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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Parademarsch

Verrückte Bein — Vision

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Und sie schreiten mächtig aus. ;
Die Trompeter — die guten Trompeter — blasen so hell in den Frühling hinein.
Und die Beine der Soldaten heben sich immer wieder zum Himmel auf.
Oh — es sind so viele Soldaten.
Welche Lust muß es sein, so viele Soldatenbeine ganz und gar beherrschen zu können!
Und sie schreiten mächtig aus! — Linkes Bein! — Rechtes Bein! — Immer mutig! — Immer mutig! — Linkes Bein! —Rechtes Bein! — Auf und ab!
Beine — Beine — echte Beine sind feine Sachen! Kannibalischfeine!! — Hoch das alte Soldatenbein! — Höher! Noch höher! bis in den alten blauen Himmel hinein! i
So ist es fein!
Ja — ja — es muß tatsächlich fein sein — Herr vom Soldatenbein sein!
Beine hoch! Alle Beine hoch! Hurrah! Der Frühling lacht dazu — und die Trompeter blasen immer noch — sie blasen über die grünen Rasen — es sind so viele Trompeter!

Aber oben über den Wolken liegt der Herr der Soldatenbeine, lang ausgestreckt wie eine lange lange Maschine, und die sieht so greulich schwer aus — beängstigend!
Sollte dieser Herr von Eisen — diese Maschine — diese Beinmaschine — die Absicht haben herunterzufallen?
Ich danke schön! Mein Schädel ist nicht von Eisen — andrer Leute Schädel auch nicht. Denen, die sehr viel über Alles nachdenken, wird schon ganz brägenklietrig! So'n geharnischter Riesearitter aus den Wolken
fällt...
Buh! Huh! Rechtes Bein!
Buh! Huh! Linkes Bein!
Aber — wie? Was ist das? Da kommen ja andre Soldaten
— schwarze — ganz schwarze — große Gespenster — zwei Meilen große — sehr schlanke — mit schlackrigen Gliedern und langen, dürren, wackligen Knochenbeinen. Und die Knochenbeine heben sich genauso wie Soldatenbeine beim Parademarsch — nur noch viel höher — viel viel höher wahrhaftig! — bis an die Sterne!!
Und jedes Mal, wenn die Gespenster oben mit den kralligen Zehen einen Stern berühren — fällt der runter — der Himmel weiß — wohin.
Und während die Gespenster immerfort in Zickzacklinien durch die ändern Soldaten durchstolzieren, werden allmählich alle Sterne vom Himmel heruntergerissen —auch Sonne und Mond — so daß es ganz duster wird —ringsum.
Die Trompeter blasen noch immer in der alten Tonart.
Die Soldaten und Gespenster marschieren unentwegt weiter — man hört's! — man hört's! Die Stiebelsohlen klatschen man so. Die Gespenster treten ein bißchen leiser auf,
Und jetzt wird's oben über uns plötzlich wieder hell. Der Herr der Beine, der mit seiner ungeheuren hochfeudalen Stahlrüstung lang ausgestreckt auf den Wolken liegt wie eine lange Maschine, wird innerlich erleuchtet — wie —weiß ich nicht. Aber die Stahlgewölbe werden auf Brust und Bauch, Ellenbogen, Knie und Schienbein überall hell
— die Wolken dazwischen ebenfalls.
Der Herr der Soldaten— und Gespensterbeine, diese eiserne Maschine, die augenscheinlich jeden Augenblick aus den Wolken fallen möchte wie ein ehrlicher Nachtwächter —
der Herr des Kriegs — der schlägt das Visier auf und schaut hinab — grinsend — wie ein frecher Gewohnheitsmörder.
Das Gesicht oben ist jedoch ganz kreidebleich wie ein Angststück — bartlos natürlich — ich mag's nicht sehen und drücke meine beiden Fäuste in meine Augenhöhlen.
Indessen — jetzt muß ich wieder hören — die gleichmäßigen Schritte der Soldaten und Gespenster dröhnen mir in den Ohren.
Rechtes Bein! Linkes Bein! Weiter! Kehrt! Weiter! Kehrt! Feste! Feste!
Immer mutig! Auf und ab! Immer mutig! Auf und ab! Auf und ab!
Es ist unheimlich. Ich öffne wieder die Augen — und sehe nichts — Garnichts.
Alles ist duster und — merkwürdigt — so ölig als wenn's Maschinenöl geregnet hätte. ,, ,
Stiebel knarren, trockne Eichen rauschen, Flinten knattern in der Ferne. Und oben scheuern sich im Marschtakt eiserne ungeheure Beinschienen.
Und nun prasselt wahrhaftig ein veritabler ölregen auf mein Haupt hernieder.
Das ist mir höchst unangenehm — beinah ekelhaft!
Alles duster und ölig!
Und die Trompeter blasen immerzu — ohne Pause.
Was ist das? Was ist das Alles?
Dalldorf und Maison de sante?
Nee! Ih nee!
Ick weeß schon — bloß Europa und Amerika — selbstverständlich! Wat dachten Sie?
Die Eisenbein—Maschine wird wieder ordentlich eingeölt! Na ja! Alles klar!
Hinter den Kulissen — alten spanischen Wänden — klatscht die Zukunft fortwährend Bravo — Bravo! — Bravissimo!!

