Editorial

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Paul ScheerbartPaul Scheerbart
von Paul Scheerbart

Der heilige Hain

Asketensage

 

aus: „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!“
Ein Wunderfabelbuch

 

„Sei still!"

Die roten und gelben Rosen duften. Zwei Frauen wändein an dem Schwanenteiche vorüber und betreten den heiligen Hain, der mit seinem dichten hohen Blätterdache die großen Wunder­blumen beschattet Kühl ist der heilige Hain.

Tauperlen blitzen auf den großen weißen Lilien. Auch der dunkelgrüne Rasen ist unter den Morgenwolken feucht geworden. Die mächtigen Himmelsblüten wiegen sich sanft Die blaßroten Nelken wachsen neben den Würzelknollen der hohen Riesenbäume, deren dunkelgrüne Lau­bespracht den blauen Himmel mit seiner heißen Sonne nicht mehr ahnen läßt Die roten und gel­ben Rosen duften auch hier überall hinein in den milden Wohlgeruch der großen Wunderblumen.

In der Mitte des Haines plätschert in einem weißen Marmorbecken ein kleiner Springbrunnen. Weiße Marmorstufen führen auf allen Seiten zum hüpfenden perlenden Wasserstrahl, zu der klingenden Wanne hinauf. Die beiden Frauen, die vom Schwanenteiche herbeikamen, lassen sich schweigend nieder auf den weißen Stufen. Der Marmor ist kalt.

Feine purpurrote Gewänder schmiegen sich in unzähligen Falten um die schlanken Glieder der beiden Frauen. Goldblumen sind in den Saum des Purpurs gewirkt. Wo das glutrote Gewebe mit seiner Goldstickerei den grünen 'Rasen streift, da knospen duftende Rosen auf. Und die Frauen pflücken viele gelbe Rosenknospen, winden aus ihnen einen Kranz und schmücken mit dem gelben Blütenreif das dunkelbraune weiche Haar.

Neben den Riesenbäumen stehen ringsum im Kreise hoch auf schwarzen Sockeln Frauenbüsten mit seltsam denkenden Augen, mit braunen, gelben und schwarzen Haaren, mit ernstem Seelenantlitz, das einfach ruht in fester Stille. Um ' die Lippen spielt ein ewiges Sinnen, doch unbe­weglich scheint die beharrende Kraft selbstklarer Beschaulichkeit. In den heiligen Frauenbüsten, die den Hain ringsum in der Runde schützend umgeben und umgrenzen, lebt der Einklang einer ernsten Märchenwelt Die blauen Wunderblumen, die Rosen, Lilien und Nelken um­wuchern, umranken, umgarnen die schwarzen Sockel, sie blühen empor als Friedegedanken der heiligen Frauenseelen.

„Sei still!"

Der Hain ist kühl. Bunte schillernde Vögel fliegen auf den Rand des weißen Marmor­beckens, hüpfen auf dem weißen Stein umher, tauchen den Kopf in das kalte Wasser, trinken die Tropfen, die der Springquell plaudernd ver­sprüht...

Einfeiner Märchenduft weht aus den Blumen­kelchen, auf denen Schmetterlinge mit wunder­samen Farbenflügeln sich schaukeln und eifrig Honig saugen, zu den beiden Frauen hinüber, die schweigend auf den Marmorstufen sitzen und niederblicken in den wilden Garten zu ihren Füßen. Es sind so viele Falter auf die Knospen der Rosen, Lilien und Nelken geflattert, daß diese prunken - farbensatt und seltsam anzuschauen. Die blauen Wunderblüten thronen auf den hohen schwankenden Stauden wie die Köpfe der Kö­niginnen im fernen Indien. Im leisen Windegesurr glauben die Frauen geheimnisreich und sinn­voll bedeutsam die flüsternden Laute schmeichelnder Blumensprache zu vernehmen. Durch die Lüfte weht ein sanftes Säuseln.

Auf dem Teiche draußen ziehen langsam große Schwäne dahin, deren weiße Fittigpracht 'im Sonnenlichte glänzt. Doch die Sonne glüht nur da draußen in der ewig erregten Welt, der heilige Hain spendet erhabenen Frieden im küh­len Schatten. Es plaudert hüpfend und klingend die silberklare tausprühende springende Wasserquelle. Die sanften Augen der stillen Frauen­büsten schauen alle groß und träumerisch hin­über zu den Wellenringen der weißen Marmor­wanne.

„O, wann wird endlich die Zeit nahen, in der ich ruhig werden kann?"

