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![]() | Paul Scheerbart | ![]() |
Die Sterne strahlten noch ganz hell über der neuen Stadt Kalchu, die der König Assurnasirabal aufbauen ließ als ein Zeichen seiner Größe. Nicht weitab von Ninive lag die neue Stadt, und in dieser hatte der König die großen Herren der von ihm besiegten Länder angesiedelt. Da wurden viele Sprachen gesprochen, so daß die meisten Bewohner der neuen Stadt gar nicht oder nur selten mit einander sprachen, weil sie sich so schwer verständigen konnten.
Dort, wo der große Zab in den Tigris fließt, – dort hatte der König seinen Palast erbaut – mit vielen hohen Terrassen und mächtigen Steinmauern ringsum; die Steine für die Mauern waren aus den nördlichen Gebirgen auf Flößen herbeigeschafft.
Die Höfe im Innern des Palastes waren sehr groß und alle glatt gepflastert; an vielen Stellen bedeckten glasierte Ziegel den Fußboden. Bäume und Gebüsch gab's da nicht, nur dunkelrote Rosen, die der König sehr gern hatte, blühten in großen, viereckigen Holzkübeln, die mit blauen und gelben Querstreifen verziert waren.
Dreißig große Herren aus dem besiegten Chattilande hatten den König um eine Audienz gebeten; und er erwartete sie bei Sonnenaufgang. Nun ließen sich die Herren schon mitten in der Nacht die Haare kräuseln und die Gewänder mit wohlriechenden Stoffen durchräuchern. Und sie wuschen sich die Hände und die Augen mit wohlriechenden Wassern und putzten ihre Schmucksachen und ihre Ringe, damit alles an ihnen dem König wohlgefiele.
Und dann gingen sie im langen Zuge mit ihrem großen Gefolge zum Palaste des Königs Assurnasirabal; sie hatten den Palast noch niemals gesehen und staunten nun an seine Pracht, betasteten die Mauern und den Fußboden und die großen Reliefs an den Wänden, während die Fackelträger ihnen den Weg wiesen, denn von der Sonne war noch nichts zu sehen.
Viele Eunuchen gingen mit langen Schritten über die Höfe, daß ihnen die langen Gewänder knatternd am Körper herumschlugen. Und Krieger kamen in stattlichen Reihen mit blinkendem Harnisch und Helm – mit Schwertern und Lanzen, Pfeil und Bogen, Armschildern und Beinschienen.
Und das alles beim qualmenden Rauch der Fackeln – unter dem strahlenden Sternenhimmel.
Jetzt aber wurden die Sterne blasser. Die Sonne kam näher. Die Fackeln wurden ausgelöscht, und die Herren aus dem Chattilande führte man in den großen Empfangssaal des Königs.
Gleich am Eingange neben den Saaltüren wurden die großen buntbemalten Sphinxe bewundert.
Und dann im Saale selbst die Wände!
Schalen mit Räucherwerk brannten in den Ecken des Saales. Die Fenster waren hoch – weit über Manneshöhe – und engmaschiger Silberdraht davor.
Zwanzig Sklaven standen vor jeder Saalwand mit kleinen Öllampen auf drei Meter hohen Stöcken.
Geheimnisvoll nahmen sich hinter den Sklaven die großen Flachreliefs aus, auf denen dargestellt war, wie der König seine Feinde besiegte. Mit vielen bunten Sternen waren die zumeist schwarzen Reliefs verziert.
Die Herren aus dem Chattilande bewunderten schweigend die Wände und auch die Reliefs auf dem Fußboden, auf dem rote frische Rosen verstreut umherlagen.
Viele Eunuchen gingen und kamen – aber alles ging lautlos zu, selbst die Krieger, die hereintraten durch die hinteren Türen aus Zedern-, Tapran- und Miskanholz, klirrten nicht mit den Waffen.
Und dann ging die Sonne auf.
Und gleich trat herein der König Assurnasirabal mit raschem Schritt, und er bestieg seinen Thron – dicht unter dem Hauptfenster. Und seine Augen leuchteten wie heller Bernstein.
Der König setzte sich. Und dann eilten die dreißig Herren ans dem Chattilande in die Mitte des Saales, warfen sich auf den Fußboden und berührten dreimal mit der Stirn die bunten Mittelfliesen.
Der König gab ein Zeichen, daß sie sich erheben könnten.
Und der Älteste von ihnen sprach mit zitternder, zaghafter Greisenstimme:
»Großmächtigster Herr und König! Augapfel der Götter Bel und Ninip, Verehrer der Götter Anu und Dagan, mächtiger Herr der Heerscharen, Statthalter des Gottes Assur! Mein großer König Assurnasirabal, wir sind gekommen, um dich anzuflehen, uns eine Gnade zu gewähren.«
Jetzt wurde es heller. Aber die vierzig Öllampen in den Händen der Sklaven brannten immer noch, sahen aber wie kleine, winzige Flämmchen aus. Der König mit seinem schwarzen, gekräuselten Bart und seinen hellen, leuchtenden Augen, in denen das Weiße fast gespensterhaft wirkte, saß immer noch ganz ruhig da. Seine braune Hautfarbe glänzte im Lichte der kleinen Öllämpchen.
Plötzlich war in einem Nebensaal ein großes Geschrei zu hören. Unwillig wandte sich der König um und flüsterte einem Eunuchen zischend zu:
»Bringe die Schreier vor meinen Thron – sofort.«
Und es geschah.
Man schleppte einen sehr starken Krieger herein, dem man immerzu die Arme verdrehen wollte, wogegen er sich wehrte, daß ihm die gekräuselten Kopfhaare nur so ums Gesicht flogen.
»Was hat der Mann getan?« fragte der König.
»Er hat«, rief nun erhitzter Eunuch, »den Feldherrn Nisirpal mit dem Dolch verwundet.«
»Wie!« schrie der König, heftig aufspringend, »hier in meinem Palaste? Wo ist der Feldherr?«
Er kam, während er sich den Arm verband mit einem weißen Tuche.
»Es hat«, sagte er mit gerunzelter Stirn, »nichts zu bedeuten. Ich fing den Stich mit dem Arm auf. Aber es hätte mir in die Brust gehen können. Laß den Kerl laufen, denn ich fürchte meine Feinde nicht – und verstehe es, mich zu wehren.«
Da brüllte der König:
»Behalte deine Meinung für dich. Ich dulde es nicht, daß man in meinem Palaste den Dolch zieht. Henker! Tue deine Pflicht. Der freche Hund hat's verdient, daß du ihm den Kopf vom Rumpfe schlägst.«
»Dieser Nisirpal«, schrie nun der Attentäter, »hat mir meine Sklavin mit List geraubt. Ich will ihm zeigen, wer der Mächtigere ist.«
»Du Schuft!« schrie da der König, »weißt du nicht, wo du dich befindest? Du bist im Palaste des Königs Assurnasirabal. Und ich werde dir den Kopf abschlagen lassen, weil du das vergessen hast.«
»Du Prahlhans!« schrie nun der Attentäter, »du bist nicht mächtiger als ich. Wären meine Hände frei, so würde ich dir den Beweis bringen, was ein assyrischer Krieger vermag. Ich würde dir ins Gesicht schlagen, du Hund!«
Der König erbleichte.
Aber da hatten die, die den Attentäter bändigten, ihm einen Arm verdreht. Der Mann sank brüllend vor Schmerz auf beide Knie. Mit einem Satz sprang der Henker hinzu und schlug ihm mit einem Hieb den Kopf ab.
Das Blut spritzte wie eine Fontäne aus dem Rumpf.
Aber mit Blitzeseile kamen zwanzig Sklaven mit einem großen Sack, steckten Rumpf und Kopf hinein – und verschwanden damit durch eine kleine Tür aus Pistazien- und Tamariskenholz. Andere Sklaven säuberten in ein paar Sekunden den Fußboden.
Der Nisirpal zog sich mit den Seinen wieder zurück in die Seitengemächer.
Es wurde wieder ganz still im Saale. Jetzt schien hell die Sonne durch das Drahtgitter der Fenster. Die Sklaven an den Wänden löschten die Öllämpchen. Der König setzte sich wieder.
Dann sagte er mit harter Stimme:
»Ich habe gehört, daß ihr in eurer Heimat bleiben wollt. Daraus wird nichts. Ihr bleibt hier. Spart die Worte.«
Die dreißig Herren aus dem Chattilande warfen sich wieder auf den Fußboden hin und berührten dreimal wieder die bunten Fliesen der Saalmitte.
Dann gingen sie langsam rückwärtstretend, bei den Türsphinxen vorbei, aus dem Saale hinaus.
Der König flüsterte einem Eunuchen zu.
