chinesischen Gartenkultur keine Gegensätze mehr. Demnächst noch mehr! Na Prost!
Ich bin Dein ewig alter
Münch von Münchhausen.
Diesen Brief habe ich wörtlich abgeschrieben und unterbreite ihn hiermit den Europäern mit Erlaubnis der Gräfin Clarissa vom Rabenstein.
Eine Silvestergeschichte
Der alte Baron Münchhausen kann sich von China garnicht trennen; jetzt hat er bereits den Kaiser von China kennen gelernt – und da schäumt nun seine Begeisterung einfach über. Diese kommt in seinen Briefen an die Gräfin Clarissa vom Rabenstein so heftig zum Ausdruck, daß es sich wohl lohnt, noch einen dieser Briefe hier zum Abdrucke zu bringen.
Die Gräfin, die jetzt vierundzwanzig Jahre ist, muß sich augenblicklich in einer Berliner Klinik einer kleinen Operation unterziehen. Die ist aber nicht im mindesten beunruhigend.
Der alte Baron schreibt ihr aus Peking in seiner bekannten Frische das Folgende:
Meine liebe Clarissa!
Während Du Dich in Berlin operieren lassen mußt, haben mirs die Chinesen jetzt ganz und gar angetan.
Der Silvester des Jahres 1910 war für mich ein großes großes Ereignis. Urplötzlich hatte nämlich der hiesige Kaiser mir seine Automobile gesandt und mich sehr höflich bitten lassen, ihn doch gleich zu besuchen.
Ich wandelte grade in einem grünseidenen Schlafrock durch meinen kleinen Park. Doch – lassen wir das Nebensächliche. Ich kam hin, und der Kaiser sagte gleich:
»Gestatten Sie, Herr Baron daß ich Sie immer kurz nur Münch nenne, wie es die Gräfin Clarissa tut?«
»Majestät«, erwiderte ich heiter, »ich gestatte!«
»Dann gestatte ich Ihnen«, fuhr er jovial fort, »daß Sie mich Li-To nennen. So nannte mich immer meine selige Frau Großmama. An die erinnern Sie mich öfters.«
»Ich bin«, versetzte ich lächelnd, »mindestens dreimal so alt wie Ihre Frau Großmama. Aber Majestät – ich wollte sagen: lieber Herr Li-To – es ehrt mich ungemein...«
»Machen Sie keine«, rief Majestät, »so furchtbar überflüssige Redensarten. Sie sind hier im aufgeklärtesten Lande der Erdrinde – beim veritablen Sohne des Himmels. Eigentlich sind wir alle Söhne des Himmels. Setzen Sie sich, lieber Münch. Sie können auch das Herr weglassen, denn ich bin zu einem alten Herrn, der nun schon sein einhundertundsechsundachtzigstes Lebensjahr erreicht hat, mächtig jovial. Na – das merken Sie wohl.«
Ich will nicht weiter mit dieser kaiserlichen Fraternität paradieren. Aber Du sollst blos sehen, daß ich hier persona gratissima bin. Das wird Dich freuen, darum sag ich das. In Europa kamen mir die alten Potentaten nicht so liebenswürdig entgegen – wie hier der junge Potentat Li-To.
Im Volke heißt er natürlich nicht Li-To.
Aber im Volke weiß man ja von dem Leben der Potentaten so wenig. Man faßt da alles so anders auf. Und man mißversteht so viele Dinge, denkt, der Kaiser von China hat einen Harem mit tausend Frauen und muß darum ein Idiot sein. Wir haben von seinem Harem nicht eine Silbe gesprochen.