„Wir sind Büßerinnen", erwiderte die ältere Schwester, sie schaute lange nachdenklich in die weitaufgeschlagenen Augen der einen Frauenbüste. Die Augen waren lichtbraun und milde;

gebannt wurde, wer ihren Glanz erblickte; sie schienen Alles festzuhalten und Alles zu besänftigen. Hellblondes Haar wellte sich einfach gescheitelt um die weiße Stirn und um die weißen Wangen. Die Nase war so schmal und fein gebaut, daß das Licht, wenn es von der Seite kam, durchschimmern konnte. Zart drückten sich die leicht geröteten Lippen an einander, und um die Mundwinkel schien zu spielen der Schmerz mit dem Glück, Entsagen mit Genießen; verhaltene Wonne war mit verhaltener Trauer das Antlitz verklä­rend zusammengewebt. Ein dunkelbraunes Ge­wand umhüllte Brust und Schulter bis zum schlanken Halse. Das länglich gebildete Haupt der heiligen Frau ragte steif in bewegend berüh­render Hoheit empor.

Die jüngere Schwester ließ ihre Blicke verwirrt umherirren, ihr ward wieder so heiß, sie nahm den gelben Knospenreif vom Kopfe, hielt ihn in der Hand auf dem Knie. Sie stieß leise die Schwester an und sprach rasch: „In der letzten Nacht war es so warm. Ich konnte nicht schlafen, mich verfolgten schreckliche Bilder. Jener Jüng­ling - Du weißt, er blickte mir damals so heiß ins Gesicht. Ich träumte wieder von ihm, seine Glie­der waren braun - seine Hand faßte mich an. Ach, Schwester, ich kann ihn nicht vergessen, und ich weiß nicht mehr, wann ich wieder ruhig werden kann. Ich bin so sinnlich."

„Sei still!"

Die bunten Schmetterlinge flatterten um das springende Wasser. Weiche Winde wehten durch den Hain, und die Blumen schaukelten. Die Tau-Ferien glitzerten und funkelten. Bienen summten vorüber.

„Sieh mit mir in das Antlitz jener heiligen Frau, ich will Dir erzählen von ihrem Leben, 'viel­leicht wirst Du ruhig, wenn Du mir aufmerksam zuhörst"

Die Ältere streichelte die weichen, dunkel­braunen Haare der unruhigen Schwester und legte behutsam den Arm um ihre Schulter. Beide schauten dann dicht an einander geschmiegt nach drüben, nach der stillen Büste hinüber.

„Sie hatte sich vermählt mit einem Manne, der so edel war wie sie selbst. Niemals war eine Frau eine glücklichere Gattin wie sie. Und ihr Gemahl war ihr bester Freund. Was sie dachten, das dach­ten sie zusammen; sie empfanden stets dasselbe zu gleicher Zeit. Sie fühlten niemals etwas allein. Beide waren sie ein einzig Wesen."

„Und sie fühlten eines Tages ein ganz neues Gefühl aufkeimen in ihrem Innern. Es war eine neue Sehnsucht, die bald größer ward als ihre Liebe, größer als alle bisher empfundenen Gefühle. Sie empfanden plötzlich den Druck einer Fessel. Die Begehrlichkeit war die Fessel. Und Sehnsucht nach Befreiung von dieser Fessel war der Kern des neuen Gefühls."

„Nun aber merkten sie bald, daß ihr Zusammenleben die Begehrlichkeit ihrer Wünsche steigerte. Sie jedoch wollten sich von der Allmacht der Wünsche befreien. Da sie nun alle Beide wunschlos zu werden strebten, so be­schlossen sie, sich zu trennen..... sie sagten sich, daß, wenn sie die Kraft ihrer Wünsche brechen wollten, daß sie dann zuerst den größten Wunsch in ihrer Brust vernichten müßten. Dieser größte Wünsch war aber ihre Sehnsucht, zusammen zu sein..... Und so schieden sie von einander. Sie gingen beide dahin, ihren eigenen Weg zu wandeln."

Die Blumen im heiligen Haine strömten aus berauschenden Duft, doch der war nicht glühend, blicht heiß. Kühl und frisch blieb der stille Hain, in dem unablässig das springende Wasser mur­melnd erklang - plaudernd von neuer wunschlo­ser Seligkeit

„Sieh' nur zu der stillen Frau hinüber. Sie begann durch die Welt zu wandern, als sie sich von ihrem Gatten getrennt hatte. Sie kam zu fremden Ländern und zu fremden Völkern, und überall predigte sie das hohe Lied von der ewigen Wunschlosigkeit"

„Bald nur ward sie traurig, da die Menschen ihren Worten nicht Glauben schenkten und trotz aller Mahnung nicht anders lebten als zuvor."