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Das harte Rot

Bewegungsstudie

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Ich stehe auf einem schwarzen Berge — und ringsum ist Alles schwarz — das ganze Land und das ganze Meer —schwarz!
Und der Himmel ist gleichfalls schwarz.
Und nun gehen überall am Horizonte in gleichen Abständen rote Sonnen auf — dunkelrote Sonnen!
Aber das Land bleibt dennoch schwarz — das Meer und der Himmel desgleichen.
Über mir gehen auch viele rote Sterne auf — dunkelrote Sterne! Und die roten Sonnen steigen gleichmäßig höher.
Aber nur die Sonnen und Sterne sind rot. Ihr rotes Licht leuchtet nicht — es ist nur rür sie — nicht für uns!
Alles, was nicht Sonne und nicht Stem ist, bleibt schwarz.
Es wird niemals anders sein.

Bilder von Paul Scheerbart


 

 

Meerglück

Eine Grotekse

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Das alte Meer tobt.
Und langsam steigen aus den schäumenden Wogen Geister heraus — maßlos riesige Geister!
Mit wildem Trotz kommen sie höher und höher..
Ihre Fäuste sind geballt.
Sie drohen mit ihren geballten Fäusten.
Und plötzlich schlagen sie mit ihren Fäusten aufs tobende Meer, daß die schäumenden Wasser hoch aufspritzen — bis an die Sterne.
Unergründliche smaragdgrüne Augen starren aus den Geisterköpfen heraus — in die Welt hinein.
Verzehrende Wehmut und maßloser Zorn kreischt — ia diesen grünen Augen.
Das alte Meer tobt.
Und langsam tauchen die Geister des; Meeres wieder hinab — ins alte kalte Wogenbett.
Gurgelnd schließt sich das Wasser über den haarigen Köpfen, in denen die smaragdgrünen Augen verlöschen.
Und wieder tobt das Meer — einsam — einsam — und groß!


    Bilder von Paul Scheerbart

 


 

Narr Nero

Eine wüste Nacht

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


»Steh auf! Steh auf!«
So gellt es mir in den Ohren, und ich öffne meine Augen und sehe einen alten dicken Mann neben meinem Bett auf dem Stuhl sitzen, auf dem meine Kleider liegen. Ich werde furchtbar wütend, denn ich lasse mir nichts gefallen — besonders nicht von einem alten dicken Mann. Der aber sieht meine Wut und spricht also: »Ich bin der alte Kaiser Nero und als alter Wüterich so ziemlich bekannt. Jetzt muß ich mir als Geist allnächtlich einen Kumpan zum Saufen holen. Und dieser Kumpan muß jedesmal der größte Wüterich seiner Zeit sein. Den ich suche, hab' ich gefunden. Reich mir Deine Hand.«
Ich schlage dem Herrn Nero sofort mit der Faust ins Gesicht.
Indessen — der Schlag geht durch, und mein Nero lächelt. Er steht auf, reicht mir höflich meine Unterhosen, hilft mir beim Anziehen dieser Unterhosen, fällt mir lachend um den Hals und schwebt mit mir durch die Zimmerdecke durch in die Sternennacht hinauf.
Unten seh' ich viele Laternen und dazwischen eine Schlägerei.
»Ich bin immer ein Narr gewesen«, raunt mir der Nero ins Ohr, »ich war ebenso wütend mein ganzes Leben hindurch wie die Leute, die sich da hauen.«
Wir fliegen weiter und sehen unter uns immerfort wütende Menschen, die sich hauen.
Viel Blut fließt, zerbrochene Glieder bersten, Hunde heulen, Schädel knacken, und Alles wird plötzlich mit Blut besudelt, daß mir übel wird.
»Was soll die Narrheit?« frage ich wild.
»Wie?« schreit da der Kaiser lachend, »merkst Du jetzt schon, daß die Wut eine Narrheit ist?«
Ich sage wütend: »Ja!«
Er schüttelt mich heftig und fliegt dann mit mir in einen Weinkeller.
Wir trinken natürlich und reden über die Welt und über die Seligkeit.
Wir trinken, bis wir unter den Tisch fallen.
Und plötzlich wird der Nero über mir schrecklich groß, und er wird immer größer — so groß wie die ganze Welt.
Und seine Stimme hör' ich erschallen wie Posaunen; sie sagt laut und klar: »Ich bin der Kaiser der Welt, und alle Menschen sollen so wütend werden wie ich. Doch ich bin auch ein Narr — und das sollen die Menschen auch werden. Sie sollen närrisch sein, wenn sie wütend sind.«
Und der Narr Nero tanzt wie ein Toller — und ich muß lachen.
Da tanzen wir zusammen.
Und all die Leute, die sich eben noch geschlagen haben, kommen herbei und müssen auch furchtbar lachen — denn wir tanzen mit neronischer närrischer Wut.
Und die wütenden Menschen singen dazu:
Nero! Nero!
Du bist unser großer Nero!
Nero! Nero!
Und Alle tanzen, um auch zu Narren zu werden.
Man bringt mich dann ganz sanft zu Bett — Narr Nero bringt mich zu Bett.
Narr Nero bringt auch die Andern ganz sanft zu Bett.
Nero! Nero!
Du bist unser großer Nero! Nero! Nero!
Das ist das neoneronische Wiegenlied!
Die wütenden Narren werden immer sanfter.
Schlummer!

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Zart!

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!!