»Seine Zeit«, sagte er, »mit Regierungsgeschäften anfüllen – das mag so die Gepflogenheit europäischer Potentaten sein. In China lächelt man darüber und verlangt derartiges von mir nicht. Einmal im Jahre habe ich mich dem Volke zu zeigen. Damit aber sind alle meine Regierungspflichten erfüllt. Das Übrige machen meine Mandarine. Und ich bin nicht so eitel, daß ich glauben könnte, durch persönliches Eingreifen viel besser zu machen. Im Gegenteil: Da ich die Verhältnisse im Volke doch niemals richtig überblicken kann, so glaube ich, daß jedes persönliche Eingreifen nur verwirren dürfte – ganz abgesehen davon, daß es nicht majestätisch wirkt. Majestätisch zu wirken aber – dazu bin ich verpflichtet. Indessen – von alledem spricht man nicht so viel. Lieber Münch, kommen wir auf das, was ich mit Ihnen zusammen genießen will. Heute haben wir Silvester.«
»Lieber Li-To«, sagte ich leise, »jetzt bin ich aber mächtig neugierig. Eine Lappalie ist es nicht. Davon bin ich überzeugt.«
»Da haben Sie«, versetzte er lachend, »ins Schwarze getroffen. Ich will ja mit Ihnen ein Gespensterfest mitmachen.«
»Ein Gespensterfest?« rief ich entsetzt.
»Jawohl, ein Gespensterfest!« fuhr er lächelnd fort, »Sie wissen doch, daß zwischen 11 und 12 Uhr die sogenannte Geisterstunde ist. Nun gut! Am Silvester eines jeden Jahres betrinken sich die meisten Menschen – die Astronomen aber auch – und zwar alle. Das ist so auf dem Stern Erde. Ich also sagte: ha! ha! um die Zeit kann also wohl auf den Sternwarten was ganz Besonderes zu sehen sein – das, was geheim bleiben soll. Merken Sie was, lieber Münch?«
Ich verneinte, und er fuhr fort:
»Ich hab im vorigen Jahr was Imposantes entdeckt – auf unsrer Sternwarte. Ich bin überzeugt, daß ich in diesem Jahre etwas Ähnliches entdecken werde. Und das will ich mit Ihnen zusammen genießen. Sind Sie einverstanden, lieber Münch?«
Ich bejahte.
Und wir aßen dann unter anregendem Gespräch ein vorzügliches Abendbrot – zur Stärkung – wir beide ganz allein. Das war auch schon himmlisch.
Aber das wahrhaft Himmlische kam dann für den Sohn des Himmels und für mich um die elfte Stunde – hoch oben auf der Sternwarte des Kaisers von China im Residenzpalaste zu Peking, allwo wir beide auch allein waren, während alle andern Schloßbeamten, Schloßgelehrten, Schloßmandarine und Schloßdiener den Abgang des alten Jahres in schlemmerhafter Weise feierten.
Wir saßen währenddem schweigend vor unsern beiden Teleskopen und suchten das Himmelsfeld dicht über dem Horizont ab.
Und was wir erwarteten, konnten wir bald sehen.
So was hab ich nicht für möglich gehalten.
Aber wahr ist es.
Die Beschreibung fällt mir etwas schwer.
Es ging alles zu schnell.
Zuerst sahen wir weiße Flecke über dem Horizont. Die gingen plötzlich in Kristallformen über und sandten glühende Farbenkegel aus wie Brillanten.
Dann fielen ganz zarte Schleiergebilde über die Brillanten und nahmen ihnen das Licht.
Und bald lag das Ganze wie ein feines Wolkengebirge da – hellblaue – und auch dunkelblaue – und auch einfach graue Stellen dazwischen.
»Das ist nur der Anfang!« sagte der Kaiser.
Man mußte das Teleskop oftmals drehen, da man ja immer nur einen kleinen Teil des Himmels sah.
Nun gab mir der Kaiser einen großen Operngucker, der auf einem großen drehbaren Gestell ruhte.
Damit konnte man nun mehr sehen.
Es war wie in einem Theater.
Und ich hatte schon den Kaiser im Verdacht, daß er uns am Horizonte einfach etwas vormachen ließ – von seinen Leuten.
Da jedoch reckten sich gelbe Gebilde am Horizont empor und wuchsen immer höher und blieben durchsichtig wie Kometenschweife und bekamen baumartige Formen mit starken Ästen. Und diese gelblichen Bäume erhielten rote Ränder auf einer Seite.
Und aus den Ästen sprangen bläuliche Wesen hervor mit großen blauen Köpfen.
Und das Ganze verschwand mit einem feinen hörbaren Knall.