„Und einst sprach zu der hohen Frau in stiller Sternennacht hinter einem großen Tempel mit vielen Kuppeln ein alter Einsiedler; er meinte vor­nehmlich, daß ihr Wunsch, die Ändern zu bekeh­ren, doch auch nur ein Wünsch sei... Sie sah das bald schmerzlich ein und gab es von jener Nacht an auf, die Menschen zu bekehren."

Die ältere Schwester erhob sich, brach eine große blaue Wunderblume, eine weiße Lilie, eine rote und eine gelbe Rose und dazu eine rosafarbige Nelke, dann setzte sie sich wieder mit dem Blumenstrauß auf die weißen Marmorstufen und erzählte weiter:

„Unsere Heilige schloß Freundschaft mit dem alten Einsiedler. Indeß dieser erklärte bald, daß auch der Wünsch nach Freundschaft nur ein Wünsch sei, der überwunden werden wollte. Das veranlaßte sie, abermals in die weite Ferne zu ziehen."

„An einer plaudernden Quelle lebte sie darauf in stiller Einsamkeit Und die Einsamkeit tat ihr wohl. Nur regte sich dort der Wünsch nach der Heimat in ihr. Sie unterdrückte wohl das Heim­weh, indem sie auch in diesem Gefühl nur einen Wünsch erblickte, der unterdrückt werden mußte - doch blieb ein leises Sehnen zurück."

„Eines Tages besuchten vier Freundinnen die Einsiedelei. Die Vier hatten von dem heiligen Leben der großen Büßerin gehört, hatten ihr 'Vaterland, das auch das der großen Büßerin gewesen, verlassen und waren nun hingepilgert zu der Vielgefeierten, die nichts weiter wollte als wunschlos leben. Sie war freundlich, aber sehr still, und so kam es, daß die Freundinnen viel erzählten und vieles wissen wollten."

„Da begann der Wünsch nach ganz abge­schlossener Einsamkeit allmächtig in der Heiligen aufzukeimen; sie kämpfte gegen diesen großen Wünsch heftig an, doch er kam immer wieder und zehrte an ihr. Dieses fühlten die vier Freundinnen, und sie beschlossen alsbald, wieder nach Hause zu pilgern, da die Einsiedlerin beständig ihre Nähe zu meiden suchte. Wie sie jedoch Abschied nehmen wollten und ihren Entschluß kundtaten, da hat jene große Frau sanftmütig den Kopf geschüttelt und ist mit den Freundinnen, ohne sich weiter zu weigern, hierher gezogen."

„Die fünf Frauen haben hier am großen Teich unsere Einsiedelei erschaffen. Wir nennen sie, wie Du weißt, ,Die Heimat der Büßerinnen'."

„Jene haben gebüßt, um von allen ihren Wünschen befreit zu werden, und wir sollen das gleiche tun. Du zitterst, Schwester?"

Die jüngere Schwester seufzte, zitternd erwiderte sie: „Wie groß sind jene Frauen gewesen, und wie klein bin ich! Ich hatte nur Sehnsucht nach der sinnlichen Lust. 0 wie klein und verächt lieh bin ich! Sprich weiter, ich fühle, wie ich bei Deinen Worten immer ruhiger und ruhiger werde."

Die Freundin streichelte wieder das weiche dunkelbraune Haar der unruhigen Schwester und sprach leise, während sie mit der Rechten den Blumenstrauß emporhob:

„Siehe, diese Blumen haben die fünf Frauen, die diesen Hain zuerst sahen, aus jenem fernen Lande mitgebracht und hier angepflanzt. Diese fünf Blumen sollen Wünsche vorstellen, die gelbe Rose bedeutet die Sehnsucht nach Freundschaft, die rote - Liebessehnen. Hier die Lilie weist auf das Verlangen nach Ruhe hin, die blasse rosafar­bige Nelke ist ein Zeichen des Strebens nach großen Täten - diese blaue Wunderblume kündet die Begierde nach ewiger Einsamkeit, es ist die "Lieblingsblume jener Frau dort drüben, von der ich Dir so viel erzählte."

„Ach, wie klein ist dagegen der Wünsch nach der sinnlichen Lust, den ich hegte, der mich unruhig machte!"