»Die Sänfte.«
Und gleich darauf wurde er in der Sänfte davongetragen – von zehn Sklaven – zur Frühstücksterrasse, von wo man auf den breiten Zab und auf den noch breiteren Tigris blicken konnte. Die Eunuchen, Krieger und Sklaven verließen auch den Empfangssaal – langsam – schweigend.
Ein Blutstropfen leuchtete auf einer dunkelroten Rose, die halb zertreten auf den buntglasierten Fliesen lag.

Nacht wars auf Erden, und der Mond schien hell. Und die gelben Butterblumen blühten auf der Wiese, denn es war sehr warm, Und über die Wiese gingen fünf Damen mit fünf Herren, und diese zehn Personen fanden Europa langweilig zum Sterben. "Es ist überall nichts los", sagten sie melancholisch, "man kann hinkommen, wohin man will, überall ertönt die alte Leier des vollendeten Stumpfsinns. Wer da wüßte, wo was los ist, könnte ein Bombengeschäft machen," Und bei diesen Worten ging die kleine Gesellschaft, storchartig hoch die Beine aufhebend, über die Wiese, auf der die gelben Butterblumen im Mondenscheine blühten so sorglos blühten, als wäre wirklich nichts los. Da sprang ein fremder Herr über den nächsten Chausseegraben und rief laut und kräftig: "Meine Damen und Herren! Verzagen Sie nicht: ich weiß, wo was los ist." Die Gesellschaft blieb erschrocken stehen und starrte den fremden Herrn wie ein Weltwunder an. Der Fremde sah sehr elegant aus schwarzer Zylinder, gelber langer Überzieher, Prinzenkrawatte, Lackstiefel alles höchst elegant. Der Herr trug allerdings bloß einen Lackstiefel, der andere Fuß stak nur in einem lilafarbigen Strumpf. Und im Zylinder be- fand sich vorn ein regelmäßiges fünfeckiges Loch, das mit Goldfäden sauber umsäumt war. Und auf dem Rücken des Überziehers hatte der Schneider eine weiße Weste aufgenäht ebenfalls mit Goldfäden. Jedoch sonst war alles tadellos auch der schwarze Spitzbart und die blasse Gesichtsfarbe. "Wollen die Herrschaften", begann der Fremde, "von meinen Erleichterungspillen kosten und dann die Augen schließen, so wird alles mit größter Schnelligkeit arrangiert werden," Zögernd entsprach die Gesellschaft den Wünschen des fremden Herrn, Und als die Zehn danach die Augen wieder öffneten, hatte der Fremde eine hohe Leiter in der Hand. Die Leiter war aber so hoch, daß sie an den Mond gelehnt werden konnte. Als das nun wirklich geschah, rang sich ein Schrei der Bewunderung von den Lippen der zehn Personen los. Der große Zauberer ergriff nach diesem Schrei einen großen schwarzen Kasten, der neben ihm stand, öffnete ihn, stellte ihn unten vor der Leiter aufrecht hin und sagte hastig: "Steigen Sie schnell ein, meine Herrschaften, die Leiter ist eine Drahtseilbahn, und in dem Kasten, der Waggoncharakter besitzt, haben Sie sämtlich bequem Platz." Zögernd entsprach die Gesellschaft auch diesem Wunsche des fremden Herrn, der sich schließlich ebenfalls in den Kasten setzte und dann den Deckel zumachte. Da wars denn sehr dunkel in dem schwarzen Kasten, und es ließ sich ein feines Summen und Pfeifen vernehmen, Und siehe da nach ein paar Augenblicken sprang der Kastendeckel wieder auf und die Gesellschaft befand sich auf dem Monde, Und auf dem Monde standen unzählige andere Leitern, die zu den nächsten Fixsternen hinaufführten. "Jetzt", sprach lächelnd der Fremde, "können wir hinfahren, wohin wir wollen. Kennen Sie schon die Fabrik lebenslustiger Kreaturen? Ich sehs Ihaen an der Nase an, daß Sie noch keine Ahnung von der Fabrik haben. Wenn Sie dahin wollen, so steigen Sie nochmals in den Kasten." Die Damen und Herren wollten was sagen, doch der Fremde stellte den Kasten vor die nächste Leiter und bat, erst Platz zu nehmen, Sodann fuhren sie wie vorhin im dunklen Kasten höher hinauf in eine ganz entfernte Sternenwelt hinein; die Fahrt dauerte diesmal viel länger; auch das Gesumme und Gepfeife machte sich hier so scharf bemerkbar, daß jegliche Unterhaltung unmöglich wurde. Als der Deckel wieder aufsprang, sprang der fremde Herr sehr vergnügt gleichfalls auf und sagte, während er den Damen beim Aussteigen behilflich war: "Es freut mich sehr, meine Damen, daß Sie so herrlich gekleidet sind, auch die Zylinderhüte der Herren bereiten mir eine wahre Herzensfreude. Sie befinden sich hier auf dem Dache der Fabrik lebenslustiger Kreaturen, und die Sternenwelt, die Sie von hier aus sehen, wird Ihnen wohl ganz neu sein." Die Damen lächelten seelenvergnügt und sprachen ihren Dank in den herzlichsten Worten aus, die Herren glätteten ihre Zylinderhüte und wußten gar nicht, was sie zu der schnellen Fahrt sagen sollten; die Sterne, die sie sahen, schienen sich in lebhafter Bewegung zu befinden. "Die Fortschritte der modernen Technik...", begann der Herr, der eine goldene Brille trug doch er kam nicht weiter in seiner Rede; ein großes Rad kam auf die Gesellschaft zugelaufen, so daß sie erschrocken auseinanderstob. Doch das Rad stand plötzlich still, und da sahen alle, daß es ein Rad gar nicht war: ein junger Dachdirektor wars als solcher stellte er sich nämlich vor. Aussehen tat der junge Dachdirektor etwas eigentümlich: der Mann hatte nicht bloß unten zwei Beine, er hatte auf jeder Schulter auch noch ein Bein, dessen Fuß sich hoch oben in der Luft zierlich bewegte. Mit diesen vier Beinen konnte der Herr Direktor ganz be- quem wie ein Rad laufen; der Rumpf dieses Radmannes nahm nicht viel mehr Raum ein als der Kopf, der zwischen den Oberbeinen saß fest eingeklemmt, Der fremde Herr griff in das fünfeckige Loch seines Zylinders, schwenkte diesen zur Begrüßung in der Luft herum und sprach feierlich: "Herr Dachdirektor, diese fünf Damen und diese fünf Herren sind vom Stern Erde und dürften Ihnen vielleicht Gelegenheit geben, Ihre Kunst zu erproben. Wenn ich nicht sehr irre, werden diese Herrschaften sehr gerne bereit sein, die höhere Lebenslust kennenzulernen. Es ist wohl nur eine fachmännische Erklärung dieser kleinen Gesellschaft gegenüber nötig." Der fremde Herr setzte sich wieder seinen Zylinder au f und drehte sich un, so daß alle die weiße Weste, die auf der Rückseite des gelben Überziehers aufgenäht war, sehen konnten. Auch der lilafarbige Strumpf wurde im Sternenlichte deutlich sichtbar. Jetzt kamen über das Dach sehr viele andere Räder herangelaufen, und der Herr mit der goldenen Brille räusperte sich und meinte wohlwollend: "Aha! Da sind wohl die Kollegen des Herrn Dachdirektors." "Welch ein Irrtum!", rief stolz der Angeredete. "Das sind meine Assistenten, die zum Frühstück eilen. Ich wollte ebenfalls grade mein Frühstfiück einnehmen, doch ich bin gerne bereit, Ihnen vordem in aller Eile die gewünschte Erklärung zu geben. Hören Sie genau zu, denn ich habe nicht viel Zeit zu verlieren: Sie sehen in diesem dunkelgrünen Himmel unzählige Sterne teils in roter teils in blauer Farbe. Und diese Sterne werden, wie Sie sich durch Augenschein überzeugen können, immerzu bald größer bald kleiner. Da drüben sehen Sie sechs ganz dicke helIblaue Sonnen, die gleich zu Punkten werden müssen. Da sind sies bereits geworden! Sehen Sie, daß ich Recht hatte? Na ja, die Sterne in