Eine ganz kleine feine Spinne — die möcht' ich lieben!"
Aber sie muß ganz klein und fein sein.
und sie muß meine Liebe erwidern — natürlich!
Wenn sie mir nicht gut ist, schlag' ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel kurz und klein.
Aber wenn sie mir gut ist — darin wird — Alles — Alles —fein!
Ich werde mich mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen, wo außer uns nichts drin sein darf.
Draußen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen!
'Uih! Wird das ein feines Leben sein!
Spinnchen, komm!
Na komm, mein kleines feines Spinnchen! ' Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt bloß wie gewöhnlich! Erschrick nur nicht! ^
Na komm!
Unsere Welt ist leicht!

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Tief!

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Glatt und grau liegt vor mir — unter mir — das große Wasser, das endlos ist wie der Unsinn.
Schönes großes Wasser, hast Du mich lieb?
Eine merkwürdige Gestalt kommt hinten aus Dir heraus und geht auf Dir — wie ein dicker Rentier aufm Tanzboden geht — nach einer Bierreise! ^
»Gestalt, die Du da so unheimlich nahst, bist Du betrunken? Du gleitest ja immer aus! Geh vorsichtiger! Langsamer! Nicht mit beiden Füßen zugleich! Immer erst den linken und dann den rechten Fuß — oder umgekehrt!«
Die merkwürdige Gestalt, die ganz in einen weißen Mantel gehüllt ist, kommt wirklich näher, obgleich sie fortwährend ausglitscht.
Es muß ein seltsames Vergnügen sein, auf dem großen Wasser, das immer grau ist wie ein alter Sumpf, so mit Anstrengung herumzuglitschen. '
»Mensch«, rief ich, »Wenn Du ein Mensch bist und Deutsch verstehst, so sage mir, warum Du da so beängstigend auf dem großen Wasser herumschwankst. Betrunken bist Du nicht — sonst lägst Du längst auf der Nase.« i»
»Es ist eben«, versetzt der fortwährend ausgleitende junge Mann, »so furchtbar schwierig, hier zu gehen.«
»Na, das merkt ein Pferd!« schrei ich ihm zu, »warum machst Du Dir denn die Mühe? warum bist Du nicht zu Hause geblieben?«
»Ich will«, hüstelt nun der köstliche junge Mann, »unter allen Umständen für >tief< gehalten werden.«
Mir wird ganz eigen zu Mute. Ich verstehe dieses Individuum durchaus nicht. Die Quälerei soll für tief gehalten werden? Hat man nicht schon genug zu leiden? Soll man sich noch Extra—Wunden schlagen? Dem Kamel da unten geht's wohl wieder mal zu gut.
»Das Schwierigste ist das Tiefste!« flüstert der alberne Geck, »mir kann nichts schwierig genug sein. Mir gefällt übrigens der schlüpfrige Pfad ganz ausgezeichnet.« i '
»Ach so!« brüll' ich nun, »Dir kommt's nur auf die Schlüpfrigkeit an! Mensch, Du bist wirklich tief!«
»Tief! Sehr tief!« stößt heiser — wie stets — das Gespenst hervor und glitscht weiter, als ginge es auf einem eingeseiften Walroß.
Es ist nicht mehr zum Ansehen.
Es ist zum Schießen!
Gleich muß der dumme Kerl auf der Nase liegen!
Das soll alles »tief« sein!
Es ist zum Schreien!
Schlacht ein Schwein!
Schlacht Dein zerbrochnes Nasenbein! —
Das ist noch tiefer, da's schmerzhafter ist.
Ich steige höher — in die hellen Wolken hinein.
Das ist wahrscheinlich nicht tief.
Aber ich glaube leider nicht daran, daß man weiterkommt, wenn man runterkommt.
Ich bin wohl zu vernünftig ...
Ich kann's aber nicht ändern!
Ewig ausgleitendes Gespenst — Du bist mir schrecklich — wie ein Alb auf der Brust!
Fall doch!

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Mein Großvater

 

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

»Das ist Alles so lächerlich!« sagte mein Großvater, als er das sah, was ich schrieb.
Ich schaute meinen Großvater freundlich an und meinte: »Großvater, das verstehst Du nicht!«
Großvater schwieg, denn er war sehr klug und wußte, daß mit mir nicht zu spaßen sei.
Schließlich wußte ich nicht, was ich mit ihm anfangen sollte...
Und da fing ich an, mich mit ihm zu prügeln ... Er zerbrach mir mein Nasenbein.

    Bilder von Paul Scheerbart


 

Der höfliche Eremit

Ein Menuett

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

»Guten Tag!« sagt schmunzelnd der höfliche Eremit. Und er schüttelte dabei seinem Freunde immer wieder höflich die Hand.
»Sei mir willkommen!« rief begeistert der große Einsiedler. Und dabei rückte er seinen Ledersessel ans Fenster und drückte seinen Freund in den Ledersessel hinein.
»Hier hast Du Cigarren!« schrie der allzeit einsame Mann seinem Freunde ins Ohr. Und gleichzeitig zündete er ein Zündholz an, das er in brennendem Zustande dem Freunde zierlich hinhielt.
»Wir trinken Grog!« kreischte der herrliche Wirt seinem Gaste ins Ohr. Und bald brodelte das kochende Wasser.
Und dann ward's gemütlich in der Einsiedlerhöhle.
Der Herr des Hauses sprang und tanzte vor Vergnügen und erzählte dabei in einem fort.
Ja — die Höflichkeit!
»Mein guter Freund!« brüllte der höfliche Mensch. Und dabei nahm er seinen schönen Revolver von der Wand und schoß einen Spatz, der auf dem Fensterbrette saß, mausetot.
Der Freund drückte sich.
Der höfliche Eremit drückte ihm herzlich hundertmal die Hand und bat ihn, ja recht bald wiederzukommen.
Der Freund drückte sich.
Der Spatz aber war tot — ganz tot..