„Wahrlich", sprach die Andre, „sehr verächtlich ist es, wenn Dich schon der Wünsch nach niedriger Lust nicht ruhen läßt. Gehe hin in Deine Klause! Faste dort! Nimm' den Strauß mit, der Dich an die großen Wünsche mahnen wird. Auch Du wirst lernen, was wunschlose Seligkeit bedeutet Jetzt lerne nur zunächst, wie verächtlich das Verlangen nach Wollust und Umarmung ist. Lebe wohl!"

Das junge Mädchen mit dem gelben Kranz und dem großen Strauße steht auf und geht langsam gesenkten Hauptes von dannen, das purpurrote Gewand schleppt zaudernd nach. Das Mädchen wandelt angestrengt denkend am Teich entlang, es sieht die weißen Schwäne nicht lachend an, wie sonst, es schreitet still empfindend seiner Klause zu. Ein ernstes Selbstvertrauen bemächtigt sich der schlanken Gestalt, und sanft erregt spricht sie zu sich selber:

„Ich werde Ruhe finden, ich werde jenen Frauen schon einst gleichen, und wenn ich fürchte, schwach zu werden, dann will ich einsam in den heiligen Hain flüchten und die heiligen Frauen wieder anschauen. Dir Blick wird mich stärken."

Und die Jungfrau lächelt, als sie mit ihrer Bußübung beginnt, mit großen Augen redet sie sich gläubig zu: „ Du, junge Büßerin, verzage nicht. Du bist schon wunschlos. Du bist es schon in dieser Stunde, Du wirst noch wunschloser werden."

Die ältere Schwester sitzt noch lange Zeit allein auf den weißen Mamorstufen. Sie schüttelt mit dem Kopf und zerpflückt in Gedanken die gelben Rosenknospen aus denen sie vorhin einen Kranz gewunden. Sie erinnert sich, daß nur die Sehnsucht nach Herzensfreundschaft sie veranlaßt hatte, den Kranz zu winden; sie wollte der jungen Schwester Freundin sein. Sie schüttelt den Kopf wiederum und vergißt den Wunsch. Wehmütig gedenkt sie noch ihrer alten Lehrerin, die oft so traurig von den Wünschen gesprochen. Alle Wünsche seien doch nicht zu töten, so hatte die alte Frau stets gelehrt. Vor Allem, sagte sie, müßte man sich vor spitzfindigen Grübeleien hüten. Es wäre natürlich auch nur ein Wunsch, wunschlos sein zu wollen - doch man dürfte nicht glauben, daß scherzhafte Wendungen an der Notwendigkeit der Wunschlosigkeit irgendwie rütteln könnten. Man sollte nur immer jeden Wunsch den man als solchen erkannt zu besiegen versuchen, dann würde schon alles Glückbringende folgen - so ward gelehrt den Büßerinnen. Die ältere Schwester stärkt sich noch einmal im Anblick der milden Frauenköpfe, sagt sich ernst, daß der Wunsch, eine Freundin zu besitzen, keine Kraft mehr für sie habe - und geht dann auch fort

Der heilige Hain lag bald einsam da. Voll Hoheit ragten' die Büsten der wunschlosen Frauen empor. Die Wunschblumen dufteten, der Springquell ward umflattert von Vögeln und Fal­tern. Die Blätter der Riesenbäume rauschten. Andachtsstimmung lagerte ringsum.

Es betrat niemals eine Büßerin diese geweihte Stätte - ohne gestärkt zu werden, ohne sich wunschlos zu fühlen.....

Wenn eine Büßerin sinnend auf den weißen Marmorstufen des stillen Haines rastet, dann schweben die Geister der heiligen Frauen herbei, stärken die Ringende, trösten die Verzagte - sie lenken die Herzen derer, die ihnen nahen, so leicht und sicher, als wenn der Wind die Wolken lenkt

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    Bilder von Paul Scheerbart


 

Die feine Haut

Sensible Waldgeschichte

aus: „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!“
Ein Wunderfabelbuch

Glühwürmer schwebten durch das geheimnisvolle Waldesdunkel. Die hohen Buchen rauschten leise. Welke Blätter fielen langsam in das weiche Moos. Fledermäuse flogen eilig vorüber. Hoch in den Kronen der Bäume saßen große Vögel; sie schlössen die Augen und schliefen ein.