dieser Weltgegend haben nämIich ganz besondere Fähigkeiten. Das sind eigentlich gar nicht selbständige Sterne, die Sie hier so als Punkte und Scheiben erblicken; von denen bilden immer mehrere zusammen ein selbständiges Wesen. Jeder Stern dieser Weltgegend hat nämlich die Fähigkeit, mit Blitzesschnelligkeit einen oder mehrere Tropfen von sich abzustoßen und jeden Tropfen im Handumdrehen eine ganz beträchtliche Strecke in den Raum hinauszuschießen ohne sich von diesem Tropfen, der natürlich ganz gewaltige Dimensionen besitzen kann, zu trennen. Denken Sie an den Sirup der Erde! Wenn Sie von dem was runtertropfen lassen, so bleibt der Tropfen gewöhnlich an einem dünnen Sirupfaden hängen und wird von dem so hin- und hergezogen, So auch hier! Nur mit dem Unterschiede, daß beim Sirup der Erde manchmal wirklich was abfällt während das bei unsren Sternen nicht vorkommt. Unsre Sterne, die so sirupartig einzelne Teile ihres Körpers abstoßen nach allen Richtungen abstoßen, da die Schwerkraft bei uns durch ganz andre Kräfte ersetzt ist unsre Sterne tun dieses Abstoßen um nicht immer bloß an einem Punke leben zu brauchen sie wollen eben an mehreren Punkten der Welt zu gleicher Zeit leben. Verschiedene unsrer Sterne können Tausende von Tropfen abstoßen, ohne sich von ihnen zu trennen d, h, die Sterne können an tausend Punkten des Weltraumes zu gleicher Zeit sein überall zu gleicher Zeit dort auftauchen, wo was los ist. Haben Sie mich verstanden, meine Damen und Herren?" Die Damen und Herren nickten gedankenvoll mit den Köpfen; sie hatten wirklich die Geschichte verstanden. "Wir haben nun", fuhr der Herr Dachdirektor fort, "die Erlaubnis erhalten, unter diesen Dächern kleinere Lebewesen zu fabrizieren, die das im Kleinen sein dürfen, was die Sterne im Großen sind, Es ist uns möglich, in unseren Laboratorien kleinere Lebewesen in beliebiger Gestalt herzustellen, die mit Hilfe feinster Fühlfäden, die nicht viel kürzer sind als die Fühlfäden der Sterne und für irdische Augen selbstverständlich niemals sichtbar werden, ihre Persönlichkeit an verschiedene Orte zu gleicher Zeit zu senden vermögen. Das ist das höhere Doppelgängertum das bewußte. Unsre Kreaturen führen ein vielfaches Leben, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das gemeinhin ziemlich lang weilig ist, wie Sie wohl wissen. Daher heißt unsre Fabrik die ,Fabrik lebenslustiger Kreaturen, Haben Sie mich verstanden?" Abermals bejahten die Damen und Herren. "Dann", fuhr der Direktor zum zweiten Male fort, "bin ich bereit, Sie zu lebenslustigen Kreaturen zu machen. Sie werden als solche ein hundertfach interessanteres Leben führen als bisher, da Sie infolge der Sirupfühler, die Sie bald haben sollen, überall, wo was los ist, dabei sein dürfen. Dann werden Sie auf die herrlichen Momente des Lebens nicht lange zu warten brauchen. Sie brauchen dann bloß in jenem Turm da drüben den Vergnügungsanzeiger durchzublättern und alIe Vergnügungen, die in dieser Gegend zu haben sind, stehen sofort zu Ihrer Verfügung. Wir haben in der Tie- fe noch einen Kunstanzeiger und einen Kriegsanzeiger und auch einen Anzeiger für pikante Verwirrungen und noch ein paar Dutzend andere Anzeiger. Ich muß Sie aber bitten, sich umgehend zu entschließen, ob Sie sich umwandeln lassen wollen oder nicht. Sie brauchen sich bloß da oben im Retortenpalast einstampfen zu lassen, die relativ einfache Prozedur kann ohne alle Umstände sofort vor sich gehen. Sie brauchen bloß ,Ja zu sagen, aber Sie müssen in den nächsten fünfzig Augenblicken schlüssig sein ich muß zum Frühstück und habe wirklich nicht länger Zeit." Nach diesen Worten ging der Direktor mit dem fremden Herrn im gelben Überzieher hinter den nächsten Schornstein, nachdem er dem Herrn freundlich mit der rechten Hand auf die weiße Weste geklopft hatte; der Direktor hatte zwei Hände wie die Leute vom Stern Erde. "Himmel! " rief Kamilla Schmidt, "die Geschichte ist ja lebensgefährlich. Nicht um Alles in der Welt lasse ich mich einstampfen." Und die kleine Gesellschaft debattierte fünfzig Augenblicke mit Geschrei und Händeringen, als der Direktor zurückkehrte, redete der Herr mit der goldenen Brille im Namen Aller folgendermaßen: "Wir danken Ihnen, Herr Dachdirektor, für Ihr freundliches Anerbieten von ganzem Herzen, können uns aber leider nicht entschließen, unser Jawort abzugeben. Wir wollen doch lieber das einfache Leben behalten, es erscheint uns sicherer; wir müssen denn doch befürchten, durch das allzu vieifältige Leben allzu nervös zu werden." "Hasenfüße!" schrie der Direktor wütend. "Rufen Sie den Hausknecht vom Erfrischungspalast!" rief er einem vorübereilenden Assistenten zu. Und dann jagte der Herr Dachdirektar kopfüber als Rad zum Frühstückspalast. Der fremde Herr mit dem lilafarbigen Strumpf ließ sich nicht blicken. Dafür kam der Hausknecht, ein kolossaler Riese mit ungeheurem roten Kopf und schwarzem Maul und blauen Felsenzähnen, an den Dachrand mit dem Kopfe heran und sagte schnarrend: "Wohin soll ich denn die kleinen Leute pusten? so was muß mir doch gesagt werden." Und mehrere Assistenten sagten ihm den Stern, auf dem die Leute zu Hause waren, und auch die Nummer des Milchstraßensystems. Und da pustete der Hausknecht vom Erfrischungspalast die zehn Leute vom Stern Erde vom Dache runter, daß ihnen Hören und Sehen verging. Als die fünf Damen und die fünf Herren wieder zum Bewußtsein kamen, sahen sie, daß sie auf einer Wiese lagen, auf der viele gelbe Butterbtumen blühten; die Sonne schien den zehn P ersonen heiß ins Angesicht. Und da schimpften sie plötzlich wie die Rohrspatzen und warfen sich gegenseitig vor, feige Memmen zu sein; Kamilla Schmidt schimpfte am meisten, Nach dem Geschimpfe sprangen sie alle über den Chausseegraben, über den der fremde Herr gesprungen war.

"Daß Du mir da nicht so viel herumfunkelst das sag ich Dir!" Also rief sehr laut Gottvater zu einem sehr beweglichen Stern hinüber. Der aber wußte nicht, warum er nicht funkeln sollte, lachte Gottvater vergnügt ins Gesicht und schrie laut, daß es sehr viele Sterne hörten: "Du! Mir wirst Du nicht bange machen! Ich kenne Dich schon! Dir machen die Gehorsamen keinen Spaß!" Und der Stern funkelte nun grad erst recht. Gottvater sahs und schwebte höchst befriedigt von dannen.

In Ninive war's – in der großen Bibliothek des Assurbanipal – auf einer hochgelegenen Terrasse dicht am Tigris.
Unten auf dem Tigris fuhren gerade fünf Barken des Königs Assurbanipal vorüber; die Griechen nannten diesen König Sardanapal. Er war schon recht alt und lag in der einen Barke ganz still da und sah in den großen Strom, in dem große schwarze Schwäne herumschwammen.
Im Westen ging die Sonne unter und machte die Wellen des Tigris ganz bunt.
Das sah auch oben auf der Bibliotheksterrasse ein alter Priester, der Piru hieß und aus Babylon stammte. Piru saß in einem bequemen Fellstuhl, und neben ihm saß sein Neffe Gimilla, der feuchten Ton vor sich hatte und darauf in Keilschrift mit Elfenbeinstift einritzte, was ihm der Onkel diktierte.