Bilder von Paul Scheerbart


 

Ich lass dich nicht los!

Ein Zerrbild

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

»Ich will, was Ich will!« schrei ich ihm schrill wie eine Lokomotive—Pfeife dicht überm Ohrläppchen ins immer noch nicht ganz taube Ohr.
Und da hab' ich ihm den Rock zerrissen.
Und da hab' ich ihm mit dem Zeigefingerknöchel der linken Hand in das Fleisch gestoßen, das ihm überm Herzen sitzt.
Und dann hab' ich ihm an den Schlund gepackt, daß er die Augen verdrehte — wobei ihm der Schlips abfiel.
Ich habe seinen dummen Schlips zertrampelt, und dann habe ich — wild ausgesehen wie ein Teufel.
Und da hat er Angst bekommen und sich nicht länger gewehrt.
»Ich lass' Dich nicht los!«
Diese Worte sagte ich ihm so klar und deutlich, daß er vollkommen das Selbstbewußtsein verlor.
Nun geht er ruhig neben mir — mein Schatten — mein Zerrbild!
Er sagt auch zur mir: »Ich lass' Dich nicht los!«
Es klingt mir öfters sehr unheimlich — ich möchte eigentlich wieder allein sein.
Diese verdammte Gier!
Diese verfluchte Sehnsucht!
Dieses alberne Herrschenwollen!
Alles dieses läßt uns auch nicht los — Nichts läßt los!
Diese Welt ist doch sehr fest.. ..


Bilder von Paul Scheerbart

Der neue Abgrund

"Wer kann", sagte der Herr Töpfer, "alI die Verwandlungen, die uns auf Erden beschieden sind, so ruhig ertragen! Täglich bekommen wir eine große Neuerung, Unsre Kultur entwickelt sich mit einer solchen Schnelligkeit, daß ältere Leute gar nicht mehr mitkönnen." "Trösten Sie sich durch Lektüre", sagte Frau Malwine Pate, "wir müssen uns alle durch Lektüre zu trösten suchen. Wozu werden denn so viele Bücher geschrieben und gedruckt? Wir sollen sie eben lesen. Lassen Sie die Zeitungen liegen, wo sie liegen wollen – und lesen Sie Bücher." Also unterhielten sich zwei alte Leute im großen Anden-Hotel, das auf dem Gipfel des Chimborasso lag, im Frühling des Jahres 3300; draußen lag der Schnee meterhoch, aber im Gastzimmer des Hotels herrschte eine angenehme Wärme, Die Morgensonne glitzerte in den Eisblumen der großen Spiegel- scheiben, und Frau Malwine Pate frage den Herrn Töpfer, ob sie ihm was vorlesen dürfe. "Ja", sagte der Herr Töpfer, "Iesen Sie nur, dabei kann man Europa und Amerika vergessen. Wir sind auch nicht verpflichtet, im- merfort über die Verwandlungen, die wir auf der Erdoberfläche erleben, nachzudenken, Dadurch wird ja doch nichts besser." "Auf andern Sternen", sagte Frau Pate, "gibt es noch viel größere Verwandlungen, Ich werde Ihnen ein Romankapitel vorlesen, das von einer derartigen Verwandlung erzählt." Und die Frau Pate las das Folgende:

Der Strich durch die Rechnung

Der Stern Klips sah so aus wie ein rundes Brot, Und nun wollten die Langbeinigen in der oberen Mitte des Sterns einen großartigen Palast bauen. Sie begannen damit, riesig lange Pfähle in der Mitte einzurammen. Aber die Arbeit gelang ihnen nur zu gut, denn die Pfähle gingen ganz leicht in den Boden hinein und gingen immer tiefer und – fanden unten keinen Halt. Alle Versuche, die Pfähle gegen das Tiefersinken zu schützen, mißglückten – der ganze Boden gab nach, und die Langbeinigen mußten sich auf den Rand des Sterns zurückziehen. Den Baumeistern wurde ein Strich durch die Rechnung gemacht; sie mußten es aufgeben, in der Mitte ihres Sterns einen Palast zu bauen. In der Mitte entstand ein großes weites Loch – ein neuer Abgrund. Und dieser Abgrund wurde täglich tiefer, und auf der anderen Seite des Sterns entstand ein hoher Berg. Und der Berg wurde immer höher, während der Abgrund immer tiefer wurde. Da nun die Langbeinigen alle auf dem Rande des Sterns leben mußten, veränderten sich plötzlich alle ihre Lebensgewohnheiten. Auf den Berg, der sich auf der unteren Seite gebildet hatte, konnten sie nicht hinaufklettern, denn der Berg wurde täglich heißer. Da sah dann bald der Stern wie ein spitzer Hut aus, Und die Langbeinigen wandelten an ihrem neuen Abgrund auf und ab und blickten hinunter. Und sie konnten auch nicht in den Abgrund hinein, da er auch sehr heiß wurde. Mit den sechs langen Beinen, die jeder Bewohner des Sterns besaß, konnte man bald auf dem Rande nicht mehr viel herumgehen, da der Rand immer schmaler wurde. Das Schlimmste aber war, daß viele Wohnungen auf beiden Seiten des Sterns durch die Berg- und Abgrundbildung vernichtet wur- den. Man wußte gar nicht, wo man bleiben sollte. Alle siedelten sich dicht nebeneinander auf dem Rande an, Und da bauten nun die Langbeinigen ganz hohe Häuser mit hundert Stockwerken. Und dann sahen die Klipsianer aus ihren Fenstern raus in den neuen Abgrund hinein. Und sie wußten nicht, was das werden sollte. Da gab es eines Tages einen furchtbaren Knall ganz unten im Abgrund. Und der Abgrund riß in der Tiefe auseinander, so daß unten ein großes Loch entstand, durch das man andere Sterne des Him- mels sehen konnte. Keiner konnte sich die Ursache dieser ganzen Sternverwandlung er klären. Aber alle Sechsbeinigen wohnten jetzt eng nebeneinander und lernten sich gegenseitig kennen – früher hatte jeder den andern so viel wie möglich gemieden.