»Was ist das denn?« fragte ich ruhig.
Und der Kaiser sagte:
»Ein Gespensterfest! War schon im vorigen Jahre da. Aber damals wars ganz anders. Unsre Astronomen amüsieren sich und lassen sich das Herrlichste des ganzen Himmels entgehen. Ich habs ihnen nicht gesagt. Aber Sie, Münchhausen, können die Geschichte den Europäern erzählen. Man entdeckt hier doch mehr als in Europa! Ah! jetzt kommt es!«
Und es wurde der ganze Himmel dunkelviolett. Und karminrote Gestalten – wie abenteuerliche Rosse – jagten auf dem dunkelvioletten Hintergrunde vorüber. Gleichzeitig kam eine grellgrüne kleine Sonne über dem Horizont zur Hälfte vor und sandte kleine Scheinwerfer – hellgrüne – nach allen Seiten. Und die Sonne bekam dunkelgrüne Augen, die leuchteten und brannten wie Smaragde.
Wieder ein kleiner feiner Knall – und alles tobte wüst durcheinander, daß wir nicht folgen konnten.
Danach gingen – an das Fabelhafte des ganzen Vorganges hatte ich mich schrecklich schnell gewöhnt – die Beine großer Gestalten vorüber. Die Köpfe konnte ich nicht sehen. Aber die Beine waren pechschwarz und hatten unzählige Kniegelenke übereinander. Die Füße hatten ganz lächerliche Formen, gingen auf und ab – wie bei einem langsamen Tanz.
Und dann wurde alles am Himmel so hell, daß wir die Augen schließen mußten. Das Licht blendete uns.
»Das soll ein Gespensterfest sein?« fragte ich langsam.
»Münch«, rief da der Kaiser zornig, »Sie sind an so abenteuerliche Geschichten gewöhnt, daß Ihnen das Gespensterfest keine größere Freude bereitet. Sie sind doch maßlos blasiert. Ein Astronom würde an Ihrer Stelle halbtot vor Begeisterung sein. Sie sollten sich doch ein wenig schämen.«
»Majestät!« rief ich da auch etwas aufgebracht, »wenn ich hier herumhopse vor purer Begeisterung, so bin ich doch nicht in der Lage, die seltsamen Abenteuer weiter zu verfolgen. Man muß doch neuen Erscheinungen gegenüber seine Ruhe bewahren. Jedenfalls möchte ich doch die Natur dieser Gespenster etwas näher kommen lernen. Vorläufig finde ich noch nicht den Zusammenhang.«
Da bildete sich in der Mitte hinter den tanzenden schwarzen Gespensterbeinen ein großes Loch. Die Beine verschwanden, und das große Loch wurde grau, spinngewebeartig und immer größer.
»Schnell wieder an die Teleskope!« schrie der Kaiser.
Wir tatens und sahen nun in dem grauen Loch eine Unmenge von geisterhaften Wesen – alle grau – und wie Schleier wirkend – mit großen und kleinen Köpfen. Die wogten da durcheinander. Und man sah, daß alles in einer gewissen festlichen Bewegung war. Und da flammten überall in dem Loch blaue, rote und grüne Lampen auf. Die wirkten ganz klein.
»Münch, hören Sie etwas?« fragte der Kaiser.
Ich horchte, aber ich hörte nichts.
Nun sahen wir wieder durch das große Opernglas und bemerkten, daß derartige Löcher auf allen Seiten des Horizontes sich aufgetan hatten.
Und diese Löcher veränderten ihre Form und wurden zu Abgründen.
Und das ging alles so rasend rasch, daß es mir unmöglich wurde, Einzelheiten festzuhalten.
Ich habe die Absicht, das ganze Traumbild – als solches kam es mir schließlich vor – in einem langen Romane zu schildern.