Langsam sprach der alte Priester Piru, während sein Neffe Gimilla die Keile in den nassen Ton ritzte:
»Es sind schon zwanzig Jahre her. Es war damals gerade das zwanzigste Jahr in der Regierung unseres großen Königs Assurbanipal, den die Götter beschützen mögen. Des Königs Vater Asarhaddon hatte sein Reich kurz vor seinem Tode geteilt und den Norden mit Assyrien und Ninive dem König Assurbanipal gegeben – den Süden aber mit Babylon und Babylonien dem Halbbruder des Assurbanipal, dem König Saosduchin. Zwanzig Jahre hatten die beiden Brüder friedlich nebeneinander regiert – Saosduchin in Babylon und Assurbanipal in Ninive. Da zettelte Saosduchin, der König von Babylon, eine Empörung an – und zwischen Ninive und Babylon gab's einen jahrelangen furchtbaren Krieg. Und ich war in Babylon und sah, daß die Babylonier immer schwächer wurden. Ich war Bibliothekar im Palast des Königs Saosduchin – auch Bibliothekar in vielen Tempeln. Und große Unruhe ergriff mich. Aufgehäuft in den Bibliotheken lagen unzählige Tontafeln mit Keilschrifttext; die ganze babylonische Literatur lag da. Aber ich war in Unruhe. Wenn die assyrischen Krieger die Stadt Babylon eroberten, so würde, das sah ich voraus, die Brandfackel überall alles zerstören – und die Tontafeln würden mit zerstört werden. Das machte mich so unruhig, daß ich beschloß, soviel wie möglich von den Tontafeln bei Seite zu schaffen und in Sicherheit zu bringen. Das war eine schwere Arbeit. Und sie konnte nur teilweise gelingen. Nur das beste konnte ich heimlich fortschaffen. Und ich lief Gefahr, dabei ertappt zu werden und den Kopf zu verlieren. In den Tempeln ging's noch an, da konnte man andere Priester überreden, die Tontafeln rechtzeitig an einen sichern Ort zu bringen. Und wo man in den Tempeln nachlässig war, da konnte man leicht eigenhändig das Beste fortschaffen, da ja in vernachlässigten Tempeln aufmerksame Aufsicht zu mangeln pflegt.«
Piru hielt inne, und der kleine Gimilla, der noch keinen Bart hatte, ritzte eifrig die letzten Keile in den feuchten Ton und blickte dann empor.
Es war die Sonne schon untergegangen. Und es wurde dunkel. Alle Sterne funkelten bald am hohen tiefschwarzen Himmelsgewölbe.
»Hole«, sagte Piru, »die Lampen. Wir werden noch lange zu schreiben haben. Die Nacht ist milde. Unten plätschert der Tigris. Und kein Wind weht. Es ist noch schwül. Aber es wird sich schon abkühlen.«
Gimilla ging ab und holte zwei kleine Öllampen und stellte sie neben seine Tontafeln auf den sehr niedrigen Tisch, der vor ihm stand.
Und Piru diktierte wieder:
»Anders lag die Sache in der Bibliothek des königlichen Palastes. Saosduchin, der König, war sehr heftig. Und wer ihm vom Fortschaffen der Tontafeln etwas gesagt hätte, der hätte gleich das Henkerschwert im Genick gefühlt – und dann gar nichts mehr gefühlt. Ich hatte ein kleines Zimmer in der Bibliothek für mich allein. Das lag auch dicht am Wasser – am Euphrat. Das Wasser war aber dort ganz dicht vor dem Fenster. Die Bibliothek lag ein wenig tiefer als der Spiegel des Euphrat. Ich wollte nun so gern einen unterirdischen Gang bauen, um die besten Tontafeln heimlich fortschaffen zu können. Die Nähe des Wassers jedoch ließ mir den Plan unsinnig vorkommen. Hier waren alle unterirdischen Gänge scheinbar unmöglich. Aber gerade, sagte ich mir lächelnd, weil sie hier unmöglich erscheinen, deshalb könnte man wohl schon früher darauf gekommen sein, von hier aus – gerade von hier aus dicht am Euphrat – unterirdische Gänge anzulegen. Und ich untersuchte das Terrain.«
Er hielt abermals inne.
Dem kleinen Gimilla hingen die Haare ins Gesicht, die Öllampen erhellten die Haare, daß sie glänzten – und auch der feuchte Ton glänzte. Die Sterne am Himmel glänzten natürlich auch. Der kleine Gimilla ritzte die Keile in den Ton und sah dann seinen Onkel lange an und sagte:
»Onkel, du machst ja so lange Pausen. Ich kann sehr schnell schreiben. Und ich verschreibe mich nicht. Wenn ich erst mitten drin bin, so kann's viel schneller gehen. Sprich nur, so schnell du willst, ich komme schon mit.«
Piru lächelte und meinte:
»Du weißt, daß ich alt bin. Und deswegen hast du nicht Angst, ich könnte zu schnell sprechen. Aber schreibe nur weiter.«
Der alte Priester saß einige Zeit ganz unbeweglich. Seine Züge wurden starr, dann diktierte er wieder:
»Eigentlich lag mein Zimmer vor einer Bucht des Euphrat. Rechts und links waren ganz hohe Festungswälle und starke Mauern mit hohen Türmen. Mein Zimmer und der dazu gehörige Teil des Palastes lag also sehr geschützt. Und so nahm ich an, daß hier trotz der tiefen Lage der Bibliothek unterirdische Räume sein könnten. Und ich suchte nach ihnen auch im oberen Teile der Wände – mit einer kleinen Leiter aus Pistazienholz. Wir brauchten die Leiter, die mit Achat und Lapislazuli verziert war, um die oberen Stockwerke der Gestelle zu erreichen, auf denen die Tontafeln lagen. Da oben neben einem sehr großen Gestell gab die Wand nach, und ich kam in einen langen, sehr langen dunkeln Gang. Wohl drei Stunden ging ich mit Öllampe, Hacke und Spaten in dem Gange, und da fand ich keinen Ausgang. Der Ausgang war zugemauert. Ich arbeitete zwei Monate, um die Zumauerung zu durchbrechen. Es war eine sehr schwere Arbeit. Und dann kam ich in ein zerfallenes Haus, das in abgelegener Gegend lag. Alle Tontafeln des Palastes brachte ich dorthin, legte an ihre Stelle wertlose Tafeln, auf denen Übungsstücke standen. Und dann kam die Belagerung des Palastes. Und ich holte die letzten Stücke. Und da brach Feuer im Palaste aus – im Harem des Königs brannte es lichterloh. Und die Haremsfrauen und Eunuchen schrien wie die Wahnsinnigen. Niemals werde ich dieses furchtbare Gekreisch vergessen – niemals – bis an mein Lebensende nicht. Und aus dem Palaste heraus konnte niemand, denn draußen stand der Assyrer, der alles niederschlug. Nun wollte ich den Bedrängten zu Hilfe kommen – ihnen von dem geheimen Gang erzählen. Und – ich wagte es nicht. Ich fürchtete das Geschrei der wahnsinnigen Frauen. Die wahnsinnigen Frauen konnten so leicht meinen Gang verraten – und dadurch all die Tontafeln in Gefahr bringen. Auch fürchtete ich, daß man den Fliehenden nachsetzen könnte. Denn es müßte den Belagerern auffallen, wenn plötzlich das Geschrei aufhören sollte. Man würde, dachte ich, schon vermuten, daß sie sich durch geheime Gänge ins Freie retteten. Und ich bekam's nicht fertig, die Sterbenden zu rufen. Sie kreischten wie die Wahnsinnigen. Und ich stand in meinem finstern Gange und roch den Brandgeruch. Und ich vermochte nicht, mich zu bewegen. Ich gab den ganzen brennenden Harem dem Feuertode hin. Und ich rettete meine Tontafeln. Aber Hunderte von Menschenleben waren vernichtet – durch mich. Und ich kann das wahnsinnige Todesgekreisch nicht vergessen. Meine Tontafeln standen mir höher als die lebendigen Menschen. Ich konnte damals nicht mich von der Stelle bewegen. Aber ich hätte mich ermannen müssen. Was kam's denn auf all das Geschreibsel an. Ich hör's immer wieder um meine Ohren kreischen – den Todesschrei von Hunderten. Ich werde daran zu Grunde gehen. Ich halt's nicht mehr aus. Aber die Tontafeln wurden alle gerettet. Der siegreiche König Assurbanipal hat alle Tontafeln des königlichen Palastes zu Babylon nach Ninive bringen lassen und nie erfahren, um welchen Preis sie gerettet wurden. Der König Assurbanipal hat den Tod seines Halbbruders Saosduchin, der mit seinem ganzen Harem in den Flammen seines Palastes zu Grunde ging, immer lebhaft beklagt. Saosduchin war eigensinnig und wollte sich nicht ergeben. Aber seinem Harem fiel's nicht ein, eigensinnig zu sein – die Weiber und Eunuchen hätten alles hingegeben, wenn sie ihr Leben hätten retten können. Ich hätt's retten können. Und ich hab's nicht getan.«
Ganz starr saß der alte Priester Piru da und blickte in die Weite. Der kleine Gimilla hörte mit Schreiben auf, er war fertig. Die eine der kleinen Lampen verlöschte. Gimilla sank zur Seite und schlief ein. Piru erhob sich und trug die Tontafeln vorsichtig, aber mit zitternden Fingern zum Brennofen, wo noch gearbeitet wurde. Sieben Mal ging der alte Piru, denn es waren sehr viele Tontafeln, die Gimilla in dieser Nacht beschrieben hatte.
Dann verlöschte auch die andere Lampe, und der alte Piru ließ den kleinen Gimilla ruhig weiter schlafen, ging leise in sein Zimmer und legte sich auf seinen Diwan und zündete eine kleine Hängelampe an und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte.