"Ah!" sagte nun Herr Töpfer, "der Stern hat sich also nur ver wandelt, um die langbeinigen Herren näher aneinander zu bringen." "Ja", sagte Frau Malwine, "das scheint wohl die Ursache der Verwandlung zu sein. Wenn bei uns auf der Erdrinde was verwandelt wird, so hat das wohl auch immer seinen guten Grund. Wir verstehen nur nicht jedes Mal, so schnell dahinterzukommen." Die Eisblumen an den Spiegelscheiben waren währenddem abgetaut, und die beiden blickten hinaus in die prächtige Gebirgslandschaft hinein. Als ihnen aber die Augen schmerzten von dem vielen Schnee, fragte die Frau Pate, ob sie noch ein Kapitel aus ihrem Klips-Roman vorlesen dfiürfte. Und der Herr Töpfer war einverstanden. Da las denn Frau Malwine noch das Folgende:

Das Teleskop

Nun war der Blick in den neuen Abgrund für die Langbeinigen sehr interessant; sie wurden gar nicht müde, hinunterzublicken, denn daunten war’s sehr lebendig; immerfort stiegen Blasen auf – und dann bildete sich unten eine glasartige Masse – und die nahm Linsenform allmählich an. Und eines Tages sahen die Langbeinigen unten alle Sterne riesig groß; es hatte sich da unten ein natürliches Teleskop gebildet. Nun war man auf dem Stern Klips plötzlich selig, denn der Blick in die großen Sterne war viel großartiger als alles andre, was man bisher erlebt hatte, Man sah auch Kometen – so, als wären sie ganz in der Nähe. Und da sah man ganz deutlich, daß die Kometen kolossale Lichtschlangen waren mit Brillantenköpfen – ja, man sah, daß die Köpfe so funkeIten wie Brillanten. Und von den Brillantenköp fen gingen die seltsamsten LichtstrahIen aus – in vielfach gekrümmten Kurven. Und dann sah man in der nächsten Nähe noch viele kleine Sterne, die alle möglichen und denkbaren Formen hatten. Die ganze Umgebung des Klips schien plötzlich aufzuleben. Einzelne der Langbeinigen kletterten jetzt hinunter in den großen Kessel, und da merkte man, daß die Wände des KesseIs allmählich kühler wurden. Und da sah man unten noch viel mehr als oben; die ganze Welt wurde plötzlich lebendig für die Langbeinigen. Nun baute man Kettenbrücken, mit denen man die beiden Seiten des großen Trichters verband. Und man entdeckte so die Stellen, auf denen man den besten Blick durch die große Naturglaslinse hatte. Und da wurden denn so viele Brücken gebaut, dalß sich alle Klipsianer in der Mitte des großen Kraters ansiedeln konnten. Und da in der Mitte wohnten sie noch enger zusammen. Doch auch diese Verwandlung des Sterns bildete noch nicht den Schlußstein der Verwandlungen, Einzelne Rindenpartien des unteren großen Bergkegels lösten sich hautartig los und bogen sich langsam nach oben und bogen sich über den Rand, so daß sich hinter den Randhäusern mit den hundert Stockwerken hohe Wände bildeten, die schließlich aus dem ganzen Stern eine kolossale Röhre machten. Und dann bildeten sich im unteren Teil des Kraters noch andere Naturglaslinsen übereinander, so daß die Langbeinigen ihre Kettenbrücken wieder von den inneren Trichterseiten loslösen mußten. Man brachte danach die Kettenbrücken viel höher an und hatte nun von dem höheren Standpunkte aus einen noch besseren Btick durch die alles immer mehr vergrößernden Linsen. Und da sich noch weiter nach oben im Abgrund abermals neue Linsen bildeten – mußte man immer höher in dem großen Rohr hinauf, bis man schließlich hoch oben die Spitzen der neuen Wände durch Kettenbrüeken miteinander verband. Dieses Naturteleskop wuchs sich immer besser aus, und man konnte immer besser durch die Linsen sehen. Und man sah immer mehr – immer mehr. Und die Langbeinigen sagten ganz erstaunt: "Wer baute uns dieses Teleskop? Ist unser Stern so gütig, daß er sich, um uns zu gefallen, in ein Fernrohr verwandelte?" Und sie wußten nicht, was sie davon denken sollten. Aber sie zweifelten nicht mehr daran, daß ihr Stern, den sie Klips genannt hatten, ein allmächtiger, lebendiger Riese sei; nur wußten sie sich gar nicht zu erklären, wie es kam, daß sich ein Riese in ein Teleskop verwandeln konnte. Da starrten sie aber immer aufmerksamer durch ihr Sternteleskop und entdeckten nun in vielen anderen Sternen noch so viele an- dere Verwandlungen, daß ihnen die Verwandlung ihres Sterns ganz natürlich vorkam. Um ihren Stern zu ehren, nannten sie ihn von jetzt an nur noch den Großen – und sprachen von ihm mit großer Ehrfurcht.