»Ja«, sagte ich schließlich, als alles verschwunden war, »haben wir das wirklich erlebt? Ich kann noch gar nicht an das Veritable des ganzen Spukes glauben.«
»Im vorigen Jahre«, erwiderte der Kaiser, »ging es mir grade so. Ich glaubte, geträumt zu haben. Deshalb bat ich Sie ja grade, lieber Münch, in diesem Jahre dem Vorgange beizuwohnen. Wir sind auf der Erde bereits an so viele Wunder gewöhnt, daß es uns nicht wundern darf, wenn wir ein wenig abgespannt selbst dem Kolossalsten beiwohnen. Dieses war wohl das Kolossalste, das ich erlebt habe. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr. Ich glaube, die Silvesternacht wird immer großartiger werden. Jetzt wollen wir auch die Herren der Wissenschaft darauf aufmerksam machen. Die sollen uns diese himmlischen Wunder erklären. Ich fürchte, ihre Weisheit wird dabei ebenso versagen – wie bei allen andern Wundern des Himmels. Ist denn die Sonne – und sind denn die Kometen – weniger wunderbar als das, was wir heute sahen?«
Also sprach der Kaiser von China.
Ich füge dem nichts mehr hinzu.
Ich bin wie stets
Dein alter
Münch von Münchhausen.
Tagebuchnotizen des alten Barons
Der alte Baron Münchhausen ist soeben aus dem Innern Chinas zurückgekehrt. Und er schreibt in Peking das Folgende in sein Tagebuch:
10. September 1910.
Leute, die immerzu ganz nüchtern sind, werden niemals lustige Geschichten schreiben. Doch das nur nebenbei. Ich habe in den letzten vierzehn Tagen kolossale Schneestürme erlebt und...
Was ich aber heute hier in Peking erlebt habe – das stellt alle andern Ereignisse in den Schatten, wie man zu sagen pflegt. Eigentlich ist dieses Indenschattenstellen eine jener schrecklichen Phrasen, die mich immer ein wenig nervös machen. Nicht mal richtig ist diese Schattengeschichte. Aber – schweifen wir nicht ab! Peking hat in diesem Sommer in kaum drei Monaten eine internationale Glasausstellung arrangiert... Alle Wetter! Was die Chinesen alles fertig kriegen! Das hab ich ja immer gesagt: Die Chinesen werden noch mal das Hauptvolk der Erde.
11. September 1910.
Zuerst den allgemeinen Eindruck schildern!
Na – leicht ist es nicht.
Draußen, weitab von Peking – wohl anderthalb Meilen von der Stadt entfernt – springt da plötzlich eine ganz große Glasstadt aus dem Boden.
Sie springt natürlich nicht. Ich schreibe vor reiner Begeisterung den hellsten Unsinn hin. Aber daran erkennt man wieder, wie begeistert ich bin.
Das alles in drei Monaten!
Ringsum zunächst nur riesige Spiegelwände. Die rahmen das Ganze ein. Das geht jedoch nicht so einfach quadratisch. Nein – ganz unregelmäßig ist der Grundriß dieser kleinen Stadt.
Klein ist natürlich wieder ganz falsch. Die Dimensionen sind ganz beträchtliche. Eine Spiegelmauer ist fünfzig Meter hoch und achthundert Meter lang. Eisenstangen halten das Ganze. Die Eisenstangen sind karminrot lackiert oder emailliert. Und nun geht's in den Mauern aus Spiegelglas bald tief hinein und bald weit nach vorn. Dreitausend rechteckige Winkel sind im Grundriß. Und die Spiegelmauern haben viele Terrassen und auch Überkragendes, das durch viereckige Spiegelsäulen gehalten wird. Schwer vorstellbar. Aber so ist das Äußere.
Am selben Vormittag kam ich an. Ganz blau war der Himmel. Und die Spiegel wirkten nun in den oberen Teilen auch blau, so daß man anfänglich gar nicht bemerkte, daß da eine Glasstadt da war. Erst, als man näher kam, sah man das Glas. Viele Spiegelflächen glänzten mächtig. Ich fuhr erst dreimal um die ganze Ausstellung rum.
Die scharfen Kanten wirkten dort am besten, wo Glasfläche einfach an Glasfläche stieß.
Alles nur im rechten Winkel. Die Würfel herrschten an der einen Seite vor. Auf der nächsten waren hauptsächlich Terrassen da.