Eine kleine Maus kam aus der Ecke des kleinen Gemachs, setzte sich auf die Hinterbeine und blickte verwundert den weinenden Mann an. Die Mäuse, deren es viele in der Bibliothek gab, schadeten dieser nicht, da sie Tontafeln nicht annagten.

Tief, tief im Weltenraum, dort, wie silberne blitzblanke Leuchtkugeln herumfliegen, da leben auch die beiden Sterne Büras und Türas. Die Beiden drehen sich nicht bloß um ihre Achse sondern auch umeinander und bilden so zusammen einen schönen Doppelstern. Und Türas kann wieder nieht sehen. Karminrote Schneeflocken so groß wie Erdenmonde sickern langsam auf Türas' runzlige Haut. Die karminroten Schneeflocken zählen nach vielen vielen Milliarden. Der Türas ist so maßlos groß. Und Büras ist nicht viel kleiner. Die beiden Sterne lieben sich seit unermeßlich langen Zeiten darum wandeln sie auch zusammen durch den Weltenraum. Sie drehen sich immer umeinander, ohne sich zu berühren. Würden sie sich jemals berühren so würden sie aneinander zerschellen und sich in Dampfwolken auflösen. Die Beiden würden nach der Berührung ganz vereint sein im Tode vereint! Aus ihrer Vereinigung würde ein neuer Stern hervorgehen, der tausend Mal größer sein müßte wie Büras und Türas zusammen. Aber Büras und Türas könnten von dem neuen Sterne, der aus ihrer Vereinigung entstünde, Nichts wissen die beiden Alten wären tot, wenn die neue Welt geboren wär. Weltgeburten sind furchtbar! Das Alte muß ganz und gar vergehen, wenn ein Neues entstehen soll, Das wissen die Beiden, die einen Doppelstern bilden. Und sie denken daher nicht daran, sich jemals zu berühren. Sie umkreisen sich in gemessener Entfernung. Das Sterben der Sterne ist kein Spaß. Aber die Sehnsucht schläft nicht. Oh! diese Sehnsucht! Auch Sterne sehnen sich nach der Vereinigung mit dem Geliebten... Nicht alle Sterne! Nicht einmal viele, indessen Büras und Türas ganz gewiß. Und wenn denen die Sehnsucht über den Kopf wächst, so entsteht über ihrer runzligen Haut ein gewaltiges karminrotes Schneegestöber, so daß sie nichts mehr sehen können. Dem Türas gehts jetzt so. Er donnert mit seiner ungeheuren Stirnme wilde Liebesworte, tolle Flüche, schmerzlichsten Jammer ins Weltall hinein. Büras, der kleiner und kälter ist, bedauert seinen armen Bruder. Türas' Sehnsucht schwillt riesengroß an, Und langsam langsam nur verdampft die große Sehnsucht. Und wie die karminroten Schneeflocken nur noch vereinzelt nie- dersickern und der Schnee auf der Sternhaut sich in große, strudelnde Meere auflöst, kann Türas allmählich wieder sehen, zuletzt sieht er ganz klar. Und dann werden Beide wieder vernünftig, lächeln sich freundlich an und unterhalten sich wieder wie sonst in seligster Eintracht. Zank gibts zwischen den Beiden nicht sie leben in einer himmlischen Ehe. Wem der Blick aber von den versengenden Gluten der Leidenschaft getrübt wird, dem wird alles dunkel, und er sieht nichts mehr... Die ganze Welt erscheint ihm öd und leer. Doch solche Zustände gehen glücklicherweise vorüber auch bei Bürassem und Türassen. Wenns vorüber ist, so lächeln die beiden Sterne und sind so gut zueinander. Büras spinnt seine tiefen Gedanken über die Unendlichkeit des Weltraums wieder weiter und erzähIt von seinen Entdeckungen und Einfällen seinem lieben Bruder umständIich so viel, daß der sich sehr anstrengen muß, um folgen zu können. Und Türas erzählt dann von seinen Geschwindigkeitsberechnungen er arbeitet mit fabelhaft großen Zahlen und weiß den Büras wohl zu fesseln. Es ist eine himmlische Ehe! Der Doppelstern kennt keinen Streit. Wenn die beiden Weltbälle andrer Meinung sind, so wird immer Alles in friedlicher Weise geschlichtet denn hauen dürfen sich doch die Beiden auch nicht das würde ihnen ja ebenfalls nur das Leben kosten. Mitten in einer Berechnung fängt Türas plötzlich an, über seine Sehnsucht zu reden, er redet sogar in Versen, sagt: "Sieh! es ist doch wirklich schlimm! Immer wieder kommt das Eine Dieser alte alte Wunsch Dich einmal nur zu berühren! Büras, liebster bester Stern, Ich umfinge Dich so gern! Immer kämpf ich gegen mich, gegen jenen alten Wunsch Aber immer muß ich wieder Qualvoll knirschend unterliegen! Ach, das dumme dumme Eine All mein Rechnen macht es dumm! Dreh Dich weiter, lieber Buras, Tröste Deinen armen Türas!" Und Büras tröstet, so gut er kann, setzt dem Freunde die Lächerlichkeit der Sehnsucht so recht nachdrücklich auseinander und kommt dann wieder auf seine Raumgedanken zurück. Bald herrscht wieder heitre Freude in den beiden großen Sternen, Das Leben ist doch besser als der Tod, Nein an Sterben denken die Beiden noch nicht, Oh, sie wissens so genau, daß sie ihre Sehnsucht ersticken müssen, wenn sie leben wollen! Und drum lieben sie sich ohne sich zu berühren. Himmlische Ehe! "............ Büras! Fünf mal hundertsechsundsechzig Tausend Siebenhundertdreizehn Billionen Bilden jetzt den Schlußstein meiner Rechnung! Ist nicht himmlisch dieses Resultat?" Türas freut sich natürlich wie ein junger Gott. Büras freut sich ebenfalls so. Und die Beiden haben sehr bald wieder vergessen, daß sie sich mal berühren wollten. Nur zuweilen sind die Sterne Höchst poetisch und verliebt! Für gewöhnlich leben die Sterne in einer so ungeheuerlich großen Eintracht, daß ihre Ehe wo von einer solchen die Rede sein kann in jeder Beziehung "himmlisch" genannt werden muß.
Die Liebesverhältnisse der Sterne bieten leider wenn nur immer "zwei" Sterne in Betracht kommen sehr wenig Abwechslung dar. Bei Bürassen und Türassen ja, bei fast sämtlichen Doppelsternen entbrennt und erlischt die Sehnsucht schier jedes Mal unter denselben Begleiterscheinungen. Die karminroten Schneeflocken sickern langsam nieder tauen auf, verwandeln sich in strudelnde Meere, steigen in Dampfform wieder in die obere Luft werden "wieder" zu karminroten Schneeflocken, die so groß sind wie Erdenmonde und sickern dann abermals runter. Dasselbe Spiel wiederholt sich ohn Unterlaß und ein Ende ist beim besten Willen nicht abzusehen denn die Freude am Leben ist bei allen Doppelsternen besonders aber bei Bürassen und Türassen ganz und gar nicht umzubringen.

Langsam dreht sich der alte Erdball um die alte Sonne, die nicht mehr glüht und strahlt wie einst, Dunkelviolett scheint die alte Sonne, so daß es nie mehr Tag wird auf Erden, niemals mehr. Stille Nacht ist überall. Es ist sehr sehr still. Der Himmel ist schwarz wie schwarzer Samt. Die Sterne aber funkeln so hell wie sonst wohl noch heller, da sie größer sind. Goldene Sterne sinds! Der Erdball ist ganz weiß ganz mit weißem Schnee umhüllt mit leuchtendem Schnee! Sternklare Winternacht auf den Höhen und im Tal! Die tote Erde dreht sich immer langsamer. Doch im samtschwarzem Himmel wirds lebendig. Die großen Erzengel kommen, Mit riesig grolßen weißen Flügeln flattern sie eiligst herbei, Es rauscht durch den Himmel. Es wird so laut, so voll Trubel die Luft, als wenn viele Millionen großer Völkerscharen zu neuem Leben erwachen. Aber es kommen nur die Erzengel. Es sind ihrer zwölf, sie sind so schrecklich groß. Sechs umflattern die eine Hälfte der Erdkugel und sechs die andre, so daß man von beiden kaum mehr was sieht. Die Engel beugen langsam, Flügel schlagend, die Köpfe herunter. Ihre Füße schweben hoch über den beiden Polen der Erde. Die zwölf Köpfe bilden bald mit ihren flatternden blonden Locken um des Erdballs Mitte einen prächtigen Haarring.