Durch das säuselnde Waldesdunkel ging ein einsamer Wandrer in feinen weißen Gewändern schweigend dahin. Er tastete vorsichtig mit den Händen in die Luft, er konnte nicht sehen, wo ein Baumstamm im Wege stand, wo ein Zweig zu tief hing, wo ein Stein lag und wo's hinan ging einen Hügel hinauf.
Kein Schuh bedeckte die Füße des einsamen Wandrers im weißen Gewande, das sich wie ein Gespenst durch den dunklen Wald bewegte - wie ein Toter, der auferstanden.
Und die nackten Füße des Wandrers wurden mit Tautropfen bedeckt, die der Abendnebel sanft sprühend über das weiche Moos verwehte.
Der Wandrer bleibt vor einem leise murmelnden Bach stehen. Krähen fliegen aufgescheucht krächzend empor, sie haben sich erschrocken beim Anblick der weißen Gewänder.
Ein Glühwurm erleuchtet voll Mitleid den kleinen Bach, und der Wandrer schreit auf und setzt den Fuß eilig in das kühle Wasser...
Aber die Kieselsteine ritzen die feine Haut der Füße mitleidlos auf. Die nackten Füße bluten, und der weiße Mann eilt den Hügel hinan. Da schlagen ihm die Zweige heftig ins Gesicht, ein Spinngewebe bleibt ihm hängen im langen Haar. Mit der Stirn prallt der Arme gegen einen festen Ast, und die Hände reißt er sich wund an den harten Baumrinden. Über einen Maulwurfshügel stolpert der Wandrer und fällt.
Die Knie bluten ihm, die Hände bluten ihm, über das Gesicht rinnen die Blutstropfen. Die ganze Haut ist zerschrammt und schmerzt so furchtbar, daß der Gefallene klagend aufschreit und daß seine Klagen widerhallen im leise säuselnden Waldesdunkel. Aber der andrer im weißen Gewände darf nicht liegen bleiben. Er ist zum ewigen Wandern verdammt
Und es ist kein Lebendiger, der da blutend dahinschreitet wie ein Gespenst Ein Toter geht durch den Wald,
Er wandert dort durch die einsame Nacht zur Strafe für eine große Sünde.

Er hat einst, als er noch lebte, die Wesen, die er nicht liebte - verachtet Und nun werden diese Wesen, die er einst verachtet - gerächt. Er ist gezwungen, allnächtlich im Walde herumzuirren - wie ein Gespenst - als ein Toter, der auferstanden.
Und wieder stößt er an harte Steine, wieder schlagen ihm Zweige heftig ins Gesicht, wieder zerreißen ihm die Baumrinden die Hände, garstige Spinngewebe umnetzen sein Haar, und das Blut rieselt über die feine Haut, daß sie schmerzt überall, wie wenn sie mit Nadeln zerstochen würde. Mitleidige Glühwürmchen leuchten zuweilen wie gute Geister vor dem weißen Mann auf.
Aber die Eulen schreien, und das schmerzt in den Ohren des Wandrers, es schmerzt jedes fallende Blatt sein empfindliches Ohr. Und der Wald säuselt, und es klingt so wie klagende Laute, klingt wie:

„O verachte nicht!
0 verachte nicht,
Was der ewige Weltgeist erschaffen."

Der Wandrer hört es und leidet, er geht und geht durch das nächtige Dunkel immerfort. Und sein weißes Gewand ist voll Blut, und seine feine Haut schmerzt
Doch still ergeben in sein Schicksal ist, der da wandelt unter ewigen Qualen.
Er weiß, daß er leiden muß, wenn er wandern muß.
Seine feine Haut trägt die Schuld an Allem. Hätte der Arme keine feine Haut gehabt, so wäre dem sonst so Guten nie eingefallen, andre Wesen zu verachten.
Der Wald säuselt wie zur Beruhigung.
Nur die Eulen schreien so laut, und die Käfer zirpen immerfort, und die Steine sind so hart und die Baumäste so fest, und jeder Schritt bringt neuen Schmerz...
Und der Wandrer wandelt dahin und leidet -leidet ewig, wohin ihn auch führen mag - sein unendlicher Pfad.

   Bilder von Paul Scheerbart


 

Der Klare Kopf

Rosette

aus: „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!“
Ein Wunderfabelbuch

Leicht legt sich sein weißes Greisenhaupt an das dicke breite dunkelviolette Sammetpolster zurück. Die alte Hand des greisen Denkers streicht leise behutsam von der Stirn auf nach hinten über die weißen langen Haare. Die gelbe Haut des alten Gesichtes wird durch feine Falten langsam bewegt - allmählich lächelt das Antlitz.