Die Zahl der Seiten weiß ich nicht – sehr viele sind es jedenfalls. Oben immer alles blau. Unten stoßen gelbe Kornfelder an die herrliche Stadt, so daß unten alles gelb aussieht – so, als wenn die Kornfelder einfach hineingehen in dieses Paradies.
Paradies!
Daß man sich, wenn man erregt ist, gar nicht die gewöhnlichen abgebrauchten Worte abgewöhnen kann. So hat sich jedenfalls ein Erdenmensch niemals das Paradies vorgestellt.
Ich blieb in einem Restaurant, das draußen mitten in einem Kornfelde liegt.
Da hab ich den Sonnenuntergang – in den Spiegelscheiben bewundert. Das war eine Pracht.
Ich ging gleich danach auf mein Zimmer, schrieb dieses nieder und sehe jetzt noch mal hinaus.
Der Mondenschein in den Spiegeln!
Und die Sterne auch in den Spiegeln.
Alles hundertfach und tausendfach.
Was doch Menschenhände schaffen können!
Hunderttausend Menschen haben das gemacht in drei Monaten. Und ich kenne jetzt erst das Äußere.
12. September 1910.
Heute war ich drinnen.
Nur Notizen kann ich geben.
Zunächst ein Saal mit Kaleidoskopen an den Wänden. Alles sonst schwarzer Samt. Aber in der Mitte der sechzehn Wände erscheint ein großer Kreis mit Kaleidoskopeffekt. Das Kaleidoskop verändert sich in jeder Minute. Immer wieder anders. Jede Laterna Magica oben über der schwarzen Samtdecke.
Das ist nur ein Empfangsspaß.
Viele Chinesen da – alle in seidenen Gewändern, die bunt gewebt sind. Ich auch in chinesischer Tracht. Hab mir die vom Hotelwirt draußen geliehen. Hellblau und hellgrün ist sie.
Mich ödet das Papier an, auf dem ich schreibe.
Ich schreibe nur der Europäer wegen, damit die merken, wieweit sie noch im Ausstellungswesen zurück sind. Ich wundere mich, daß hier außer mir noch keine andren Europäer da sind, obgleich viele hier ausgestellt haben. Die hier gearbeitet haben, sind alle in der Stadt beim Kaiser, der sie fürstlich bewirtet.
Die Saaldiener sind alle in Seide – eine Farbenpracht ist dabei entfaltet...
Ich sah zunächst die Säle für Tiffanyglas. Ich blicke wieder hinaus.
Wieder Mondenschein!
Und die Sterne spiegeln sich in den Spiegelgläsern. Und man bekommt beinahe eine Vorstellung von der Unendlichkeit.
13. September 1910.
Heute kam ich erst nach Sonnenuntergang in das Innere.
Der Kaiser von China war am Tage mit Gefolge dort. Jetzt ist er schon wieder fortgefahren. Ich hab ihn nicht gesehen, da ich ja leider Europäer bin.
Ampeln sah ich heute – Glasampeln.
Ich habe wohl hunderttausend Stück gesehen. Und in allen brannte elektrisches Licht.
Die Ausstellungspaläste liegen alle an den Spiegelmauern der Einfassung des Ganzen.
In der Mitte drinnen geht's terrassenförmig hinunter.
Glasterrassen!
Farbige Glasterrassen!
Und die von unzähligen Glasampeln – farbigen – erleuchtet!
Unten in der Mitte Teich – aber keine Schwäne drin –.
Der Wasserteich wirkt ebenso wie das Glas und spiegelt den ganzen Himmel und die Lampen ringsum.
Beschreibe das ein Andrer.
Ich kann's nicht.
14. September 1910.
Man denkt, immer am Ende zu sein.
Aber es kommt immer noch besser.
Heute gab's Glasmalereien.
Aber – nur ornamentale.
Hab ich mich gefreut, daß es nur ornamentale gab. Man wird nicht an Europa erinnert. Die Ornamentik ist eine andere, da viel Tiffanyglas verwandt ist. Alles erinnert sehr an die Kaleidoskope im Empfangssaal.
Aber das Starre kommt hier so fein heraus.