Zunächst nimmt jeder Erzengel den großen Dom, den er im Arme trug, in beide Hände und setzt ihn auf ein hohes Schneegebirge. Danach ziehen alle Zwölf ihre dicken Pelzhandschuhe aus und greifen geschwinde mit ihren zarten Fingern in ihren weltmeergroßen Rucksack. Aus ihrem Rucksack holen die Engel viele hundert neue, blitz blank glänzende Paläste hervor, Und mit den Palästen schmücken sie den großen Schneeball, der sich Erde nennt, daß er bunt wird und mächtig funkelt; die Augen der Erzengel leuchten dabei, als wenn sie wie artige Kinder Spielzeug auskramten. Nachdem die Rucksäcke geleert sind, flattern die Engel wieder empor und schweben munter plaudernd in mäßiger Entfernung auf und ab in schönen großen Kreisbogen. Die Erde sieht bunt aus, als wäre sie mit den Flügeln der kostbarsten Schmetterlinge, erfrorenen Paradiesvögeln und gleißenden Diamanten bestreut. Und die Paläste werden hell. Millionen Lampen werden überall drinnen angesteckt; durch die bunten GIasfenster der hohen Dome und all der vielen Schlösser strömt gedämpftes Licht tausendfarbig in die violette Schneenacht hinaus. Die violette Sonne wird noch dunkler. Die fernen goldenen Sterne verlieren auch viel von ihrem Glanz, Der samtschwarze Himmel rahmt die sanft aufglühende Erde ringsum prächtig ein. Und die großen Glocken der Dome läuten alle. Ein Sehnsuchtsschauer durchrieselt die weiten Schneegefilde; durch die nagende Schwermut des kalten Erdballs ringt sich ein neues Leben durch das ewige Leben! Die Toten stehen auf. Überall hebt sich die Schneedecke. Und all die Menschen, die einst auf der Erde Iebten und starben, steigen aus ihren Gräbern heraus, schütteln sich den Schnee ab und sehen sich erstaunt an. Als sie merken, daß sie auferstanden sind, falIen sie sich gegenseitig um den Hals und sind sehr gerührt. Ja! Ja! Wer hätte nicht gern ein neues Leben begonnen! Die Erde dreht sich schneller. Doch dieser große ernste Augenblick ähnelt einem großen drolligen Maskenfest, denn alle Menschen haben Kleider an, die denen gleichen, welche sie zu ihren Lebzeiten am häufigsten trugen. Die Bettler gehen neben den Königen, die Priester neben den Kriegern, die Handwerker neben den Gelehrten in all den vielen Trachten all der vielen Zeiten. Vom Fellschurz bis zum gebügelten Oberhemd ist alles da. Die Auferstandenen steigen die goldenen Stufen zu den Schlössern und Domen empor. Es wimmelt nur so! Alle Sprachen der Erde wirbeln durcheinander, daß es mächtig durch den ganzen Himmel brummt und die Glocken nicht mehr zu hören sind. Oben aber vor den Türen der Schlösser und Dome stehen viele tausend Engel, die nicht größer als die Menschen sind, in zarten hellgrünen, hellblauen und hellroten Gewändern und warten. Feierliche Begrüßung! Händedrücken und Wangengestreichel! Kopfnicken und Armgewackel! Viel Gelächter! Und viel lächelnde Behaglichkeit! Die großen Burgen, die aus reinen Riesendiamanten bestehen, sprühen ihren Farbenbrand so festlich in die Dämmerung. Und die andern Edelsteine der weiten Säulenhallen glänzen mit den reinen Riesendiamanten um die Wette. Und die kostbaren Steingewächse, die aus den Domen aufstreben, sind auch so wunderbar. Die Smaragdkuppeln einzelner Schlösser werden von innen erleuchtet und werfen in den schwarzen Samthimmel weite grüne Lichtkegel, die sich langsam bewegen. Die Saphirtürme ragen höher empor als die andern Türme. Und das stille Licht, das überall durch die tausendfarbigen Glasfenster hinausströmt, das schimmert so heilig- bunt und verheißungsvoll. Ungeheure Palastgebirge sind mit riesigen Opalbogen umgittert. Wenn das Auge von Pol zu Pol schweift, so wird es verzückt bei all der Glanzglut. Der Bauzauber ist so gewaltig, daß man sich verwundert fragt, wie es kommt, daß die auferstandenen Menschen nicht einfach tot werden, Aber so entsetzlich es auch ist, so wahr ist es: die meisten Menschen denken bloß an das gute Abendbrot, das ihnen nach ihrer Meinung in den Domen und Palästen von eifrigen Dienern vorgesetzt werden wird. Wie verblüfft sind da die Auferstandenen, als sie im Innern all der vielen Glanzburgen gar kein Abendbrot finden! Männlein und Weiblein sehen sich verwundert um, entdecken aber nichts, Draußen haben sie schon schmerzlich den gänzlichen Mangel an Bäumen, Früchten und Gemüsen bemerkt und jetzt ist auch drinnen Alles nur unfruchtbarer Stein! Marmor und Rubine, Gold und Silber, bunte Lampen und bunte Wände, entzückend gegliederte Kuppeln, ein bißchen Samt und Seide, mächtige Granatsäulen, glitzernde Glasgrotten und ähnliche Sachen gibts ja in unüberschaubarer Menge doch von Hammelbraten, Schneckensalat und Feuerwein keine Spur! "Engel, wo bleibt das Abendbrot?" Also ruft demnach baldigst ziemlich einstimmig das ganze große Menschengeschlecht. Die Engel öffnen schweigend im Innern der Paläste und Dome kleine Seitenpforten, die bis dahin den Blicken der Menschen entzogen waren, Alle denken natürlich jetzt gibts zu essen, zu trinken und zu rauchen, Hei! Wie sie sich freuen! Indessen diesmal ist die Enttäuschung noch viel größer. Das "alte" Leben grinst die Menschen an, Es steht eben "Alles" wieder auf. Doch ganz so schlimm wie damals, als die Sonne noch hell schien, ist das alte Elend nicht anzuschauen. Es ist anders umrahmt! Im Palastgeschmack! Die Säle und Zimmer, in denen die alte Beschäftigung wieder aufgenommen werden soll, sind mit so viel feinem Prunk umgeben, daß die "guten" Menschen doch mit großer Freude ins alte Fahrwasser hineinspringen, wenns auch so unappetitlich ist wie schmutzige Wäsche. Ja! Ja! Das alte Leben! Der eine muß wieder seine kranke Frau pflegen, die ohn Unter- laß stöhnt und klagt; er beginnt den Tanz der Qual mit kalter Ruhe wieder von vorn, wie schon so oft wirklich ein guter Mensch! Ein andrer guter Mensch fängt wieder an, große Gesellschaften zu besuchen, und klagt dabei wieder über seine nie zu stillende Sehnsucht nach der ewigen Einsamkeit genau wie einst. Ein Dritter ist wieder mit seinem Ruhme nicht zufrieden; er will immer anders berühmt werden, was ihm natürlich nicht gelingt, da er selber nicht weiß, wie ers haben möchte. Ein Vierter bekämpft mit altem Mute seine riesige Sinnlichkeit und wird zum echten Asketenhäuptling, läßt wieder seine eiserne Willenskraft bewundern, obgleich er sich in jeder stillen Stunde auslachen muß, da ja alle seine Kraft nur eine naturgemäße Folge von Ausschweifung und Ekel ist. Ein Fünfter hofft immer einen Sack mit Gold zu finden und was findet er? Einen Sack mit giftigen Pilzen!! Ein Sechster muß stets vergeblich "Geld" besorgen d. h, es gelingt ihm nie!! Und ein Siebenter muß zu Allem "Ja" und "Amen" sagen, was