"Das ist ja", sagte Herr Töpfer, als Frau Pate ihr Buch zugemacht hatte, "eine recht tröstliche Geschichte. Wenn auf anderen Sternen derartige Verwandlungen mit derartigen Resultaten stattfinden, so brauchen wir uns über die Verwandlungen, die unsre Erdober fläche zu erleiden bestimmt ist, eigentlich gar nicht mehr zu beunruhigen." "Ja", erwiderte Frau Malwine, "die neuen schwimmenden Inseln, die sich im Großen Ozean gebildet haben, werden wohl auch unser Leben schließlich nur noch reicher machen." "Und die große Hochebene in Nordasien", sagte Herr Töpfer, "wird wohl auch bald etwas ganz Neues hervorbringen." In diesem Augenblick kam der Hotelwirt ins Gastzimmer und rief ganz atemlos: "Meine Damen und Herren, soeben erhalte ich ein Telegramm, in dem steht, daß sich in der Hochebene Nordasiens große Spaltbildungen zeigten. Und aus diesen Spaltbildungen sind ganz neue feuerrote Drachen herausgeflogen. Und diese Drachen sind ganz intelligente Lebewesen; sie behaupten, daß sie viele Jahrtausende im Innern der Erde gelebt haben – und daß sie froh sind, jetzt endlich mal das große Sonnenlicht zu sehen." "Das klingt ja wie ein Märchen!" sagte Frau Pate, aber sie las das Telegramm und schlug dann die Hände über dem Kopf zusammen. "Wie soll man nur", sagte Herr Töpfer, "all diese Verwandlungen ertragen?" "Aber", rief der Wirt, "das ist doch kein Unglück! Jetzt brauchen wir nicht nur mit Menschen zu verkehren. Ich lade die roten Drachenleute ein, ein paar Jahre in meinem Andenhotel zu wohnen. Dann hab ich immer ein volles Haus." Und acht Tage später waren auch schon zwei Dracheuleute im Andenhotel – und der Wirt war außer sich vor Vergnügen – und der Herr Töpfer auch – und die Frau Malwine Pate – ebenfalls –

Bilder von Paul Scheerbart


Die neue Oberwelt

"Wenn man", sagte der weise Knax, "sich nicht zu helfen weiß, so kann man nicht behaupten, daß man sehr schlau ist." "Zweifellos!" riefen lachend die Zuhörer, Aber die Zuhörer hörten bald wieder zu lachen auf; ihnen war gar nicht so lächerlich zumute, da sie große Sorgen hatten, Auf dem Stern Venus war die große Fruchtbarkeit zu Hause. Knax mit seinen Zuhörern lebte auch auf dem Stern Venus, auf dem alles unter der großen Fruchtbarkeit sehr zu leiden hatte. Der Stern Venus ist bekanntlich nicht ein Stern, der sich wie Jupiter, Mars und Erde um sich selber dreht – der Stern Venus hat im- mer nur die eine Seite seines Kugelleibes zur Sonne gewendet, und da diese sehr heiß ist, so ist es die eine Seite der Venus auch, Daher darf es nicht verwunderlich erscheinen, daß auf dieser einen Venus- seite die Fruchtbarkeit eine Plage ist. Blumenartige Bildungen auf der Rückenseite der Venusbewoh- ner verwandeln sich sehr rasch, bekommen lange, schwirrende Schmetterlingsflügel, die sich bald wieder zusammenballen und mit dem Ganzen ein kompliziertes Fruchtgebilde darstellen, daß sehr schnell größer wird und sich dann vom Körper loslöst und danach zu einem neuen Venusbewohner wird. Diese Nachkommen entstehen, ohne daß ihre Vorfahren in die Lage kämen, die blumenartigen Bildungen mit ihren Verwandlungen irgendwie zu beeinflussen. In der Nähe der Sonne vollzieht sich eben die Vermehrung der Arten in sehr einfacher Weise – ohne jede Spur eines irdischen Dualismus. Man kann sich leicht denken, daß diese Bequemlichkeit der Natur auch erhebliche Unbequemlichkeiten im Leben derer, die sich so einfach fortpflanzen, zur Folge hat – denn die Alten sterben nicht so schnell aus auf der Venus, so daß sieh die Zahl der Venushautbewohner unablässig vergrößert. Diese Vermehrung behindert die Be- wegungsfreiheit der Generationen. Und – wer sähe es gerne, wenn er samt seinen Lebensgenossen in seiner Bewegungsfreiheit behindert? Dabei geht ja alle Heiterkeit und Grazie ohne Anmut zum Teufel. Nun kam noch hinzu, daß auf der heißen Venusseite zwei ganz verschiedene Arten von Lebenwesen existierten; die einen waren groß, dick und faul und hatten eine Art Schildkrötenfell oben und unten, die anderen Lebewesen besaßen zwanzig Arme mit langen feinen Händen, die sie faustartig gekrümmt leicht als Füße gebrauchen konnten, so daß diesen Zwanzigarmigen eine geradezu unheimliche Lebendigkeit innewohnte. Daß den bequemen, faul und ruhig daliegenden Schildkrötenfellbedeckten die Lebendigkeit und Ruhelosigkeit der Arm- und Handreichen sehr peinlich – ja zuweilen unerträglich – vorkam, das braucht wohl nicht gesagt zu werden. Knax gehörte nun mit seinen Zuhörern zu den beweglichen Venushautbewohnern. Knax dachte täglich in reichlichem Maße über die verdammte Fruchtbarkeit der heißen Venuskugelseite nach; er war schon vor vielen Jahren au f die Idee gekommen, daß eine große Anzahl von Türmen und freischwebenden Brfiückenarrangenents wohl dem Platzmangel auf der Venushaut steuern könnte. Und man hatte da- nach auch Türme und Brücken in Tälern und Höhen massenhaft erbaut. Indessen – die verdammte Fruchtbarkeit der Venusbewohner war eine derartig ergiebige gewesen, daß alle diese Türme und Brücken nicht mehr dem allgemeinen Verkehrsbedfiürfnisse der Beweglichen genügten; der Beweglichen gab es eben zu viele – und die Schildkrötenartigen bedeckten fast überall den Sternboden und lit- ten nicht, daß die Zwanzigfüßigen auf ihren Rücken oder in ih T er Nähe herumliefen, da ihnen die Ruhe das wertvollste Lebensprinzip zu seia schien. Knax, der Weise, sagte traurig: "Weiß der liebe Himmel – wir haben in unsrer sonnigen Heimat nicht mal mehr zum Spazierengehen Platz. Wo soIlen wir denn bleiben? Wir können doch nicht immerzu auf unsern Brücken und Tür- men sitzen und malen. Wir müssen doch mal spazieren gehen; wir sind doch nicht so konstruiert, daß wir auf die Spaziergänge ganz und gar verzichten können." Knaxens Zuhörer sagten dazu: "Er hat Recht, der Knax." Aber sie wußten nicht, wie dem Freiheitsmangel begegnet werden könnte; natilrlich kam keines von diesen höher entwickelten Lebewesen auf die brutale Idee, die Nachkommen, die überflüssig erschienen, einfach abzugurgeln; alles Töten war den Venushautbe- wohnern unbekannt.