Außerdem wurden mir Drahtglashäuser gezeigt. Der Draht im Glase macht das Glas selbst gegen Feuer ganz unempfindlich.
Auch Emailhäuser sah ich, – undurchsichtiges und durchsichtiges Email!
Die reinen Juwelierstücke!
Das beschreibe auch ein Andrer.
15. September 1910.
Jetzt dachte ich schon, es könnte Neues nicht mehr kommen.
Und siehe: da gibt es plötzlich kopf- und faustgroße Glasbrillanten.
Alle möglichen Kristallformen.
Und Farben!
Wir sahen daneben echte Brillanten ausgestellt. Und deren Farben brannten nicht heftiger und glühender – als die Farben der Glasbrillanten.
Allerdings – in diesen brannte zumeist elektrisches Licht.
Doch der Effekt ist derselbe.
16. September 1910.
Heute venezianische Gläser gesehen.
Indessen – ich weiß nicht, wo sie hergestellt sind. Sie erinnern nur an die venezianischen Arbeiten, bieten sonst aber durch ihre Größe ganz neue Effekte.
Ich verzichte bald darauf, mir Notizen zu machen.
Derartiges ist ja gar nicht zu fixieren.
17. September 1910.
Heute Glaskuppeln gesehen.
Über hundert.
18. September 1910.
An Stelle der Fahnen wurden heute, da ein großer chinesischer Feiertag ist, Stöcke überall herausgesteckt, die aus Glasbrillanten bestehen. Das funkelte. Die Stöcke drehten sich und verbeugten sich nach allen Seiten. Sie tun's jetzt noch – im Mondenschein.
Armes Europa!
Wie arm kommst du mir vor – wie arm!
Eine Marionettentheater-Geschichte
Als der alte Baron Münchhausen im Februar des Jahres 1905 in Wien war, kam er auch eines Abends mit vielen Schauspielern und Schriftstellern zusammen. Und da sprach man mit besonderer Lebhaftigkeit von einem neuen Marionettentheater.
Münchhausen, der damals schon über hundertachtzig Jahre alt war, hörte anfänglich nur zu – er schien ein wenig ermüdet zu sein, was ja bei seinem Alter nicht verwunderlich erschien.
»Ein wirklich bedeutendes Marionettentheater«, sagte da plötzlich Hermann Bahr sehr laut, »kann natürlich nur in Wien entstehen.«
Der alte Baron erhob sich nach diesen Worten, räusperte sich vernehmlich – und es ward mäuschenstill im weiten Saal.
Alle blickten gespannt den alten Herrn an.
Und der sagte nun ruhig:
»Was Hermann Bahr soeben gesagt hat, ist nicht richtig: das bedeutendste Marionettentheater befindet sich auf Celebes, und dieses Theater dürfte nicht so bald übertrumpft werden.«
Es entstand ein kleiner Tumult.
Und der Baron wurde nun bestürmt, von diesem Theater auf Celebes zu erzählen.
Er sträubte sich anfänglich, aber schließlich erzählte er doch – wie nun folgt:
»Sie kennen wohl alle«, sagte er langsam, »die kleine Villenkolonie Wisacrêbo auf der Insel Celebes. Dort lebte ich vor anderthalb Jahren. Und auch die bekannte Frau Wanda Neumann lebte in dieser Kolonie. Und wie das so in den Tropen ist – man war immer sehr vergnügungssüchtig und kam oft auf merkwürdige Einfälle. Man vermißte besonders das Theater. Und da auf Celebes weder Schauspieler noch Schauspielerinnen lebten, so hatte Frau Neumann ein Marionettentheater gegründet. Wenn Sie aber glauben, daß dieses Theater mit den europäischen Marionettentheatern so ohne Umstände verglichen werden könnte, so irren Sie. Frau Neumann hatte etwas Großartiges gegründet. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich so langweilig erzähle, aber ich bin wirklich etwas müde.«
Alle Anwesenden rückten nun sofort zusammen und baten den alten Herrn, nur ganz leise zu sprechen – da ja das laute Sprechen sehr anstrengend ist.