„Immer wieder dasselbe denken", murmelt der alte Mann, und er lächelt dazu. Seine breite Brust hebt sich unter kräftigen Atemzügen. Seine beiden dicken gedrungenen Schenkel ruhen voll auf dem violetten Sammetpolster. Der Greis sitzt da ganz fest. Seine kräftigen Beine stehen mit den schweren Waden senkrecht auf dem Teppich wie zwei Säulen. Der schwarze lange Rock hängt faltig neben den schwarzen Beinkleidern herab. Und die weiße Halsbinde leuchtet oben. Die alte Hand streichelt jetzt das rasierte Kinn, das immerfort lächelt, indem es feine Falten zeigt Der ganze Kopf lächelt

Die grauen Augen glänzen, und es murmelt wieder der zahnlose Mund:

„Immer wieder dasselbe denken!"

Die hohe gelbe Stirn glättet sich dabei; sie liegt da eingebettet in den weißen Haaren auf dem violetten Sammetpolster...

„Welche seltsame Stimmung!"

Ruhig liegt Sonnenlicht drüben auf dem milden Christuskopfe. Das Gemach ist so freund­lich hell. Der Tisch mit der schwarzen Seiden­decke steht da ruhig und leer vor dem sitzenden Greise. Die violetten Sammetsessel am Fenster stehen, als wenn sie warteten auf hohen Besuch.

Und der Greis denkt wieder an seine Kindheit, in der die Welt so anders aussah.

„Es war damals Alles viel frischer. Ich glaube, damals dacht' ich wirklich täglich dasselbe. Ob ich das nicht wieder lernen kann? Es ist so klug, immer wieder dasselbe zu denken."

 

Still sitzt der Greis und denkt an ein fernes Land mit hohen Palmen, an einen Mann, der kniend zum Vater betet - der Greis denkt an ein Bild, das er in seiner Jugend zu Haus alle Tage sah, wenn er das Tischgebet sprechen sollte.

Das Bild steht jetzt wieder deutlich vor den glänzenden Augen des alten Denkers, der von jetzt ab nicht mehr Neues denken will. Jesus in Gethsemane steht da vor dem Alten. Der Erlöser trägt ein blaues langes Gewand, und links neben ihm ragen hohe schwankende Palmen in den Abendhimmel. Hinter diesen Palmen ist die Luft so paradiesisch bunt, wie auf den Glutgefilden von Tizians Gemälden.

Das Paradies liegt dort hinter den Palmen.

Und der Alte denkt immer wieder dasselbe. Er denkt an jenes Land, das ihm als Kind auf jenem heiligen Bild erschienen war

„Immer dasselbe denken!" mahnt sich der Alte, wie er merkt, daß seine Gedanken abschweifen wollen.

Und er denkt immer dasselbe.

Still sitzt der Greis auf dem violetten Sammetpolster. Noch immer ist das gelbe Greisenantlitz leicht zurückgelegt, eingebettet von den weißen Haaren. Der violette Sammet daneben ist sehr dunkel. Die breite Brust hebt sich unter der schwarzen Weste. Die Haltung des Alten bleibt immer dieselbe.....

Und der Greis denkt Neues nicht mehr aus. Sein altes Bild mit den Palmen und dem Paradies dahinter - das steht fest vor den alten Augen.

 

   Bilder von Paul Scheerbart


 

Eigensinn

Moralische Erzählung

aus: „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!“
Ein Wunderfabelbuch

Aus dem dunklen Himmelsblau hingen goldene lange dicke Ketten bis auf die Erde herab. Die Menschen kletterten an den Ketten empor.

 

„Warum kletterst Du nicht auch in den Himmel?"

 

„Wenn ihr alle hinaufklettern wollt, dann ist dort oben gar kein Himmel!"

 

„Du Schuft!"

 

Einige Menschen, die noch unten waren, ergriffen den frechen Buben, der nicht in den Himmel klettern wollte, schlugen ihn tot und warfen seinen Leichnam in den nächsten Fluß.