ihm von je so schwer fiel. Und die Millionen von Anderen arbeiten und regieren, befehlen und gehorchen auch genau so wie einst. Die Maschinen rasseln wieder, und die Denkerköpfe rauchen wieder, die Kartoffelfelder tragen wieder ihre mehligen Früchte, die Säufer saufen ganz im alten Stile weiter, und die Verbrecher brechen wieder bei den Leuten, die was haben, ein. Alles ist wie einst! Es spielt sich bloß schön umrahmt in herrlichen Palästen und Domen ab, die so groß sind, daß man gar nicht durchsehen kann. Sonst ist kein Unterschied. Die guten Menschen sind natürlich mit Allem zufrieden aber die bösen Menschen sind natürlich mit nichts zufrieden ihnen genügt nicht die Alles belebende Sonne der Baukunst sie wollen Abendbrot mit Austern und starkem Getränk ununterbrochenes Vergnügen mit Tingeltangel und Schlittenfahrt. Die guten Engel wollen die bösen Menschen besänftigen und trösten, sagen freundlich: "Kinder, lhr wißt gar nicht, was Euch frommt! Leid und Freud sind in jedem Menschenleben ganz gleichmäßig verteilt, Diese ist ohne jenes gar nicht denkbar, Seid vernünf- tig! Alle Wünsche sind nicht erfüllbar. Ist es nicht genug, daß wir Euch eine angenehme Umgebung geschaffen haben? Ihr wollt bloß immer vergnügt sein und das geht doch nicht!" "Warum nicht?" schreien die Bösen. "Weils Euch langweilen würde!" antworten die Engel, und sie gähnen, während sie an ein,ewiges Glück denken. Die Bösen aber lachen so häßlich, daß die guten Engel ernstlich böse werden. "Man sollte Euch eigentlich", fahren sie in schärferem Tone fort, "piesacken mit feurigen Zangen. Die Dummheit muß mit Feuer und Schwert ausgerottet werden, Ihr werdets niemals verstehen, daß anständig,wohnen besser ist als anständig,leben, Wie die Pflanzen der Erde hauptsächlich nur von Licht und Luft lebten, so sollt Ihr jetzt auch hauptsächlich von dem leben, was Euch umgibt von dem Licht der göttlichen Baukunst, die die,wahre Kunst ist, Ist es Euch tatsächlich nicht genug, in diesen himmlischen Strahlburgen leben zu können? Wißt Ihr immer noch nicht, was es heißt: In einer Traumwelt daheim zu sein? Das ist doch die prickelnde Auster der Armut! Was sind dagegen alle Kaninchen des Reichtums? Eine große Quarkerei nicht mehr! Euer Leben soll nur ein Akkord in der Sphärenmusik des Alls sein Euer Schmerzenslaut ist also nicht zu entbehren sonst wird ja die Sphärenmusik so weichlich wie Milchreis! Ihr unglaublichen Nilpferde!" Die Bösen schütteln sich vor Lachen und haIten sich den Bauch. Die Engel bleiben aber ganz ernst, sie sagen noch traurig; "lhr kommt ja sämtlich nicht zu kurz! Die Qualen des Bettlers werden gleich mit Freuden belohnt, von denen die armen Könige nichts wissen. Und zu alledem kommt noch diese prunkvolle Traumwelt Eurer Wunderpaläste." "Die macht uns grade erst recht begehrlich! Wir wollen keinen Selbstbetrug! " Also schreien wild durcheinander die dummen Bösewichter, die immer vergnügt und selig sein wollen. "Na, wenn Euch der Selbstbetrug nicht paßt", donnern die Engel los, "so könnt Ihr ja wieder in Eure Gräber zurück. Eure kannibalische Dummheit soll uns das neue Leben, das wir Euch in dieser Glanzwelt darboten, nicht verleiden!" Und es treten die hellgrünen Engel mit dunkelgrünen Tannenzweigen hervor, und mit den dunkelgrünen Tannenzweigen berühren sie alle Unzufriedenen, Und die Berührten fallen um und sind tot. Rasch werden sie hinausgetragen und wieder im Schnee verscharrt. Jede Spur der Bösen ist bald verweht. Die guten Menschen aber, die schon dankbar sind, wenn sie bloß in einer glanzseligen Traumwelt leben können, nehmen die Qualen des alten Lebens ruhig ins neue Leben hinüber, lachen lustig über alles und wollen nicht mehr. Wie die hellgrünen Engel zurückkommen, streicheln sie den guten Menschen freundlich die klugen Köpfe. Durch die bunten Glasscheiben strahlt das neue GIück in die Schneenacht hinaus, daß die gar seltsam wird. Die Smaragdkugeln leuchten mit ihren grünen Lichtkegeln durchs schwarze Weltall, Die Saphirtürme recken sich noch höher wie übermütige Gespenster. Die riesigen Opalgitter schimmern wie Millionen aufgescheuchter Schmetterlinge, Die vielen kleineren Schlösser sehen auf dem weißen Schneeball, der sich Erde nennt, wie Glühwürmchen aus. Und es ist Alles so rührend-feierlich in der ewigen Dämmerstunde, daß Jeder ruhig werden kann. Die Erzengel beugen sich zum zweiten Male zur Erde herab. Die blonden Riesenlocken bilden wie vorhin einen prächtigen Haarring.
Die unbeschreiblich grossen Engel stecken die festlich erleuchteten Paläste wieder in ihren Rucksack, ziehen ihre Handschuhe an, nehmen ihre Dome in den Arm und flattern davon, Bald dreht sich der ganze Erdball so langsam wie vorhin wie ein großer Schneeball, den Kinder rollen, wenn sie einen Schneemann bauen. Die violette Sonne glüht in der Ferne wie eine alte Ampel, der das Öl ausgeht. Die goldenen Sterne funkeln im tiefschwarzen Sammethimmel wie gltickliche Strahlburgen. Und die Nacht ist so still so grabesstill!
Hoch oben auf der Sternwarte des Tempels in Babylon waren die Oberpriester aus ganz Babylonien zusammengekommen — siebzehn an der Zahl. Und ihr König Nabukudurusur, den die Griechen Nebukadnezar nannten, war auch dabei — oben auf der Sternwarte — als der achtzehnte.
Da saßen sie nun oben im Halbkreise auf achtzehn prächtigen Sesseln — gleichwie auf Thronen. Hinter jedem Thron brannte auf drei riesig hohen zusammengebundenen Lanzen eine eherne Schale mit Pech flackernd zum Himmel empor. Die offene Seite des Halbkreises lag nach Westen zu, wo gerade die Sonne untergegangen war.
Jetzt kamen die Sterne — und zuerst vor allen der Stern Istar — der Abendstern.
Auf der Sternwarte des Esaggil wußte man ganz genau, daß der Abendstern auch der Morgenstern war.
Hinter jedem Thron in respektvoller Entfernung standen viele Sklaven in reicher Tracht. In der Mitte des Halbkreises saß der Oberpriester des Esaggil Nabu— sumi und neben ihm zur Linken der Oberpriester Kurgal— nasir, der die Sternwarte des Esaggil leitete.
Vorne links im Halbkreise saß der Oberpriester Belsarusur, der im Tempel Ezida bei Borsippa regierte. Vorne rechts der König, dessen fein gekräuselte Barthaare bereits ergrauten.
Vor jedem der achtzehn Herren stand ein ovaler Achattisch. Auf jedem Achattisch stand eine kleine Istar— Statuette — in der Form einer Frauengestalt. Goldene Becher und Krüge mit Wein standen auch auf den Tischen — und Obst in Schalen aus Lapislazuli — und auch feuchte Tonplatten zum Schreiben mit dem Elfenbeingriffel in Keilschrift. Und kleine Öllampen brannten auf den Achattischen.
Und es wurde dunkel.
Und die Sterne wurden immer heller.