Und der alte Herr fuhr nun ganz leise fort:
»Es waren«, sagte er, »zweihundert Herren und fünfzig Damen im Zuschauerraum versammelt. Fast alle waren Deutsche. Und diejenigen, die nicht Deutsche waren, verstanden die deutsche Sprache, so wie wir sie verstehen. Wände und Decke des Zuschauerraums waren aus straffgespanntem Segeltuch hergestellt. Nach hinten zu wurde der Zuschauerraum niedriger. Und dann ging ein knisternder, rotseidener Vorhang auf, und wir sahen – den großen Sternhimmel mit dem Kreuz des Südens. Der Sternhimmel war kein gemalter. Wir sahen die Sterne des Himmels, die wir auch sonst allnächtlich auf der Veranda unsres Klubhauses sehen konnten. Natürlich starrten wir alle mit unsern Opernguckern sehr interessiert die funkelnden Sterne des weiten Weltenraumes an und suchten überall nach einer neuen Erscheinung. Lange hatten wir auch nicht zu warten; wir bemerkten bald östlich vom Kreuz des Südens einen kleinen Kometen, dessen Schweif immer länger wurde. Und dann flogen ein paar Sternschnuppen vorüber. Und danach fiel ganz langsam eine grüne Feuerkugel vom Himmel herunter und wurde so groß wie zehn Monde zusammen. Und plötzlich blieb die Kugel in der Luft stehen, und die Kugel bekam in der unteren Hälfte eine mundartige Öffnung. Und wir hörten, wie sie zu uns in deutscher Sprache mächtig laut sprach. Es war eine helle Stimme, die einer Frauenstimme ähnelte. Aber die Stimme klang ganz anders, als menschliche Stimmen klingen. Was die Stimme sagte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls teilte sie uns in umständlicher Form die Ankunft verschiedener Kometen mit, die sie »kosmische Postillione« nannte. Die grüne Feuerkugel schwankte dann hin und her und wurde allmählich kleiner und schließlich so klein, daß sie im Himmelsraum bald nicht mehr gesehen werden konnte. Hiernach kam aber der Komet, den wir neben dem Kreuz des Südens gleich anfangs bemerkt hatten, immer näher, und sein Schweif entwickelte sich immer prächtiger, bekam viele Nebenäste und fein geschwungene Haarlinien. Und der Kern des Kometen wurde auch so groß wie zehn Monde und bekam tausend Augen und auch eine mundartige Öffnung im unteren Teile. Und dann hörten wir eine furchtbare Baßstimme – die dröhnte, daß die Decke und die Wände des Zuschauerraumes zitterten. Vom fernen Andromedanebel erzählte der Komet. Und dem ersten Kometen folgten noch mehrere andere Kometen – und die unterhielten sich nun vor uns vom fernen Andromedanebel. Und die Unterhaltung der furchtbar lauten Stimmen war sehr lustig. Von vielen neuen Sternen erzählten die Kometen. Und die Kometen wurden bald wieder größer und dann wieder kleiner, so daß ihre Stimmen öfters so klangen, als kämen sie aus weiter Ferne. Natürlich veränderte sich auch fortwährend die Gestalt der Kometen. Und während diese »Postillione« nun im Weltenraume herum sausten, kam auch der große Jupiter näher. Und da hätten Sie die Stimme des Jupiter hören sollen – das war so, daß uns die Ohren gellten – daß man's gar nicht aushalten konnte. Und dabei zitterten die Segeltuchwände so heftig, daß ein starker Windzug entstand, der die heiße Tropennachtluft sehr angenehm kühlte. Das war ein ganz famoses Marionettentheater.«
Der alte Baron Münchhausen hielt erschöpft inne und zog sein blauseidenes Taschentuch vor und fächelte sich Luft zu.
»Mir ist bei der Erzählung so warm geworden«, sagte er jetzt ganz laut, »daß ich fast die Empfindung habe, als säße ich immer noch vor dem Tropenhimmel der Frau Neumann auf Celebes in der bekannten Villenkolonie Wisacrêbo.«
Nun sprachen alle Zuhörer lebhaft durcheinander und wollten vom alten Baron Näheres von diesem Theater wissen; man wollte hauptsächlich wissen, was die Kometen, die großen Postillione des Himmels, gesagt hatten.