   Bilder von Paul Scheerbart


 

STERN—GESCHICHTEN
Zwei Weltenschöpfer

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


Sein Auge leuchtet wie tausend lichtsprühende Sonnen. Er sitzt auf seinem großen Weltensessel und träumt.
Seine Sterne drehen sich zu seiner Rechten und zu seiner Linken, sausen an seinen Knien vorüber, gehen in Schraubenlinien um seine Finger, bleiben still an seinem weißen Barte hängen, wandern langsam in kompliziertesten Kurven in die große Weite und leuchten alle so still wie Nachtlampen in einer Sommernacht.
Und er freut sich über seine stille, ruhige Weltenherde wie ein guter Hirt. " Sein helles Auge schweift in die Unendlichkeit.
Da ist ihm so, als lösten sich dort drüben im dunklen Hintergrunde ein paar Schleier los; es wird dort immer heller. Und plötzlich sieht er da hinten, weit hinter seinem Weltenraum den Kopf eines alten Freundes, der da drüben auch Stern—Welten schuf.
Die Weltenschöpfer grüßen sich.
Und der alte Freund zieht alle dunklen Schleier fort und zeigt, was er in den vielen Billionen Sternjahren gemacht hat.
Aber des Freundes Sternmeere sind nicht so ruhig. Da flackert's und flammt es. Die Sterne glühen in tausend Farben und zeigen die tollsten Formen — gleißende rissige Rüsselsterne winden sich zuckend um Diamantgebilde, Feuersäulen drehen sich wie Pfropfenzieher und flattern wie knallende Peitschen.
Die beiden Weltenschöpfer sehen sich lange die neuen Welten an; Jeder von ihnen schaut weit vorgebeugt zum Nachbar hinüber. Und während der Ruhige still seine Gedanken in der Vergangenheit spaziere» führt, jagt sie der Leidenschaftliche wild in die fernste Zukunft.
Sie fühlen, daß sie Beide anders sind, doch sie empfinden das nicht als etwas Störendes.
Sie nicken sich lächelnd zu.
Die Weltenschöpfer haben alle Nichts gemeinsam. Ihre Sterngebilde wissen das nicht; die Geschöpfe eines Schöpfers ahnen sich wie die Kinder eines Vaters.
Langsam fallen wieder die dunklen Schleier des Hintergrundes. : ,
Und die beiden Weltenschöpfer sind wieder allein; ihre Augen blitzen, daß ihre Sterne staunend hineinhorchen in die tiefen Raumgefilde.
Die Augen der Weltenschöpfer durchstrahlen ihr Reich;
sie wissen, daß sie nicht das ganze unendliche Weltenall durchdringeh und umspannen können.
Auch dieses Wissen stört sie nicht.
Unantastbar bleibt ihr seliger, ewiger Schöpferrausch.


Heisse Luft



»Wie wird mir?«.rief, der Stern Klixu.
Ihm wurde so merkwürdig — Alles dehnte sich in ihm, und es ging so'n großes Behagen durch seinen Leib.
Und die ganze Welt schien ihm immer schöner zu werden — so lustig.
»Wie wird mir?« rief der Stern Klixu.
Er war in eine andere Weltgegend gekommen — wo die Luft heiß ist.
Was doch die Luft macht!

   Bilder von Paul Scheerbart


 

Die Welt von Eisen

Ein großes Gebrumm

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Große Sternvölker brummen plötzlich.
Es sind große hohle eiserne Sterne, die da so brummen.
Eine Schauermär hat die eisernen Sternvölker grimmig gemacht — darum brummen sie.
Sie haben gehört — es ist kaum zu glauben —, viele Milliarden großer Blickmeilen von ihnen entfernt lebe auf einem kleinen Lehmklümpchen ein kleines Würmchen, das jetzt tatsächlich das Weltganze erfaßt habe — das ganze Weltganze — von oben bis unten und nach allen Seiten.
Dies Würmchen auf seinem Lehmklex!
Die eisernen Sternvölker brummen fürchterlich, daß es kaum anzuhören ist; die Büffelhorn— und die Schnecken—steme sind ganz besonders laut.
Und so weit weg soll das Würmchen sein!
Eine Schauermär!
Eine Blickmeile ist so weit, wie ein Strauß von tausend Muttersonnen für die scharfsichtigsten Sternaugen sichtbar ist.
Und das Würmchen ist viele Milliarden solcher Blickmeilen entfernt!
Die eisernen Sternvölker grunzen vor Wut — sie haben das Weltganze immer noch nicht erfaßt.
Und das Würmchen soll ihnen über sein?
Jetzt vernehmen sie — die Trichtersterne flüstern's ihnen zu —, daß das Würmchen zwei kleine Beinchen haben soll und auch mit schier unendlich großen Glaslinsen beim besten Willen nicht sichtbar zu machen ist.
Wie das die eisernen Sterne hören, müssen sie mordsmäßig lachen, daß der ganze Himmel dröhnt — als führten Billionen Glockensterne Krieg miteinander.
Es gehen doch noch lustige Geschichten in den Stemvölkern um.
Dieses Würmchen!
Dieses unsichtbare zweibeinige Würmchen!
Die eisernen Sternvölker brummen bald nicht mehr.
Späße bebrummt man nicht.