»Von der Istar«, sagte leise der Nabu— sumi, Oberpriester des Esaggil, »wollen wir jetzt reden. Dieser erhabenen Göttin wegen sind wir allhier zusammengekommen. Wir wollen versuchen, eine einheitliche Auffassung dieser erhabenen Sterngöttin festzustellen und allmählich dem Volke zu übermitteln.«
»Es ist«, sagte der Oberpriester Belsarusur vom Ezida, »nach meinem Dafürhalten nicht so wichtig, das, was wir hier feststellen wollen, dem Volke zu übermitteln. Es ist gut, wenn das Volk bei der einfachen sinnlichen Erscheinung der Istarstatuetten bleibt. Es ist nach meinem Dafürhalten nicht nötig, unsere besseren Erkenntnisse zu verbreiten. Wer weiter will, wird ja Priester. Und wer es nicht will, kann ja glauben, was die alten Leute glauben. Wir können doch nicht alle Menschen zu Priestern machen.«
»Schön wäre das schon«, bemerkte leise der König Nabukudu, »aber ich bitte sehr, nicht darüber weiter zu sprechen. Sprechen wir von der großen allmächtigen Istar, die uns als Abendstern jetzt von Westen her entgegenleuchtet — grün leuchtet sie.«
Belsarusur fährt fort:
»Es will mir möglich erscheinen, daß die Istar eine große leuchtende Glaskugel ist, in der die hehre Göttin wohnt. Zweifelhaft erscheint mir, ob die Göttin eine den Frauen ähnliche Gestalt hat. Es ist doch sehr wohl möglich, daß die Götter in anderer Gestalt erscheinen.«
Nun rief heftig der Astronom und Oberpriester Kurgal— nasir: »In welcher Gestalt aber dann? Das müssen wir doch wissen. Wir können doch nicht wie die Ägypter unsern Göttern Tiergestalten und Tierköpfe geben. In Assyrien und Babylon haben die Götter Köpfe, die den Menschen ähnlich sind.«
Belsarusur versetzte:
»Eine blumenartige Gestalt ist doch wohl möglich. Die Blume kann noch viel reicher geformt sein als alle Blumen der Erde.«
»Ich bitte«, sagte nun wieder der König Nabukudu, »auch über die Gestalt der Göttin nicht weiter zu sprechen. Mir scheint die blumenartige Gestalt in der Glaskugel wohl annehmbar zu sein. Es kann ja auch anders sein. Aber auf das Äußere kommt es doch nicht so sehr an. Das Innerliche ist wichtiger — davon wollen wir jetzt sprechen.«
Und Belsarusur fuhr abermals fort:
»Daß die Istar immer in der Nähe der Sonne ist, zeigt, daß sie gleichsam der Vezier des Sonnenkönigs ist. Die Sonne bringt die Fruchtbarkeit auf der Erde hervor. Und somit muß die Istar dem Sonnenkönig stets raten, die Fruchtbarkeit zu fördern. Ich gehe aber weiter und tiefer in dieses Mysterium zwischen König und Vezier, wenn ich sage — daß die Istar immer wieder die Umwandlung unsres ganzen Lebens herbeiführen will. Nur darum wird der Sonnengott dazu verführt, der Erde die Fruchtbarkeit beizubringen. Die soll uns alle immer wieder umwandeln, uns immer wieder ein neues Gesicht geben. Die Fruchtbarkeit führt die Völkerwanderungen herbei — und damit auch die Völkermischungen — und damit auch die Entstehung ganz neuer Rassen. Die Menschen sollen sich aber immer wieder verändern. Das ist das große Lebensgrundgesetz, das von der erhabenen Istar eingeführt wird. Wodurch aber verändern wir persönlich uns am meisten? Doch dadurch, daß wir in einem andern leben — in diesem ganz aufgehen — plötzlich so denken, wie der andre denkt. Dadurch werden wir am schnellsten anders. Dieses Aufgehen im andern — dieses Leben im andern — im andern Menschen und im andern Gott — wandelt uns immer wieder um, bringt das Fließende in unser Leben. Wir verwandeln uns so immer wieder von neuem — auch in unserm Einzelleben. Und darum steht der Tod am Ende unseres Lebens — der doch nur eine vollkommene Umwandlung in ein ganz Neues — noch ganz Unbekanntes bedeutet. Der Tod ist noch mehr als eine Völkerverschiebung. Der Tod ist vielleicht das endgültige Aufgehen in einer Gottheit — und damit die herrlichste Verwandlung in unserm Leben.«
Nabu— sumi sagte:
»Das geht aber doch nach meinem Dafürhalten zu weit, wenn wir die Istar, die Göttin des Lebens, so auch gleich mit dem Tode zusammenbringen möchten.«
Die anderen Priester brummten und nickten dazu.
Der König sagte — wieder ganz leise:
»Warum wollt ihr dagegen sein? Man muß doch mal alles auf der Erde so durchlebt haben, daß man's nicht besser mehr durchleben kann — und dann ist die vollständige Veränderung doch der einzige Weg, auf dem wir wieder zu neuem, frischem Leben gelangen können. Man kann doch nicht immer auf der Erde verwandlungsfähig sein.«
Kurgal— nasir sagte:
»Die leichteste Verwandlung sehe ich im Weine. Der macht uns sehr schnell anders.«
Alle lächelten.
Und sie tranken alle.
Und das Gespräch wurde jetzt allgemein und bald sehr heftig.
»Ist es möglich«, rief Nabu— sumi einem andern Oberpriester zu, »du meinst, daß die Istar größer ist als Babylon?«
»Freilich«, erwiderte dieser, der ein großer Astronom war, »vielleicht ist die Istar hundert Mal größer als Ägypten und Babylonien zusammen.«
Da lachten sehr viele.
Und Kurgal— nasir rief:
»Ei! vielleicht ist die Istar größer als unser großer König Nabukudu.«
Da sprang Nabukudu mit einem Ruck von seinem Thron, warf dabei seinen ovalen Achattisch um und rief:
»Freilich ist die Istar größer als Nabukudu. Sage nichts Selbstverständliches, Kurgal— nasir. Auch wenn du berauscht bist, darfst du nichts Selbstverständliches sagen. Die Götter sind sehr groß.«
Und er warf sich vor der Istar auf den Boden der Dachterrasse, berührte mit der Stirn siebenmal die Alabasterfliesen. Und die siebzehn andern Herren taten auch so, wie der König tat. Und dann setzte man sich wieder.
Und die Sklaven stellten des Königs Achattisch wieder auf seine vier Beine und brachten neuen Wein.
Man sprach sehr erregt immer nur von der Istar, pries sie als Frühlingsgöttin, als Göttin des Lebens, als Göttin der unaufhörlichen Tätigkeit — als das Fruchtbarste der Welt — als die Göttin des Lebens und des Sterbens.
Und damit ging die ganze Nacht hin.
Man ließ schließlich die Tische und die hohen Sessel zusammenrücken, um sich besser verstehen zu können.
Und oben die Pechflammen in den Schalen brannten ganz aus. Und der Morgen kam — im Osten. Kurgal— nasir sagte:
»Die Erde hat sich gedreht — wie eine Blume. Der Rand der Blume hat sich nur gedreht. Darum kam es uns so vor, als gingen die Sterne im Kreise an uns vorbei. Wenn aber die Erde nur Teil einer Blume ist — nur ein Blütenkelch — so kann die Istar doch auch eine Blume sein. Belsarusur, ich trinke auf das Wohl unserer Verwandlungsfähigkeit. Vielleicht werden wir auch noch mal ein paar Blumen.«
Da lachten alle — selbst der König.
Und dann ließ sich einer nach dem andern in Sänften von den Sklaven forttragen.
Als die Sonne aufging, war der König mit Belsarusur ganz allein auf der Dachterrasse der Sternwarte.
Der König bat den Oberpriester, mit ihm in den großen Rosengarten zu kommen.
Und die Sklaven trugen die beiden bei den ersten Sonnenstrahlen durch die prächtigsten Rosengebüsche — rechts und links immer gelbe, rote und weiße Rosen — auf den Wegen Alabasterfliesen überall; die Sklaven auf lautlosen Sandalen. Der Himmel tiefblau.
Und ein berauschender Rosenduft überall.
»Sage mal«, sagte der König Nabukudu, »weißt du ganz gewiß, daß die Fruchtbarkeit der Menschen nur dazu da ist, uns immer wieder zu verwandeln?«
»Ich glaub's!« versetzte Belsarusur leise, »das Lächerliche hat oft einen tiefen Sinn. Daß die Verwandlung durch ein Lächerliches herbeigeführt wird, schadet dieser Verwandlung doch nicht. Durch die lächerlichsten Dinge können doch die allergrößten Dinge hervorgerufen werden. Das Lächerliche schadet selbst den Göttern nicht. Denk nur an Essen und Trinken der Menschen — das ist auch lächerlich. Und doch — wir werden immer wieder auch dadurch verwandelt. Und diese Verwandlung ist etwas Erhabenes. Und das Erhabene dieser steten Verwandlung wird durch das Lächerliche nicht gestört.«
»Hat aber«, fragte der König, »das Lächerliche nicht noch einen tieferen Sinn? Den möchte ich so gerne entdecken.«
»Ja«, versetzte Belsarusur hart, »das Lächerliche soll uns darauf aufmerksam machen, daß Speisen, Getränke und schöne Frauen nicht das Höchste auf dieser Erdblume darstellen. Es gibt Höheres.«
»Wo?« fragte der König.
Und Belsarusur sprang aus seiner Sänfte, hob beide Arme zum Himmel auf und rief:
»Dort oben, wo die Sterne sind, da ist das Allergrößte — bei Istar — bei der großen Sonne. Dort müssen wir auch hin. Wir kommen nur hin, wenn wir sterben.«
Der König war auch aus der Sänfte gesprungen und ergriff Belsarusurs Hand.
Da sank der Oberpriester zur Seite in ein Rosengebüsch. Und seine Augen wurden starr — er starb. Und er lächelte, während seine Augen ganz starr in die Sonne blickten.
Der König erschrak und sah in sein Gesicht, und er näherte sein Ohr dem Munde des Oberpriesters und flüsterte:
»Bist du verwandelt? Bist du oben, wo die Sterne sind?«
Keine Antwort bekam der König.
Die Rosen dufteten berauschend. Und die Sonne stieg immer höher.
Die Sklaven brachten den toten Belsarusur in den Tempel Esaggil.
Und der König ging ganz allein hinunter zum Euphrat — und seine Augen leuchteten und starrten in das weite Land und in die große Stadt Babylon hinein......

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