Die Geschichte wäre j a zweifellos zu einem Kampfe alIer gegen alle geworden, wenn sich die ruhigen und die beweglichen Hautbe- wohner in einer Weise ernährt hätten, die sich mit der, die man auf dem Stern Erde sattsam kennen gelernt hatte, vergleichen ließe. Aber ein derartiger Vergieich erscheint ganz unstatthaft, da sich die Hautbewohner gar nicht von dem ernährtea, was auf der Haut der Venus zu finden ist; die Venusbewohner – sowohl die ruhigen wie die beweglichen – nahmen nur einmal im Venusjahr Nahrung zu sich und das geschah folgendermaf3en: Es wuchsen ihnen pIötzlich die Haare ihres Körpers länger und daraus ersahen sie, daß sie Hunger hatten; fühlen taten sie den Hun- ger keineswegs. Nun wuchsen die Haare des Körpers plötzlich in die kautschukartige Venushaut hinein – und wuchsen in der Haut sehr schnell in einigen Stunden mehrere tausend Meter tief ins Innere des Sterns hinein. Und in diesern Innern des Sterns sogen die Haare, die allerfeinste Röhren darstellten, den Nahrungsstoff auf und führten ihn dem auf der Haut des Sterns liegenden Körper zu. Hatte dieser genug, so gingen die Haare entzwei, und der Gesättigte konnte wieder davonlaufen, Hätten nun die Schildkr ötenartigen die ganze Sternseite mit ihren Körpern bedeckt, so hätten natürlich die Beweglichen keinen Platz gehabt, Nahrung aufzunehmen. Aber so schlimm war’s nicht; so viel Schildkröten konnten gar nicht enstehen, da die Venushaut doch eine ungeheure Fläche repräsentierte. Nur zum Spazierengehen und zum Laufen fehlte der Platz auf der Halbkugeloberfläche; zum Nahrungaufnehmen langte diese OberfIäche in jedem Falle; die Schildkröten waren sonst sehr gutmütig und hätten auch den Zwanzigarmigen gerne durch Aufeinanderlagerung Platz gemacht, wenn dieser nur zum ruhigen Nahrungsaufnehmen verwendet werden sollte; nur für Lauferei und Springerei hatten die Ruhigen nicht das geringste Verständnis – alle Unruhe störte ja die ruhige philosophische Spekulation, die das Leben der Schildkröten ganz und gar erfüllte. Doch Knax, der Weise, ließ nicht nach, über den Bewegungsfreiheitsmangel in reichlichem Maße tägIich nachzudenken und kam ei- nes Tages zu folgendem Einfall und zu folgender Rede: "Lebensgenossen auf der Venushaut! Wie Ihr alle wißt, haben wir auf unsrer Sternseite unzähIige Krater, aus denen von Zeit zu Zeit ganz heiße Luft herauspufft, die mit gewaltiger Geschwindig- keit zum Himmel emporsteigt und dort nutzlos am kalten Äther sich wieder erkältet. Könntea wir diese heil5e, sehr leichte Kraterluft nicht als Luftballonträger verwerten? Und könnten wir uns dann nicht auf diesen Luftballons die nötige Bewegungsfreiheit schaffen? Wie denkt Ihr darüber?" "Ach was’! Was werden wir darüber weiter nachdenken! Wir werden sofort aus unsrer Sternhaut, die sich zu Ballonzwecken trefflich eignet, die nötigen Ballonhüllen herausschneiden." Also antwortete man dem weisen Knax. Und die Idee fand solchen Anklang, da6 man ganz vergaß, dem weisen Knax für seinen Einfall zu danken; mit der größten Schnelligkeit gingen alle Zwanzigarmigen an die Arbeit, die Schildkröten machten, als sie von dem Plane hörten, gerne Platz – und halfen auch beim Hautaufschneiden, Heller Jubel scholl über die halbe Venushaut, und dem weisen Knax drückte man bald danach so eifrig voll Dankgefühl die Hände, daß ihm diese anschwollen und sehr weh taten. "Die Dankbarkeit ist auch nicht leicht zu ertragen!" rief er lachend. Doch die Ballons fiüber den Kratern wölbten sich bald himmelhoch empor. An Stricken, die an der Ballonhaut befestigt wurden, kletterten die Beweglichen mit Bequemlichkeit hinauf und hinunter. Indessen – viele Ballonhäute spannten sich bald ganz kugelrund und so fest, daß die Haut ganz gIatt wurde und nicht leicht auf ihr laufen war. Knax, der Weise, erklärte daher: "Lebensgenossen auf den Ballonhäuten der Venushaut! Macht schnell neue Ballonhäute und macht kleine Löcher in die alten, allzu straff gespannten Ballonhäute – dann wird der Hauptbalfon an vielen Stellen kleine Nebenballons bekommen und das Terrain, auf dem wir herumlaufen wollen, wird dadurch wieder uneben und reicher gegliedert erscheinen," Dies mußte Knax mehrfach auseinandersetzen – doch die Lebensgenossen verstanden ihn dann allmählich und machten, wie er gesagt hatte. Und da wurde denn die Freude au f allen Ballons noch viel gr ößer, und Knax wurde gefeiert wie ein Retter und Erlöser. Und die Schildkr6ten, die jetzt unten schrecklich ruhig lebten, freuten sich auch.