Der alte Herr erklärte jedoch, daß er sich beim besten Willen nicht mehr ordentlich darauf besinnen könnte.
»Sehen Sie«, sagte er wieder ganz leise, »so ganz einfache Geschichten erzählten die kosmischen Postillione nicht. Sie kamen sämtlich vom Andromedanebel her, und sie sprachen, soviel ich mich erinnern kann, nur vom Andromedanebel. Dort sollten, wie sie berichteten, in einer einzigen Äonennacht nicht weniger als 60 Trillionen neuer kristallförmiger Sterne entstanden sein. Die neuen Sterne, sagten die Kometen, sähen so wie riesige Diamanten aus und bewegten sich so wie Schneeflocken, durch die ein paar Wirbelwinde von verschiedenen Seiten durchfahren. Diese Nachrichten vom Andromedanebel brachten sie zunächst dem Jupiter, der natürlich gleich erklärte, daß er ja längst von der Existenz der neuen Sterne durch seine besonderen Wolkenorgane erfahren habe. Aber danach wollte er nun von den Kometen mehr über die Diamantsterne hören. Und davon erzählten die Kometen mit ihren ungeheuren Stimmen sehr viel. Die Damen und Herren auf Celebes tragen alle sehr viele Diamanten, und daher war ihnen die Entstehung der Diamantsterne sehr interessant. Nun fragen Sie mich aber zuviel, wenn Sie von mir mehr über die rätselhafte Geburt der 60 Trillionen Diamantsterne wissen wollen.«
Der Baron schwieg wieder und fächelte sich wieder mit seinem blauseidenen Taschentuche Luft zu.
Hierauf wollten nun alle Näheres über die technischen Einrichtungen des tropischen Marionettentheaters hören. Der alte Baron ließ sich aber sehr lange bitten und schützte immer wieder Müdigkeit vor.
Schließlich sagte er ganz leise:
»Die Heranführung der Kometen ist ja natürlich auf einem freien Gartenterrain in dunkler Nacht, wenn der Mond nicht scheint, nicht so schwierig. Die Täuschung der Zuschauer war jedenfalls eine vollendete. Und ich möchte auch glauben, daß jeder Pyrotechniker ein derartiges Kometenschauspiel arrangieren könnte. Das ist doch nicht so was Ungeheures. Man könnte sich beinahe wundern, daß so was in Europa noch niemals versucht ist. Aber wir wissen ja alle, wie weit Europa in künstlerischen und technischen Dingen zurück ist. Und dann: daß sich die Stimmen der Menschen durch Schallröhren und andere Instrumente ganz gewaltig verstärken lassen, das wissen wir doch zur Genüge. Und so dürfte ja wohl ein Optimist behaupten, daß demnächst in Wien ein kosmisches Marionettentheater entstehen könnte, das weit bedeutender ist, als das der Frau Neumann auf Celebes. Indessen – mich werden Sie nicht so leicht dazu verführen, an die Unternehmungslust europäischer Theaterdirektoren zu glauben. Es müssen doch auch erst die größeren Stücke für das kosmische Marionettentheater geschrieben werden.«
Nach diesen Worten entstand abermals ein kleiner Tumult; alle anwesenden Schriftsteller erklärten lachend, daß nichts so einfach sei – wie das Schreiben von derartigen Stücken.
Der Baron schüttelte jedoch wehmütig den Kopf und sagte dann noch leise: »Das Beste wäre wohl, Sie veranlaßten die Frau Neumann, nach Wien zu kommen; die könnte Ihnen wohl ein Marionettentheater so einrichten, wie Sie's haben wollen.«
Mit diesen Worten verließ der Baron sehr schnell die Gesellschaft.
Als der Baron fort war, fragte Hermann Bahr einige Schauspieler:
»Kennen Sie vielleicht die Frau Wanda Neumann?«
Aber Niemand kannte die Dame.
Man beschloß, den alten Baron am nächsten Tage nochmals zu befragen.
Indessen – der alte Baron war am nächsten Morgen schon abgereist.
weitere Münchhausen Geschichten hier: II III
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