   Bilder von Paul Scheerbart


 

Der Radaubengel

Nihilisten — Ulk

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

Eben waren die guten Hofmeister vom Tode auferstanden und wünschten sich gemütlich guten Morgen — da schlug der Blitz in eine gesunde Eiche, und der Donner schüttelte alle Himmel.
Das war aber noch gar nichts, denn gleichzeitig stieg der nie besiegte General Hohnke aus seinem Grabe heraus und fing so fürchterlich über die Bedeutung der Freiheit zu reden an, daß die guten Hofmeister schleunigst wieder in ihr altes Grab krochen.
Hohnke jedoch schlug Alles kurz und klein — auch die sämtlichen Himmel.
»Freiheit!« brüllte er kanonenmäßig.
Dies Gebrüll war aber nicht mehr zu hören, denn die Himmel waren mit allem Zubehör nicht mehr am Leben — Hohnke stand im Nichts. • : —> '
Er wunderte sich mächtig — half ihm leider nichts.
Was weg ist, ist weg!
Nichts kann so viel zerstören wie das Freiheitsgebrüll — sämtliche Himmel mit allem Zubehör bringt es einfach um. •
Die Freiheit will <ben weiter nichts als — Nichts.
Hohnke! Du kannst mir leid tun! Wo bist Du jetzt?
Hohnke ist wohl auch nicht mehr am Leben.
0 Hohnke! General Hohnke!
Krebsrot
Ein Herren—Scherzo
Auf der großen Freitreppe stand einer — der besann sich plötzlich auf sich selbst.
Er betrachtete sich und sah, daß Alles an ihm krebsrot war. °
»Bin ich ein gekochter Krebs?«
Also kam's dem Besonnenen über die schmunzelnden Lippen.
»Gut!« fuhr er aber fort, »dann sollen Alle zu gekochten Krebsen werden!«
Und er ging hinauf in sein hohes Haus und wollte alle seine Freunde verwandeln.
Es gelang ihm aber nicht.

   Bilder von Paul Scheerbart


 

Das Knäblein

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!

»Ich weiß nichts«, sagte das Knäblein in der Badewanne.

»Das ist auch gar nicht nötig!« bemerkte die weise Mama.

»Ich will doch aber«, rief das Knäblein, »ein großer Mann werden.«

»Dann brauchst Du«, schrie krächzend das weise Welt­weib, »erst recht nichts zu wissen.«

»Dolle Welt!« murmelte das Knäblein.


   Bilder von Paul Scheerbart


 

Groß!

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!


Sechstausend Ellen lang und fast ebenso breit ist die große Kröte, auf der mein Palast erbaut wurde.
Vor vielen langen Jahren zog ich ein — m den Palast.
Und die Kröte wandelt nun mit mir durch die große, große Welt. .
Ob die Kröte was von mir weiß?
Ach! Die Kröte ist so groß.
Ich bin grausam klein dagegen.
Natürlich ist es eine Schildkröte — die Kröte, von der ich so viel spreche.
Wenn bloß diese Schildkröte ein wenig schneller gehen wollte. •
Ich möchte so gerne noch heute ans Ende der Welt gelangen — ans Ende!
Geh schneller, liebe Kröte! ,.
Ich möchte ja endlich mal die Größe der ganzen Welt begreifen — oder verstehen — fassen!
Aber wie soll ich das?
Ich kann ja doch nicht ans Ende kommen, denn es gibt ja kein Ende!
Geh schneller, liebe Kröte!
Sie will natürlich wieder nicht.
Was hilft mir da ihre Größe?
Alles wird immer größer — und es hilft uns Alles nichts.
Es nützt auch nichts, daß unser Durst immer größer wird!
Den Weltrand werden wir niemals an unsere Lippen setzen können.
Ich würde auch den Weltrand zerbeißen.
106
Geh schneller, liebe Kröte!
Nützen zwar tut es nichts — aber mir kommt dann — wenn Du Dich beeilst — wenigstens die Zeit nicht so maß—los groß vor.
Ach, du »liebe« Zeit!

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Letzte Aktualisierung 05.05.09
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