Leider währte die Freude der Schildkröten nicht sehr lange, denn sie bemerkten bald, daß ihnen die riesigen Kraterballons, die durch all die neuen Auswuchsballons täglich größer wurden, die Aussicht in die große Sonne benahmen, so daß die Kröten überall im Schat- tcn liegen mußten. Man rief nach dem weisen Knax und setzte ihm die Unerträglichkeit der Schattenfülle auseinander. "Wir sind", sagten die Kröten, "an die Schattenfülle nicht ge- wöhnt; wir sind doch so konstruiert, daß wir Licht und Sonne zum philosophischen Nachdenken alle Tage brauchen. Mit der Nacht, die ja bislang auf unsrer Venushälfte noeh ganz unbekannt war, wissen wir nichts anzufangen. Darum sagen wir Dir, Knax, gib dem Schatten bald einen solchen Knax, daß alles Nachtartige verschwin- det. Sonst gehen wir alle an Lichtmangel zugrunde. Und das werdet Ihr doch nicht wollen." Knax kraute sich mit seinen zwanzig Händen hinter seinen sieben Ohren und rief wehklagend: "Wie soll ich das machen? Wie soll ich das machen? Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!" Er lief in eine Höhle und dachte wieder nach – und ihm fiel ein, daß man ja alle Ballons am Kraterrande zusammenbinden und in die Lüfte emporsteigen lassen könnte; durch längere Stricke ließ sich ja die Verbindung mit der Venushaut der Nahrungsaufnahme wegen leicht herstellen – auch wenn die Ballons ein paar Meilen hoch stiegen. Und siehe – bald stiegen sie auch ein paar Meilen hoch empor, Und da machte man denn neue BaHons über den Kratern und ließ diese neuen Ballons auch – bevölkert mit vielen Zwanzigarmigen – zum Himmel emporsteigen. Und da schwebten dann bald sehr sehr viele Ballons, die alle möglichen Formen annahmen, in den Venuslüften herum. Und die schildkrötenartigen Bewohner der Venusoberfläche freuten sich über die Belebung der Atmosphäre ebenso sehr wie die Zwanzigarmigen, die natürlich niemals runter fielen, da sie ja viel zu gut klettern konnten, "Jetzt sind alle Schatten weg!" sagten die dicken Faulen. "Und die unruhigen Geister auch!" fuhren sie fort, Knax aber ließ sich oben auf dem größten Ballon, aus dem nicht weniger als zweihundert keulenförmige Nebenballons herausge- wachsen waren, als Retter verehren und sagte dazu:

"Ja, ja, Ballonhautbewohner! Wenn man sich nicht zu helfen weiß, so ist man nicht sehr schlau. Im andern Falle aber ist man’s ganz bestimmt." Und die riesengroße Sonne mit ihren Protuberanzen machte die Wangen und die Hände des weisen Knax ganz braun – so heftig brannte sie hoch oben in der Venusluft. Glücklicherweise schadete aHen Venusbewohnern die große Hit- ze nicht im mindesten; in der Nähe einer Sonne ist man immer an die größte Hitze gewöhnt – alle Körper sind da so konstruiert, daß es gar nicht zu heiß werden kann.

Bilder von Paul Scheerbart

 


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Letzte Aktualisierung 21.09.10
durch Markus Feuerstack
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